Chemie der Schotte.
23on Otto Corbach
Ergebnisse jahrelanger emsiger Forschungsarbeit im Rahmen der Staatlichen Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Dresden wurden kürzlich über engere Fachkreise hinaus bekannt und erregten allgemeines berechtigtes Aufsehen. Prm'e^or Neu- bauer, der für seine Verdienste mit dem Adlerschild ausgezeichnet wurde, vermochte ein Verfahren zu entwickeln, das den Ausblick eröffnet, binnen kurzem im Dienste der deutschen. Landwirtschaft jährlich bis zu einer Million Bodenproben wissenschaftlich zu untersuchen, um danach die Düngergaben zu bestimmen, die zur Erreichung größtmöglicher Ertragssteigerung notwendig wären.
Damit würde man sich bei uns einem Ziele nähern, das Justus von Liebig der Agri- kulturchemie vor 100 Jahren steckte. „Es wird eine Zeit kommen", schrieb er in seinem 1840 erschienenen epochemachenden Werke über die „Chemie in ihrer Anwendung auf Agrikultur und Physiologie", „wo man den Acker, wo man jede Pflanze, die man darauf erzielen will, mit dem ihr zukommenden Dünger versieht, den man in chemischen Fabriken bereitet, wo man nur dasjenige gibt, was der Pflanze zur Ernährung dient, ganz so, wie man jetzt mit einigen Granen Chinin das Fieber heilt, wo man sonst den Kranken eine Unze Holz nebenbei verschlucken ließ".
Wohl hatte der Mensch seit Jahrtausenden nach empirischen Erkenntnissen dem Boden wiederzugeben gesucht, was er ihm durch seine Ernten entnahm, bevor er die Laboratoriums-Geheimnisse der Natur entschleiern lernte. Die Kunst des Düngens war eine der Hauptvoraussetzungen der Entwicklung menschlicher Kultur, wo nicht Ströme wie der Nil, der Euphrat und Tigris, der Hoangho durch regelmäßige oder wenigstens häufige Ueberschwemmun- gen mit Schlammablagerungen für eine rechtzeitige Auffrischung des Ackerbodens sorgten. Sonst mußte mit den Böden immerzu gewechselt werden, kostnten Ansätze höherer Entwicklung mangels seßhafter Beharrlichkeit sich nur wenig entfalten. So viel, wenn auch nicht mehr, ist an der Begriffsbestimmung eines französischen Wissenschaftlers richtig: die Kultur sei „im wahrsten Sinne eine im Mist gewachsene Pflanze".
Lagerfeuer, erst recht Waldbrände, führten schon primitive Menschen zur Entdeckung des Düngerwertes der Asch e. 800 Jahre o. Chr. 'kamen die alten Römer darauf, gewachsene Pflanzensubstanz unterzupflügen, „Gründüngung" zu treiben. Wenig später kam die Verwendung des „Stalldüngers" auf. Nach Ablauf voimmehr als 1000 Jahren wird zum ersten Male von einem Chronisten die Verwendung von Meeresalgen, Tang und andern Seegewächsen als Dünger berichtet, eine Gewohnheit, die sich bei Küstenbewohnern Frankreichs und Italiens erhalten hat. Die Indianer Neuenglands zeigten den Vätern der künftigen Pan- kees, wie sie ihre Maisfelder mit Muscheln und kleinen Fischen düngen sollten. Indianischen Ursprungs, .nicht eine eigene Entdeckung des weißen Mannes, war auch das Wissen um den Düngerwert des Guano. Garcilaso de la Vega, der 1604 in seiner Schrift „Comentarios reales" zum ersten Male den Guano erwähnt, berichtete gleichzeitig, daß er im Jnkareich von altersher als Düngemittel verwandt wurde.
Noch vor 100 Jahren wußte man jedoch bitter wenig über die Vorgänge, die sich bei der Ernährung der Pflanzen abspielen. Kaum, daß man an= gefangen hatte, den Zusammenhängen und Entsprechungen zwischen organischen und anorganischen Verbindungen auf die Spur zu kommen. Noch 1838 konnte von einer illustren Akademie, derjenigen in Göttingen, die Preisfrage gestellt werden, „ob die sogenannten unorganischen Elemente, welche in der Asche der Pflanze gefunden werden, auch dann in den Pflanzen sich finden, wenn sie denselben von außen nicht geboten werden". Es war das letzte Aufflackern des Wunderglaubens, daß die Pflanzen die in ihnen enthaltenen Aschenbestandteile durch ihren Lebensprozeß erzeugen, wie ja auch erst seit Lavoisier langsam der Wahn im Schwinden war.
der das Verbrennen eines Körpers als Entweichen eines geheimnisvollen besonderen Wärmestoffes, „Phlogiston", auffaßte. v . . ,f
Es waren die. Wirkungen der „industriellen Revolution", die den Zwang mit sich brachten, wenigstens in den fortgeschritteneren Ländern Europas mit dem empirischen Schlendrian in der Kunst des Düngens aufzuräumen. Die Industrie schuf unbegrenzte Möglichkeiten einer Steigerung der Produktivkräfte, massenhafter Personen- oder Güterbewegung, fast ungehemmter Bevölkerungsvermehrung und -Verschiebung. Für die Landwirtschaft ergab sich aus dem Wettbewerb der Böden diesseits und jenseits des Atlantik ein Wettlauf zwischen europäischer Ertragssteigerung je Hektar und überseeischer je Arbeitskraft. Die weiträumigen Verhältnisse über See gestatteten es, vorhandene Fruchtbarkeit ohne Rücksicht auf örtliche Erschöpfung raubbaumäßig auszunützen. In küstennahen Gegenden Europas, mit dem Ausbau der Eisenbahnnetze auch weiter landeinwärts, konnten sich immer dichtere Menschenmassen in Städten zusammenballen, die großenteils durch Austausch von Fabrikaten gegen Lebensmittel aus Kolonialländern ernährt wurden. Aber nur England konnte es sich leisten, den eigenen Bauernstand dieser Entwicklung großenteils zu opfern. Auf dem Festlande blieben die Daseinsbedingungen der Volksgemeinschaften trotz aller Anstrengungen, mit England um überseeische Absatzmärkte für Jndustrie- erzeugnisse oder Rohstoff- und Nahrungsmittelquellen zu wetteifern, davon abhängig, auch die Möglichkeiten der inländischen Nahrungsbeschaffung zu steigern. Außer Schutzzöllen konnten da nur die Fortschritte auf dem Gebiete der Chemie nachhaltig helfen, zumal die Städte mit den Menschen, die sie an sich zogen, dem heimischen Acker, der sie mit ernähren half, zugleich deren Abfall raubten.
lieber See sparte man mit menschlichen und tierischen Arbeitskräften vermöge immer wirksamerer technischer Hilfsmittel, beutete dafür rücksichtslos die Fruchtbarkeit der Böden aus, als ob es sich um Bergbau handele. Der europäische Landwirt mußte in erster Linie mit Boden sparen, auf Brache verzichten, die früher durch Verwitterung erschöpften Boden wieder sich anreichern ließ: der Chemiker wurde fein Hauptbundesgenosse im Kampf ums Dasein, wie der überseeische Farmer vor allem vom Physiker und Mechaniker wissenschaftliche Hilfe erwartete. In Europa konnte die eigentliche Technik in der Landwirtschaft überseeischen Fortschritten nur in langem Abstande nachhinken, weil sie erst mühsam den kleinräumigen Verhältnissen angepaßt werden mußte, an die man gebunden blieb. Dafür suchte die chemische Wissenschaft von Anfang an in ihrer Anwendung auf die Landwirtschaft ihre Meisterschaft in der räumlichen Beschränkung.
Die Bedeutung des Ueberganges von empirischen zu wissenschaftlichen Verfahrungsweisen bei dem Kampfe um die Erhaltung und mögliche Steigerung der Fruchtbarkeit der Ackererde kann man noch heute nicht besser als mit Worten Liebigs kennzeichnen. „Wenn der Landwirt", heißt es in seinem oben erwähnten Hauptwerk, „ohne durch ein richtiges wissenschaftliches Prinzip geleitet zu sein, sich Versuchen hingibt, um einen Acker für eine Pflanze fruchtbar zu machen, die er sonst nicht trägt, so ist die Aussicht auf Erfolg nur gering. Tausende von Landwirten stellen ähnliche Versuche nach mannigfaltigen Richtungen an, deren Resultate zuletzt eine Anzahl von praktischen Erfahrungen umfaßt, die zusammen eine Methode der Kultur bilden, wodurch der gesuchte Zweck für eine gewisse Gegend erreicht wird. Allein die nämliche Methode schlägt für den nächsten Nachbarn schon fehl, sie hört aus, für eine zweite und dritte Gegend vorteilhaft zu sein. Welche Masse von Kraft und Kapital geht Über diese Experimente verloren! Wie ganz anders, wieviel sicherer ist der Weg, den d i e Wissenschaft befolgt! Er setzt uns, wenn wir ihn betreten, nicht der Gefahr des Mißlingens aus und gewährt uns alle Bürgschaften des Gewinns."
Liebig sah feiner Zeit weit voraus und wurde dadurch manchmal dazu verführt, die Schwierigkeiten zu unterschätzen, die sich ergaben, wenn es galt, die Ergebnisse seiner Forschungen oder diejenigen seiner zahlreichen unmittelbaren Schüler praktisch zu verwerten. Wenn er deswegen viel
unter dem Hohn kleingläubiger Praktiker und mancher gelehrter Neidhammel zu leiden hatte, so gab die Entwicklung ihm doch auf weite Sicht meist recht. Zwar mußten Forscher auf benachbarten wissenschaftlichen Gebieten oft helfend einspringen, um der Agrikulturchemie über Hindernisse hinweg-, gelegentlich auch aus einer Sackgasse herauszuhelfen. Die' Erforschung der Kleinlebewesen im Humus gehörte streng genommen in das Gebiet der Zoologie und der Botanik, aber sie löste erst das Rätsel, das Chemikern viel Kopfzerbrechen machte, wie in manchen Ackerböden eine meßbare Anreicherung von gebundenem Stickstoff vor sich gehen konnte, der auf unerklärbare Weise der im Boden verteilten Luft entnommen sein mußte.f Bakterien und Pilze entpuppten sich als die Zauberer, die dem menschlichen Erfindungsgeist auf solche Weise beispielgebend oorgearbeitet hatten: wie sich bald herausstellte, nicht umsonst.
Längst hatte Chilesalpeter einspringen müssen, dem Stickstoffhunger wachsender Getreideanbauflächen zu genügen. 1898 wies der englische Chemiker Sir William C r o o f e s warnend darauf hin, daß die Kulturwelt einer Hungerkatastrophe entgegenginge, wenn es nicht gelinge, Stickstoff aus der Luft zu gewinnen, bevor die Salpeterfelder von Chile aufhören würden, den wachsenden Weltbedarf zu decken. In Deutschland trat dieser Fall praktisch bei Ausbruch dös großen Krieges ein, der die Salpeterzufuhr aus Chile drosselte. Die Synthese des Stickstoffes der Lust mit dem Wasserstoff des Wassers zu Ammoniak war aberderdeutschen Wissenschaft schon gelungen, und die praktische Durchführung des Haber - Basch - Verfahre n s unmittelbar nach Kriegsausbruch wurde allen Anforderungen sowohl der Munitionsbeschaffung wie der Stickstoffdüngung gerecht.
Wenn sich die Erträge deutscher Aecker zwischen 1880/1884 und 1930/1934 bei Weizen um 70 v. H., bei Roggen um 82 v. H., bei Kartoffeln um volle 100 v. H- ft e i ge r n konnten, so darf man dabei gewiß auch den Anteil der Pflanzenzüchter nicht übersehen. Die chemische Wissenschaft bleibt aber die Königin landwirtschaftlichen Fortschritts; denn schließlich sind Pflanze und Ackerkrume selbst chemische Laboratorien, und der Ehrgeiz der modernen Chemie führt nichts Geringeres im Schilde, als die Zauberei der Natur in ihren Laboratorien nicht
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nur nachzuahmen, sondern noch zu übertrumpfen. Schon gibt es synthetische Nährpräparate und Zusatzfuttermittel, die die Wege aufzeigen, auf binen die landwirtschaftliche Erzeugung wesentlich entlastet werden kann. Gewiß wird sich niemand leicht überreden lassen, chemische Pillen in seinen täglichen Speisezettel aufzunehmen, und ein gesundes Mißtrauen mag nach wie vor gegenüber unmittelbarer Einmischung chemischer Wissenschaftler in menschliche Ernährungsgewohnheiten am Platze sein. Um so dankbarer wird jeder anerkennen, wieviel Ackerboden durch die synthetische Farbengewin-- n u n g für die Zwecke menschlicher Ernährung frei- gesetzt wurde und wieviel sich in dieser Hinsicht von den Fortschritten synthetischer F e 11 g e w i n - nung für industrielle Zwecke erwarten läßt.
Am „Weißen Tisch" wird Frankreichs Politik gemacht. Interpress Copyrighb23erid}f von Armand Galateau.
Paris, im April.
Die Vollmachts-Gesetze sündie Regierung Daladier haben die Tätigkeit des französischen Parlament erheblich eingeschränkt. Doch hieße es Frankr^h schlecht kennen, wollte man deswegen annehmen, daß damit das Spiel der Parteiführer-Cliquen um Einfluß auf die Regierungsgeschäfte aufgehört hätte. Es hat sich nur ein anderes Terrain ausgesucht. Die Parlamentarier und Politiker, die seit Jahren die eigentlichen Manager sind, treffen sich doch fast täglich. Nicht in Partei- und Fraktionsversammlungen, hitzigen Plenar- und schläfrigen Kommissions-Sitzungen, sondern einfach — imRestaurant.
Es entspricht der Freude des Franzosen an Tafelgenüssen, daß die ausgedehnten, opulenten Mahlzeiten im Leben des Parlamentariers eine bedeutende Rolle ein nehmen. Das gemeinsame Verständnis für die Qualitäten eines zarten Lammsteaks oder einer raffiniert au&getüfftelten Sauce Berrichone bringt auch politische Gegner einander menschlich näher. Diese Erfahrung haben sich die großen Künstler der schwierigen Partei-Kompromisse oder gewagtester politischer Manöver stets zu Nutze gemacht. Und so kommt es, daß die Auserwählten des Volkes, namentlich die, deren Stimme bei wichtigen Entscheidungen nicht nur zählt, sondern auch wiegt, neben den zahlreichen offiziellen Diners und Banketten oft genug zu vertraulichen, lang ausgedehnten Dejeuners zusammenkreffen, wo zwischen Fisch und Braten, weißem Bordeaux und rotem Burgunder oft die schicksalsschwersten Entscheidungen getroffen werden. Vor allem dann, wenn außerparlamentarische Kräfte, Diplomatie und Finanz, Interessengruppen und ähnliche ein Wort mitzu- reden habep.
Und so rönnen wir dann von Zeit zu Zeit in irgendeinem Pariser Oppositionsblatt die sensationell aufgemachte Enthüllung lesen, diese und jene Politiker hätten sich wieder einmal in einem „Restaurant a m P l a c e Gaillon" getroffen und dabei allerlei „ausgeheckt". Das ist meistens sogar wahr — nur sensationell ist es nicht. Der Platz
Gaillon, ein kleiner, stiller, nur zu den Zeiten der Dejeuners und Diners van einer Ueberfülle eleganter Autos gefährlich belebter Platz innerhalb der engen Gassen des alten Paris zwischen den Grands Boulevards und dem Palais Royal gelegen, weist eine kleine Kutscherkneipe und zwei elegante 'Restaurants auf. Das eine, geheimnisvoll pompös und vornehm düster, sehr „pariserisch" wirkend, wird oft von Fremden ausgesucht, die Haffen, dort bekannte Persönlichkeiten aus der Nähe beobachten zu können — statt dessen aber nur eine übertrieben hohe Rechnung zu Gesicht bekommen. Die „großen Männer" tafeln inzwischen stillvergnügt in dem anderen, und das ist einfach „Drouant", das weltberühmte Restaurant Drouant. Ein geräumiges, Helles Restaurant, dessen Interieur auf goldgelb und blau gestimmt ist, gelber Plüschteppich, Gardinen in Altgold, das Gefunkel von Silber und Kristall vermitteln gleich beim Eintreten die festliche Atmosphäre des Hauses. Eine kleine Eß-Bar für Fischspezialitäten, Muscheln und Austern, kalten Hummer ">id gebratene See-Igel ist dem großen Saal zwanglos vorgelagert. Das Haus hat natürlich seine eigene Wein-Kellerei und serviert — von ein paar bekannten Champagnermarken abgesehen — nur seine eigenen Weine. Seine Küche ist selbst für Paris be- rühmt, und wenn auch die Hors d'Oeuvre-Spezia- listen die 137 verschiedenen Vorspeisen des „Casö de Paris" vorziehen, und die Austernkenner lieber zu „Prunier" hinter der „Place de la Concorde" pilgern — die berühmten Enten-Küken in Drangen- Sauce, die „Danetons Nantais a f orange" ißt man nirgends so gut wie bei Drouant.
Die Politiker bekömmt man allerdings nur im Vorbeigehen zu sehen, sie tafeln in den reservierten Salons des ersten Stocks. Laval ist oft dort zu sehen und der frühere Kammerpräsident Bouis - s o n , F l a n d i n und der Ex-Senator Regnier. Auch die Verschwörer der „Cagoulards" hatten dort eine Zeitlang ihr Hauptquartier, der General Düsse i g n e u r, der Herzog Pozzo di Borgo und ihre Helfer und Hintermänner. Als erwähnenswerte
Der Tod Heinrichs I.
Eine geschichtliche Miniatur
von Wilhelm von Scholz.
Die Glocken des Benediktinerklosters Memleben an der Unstrut »hallen in die helle Sonne eines heißen Julivormittags. Außer diesem auf- und ab-- schwingenden Ton ist kein Lebenszeichen in der über die Baumwipfel sich erhebenden Dächer- und Gebäudegruppe zu bemerken: kein Rauch steigt auf, niemand zeigt sich an den Fenstern, das Tor über dem Auffahrtsweg bleibt geschlossen. Weder in den eigentlichen Klostergebäuden, noch im Wirtschaftshof, noch in dem Fachwerkhaus, das als eine Art kleiner königlicher Sommerpfalz an den Konvent angebaut ist, läßt sich wie sonst der Arbeitstag vernehmen. Alles ist still, nur die Glocke schwingt.
Da und dort hebt ein Bauer, der im Felde schafft, den Kops und verwundert sich des frühen Läutens, vermeint, daß er sich mit der Zeit geirrt haben 'Nüsse, weil es nun schon Mittag sei — gewahrt aber bald, daß der Turm des Klosters heute nicht endet mit seinem Schall und dies Geläut wohl anderes bedeuten müsse als die Mahnung zu Rast und Gebet oder Speise und Trank.
Von den Bauern, die so — weit in den sonnigen Fluren verstreut und einander nicht sehend — auf: horchen, weiß auch mancher, daß der König Heinrich, geleitet von seinem Sohn Otto, von Erfurt über Eckartsberg herkommend, erst vor wenigen Tagen im Kloster eingekehrt ist, und daß es geheißen habe, er sei krank und könne die Fahrt nach Quedlinburg in seine Pfalz nicht fortsetzen.
Die diese Nachricht vernommen, erschrecken über das schwingende Geläut, nehmen die schmutzige Kappe ab und sprechen ein Vaterunser. Aber sie wagen es noch nicht zu denken, was der Turm am weißwolkigen Himmelsrand drüben dem Lande ringsum vielleicht zuruft, weil sie davor zittern. Denn wenn es märe, dann möchte dem Klang der Glocke bald das Lärmen der Trommeln und Trompeten folgen, Kriegsnot und Elend für den Bauern hereinbrechen, die des mächtigen Heinrichs Hand gebändigt. Auf solchen gewaltigen Mannes Tod lauern die medergezwungenen Unholde lange schon, um wieder hervorzubrechcn: denn sie wissen, daß auch er sterblich ist.
Immer noch hallt die Glocke über das Land. Im Innern der Mauern bebt sie dunkel, tief und voll in ein verhangenes Gemach, in dem ein König von achtzehn schweren Herrschaftsjahren zum ersten'Male ausruht.
Priester sind im Gemach und beten, Weihrauch steigt auf, Diener knien. Zu Füßen des Bettes, aber
nicht nahe, so daß er alles überblickt, steht der künf- tige König: Otto, der, als sein.Vater ihn in Erfurt den Fürsten oorsteltte und für ihn um die Krone warb, als die Mächtigen des Reichs ihn zum Nachfolger Heinrichs bestimmten, mit seinen vierundzwanzig Jahren noch ein bescheiden errötender, höflich lächelnder Jüngling war, der sich über die ihm gewordene Ehre kindlich freute.
Otto war wie von unsichtbarer Hand an derSchul- ter gepackt, wie von einem Blitzschlag im Geiste angerührt dagestanden, als der Leibarzt des Königs Fahrt hier in Memleben hast geboten hatte und den fragenden Königsfahn wortlos auf das Aussehen Heinrichs hinwies, der, nachdem man ihn in das stets für ihn bereitgehaltene Gemach geführt, geschlossenen Auges auf sein Lager gesunken war. Es donnerte um Otto, und der Boden bebte unter ihm, als der Arzt zur Seite trat und den dem König befreundeten Abt mit dem heiligen Salböl an das Bett des Sterbenden ließ.
Für Otto war alles zu rasch gekommen. Er hatte die Bedeutung der Erfurter Wahltagung noch kaum erfaßt. Er lebte gemäß seiner Jugend im Augenblick und dachte vor allem an das Nächste: Heimritt, Edgitha, die Kinder, und wie er seines Bruders Heinz über die Wahl sicher gekränktes Herz wieder versöhnen wollte. Jetzt war das alles wesenslos vor dem, was er vielleicht in der anbrechenden Stunde schon beschließen, befehlen, anordnen, tun mußte. Jetzt, während er dem Gebetsmurmeln der Priester lauschte, suchte er in seinem Gedächtnis zusammen, was alles ihm fein Vater, schwer und langsam sprechend, auf der Fahrt über den Königsberuf und über die bei jedem Thronwechsel drohenden Gefahren gesagt.
„oie haben früher", hatte der königliche Vater vorgebracht, „geteilt und geteilt. Die Arbeit meines gebens war Zusammenbringen. Das sollst du fort- >e»em Du wirst jnie ich zugleich deutscher König und Herzog von Sachsen fein. Das Herzogtum wird , .Grundmacht dienen, auf die du dich auch als König stützen kannst. Aber mach dein Herzogtum nie groß auf Kosten des Reichs! Schafie, wenn
• tre5 oermagft, die Königsmacht so stark, daß sie vielleicht einmal kein Herzogtum mehr braucht, und übergib he, menn du dich alt und krank fühlst wie ich, dem Würdigsten. Besten? Deinem Sobne nur wenn du wie ich weißt; daß er der Tüchtigste, Beste
Als der Vater das sagte, hatte er einen feuchten Manz in feinen ernsten Augen gehabt und hatte seinem ^vohne die Hand aus dem Wagen hinaus gereicht: denn Heinrich wußte, welches Schwere und Große damit auf die jugendlichen Schultern qcleq« ward. Otto wußte es. nityt.
Heinrich hatte noch manche kluge Lehre, wie sie ihm so aus seinen Erfahrungen einfiel, dem Sohne gegeben, hatte ihm alle die Mächte ge’nannt, die er, Heinrich,, niedergezwungen: die alle nun erproben würden, ob nicht die Hand weniger fest märe, die sie hielt, das Schwert weniger rasch und scharf, dessen sie sich zu versehen hatten. Die Slawen, die alten Feinde jenseits der Elbe, hatte er genannt; die Ungarn, und an denen wie an den Slawen gepriesen, daß sie offenbare Feinde seien, gefährlich, aber zu erkennen. Schließlich hatte er den Sohn vor den Ränken machtlüsterner Herzöge und Fürsten im Reiche selbst gewarnt, vor denen er sich noch viel mehr hüten müsse. Mit fühlbarem Schmerz hatte der König von seinem jüngeren Sohne Heinrich gesprochen und sich von Otto geloben lassen, daß er über dieses Sohnes Haupt und Leben, was auch kommen möge, eine schützende Hand halten werde.
Dann hatte er wehmütig gelächelt: „Du bist ein Träumer, Otto! Warst es schon als kleiner Bub. Wie oft hast du deiner Mutter und mir seltsame Mären erzählt, die du erlebt haben walltest, Kämpfe mit Drachen und Riesen, daß deine Augen leuchteten und deine Wangen rot wurden! Aber wenn du König bist, darfst du kein Träumer mehr fein!"
Otto überdachte das alles wieder, während der Abt salbte, der Weihrauch wölkte, die Priester beteten, und suchte in diesen Gesprächen nach einem Wort des Vaters, das ihm von der Pflicht in der nächsten Stunde gesprochen hätte: was gleich zu hin fei, wenn der König verschieden. Aber darüber fand er kein Wort des Kranken, der nur von einer Zeit nach seinem Tode sprach, zu der Otto schon weithin herrschen und das Szepter halten würde.
Otto fühlte mit heißem Schmerz, daß er seinen Vater mehr liebte, als er zu dessen gesunden Zeiten je gewußt hatte, daß er plötzlich mit dem Vater verbunden war wie mit niemandem auf der Erde — Edgitha nicht, seinen Kindern nicht, seiner Mutter nicht und keinem Freunde! Er erschien sich selbst wie der Schatten seines Vaters und trug die Gewißheit in sich, daß der Vater immer wie lebend neben ihm, dem Sohne, sein werde, daß er des Vaters Wollen und Werk fortzusetzen habe, als ob Heinrich in ihn, Otto, eingegangen fei. Otto sucht» 'n sich den Ton von seines Vaters Stimme und fand ihn endlich wie einen Trost. Dabei sah er sich schon groß ausschreiten über Deutschland und die bewohnte Erde und träumte, wie er nach Jahrzehnten, die ihm Nebel verbarg, mit (einen eroberten Kronen in dieses entlegene Dorf und Kloster zu- ruckkchrte, als fände er hier noch immer den ge« lebten Vater und als locke er nun ein Lächeln der Tn rfenmmg, dxr Zustimmung auf die verehrten Zuge.
Die Delung," die der Abt an dem Bewußtlosen begonnen, ward eben an dem Toten beendet, dessen Hinweggehen von Thron und Reich heimlich geschehen mar und in einer Stille, die schon jenseits der Erinnerung an das Leben lag. Das Werk, das jeder Herrscher — ja jeder Mensch — unvollendet verlassen muß, mar nicht mehr vor dem überdunkelten Auge des Sterbenden gewesen, auch in seinem Herzen nicht die Hoffnung und Gewißheit, die er all seine männlichen Jahre hindurch gehegt: in seiner Todesstunde einzugehen in ein himmlisches Königreich; auch die Furcht nicht, um unwissentlicher Sünder oder unausweichbarer Härten seines Amtes gegen Feinde von dem höchsten König gerichtet zst werden; auch die Liebe nicht mehr zu seinem Nächsten. Nur Frieden.
Zeitschriften.
— Das Aprilheft der „Deutschen Rundschau" erhält seine besondere Note durch seine Erinnerung an die Uebernahme der Schriftleitung durch Rudolf Pechel vor nunmehr 20 Jahren. Man darf rückblickend dem Herausgeber gerne dankbar bestätigen, daß seine Zeitschrift, die zwei Jahrzehnte hindurch mutig und unbefangen für deutsche Art gekämpft hat. Bei aller Vielseitigkeit des Inhalts, der Politik und Wirtschaft, Kunst, Geisteswissenschaften und Literatur in hochstehenden Beiträgen gleichmäßig berücksichtigt, ist immer die einheitliche Linie bewunderungswürdig, die der „Deutschen Rundschau" ihre Geschlossenheit und ihr besonderes Gesicht geben. In dem neuen Heft spricht der ehemalige Preiskommissar und Oberbürgermeister Goerdeler in seinem Aussatz über englische Währungssorgen, über fundamentale Grundsätze jeder Währungspolitik. Einen interessanten Rückblick bietet der Aufiatz „25 Jahre deutsches Kohle-Benzin". Don Napoleons Kontinentalsperre als Anregung zum Entstehen einer deutschen Nationalwirtschaft spricht der Breslauer Professor Günther Schmölders. Einen der ersten modernen politischen Propagandisten, Friedrich Gentz, schildert H. M. Petersen. In bebilderten Aufsätzen gibt Bettina Seipp Eindrücke aus dem unbekannten Sizilien und Professor F. A. Kauffmann eine reizvolle Impression der kleinen Eva des Michelangelo. Paul Fechters philosophische Betrachtungen über die Praxis der Geschichte sind ebenso anregend wie die vielseitige „Rundschau" des Herausgebers. Der eben zu Ende geführte Roman von Willi Kramp „Fischer von Lissau" erhält durch die Rückkehr des Memellandes ungewollt aktuelle Bedeutung. Verlag Philipp Reclam jun. in Leipzig, Preis je Hest


