Ausgabe 
21.10.1939
 
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hinwieder sieht er sich in den Romanen, NooelleiL unb Dramen aus der Gegenwart mit den tiefsten. Fragen der völkischen Gemeinschaft beschäftigt, int Innersten bewegt fühlt er sich sodann durch eine ihres- Adels würdige Gedankenlyrik angesprochen, und nicht: ohne Bewunderung und wohl gar Ehrfurcht lernt er schließlich die Grundlagen einer Philosophie der' Gegenwart kennen und begreifen, die, in vielen poli­tischen Reden und Aufsätzen sich zu breitester Wir­kung enfaltend, beiträgt zum weltanschaulichen Auf- bau der deutschen Zukunft. Schon die zwei bisher* vorliegenden Bände sind dazu angetan, Herz unb Sinne zu fesseln und von der Schönheit und dem. Reichtum des zu erwartenden Gesamtwerts zu über» zeugen. Die Chronik des Meisters Pausewang, 61* uns in der kraftvollen Sprache vergangener Jahr« Hunderte in die Welt des Dreißigjährigen Krieger- versetzt und uns zutiefst mit der gotterfüllten In­nerlichkeit der Zeit Jakob Böhmes umfängt, gehört: zu den gemütsreichsten Werken Kolbenheyers. 3n Amor Dei" steht ihr das kampfbewegte SchauspieL des abtrünnigen Spinoza zur Seite, jenes Rene« gaten, der im Jahrhundert Rembrandts sich inmitten: des Erkenntnisstreites der übermächtig werdenden: rationalistischen' Geistesbewegung um den Frieden: seiner Seele verzehrt. Unmittelbar aus der Gegen­wart geschöpft ist hingegen der RomanMont- saloasch", die Geschichte eines jungen Menschen, der die Ehe und den Segen des Kindes wider die Un­natur seiner Zeit zu verteidigen sucht. In dem Ro­manDas Lächeln der Penaten" erfährt ein um die Vollendung seines Werkes ringender Künstler das Glück der Liebe und die heilende Kraft der ehe­lichen Gemeinschaft.

Ernst von Salomon: Die Kadetten. Doltsausgabe. Leinen 3,75 RM. C. Bertelsmann, Verlag, Gütersloh. Jene Zeit, hart unb schön, bitter unb -köstlich ist hier gestaltet, da hinter den roten Mauern preußischer Kadettenanstalten der Instruk­tion soffizier noch seinen jüngsten Zöglingen sagen konnte: Meine Herren, Sie sind hier, um sterben zu lernen! Und über diesen damals Elfjährigen reckt sich bald schon der Schatten des Großen Krieges. So wachsen sie in Karlsruhe unb Lichterfelde unter Drill unb kargen Freuden, jungenhaften Streichen und verdienten Strafen, unter der Leitung präch- tiger Erzieher in jene spartanisch nüchterne Welt hinein, wo unsichtbar hinter jedem Befehl und jedem Hangriff hundertjährige Tradition steht, Vier Jahre der eigenen Kadettenzeit hat v. Salo­mon in frohen, grellbunten Farben, wie es des Königs Rock gewesen ist, gezeichnet. Ein stolzes, verpflichtendes Bekenntnis zum ewigen Preußen­tum.

in Volksdeutscher Gebiet und werden dort sowohl dem Mütterdienst für seine Kurse zur Verfügung gestellt, als auch an bedürftige Familien, die sich kein Säuglingskörbchen anschaffen können, ausge« liehen. Die Arbeitsabende finden für alle vier Ortsgruppen zusammen statt.

Blumenschmuck-Wettbewerb- preisverteiluna.

Der Fremdenverkehrsverein Gießen Hot auch in diesem Jahr wieder einen Blumenschmuckwettbewerb durchgeführt, zu dem zahlreiche Frauen ihre ge­schmückten Fenster, Balkone, Vorgärten usw. an­gemeldet hatten. Am kommenden Montag findet nun die Preisverteilung statt, nachdem Universitäts- Garteninspektor i. R. Rehnelt den gemeldeten Blumenschmuck einer kritischen Beurteilung unter­zogen hatte. Mit besonderer Freude konnte fest- gestellt werden, daß, wie schon in den Jahren bis­her, das Ostmarkenoiertel was den Blumen­schmuck anbetrifft der schönste Stadtteil gewor­den ist, in dem eine Familie die andere im Hinblick auf den Blumenschmuck übertreffen will. In einem großzügig geschaffenen Blumenschmuck prangte auch die Bleidornkaserne. Roch viele Häuser unserer Stadt zeigten sich während der Sommermonate in bunter Blumenpracht. Aus Anlaß der guten Er­gebnisses, das - der Blumenschmuckwettbewerb zei­tigte, hat man sich an zuständiger Stelle ent­schlossen, eine erhöhte Anzahl Preise zu verteilen und außerdem einige Sonderpreise für besondere Bemühungen zu vergeben. Zur Preisverteilung, die rm Stadthaus Gartenstraße stattfindet, wird Bei­geordneter Nicolaus eine Ansprache halten.

Gießener Wochenmarklpreife

Gießen, 21. Oft. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 RM., Matte 25 bis 50 Rpf., Käse, das Stück 5 bis 10, deutsche Gier, Klasse S 13, A 12^, B 12, C 11K, D 10^, Wirsing, kg 5 bis 7, Weißkraut 4 bis 5, Rotkraut 6 bis 8, gelbe Rüben 7 bis 8, rote Rüben 8 bis 10, Spinat 20, Römischkohl 8 bis 10, Unten kohlrabi 6 bis 8, Rosenkohl 15 bis 30, Feldsalat, Vio 10 bis 12, Tomaten, % kg 10 bis 20, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 35 bis 60, Kürbis 6 bis 8, Kartoffeln, kg 4 Rpf., 5 kg 40 Rpf., 50 kg 3,25 bis 3,45 RM., Aepfel, Vi kg 10 bis 25 Rpf., Birnen 10 bis 25, Zwetfchen 10 bis 12, Nüsse 40, Blumen­kohl 10 bis 60, Salat 5 bis 8, Salatgurken 10 bis 25, Einmachgurken 3, Endivien 8 bis 10, Oberkohlrabi 5 bis 8, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Sellerie 10 bis 30, Radieschen, das Bündel 8 bis 10, Pfir­siche, kg 12 bis 15 Rpf.

** Eine Fünfundsiebzigjährige. Am morgigen Sonntag, 22. Oktober, kann Frau Johanna Peil Wwe., geb. Sand, Frankfurter Straße 129, ihren 75. Geburtstag feiern. (Wir beglückwünschen!) ' *= Kohlenbezug. Die Kohlenarbeitsgemein- schalt für den Kreis Gießen macht Kohlenhändler und Verbraucher auf die Abholung. Ausfüllung und Ein­reichung von Kundenlisten aufmerksam.

** Fleisch- und Fett-Bestellscheine a b g e b e n ! Die Fleischer-Innung für Stadt und Kreis Gießen macht heute darauf aufmerksam, daß die neuen Fleisch- und Fett-Bestellscheine bis späte­stens Dienstag, 24. Oktober, in den Metzgereien ab­zugeben sind.

Strafkammer Gießen.

Der W. Sch. in Gießen war beschuldigt, in fünf Fällen mit Personen unter 14 Jahren unzüchtige Handlungen vorgenommen zu hüben. Der Ange­klagte war geständig. Nach dem Sachverständigen­gutachten ist er hochgradig schwachsinnig und für sein Tun nicht verantwortlich. Dem Antrag des Anklagevertreters entsprechend wurde die Unterbrin­gung des Angeklagten in eine Heil- oder Pflege­anstalt an geordnet.

b-»r 'Vfohoffion

Wunschkonzert. Teilen Sie die Anschrift des Sol­daten dem Reichssender Frankfurt a. M. mit, schicken Sie gleichzeitig einen Betrag von 2. oder 3, RM. an den Reichssender Frankfurt a M. ab und bitten Sie in einem Begleitschreiben, den Gruß bei der nächsten Gelegenheit durch den Rundfunk an den Soldaten zu übermitteln. ______________

Geschäftsfrauen in der Heimaifroni.

Die Kriegszeit reiht das hot schon der Welt* krieg gezeigt auf vielfache Weife die Frauen in die wirtschaftliche Front ein. In diesem Teil der Heimatfront stehen in besonderem Maße die Frauen derjenigen Handwerker und Geschäftsinhaber, deren Männer zum Heeresdienst eingezogen sind. Diese Frauen wollen nicht, daß der Mann, wenn er aus dem Felde zurückkommt, wieder von vorne anfangen muß, vielmehr bemühen sie sich, den Betrieb fort­zuführen unb die Kundschaft zu halten. Das alles ist für eine Frau nicht leicht..

Da ist zum Beispiel die junge Frau eines Gieße- ner Bäckermeisters. Kaum 22 Jahre ist sie alt und ihr Mann ist seit acht Wochen Soldat. Jetzt sind nur noch ein Gehilfe und ein Lehrling im Betrieb. Da blieb für die junge Frau nichts anderes übrig, als selbst mit anzupacken! Tag für Tag steht sie seit Wochen morgens um 4 Uyr in der Backstube und hilft überall mit, wo sie helfen kann. Dazu kam in der jüngsten Zeit, daß an den Betrieb gesteigerte Anforderungen gestellt werden. Zeitweise lagen in den Straßen der nächsten Umgebung u. a. viele Rückwanderer im Quartier unb der Brotverbrauch der Kundschaft war dementsprechend höher; für meh­rere Tage hatte die junge Meisterin selbst einige Rückwanderer im Hause, so daß ihr oftmals nur wenige Stunden der Nachtruhe blieben. In den ersten Septembertagen kam hinzu, daß sie den mengenmäßigen Verbrauch an Backzutaten des Jahres 1938 aus den Büchern errechnen mußte, um für die Weiterarbeit den entsprechenden Anteil zu- gewiesen zu erhalten. Da saß sie denn stundenlang über Rechnungen und vertiefte sich in eine Materie, die ihr bis dahin nicht geläufig sein konnte. Nur einige Kenntnisse der Buchführung tarnen ihr dabei zu Hilfe. So war die tapfere junge Frau oftmals als erste am frühen Morgen aus den Federn und verlöschte als letzte zu spater Nachtstunde das Licht ...

Auch die junge Frau des Friseurmeisters in der Stadtmitte, die ursprünglich Schneiderin war und sich nicht allzu viel um bas Geschäft ihres Mannes batte kümmern können, muß sich nun mit dem Fri­seurgeschäft vertraut machen. Nur Hans, der Lehr­ling, ist noch da, und da bleibt auch ihr nichts an­deres übrig, als praktisch mit anzufassen. Glücklicher­weise ist der Meister selbst noch in Gießen und fin­det zwischen Wache und Wache immer wieder einmal Zeit, sich in seinem Geschäft umzusehen und, wenn es gerade nottut, mit anzufassen. Die junge Frau aber muß oftmals mit dem Rasierpinsel und mit der Haarschneidemaschine umgehen; sie schneidet vor, und der Lehrling, der schon recht selbständig arbeiten kann, vollbringt dann das Werk eines kunstvollen Haarschnitts. Von einer anderen jungen Frau eines Friseurmeisters im Südviertel hören mir, daß sie sogar schon mit Sicherheit und Grazie bas Rasiermesser handhabt. Die Hauptsache ist: die Arbett wird fortgesetzt, und wenn der Meister wie­der nach Hause kommt, wird er hoffen dürfen, daß er seine alte treue Kundschaft wiedersieht.

Wieder etwas anders liegt die Sache in einem Goldwaren- und Uhrengeschäft im Mittelpunkt des Gießener Geschäftsviertels. Der Geschäftsinhaber ist schon feit Kriegsbeginn als Soldat in Polen und tut gegenwärtig in Warschaus Vorstadt Praga Dienst. Er hat bereits mehrere Karten unb Briefe geschrieben, aus denen die Sorge um das Geschäft spricht. Ihn selbst hat aber noch kein Brief er­reichen können. Doch kann er unbesorgt sein! Seine 61jährige Mutter versieht das Geschäft, ein tüch­tiger Gehilfe ist da, ferner zwei Lehrlinge, von denen einer aus Saarburg stammt. Dieser Lehrling war im Sommer auf Urlaub bei feiner Schwester in Gießen unb konnte Anfang September nicht mehr in seine Heimat unb an seinen angestammten Arbeitsplatz zurück. Nun bewährt er sich mit gutem Willen unb Geschick in unserer Stadt. Die Mutter des Geschäftsinhabers weilt viele Stunden des

Eine Umfrage in Gießen.

Tages im Laden, sie muß Bestellungen schreiben, wenn Ersatzteile zu beschaffen sind, und da sie nicht Maschineschreiben kann. Muß jeder Brief mit der Hand geschrieben werden. In den ersten September­tagen gab es zu allem Ueberfluß noch viele Re­paraturen, denn die Soldaten wollten noch mit einer gutgehenden Uhr ins Feld ziehen. Da wurde denn auch manchen Sonntag gearbeitet! Wenn es der Mutter des Geschäftsinhabers auch nicht ge­geben sein kann, am Werktisch mitzuarbeiten, so hält sie doch die Hände über alles und führt das Geschäft fort.

Eine Schuhmachersgattin in der Nähe von Os- roalbsgarten hat es auch nicht leicht, denn sie ist in erster Linie Hausfrau und Mutter von vier Kin­dern im Alter von 4 bis 11 Jahren. Ihr Mann ist eingezogen, so daß die Frau nach dem Rechten sehen muß. Ein Gehilfe und ein Lehrling leisten die praktische Arbeit. Aufgabe der Frau ist es, dafür zu sorgen, daß das Leder für die Besohlung der Schuhe da ist und die Kundschaft rechtzeitig be­dient wird. Wenn auch viele Kunden alles Ver­ständnis für die Lage des Geschäfts aufbringen, wie sie nun einmal ist, so gibt es doch auch noch einige, die ungeduldig sind und es der Handwer­kerfrau schwerer machen, als es notwendig ist. Sonntags läßt sich die Frau von ihrem Manne die Bücher nachsehen und sich für die kommende Woche wieder beraten. So sorgt sie dafür, daß der Ge­schäftsgang in Fluß bleibt; es geschieht für den Mann unb für die Kinder ...

In einem Ausstattungsgeschäft erzählt uns die Gattin des Geschäftsinhabers von ihren Auf­gaben, seitdem ihr Mann schon seit acht Wochen an der Westfront steht und ihr nun die ganze Last und Verantwortung nicht nur für bas Ge­schäft und die eigene Sache, sondern auch für das Wohl und Wehe der Angestellten obliegt. Es gibt mehr zu tun als zuvor, denn durch die Bezug­scheinpflicht ergibt sich manche zusätzliche Arbeit. Hinzu kommt außerdem, daß sie sich als die der­zeitige Geschäftsführerin auch um eine Reihe von gesetzlichen Bestimmungen bekümmern und sie stu­dieren muß, die beim Einkauf wie beim Verkauf berücksichtigt werden müssen. Einer Frau fällt es sicherlich nicht leicht, sich mit Paragraphen, Ver­ordnungen, Bestimmungen usw. auseinanderzu­setzen, aber es muß geschehen. Deshalb muß auch jetzt manche Abendstunde dazu benutzt werden, um sich für die Anforderungen der Gegenwart bereit zu machen. In Zweifels- unb Grenzfällen stehen aber immer die Berufskameraden zur Ver­fügung, die gerne Auskunft geben, wenn sie darum

NSG. Wir erinnern uns alle noch von früher her, daß bei irgendwelchen Sammlungen auf der Straße viele Volksgenossen einen großen Bogen um die Sammler machten. Mancher wurde auch ange- sprachen, der mit einem schroffenDanke" ant­wortete.

Nachdem der Sinn der nationalsozialistischen Welt­anschauung in unserem deutschen Volke allgemein verständlich geworden ist, können wir solche Vor­kommnisse nur noch höchst selten verzeichnen. Dabei scheint es uns im Augenblick unwesentlich, ob der Spender seine 20 ober 50 Pfennige gibt. Diel wich­tiger ist es, daß er einmal für einige Minuten daran erinnert wird, daß er nicht allein auf dieser Welt und nur zu seinem Nutzen lebt.

Das ist auch bet besondere Sinn des Opfer­sonntags, durch den wir in diesen Kriegszeiten immer wieder an die Verpflichtung der Gemein­schaft gegenüber erinnert werden sollen. Jeder wird angerufen, daß wir uns alle mit der kämpfenden Truppe und all den INenschen, die

angegangen werden. Selbstverständlich bedeutet auch hier die Buchführung eine erhebliche Ve. lastung für die Frau, und manche Sonntagsstunde muß der etwas trockenen Materie der Bücher ge­opfert werden. Aber ebenso wie die Arbeitslast ist auch der Wille gewachsen, mit den gestellten Aus­gaben fertig zu werden. Wenn geschäftliche Briefe zu schreiben sind, dann muß sie der Sohn abends auf der Maschine schreiben, der Sohn, der nach Abschluß seiner Schulzeit tagsüber in einem hiesigen

Opfert!

Durch das Ergebnis der 1. Reichsstraßenfamm- hing hat der Kreis Wetterau am vorigen Sonntag ein überragendes Bekenntnis der sozialen Talge- meinschaft erbracht.

Es gilt nun auch weiter den Geist der Stunde zu erkennen und bei dem Opferfonntag am 2 2. Oktober erneut unter Beweis zu stellen, dah die Heimat sich durch den Opfergeist an der äußeren Front nicht beschämen läßt.

Unser Opfer muß das Bindeglied der Gemein­schaft zwischen unseren Soldaten und der inneren Front fein.

In dieser Gemeinschaft lebst auch du! Beweise es durch erhöhte Spende am Opferfonntag.

Der Kreisbeauftragte für den Kreis Wetterau.

Jüdustriewsrk arbeitet So hat die Mutter eine Stütze an ihm, und der Gatte und Vater kann um so be- rllhigter vor dem Feinde stchen, als er gewiß sein darf, daß zu Hause im Geschäft alles seinen ge­ordneten Gang geht.

So stehen in dieser Zeit viele Frauen in Stadt und Land in der Heimatfront unserer Wirtschaft Es ist allen denen, deren Mann jetzt die Uniform trägt, manche neue Aufgabe erwachsen. Und alle müssen sie mit Geschick und Energie nicht nur die Pflichten einer Geschäftsfrau, sondern auch die der Hausfrau auf sich nehmen, denn ihre Aufgabe als Hausfrau kann ihnen kaum ab genommen werden. Die außerordentliche Zeit fordert außerordentliche Leistungen. Und das haben auch die Frauen in unserer Stadt, draußen in den Landstädten unb auch auf den Dörfern verstanden und handeln dem­entsprechend. N.

zum äußersten Einsatz bereit sind, zu einer Opfergemeinschaft zusammenfinden müssen.

Schon manchem ist es oft nur durch diese Opfertage zum Bewußtsein gekommen, daß er in eine Gemein­schaft hineingeboren wurde, die ihn trägt, ihn schützt und ihm die Sicherung seines eigenen Lebens er­möglicht. Der Sinn dieser Gemeinschaftserziehung besteht darin, olle, ob wirtschaftlich gut ober schlech­ter gestellt, daran zu erinnern, daß sie Pflichten entsprechend ihrer wirtschaftlichen Stellung der Ge­meinschaft gegenüber Haven.

Opfern ist nicht nur Geben. Opfern verlangt von jedem einzelnen Volksgenossen soviel, als

29/30 - /TsoJknnoiMv- 2Z V

Opfersonntag - Gemeinschaftserziehung.

Jütte.

Von Malier Kruppa.

Es gibt wohl in manchem sauerländischen Dorfe einen Vertreter dieses Namens, und es gibt hin und wieder wohl auch einen, der es unserem Jülle an Närrischkeiten gleichtun mag, aber es hat wohl kaum einer seinen Eingang und seinen Ausgang aus der Welt unter so sonderbaren Umständen voll­zogen, wie sie dem Jülle aus dem Lennetal das Schicksal geschehen ließ.

Er war in dem kleinsten Hause eines Wiesen­weilers geboren, darin außer der Stube und dem Herdraum nur noch eine winzige Kammer den Menschen diente, während das tiefe, verwitterte Dach zugleich Schwein, Ziege und Federvieh in seinen Schutz nehmen mußte. Mit den ersten Schnee­glöckchen war er zur Welt gekommen, als die Lenne schon breit über die Wiesen hinging und seit Tagen den kleinen Hügel umspülte, aus dem die drei Häu­ser des Weilers beieinander standen.

Eines Tages, Jülle mochte drei oder vier Wochen alt sein und lag in seinem eichenen Wiegenkasten allein im Hause, weil der Vater ins Lüoenfcheid- sche hinüber feinem Verdienste nachgegangen war und auch die Mutter einen kurzen Gang zur Höhe hinauf tun mußte zuvor aber hatte sie die Nach­barn gebeten, ein wachsames Auge auf das Haus zu haben und des kleinen Kindes wegen auch ein­mal hineinzuschauen, da geschah es nun, daß die Lenne wie ein Tier, das lange schon auf dcr Lauer lag und nun das Haus unbewacht wußte, ihren quirlenden Wasserspiegel höher hinaufschob und an der Türe patschend und plätschernd sich wand, bis es ihr gelang, sie aufzustohen.

Jülle schrie gerade mit aller Kraft, aber ohne einen anderen Grund als den, allein so das Dasein äußern zu können, und nur die Katze wandte sich blitzschnell vom Schrank her dem vermeintlich Ein- tretenden zu und blickte bann mit äußerster An­strengung auf bas verhaßte Element, das sich nun in der Stube behäbig breit machte. Gerade stieß auf einem Floß aus Brettern unb Balken ber Nach­bar von feinem höher gelegenen Hanse ab, um Jülle zu bergen, da nahm die Flut das Wiegen­schiff auf den Buckel, drehte es einmal in der Stube herum und führte es zur Türe hinaus. Mit einem langen Satz war die Katze vom Schrank herab m Julies schwimmende Behausung gesprungen und saß nun am Fußende, maßlos erschrocken vor dem entsetzten Schrei des Flößers, dem die Wiege schnell davonschwamm. Jülle war indessen unter dem leisen Wiegen in Schlaf gefallen, und noch schlafend wurde er später aus dem Wasser gefischt; die Lenne

hatte ihn nach langer Fahrt vor ihrer großen Schleife am Fuße des Biesenbergs sanft abgesetzt.

Jülle ging aber später nicht zur See, wie es ihm oft prophezeit wurde, sondern zog in ein Dors nahe bei Werdohl. Unb als man ihn nach einem langen, luftigen Leben zur letzten Fahrt aufbahrte, zeigte es sich, baß er durch seine Späße, seine Hilfsbereit­schaft unb burch seine liebenswerte Einfalt viel Zu­neigung gewonnen hatte. Doch wie alles, was er im Leben begann, auf absonberliche Weise gelenkt zu sein schien, so sollte auch sein Heimgang des Absonderlichen nicht entbehren.

Als sie ihn in der Frühe zu Grabe trugen, voran mit den Meßbuben der Herr Pfarrer, der sich von Zeit zu Zeit die Schweißperlen von der Stirne tapste unb darüber nachsann, wie er das Wort vom kleinen Franziskus", das er soeben vernommen, in seine Rede einflechten könne, da stand noch un­gekühlt unb ungelüftet die Glut bes vergangenen Tages über bem Lennetal. Unb gerabe wie sie vor dem Gasthaus auf ben Kirchweg abbiegen woll­ten, brach bas Gewitter los. Während ber Pfarrer noch unschlüssig stand, liefen die Träger mit dem Sarge schon auf die Deelentür des Gasthauses zu, und sogleich strömte bas Trauergefolge in die Gast­stube, daß es ein Gedränge gab wie beim Schützen­fest.

Anfangs blickten alle auf den strömenden Regen, ber in Bächen vom Hause rann, bann aber kamen einigen Bedenken, daß man dem Wirt doch nicht dieStube vertrampeln könne, ohne ihn durch ein Verzehr zu entschädigen. Schon waren die Gläser vollgeschenkt und ebenso schnell wieder geleert, dann stand man ein wenig unschlüssig und blickte hinaus, wo unvermindert der Regen fiel, bevor man zum zweiten Glase überging. Jülle, der seine kleine, rund- liche Frau um ein Jahrzehnt überlebt hatte, hinter­ließ keine Erben und keine Trauernden, der seines Blutes war. So brauchte man denn auf keinen Leidtragenden Rücksicht zu nehmen, und es wurde allmählich laut in der Gaststube. Noch gingen die Gespräche um Jülle, der sich allezeit eine fröhliche Frömmigkeit bewahrt hatte. Die Mutzpfeifen qualm­ten, und einer erzählte, wie Jülle eines Tages unter dem Uebergewicht des Alkohols in Seelen­not geraten war und ben Lehrer mit der bangen Frage bedrängte, ob er wohl hoffen dürfe, dereinst in bas Himmelreich zu gelangen, worauf ihm die Antwort wurde, daß daran wohl nicht zu zweifeln wäre: den Spaß wurde sich der liebe Gott wohl kaum entgehen lassen.

Inzwischen war auch ber Käfter, mit Schirm und Wasserstiefeln bewehrt, zum Gasthaus herunterge­kommen, da der Leichenzug noch immer ausblieb, unb er wollte wissen, wann nun mit dem Läuten begonnen werden sollte. Und da er sich den Schmau­

senden sogleich und willig zugesellte, so unterblieb auch das Mittagläuten. Da verließ denn der Pfarrer, der längst schon die Nutzlosigkeit seiner Ermahnun­gen eingesehen hatte, mit dem ausgeliehenen Regen­schutz des Küsters bas Wirtshaus.

Unterdessen lag Jülle stumm und still in feinem Sarge zwischen den Tieren. Die Kühe blickten ver­ständnislos auf den schwarzen Kasten, die Hühner liefen unter den hölzernen Böcken einher, und eine Ziege schnupperte an dem schwarz gestrichenen Holz und ging bann dazu über, das grüne Laub der Kränze, die obenauf lagen, anzuknappern. Als gegen die sechste Stunde endlich der Regen nachließ, war keiner mehr so klar im Kopf, daß er sich der Ursache seines Aufenthalts im Wirtshause zu er­innern vermochte. Und so kam es, daß berkleine Franziskus" vergessen ward und, statt in geweihter Erde zu ruhn, zwischen den Tieren des Wirtsbauern die Nacht überstehen mußte.

Am nächsten Morgen aber waren alle frühzeitig wieder zur Stelle, und als Jülle in der Erde feine Ruhe gefunden hatte und auch die donnernde Straf­predigt des Pfarrers überstanden mar, ging rings um die Kirche die Meinung um, daß Jülle eine Be­erdigung gehabt habe, wie sie schöner kaum zu denken gewesen märe.

Bücheriisch.

E. G. Kolbenheyer, Gesammelte Werke in acht Bänden. Band III: Meister Joachim Pausewang. Roman. / Amor Dei. Roman. Band IV: Montsalvasch. Roman / Das Lächeln der Penaten. Ein Wiener Musikerroman. Subskrip­tionspreis pro Band bis auf weiteres 8,50 RM., nach Schluß der Subskrivtion je 10, RM. Verlag Albert Langen/Georg Müller. 221) Unter den Dichtern eines Volkes sind immer wieder einige, deren Schaffen zu einem Lebenselement der Nation geworden ist. Das geheime Zeichen, in dem sich un­verkennbar ihr Rang und Wesen ausspricht, ist zu allen Zeiten die lückenlose Einheit des gesamten Wer­kes gewesen. Wenn auf irgendeinen unter den heute Lebenden, so trifft dies in vollem Umfange zu auf den Dichter und Denker E. G. Kolbenheyer. Wie zahlreich und verschiedenartig feine Werke auch immer sind, niemand kann übersehen, daß sie eines Geistes finb und, einem gemeinsamen Kern ent­wachsen, sich zu einem organischen Ganzen zusam- menschließen. Wer diese Gesamtausgabe zur Hand nimmt, gewahrt die kühne Architektur der historischen Romane, die den entscheidenden Entwicklungsepochen unseres Volkes im Ringen seiner großen Geister dichterischen Ausdruck verleihen, voller Ueberraschung