Haustier auf der Kirchturmspitze.
Nur die wenigstens Hühnerhalter habsn sich bisher Gedanken darüber gemacht, woher eigentlich unser Haushuhn stammt. Und doch ist es sehr interessant, einmal seiner Stammesgeschichte nachzu- gehen. Als sicher kann heute angenommen werden, daß im Süden oder Südosten Asiens die Heimat des Haushuhnes zu suchen ist. Jedenfalls ist es in den anderen Ländern und Kontinenten erst Diel später bekannt geworden, und wahrscheinlich von Asien aus dorthin verbreitet wollen, so im 6. oder 7. vorchristlichen Jahrhundert in Mesopotanien, um 1400 v. Thr. in China und früher in Indien. In Persien galt das Huhn schon früh als heilig. Feuer, Hund und Hahn bildeten nach der Uederlieferung jedenfalls die schützenden Fetische der Perser die an der Verbreitung des Huhnes maßgeblichen Anteil hatten. So kam es im 6. vorchristlichen Jahrhundert über Kleinasien nach Griechenland. Es wurde hier als „Persischer Vogel" bezeichnet. Durch Handel gelangte es nach dem alten Rom. Im Norden der Alpen erscheint das Huhn etwa mit dem Beginn unserer Zeitrechnung. Uebrigens war auch bei den alten Germanen das Huhn mit Kultvorstellungen verbunden, davon zeugen noch die Hähne auf dm Kirchtürmen, die über dem Kreuz angebracht wurden und stärker als das chrislliche Symbol die bösen Geister vertreiben sollten.
Die wilde Stammform des Haushuhnes, das Bankioahuhn, ist noch heute über Burma, Assam, die Halbinsel von Malakka und die Sundainsel verbreitet. Schon die Stimme dieses Wildhuhnes er innert uns stark an das Haushuhn. Im Gegensatz zu der unscheinbaren Färbung des Huhnes hat der Hahn goldfarbene Federn am Kopf und Hals, grünschillernde schwarze Brustfedern und sichelartig gekrümmte und verlängerte Oberschwanzfedem. Zwischen dem Haushuhn und dem Bankivahuhn ist eine Kreuzung sehr leicht möglich, doch ist die Zähmung dieser Hühner nicht sehr leicht. Die Organe haben sich infolge der Züchtung im Laufe der Jahrhunderte fast sämlich umgestaltet. Während das Wildhuhn nur wenig Eier legte, wurde durch Züchtung und Kreuzung eine größere Eierleistuna erzielt. Auch das Gefieder hat sich je nach der Kreuzung geändert. Bei verschiedenen Rassen paßt es sich allerdings noch heute an die Urform an. Auch die Gestalt der Kämme ist verschieden, bald groß, bald klein, bald durch eine Federhaube ersetzt oder auch ganz fehlend.
In diesem Zusammenhang mag noch darauf hingewiesen werden, daß die anderen in den Hausstand übergegangenen Hühnervögel zeitlich später in Erscheinung treten, als das Haushuhn. Der Pfau stammt wohl aus der gleichen Gegend und wird heute in Hinterindien am meisten geschätzt. In Europa scheint dieser farbenprächtige Vogel von Westasien aus hereingedrungen sein.
Das Perlhuhn hat seine Stammform in Afrika und kam von dort aus nach Griechenlaitt» und Rom, wo es schon zeitig bekannt war. Das Truthuhn stammt aus Amerika und ist heute in den Gegenden von Ohio, Illinois und Alahama noch wild vorzufinden. Etwa gegen 1530 wurde es auch in Europa eingeführt, während unser Haushuhn erst nach der Entdeckung dieses Erdteils in Amerika zu finden ist.
H. B.
Kräuter helfen gesund bleiben.
Wir wissen im allgemeinen immer noch nicht genug von der Wirkung und Anwendung unserer Heilkräuter, die in früheren Zeiten in allen Burgund Hausgärten gepflanzt wurden. Nach spärlicher Ueberlieferuna halten wir wohl Lindenblüten-, Kamillen-, Pfefferminz- und Fliedertee bereit, verwenden Bohnenkraut, Dill und Petersilie in der Küche, aber der übrige Reichtum an Heil- und Würzkräutern ist viel zu wenig bekannt. Daher hat es sich schon in verschiedenen Gegenden des Reiches das Deutsche Frauenwerk zur Aufgabe gemacht, seinen Mitgliedern auf Kräutergängen die Kenntnis der Pflanzen und nachher ihre Verwendung für Küche und Heilzwecke nahezubringen, und
Stadt Gießen unter Fliegeralarm
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in den Schutzraum sehr zögernd Folge
der? Durch die Abwanderung aus der Natur in die Städte wurde die Lebenskraft der Menschen geschwächt. Welche gesunde Ruhe spendet da der deutsche Wald! In ihm blüht der Waldmeister,
manche, die einen kleinen Garten besitzen, bauen heute wieder von den Vergessenen an: Basilikum, Zitronenmelisse, Beifuß, Salbei und viele andere. Tief« Wahrheit steckt in manchem Wort aus dem Volksmund, etwa wenn er sagt: „Wermut heil Schwermut". Sein Saft reinigt die Leber, von der Magen- und Darmkrankheiten ausgehen. Die Alten rechneten den Wermut zu den neun zauberkräftigen Kräutern, die von der Behexung durch böse Geister befreien. Sagen und Legenden haben sich auch um den Brombeerstrauch gebildet. Seine Blätter, mit denen des Himbeerstrauches vermischt, geben einen vorzüglichen Haustee gegen Hautausschläge und Furunkel. Ein typisch germanischer Heilbaum ist die Birke, deren Saft von aller Verschlackung reinigt. Und von Salbei sagte schon Plinius: „Warum soll der Mensch sterben, so ihm Salbei im Garten
geleistet wurde — Schönheitsetwas mehr Disziplin unserer vermieden werden können.
diente — über die Warnung
wächst." Heilkräuter werden zu ganzen Kuren verwandt. Wer kennt nicht im Frühjahr die verscksie- denen Blutreinigungskuren, vor allem mit Wacyol-
dessen Tee Schlaf bringt, in ihm wachst Baldrian, die Wurzel von altbekannter, beruhigender Wirkung.
Flugzeug aus.
Als die Sirenen zur Entwarnung ertönten, belebten sich innerhalb weniger Minuten die Straßen wieder, der Verkehr kam wieder in Gang, und nach etwa fünf Minuten boten die Straßen unserer Stadt wieder das gewohnte Bild.
Wenn auch, so läßt sich zusammenfassend sagen, die Uebung in ihrer Gesamtheit als gelungen bezeichnet werden kann, so bleibt doch zu bemerken, daß die Uebung von dem einen oder anderen Volksgenossen nicht mit dem nötigen Ernst betrachtet worden war. Auf der Fahrt durch die Stcütt sah man da und dort noch einzelne Gesichter hinter geschlossenen Fenstern, die geöffnet sein mußten, iah noch den einen oder anderen Angestellten unter der Ladentüre, während der Abendübung mußte man am Marktplatz die Beobachtung machen, daß der Anweisung eines Polizeibeamten, sich nicht unter dem Torbogen des Rachauses aufzuhalten, sondern ~' des Rathauses zu gehen, nur
und Kaiserallee fuhr, entstand der Eindruck, daß die Stadt Gießen völlig a u s g e st o r b e n fei. Nur einige Polizeibeamte befanden sich in ihrer dienstlichen Verpflichtung auf der Straße und fachen nach dem Rechten. Da und dort überprüfte em Luftlchutz- hauswart kurz nach dem Ertönen der Sirene die Hausfront daraufhin, ob die Fenster geöffnet bzw. die Läden geschlossen sind. Ueber Kugelberg uni) Kaiserallee fuhr die Polizeistreife wieder in das Stadtzentrum zurück. Ueberall sah man die verlassenen Kraftwagen auf der Straße stehen. Besonders eigenartig nahmen sich die leeren Straßenbahnwagen an den Haltestellen aus. Da und dort sah man Pferde an Bäume angebunden oder unter Hoftoren stehen, während sich der Pferdehalter irgendwo im nächsten Haus befand.
Während nun die Straßen der Stadt fast völlig menschenleer lagen, während jeglicher Verkehr ruhte, brausten einige Flugzeuge dicht über der Stadt dahin und verstärkten so den Eindruck der Uebung, die für zwanzig Minuten des gestrigen Tages die Bevölkerung der ganzen Stadt in Anspruch nahm. Leutnant Radon von der Schutzpolizei verfolgte den Verlauf der Uebung vom
Auf Veranlassung der Polizei wurden gestern m unserer Stadt zwei Fliegeralarm-Uebungen durch- qeführt, die eine Prüfung für das Verhallen der Bevölkerung unserer Stadt für den Fall eines Fliegerangriffs darstellen sollten. Die Einwohnerschaft war durch eine amtliche Bekanntmachung der Polizei auf die geplanten Uebungen aufmerksam gemacht worden, die Zeiten der Hebungen waren aber nicht bekanntgegeben worden und bedeuteten die Ueberraschung. Zum ersten Male heulten die Sirenen genau zur Mittagsstunde, um 12 Uhr, und warnten mit ihrem durchdringenden Ton. Die zweite Uebung fand zu abendlicher Stunde, um 18 Uhr statt. Die Uebungen waren auf diese beiden Zeiten festgelegt worden, weil es für die Polizei galt, zu beobachten, wie sich die Uebung auf den Verkehr, der um 18 Uhr erheblich anders (und starker) ist, als um 12 Uhr, auswirkt.
Als Punkt 12 Uhr die Sirenen zum ersten Male heullen, konnte sofort die erfreuliche Tatsache fest- gestellt werden, daß die Bevölkerung unserer Stadt zum weitaus größten Teil den Anordnungen der Polizei, die am Tage vorher nochmals ausdrücklich durch die Zeitung bekanntgegeben worden waren, rasch Folge leistete. Die Ausbildungsarbeit des Reichsluftschutzbundes in den vergangenen Jahren trat in der Auswirkung ebenfalls sichtbar in Erscheinung, wenn auch nicht allenthalben die Keller ausgesucht wurden, wie es unbedingt notwendig gewesen wäre und im Ernstfälle sicherlich auch getan werden würde.
Wir fanden Gelegenheit, unmittelbar nach dem Ertönen der Sirene die Polizei bei einer Fahrt durch die Stadt zu begleiten, um so einen Eindruck über den Ablauf der Uebung zu gewinnen. Eindrucksvoll zeigte sich die Wirkung des Alarms zunächst auf dem Wochenmarkt, auf dem sich um diese Zeit viele Hausfrauen befanden. Innerhalb einer Minute war der Platz völlig menschenleer, und die verlassenen Verkaufsstände boten einen eigenartigen Anblick. In der Sonnenstraße und im Seltersweg war es noch lebhafter. Es hatte den Anschein, als sei der Sirenenton in Stadtmitte nicht so zu vernehmen gewesen, wie es der Fall fein muß. Man sah zwei Minuten nach dem Alarm noch verschiedene Geschäftsinhaber und Angestellte unter der Türe stehen, die erst nach Aufforderung der Luftschutzhauswarte das Feld räumten. Als die Polizei durch die Frankfurter Straße fuhr, war kaum mehr ein Mensch zu sehen. In der Liebig- straße und in der Bahnhofstraße herrschte völlige Ruhe, und straßauf und straßab war niemand zu sehen. Als der Wagen der Polizei von der Bahnhofstraße in den Horst-Wessel-Wall, durch den Hindenburgwall, über Gartenstraße, Ludwigsplatz
Dornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Im goldenen Westen".
kdF.-Sommerfest in Kloster Arnsburg.
In dem schöngelegenen Kloster Arnsburg findet am kommenden Sonntag, 23. Juli, das traditionelle nommerfest statt. Dasselbe wird auch diesmal von der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" durchgeführt und verspricht den besten Erfolg. Der Auftakt beginnt um 15 Uhr in den Klosterruinen, die den besten Rahmen für diese volkstümliche Veranstaltung darstellen. Die Programmgestaltung hat die Gambacher Musikschule mit einem vollständigen Orchester (Ziehharmonika und Blockflöte) übernommen. Außerdem wirken die Jugendgruppen von Gambach und Eberstadt mit. Die KdF.-Kapelle sorgt für musikalische Umrahmung. Anschließend findet noch ein Kinderfest statt. Volkstümliche Tänze für jung und alt beschließen den Programmteil des
fehler also, die bei Bevölkerung hätten Die Alarmübung
der Bevölkerung hinaus — auch dem Zwecke, die Wirkung der Luftschutzsirenen in den einzelnen Stadtteilen zu überprüfen. Dabei mußte feft^ftellt werden, daß in der Innenstadt die Alarmierung nicht völlig durchdrang und der Verbesserung bedarf. Die notwendigen Maßnahmen, um diesen Mangel zu beheben, wurden sofort veranlaßt.
Nachmittags. Der Musikzug der SA.-Standarte sorgt abends für Tanzunterhaltung.
Gleibergfest 1939.
Am kommenden Sonntag, 23. Juli, veranstaltet der Gleibergverein sein ttaditionelles ©leibergfeft, auf der Burg, zu dem sich sicherlich aus nah und fern viele Gaste einfinden werden. Der Nachmittag wird wieder allerlei schöne und fröhliche Unterhaltung bringen. Auch für die Kinder u..- es manche Ueberraschung geben. Der Abend bringt als besonderes Ereignis eine Burgbeleuchtung, und den Abschluß bildet ein Feuerwerk. Um der Gießener Ve. völkerung bequeme Möglichkeit zur Teilnahme zu geben, ist ein größerer Omnibusoerkehrsdienst ein- gerichtet worden.
Treudienst-Ehrenzeichen in der Wirtschaft.
Der Reichsinnenminister stellt in einem Erlaß klar, daß Anträge auf Verleihung des Treudienst- Ehrenzeichens an Angestellte und Arbeiter in der freien Wirtschaft zunächst bei den für die soziale Betreuung zuständigen Berufsorganisationen (Kreis- und Landesbauernschaften, Handelskammern, Handwerkskammern) zu sammeln und bann an die höheren Verwaltungsbehörden weiterzuleiten sind.
Erfahfreizeit für Jugendliche nur an Arbeitstagen.
Fwd. Der Reichsarbeitsminister hat in einem Bescheid an die Wirtschaftsgruppe Einzelhandel be- stimmt, daß die Ersatzfreizeit bei Jugendlichen, die am Samstagnachmittag beschäftigt werden und da. für Anspruch auf Freigabe eines anderen halben Tages in der nächsten Woche haben, nur an einem Tag gewährt werden darf, an dem die Jugendlichen auch sonst gearbeitet hätten, nicht also an einem gesetzlichen Feiertag. Fällt der gesetzliche Feiertag auf einen Samstag, so braucht den Jugend- lichen keine Ersatzfreizeit in der auf den Feiertag folgenden Woche gewährt zu werden.
Erfolgreich im Städtebau-Wettbewerb.
Der Architekt Wilhelm Ruhl in Düsseldorf, der aus Garbenteich, Kreis Gießen, gebürtig ist, konnte einen außerordentlichen Erfolg verzeichnen. Im Rahmen des Wuppertaler Städtebau-Wettbewerbs, an dem sich über 100 Architekten und Städtebauer aus dem ganzen Reichsgebiet beteiligten, wurde feine Arbeit für den Bettag von 3000 Mark an getauft. Der Erfolg ist um so beachtlicher, als Wuppertal als eine der verbautesten Städte in schwierigem Gelände gelten darf. Den Vorsitz im Preisgericht führte Professor Speer.
Hitler-Jugend und Pimpfe von der Heffen-7!affaufahrt zurück!
Nachdem gestern vormittag in bester Verfassung die Hitlerjungen des Vannes 116 Wetterau im Sonderzug von Selters und Montabaur zurück- gekommen waren, nachdem sie einen abschließenden Marsch durch die Stadt unternommen hatten und dann vor dem ßiebigbau durch Bannführer Taesler mit kurzer Ansprache in ihre Standorte entlassen wurden, kehrten nun auch die Pimpfe von Bad Schmalbach und Zollhaus zurück. Die Pimpfe befanden sich ebenfalls in ausgezeichneter Form, sahen prächtig braungebrannt aus, befanden sich, was die Uniform und Ausrüstung anbetraf, in bester Ordnung und d« Erlebnis der Fahrt leuchtete ihnen förmlich aus den Augen. Zahlreiche Eltern hatten sich zum Empfang ihrer Jungen am Bahnhof eingefunden. Vor dem ßiebigbau fand bann der kurze Abschlußappell statt, bei dem Bannfuhrer Taesler davon sprach, daß es nun gelte, das Kameradschaftserlebnis dieser Fahrt zu bewahren und weiterauszubauen. Der Spielmannszug umrahmte mit schneidigen Weisen den Appell. Von einem Marsch durch die Stadt wurde wegen des regnerischen Wetters abgesehen und die Pimpfe gleich nach Hause entlassen.
GROSSGARAGE
-flltet Weiten.
Roman von Harald Baumgarten
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
In der Garage Alter Westen war alles gut gegangen. Es hatte alles geklappt.
Fritz Huckemann war in Hochstimmung. Er hatte Mühsam von den unliebsamen Vorfällen der Nacht noch nichts zu sagen brauchen. Der Buchhalter war den halben Samstag mit Bewerbern derumgelau- fen, die die Garage pachten wollten, und hatte die übrige Zeit mit ihnen im Büro verhandelt. Es hatte sich wirklich keine Möglichkeit ergeben, Mühsam ein- zuweihen. Huckemann konnte sich wunderbar trösten, wenn es ihm in den Kram paßte.
Und jetzt war es fünf Uhr, und heute nacht sollte es losgehen! Herr Vallendar würde sein Wort bestimmt halten! Weder der Zornack noch der Schmitz hatten übrigens den Vorfall im Büro gemeldet. Na, und mit Fräulein Sandner ließe sich reden! Deren Kabel waren zwar noch nicht ausgebessert, dazu war keine Zeit gewesen, aber morgen brauchte das Fräulein den Wagen ja sowieso nicht. Und morgen früh würde er ihr die Geschichte in Ordnung bringen, obschon Hilde kam.
Oft und oft lief der Tankwart Fritz Huckemann nach oben und spähte die Straße hinunter, ob die fahrende ßeihdücherei noch nicht auftauchte.
Und nun kam wirklich und wahrhafttg ein ßast- nwgen, ein ßasiwagen mit einem großen Anhänger, und der Fahrer fragte, ob er den Anhänger hier parken könne; er müsse mit dem Motorwagen über Land und müsse den Anhänger gut eingestellt wissen.
Natürlich hatte Mühsam von seinem Büro aus das gesehen. Wie ein Wiesel kam er aus feinem Bau. „Was denn? ’nen Anhänger bei uns? Das haben wir noch nie gemacht. So große Boxen haben wir gar nicht. Und die Sammelgaragen sind voll."
Verdutzt blickte der Fahrer den alten Buchhalter an.
"Aber, Herr Mühsam!" Fritz war Helle Bereitwilligkeit. „Der Wagen kann doch hinten im Gang stehen — dort, wo der „Garage" parkt! Da stört er keinen Menschen. Natürlich, das nehmen wir mit! Sogar Lastwagen, Herr Mühsam — denken Sie doch an die Pachtbewerber!"
„Was wollen Sie denn zahlen?" fragte Mühsam.
Das fei ihm gleich! erwiderte der Chauffeur. Das erledige fein Auftraggeber; der zahle, was gefordert werde.
Mühsam überlegte. Dann nannte er den üblichen Preis. Nein, Ueberoortcilung gab es nicht in der
Großgarage Alter Westen. Aber immerhin, es konnten Zeiten kommen, da die Sammelgaragen sich leerten und man auch Lastwagen unterstellen müßte.
Der Chauffeur steuerte also seinen Anhänger umständlich, denn es war nicht so einfach, rückwärts in die Garage und verschwand dann dröhnend mit feinem Motorwagen.
Da stand er nun, der Anhänger! Er war mit Stroh beladen. Mit gutem, richtiggehendem Stroh.
Auch das wäre geschafft! freute sich Huckemann. Nun galt es, die Belegschaft zusammenzutrommeln. Junge, wenn wir den Halunken erwischen, der wird aber 'ne Abreibung kriegen! Ich möchte nicht an feiner Stelle fein. Was der Herr Vallendar nur mit dem Stroh bezweckt? Na, abwarten!
Wieder rannte er nach oben und fah die Straße hinab.
Und richtig, da fuhr die „Verleih" ein! Sie fuhr in einem schwungvollen Bogen an ihren Platz in C, und Hilde Weber stieg aus. Wenn nicht gerade zwei Autos vorbeigesaust wären, hätte sie direktemang in seine Arme fallen können. So aoer gab es nur ein Patschhändchen.
„Tag, Hilde!"
„Tag, Fritz!" Ein langer, feuriger Blick sagte alles.
„Gut abgelaufen, Hilde?"
„Geht so. War nicht so viel los. Die Leute haben vor Weihnachten nicht viel Zeit. Nach den Feiertagen flutscht der Laden besser." Sie schloß die Tür der „Verleih" auf. „Nun muß ich erst mal Ordnung schaffen!" Ihre kleinen^ kräftigen Hände griffen nach den Büchern.
,Hilde — morgen?"
„Klar, Junge! Wann denn?"
„Ich hol' dich um drei mit dem Motorrad ab. Recht so?"
„Gemacht! Was gibt es Neues? Pächter schon gefunden?"
„Bis jetzt noch keiner angebiffen. Rumgeschnüffelt haben ’ne ganze Menge."
Herrgott, was für ein entzückendes Mädel war feine Hilde! Er hätte stundelang zusehen können, wie sie die Bücher ordnete und Bemerkungen in ein kleines Heft eintrug. Aber gerade heute wäre es ihm lieber gewesen, sie wäre zu ihrem Vater nach Hause gefahren. Sie brauchte wirklich nicht zu wissen, was heute abend hier losging; vielleicht machte sie ihm Vorwurfe und überredete ihn noch im letzten Augen- blirf, zu Mühsam zu gehen. „Bist du nicht bald fertig, Hilde?" *
„Was haste es denn so eilig?"
„Gar nicht. Wieso? Nur, weil Samstag ist. Da ist viel zu tun." a 1 '
„Laß dich nicht stören, Fritz! Meine „Verleih" muß ich noch erledigen." ’ D
Es war ein Mordsbetrieb heute abend. Derschie- Cnt &tte" 05 ®ieber so eilig gehabt, daß hie Wagen falsch standen. Dann mußte immer Don neuem Platz geschaffen werden.
„Was steht denn da für ein Mammutwagen?"
schrie eine Stimme. „Da kann ja kein Mensch mehr wenden!"
Natürlich, der Zornack!
„Fahren Sie man rückwärts ein, Herr Zornack! Der Anhänger varkt bloß eine Nacht."
„So was in Der Garage? Der gehört doch in die Sammelstelle für Lastwagen! So was gibt es nämlich in Berlin auch, junger Mann!"
Von oben tönte ein Signal.
„Sehn Sie zu, daß Sie gut 'reinkommen, Herr Zornack! Ich muß nach oben!" Fritz lief los.
Ein angenehmer Herr war der Zornack nicht! Und plötzlich fühlte Fritz sein Herz klopfen. Das kam nicht vom raschen Lauf durch den Gang und den Tunnel 'rauf. Nein, davon hatte es noch nie so stark geklopft. Aber: daß der Zornack heute früh wegen seines Drückers erst so groß angegeben ha' . und jetzt überhaupt nicht fragte und auch nichts im Brno gemeldet hatte, das war doch seltsam? Junge, Junge! dachte Fritz und fuhr sich über den blonden Scyopf, und dabei plumpte er bereits den Behälter mit prima Markenbenzin voll.
Zornack stieg aus und besah sich eingehend den Lastwagen. Jetzt kam er kopfschüttelnd auf Hilde zu. „Tag, Fräulein! Steht Ihr Wagen auch in Sammelgarage C? Ich hab' ihn ja noch niemals gesehen." Er blieb vor der „Verleih" stehen.
Hilde wollte sich von einem Fremden nicht dumm kommen lassen. „Sie sind wohl seit dem ersten November erst hier?" fragte sie etwas schnippisch.
Zornack tat, als überhöre er den spöttischen Ton. „Ja, seit dem-Ersten parke ich hier. Eine großartige Sache ist das übrigens, mit den Büchern aufs Land zu fahren! Dann sind Sie hier sozusagen Stammgast? Ergänzen hier Ihren Vorrat und fahren wieder hinaus? Aber feit dem Ersten sind Sie noch gar nicht hiergewesen?"
Hilde stellte einige Bücher gerade. „Sie sind aber fmhig! Ja, ich bin am Ersten weggefahren. Sie merken alles, wie es scheint?"
Zornack ließ sich von ihrem Lachen anstecken. Er kam ganz nahe. „Schöne Bücher haben Sie — das muf) man sagep! Wenn ich erst mehr Zeit habe, dann möchte ich auch mal bei Ihnen lesen. Haben sie denn ein Verzeichnis?"
„Natürlich!"
. . "Zornack griff nach dem kleinen Heft. „Dieses hier?
. — nein, das ist es nicht. Wir haben
em Geschäft. Mein Vater führt es. Wenn Sie unfer Kunde werden wollen, müssen Sie schon da hmaehen!"
„Ach, mir genügen die Bücher, die hier im yBagen stehen. Da ist doch Auswahl genug!" Er olatterte in dem Verzeichnis.
„Ader in dem Heft stehen nur die auswär- tigen Kunden. Da werden die Bücher eingefdme- y,e auf dem Lande verliehen sind."
„Vielleicht nehm' ich ein Buch für heute abend mit .S! Und Zornack griff nach dem Bücherbrett bei
„Verleih" und nahm einen Band heraus, blätterte darin herum. „Das kenne ich, glaube ich."
„Wohl kaum. Ist erst vor vierzehn Tagen erschienen."
„Wie wäre es denn mit dem da, Fräulein?"
Hilde wurde energisch. Was fiel dem jungen Mann ein, in ihren Büchern herumzukramen? Solche Kunden kannte sie! Die erstmal zwanzig Bände durchblätterten, ehe sie sich entschieden. Sie schätzte solche Leute nicht. ,Zch kann Ihnen von diesen Büchern überhaupt keins vermieten. Die sind fürs Land bestimmt!" Sie nahm Herrn Zornack das Buch einfach aus der Hand und stellte es an seinen Platz. Dabei funkelte sie ihn mit ihren schwarzen Augen zornig an. Würde der aufdringliche Mensch nun endlich Leine ziehen?
Nein, er blieb stehen, als hätte er Pech an den Schuhsohlen. „Ich freue mich, daß ich so nette Nachbarschaft habe. Da steht also Ihr Wagen dicht bei dem meinen? Ich wollte den Tankwart schon fragen, ob ich nicht die erste Reihe bekommen könne; aber wenn Sie hier schon Stammgast find, verzichte ich natürlich. Hat Ihr Wagen immer so gestanden? Ich meine: vielleicht könnte ich die Ecke bekommen? Weil ich immer sehr früh los muß."
„Mein Wagen hat immer hier gestanden und bleibt hier stehen! Das wäre ja noch schöner, wenn die Neuen uns Alte verdrängen wollten."
„Uns Alte ist vorzüglich, Fräulein? Da muß ich lachen ... Aber nein, ich will Sie doch nicht verdrängen. Schade, daß ich nicht einen Tag früher gekommen bin! Dann hätten wir nämlich zusammen 'rausfahren können. Ich muß auch aufs Land 'raus. Ja, ich habe viele Kundschaft in der Umgebung. Ich reife in Schokolade ... Also am Ersten sind Sie fort» gefahren? Was machen Sie denn, wenn Sie hier in der Stadt sind? Viel zu tun? Oder mal einen Abend frei?"
„Wenn ich hier bin, vermiete ich den Mond- menschen Bücher! Verstehen Sie?" Nein: Hilde ließ sich nicht auf den Arm nehmen — von so einem nicht! Wollte sich wohl so 'n bißchen 'ranschmusen?
Jetzt schien der Herr Zornack begriffen zu haben. Er ging fort und stieg in seinen Wagen.
Uebrigens — ein ganz netter, strammer Junge! dachte Hilde. Ich hätte ihm ruhig ein Buch vermieten sollen. Man muß alles mitnehmen!
Mit hurtiger Geschicklichkeit fuhr Zornack seinen Wagen vor den ihren und genau hinter Fräulein Sandners Wagen. Er stellte den Motor ab und stieg aus. „So ist das nun wohl richtig, wie? So haben die Wagen doch immer gestanden — ich meine: Ihrer und der kleine Zweisitzer da vorne? Ich möchte nicht vom Tankwart eins auf den Hut bekommen." Er schlug die Tür feines Wagens zu, schloß ab, ohne auf den abgefeilten Drücker zu achten. Dann sah er sich noch einmal um, ob sein Wagen auch tadellos stünde, und nickte zufrieden. Vor Hilde zog er tief den Hut. „Wiedersehen, Fräulein!"
(Fortsetzung folgt.)


