Handlungen kann eine Mutter als unwürdig für die Verleihung nicht in Frage kommen.
An die Mütter von asozialen Großfamilien kann das Ehr^nkreuz ebenfalls nicht verliehen werden. Als asozial gelten die Familien, die fortgesetzt nut den Strafgesetzen, der Polizei und den Behörden in Konflikt geraten, die arbeitsscheu unwirtschaftlich und hemmungslos find, sich unsittlich betragen oder ohne Mithilfe oder Beaufsichtigung weder einen geordneten Haushalt führen, noch ihre Kinder zu brauchbaren Volksgenossen erziehen können. Auch die Familien von Trinkern sind als asozial zu beurteilen, ebenso Familien, die die einmalige Kinderbeihilfe zum Ankauf sinnloser Luxusgegenstande ver- wandt haben, an Stelle der Beschaffung notwendiger Bedarfsgegenstände. Bei der Prüfung der Vorschläge mutz sich der Bürgermeister bei jeder einzelnen Mutter stets die Frage vorlcgen, ob ihre Kinder für die Gemeinschaft erwünscht sind oder nur eine Belastung und Gefährdung der Zukunft unseres Voltes bedeuten.
Eine genaue Auslese in dieser Hinsicht ist bereits seitens des „Reichsbundes der Kinderreichen Deutschlands zum Schutze der Familien" getroffen worden Dieser Reichsbund ist dem Rassenpolitischen Amt der NSDAP, angeschlossen und nimmt als Mitglieder nur die deutschblütigen, erbtüchtigen, also vollwertigen kinderreichen Familien auf. Don den erbkranken, sittlich oder sonstwie belasteten, also minderwertigen Großfamilien hat er eine scharfe Trennung vorgenommen. Der Reichsbund der Kinderreichen (RDK.) ist ein Bund des Kampfes und der Auslese, ober kein Unterstützungs- oder Fürsorgeverband. Er steht seinen Mitgliedern durch Vertretung bei den Behörden und in Siedlungsangelegenheiten beratend und schützend zur Seite. Im Gaubezirk Hessen-Nassau bestehen zur Zeit 26 Kreisoerbande, die den Kreisbezirken der politischen Organisation genau entsprechen. Der Sitz des Landesverbandes Hessen-Nassau ist die Gauhauptstadt Frankfurt a. M.
Die Erfassung für das Ehrenkreuz.
Die Bürgermeister bzw. Oberbürgermeister treffen von sich aus alle Maßnahmen zur Erfassung der für die Verleihung des Ehrenkreuzes in Frage kommenden Mütter. Da es bei der großen Anzahl nicht möglich ist, bis zum Muttertag 1939, am 21. Mai, das Ehrenkreuz allen verleihen zu können, tonnen zunächst nur die Vorschläge der älteren Jahrgange bearbeitet werden. Anschließend daran werden die Anträge der jüngeren Jahrgänge erledigt. Die Vo^ schlage sind nicht nur von Amts wegen, sondern auch auf Antrag des Ortsgruppenleiters der NSDAP, oder des Kreiswartes des RDK. aufzustellen. Aber auch von anderer Seite, insbesondere seitens der mündigen Kinder der Mütter, können Anregungen aus Erteilung des Ehrenkreuzes eingereicht werden. Ein entsprechender Antragsvordruck ist von der Antragstellerin auszufüllen. Für jedes dann aufgefuhrte Kind ist glaubhaft zu machen, daß es von der zu ehrenden Mutter lebend geboren worden ist. Dies erfolgt durch Vorlage der 'Stammbücher bzw. der Geburtsurkunden. Soweit diese nicht mehr vorhanden fein sollten, ist es zur Vermeidung der entstehenden Kosten nicht notwendig, entsprechende Urkunden bei den Standesämtern oder Pfarrämtern anzufordern. Zur Glaubhaftmachung können alsdann auch andere Beweismittel dienen. Es ist ohne Bedeutung, ob die in Frage kommenden Kinder inzwischen gestorben sind, ob sie im Haushalt der Eltern wohnen oder im In- ober Ausland ansässig, ob sie ledig oder verheiratet sind. Lediglich die angenommenen Kinder, Pflegekinder usm. scheiden für, eine Anrechnung aus.
Nachdem die Anträge auf Gewährung der Ehrenkreuze durch die Bürgermeister darauf nachgeprüft sind, daß alle vorgeschriebenen Voraussetzungen vor- liegen, werden sie dem zuständigen Kreisleiter der NSDAP, zur Stellungnahme zugeleitet. Erst nachdem dieser die Vorschläge genehmigt hat. kann eine Weitergabe an die höhere Verwaltungsbehörde zur Vorlage der Präsidialkanzlei erfolgen. Nach der Verleihung durch den Führer und Reichskanzler erhalten die Ortsgruppenleiter die Besitzzeugnisse und Ehrenkreuze über die Landräte bzw. Oberbürgermeister zugesandt. Die Aushändigung erfolgt im ganzen Reich einheitlich am Muttertag durch die Örtsgruppenleitet der NSDAP.
Die Gesetzgebung des Dritten Reiches hat unverkennbar die Familie in den Mittelpunkt der Staats-, Finanz- und Wirtschaftspolitik gestellt. Ein gerech-
ter Lastenausgleich für die kinderreichen Familien ist bezüglich der Lohn-, Gehalts- und Steuerverhältnisse geschaffen worden. Als erstes Land der Welt hat das Dritte Reich im Jahre 1933 zur Förderung der Frühehe die Ehestandsdarlehen eingeführt. Der Erfolg war eine erhebliche Zunahme der Eheschließungen und Geburten. Einmalige Kinderbeihilfen für minttybemittelte kinderreiche Familien werden feit 1935 gewährt zur Anschaffung einer angemessenen Einrichtung des Haushaltes und zu Siedlerzwecken. Seit dem Jahre 1936 werden auch laufende Kinderbeihilfen gewährt, die jetzt alle Familien mit einem Einkommen bis zu 8000.— RM. für jedes dritte und weitere Kind erhalten. Dies bedeutet eine Verbesserung der Lebenshaltung der Familie. Für Kinder aus kinderreichen Familien werden seit
1. April 1938 Ausbildungsbeihilfen, sowie ganze oder Teilfreistellen zum Besuche von mittleren oder höheren Schulen, Fachschulen, Hochschulen ober nationalpolitischen Erziehungsanstalten gewährt.
Diesen Maßnahmen zur Sicherung und Festigung ber wirtschaftlichen Grundlagen der Familien hat nun ber Führer durch die Stiftung des „Ehrenkreuzes der Deutschen Mutter" eine besonders hohe Ehrung ber kinderreichen Mütter zur Seite gestellt. Der Führer hat damit selbst die Schirmherrschaft über die kinderreichen Familien übernommen. Der Begriff „kinderreich" ist wieder zum höchsten Ehrbegriff der deutschen Familie geworden. Der Kinder-
reichtum wird als etwas für die Volksgemeinschaft Wertvolles und Erstrebenswertes angesehen. Kinder- reich sein bedeutet wieder so viel wie reich sein an Lebensgefühl, reich sein an Zukunftsglück. Die kinderreiche Mutter ist für uns Deutsche fortan das Sinnbild des ewigen Lebens unserer Nation! Mögen daher die Mütter das „Ehrenkreuz der Deutschen Mutter" stets in Ehren tragen und es ihren Kindern und Kindeskindern als Zeugnis getreuer Pflichterfüllung in schwerer deutscher Notzeit vererben.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20.11 bis 22.1t „Ein Bummel über den Rummelplatz". — Gloria-Palast, Seltersweg: „In geheimer Mission". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Nordlicht . — Cas6 Leib: 19.61: 1900-Mas- kenball.
Großer Faschingsabend im Sladlchealer.
Heut, um 20.11 Uhr, findet der große Faschingsabend im Staüttheater statt. Es gibt in diesem Jahre einen „Bmpmel über den Rummelplatz" und einen heiteren Jahrmarkt mit einem Ausflug ins Paradies. Als Stallmeister wurde Gert Buchheim und Hans Geißler verpflichtet. Für die Zirkusmusik sorgt Joachim Popelka. Die Schaudarsteller
Gegenwarts- und Zukunstsfragen der deutschen Wirtschaft.
Eine wirtschaftspolitische Vortragsreihe der DAI.
Die Abteilung Berufserziehu-ngund B e - t r i e b s f ü h r u n g in der DAF. begann am gestrigen Montagabend im „Burghof" eine wirtschaftspolitische Vortragsreihe. Abteilungsleiter Muller hieß die Zuhörer willkommen. Sodann sprach
Prof. Or. W. Andreae
Direktor des Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts unserer Universität, über das Thema „Grundfragen der deutschen Wirtschaftspoli- t i k".
Der Redner sprach zunächst von ber Notwendigkeit der Aufgabe des kapitalistischen Systems, das besonders in Deutschland — begründet durch die Boden- und Rohstofsverhältnisse, wie auch durch die geopolitische Lage — überfällig sei. Der Kapitalismus habe vor allem in Deutschland nicht alle wirtschaftlichen Möglichkeiten zur Ausnützung gebracht, die an sich gegeben waren. Vielmehr habe Man sich, wo es möglich mar, auf billigere Einfuhr gestützt. Im Krieg sei dann die mangelnde Selbstversorgung verhängnisvoll geworden.
Im Interesse seiner Selbstversorgung fei für Deutschland die Erweiterung seines Wirtschaftsraumes notwendig. In der Ostmark und im Sudetenland seien neue Möglichkeiten gegeben, aber sie müßten erst erschlossen werden. Grotzdeutschland biete gleichzeitig die Grundlage für die politische und wirtschaftliche Erschließung Südosteuropas. Das bedeute auch den Schlüssel für Deutschlands Selbstversorgung! Die Frage nach den deutschen Kolonien fei nach wie vor von größter Bedeutung. Die Kolonien könnten mit den modernen Mitteln der Technik und des Verkehrs ganz anders erschlossen werden, als es vor dem Kriege und unter kapitalistischer Initiative möglich mar. Aber auch der Besitz der Kolonien könne Deutschland nicht völlig autark, wohl aber weitgehend unabhängig machen. Die wirtschaftliche Autarkie sei (nach genauen Erhebungen) keinem Lande der Erde möglich.
In klaren Gegenüberstellungen zeigte Prof. Dr. A n b r e a e die Unterschiede auf zwischen freiem Kapitalismus, bolschewistischer Planwirtschaft und der vom Faschismus und vom Nationalsozialismus erstrebten berufs ständischen Wirtschaftsordnung unter Oberleitung des Staa - t c 5. Er kennzeichnete die Ueberentroidlungen und Verkümmerungen, die sich durch den freien Kapitalismus ergaben und Krisen und Katastrophen (Arbeitslosigkeit!) zur Folge hatten,' er umriß in we
nigen Sätzen die Fehlspekulationen der bolschewistischen Planwirtschaft, die zur Unfruchtbarkeit verdammt fei, und stellte diesen beiden Wirtschaftsformen jene berufsständische Wirtschaftsordnung unter staatlicher Oberaufsicht gegenüber, wie sie in Deutschland und in Italien in ber Entwicklung begriffen ist. Die berufsständische Wirtschaftsordnung bedeute keine Ausschaltung des Wettbewerbs, vielmehr organisiere sie den Wettbewerb; sie bedeute keine freien, aber auch keine willkürlichen Preise, stelle den Gemeinnutz über den Eigennutz, ohne den Eigennutz als Initiative ganz auszuschalten. Der Staat habe sich in den Berufsständen, wie auch im Reichsnährstand Führungsinftrurnente geschaffen, Hobe der Wirtschaft eine staatliche Verfassung gegeben und doch dabei die prioatwirtschaftliche Initiative nicht unterdrückt.
In spezielleren Ausführungen behandelte der Vortragende dann die öffentliche Finanzwirtschaft als ein wesentliches Mittel zur staatlichen Leitung der Volkswirtschaft. Durch die öffentliche Finanzwirtschaft seien der deutschen Volkswirtschaft neue Inhalte gegeben, die Arbeitslosigkeit beseitigt und der Wirtschaft insgesamt großer Auftrieb gegeben worden. Die Arbeitslosigkeit sei dabei in einen Arbeitskräftemangel umgeschlagen. Der Redner erläuterte die großen Geldbewegungen, die dafür notwendig waren und die fo genial gelenkt worden feien, daß die Entfaltung aller produktiven Kräfte die Folge wurde.
Im weiteren Verlaufe des Vortrages beschäftigte sich Professor Andre ae noch mit Fragen der Währung und des Außenhandels und stellte beide Probleme als abhängig von der deutschen Selbstversorgung dar. Er schilderte ferner die gegenseitigen Beziehungen von Einsuhr und Ausfuhr und gab damit einen tiefen Einblick in die Verantwortlichkeiten unserer Wirtschaftsführung. Ferner streifte er die Leistungen unserer Volkswirtschaft für die Wehr- hastmachung und die Sicherung des Reiches, wie auch für die Sicherung ber Ernährung. In diesem Zusammenhang wies er auch auf die Gefahren der Landflucht hin. Abschließend gab er noch einen Ueberblüf über die Rohstoffversorgung für die Kriegswirtschaft und wies dabei auf die belebende Wirkung hin, die gerade von der Kriegswirtschaft durch Forschung und Erfindung ausgeht. Mit kurzem Ausblick auf die wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Zukunft schloß der Redner seine mit größtem Interesse verfolgten Ausführungen.
sind: das Solopersonal, die Tanzgruppe, der Chor des Stadttheaters und das Städtische Orchester. Der „Bummel über den Rummelplatz" ist nur auf Hei- terteit und Fasching eingeftellt. (Es liegt in ber Ab. sicht des Theaters, wenn möglichst viele Besucher bereits im Kostüm im Theater erscheinen. Die Dauer des Bummels ist so gelegt, daß stdem Besucher im weiteren Verlaufe der Fastnacht noch der Besuch anderer Veranstaltungen möglich ist. Ende 22.11 Uhr. An diesem Tag fällt die Vorstellung der Dienstag-Miete aus, da der Faschingsabend außer Miete stattfindet.
Die Chatten im Frühmittelatter.
Heber die interessante Geschichte unserer chattischen Ahnherren spricht Professor Dr. G. Tellenbach auf Veranlassung des Oberhessischen Geschlchtsver- eins am morgigen Mittwochabend in der 2lula des Gymnasiums.
Was sie werden wollen.
Die Berufswünsche der Abiturienten der höheren Schulen von Gießen.
Die Frage der Berufswahl ist bei den Abiturienten der Gießener Höheren Schulen entschieden. Darüber haben sie nach bestandenem Maturum beim Abgang von ihren Lehranstalten folgende Angaben gemacht:
Landgraf - Ludwigs - Gymnasium (22 Schüler und 3 Schülerinnen) Schüler: 4 Studium der Medizin, 3 Studium der Rechtswissenschaft, 6 Offiziere, 6 Studium der Chemie und Physik, 1 Studium der Wirtschaftswissenschaft, 1 Flugzeugbauer, 1 Studium der Landwirtschaft; Mädchen: 1 Kunstgewerbe, 1 Studium der Philologie, 1 Studium der Musik.
Langemarck-Schule, Oberschule für Knaben (52 Abiturienten): 8 Höheres Lehrfach. 11 Studium der Medizin, 4 Studium der Rechtswissenschaften, 5 Offizier, 3 Mittlere Beamte, 1 Studium der Chemie, 9 Ingenieur, 2 Studium der Wirtschaftswissenschaft, 1 Studium der Forstwissenschaft, 2 Studium der Landwirtschaft, 1 Bergbau, 1 Dolks- schullehrer, 5 haben sich über ihren künftigen Beruf noch nicht entschieden.
Justus-von-Liebig-Schule, Oberschule für Jungen (53 Abiturienten): 1 Reichsjugendführung, 11 Ingenieure, 6 Offiziere, 4 Studium der Philologie, 3 Polizeibcamte, 5 Studium der Chemie, 1 Dolmetscher, 2 Studium der Medizin, 11 mittlere Beamte, 1 Sport, 2 Studium der Zahnmedizin, 2 Studium der Forstwissenschaften, 1 Politische Hochschule, 1 Militärbeamter, 1 Zahlmeister, 1 Landwirt.
Aufruf zum Schaufensterwettbewerb.
NSG. Der Leiter des Deutschen Handels in der DAF., Feit, der Leiter der Reichsgruppe Handel, Dr. H a y l e r, und der Leiter des Berufswett' kampfes aller Schaffenden, Axmann, haben gemeinsam einen Aufruf zum Schaufensterwettbewerb 1939 erlassen, in dem es u. a. heißt:
„Das Großdeutsche Reich steht mitten im Kampf um seine politische und wirtschaftliche Freiheit. Die gesammelten Kräfte der Nation sind auf dieses geschichtlich beispiellos große Ziel ausgerichtet. Jedem Wirtschaftszweig fallen besondere Aufgaben zu, die er folgerichtig unter dem Einsatz stärkster persönlicher Initiative zu erreichen hot. Der deutsche Einzelhandel steht dabei vor einer sehr verantwortungsvollen, aber auch dankbaren Ausgabe. Sein Denken und Handeln muß jederzeit auf eine sinnvolle Verbrauchslenkung abgestellt sein. Die Millionen der Verbraucher müssen durch seine Werbemaßnahmen von der Leistungsfähigkeit der deutschen Erzeugung^ unterrichtet werden.
Vor allem muß die Schaufenstergestaltung stets auf dieses Ziel ausgerichtet fein. Ein großer Schaufensterwettbewerb in der Zeit vom 20. bis 30. April 1939, der im Rahmen des Reichsderufswettkampfes aller schaffenden Deutschen stattfindet, wird die einheitliche Marschrichtung des deutschen Einzelhandels vor der breiten Öffentlichkeit zeigen. Alle Arbeitskameraden, Betriebsführer und Gefolgschaftsmitglieder werden hiermit aufgerufen, sich daran zu beteiligen.
Eine Woche lang werden unter dem Leitgedanken: ,Der Deutsche Handel dankt durch Leistung^ die Schaufenster des gesamten deutschen Einzelhandels
Sag MÜchen Maye.
Nomon von Walther klocpffer.
Copyright byCarlDuncker Verlag, BeklinV^Z5
1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Tinser verdrehte kunstvoll seinen Kopf und erkannte Gaidl. Die Helligkeit der jetzt vollzählig aufgedrehten Lampen war unerbittlich und beschönigte nichts. Weder den Kragen des Herrn Gaidl noch den Anzug, noch das kleine fettige Gesicht, in dem Trinkeraugen, ein verwahrlostes Schnurrbärtchen und ein verbindliches Lächeln standen. Ein unbehagliches Gefühl zuckte durch Tinstr hin, Verblüffung, Abscheu, Furcht. Ja auch diese.
Tmser suchte mit diesem Gefühl fertig zu werden, was nicht leicht war. „Ach Sie, Herr Gaidl!" begrüßte er dann den ehemaligen Laboraloriums- diener. „Da schau her! So eine Ueberraschung! Lange haben wir uns nicht mehr gesehen. Wird ein gutes Jahr her fein, schätze ich. Oder darüber'?" Er brachte das mit der berechneten und hastigen Freundlichkeit vor, die den andern nicht vor den Kopf stoßen möchte.
„Gradaus fünfzehn Monate, Herr Baron. Sapper- mentnochmal, war das eine Frau vorhin, die mit dem Tüll! So was kriegt halt unsereins nicht in den Arm, erwiderte Gaidl und schlug sich auf den Schenkel. Dann musterte er anerkennend und nicht ohne Sachverständnis den gutsitzenden Anzug des Herrn von Tinser. „Fesch schauen 'S aus, Herr Baron, einfach bullt. Wie weiland Adonis. Braun, gesund und elegant wie immer. So ein Mann wie sie hat aber auch ein Leden wie Gott in Frankreich. Der Sakko da möcht ein schönes Geldl ge=' kostet ham. Na, ich vergönn's Ihnen. Leben und leben, lassen. Nicht?"
Das geht ja wie geschmiert, dachte Tinser, peinlich berührt. Wenn ihnen jemand zusah! Er massierte seinen steif werdenden Hals. Was wollte diese kleine lästige Ratte in einem Lokal, das aanz unb gar nicht für sie paßte? Bloß nassauern? Mit einer regulären Karte war dieser Gaidf sein Lebtag nicht da hereingekommen. Ihm schwante Mißliches.
„Der Herr Baron werden sich wundern, wieso ich dasitze? Hihi. Bloß wegen Ihnen. Hat Arbeit genug gekostet. Sie zu sprechen. Erst hab' ich in Ihrer Wohnung nachgefragt, dann hab' ich Anstände mit dem Portier unten gehabt, dann hab' ich mich hinten eingeschlichen und jetzt bin ich da."
„Bitte", murmelte Tinser schwach.
einer Sein
einer Gaidl
gründ bearbeitete ein brauner Mann vor Schilf Hütte zwei Urwaldtrommeln. Das lenkte von feinem Unternehmen ein bißchen ab.
wünschen übrig. Ihm war kümmerlich zumute; denn es war bei Gott keine Kleinigkeit, solche Dinge ins Antlitz gesagt zu bekommen. Gaidl, dieser verdammte erpresserische Lump, sprach leider die Wahrheit. Man hatte sich hinreißen lassen, damals, vor undenklichen Zeiten, war ein bißchen unkorrekt gewesen und nun hielt einem dieser Säufer plötzlich die Rechnung vor.
Der junge Tinser starrte finster auf die Bühne, aber seltsamerweise sah er nicht die Südseelandschaft auf den Brettern, nicht die hopsenden Mädchen und die verrückt angezogene Tüllfrau, sondern etwas gänzlich anderes, nämlich ein Labor mit allen modernen Einrichtungen, den Arbeitsfaal II im Biologischen Institut, in dem sich vor einem Jahr jene Geschichte mit den Mäusen zugetragen hatte. Er war damals Doktorrand gewesen, kein sehr fleißiger übrigens, weil alles nur sprunghaft und zu wenig ausdauernd bei ihm war, und hatte wegen Schulden und Mädelgeschichten wieder mal schweren Krach mit seinem Vater gehabt. Um dem Alten eine bessere Meinung beizubringen, hatte er sich wütend auf einen Versuch gestürzt, der Erfolg verhieß und die Behauptung über scheinbare Ausnahmen vom Men-
Tinser saß da wie ein Mann, der von Reihe schmerzhafter Blitze getroffen ist. hübsches flottes Gesicht verfiel. Seine Stirn, edel geformt' und knabenhaft, beschlug sich mit feinen Schweißtröpfchen. Auch feine Haltung ließ zu
„Ihr Erper'irnent damals, Sie wissen schon, mit den Mäusen, das war eine bodenlose Angelegenheit. Kühn einfach. Daß die gelehrten Herren nicht dahintergekommen sind, wundert mich heute noch. Hihi. Na, mir kann's recht fein. Ich für meine Person hab' sofort gewußt, was da gespielt wird. Ick) hab' doch kein Sägmehl im Kopf. Ich mach' Ihnen auch gar keinen Vorwurf. Hell muß der Mensch sein. Aber, daß Sie jetzt so knauserig zu mir sind, find' ich nicht schön. Wo ich die ganze Zeit her stumm war wie ein Spiegelkarpfen und kein Sterbenswörtel geschnauft habe. Der Gaidl Schani hat sich wie ein Kavalier benommen, daß Sie es nur wissen. Also, wie fteht's mit dem Tausender? Was ist für Sie eine Null mehr oder weniger, für so einen feinen Herrn! Ich fitz doch im Druck, sonst tät ich überhaupt nicht daherkommen. Gaidl wischte seine schwitzenden Hände an der Hose ab.
Der himbeerrote Vorhang rauschte auseinander und gab braune Kanakenmädchen preis, die einen wilden Reigen um die Tüllfrau tanzten. Im Hinter-
„Mochten 'S Ihnen nicht Hintersitzen zu mir, damit ich nicht so schreien brauch'? Es ist besser i wegen der Leuf."
Tinser wechselte den Platz, widerwillig, aber unter l einem dunklen Zwang. „Ja und — ?'
„Tausendmal Dankschön, Herr Baron. Schauen 'S unfereinem aeht's nicht so gut wie Ihnen. Das ; sehen 'S ja an dem Gwandl da. Aus dem Biologi- ; scheu Institut haben sie mich dazumal rausgefeuert, weil ich angeblich nicht zuverlässig wär'. Ich bitt' Sie — mit 25 Schilling in der Wochen soll bei • denen einer auch noch zuverlässig sein! Alsdann bin ich halt gegangen und hab' was anderes probiert. Zuerst Hausieren. Aber da braucht man einen Wandergewerbeschein, und den hab' ich nicht gehabt. Dann Autowäschen und Dienstmann. Zuletzt war ich Schrcibergesell' in einer Adookatenkanzlei; * 1 aber da war wieder meine Schrift nicht gut genug. Und jetzt lieg’ ich seit etlichen Wochen aus der Straße. Sie, das ist hart, wenn einer auf die Fünfzig zugeht! Heut', akkurat, heut' nachmittag kommt mir eine Idee. Denk ich mir: suchst einmal den Herrn non Tinser auf! Das ist ein nobler Mann, der hilft dir, der laßt dich nicht verkommen, der hat ein Gefühl. Also deswegen wär' ich da, g'hor- samst zu vermelden."
Tinser zog mit einer gewissen Erleichterung die Brieftasche und reichte feinem Nachbarn eine 100- SckMing-Note. Gaidl besah sich den Schein, dann seufzte er:
„Hundert sind ein bifferl wenig, wie bei mir der Hase läuft. Ich tät’ den Herrn Baron schon bitten, hinten ein Nulleri anzuhängen."
„Sind Sie verrückt?!" brauste Tinser auf.
„Net ausregen, Herr Baron. Alsdann muß ich halt deutlicher werden." Gaidls Augen bekamen | einen tückischen Schimmer und seine spitze Hunger-1 nase zitterte ein bißchen. „Wie haben wir am Pennal gelernt? Manus manum lavat. Eine Hand wäscht die andere. Gel, da staunen 'S! Der Schani Gaidl hat nämlich drei Klassen Lateinschule mitgemacht, in der vierten hat mich das Griechische geworfen. Von da an war überhaupt das ganze Leden Pschefina. Hand aufs Herz, Herr Baron — ich hab' zuerst gewaschen, jetzt ist an Ihnen die Reihe."
„Was wollen Sie damit sagen?" murmelte Tinser unsicher und verspürte ein eisfaltcs Ziehen die Wirbelsäule entlang.
Gaidl überhörte diese Frage, kratzte an seiner mangelhaften Rasur herum, schiette ein bißchen nach der Bühne, wo sich rotbefrackte Diener zu schaffen machten, und fuhr in leichtem Plauderton fort:
delschen Gesetz erhärten sollte. Kurz und gut, Tinser probierte mit Mäusen herum, weißen und grauen, nahm monatelang die tollsten Kreuzungen vor, verrannte sich in eine Sackgasse, kam nicht mehr vorwärts, der alte Herr wurde immer schwieriger. In dieser Bedrängnis verfiel Tinser nun auf die Dummheit, dem Glück nachhelfen zu wollen. Als er wieder einmal so einen Wurf piepsender Mäuse vor . sich hatte, der ihm nicht in den Kram paßte — es waren zuviel dunkle und zuwenig helle darunter — färbte er kurz entschlossen die Fellchen einiger zu dunkel gerdtener Tiere mit einem bleichenden Mittel um, frisierte die Zuchtprotokolle zurecht und spannte dann sämtliche Felle zu Vorführungszwecken fein säuberlich auf eine Unterlage. Dann schrieb er eine Ab« Handlung nieder, die in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erschien und Aufsehen in Fachkreisen erregte. Das Ganze wob ein bißchen Ruhm um seinen Namen, machte den gewünschten Eindruck auf Tinsek senior, und es kam in der Tat zu einer Versöhnung. Aber, wie es zu gehen pflegt im Leben, jene Abhandlung wurde von neuen Arbeiten in den Schatten gestellt, der Ruhm verblaßte und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn erlitt Rückschläge. Wenn man’s genau besah, war jenes corriger U fortune für die Katze gewesen; von wirtschaftlichen Vorteilen keine Rede, nur Gewissensbisse hinterher und Angst. Heute kam ein Neues hinzu — Erpreß sung. Der Mann Gaidl, ein damals im Institut aushilfsweise beschäftigter Tierwärter, Diener und Präparator, hatte Tinser bei feinem Manöver überrascht und war von ihm, da er harmlos und ungefährlich schien, bisher nicht in Rechnung gezogen worden. Heute nun tauchte er unerwartet auf, hielt bösartige Reden und bewies, daß er ein ganz geriebener Bursche war, vor dem man sich hüten mußte.
Tinser tupfte sich die Stirn.
Er hatte die ganxe Zeit her geglaubt, jene peinliche Angelegenheit sei eingeschlafen, in Vergessenheit geraten und kein Hahn krähe mehr danach; jefct kam dieser Gaidl daher, überfiel ihn mit dieser dümmsten Dummheit feines sechsundzwanzigjährigen Leben» und redete plumpvertrauliche Töne. Man mußte diesem Kerl das Maul stopfen, klar.
Tinser fischte voll Beschämung eine Anzahl Scheine aus seiner Geldtasche, stieß Gaidl an und murrte: „Da! Aber jetzt bitte ich mir aus, daß Ruhe ist. Ich bin auch kein Millionär. Daß Sie mir nicht wiederkommen! Ich gebe Ihnen das auch nur, weil Sie mich dauern und weil wir mitein* ander gearbeitet haben. Sind Sie verheiratet?"
(Fortsetzung folgt!).


