Unsere Sitter-Jugend im Kannebäüerland
alle
Gießener Jungvolk aus Fahri im Meingau
Giehener Wochenmarktprelse.
♦ Gießen, 20.Juli. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Wirsing, M kg 10 bis 12, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 20, gelbe Rüben 10 bis 14, das Bündel 8 bis 10, rote Rüben 12 bis 15, das Bündel 10 bis 12, Spinat 20, Römischkohl 10 bis 12, Bohnen, grün
Gastfreundschaft schieden anderen Tages die Licher Jungen aus Siershahn.
Nun marschieren die verschiedenen Fahrgruppen konzentrisch auf Selters und Montabaur zu, um von dort aus wieder den Zug zu besteigen, der sie in die Heimat bringen soll.
25 bis 37, gelb 30 bis 40, Erbsen 15 bis 25, Tomaten, deutsche 35 bis 50, italienische 20 bis 22, Zwiebeln 14 bis 15, das Bündel 10 bis 12, Rhabarber 8, Pilze 50, Kartoffeln, neue, Ü kg 9 Pf., 5 kg 85 Pf., 50 kg 7,60 bis 7,80 Mark, Frühäpfel, % kg 35 Pf- Pfirsiche 30 bis 45, Himbeeren 35 bis 45, Birnen 40 bis 45, Kirschen 30 bis 40, Heidelbeeren 44, Stachelbeeren 10 bis 30, Johannisbeeren 15 bis 20,
rechtzeitig zu tränken. Sorgt für .
Vieh- und Pferdeställen und für gute Lüftung derselben: vermeidet aber jede Zugluft. Der Stall soll die Wohnung des Tieres, nicht aber dessen Kerker fein. Reinlichkeit und gute Tierpflege steigert die Leistung unb den (Ertrag. B-ry-tzt bet der Full- euerer Arbeit auch des treuen Wächters, des Kettenhundes, nicht. Haltet feine Hütte sauber und ungc- zieferfrei. Stellt sie an einen schattigen Platz. Gebt dem Hunde auskömmliches Futter, aber kein saures, und sorgt, daß er rechtzeitig frisches Wasser be- kommt. Laßt ihn auch ab und zu baden. Nehmt ihn täglich einige Stunden von der Kette, denn der Hund muß sich auch auslaufen. Habt ihr euren Hof umzäunt, so laßt euren Wächter nachts frei. Er erfüllt dann seinen Zweck besser, als wenn er
geht es bei den Dorfgemeinschaftsaben- den zu. Ohne allzu große Werbung findet sich di« Bevölkerung, alt und jung, in der Turnhalle oder in einem anderen großen Saal« ein. Das stramme Auftreten und der Sport der Pimpfe maiyen auf den Zuschauer schon einen gewaltigen Eindruck. Wenn es dem Ansager, der wichtigsten Person des Abends, gelingt, di« richtige Stimmung reinzubrin- gen, dann Lauert es nicht lange, bis die Zuhörer selber mitspielen und mitsingen. Lieder und Dor- führungen wechseln in bunter Reihenfolge. Bei diesen Gemeinschaftsabenden werden die Pfimpfe zu reinen Künstlern. Einer gibt ein« Vorstellung mit seiner Susi, einem dressieren Floh. Alle Kunststücke vollbringt er mit dem m Wirklichkeit überhaupt nicht vorhandenen Zögling. Ein anderer entpuppt sich als Zauberkünstler, der es versteht, seine Zu- Hörer nach allen Regeln der Kunst „hereinßulcgen". Ein Abessinierchor verblüfft durch seine seltsamen Weisen. Unser kleiner Soldsänaer erntet besonders großen Beifall mit dem Bauernschwank „Des Sonntags nach dem Rasier'n". Die Stimmung erreicht ihren Höhepunkt bei dem Schunkellied „Ich bin
an der Kette liegt.
Was ist ein Entstehungsbrand?
NSG. Wenn heute der Luftschutz ruft: Beschafft euch Selbschutzgeräte!, dann sagt vielleicht so mancher: „Das ist doch unnütz. Wie kann man mit solch einfachen Geräten einen großen Brand löschen?" Er denkt nicht daran, daß jeder Großbrand erst einmal ein kleiner Brand gewesen ist. Denn wenn irgendeine Feuersgefahr auftritt oder etwa eine Brandbombe einschlägt, dann steht nicht sofort der betroffene Raum ober das betroffene Stockwerk in Hellen Flammen, sondern es entsteht erst ein kleiner Brand. Dieser Entstehungsbrand läßt sich aber sehr wohl mit Selbstschutzgeräten löschen. Er breitet sich erst zum Großbrand aus, wenn er unbeachtet bleibt und niemand rechtzeitig zugreift. Da die Selbstschutzkräfte im selben Hause sich aufhalten und demnach sofort zur Stelle sein können, fo kann die Hausfeuerwehr auch mit Sicherheit des Entstehungsbrandes Herr werden. Daß man im übrigen — wie schon viele Versuche ergeben haben — auch einen ausgewachsenen Dachstuhlbrand mit solch einfachem Löschgerät erfolgreich Niederkämpfen kann, sei nur nebenbei erwähnt..
Mit einem kleinen Aufwand für die Beschaffung der Selbstschutzgeräte kann man also eine große Gefahr beseitigen. Darum hilf mit, diese Geräte für deine Lustschutzgemeinschaft zu beschaffen!
ein Steinerbur". Ein altes Volkslied beendet das frohe Zusammensein.
Der Gesundheitszustand ist sehr befriedigend. Jeden Tag halten Fahrtgruppenführer einen Fußappell ab. Dadurch, daß vorher auf die Bedeutung der Fußpflege hingewiesen wurde, ist die Zahl der Fußkrankcn wesentlich geringer als im Vorjahr. Die Gruppenführer haben Sanitätszeug bei sich, um bei einem kleinen Unglüds’faH erste Hilfe leisten zu können.
Freitag 9.10 Uhr Ankunft in Gießen.
Für di« Eltern, die ihre Jungen in Gießen abholen wollen, sei gesagt, daß der Sonderzug Frei« tagmorgen 9.10 Uhr eintrifft.
Am Samstaamoraen hatten wir im Lager m Bad Schwalbach noch einmal Kaffee erhalten. Schon in aller Frühe ruckten diesenigen Fahrtengruppen ab, die einen weiten Weg vor sich hatten. Sie wurden von dem Lagerleiter, Fähnleinführer Lotz, mit besten Wünschen für die Fahrt verabschiedet.
Auf dem Marsch wurde niemand überanstrengt. Waren die Tagesstrecken für die Pimpfe zu lana, dann wurden Omnibusse eingesetzt. Auf den viel- gewundenen Bergstraßen ging es in einzelnen Etappen dem Rhein zu. F ä h n l e i n 5 und die Spiel- schar waren schon während der Lagerzeit nrit Lastwagen, die der Reichsarbeitsdienst zur Verfügung gestellt hatte, an den Rhein gefahren, weil ihr Fahrtweg nicht an den Rhein führte. Die Autofahrt an den schönen deutschen Strom hinterließ einen starken Eindruck bei den Pimpfen.
Die anderen Gießener Einheiten werden im Same der nächsten Tage den Rhein erreichen. Schon früh wird damit den Jungen der Wunsch jedes Dcut- chen, einmal den Rhein zu sehen, erfüllt. Und um ere Fahrt führt uns gerade an die landschaftlich chönsten Stellen des deutschen Stromes. So werden mir die sagenumwobene Loreley und die gc- walttgste Rheinburg, die Feste Rheinfels, besichtigen. Eine andere Fahrtabteilung besuchte den Rhein bei Eaub, der durch den Uebergang Blüchers bekannt gewordenen Stadt.
Die Stimmung bei den Pimpfen ist daher auch die denkbar beste. An einigen Orten dankten sie durch Si n g a b e n d e bei der Dorflinde für die gute Bewirtung. Das Schöne dabei ist, daß sich die Bevölkerung unaufgefordert einstellt. Wenn mir durch den Ort marschieren und uns zum Singen aufstellen, dauert es nicht lange, und wir sind von Zuhörern umringt. Die frohen Fahrtenlieder und die alten Soldatenweisen, oft von Zieharmonika begleitet, sind für die Bauern eine angenehme lieber» raschung nach der schweren FeDarbeit. Nach schöner
Ausflug an den Rhein, fuhren nach Koblenz, be- sichtigten die Stadt und bi« Festung Chrenbreltstein unö wurden gerade aus Ehrenbreitstein stark be- eindruckt von dem was sich ihnen bot.
Die Gießener Hitler-Jugend besuchte die alte Stabt Westerburg, marschierte dann über Rothenbach nach Dreifelden und genoß dann den herrlichen Anblick der nassauischen Seenplatte. Die Jungen aus „Bad Lick" madchierten von Hohn über Aemtherod und Oetzingen nach Siershahn, um dort mit der Bevölkerung in einem der größten Säle des Ortes und in Anwesenheit von 2000 Personen einen schönen gemeinschaftlichen Abend zu verleben. Alt und jung hatten sich versammelt, und sie wurden nicht enttäuscht. Nach der Begrüßung durch Gefolaschaftssührer Krechberger trug der bereits im Westerwald volkstümlick aewor- den« Komiker Schmidt, genannt „Orunulli , zur lustigsten Unterhaltung bei. Selbstverständlich wurde auch musiziert und gesungen. Allzu schnell vergingen die Stunden. Mit herzlichem Dank für die bewiesene
Erdbeeren 45, Mirabellen 45, Blumenkohl, das Stück 10 bis 50, Salat 5 bis 10, Salatgurken 20 bis 40, Einmachgurken 3 bis 8, Oberkohlrabi 5 bis 10, Rettich 5 bis 10, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.
Aus der engeren Heimat.
60 Jahre
Gesangverein »Victoria- Garbenteich.
Garbenteich, 19.Juli. Am 13.Juli dieser Jahres waren es 60 Jahre, daß der hiesige Gesang, verein „Dictoria" von 16 jungen Männern gegründet wurde. Aus diesem Anlaß veranstaltete der Verein ein Jubiläumskonzert. Im vollbesetzten Saalbau Lotz erfreute der Verein mit einem sorg- faltig zusammengestellten Programm, das in seinem ersten Teil ausschließlich Lieder von Silcher brachte, während der zweite Teil Chor- und Orchestervorträgen gewidmet war, die Sein und Werden des Großdeutschen Reiches veranschaulichten. Den musikalischen Tell der Veranstaltung hatte der Musikzug der SA.^Standarte 116 übernommen.
Im Verlauf des Konzerts sprach Chorleiter Som- mer über den großen Liederkomponisten Silcher und über seine Lebensarbeit. Auch über die im Rahmen des Abends vorgetragenen Silcherlieder referierte der Chorleiter und vertiefte damit das Verständnis für die einzelnen Darbietungen.
Der Chor des Vereins entledigte sich in seinen Vorträgen feiner Aufgaben mit großem Geschick und ließ erkennen, daß sorgfältig geübt worden war und der Chor durch den Chorleiter in seiner Leistung auf eine beachtliche Höhe gebracht worden ist. Der Schlußchor (mit Orchester) „Friedericus Rer" mußte wiederholt werden. Auch die musikalischen Darbietungen des Abends fanden reichen Beifall. Dereinsführer Stein hielt im weiteren Verlauf des Abends eine Ansprache und gedachte bann der beiden noch lebenden Gründer, des 83jährigen Heinrich Ruhl, der jetzt Ehrenvorsitzen, der ist, und des 79jährigen Heinrich Schenk. Beide Jubilars wurden mit je einem Geschenk ausgezeichnet. Bürgermeister Brick, der zweite Ehrenvorsitzende des Vereins, überreichte dem Verein als Gabe der Ehrenmitglieder einen handgefertigten künstlerischen Notenständer. Gesangverein „Ein- tracht" Steinbach und der befreundete Gesangverein Inheiden stifteten je einen Chor. Dereinsführer Stein sagte allen Freunden und Gästen herzlichen Dank für die aus Anlaß des 60jährigen Bestehen, des Gesangvereins erwiesenen Aufmerksamkeiten.
Ein ganzes Anwesen niedergebrannt.
* Eichelsdorf bei Schotten, 20. Juli. In der Nacht zum gestrigen Mittwoch wurde unser Dorf durch Feueralarm aufgeschreckt. Gegen Mitternacht war im Anwesen oes Landwirts Heinrich Eifert Feuer ausgebrochsn, dem trotz der aufopfernden Tätigkeit der Feuerwehr das ganze Anwesen zum Opfer fiel. Das Feuer fand besonders in der Scheune reiche Nahrung, in der die ganze Heuernte aufgestapelt war. Das Vieh konnte gerettet werden, lediglich einige Hühner kamen in den Flammen um. Der Schaden ist beträchtlich. Die Kriminalpolizei Gießen nahm sofort die Ermittelungen nach der Brandursache auf.
Landkreis Gießen.
< Reiskirchen, 19.Juli. Am Sonntag fand in unserem Orte die Uebergabe des SA. - Stur» mes 4/116 an den neuen Sturmführer, Ober« truppführer Glatthaar (Reinharbshain), (tatt. Der Sturm trat mit Fahne und SpielmannsM beim Gemeinschaftshaus an. Der bisherige Führer des Sturms, Obersturmführer Heintz (Winnerod), der vom Finanzamt Grünberg nach Frankfurt versetzt wurde und infolgedessen die Führung des Sturms niederlegen mußte, hielt eine Ansprache, in der er einen Rückblick auf die vergangenen sechs Jahre, während er den Sturm führte, gab. Er sprach davon, daß er ungern scheide, dem Sturm
Auf Men WaDweyen, die Fahnen eingerollt (denn es regnet zeitweise) marschierte unsere ober- besiische Hitler-Jugend durch den Westerwald. Wohl alle haben zu der herrlichen Landschaft em herzliches Verhältnis gewonnen, und so mancher fragte sich, warum er dieses schone Fleckchen deutscher Erde noch nicht früher kennengelernt hatte. Wenn wr im Geiste den Weaen der Hitler-Jugend folgen, so fanden wir in diesen Tagen die fjnebberger HI- auf dem Marsch nach der Stadt Hachenburg mit ihrem schönen Schloß. Sie hatten vorher im Men Bistertal im Quartier gelegen unö hatten Oie „Jtrop pacher Schweiz" kennengelernt. Die Jungen aus Watzenborn-Steinberg manöerten durch bas romantische Sayntal bis in den Mittelpunkt des Kannebäckerlandes, nach Höhr - Grenzhausen, bas im Kessel des auslaufenden Fehrbaches liegt, sich breit über die Höhe hinlageri und wieder absallt in das Tal des Brexbaches. Die Stabt bot sich m bewegtester landschaftlicher Lage dar, und die Jun- gen nahmen das, was sich hier bot, mit bereiten Augen auf. Don besonderem Reiz war es dabei auch, die Töpferkunstwerkstätten kennenzulttnen und zu sehen, wie die einzelnen Gebrauchsgeschirre und der Hausrat unter Den Händen der Töpfer entstehen. Don Höhr - Grenzhausen unternahmen dann auch die Watzenborn-Steinberger Jungen den
Di« Tierschutzbewegung wendet sich an Pferdehalter und Gespannführer mit der Mahnung, ihre Zugtiere in der heißen Jahreszeit nicht un- nötig längere Zeit in der Sonne stehen Zu lassen. Achtet auf guten Sitz des Geschirres, damit keine Druckschäden entstehen, di« dem Tiere empfindliche Schmerzen bereiten und es in der Arbeit schwer beeinträchtigen. Vergeßt nicht, an heißen Tagen ..... ■ •• • cr- Sauberkeit in den
Schaufel oder Spaten, Beil« oder Aexte sowie Wäscheleinen. In manchen Gegenden gibt es Stutzen, mit deren Hilfe man die mit Wäsche behangenen Leinen in die Höhe stemmt. Jede solcher Stangen gibt, mit einem starken Nagel versehen, emen guten Einreißhaken. Auch jeder Bootshaken ist ohne netteres ein vorzüglicher Einreißhaken.
Nun gibt es aber zwei Dinge, die nicht vorhanden sind, aber dringend gebraucht werben: die Hand- feuerspritze (gemeint sind Einstell- und Kubelspritzen mit einem 5 Meter langen Schlauch) und die ßuft- schutzhausapotheke. Diese Gegenstände kosten Geld. Damit nicht einer alles bezahlt und weil die Gerätschaften allen dienen, sollen sie auch gemeinschaftlich beschafft werden. Um das zu erreichen, haben aus Anregung des Reichsluftfahrtmimsteriums die Prasi. benten der Reichsbünde der Mieter und Vermieter einen Aufruf erlassen, durch den die Hausgemeinschaft (= Luftschutzgemeinschaft) aufgesordert wird, sich gemeinsam an den Kosten zu beteiligen. Wie das im einzelnen zu geschehen hat, ist nicht bestimmt worden, da es selbstverständlich ist, daß der finanziell Stärkere auch die geldlich größeren Leistungen vollbringt.
Schützt die Tiere
vor Hitze und Ungeziefer!
GROSSGARAGE
■fUtet U/elten
Roman von Harald Baumgarten
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35
20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Die Geschäftsleute hatten mit der großen Werbung bereits begonnen. Alles, was zu locken vermochte, stand in den weihnachtlichen Schaufenstern. In der Tauentzienstraße drängte sich um die Mittagsstunde eine dichte Menge Schau- und Kauflustiger.
Es fiel nicht auf, daß ein junger Mensch die Auslage eines Kaufhauses betrachtete, in dem Damen- tleiber verführerisch ausgestellt waren. Der Mann sah ein wenig schäbig aus und rührte sich nicht van seinem Platz. Er ließ sich ruhig drängen und schubsen, bis er plötzlich einen Entschluß gefaßt zu haben schien und sich umwandte. Dabei ging er, ohne ihm mehr als einen Blick zu schenken, dicht an einem älteren, behäbigen Herrn vorbei.
Nun bummelte der junge Mann die Tauentzienstraße hinauf. Bei einem Krawattengeschäft machte er abermals halt. Davor stand ein elegant gekleideter Herr unb betrachtete bie Auslage.
Der schäbig angezogene Mensch öffnete ben Munb. Golbzähne blitzten. „Was nun?" zischelte er.
,Hn ber Garage ist es nicht!" ermiberte ber An- gerebete leise unb beugte sich vor, als interessiere ihn nun ber neue einfarbige Schlips, ber zu allen Anzügen paßte.
„j)at sie es vielleicht?" fragte ber Schäbige.
Wenn Dorübergeyenbe vor bem Schaufenster stehenblieben, schwiegen bie beiben, als wären sie einanber unbekannt.
Der Herr richtete sich auf. Er wanbte beim Sprechen ben Kops leicht zur Seite. „Sie weiß bestimmt von nichts. Vielleicht hat er es gar nicht bei sich gehabt?"
„Unsinn! Dann hätte man bas Mäbel schon irgenb- wie benachrichtigt."
„Es muß in Der Garage sein ..."
„Dann haste schlecht gesucht."
„Hättest ja mitsuchen können!" Die Sätze fielen in Zwischenräumen.
„Kommt nicht in Frage, James! Schramm wirb ungebulbig. Schließlich hat er sein Gelb in bie Sache hineingesteckt. Er hat es bir gegeben. Schramm will fein Gelb nicht verlieren. Du kennst ihn noch nicht... Weißt bu, baß gestern schon zwei Greiser hinter mir her waren? Wenn Schramm mich nicht gewarnt hätte, wär' ich ihnen in bie Zange gelaufen. Sieh zu, baß bu es heute finbest!"
Der elegante junge Mensch war bei ben Worten
bes Schäbigen zusammengezuckt. „Ich bin knapp — ich brauche noch was!"
„Ausgeschlossen! Schramm gibt nichts mehr. Hast vorher Doch solch großen Munb gehabt. Du mußt bas Ding finben!" Der Schäbige wanbte sich ab unb bummelte bie Straße hinunter.
Er pfiff leise vor sich hin. Das hat man bavon, bachte er roütenb, wenn man sich mit solchem Lurchen einläht! Hat keinen Dunst von irgenb etwas, solch ein Mist! Jetzt kann ich nicht mal mehr zu Frau Zanger. Dort passen Sie auf mich auf. Muß wieber ganz nach brauhen in bie Bube zurück. Na, vielleicht findet er es doch noch?!
Er war bis zu bem Kaufhaus gekommen, vor dem der ältere Mann mit dem Seehundsbart Noch immer stand. Langsam stieg er an ihm vorüber und bog in eine Seitenstraße ein. Dort begab er sich in eine Kneipe.
Der behäbige ältere Herr hatte ihm flüchtig nachgesehen. Den Stock schlenkernd, folgte er geruhsam dem Schäbigen.
*
Margit Larsen hatte an diesem Samstagmittag nicht lange in Babelsberg zu tun. Die Würfel waren gefallen: sie spielte die Rolle der Sicheren.
Regisseur Pernau war begeistert. „Es ist etwas Neues in dir, Margit!" hatte er immer wieder betont. „Etwas, das wie ein Ausblick in ein Gebiet ist, das du noch nie betreten hast!"
Werner hatte noch endlose Besprechungen mit den Drehbuchverfassern. Aber das ging sie, Margit, nichts mehr an. Sie war nicht mehr seine Partnerin. Sie war über eine Schwelle getreten und stand in einem neuen Raum ihres Lebens.
Es mußte mo^l fo fein! dachte sie. Ich mußte mich von Vallendar trennen, um diese Möglichkeiten zu bekommen. Wir Künstler sind doch immer nur Instrumente, auf denen das Leben spielt; wir müssen sie einmal in uns selbst gehört haben, um sie fingen zu können.
Sic lehnte bie Stirn an bie Kühle bes Spiegels. (Bemife, es tat weh. Ader nicht mehr ganz fo weh mie gestern... Aufmerksam betrachtete sie ihr Spiegelbilb. Es war, als sähe sie nicht nur ihre 3uge; es kam ihr vor, als könne sie ihre Seele vor sich entblättern.
Vallendar gab mir bie letzte Blüte meiner ersten Äugend wieder, empfand sie. Ich hätte wohl da- mals schon diesen Schritt tun müssen, wenn ich ihn, Werner, nicht geliebt hätte. Aber es läßt sich nichts aufhalten. Für eine kurze Spanne vielleicht Nicht auf bie Dauer. Man kann wohl sich unb bas Publikum tauschen. Aber nun ist diese Zeit vorbei Ich empfand den Schmerz des Verzichts unb kann ihn umformen, kann ihn künstlerisch gestalten unb mich selbst neu finben.
Sie lächelte ihrem Spiegelbild zu. Der Weg einer Künstlerin ist schwer.
Sie wandte dem Spiegel den Rücken, nahm ihre Rolle vom Tisch unb begann zu studieren. Oh, wie ie diese Frau verstand! Die Frau, die zwischen >en Altern stand! Ob Werner wußte, wi« alt ft« war? Er hatte sie nie gefragt... Sicher wußte er ihr Alter nicht. Niemand wußte es. Nur Dr. Römer, der sie behandelte. Aber Dr. Römer schwieg.
Einmal hatte er zu ihr gesagt: „Wir sind jetzt in einem Alter, gnädige Frau, da wir di« Mah- nungen des Körpers nicht mehr Übersehen dürfen!
Ach ja: bie verschwenderische Kraft der ersten Jugend! Die Klein«, bie Vallendar liebte, die hatte sie...
Richtig: die Kostüme! Natürlich mußten bie im Mobesalon ,Helga" entworfen werben. Nirgends verstand man so gut wie dort, auj ihre Wünsche einzugehen. Aber bort war bas Mädchen, dort war bie kleine Sanbner... Was tat es? Warum nicht? So war eben das Leben!
Sie ließ ihren Wagen vorfahren. „Modesalon Helgas." sagte sie zu ihrem Chaujscur.
Die Uhr ber Kaiscr-Wilhclm-Gebachtniskirche schlug zwölf, als sie an ihr vorüberfuhr. Wcniae Minuten später hielt ihr Wagen vor bem Modeladen.
Die Inhaberin hatte Margit bereits beim Aus- steigen bemerkt. Sie öffnete ihr selbst die Tür. „Wie reizend, gnädige Frau, daß Sie kommen! Ich habe es schon in ber Morgenzeitung gelesen; Sie spielen wieber eine große Rolle mit Herrn Dallenbar zu- fammen."
„Oh", Margit konnte sogar lächeln, „wir spielen in einem Film. So ist es richtig."
Die Inhaberin führte Margit burch ben Laben in ben Raum, wo Charly arbeitete.
Es war ein Helles, großes Zimmer, bas nach bem Garten hinausaing. Nebenan lag bas Umfleibe« zimmer für bie Dorführbamsn. Man hörte ihr leises ©eplauber unb ihr Lachen burch ben bicken Vorhang.
Charly faß vor bem Tisch und zeichnete. Sie sprang auf, als sic Margit sah, und schob ihr einen Stuhl zurecht. „Guten Tag, gnädige Frau!"
Margit nahm Platz. „Ich möchte mit Ihnen über meine neuen Kostüme sprechen, Fräulein Sandner."
Charly spannte einen neuen Bogen auf ben langen Tisch. „Unb was für Kostüme brauchen Sie, gnäbige Frau? Was bachten Sie sich?"
Nach etwa zwei Stunben verließ Margit Larsen ben Mobesalon ,Helga". Charly begleitete sie bis an bie Tür.
„Diel Glück, liebe Kleine!" sagte Margit beim Ab- schiebnehmen ...
Der ganze Bogen, ben Charly aufgespannt hatte, war mit Entwürfen bebetft
Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, würbe ber Vorhang vorsichtig bciscitegeschoben. Ein kunstvoll frisierter Mädchenkopf zeigte sich. Er gehörte ber blonben Ina, bie Zweiunbvicrziger-Kostümc vor- I führte. „Oh, Charly, zeigen Sie, was bie Larsen sich
machen lassen will! Sie ist mein Schwarm — sie ist bezaubernd!"
„Aber es ist doch noch nichts fertig, Ina! Vorläufig inb es nur Entwürfe!"
Ohne Umftänbe fetzte sich bie Blonbe auf den Zeichentisch. „Erna, Thekla — kommt mal her! Charly hat für die Larsen Kostüme entworfen!" Die ungen, hübschen Mädchen stürmten in Charlys Zimmer. Die blonden und braunen Kopfe beugten sich über die Zeichnungen. „Warum so lang, Charly? Macht dieses Kostüm nicht älter?"
Charly lachte. ,Hch hab' nur gezeichnet, was Frau Larsen mir vorgcschlagen hatte?
„Ach, die Larsen! Wißt ihr, daß sie die Freundin von Vallendar ist? Es hat sogar mal in einem Filmblatt gestanden, sie würden heiraten."
„Aber, Kinder, bas war boch nur ein Gerücht!" Charly rollte bas Zeichenblatt auf.
Die zierlich« Thekla schlug bie langen, schlanken Beine übereinanber. „Nee, Kinber: Film? Ich banke! Ich hab' auch mal einen vom Film kennengelernt. Bin mit ihm aus gewesen. Nichts für mich! Der quasselte immer von künstlerischen Erlebnissen, bie er haben müsse. Und so lange könne er nicht nur eine einzige Freundin haben — da fehle ihm die Intuition ..." Sie sprang vom Tisch herunter. „Nein, ich bin keine Intuition!, hab' ich ihm gesagt und hab' ihn sitzenlassen."
Die Inhaberin kam herein. „Aber, meine Damen, ich bitte Sie —! Fräulein Ina, wollen Sie, bitte, vorführen: Fräulein Erna, auch Sie müssen sich bcreithalten!"
Die Mannequins verschwanden eilig durch den Vorhang.
„Nun, Charly, hat Frau Larsen bestellt?"
„Noch nicht. Sie wird sich noch mit dem Regisseur besprechen."
Die Inhaberin ließ Charly allein.
„Dummes Zeug!" sagte sie halblaut zu sick selbst. Aber ein Stachel war zurückgeblieben. Hatte sie nicht vor wenigen Tagen das gleiche gedacht? Und nun?
Unsinn! Vallendar — Werner Vallendar — wie er sie gestern angesehen hatte —! Ja, aber was bedeutete das? Was bedeutete das für ihn? Und was bedeutete das für sie? Sicher war er mit Frau Larsen befreundet gewesen. Selbstverständlich hatte er auch andere Freundinnen gehabt. Aber die Unruhe, die sie in sich fühlte, ließ sich nicht vertreiben.
Und auch Charly Sanbner trat vor ben Spiegel. Flüchtete sich zu ihrem Spiegelbilb, als könne es ihr Antwort auf eine Frage geben, die sie boch nicht zu stellen wagte.
Ganz ernsthaft betrachtete sie ihr junges, jetzt beunruhigtes Gesicht. Warum gerade ich? fragten ihre Augen. Warum gerade ich?
Trotzig zog sie bie Brauen hoch unb tippte ihrem Spiegelbild vor die Stirn. Dann lachte sie auf: „Ja, du — du! Und keine andere!"
(Fortsetzung folgt.)


