Ausgabe 
20.4.1939
 
Einzelbild herunterladen

Gießen feiert den 50. Geburtstag des Führers.

Die große Liebe und Verehrung, zugleich auch der tiefgefühlte Dank des deutschen Volkes für seinen Führer Adolf Hitler kommen seit dem gestrigen Tage auch in unserer Stadt G-ießen wieder­um in vielfältiger Weise zum Ausdruck. Die Straßen der Stadt zeigen Fahnenschmuck in so reichem Aus­maß, wie es bisher auch bei großen Anlässen hier noch nicht zu sehen war. An allen Häusern wehen die Fahnen Großüeutschlands, selbst noch aus vielen kleinen Fenstern in den Dachgeschossen und in Seitengebäuden grüßen die Fahnen und Fähnchen als äußeres Zeichen des herzlichen Gedenkens an den Führer in das sonnige Frühlingsbild der Stadt. Die Stadt hat in der oberen Bahnhofstraße, in der Frankfurter Straße, am Selterstor und auf dem Ludwigsplatz ihre hohen Fahnenmasten aufstellen lassen, von denen die großen Fahnen das Straßen­bild verschönern. Oeffentliche Gebäude und auch manche Privathäuser tragen den Schmuck des frischen Grüns in Form von Girlanden.

Fast in allen Schaufenstern in allen Straßen, besonders natürlich im Geschäftsviertel, kann man herzliche Kundgebungen des Dankes und der Liebe für den Führer in der schönen Herrichtung ber Schaufenster erblicken. Büsten und Bilder des Füh­rers, umgeben von Fahnen und vielfach auch von Blattpflanzen, Tannengrün und frischen Maiblumen, sowie goldenen Lorbeerkränzen, bilden den fest­lichen Schmuck dieser Schaufenster. Inschriften brin­gen den Dank an Adolf Hitler und zugleich das Gelöbnis der Treue für fein weiteres Wirken zum Ausdruck. Ferner werden in datenmäßigen Zusam­menstellungen die weltgeschichtlichen Großtaten des Führers für unser Volk und Land allen Volks­genossen erneut in Erinnerung gerufen.

Allenthalben offenbart sich, daß unsere Volks­genossen mit viel Liebe und mit großem Eifer be­müht gewesen sind, die Häuser und die Schaufenster in so festlich-würdiger Weise herzurichten, wie es die große Bedeutung des heutigen 50. Geburtstages unseres Führers als angemessen erscheinen läßt. Das Ganze bot bereits am gestrigen Vortage im Glanze der strahlenden Frühlingssonne ein herzerfreuliches und unvergeßliches Bild als Ausdruck der Dankbar­keit und der Huldigung an den Führer, dem auch unsere Stadt so unendlich viel Gutes zu verdan­ken hat.

Der heutige Vormittag.

Herrlich strahlte am heutigen Frühmorgen die Sonne wieder vdm frühlingsblauen Himmel herab und gab damit der festlich geschmückten Stadt einen leuchtenden Glanz. Die Feierlichkeiten am heutigen 50. Geburtstage des Führers wurden mit Flag­genparade in den Kasernen der Wehr­macht eingeleitet. Danach folgte

das Große Wecken..

Di« Wehrmacht stellte, dazu neben dem Musik- forps und den Spielleuten des Jnfanterie-Regi- ments 116 unter dem Befehl eines Offiziers je einen Zug des IR. 116 und der Hl. Abt. Artillerie-Regi­ment 9. Die SA.-Standarte 116 ließ ihr Großes Wecken durch den Spielmannszug und den Musikzug ausführen. Beide Einheiten durchschritten heute früb von 6.30 bis gegen 7.15 Uhr zahlreiche Straßen der Stadt, wo sie mit ihrer Marschmusik und mit der bekannten Weckruf-MelodieFreut euch des Lebens" den Volksgenossen eine schöne Morgengabe bereiteten.Von 9 bis 10 Uhr stellten sich

die Gänger unserer Gesangvereine am Selterstor, am Walltor/Asterweg, am Kreuzplatz, am Horst-Wessel-Wall und vor der Aula der Uni­versität zu Gesangskonzerten auf, mit denen sie an ihrem Teile den Festtag des Führers und des ganzen deutschen Volkes durch ausgezeichnete gesang­liche Darbietungen in würdiger Weise verschönern halfen. Der GesangvereinFrohsinn-Quartettverein" gab an der Ecke Asterweg / Walltorstraße, der Ge­sangvereinLiederkranz" an der Bahnhofstraße/ Horst-Wessel-Wall Ständchen. An den Derkehrs-

punkten des Kreuzplatzes, an dem derBauersche Gesangverein" seine Frühlings- und Heimatlieder sang, und am Selterstor, an dem die Heiterkeit" ihr Ständchen gab, hatten sich bald viele Volks­genossen um die Sänger gruppiert und lauschten dem Gesänge. Vor der Universität sang derGroßsche Männerchor", der gleichfalls viele Zuhörer um sich vereinte.

Oie Kraftwagen des DDAC.

Etwa von 9 Uhr ab beherrschte starker Autover­kehr das Straßenbild. Die Kraftwagen des DDAC. kamen von auswärts hier an und brachten als will­

kommene Gäste die große Zahl der Kriegsbeschädig­ten, die als Ehrengäste zu der Parade der Wehr­macht eingeladen waren. Die große Zahl der Kriegsbeschadgten fand sich zunächst auf dem Os- waldsgarten ein. Als alle 200 Fahrzeuge ein ge­troffen waren, bot der Platz ein Bild, wie man es bisher auf dem Oswaldsgarten nur sehr selten sah. Das große Treffen war durch den DDAC. mit großer Sorgfalt vorbereitet worden. Gegen 10 Uhr begann dann die Fahrt zum Trieb. Die Polizei hatte die Straßen, die die große Wagenkolonne passiert«, durch zahlreiche Beamte gesichert, so daß sich die Fahrt reibungslos vollziehen konnte.

Die Parade der Wehrmacht.

Den Höhepunkt des heutigen Vormittags bildete natürlich die Parade der Wehrmacht des Standorts Gießen anläßlich des 50. Ge­burtstages des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht. Die militärische Feier fand auf dem Hinteren Trieb, nördlich der Bleidorn-Kaserne, statt. Die Truppen hatten in großem Viereck Aufstellung genommen, an dessen rechten Flügel neben dem Dwisions- und Regimentsstab die Regimentsmusik und die Fahnenkompanie standen, die lange Mittel­front von der Infanterie und der Artillerie gebildet wurde, während am linken Flügel die Einheiten der Luftwaffe standen. Der offenen Seite des Trup­penaufmarsches gegenüber hatten die Ehrengäste der Partei und ihrer Gliederungen, des Staates, die Reserveoffiziere und Wehrmachtsbeamten, die Kriegsopfer, die alten Soldaten des NS.-Reichs- kriegerbundes, die Abteilung Wehrmacht der DAF., das Rote Kreuz, die Technische Nothilfe und die Unteroffiziere und Mannschaften einer Reihe von militärischen Dienststellen Aufstellung

genommen. Da der heutige Tag zum Staatsfeiertag erklärt worden war, mithin die Arbeit ruhte, hatten sich rings um das Paradefeld eine riesige Zuschauer­menge eingefunden, die mit aller Begeisterung das eindrucksvolle militärische Ereignis erlebte.

Die Parade-Aufftellung leitete Oberflleutnant M a a ck vom Infanterie - Regiment 116. Punkt 11 Uhr traf als Vertreter des von Gießen ab­wesenden Standortältesten der Kommandeur des Infanterie-Regiments 116, Oberst H e r r I e i n, am rechten Flügel der Parade-Aufftellung ein. Nach Entgegennahme der Meldung von Oberstleutnant Maack ritt Oberst Herrlein die Front der Parade-Aufstellung ab und begrüßte dabei die Truppen, die den Gruß kräftig erwiderten. Nach dem Abreiten der Front begrüßte Oberst Herr- lei n die Ehrengäste. Hierauf begab er sich zu dem Podium vor der Front der Parade-Aufftellung, um zu den Soldaten zu sprechen. Mit großer Spannung hörten die Truppen und die große Menschenmenge di« nachstehende

Rede des Kommandeurs des 32L116, Oberst Herrlein:

Das deutsche Volk hat wohl selten so viel Grund, aus dankbarem Herzen heraus den heutigen Tag zu feiern, an dem unser Führer fünfzig Jahre alt wird.

Seit Adolf Hitler für das deutsche Volk arbeitet, hat er es unzählige Male reich beschenkt. Er, der nichts für sich will, aber alles für Deutsch­land forderte und sich dafür mit feiner ganzen Per­sönlichkeit einsetzte, ist mit einer unfehlbaren Sicher­heit feinen segensreichen Weg gegangen. Wir sind ihm dabei gefolgt und werden chm auch weiter folgen, weil er unser ganzes Vertrauen besitzt.

Der Weg des Führers bis zum heutigen Tage war ein Weg des Kampfes mit oft wechselndem Glück.

Am deutlichsten wurde uns die umwälzende Wir­kung feines Handelns, als er Januar 1933 Reichs­kanzler wurde. Von diesem Zeitpunkt an begann für das deutsche Volk ein Weg des ständigen Sie­ges und Erfolges.

Der Wille, Deutschland zu erneuern, den uner­träglichen Leidensweg des deutschen Volkes zu be­enden, feine Fesseln abzustreifen und es aus eige­ner Kraft aufzurichten, war geboren in den Tagen der Revolution im Pasewalker Lazarett, wo er sich entschloß, Politiker zu werden. Damals ahnte keiner, daß er, der namenlose Frontsoldat, dem Volke Ehre und Freiheit erringen würde.

Er sorgte dafür, daß die Opfer, die das deutsche Volk im Kriege gebracht hat, nicht umsonst waren. Und gerade Sie, meine Kriegsbeschädigten und Kriegerhinterbliebenen, die Sie heute so zahlreich erschienen sind und die ich besonders herzlich be­grüße, werden auch heute wieder in größter Dank­barkeit seiner gedenken.

Was dankt unserem Führer das deutsche Volk nicht alles! Den Glauben an die eigene Kraft,

die Einigkeit des ganzen Volkes, Arbeit und Brot

Er gab uns die innere und äußere Freiheit wieder, er beseitigte die Fesseln des Versailler Vertrages durch die Rückgewinnung des Rhein- und des Saarlandes und des Wemellandes. Er holte des Reiches alte Ostmark und das Sude­tenland heim und sicherte den deutschen Le­bensraum durch die Errichtung des Protekto­rates über Böhmen und Währen.

Er schuf Großdeutschland!

Er machte aus dem unzulänglich ausgerüste­ten 100 000-RlanN'heer nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht die mächtige groß- deutsche Wehrmacht.

Unser Führer ist nicht nur ein überragender Poli­tiker, sondern auch zugleich ein großer Soldat. Als solcher galt ihm von Anfang an die Entwicklung der drei Wehrmachtsteile als eine feiner wichtigsten und vornehmsten Aufgaben.

Um di« Sicherheit des deutschen Volkes zu ge- wäbrleisten, die Wehrmacht stark, schlagkräftig und einsatzbereit zu machen, ist ihm keine Anstrengung zu groß, und für uns darf gerade in der jetzigen Zeit kein Opfer zu schwer sein, ihm dies eindrucks­vollste und ausschlaggebendste Instrument der Poli­tik schaffen zu helfen.

Für uns Soldaten ist es heut« nicht nur ein inne­res Bedürfnis, sondern auch eine Dankespflicht, daß wir zu Ehren unseres Obersten Befehlshabers hier in Paradeaufstellung stehen. Wie unsere Kameraden in Berlin und die von allen Truppenteilen, auch von unseren Gießenern, nach dort entsandten Fahnenabordnungen, wollen auch wir ihm aus

innerster Ueberzeugung huldigen und versichern, daß er sich auf uns jederzeit verlassen kann.

3n Liebe und Verehrung und mit größtem Stolz schauen wir zu ihm als einem der llnsrigen auf und wünschen, daß er dem deut­schen Volke noch lange erhalten bleibe und bei bester Gesundheit sein schweres Amt als Führer Großdeutschlands vollende.

Unser ganzes Vertrauen gilt ihm, ebenso wie unsere unwandelbare Treue.

Nachdem die Truppen das Gewehr präsentiert hatten, sagte Oberst Herrlein weiter:

Unseren tiefempfundenen Dank und die Treue für unseren Führer, in guten, wie in schlechten Zeiten, fassen wir zusammen in dem Ruf:

Gott schütze unseren Führer!

Es lebe unser Führer!

Sieg Heil!

Brausend erklangen die dreimaligen Sieg-Heil- Rufe als Gruß und Treugelöbnis am den Führer über das Paradefeld.

Der Vorbeimarsch.

Hierauf stellten sich die Truppen zum Vorbei­marsch vor Oberst Herrlein bereit. An der Spitze der vorbeimarfchierenden Truppen ritt der Regi­mentsführer des Jnf.-Regts. 116, Oberstleutnant Maack, dem eine große Gruppe von Offizieren folgte. Dann kamen in vier Blocks die Schützenkom­panien der Infanterie und die Flieger in Zug- kolonnen, die Artillerie im Trabe, am Schluß tue motorisierten Einheiten des Jnf.-Regts. 116 in gutem Vorbeimarsch an Oberst Herrlein und der langen dichten Front von Zuschauern vorüber.

Mit dem Vorbeimarsch fand die militärische Feier auf dem Paradefeld ihren Abschluß.

Gntgeltzahlung an Heimarbeiter am 50. Geburtstag des Führers.

Lin Appell an die Auftraggeber.

DNB. Der Reichsarbeitsminister teilt mit: Di« Reichsregieruna hat angeordnet, daß für den 50. Ge- burtstag des Führers die Bestimmungen über die Lohnzahlung am 1. Mai gelten. Es wird daher er­wartet, daß alle Auftraggeber, Hausgewerbetreiben­den und Zwischenmeister die von ihnen in Heim­arbeit Beschäftigten (das find die Heimarbeiter und Hausgewerbetreibenden mit nicht mehr als zwei fremden Hilfskräften) so stellen, daß sie keinen Ent­geltausfall erleiden. Im Interesse einer einheit­lichen Behandlung soll jeder in Heimarbeit Beschäf­tigte 4 v. H. der im Monat März verdienten Ent­gelte erhalten.

Da es für die Zwifchenmeister und auch für die Hausgewerbetreibenden, die selbst wesentlich am Stück arbeiten, wirtschaftlich nicht erträglich ist, wenn ihnen der Arbeitsausfall zur Last fällt, so ift es auch Pflicht aller Auftraggeber, den Zwischen- meistem und den genannten Hausgewerbetreibenden den von ihnen an ihre Beschäftigten gezahlten Ent­geltbetrag zu ersetzen.

BOM.-!lntergau 116 Gießen.

Treffpunkt für alle Mädelgruppen- und Ring» führerinnen am 21. 4. in Frankfurt 13.45 Uhr Hansa- Allee, Eingang zur DJH. In diesem Jahre gibt es keine Ueberweisungsurkunden, alle Anfragen sind also unnütz.

da» neue

Hine Fmu mit Herz

Roman von Hedda Lindner

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin 7. Fortsetzung (Nachdruck verboten.)

Auch unter der Kundschaft hatte sich diese merk­würdige Erbschaftsangelegenheit rasch herumgespro­chen; auch hier konnte sie beobachten, wie ver­schieden die Leute darauf reagierten. Der größte dem bescheidenen kleinen Sofa betrachtete, aber es einige, mit denen sie etwas vertrauter gewesen war, gratulierten aufrichtig. Aber es gab dennoch welche, die nunmehr einen besonders vertraulichen Ton an= schlugen, um. zu zeigen, daß jetzt gewisse Schranken gefallen waren. Andere wiederum wollten beweisen, daß sie sich gar nicht imponieren ließen, und kom­mandierten äußerst schneidig, was von Dina mit einem ironischen Lächeln beantwortet wurde.

Herr Giesebrecht, Witwer in den besten Jahren ünd Hausbesitzer, gehörte in jene vertrauliche Ka­tegorie, die Dina am unangenehmsten war. Da er aber, um Gelegenheit zu dieser Vertraulichkeit zu haben, dauernd Bücher kaufte, behandelte sie ihn im Interesse des Geschäfts mit gleichmütiger Freund­lichkeit, vermied aber jedes Alleinsein mit ihm. Und als er ihr zweimal abendszufällig" begegnete und st« sich nur mühsam wieder losmachen konnte, rich­tete sie es ein, daß sie mit Anna, die sich im übrigen den richtigen Vers darauf machte, bis zur Untergrundbahn ging.

Sv nett, wie sie anfangs in ihrer gehobenen Stimmung geglaubt hatte, waren diese Wochen eigenttich gar nicht geworden, überlegte Dina und trug ihr Abendbrotgeschirr in die kleine Küche zu- rück, um es abzuspülen. Das hätte sie ja nun wirk­lich nicht mehr nötig, dachte sie dabei. Dieser Ge­danke erheiterte sie wieder, denn Geschirrspülen war ihr immer eine unsympathische Tätigkeit gewesen. Sie gab ein paar Tropfen Parfüm auf ihre Hände, um den Spülwassergeruch zu vertreiben und setzte sich dann in Die Ecke des kleinen Sofas, um noch etwas zu lesen. Ein buntes Seidenkissen lag auf dem Sofa, und sie lächelte unwillkürlich, als sie es stützend unter ihren Arm schob.

Dieses sehr elegante Kissen war die einzige Luxus­anschaffung, die sie bis jetzt gemacht hatte; gleich- zeitig hatte es eine besondere Geschichte. Als Back­fisch hatte sie in irgendeiner ZeitschriftDie elegante Frau" oderDie Dame von heute" oder so ähnlich ein Bild gesehen: eine Frau im kostbaren Spitzen­gewand saß inmitten eines Stapels riesiger Sewril-

kiffen auf einem Sofa. Zu ihren Füßen war ein Cisbärfell, und darauf schlief ein Hund. Und alles zusammen war damals dem Backfisch Dina als In­begriff von Schönheit, Glück und Eleganz erschienen. Sie hatte das Bild lange, lange aufgehoben, und wenn sie von der Zukunft träumte, wie junge Mädchen dieses Alters zu träumen pflegen, dann sah sie sich immer auf solch einem Sofa zwischen großen bunten Seidenkissen. Dieser Wunschtraum ihrer Jugend war ihr eingefallen, als sie in einem Schaufenster dieses Kissen sah und es einer Laune folgend sofort kaufte. Es ist allerdings das einzige, was bisher von diesem Wunschtraum Wirklichkeit geworden ist, dachte sie nicht ohne Hu­mor, wenn sie das anspruchsvolle große Kissen auf dem bescheidenen kleinen Sofa betrachtete, aber es ist immerhin etwas. Und Spitzennegligss trägt man ohnehin nicht mehr.

In den ersten Dezembertagen betrat eine sehr elegante Dame kurz vor Schluß den Laden.

Dina, die aerobe einen Kunden bei der Wahl eines Leihbuches beriet, achtete nicht auf sie; erst als sie ihren Namen hörte, wandte sie sich um und kam dann langff am näher.

Margit, du?" fragte sie zögernd.

In ganzer Person!" Sie fühlte ihre Hand er­griffen und herzlich geschüttelt.Ich mußte mich doch mal nach der umsehen, da du dich um deine nächsten Verwandten überhaupt nicht mehr küm­merst. Wir wußten gar nicht, was aus dir ge­worden war."

Die Dinge lagen in Wirklichkeit genau umge­kehrt. Margit Wegner, Dinas einzige Kusine, hatte vor acht Jahren den mehr als wohlhabenden Fried­rich v. Roeder auf Bärwalde geheiratet, weil er ihr den Rahmen nieten konnte, den sie als reiz­volle, aber maßlos verwöhnte Person brauchte. So­lange Dinas Vater lebte, hatte er mit dem Bruder und dessen Familie den Verkehr aufrechterhalten, aber nach seinem Tode lockerte er sich sofort und hörte ganz auf, als Dina nach ihrer Scheidung ge­zwungen war, in der großen Schar der erwerbs­tätigen Frauen unterzutauchen.

Die geschiedene Kusine, die als kleine Angestellte in einer Buchhandlung arbeitete, hatte keinerlei Anziehungskraft für die elegante Frau Margit. Dina hatte noch zwei-, dreimal geschrieben, als aber außer einer kühlen Postkarte keine Antwort mehr gekommen war, hatte sie diese Verwandtschaft zu den übrigen bitteren Erfahrungen ihres jungen Lebens gelegt und geschwiegen. Und jetzt stand Margit mit einem Male im Laben unb tat, als ob höchstens Wochen nicht aber Jahre zwischen ihrem letzten Zusammensein lagen.

Frau v. Roeder mochte wohl fühlen, daß es nicht zweckmäßig war, Dina über ihre letzte Bemerkung zu viel nachdenken zu lassen; sie redete darum so­fort weiter:Und was wir für Mühe gehabt ha­ben, dich hier aufzustöbern. Es blieb Fred nichts anderes übrig, als sich an das Meldeamt zu wen­den. Ich war eben in deiner Wohnung, und da sagte mir ein weibliches Wesen der Aufmachung nach aus der Zeit Karis des Großen stammend daß ich dich um diese Zeit hier finden würde. War das etwa deine Wirtin wundermild?"

Dina nickte leicht amüsiert. Märgit schien sich taffächlich nicht verändert zu haben.Frau Ge­heimrat sie legt Wert auf diesen Titel Köhler ist Zwar nicht mondän, aber ein feiner, netter Mensch. Ich war nach einigen bösen Erfahrungen mit möblierten Wirtinnen sehr froh, bei ihr unter­gekommen zu fein."

Ihre inneren Vorzüge will ich ihr durchaus nicht schmälern", glitt Margit gewandt über dieses Thema hinweg.Im übrigen will ich zur Sache kommen, denn ich sehe", lächelte sie mit einem Blick auf den tatsächlich vollgedrängten Laden,du hast zu tun. Wir wollten dich bitten Fred ist auch da, heute abend mit uns ins Theater zu gehen. Das neue Stück in der Komödie soll rei­zend sein. Nachher wollen wir dann irgendwo nett essen. Karten hat Fred schon. Selbstverständlich kommst du! Wir haben uns doch so lange nicht gesehen. Wir treffen uns eine Viertelstunde vor Anfang am Theater."

Damit war sie hinaus. Dina hatte nicht Zeit, ihre Antwort zu überlegen, nur der ausgeprägte Duft eines exotischen Parfüms erinnerte noch an den plötzlichen Besuch. Sie schnupperte leicht, während sie sich dem nächsten Kunden zuwandte. Margit par­fümiert sich also immer noch gern ein wenig zu stark. Freundlich ging sie auf die Wünsche des Kun° den ein:

Sie suchen einen leichten Unterhaltungsroman? Da könnte ich Ihnen dieses Buch empfehlen. Ja, ganz neu. Wir haben es jetzt erst eingestellt."

Einige Stunden später saß sie mit ihren Ver­wandten in einem großen Hotelrestaurant des We­stens. Sie war der unerwarteten Einladung nur gefolgt, weil sie einigermaßen neugierig war, warum Margit ihre verwandffchaftlichen Gefühl« so plötzlich wieder entdeckt hatte, beim daß diese Einladung ohne Grund erfolgt war das zu glauben hatte sie in den letzten Jahren doch schon zu viel Lebenserfah­rungen gesammelt.

Friedrich von Roeder, von feiner Frau Fred ge­nannt, hatte Dina etwas verlegen, aber sehr herzlich begrüßt. Auch sie hatte ihn eigenttich immer ganz

gern gemocht. Er war ein ausgezeichneter Landwirt und ein anständiger Kerl. Und außerdem war er sehr gutmütig, was von feiner Frau gründlich aus­genutzt wurde.

Er ist noch genau so hingerissen von ihr wie früher, stellte Dina nach einigem Beobachten fest; sie hatte recht. Für Friedrich von Roeder war feine Frau ein vollkommenes und anbetungswürdiges Geschöpf, und wenn es ihr auf dem pommerschen Gut zu langweilig wurde und sie auf Reffen ging, verstand er völlig, daß eine so wunderbare Frau wie sie sich nicht dauernd auf dem Lande vergraben wollte, und war dankbar und gerührt, weil sie im­mer wieder zurückkam.

Margtt roar eine oberflächliche, aber in ihrer Art kluge Frau. Sie verstand es glänzend, ihren Mann zu behandeln. Ihr Vater, Dinas Onkel, war In­dustrieller gewesen und hatte seiner Tochter ein an­sehnliches Vermögen hinterlassen, so daß ihre Ele­ganz den Gutsetat nicht belastete. Damit war eine gefährliche Rerbungsrnöglichkeit ausgeschaltet, und die Roedersche Ehe galt als ausgesprochen glücklich. Kinder waren nicht vorhanden, der einzige Schatten für Friedrich, während Margit ganz zufrieden da- mit war. Das Gut würde ja ttotzdern in der Fa- milie bleiben, denn Friedrichs Bruder, ebenfalls ein tüchtiger Landwirt, hatte Söhne genug.

Man unterhielt sich über das amüsante Stück. Fred fragte ein wenig verlegen nach Dinas Ergehen in den letzten Jahren und war scheinbar sehr zu­frieden, daß sie nach einem freundlichenDanke! Es ist mir gut gegangen!" von etwas anderem sprach. Man auch gemeinsam, ohne viel zu reden, aber mit Genuß, und als der Mokka serviert wurde, enfftand diese leichte Stockung, die immer eintritt, wenn man sich entweder etwas Besonderes sagen möchte ober gar nichts zu sagen hat.

Und nun erzähl uns mal. ein bißchen von deiner Millionenerbschaft", sagte Margit etwas plötzlich und mit allzu betonter Leichtigkeit.Du hast doch sicher schon eine Unmenge Pläne gemacht."

Woher weißt du denn von dieser Erbschaft?" fragte Dina überrascht. Die wenigen Leute, mit denen sie darüber gesprochen hatte, waren bestimmt ohne Verbindung mit ihrer Kusine.

Margit lachte.Doch eine alte Sache, daß die Welt ein Dorf ist. Ich kenne die Brohms in Bafel von Sankt Moritz her und eine Brohm hat einen Furrer geheiratet. Denen Hast du ja ein schö­nes Vermögen vor der Nase weageschnappt. Das verrückte Testament ist überall Stadtgespräch ge­wesen,"

(Fortsetzung folgt)