erteilten Kassenbericht wurden Gesamteinnahmen in Höhe von rund 26 645 RM. ausgewiesen, denen 14 412 NM. Ausgaben gegenüberstehen. Von den Ausgaben entfallen allein 12 715 RM. auf Beihilfen in 42 Sterbefällen, die in Beträgen von 300 bis 400 NM. ausbezahlt wurden. Im Vorjahr wurden 4 567,62 NM. an Beihilfen ausgegeben. Der Kassenbestand ist bis l.Jan. 1939 auf RM. 12 233,81 angestiegen.
Vorstand und Aufsichtsrat wurden Entlastung erteilt. Die nächste Geschäftsprüfung durch das Reichsaufsichtsamt tritt im Herbst ein. Der Vorstand setzt sich aus Schreinermeister Trän kn er als Vorsitzenden, Schneidermeister Hch. Loos als Stellvertreter, Angestellten I o e d t als Schriftführer und Bausekretär i. N. Becker, der Aufsichtsrat aus Kaufmann Bender als Vorsitzenden und Schlossermeister Schmidt, Rentner Eise, Angestellten Pferch und Feldschütz Bopp zusammen.
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NSG. Deutsches Frauenwerk ehrt Hausangestellte im Gau Hessen-Nas- s a u. Zum Frühjahr finden in vielen Kreisen des Gaues Hessen-Nassau Ehrungen von Hausangestell
ten statt, die zum Teil über 30 Jahre ihre Kraft der gleichen Familie zur Verfügung stellten. Jugendgruppen werden die Feiern anläßlich der Ueberrei- chung von goldenen und silbernen Ehrennadeln „Für treue Dienste" verschönern.
** Moden sch au im Cafe A m e n d. Heute und morgen (nachmittags und abends) finden im Cafe Amend wieder Modenschauen statt, die in einer Gemeinschaftswcrbung durch verschiedene Industrie- Firmen veranlaßt werden. Zur Vorführung gelangen 125 Modelle. In Verbindung damit wird auch schöner Schmuck gezeigt. Die Modenschauen beginnen jeweils um 16 und um 20 Uhr.
Landkreis Gießen.
Alten-Buseck, 20. März. Heute wird unser Mitbürger Ludwig Hofmann II., Wagner- meister, 79 Jahre alt. Herr Hofmann ist noch sehr rüstig und arbeitet noch auf seinem erlernten Beruf, den er nun 65 Jahre ausübt. An den Geschehnissen unserer Zeit nimmt er noch regen Anteil. Seit 54 Aghren ist er Bezieher seines Heimatblattes, des Gießener Anzeigers. Dem alten Herrn unseren herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.
Wirtschaft.
Adam Opel AG., Rüsselsheim weiter im Aufschwung.
Fwd. Die Adam Opel AG., Rüsselsheim, legt nhren Jahresabschluß für 1938 vor. Während die «deutsche Kraftwagenerzeugung um 4,3 v. H. aus 1340700 Wagen anstieg — ohne die ostmärkische 'Produktion, die nach dcnr Anschluß einen sehr «erheblichen Aufschwung erfahren hat — stellte Opel 140580 (i. V. 130267) Kraftwagen her, das sind 5),7 (i. V. 7,8) v. H. mehr. Auf das Werk Branden- Durg Iain eine Steigerung um 25,7 (21,6) v. H., anuf Rüsselsheim um 5,2 (5,9) v. H. Der Inlands- Verkauf steigerte sich um 9,3 v. H. auf 104056 (95222), nachdem i. B. ein Rückgang um 9,0 v. H. eingetreten «oar, wobei auf Brandenburg 26,1 (15,2) v. H. mrehr, auf Rüsselsheim 6,2 v. H. mehr (12,4 v. H. (weniger) trafen. Der Export erhöhte sich auf 36444 £32611) Wagen, d. s. 11,8 (107,6) v. H. mehr, davon [beim Brandenburger Werk 17,9 (81,0), in Rüsselsheim um 11,2 (110,4) v. H. Das Verhältnis des Ex- rports zum Jnlandsverkauf- stellte sich auf 35,0 £34,2) v. H. Dabei ist zu berücksichtigen, daß der Begriff Inland durch die Erweiterung der deutschen Grenzen sich erheblich ausgedehnt hat. Dem Werte mach hat sich die Ausfuhr sogar um 23,5 v. H. erhöht, iwobci das Olympia-Modell besondere Erfolge er- gielte; hier wurden die Umsätze im Berichtsjahr mehr als verdoppelt.
Die Umsätze im Jnlandsgeschäft werden als be- lüiedigenb bezeichnet. Die Gefolgschaft konnte um 3600 (3000) auf rd. 27000 erhöht werden. Der Durch- chnittslohn stieg nochmals um etwa 5 (7%) v. H. Die Lehrlingswerkstätten wurden erweitert, am Jahresschluß waren 803 Lehrlinge tätig. Die rasche Ausdehnung der Werke in Rüsselsheim und Brandenburg machte das Wohnungsproblem immer dring- icher. In Rüsselsheim hat die Nassauische Heim- flättc eine Siedlung von 418 Stellen nahezu fertig- bestellt, ein neuer Plan für weitere 1000 Sied- ! an gen, Mietwohnungen und Eigenheime wurde Qufgestellt, mit den Bauvorarbeiten begonnen. In Brandenburg hat die Kurmärkische Kleinsiedlung mehrere 100 Mietwohnungen und Siedlungen für Opel errichtet, ein Bauprogramm von weiteren 1000 Wohnungen wurde in Angriff genommen. Insgesamt sind zur Zeit in beiden Städten rund 8000 Wohnungen fertiggestellt bzw. im Bau. Auch uuf dem übrigen sozialen Gebiet wurden weitere Verbesserungen ^burchgesührt. Der Adam-Opel-Ge- '«ächtnis-Stiftung wurden weitere 1,5 Mill. RM. ngewiesen. Die freiwilligen sozialen Aufwendungen rreichten 1938 über 5 Mill, RM.
Der Bruttoertrag stellte sich auf 154,86 (113,29) Mill. RM., dazu traten 4,42 (4,05) Mill. Zinsen, 4,06 (0,096) Mill. Beteiligungserträge, 4,06 (4,54) Mill. RM. ao. Erträge, d. s. Einnahmen, die frühere
Jahre betreffen und aufgelöste freie Reserven. Der Aufwand an Löhnen und Gehältern stieg auf 74,82 (61,89) Mill. RM., die sozialen Abgaben (gesetzliche) auf 5,62 (4,51), Besitzsteuern auf 32,92 (9,96) — hiervon hatte ein Teilbetrag von 8 Mill. RM. außerordentlichen Charakter —, Beiträge an Berufsvertretungen auf 0,17 (0,12), ao. Aufwendungen, im wesentlichen eine Sonderrücklage für beabsichtigte Aufwendungen im Werk und Zahlungen an die Gedächtnisstiftung enthaltend, gingen auf 4,61 (5,65) Mill. RM. zurück. Nach insgesamt 31,469 (30,289) Mill. RM. Abschreibungen, davon allein 12,61 (10,74) auf Werkzeuge, verbleibt einschl. 6582297 (1810821) RM. Gewinnvortrag ein Reingewinn von 20371674 (11382298) RM. Wie der Fwd. erfährt, wird voraussichtlich wieder eine Dividende von 8 v. H. auf 60 Mill. RM. Aktienkapital vorgeschlagen werden, nachdem im Vorjahre die Dividende um 2 v. H. erhöht worden war. 6 v. H. der Dividende werden in bar gezahlt, 2 v. H. gehen an den Anleihestock.
Rhein-Mainische Börse.
Uneinheitlich.
Frankfurt a. M., 18. März. Die Geschäftsstille erreichte zum Wochenschluß mahl den stärksten Grad. Kundenausträge kamen kaum zur Ausführung, während der Berusshandel eher Glattstellungen tätigte.
An den Aktienmärkten war die Entwicklung uneinheitlich und zufällig, im Verlaufe überwogen jedoch mäßige Rückgänge. Die Mehrzahl der Papiere kam nominell zur Notiz. Montanwerte gingen trotz des günstigen Abschlusses von Krupp vorwiegend zurück. Vereinigte Stahl von 109,50 auf 109 (110), Mannesmann von unverändert 109,25 auf 108,50, Hoefch auf 106 (106,75) und Rheinstahl auf 133,50 (134). IG. Farben verloren nach voll behauptetem Beginn 1 o. H. auf 148,13, während Scheideanstalt mit 200,50 und Metallgesellschaft mit 114 unverändert lagen. Elektropapiere stellten sich größtenteils 0,50 bis 1 v. H. niedriger, darunter ÄEG. mit 114,13 bis 113,90 (114,40) und Geffürel mit 133 (134). Maschinenwerte schwankten bis etwa 0,50 v. H. Von Zellstoffaktien gingen Aschaffenburger auf pari (101,13) zurück. Bau werte lagen gut gehalten, Cernent Heidelberg 0,50 v. H. höher mit 152. Nach Pause kamen Marisfelder Bergbau mit 130 (127,75) wieder zur Notiz.
An den Rentenmärkten herrschte nahezu Geschäftsstille, die Kurse wiesen kaum Abweichungen auf. Von Liquida ttonspfandbriefen Franks. Hyp. 100,65 (100,90). Industrie-Obligationen schwankten um etwa 0,13 bis 0,40 v. H., während Staats- und Stadtanleihen meist unverändert notierten. Von öffentlichen Anleihen Reichsbahn-Vorzugsaktien 0,13 v. H. höher mit 123,13, Reichsaltbesitz unverändert 130. Dekosama I 135,50 (135,65)
Hermann von Salza.
Zum 700. Todestage des Hochmeisters des Deutschen Ordens.
Als am Palmsonntag des Jahres 1239 der Hochmeister des Deutschem Ordens, Hermann von Salza, in Salerno einer langen Krankheit erlag, schied damit eine der leuchtendsten Gestalten des deutschen Hochmittelalters. Die Spannung zwischen den beiden Häuptern der Christenheit, dem weltlichen und dem geistlichen, Kaiser und Papst, war unter dem Staufen Friedrich II. in ein entscheidendes Stadium getreten. Trotzdem wurde der Endkampf zwischen beiden Mächten während der ersten Jahrzehnte von Friedrichs Regierung immer wieder hinausgezögert und durch immer neue Friedensschlüsse unterbrochen. Das war vor allem das Verdienst eines Mannes: Hermann von Salzas.
Ein ganzes Menschenalter lang sehen wir diesen Mann unermüdlich zwischen Kaiser und Papst hin und her gehen, die blutig verwirrten und zerrissenen Fäden immer wieder schlichten und neu knüpfen. Zu dieser Vermittlerrolle war er gleich befähigt durch seine Stellung wie durch seine Persönlichkeit. Er war Ritter, Ordensmann, Diplomat, Staatsmann: vor allem aber war er Deutscher und Christ. In einer Welt, in der die beiden höchsten Autoritäten ihre gegenseitige Abgrenzung nicht finden konnten, es in Wirklichkeit vielleicht keine klare Grenze gab, glaubte Hermann von Salza unerschütterlich an die Möglichkeit, ja an die Notwendigkeit des Friedens zwischen beiden. Wen es ihm gelang, sich zwischen den streitenden Parteien zu halten und auf beiden Seiten als der Mann des Vertrauens zu gelten, so verdankte er das nicht nur feinem ungewöhnlichen diplomatischen Geschick, sondern noch viel mehr der Lauterkeit seiner Person, der rückhaltlosen Treue, mit der er „beiden Herren diente". Für ihn waren es eben nicht „zwei Herren", sondern notwendig sich ergänzende Hälften.
Dabei war Hermann von Salza kein Träumer und Phantast, sondern ein Mann der klaren Wirklichkeit, dessen Ordenspolitik eines der fruchtbarsten und folgenreichsten Kapitel deutscher Geschichte bildet. Von seiner Jugend wissen wir nichts. Wahrscheinlich stammte er aus dem thüringischen Geschlecht der Herren von Salza. Wir treffen ihn zuerst 1210 als Hochmeister des Deutschen Ordens in Akkon. Er verstand es rasch, Macht und Ansehen seines Ordens durch kluge Maßnahmen zu heben und die junge Gründung den älteren welschen Ritterorden der Templer und Johanniter gleichzustellen. Mit dem jungen Kaiser Friedrich scheint ihn von Anfang an eine Geistesverwandtschaft verbunden zu haben, die im Lauf der Jahre zu unverbrüchlicher Freundschaft führte.
Im Jahre 1221 rief König Andreas von Ungarn die Hilfe des Ordens gegen die feindlichen Kumanen an und verlieh ihm dafür das Burgenland im Süd- often feines Reiches. Der Gedanke, die Kreuzzugs- idee vom Orient ins Abendland zu übertragen, war schon im 12. Jahrhundert aufgetaucht. Für Hermann bedeutete das Angebot willkommene Gelegenheit zur Verwirklichung ureigenster Pläne. Unter der kleinen Schar von Rittern, die er in das Land senden konnte und die einen breiten Strom deutscher Bauern nach sich zogen, blühte das bis dahin „wüste und öde" Land auf. Die Kumanen wurden unterworfen, starke Burgen wie die Kreuzburg, blühende deutsche Dörfer und fruchtbare Felder entstanden. Da drohten die inneren ungarischen Verhältnisse die Früchte jahrelanger Anstrengung zu zerstören. Andeas' Sohn Bela lehnte sich mit dem ungarischen Kleinadel gegen die Zerstückelung des Reiches durch die Belehnung einiger Großer auf. Tatsächlich strebte Hermann von Salza für fein Ordensland nach staatlicher Selbständigkeit, und um das Land nicht zu verlieren, griff er zu dem Mittel, es der Schirmherrschaft des Papstes zu unterstellen. Es war der verhängnisvollste Fehler in Hermanns Politik, ein echter Schachzug feines Jahrhunderts. Aber er erreichte nur das Gegenteil des I Beabsichtigten. Die Empörung flammte in Ungarn hell auf, und unter diesem Druck mußte der Orden 1225 aus dem Lande weichen.
Es war eine merkwürdige Schicksalsverknüpfung, daß wenige Monate nach diesem Fehlschlag ein ganz ähnliches Angebot an Hermann herantrat, diesmal nicht aus dem Südosten, sondern aus dem fernsten Nordosten des Abendlandes. Aber er hatte aus den Ereignissen gelernt. Bevor er dem Hilferuf des Herzogs Eduard von Mafovien gegen die feindlichen Preußen für den Gegenpreis des Kulmer Landes folgte, ließ er sich vom Kaiser, später auch vom Papst, das Kulmer Land und alles, was der Orden mit dem Schwert dazu erobern würde, als freies Eigentum bestätigen, bewog in der Folgezeit auch Herzog Konrad zum völligen Verzicht auf das Land.
So war also dem Orden ein Staat gewonnen. Wie hochfliegend Hermanns Pläne aber auch gewesen sein mögen, gewiß ist er sich der Tragweite des Schrittes nicht bewußt gewesen. Es war die seltsamste Staatsgründung der Geschichte, wenn man erwägt, daß dieser Ordensstaat, der drei Jahrhunderte lang das starke Bollwerk deutscher Kultür gegen das andrängende Slawentum des Ostens gewesen ist, die Keimzelle des mächtigsten deutschen Großstaates, des Kerns des späteren Reiches werden sollte, ihm Namen, Farben und Wappen verlieh. Und auch in seinem Wesen hat der preußische Staat, der aus der Verschmelzung von Kurbvandenburg und Preußen entstand, immer Züge bewahrt, die an seine Herkunft als Ordensstaat gemahnen.
Dem Hochmeister Hermann von Salza blieb freilich gerade in den ersten Jahren wenig Zeit, sich persönlich um die junge Pflanzung zu kümmern. Die großen Angelegenheiten des Reiches hielten ihn fast ständig fern. Da war der Kreuzzug Friedrichs, an dem Hermann teilnahm, die Krönung des Kaisers in Jerusalem zum König des heiligen Landes, Krieg mit dem Papst und jene Versöhnung, die fast ausschließlich das Werk Hermanns war, wie ja auch bei der Zusammenkunft zwischen Kaiser und Papst nach dem Friedensschluß am 2. September 1230 in Anagni Hermann der einzige Zeuge war. Gerade im Frühjahr desselben Jahres war die erste größere Ritterschar untet dem Landmeister Hermann Balke nach Preußen gezogen, zwei Jahre später wurden dort die ersten entscheidenden Siege errungen. Als der Hochmeister Weihnachten 1233 in dem jungen Ordensland weilte, konnte er für die Städte Kulm und Thorn die ersten Privilegien verleihen, die unter dem Namen der „Kulmer Handfeste" berühmt find. Wichtig war auch die Verschmelzung des Ordens mit dem Livländischen Schwertorden, wodurch Macht und Einfluß der Deutschritter bis Kurland und Livland ausgedehnt wurde.
Der Hauptsitz des Dübens im Reich war Marburg, wo das von der heiligen Elisabeth gestiftete Hospital des hl. Franz von Assist dem Orden übertragen, Elisabeth selbst zur Patronin des Ordens geworden war. Im Juni 1237 fand in Marburg ein großes Ordenskapitel statt. Es ist zu verstehen, daß auf diesem Kapitel die Brüder ihren Hochmeister nicht wieder nach Italien ziehen lassen wollten. Den Treuen aber riefen Freundschaft und Pflicht an die Seite seines Kaisers. Der Aufstand des jungen Königs Heinrich gegen feinen Vater, der Konflikt mit den Lombarden, der sich trotz der Vermittlungsversuche des Papstes immer drohender zuspitzte, stellten ihm immer neue Aufgaben. Nach Friedrichs großem Siege bei Cortenuova am 27. November 1237 sandte der Kaiser Hermann nach Deutschland, um König Konrad bei der Werbung eines Heeres zu unterstützen. Dort aber erkrankte der Hochmeister und kehrte im Juni 1238 krank zum Kaiser nach Verona zurück. Im August begab er sich nach Salerno, um Heilung zu suchen. Vergeblich: am 20. März 1239 starb er und wurde in der Kapelle des Ordenshauses zu Barletta beigefetzt. lieber seinem frischen Grabe aber flammte der durch ihn so lange beschwichtigte Kampf zwischen Kaiser und Papst in feiner letzten unversöhnlichen Leidenschaft auf. A. v. P.
Sag Wöchm Marie.
Nomon von Walther kloepffer.
<opv right bp Carl Äuncker Verlag,3erh'nWss
24. Fortsetzung.
(Nachdruck verboten.)
„Hören Sie mal, Tinser, so geht das nicht. Zum Orübsalblasen habe ich Sie nicht mitgenommen. Sie sollen mich aufheitern. Sie sollen nett zu mir Hn, wie Sic immer waren. Wo ist denn Ihr Mundwerk heute? Ich habe geradezu Angst, daß Sie mir einschlafen. Was ist denn mit Ihnen los? seichten Sie mal!"
Tinser murmelte irgendeine Entschuldigung, die iicht recht überzeugend klang. Wie konnte einer lirten und unterhaltend sein, der so von allen guten Geistern verlassen war wie er?
Maxie brachte das Gespräch wieder auf ihr Zerwürfnis mit Holl. Sie berichtete die Ursache und aoffte in Tinser einen Bundesgenossen zu finden. £5ie fragte schließlich geradewegs: „Wer ist denn nun 13311 uns zweien im Recht?"
„Ich kann das nicht so entscheidet, Fräulein begemann. Man müßte billigerweise auch den am teren Teil hören. Auf jeden Fall halte ich Dr. Holl fir einen Menschen, der nichts ohne zwingenden («rund tut", erwiderte Tinser nachdenklich.
Maxie nahm diese Erklärung mit gemischten Ge- s ihlen auf. Sie spottete: „Natürlich! Männer hal- im in solchen Fallen immer zusammen." Sie sah cm, daß cs mit der gemeinsamen Front nichts war. ,Nachdem wir mit dem Kaffee fertig find, könnte relleicht wieder ein bißchen Natur genossen wer- dm? Tinser, Tinser, ich erkenne Sie- nicht mehr! Welche böse Fee hat Sie verzaubert?"
„Gott, man hat eben auch feine Sorgen" brummte e erbost.
„Sie und Sorgen?"
„Hie sehen es ja", sagte er zugesperrt,
„Kann ich Ihnen helfen?"
„Stein, Sie können mir nicht helfen , seufzte er.
„Sann schlage ich vor, wir stoppen diesen unmög- lthen Ausflug ab, und jedes widmet sich seinen häuslichen Sorgen. Ich werde zu meiner Freundin kmssy fahren: es geht mit der Zeit gerade noch. Ind Sie ..."
„Ich fahre mit der Bahn zuruck, wenn Sie ge- pntten", sagte er rasch.
„Ganz wie Sie meinen. Und jetzt wollen wir uns g.im Abschied die Hand geben, wir zwei armen, z:r knitterten Hühnchen", scherzte sie forsch, aber es Liar ihr kläglich zumute.
Ein hervorragend verpfuschter Tag, dachte sie ( :immig und blickte nach dem Himmel, der sich i-aiflfam mit trübem Grau überzog.
Zwei Tage nach jenem mißglückten Ausflug stand ein junger Mann früh gegen halb drei Uhr vor dem Verwaltungsgebäude der Hegemannwerke und starrte verdrießlich nach dem blanken Mond. Das Firmament war stellenweise mit Wolken bedeckt, die sich wie Schafe einer großen Herde in stetig ziehender Bewegung befanden. „Langweiliger Kerl", beschimpfte der junge Mann den Mond und drückte sich noch dichter an den dunklen Stamm einer breit- ästigen Buche.
Der junge Mensch, der aus Wien stammte und gebürtig auf dem Herrensitz Wallesöd war, stak in einer durchaus.unpassenden Kleidung. Er trug einen schwarzblauen Trainingsanzug, Kletterschuhe mit Gummisohlen und Baskenmütze. Sein gewöhnlicher Anzug lag zusammengeknüllt in Materialschuppen IV, in einem alten leeren Faß, während der zartgelbe Tourenwagen herrenlos an einer entfernten Straßenecke wartete.
„Wenn nur der Mond einmal weggings-", sagte der junge Mensch ärgerlich vor sich hin und hatte glühendes Verlangen nach einer Zigarette, was nicht in Frage tarn. Aus lauter Langeweile fingerte er in feinen Hosensäcken und förderte,eine Taschenlampe, einen Sperrhaken, eine Streichholzschachtel mit Modellierwachs und ein nach Kölnisch Wasser duftendes Sacktuch zutage.
Gedanken gingen ihm im Kopf herum: Ob der Hausmeister Gieseke wohl schlief? Fest schlief? Menschlicher Berechnung nach war diese Frage zu befahren. Man hatte miteinander in der Kantine gezecht, eine Art „verlorene Tochter" gefeiert, sich heiß geredet, sich angeproftet und darüber war es Mitternacht geworden. Emil Gieseke, der nicht viel vertrug, hatte vier Helle, zwei Dornkaat und einen ordentlichen Schuß Schlaftropfen intus, die man ihm hinterlistig in das Bier praktiziert hatte. Warum also, so fragte sich der junge Mann mit Recht, sollte Gieseke nicht wie ein Murmeltier schlafen? Die Hälfte 'des vorgesehenen Programms war erledigt. Es gast jetzt nur noch, eine Kleinigkeit zu -vollführen uns Gieseke für eine halbe Minute den Tresor- schlüssel zu stibitzen. Wenn das klappte, war man gerettet und ein Herr namens Gaidl konnte sich in Australien eine Schaffarm kaufen. Wenn es nicht gelang, — dann ade, schöne Welt! Tinser wunderte sich selbst, wie gelassen er war angesichts des bevorstehenden gefährlichen Abenteuers.
Sie Zeit verrann. Sie Minuten schlichen so langsam. Eine fröhliche helle Bimmeluhr schlug Drei. Der Fabrikwächter Meier Zwo mußte jetzt gleich um die Ecke biegen; er würde die Steckuhr bedienen und dann seinen gemächlichen Kontrollgang fortsetzen. Man vernahm bereits sein bronchiales Check'... Check; denn er litt seit der Zuckerfabrik von Souchez und den flandrischen Granattrichtern an verschlepptem Husten- Schritte, Knirschen des
Kieses, Räuspern, alles geschah wunderbar vorschriftsmäßig; so, wie Tinser es vorausberechnet hatte. Nun hatte auch der Mond ein Einsehen und glitt zettlupenhaft hinter ein Wolkenbündel. Wie gut, daß diese Nachtwächter nicht mit Begleithunden ausgerüstet waren. Irgendein Loch in den Maschen hat jedes Ueberwachungssystem. Eine Hundenase wäre jetzt äußerst unerwünscht, dachte Tinser und äugte zu Meier Zwo hinüber, der an der Fassade des Verwaltungsbaues die Steckuhr bediente. Abziehende Schritte. Kiesknirschen, Husten, endlich. Jetzt war es so weit.
Tinser spuckte in die Hände, klopfte abergläubisch dreimal an die Buche und nahm Kletterschluß. Wie ein Eichhörnchen turnte er den Baum hoch, dessen oberste Aeste noch über das Dach hinausreichten. Wer wie Tinser die Lalidererwände und die Grandes Jorasses hinter sich hatte, für den war die Besteigung einer alten Buche ein wahres Kinderspiel. Die Schwierigkeit begann erst oben, wenn man von einem nahe ans Haus reichenden Ast wie ein Artist auf schwingendem Trapez durch blanke Luft zu springen hatte, um das Fenstersims der Giesekeschen Toilette zu erreichen.
Bevor Tinser sich zu diesem Sprung anschickte, legte er eine kleine Pause ein. Der Ast, auf dem er saß, federte unter seinem Gewicht. Es war luftig da oben und ein bißchen Wind kühlte die Schläfen. Dritter Stock, erlauben Sie, das ist immerhin eine Sache. Zwei ferne Köter kläfften, ein giftiger hoher Tenor und grollender Baßhund. Tinser schmeckte witternd in die Luft. Wie das hier oben roch! Nach bitterer Rinde, nach Humus, und nur ganz schwach nach Kamin und irgendwelchen chemischen Dünsten. Sieh mal, und Vogelnester gab es auch! Leere zwar, aber immerhin Nester. Tinser mußte plötzlich an den Park von Wallesöd denken, der so verwildert war und zerrissene Hosen und Gouvernantenprügel eingetragen hatte. Diese Kindheitserinnerungen machten Tinser ein wenig schwach und nahmen ihm etwas Kraft weg. Das durfte nicht sein. Tinser warf Wallesöd wie etwas Unnützes in die Tiefe und schalt sich: „Sei doch fein Waschlappen, Mensch!" Er lauerte nach unten. Wieder der Kies, die Schritte, die Steckuhr. Als der Wächter verschwunden war, ging Tinser blitzschnell vom Reitsitz in den Stand über und der Ast unter seinen Kletterpakschen schwankte gefährlich. Tinser maß mit den Augen die Entfernung — zwei und einen halben Meter hinüber zum Sims.
Na, los denn in Gottes Namen. Tinser stand nun vollkommen frei, nur einen dünnen Zweig neben sich als angebeuteten Halt. Er begann takt- mäßig wie auf einem (Sprungbrett zu wippen, bis drei kam der Abstoß, zischender Wind biß ihn ins Gesicht, die Finger krallten sich in Holz, und dieses Holz, der untere Teil eines Fensterrahmens, gab einen erstaunt ächzenden Ton von sich, aber es
hielt. Schwein gehabt, dachte Tinser und blies den Atem von sich. Dann machte er einen Klimmzug, zog sich auf das schmale Fensterblech und lag nun in der Fensteröffnung der Toilette des dritten Stockwerks.
Er verschnaufte. Denn setzt begann bas Schwerste. Da der alte Gieseke seine Schlafzimmertür von innen zu verriegeln pflegte, nützte ein Gang durch die Wohnung gar nichts, sondern man mußte vom Toilettenfenster aus an die Fassade entlang das offene Schlafzimmerfenster zu erreichen versuchen. Bei einem Haus wie dem Verwaltungsgebäude, das in diesem verwünschten Sachlichkeitsstil erbaut war, hatte das auch für einen Alpinisten vom Range Tinsers seine Schwierigkeiten. Denn die Mauervor- sprünge und Vertiefungen, die man bei einer solchen Ueberquerung als Hand- und Zehenstützen gebrauchen konnte, waren dünn gesät und kümmerlich. Aber es mußte in Angriff genommen werben, sonst war alles umsonst, bie Vorbereitungen, der Abenb mit bem Hausmeister, bie niebergefämpften Gewissensbisse, der Sprung vorhin.
Tinser biß bie Zähne aufeinander und turnte los. Finger, Zehen, Finger, Zehen, Vortasten, Nachgrei- fen, Atemholen, Äusruhen, Muskelbrennen wie kochendes Blei. Zum Denken blieb wenig Zeit. Ser Wächter durfte keine Minute zu früh kommen---
Pest über diese blödsinnige Helle Sandsteinfassade, auf der sich der dunkle Trainingsanzug wie ein Ausrufezeichen abhob!--Schwert und Feuer über
diese ganze idiotische moderne Bauerei, über alle Baumeister, die glatte Wände hinstellten! Nahm denn der Weg gar kein Ende, es waren doch bloß ein paar Meter? Kurz vor bem Ziel ließ Tinsers Kraft jäh nach. Seine Augen flimmerten, seins Muskeln starben ab; jetzt fehlte, verbammtnochmal, nur noch ein Wadenkrampf. Bitte, murmelte er lautlos und entblößte mit einem schiefen kleinen Lächeln ergeben bie Zähne. Ader ber Tod wollte Tinser noch nicht; er hatte ihn nur ganz kurz gestreichelt. Tinser schloß drei Sekunben die Lider, bann kroch er wie eine lahme Fliege weiter. Endlich wieder Blech, wieder Holz, wieder ein anständiger Halt. Sie Finger um Giesekes Fensterrahmen gepreßt, schloß er erschöpft und glücklich die Augen. Nun konnte nichts mehr passieren; was jetzt noch kam, war rein gar nichts gegen das Vorausgegan- gene. Tinsers Hemd klebte naß am Rücken, an den Schenkeln, auf der Brust, und feine Lungen gingen wie Blasbälge. Nach einer Weile zog er sich lautlos in die Höhe und kroch in das Zimmer, aus bem ihm Schnarchtöne entgegenschlugen. Gieseke schlummerte wie ein Bär, und es war nicht bie mindeste Gefahr. Tinser beobachtete ben alten Mann mit angehaltenem Atem. Sas mit bem Brustbeutel und bem Wachsabdruck war eine Kinderei und erforderte nichts als ein bißchen Geduld...
(Fortsetzung folgt!)


