Ausgabe 
19.6.1939
 
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ten; bester Einzelschütze im Kleinkaliberschießen wurde der gleiche Schütze mit 106 Ringen: an zwei­ter Stelle folgte Ebersohn (Bereitschaft 11, Butz­bach) mit 104 Ringen.

Vorbeimarsch.

Den Abschluß des Kreisappells bildete der Vorbei­marsch in der unteren Kaiserallee. Die Bereitschaf­ten kamen in tadelloser Geschlossenheit vorbei. Ein prächtiges Bild bot der Fahnenblock, der im Schein

In übtzcher Form hielt die Gesellschaft von Freunden und Förderern der Univer­sität Gießen (Gießener Hochschufge- s e l l s ch a f t) am Samstag im Universitätsgebäude ihre Jahrestagung ab.

Nach einer Sitzung des VerroaUungsrats fand in der kleinen Aula

die Hauptversammlung

statt. Hier konnte der Vorsitzende, Dr. M e e s - mann, Se. Magnifizenz den Rektor Professor Dr. S e i s e r als Vertreter der Universität und Oberbürgermeister Ritter als Vertreter der Stadt Gießen besonders begrüßen.

Dann erstattete Dr. M e e s m a n n denIahres- bericht d e s Vorstandes. Daraus ist u. a. folgendes mitzuteilen: In den Vorstand der Ge­sellschaft sind Fabrikant Karl Banninger und Landrat Dr. Lotz neu eingetreten. Fabrikant Karl Bänninger schied infolgedessen aus dem Ver­waltungsrat aus, ebenso der Geheime Kirchenrat Professor Dr. Krüger, der zugleich stellvertreten­der Vorsitzender mar, infolge Krankheit, und Land- gerichtspräsLent i. R. Dr. Jungk durch Tod. Ge­heimrat Professor Dr. Krüger wurde in An­betracht der Verdienste, die er sich um die Hoch­schulgesellschaft, namentlich in den ersten Jahren ihres Bestehens und solange sein Gesundheitszustand es erlaubte, erworben hat, am 11. Juni 1938 zum Ehrenmitglied ernannt. Der Vorsitzende sprach ihm in der Hauptversammlung für das der Hochschul- gesellschaft stets entgegengebrachte und betätigte Interesse herzlichen Dank aus. Als Nachfolger von Geheimrat Krüger im Amt des stellv. Vorsitzenden des Derwaltungsrats wurde Professor Dr. Ru­dolph gewählt. Don der Universität wurden in den Derwaltungsrat neu entsandt die Professoren Baader, Frölich, Gerthsen, Hilde­brandt, Rudolph und Schauder; damit erreichte die Zahl der von der Universität zu ent­sendenden Mitglieder wieder die satzungsmäßige Höhe. Inzwischen sind die Professoren Baader und Gerthsen durch ihre Berufungen nach Göt­tingen bzw. nach Berlin wieder ausgeschieden.

Die Entwicklung des Mitgliederbestandes war im Berichtsjahr erfreulicher als in den vorher­gehenden Jahren. Am 1. Januar 1938 betrug die Zahl der Mitglieder 405, neu gewonnen wurden 45 Mitglieder, 24 schieden aus, so daß am Jahres­schluß ein Bestand von 426 Mitgliedern M ver­zeichnen war. Die Erhöhung der Mitgliederzahl konnte durch rege Werbearbeit, die sich hauptsächlich auf die Alteherrenoerbände erstreckte, erreicht wer­den. Einige Kreise wurden durch die Bemühungen des Landrats Dr. Lotz neu- bzw. wiedergewonnen. Der Ausfall der Beiträge der aufgehobenen Vrovin- zialverwaltungen in Oberhesien und Rheinhessen mit zusammen 325 Mark konnte noch nicht wieder ein­geholt werden, da die Regierung dem Wunsche der Hochschulgesellschaft, diese Beiträge auf die Staats-

der Nachmittagssonne zu einem einzigen roten Leuchten wurde. Den Vorbeimarsch nahmen Gau- ausbildung-leiter Bender und Kreisleiter Backhaus ab. Auch dieser Vorbeimarsch wurde noch einer be­sonderen Bewertung durch den Gauausdildungs- leiter unterzogen. Am besten schnitt dabei die Be­reitschaft 6 (Grünberg) unter der Führung des Be­reitschaftsleiters Stein ab. Die Bereitschaft wird ebenfalls einen Preis und durch den Kreisleiter eine Auszeichnung erhalten.

kaffe zu übernehmen, bis jetzt nicht nachgekommen ift. .

Die Einnahmen beliefen sich insgesamt aus 6673,74 Mark; davon entfallen auf die Mitglieder- beiträge 5313 Mark. Die Ausgaben bezifferten sich insgesamt auf 7950,66 Mark. Zuwendungen an Universitätsinstitute wurden im Berichtsjahr in Höhe von insgesamt 4734,25 Mark, gemacht. Für dieNachrichten" der Hochschulgesellschaft, Vorträge und Derwaltungskosten wurden insgesamt 3216,41 Mark ausgegeben.

Seit der Stabilisierung der Währung bis Ende 1938 sind von der Hochschulgesellschaft insgesamt 191 734 Mark ausgezahlt worden.

Das Vermögen belief sich Ende 1938 auf 45 473,50 Mark gegen 47 735 Mark am Ende des Vorjahres. _ .

Se. Magnifizenz der Rektor Prof. Dr. Seifer sprach der Hochschulgesellschaft und insbesondere deren Vorsitzenden Dr. M e e 5 m a n n den herz­lichen Dank der Universität für die Förderungs­arbeit im Berichtsjahr aus. Ferner zeigte er an einigen kurzen Beispielen, wie auch die Universität selbst alle Kräfte einsetzt für ihre Zukunft, ebenso gab er einige Anregungen für die weitere Werbung von Mitgliedern. Dr. Meesmann dankte dem Rektor für seine anerkennenden Worte.

Der Jahresbericht wurde einstimmig gutgeheißen, ebenso einstimmig wurde Vorstand und Verwal­tungsrat Entlastung erteilt.

Bei den Wahlen wurden die turnusmäßig aus dem Vorstand ausscheidenden Mitglieder, Bankdirektor i. R. Grießbauer (Gießen) und Fabrikant Dr. Leitz (Wetzlar), einstimmig wieder- gewählt. Landgerichtspräsident i. R. Neuen­hagen (Gießen) hatte aus Gesundheitsrücksichten

Im Kafferfaal der Burg hielt am Samstag der Gleibergverein seine Generalversammlung ab. Der Führer des Vereins, Landrat Dr. Lotz, hieß die Mitglieder wollkommen, begrüßte besonders den Kreisleiter Backhaus und gab feiner Freude darüber Andruck, daß sich auch die Partei für die Aufgaben des Gleibergvereins interessiere. Ferner hieß er den Vertreter des Landrats Grillon (Wetzlar), Regierungsafsessor Becker, den Ver­treter der Studentenschaft Gießen, den Bürger­meister von Krofdorf und die übrigen Gäste will­kommen. In kurzen Ausführungen kennzeichnete er die Aufgaben des Vereins, die in der Erhaltung der Burg bestehen, die zum Bilde der Heimat, insbeson­dere zum Bild der Stadt Gießen gehöre und aller Pflege wert sei. Der Verein leiste mit Freude und innerer Genugtuung diese Arbeit. Darüber hinaus habe es der Gleibergverein für notwendig erachtet,

gebeten, von feiner Wiederwahl abzusehen. Ihm wurde für seine langjährige fruchtbare Mitattieit von dem Vorsitzenden herzlicher Dank ausgesprochen. An seiner Statt trat durch einstimmige Berurung der Hauptversammlung Oberbürgermeister sJi i 11 e r (Gießen) in den Dostand der Hochschulgesellschast ein. Die aus dem Verwaltungsrat turnus­mäßig ausscheidenden Mitglieder wurden ebenfalls einstimmig wieder in ihre Aemter berufen.

Damit war der Arbeitsstoff der Hauptversamm­lung erschöpft. Nunmehr folgte im großen Horsaal

die Festsitzung.

Das Collegium musicum der Universität unter Lei­tung von Prof. Dr. Temesvary leitete die Feier mit einem Orchestervortrag ein. Danach hielt Prof. Dr. E. Koch vom Kerckhoff-Jnstitut in Bad-Nau- Heim den Festvortrag über das ThemaNeue r e Ergebnisse der Kreislaufforschung, wobei er auch eine Anzahl Lichtbilder zeigte. Der Vortragende berichtete über die erstaunlichen Er­folge, die in der Kreislaufforschung während der letz­ten 20 Jahre erzielt worden sind.

Nach kurzen Vorbemerkungen über'die allgemeine Bedeutung des Blutkreislaufs im Gesamtleben des Körpers wurde zunächst die heutige Lehre der Blutströmung besprochen. Die Erkenntnisse sind auf diesem Gebiete soweit vorgeschritten, daß man jetzt in der Lage ist, aus dem Ablauf der Druckschwankungen in den Schlagadern mittelbar zu berechnen, wieviel Blut aus dem Herzen bei jedem Schlage in Umlauf gesetzt wird.

Sodann wurde dieBetriebsordnung" des Kreislaufs behandelt. Neue Untersuchungsver­fahren haben hier zu tieferen Einblicken in die Zu­sammenhänge von Blutversorgung und Tätigkeit der Organe geführt: Die Größe des Gesamtkreis­laufes paßt sich immer genau den Bedürfnissen des Körpers an, und die Vlutverteilung auf die einzel­nen Körper gebiete richtet sich ftreng nach dem Lei­stungsprinzip".

Schließlich wurden noch die neu entdeckten S i - cherheit ^Vorrichtungen besprochen, mit de­ren Hilfe einerseits dem Gesamtkörper eine ausrei­chende Kreislaufgröße gewährleistet und anderseits der Kreislauf selbst vor lleberbelaftung geschützt wird.

Nach dem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Dorttag, herzlichen Dankesworten des Vorsitzenden an den Redner und an das Collegium musicum und einer weiteren Darbietung des Orchester fand die Festsitzung ihren üblichen Abschluß.

die Burg auch in den Dienst des Geistes der neuen Zeit zu stellen und ein Schulungslager eingerichtet.

In seinen weiteren Ausführungen gab Land rat Dr. Lotz einen Rückblick auf das Jahr 1938. Der Verein habe mit aller Reeller und wirtschaftlicher Kraft auch im vergangenen Jahre dem Gleiberg gebient Leider habe der Burgbesuch etwas nachge- lassen. In der Zukunft werde versucht, den Gleiberg wieder mehr zu einem beliebten Ausflugsziel zu machen. Um dies zu erreichen, halte es der Gleiberg- oerein für notwendig, eine bessere Bewirt­schaftung der Gäste zu ermöglichen. Dies solle durch einen Umbau geschehen, der die jetzigen Verhältnisse grundlegend ändert, dem Wirt die Arbeit erleichtert und eine raschere und zweck­mäßigere Bedienung der Gäste ermöglicht. Fami­lienleben des Pächters und Bewirtung der Gäste sollen sich in Zukunft völlig getrennt vollziehen

können. Die baulichen Aenderungen, die in feinet Weise die äußere architektonische Form des Nast sauer Baues beeinflussen werden, sollen so ge» schehen, daß sie in jeder Beziehung dem Geiste ent­spricht, in dem die Räume der Burg gestaltet sind.

Oberinspektor Mohr, der bauliche Betteuer ber Burg, legte nach den grundsätzlichen Ausführungen von Landrat Dr. Lotz die Pläne vor und erläuterte sie. Aus diesen Plänen geht hervor, daß das neben der Küche liegende Schlafzimmer des Burgwirts, geräumt und zu einem Schankraum umgeftaU tef werden soll. Der Wirt bekommt dafür zwei Zimmer im Dachgeschoß über dem Schulungslager. Der Flur soll verbreitert werden. Dec Schankraum wird mit zwei großen Schiebefenstern ausgestattet, so daß mehrere Personen zu gleicher Zeit bedient werden können. Die Küche soll unter­kellert werden. Der Hofausschank soll ganz ver­schwinden. Der Plan sieht ferner vor, daß der eigentliche Aufgang zum Kaisersaal bzw. zum Ober­geschoß, wieder der Öffentlichkeit zugänglich ge­macht werden soll. Es ergibt sich dabei die Möglich­keit, eine schöne altdeutsche Diele zu schaffen und damit auch der schönen Treppe zu bester Wirkung zu verhelfen. Die bisherige Waschküche soll für weitere Bedürfnisanstalten nutzbar gemacht wer­den. Ein weitgehender Plan sieht vor, daß im Dachgeschoß des Albertusbaues, also über dem Schulungslager, sieben Fremdenzimmer geschaffen werden. Oberinspektor. Mohr hatte einen Kostenvor­anschlag ausgestellt, der den Betrag von 10 000 Mark als notwendig vorsieht. e

Im weiteren Verlauf hörte man den Kassen-» bericht, da das Ergebnis der Rechnungsablage den Mitgliedern den Eindruck vermitteln sollte, ob der Umbau in Angriff genommen werden kann. Für den erkrankten Lehrer Praß erstattete Herr Hämmle den Kassenbericht, der überaus günstig ad schloß. Die Einnahmen betrugen im vergangenen Geschäftsjahr 2851,65, die Ausgaben beliefen sich auf 1369,08 RM., so daß ein erheblicher Überschuß verblieb. Das Vermögen weist einen Bestand von 6197,82 und Verpflichtungen in Höhe von 1922,80 RM., somit ein Reinvermögen von 4275,02 auf. Der Voranschlag für 1939 sicht in Einnahmen und Ausgaben 2800 Mark vor. Da man hofft, daß von den laufenden Ausgaben wieder einiges eingespart werden kann, würden für den Umbau an eigenen Mitteln rund 7000 Mark zur Verfügung stehem Dem Rechner, Lehrer Praß, und dem Vorstand wurde nach der Rechnungsablage einstimmig Ent« laftung erteilt.

Im weiteren Verlauf der Versammlung mürbe über den geplanten Umbau gesprochen und beraten, wie das fehlende Kapital von 3000 RM. zu be­schaffen sei. Nach mancher gegebenen Anregung stand für die Versammlung fest, daß der Umbau unternommen werden könne. Vor einer endgültigen Beschlußfassung sollen aber die notwendigen Schritte unternommen werden, den fehlenden Betrag zu beschaffen.

Regierungsassessor Becker sagte im Auftrag des ßanbrats des Kreises Wetzlar wohlwollende Förde­rung der Sache des Gleiberg zu.

Im weiteren Verlauf der Versammlung wurde bann über die Abhaltung des Gleibergfestes 1939 gesprochen, das in diesem Jahre am 23. Juli wieder in der althergebrachten Form begangen werden soll. Ein Ausschuß soll die not­wendigen Dorbereitungsarbetten in Angriff neh­men. Das Fest soll in ber Gemeinschaft mit N S G. Kraft durch Freude" durchgeführt werden.

Landrat Dr. Lotz schloß die Versammlung mit Worten des Dankes an feine Mitarbeiter und gab dem Wunsche Ausdruck, daß es gelingen möge, den Gleiberg wieder mehr als seither zu einem Aus­flugsmittelpunkt für weiten Umkreis zu machen.

Zchreslagung ber Gießener Hochschulgesellschast.

Mitgliederzuwachs. - Gute Förderung unserer Universität.

Der Gleibergverein vor neuen Aufgaben.

Vorstandssihung und Generalversammlung.

MMnnwiklsOOMm

Roman von Konrad Trani

Eopgrlght by Carl Ouncker Verlag, Berlin W35

19. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

,Lch bilde mit nicht ein, die Tiefen der mensch­lichen Seele aus jedem Gesicht ablesen zu können. Ich halte den jungen Dilden für einen netten Menschen und keineswegs für den Typ eines Mör­ders. Aber den Raub des Del Sarto würde ich ihm ohne weiteres zutrauen. Dazu gehört aber keine be­sondere Technik. Nur Frechheit. Ich könnte mir denken, daß es seine Nachtruhe nicht stört, wenn ein wildfremder Engländer auf diesem Umweg um gute taufend Pfund leichter geworden ist. Woher sollte er plötzlich soviel Geld haben? Warum lügt er das Blaue vom Himmel herunter, um die Quelle nicht zu verraten, aus der es ihm zufloß?"

Das gibt mir auch zu denken", nickte der alte Herr.

Wo kann er nur in der Geschwindigkeit einen Hehler aufgetrieben haben?" wunderte sich Peter. Das ist nicht so leicht." Er überlegte eine Weile. Wer ist eigentlich dieser Nase? Käme der für un­lautere Ankäufe in Bettacht?"

,Unsinn! Haushoher Unsinn!" wehrte Vater Voigt ab.Nase würde sofort die Polizei anrufen. Nase ift ein armer Krüppel, der genug zu leben hat. Nase ist ein Händler, fein Sammler, der macht sowas nicht ..." Herr Voigt wurde doch ein bißchen ver­legen, als er in die lachenden Gesichter der an­dern sah.Ich würde natürlich auch niemals ein Stück erwerben, dessen Herkunft nicht über allen Zweifel erhaben ist."

Was die Signatur anbelangt, nicht wahr, Va­ter?" neckte sein Sohn.Der letzte Besitzer wäre viel weniger interessant."

Sei still, du Frechdachs!" sagte der alte Voigt.

Ich sehe dich, Vater, wie du dich bei versperrten Türen, tief in ber Nacht, heimlich unrechtmäßig erworbener Blätter erfreust", entgegnete Hans. Mit der einfachen Behauptung, er wäre ein Frechdachs, war er nicht zum Schweigen zu bringen. Aber als er sah, daß Vater wirklich einen roten Kopf bekam, streichelte er ihm versöhnend die Hand.

Nein, allen Ernstes, ich bin weit davon entfernt, einen unbekannten armen Teufel für einen Ver­brecher zu halten, noch viel weiter aber davon, meinen alten Freund Gottfried zu verdächttgen. Die Welt ist groß und voll von schlechten Menschen. Es muß einen dritten geben!"

Wo hat er aber wirklich das viele Geld her?" erkundigte sich Peter.

Vielleicht hat er ein Schmuckstück versetzt, und es war ihm unangenehm, es einzugeftehen", meinte Hans.

Bevor ich mich einsperren lasse, zücke ich seelen­ruhig den Pfandschein", erwiderte Peter entschieden.

Kh darf Gottfried morgen besuchen. Ich werde ihn auf Ehre und Gewissen fragen!" erklärte Hans.

Er sollte eine Enttäuschung erleben. Gottfried blieb bei seiner sofort aufgefteilten Behauptung und

war durch nichts davon abzubringen. Auch die Po­lizei hatte bei ihm kein Glück. Er sei weder ein Räuber noch ein Mörder, erklärte er sehr heftig, und das Geld stamme von seinem Onkel Otto. Statt ihn zu quälen, möge die Behörde sich fteundlichst bemühen, Onkel Otto herbeizuschaffen. Er lege gro­ßen Wert darauf, ihm seine Herzensmeinung zu sagen.

Madeleine war ungewöhnlich schweigsam gewe­sen. Sie mischte sich in keine der erregten Debatten ein. Sie horchte und lächelte freundlich. Erst spät am Abend, als es schon Schlafenszeit war, da lächelte sie besonders berückend.

Pierre, ich habe nichts zum Anziehen!" sagte sie schlicht.

Dein Schrank hängt voller Kleider", knurrte Peter.

Madeleine machte eine wegwerfende Bewegung. Lauter Dinge von anno Schnee ... Ich brauche ein paar Sommersachen. In all der Aufregung deinetwegen habe ich meine Garderobe vergessen. Und hier in Neukirchen kann ich mich unmöglich ausstatten. Am besten fahre ich nach Berlin."

Das Gesicht des Gatten wurde immer sorgen­voller.

Wieviel wird es kosten?" erkundigte er sich vor­sichtig.

Gib mir fünfhundert Mark!" schlug Madeleine vor.Falls ich mehr brauche, erlege ich den Rest­betrag aus meiner Privatschatulle."

So sind die Frauen, dachte Peter. Da habe ich eine sehr unangenehme Zeit hinter mir wenn sie wirklich schon hinter mir ist. Ich traue dem Landfrieden nicht recht ... Ein junger Bursche, ein Freund guter Freunde, sitzt jedenfalls sehr in der Patsche. Und Madame muß verreisen und Som­merkleider kaufen! Dabei hat der junge Dilden ihr gut gefallen.

Aber er gab Madeleine die verlangten fünfhun­dert Mark und begleitete sie zur Bahn, wie es sich für einen guten Ehemann gehört. Er machte große Augen, als die Turachzwlllin ge au stauchten und Madeleine stürmisch begrüßten.

Ist bas ein glücklicher Zufall ober Verab­redung?" fragte er.

Wir brauchen auch Sommerkleider", erklärte Hilde.Und Madeleine soll uns beraten."

Drei hübsche junge Gesichter neigten sich aus dem Wagenfenster, nickten und lachten ...

So sind die Frauen!" wiederholte Peter für sich, als er den Bahnsteig verließ.Ich hätte geschworen, daß der einen an Gottfried Dilden viel gelegen ist!"

Dann streifte er Öen Herrn in Zivil, der inter­essiert der Verabschiedung gelauscht hatte, mit einem rafdjen Blick. Das mar der sehr konsistente Schat­ten, der ihm von Kommissar Ruhle verliehen wor­den war. Er überlegte, ob er sich bei ihm erkundigen sollte, was die Polizei von Gretchen Neues wußte .. Das Schicksal seiner Sekretärin bereitete ihm Sorge.

"Nein, lieber nicht", entschied er.Entweder er weiß es nicht oder er sagt es mir nicht. Außerdem w,rd es ihn kranken, wenn er merkt, daß ich genau weiß, wer er ist."

Dann ging er in die Fabrik und nertiefte sich in seine Arbeit. Nur hie und da dachte er an die ver­

gnügten Frauengesichter, die sich auf die Großstadt und die neuen Fähnchen freuten.Das hätte ich nicht von Madeleine gedacht!" seufzte er, als er in später Nacht in sein einsames Haus heimkehrte.

Er tat Madeleine bitter unrecht. Madeleine und den beiden Mädchen. Natürlich wollten sie nebenbei Kleider kaufen, aber etwas anderes war ihnen viel wichtiger ...

Madeleine hatte sich in die Debatte,Jst der junge Dilden schuldig oder nicht?' in keiner Weise einge­mengt. Für ihre eigene Person hatte sie bereits die Entscheidung gefällt: Gotffried war unschuldig! Ein so netter junger Mann mit so vergnügten blauen Augen, mit einem solchen Schopf hellblonder Haare ift fein Verbrecher. Das konnte ihr niemand ein­reden. Dagegen hatte Madeleine eine unvernünftige Abneigung gegen Krüppel. Unb Herr Heinrich Nase war ihr ungeschaut nicht sehr sympathisch. Er kam ihr in den Berichten auch zu häufig vor. Sie wollte sich Heinrich Nase ansehen. Der Mann hatte einen offenen Laden, also war es nicht schwierig, zu ihm vorzudringen. Und vielleicht fand sich unter seinem Kram ein Stück alter Samt oder Brokat, bas man für einen Abendumhang verarbeiten konnte.

Sie hatte die Turachmädchen ins Geheimnis ge­zogen, weil sie bei ihnen vollstes Verständnis er­wartete. Sie fand es. Irmgard, die eine Nacht lang gemeint hatte und den Tag über in elender Laune gewesen war, bekam leuchtende Augen, als sie von Madeleines Absicht erfuhr. Das war das Richtige! Nicht hier in Neukirchen herumsitzen und zusehen, wie der arme Junge von der Polizei gequält wurde. Nicht Herrn Voigt anhören müssen, wie er Gott­fried verdächtigte.

Hikde hatte sich natürlich der Expedition ange- schlofsen. Erstens trennte sie sich ungern von der Schwester, zweitens witterte sie ein Abenteuer, und drittens brauchte sie ja auch neue Kleider.

Ihr müßt mir aber in die Hand versprechen, daß ihr keinen Unfug machen werdet!" sagte Made­leine ernst, als sie sich in den Abteil häuslich nie­dergelassen hatten. ,Hhr müßt mir folgen!"

Natürlich. Das ist ja sonnenklar!" nickten eifrig die blonden Köpfe. Sie hatten zu Madeleines Energie und ihrem klaren Kopf volles Vertrauen.

Schließlich trage ich die Verantwortung für euch, euren Eltern gegenüber. Und was würde Hans sagen?" Sie sah die beiden forschend an. Eine wurde rot, also war das Hilde ...Wir spielen nicht Indianer, geliebte Mädchen!" schloß sie streng.

Nein, mir wollen Gottfried helfen", sagte Irm­gard ernst, und ihre Augen füllten sich mit Trä­nen.

Am nächsten Vormittag machte sich Madeleine auf den Weg. Sie wollte sich Herrn Nase zuerst ein­mal ansehen, ohne durch die aufgeregten Mädchen behindert zu werden. Madeleine hatte ein sehr ele­gantes Leinenkostüm an. Um den Hals trug sie eine kleine, aber ausgesucht schone Perlenkette. Hie machte den Eindruck einer reichen jungen Frau, der man größere Einkäufe 311 traut.'

Die Gegend, durch die sie gehen mußte, gefiel ihr gor nicht. Uralte Häuser mit vielen dunklen und winkligen Höfen. Hier wohnen arme Leute. Und Armut ist zwar keine Schande, aber eine große Versuchung", dachte sie.

Sie warf einen erschrockenen Mick in die Sarg­tischlerei des Mathias Holle. Dann war ihr Ziel erreicht. Sie stellte sich vor die schmale Auslagen­scheibe, betrachtete die hübsche Bernsteinkette, die Miniaturen ...

Schräg zur Straße war ein kleiner Spiegel an­gebracht, einSpion", wie ihn die neugierigen! Frauen vergangener Jahre vor ihren Fenstern lieb­ten. Madeleine hatte sich gut in der Hand. Sie zuckte nicht, als sich der grüne Seidenvorhang lang­sam verschob. Sie sah ihn nicht, aber er sah sie durch den Spiegel.

Nach einigem Zögern trat sie ein. Der Laden war dunkel, nur der Platz hinter dem Pult, dicht neben der Auslage, stark erhellt. Hinter dem Pult stand ein Zwerg mit einem grauen Schnauzbart und einer blauen Brille. Wie Madeleine Menschen haßte, die dunkle Brillen trugen! Sie wollte jemanden in die Augen sehen, sie wollte wissen, wie ein Gesicht wirklich aussah. Mit dunklen Brillen war es kein Gesicht, war es eine Maske.

Womit kann ich Ihnen dienen?" fragte Herr Nase.

Ich wollte mich nach dem Preis ber Bernstein­kette erkundigen." Sie wandte sich um und strich prüfend über ein Stück Brokat, das über einen Lutherstuhl hing.Syaben Sie noch andere Brokate oder Samte?"

Der kleine Mann öffnete eine Lade unö stellte sie auf das Pull. Was er für lange Arme und große Hände hatte! dachte Madeleine und betrachtete ehre Rolle Brokat nach der anderen. Er gefällt mir gar nicht ...

Alle Laden und Schränke waren so angeorbnek daß Nase sie öffnen konnte, ohne seinen Platz hin­ter dem Pull zu verlassen.

Der übrige Raum im Laden war mit Möbeln und Bildern angefüllt. Und dunkel war es! Dabei schien draußen die Sonne. Es war ja eine enge Gasse, aber so dunkel mußte es nicht sein. Das kam wohl von dem dunkelroten Farbanstrich der Wände und den vielen dunklen Möbeln. Madeleine unter­schied mit Mühe, daß eine schmale Tür gegenüber dem Eingang in eine Wohnung führte.

Ich möchte mir gerne den blauen Samt bei Ta­geslicht besehen? Wollen Sie mich begleiten?" fragte sie.

Da müssen sich die Dame allein bemühen", sagte der Zwerg.Mir fällt das Gehen schwer."

Madeleine trat aus dem Laden und bettachtete die Rolle Samt, die sie in der Hand hielt. Beim Eintreten und beim Verlassen des Geschäftes hatte eine Ladenglocke blechern gebimmelt. Und Nase ließ sie nicht aus den Augen.

Was machen Sie aber, wenn Sie ausgehen müssen, wenn Ihnen die paar Schritte schon schwer­fallen?" erkundigte sie sich, als sie wieder vor dem Pult stand.

,Zch habe einen guten, selbst lenkbaren Roll­wagen", sagte der Zwerg. Er war sehr kurz ange­bunden. Mit dem ließ sich nicht harmlos plaudern» stellte Madeleine mißvergnügt fest. Es war nur noch von Preisen die Rede.

(Fortsetzung folgt.)