Ausgabe 
19.6.1939
 
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Nr. 140 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (Genrral-Anzetger für Gberheßen)

Montag. 10. Juni MO

Aus der Stadt Gießen.

Traum und Wirklichkeit.

In der kurzen Geschichte eines großen Dichters unserer Zeit war erzählt, wie ein Lykomotivsührer viele Jahre lang, wenn er seinen dröhnenden, klir­renden weißwolkigüberflaggten Zug an einem be­stimmten Siedlerhäuschen vorbeilenkte, eine Frau aus dem Hause treten sah. Sie pflegte zu winken. Erst hatte sie ein Kind auf dem Arm. Dann klam­merte sich das gleiche Kind an ihre Hand. Später winkte es schon allein mit. Schließlich waren es zwei Kinder. Wenn die Winkenden einmal fehlten, schien dem Lokomotivführer der Tag nur halb so gut.

Eines Tage fügte es ein Urlaub, daß er in die Gegend konnyen konnte, die er so oft auf dem weiten Schienenwege des Expreßzuges berührt hatte, die Gegend des kleinen Siedlerhäuschens. Er dachte es sich wunderbar und köstlich, den Menschen einmal gegenüberzlistehen, die ihm so oft zugewinkt hatten, mit der Hand, die verrußt und ölig war, den Gruß zurückgewinkt. Er war, so kam es ihm vor, ein ferner Freund dieser fremden Menschen geworden. Dann also kam er an. Er klopfte. Er stand der Frau gegenüber. Aber^ie war gar nicht freundlich, sie war mürrisch und mißtrauisch, sie kannte ihn nicht. Sie hatte gewinkt, gewiß, aber es war eine müde Ge­wohnheit gewesen, weiter nichts. Es gab keine Brücke zwischen diesen Menschen. Sie hielten ihn fast für einen Narren. Er empfahl sich linkisch.

Das Ergreifende an dieser schlichten Geschichte ist ihre tiefe Wahrhaftigkeit. Zwischen Gebärde und Wahrheit klafft eine Gruft. Zwischen Vorstellung und Wirklichkeit steht eine Wand, oft häßlich wie die geschwärzte Backsteinwand eines Grostadthinter- hauses.

Du freust dich wochenlang auf ein Geschehnis. Du siehst elektrische Kerzen flammen, hörst weiche Musik, du siehst strahlende Frauen, sie schauen dich alle an. Dann kommt der Abend. Er ist Gähnen, Enttäuschung, Katzenjammer. Du hast dein Leben lang in eine Landschaft gewollt, die dir fern lag, unnahbar fast. Dann kam die Chance. Du steigst am Bahnhof aus. Es regnet. Du wärest besser zu Hause geblieben. r. k.

Dornoiizen.

Tageskalender für TNonkag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Anna Favefti". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Mädchen in Weiß".

Aenderunq

der Sommer- und Herbstferien

au den Schulen der Sladl Gießen.

Durch Verfügung der Landesregierung vom 15. Juni 1939 tritt in der Ferienordnung der Gie­ßener Schulen insofern eine Aenderung ein, als die Sommerferien u m 5 Tage verkürzt wer­den, und zwar zugunsten der Herbftferien. Die Sommerferien dauern nunmehr vom 8. Juli bis 10. August einschließlich, die Herbstferien vom 8. bis 18. Oktober einschließlich.

Finanz- und Kaffenlage der Stadt Gießen ausgeglichen.

Der Oberbürgermeister unserer Stadt gibt be­kannt, daß die Finanz- und Kassenlage der Stadt Gießen auch im zweiten Halbjahr des Rechnungs­jahres 1938 als ausgeglichen bezeichnet werden kann. Bei regelmäßigem Steuereintzang konnten sämtliche Ausgabe-Verpflichtungen erfüllt werden. Die vorhandene Stetigkeit in der Finanzentwicklung hat auch weiterhin angehalten, irgendwelche Erschüt­terungen, die evtl, hätten Fehlbeträge verursachen können, sind nicht eingetreten.

7IS.-Frauenschast Sießen-Nord.

K i n d e r g ru p p e : Morgen, Dienstag, den 20. Juni, Kinder-Ausflug nach Wieseck. Abmarsch 15 Uhr von der Schillerschule.

Leistungsappell der politischen Leiter in Gießen.

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Der gestrige Sonntag sah sämtliche Politischen Leiter des Kreises Wetterau der NSDAP, zu einer großen Leistungsgemeinsck>aft, zu einem Kreisappell in Gießen vereinigt. Vor der Volkshalle, am Schützenhaus und auf dem Universitätssportplatz bestimmte die braune Uniform das Bild. In einem stattlichen Fahnenblock waren die Fahnen aller Ortsgruppen des Kreises zusammengefaßt. Ins­gesamt traten zu dem Appell 1 4 3 5 Politische Leiter an, die sich ,ynn Teil schon zu früher Morgenstunde auf den Weg nach Gießen begeben mußten. Den Auftakt für den Kreisappell bildeten

Fahnenhissung und Morgenfeier.

In weitem Viereck, unterteilt in Bereitschaften, traten die Politischen Leiter an. Kreisausbilder Siegfried (Großen-Linden) meldete dem Kreisleiter die Kameraden, und Kreisleiter' B a ck h a u s schritt daraufhin unter den Klängen des Spielmanns- und Musikzuges des Kreises (Leitung: Musikzugführer Schleuse) die Fronten ab. Nach einem Vers des LiedesHeilig, Vaterland", nach einem Vor- spruch und nach der feierlichen Hissung der Fahne hielt Kreisausbilder S i e g f r i e d die Ansprache zur Morgenfeier. Er betonte, daß' die Politischen Leiter der nationalsozialistischen Bewegung eine Kampftruppe in der Hand des Führers darstellten, daß sich in ihnen die Idee des Führers verkörpere, und daß die Politischen Leites der ausstrahlende Kem für das deutsche Volk sein müßten. Vom Politischen Leiter werde erwartet, daß er klar und fest im Leben stehe, daß er ganz der nationalsozia­listischen Weltanschauung geöffnet sei, daß ihn ein geschlossener Wille erfülle, daß er vorzuleben ver- nlöge, wenn er Erzieher sein solle. Er müsse erfüllt sein von dem Glauben, daß Blut und Boden der Urgrund unseres völkischen Seins sind, er müsse aber auch erfüllt sein von dem Glauben an ein ewiges Deutschland. Er forderte dazu auf, mit allen Kräften diesem Deutschland zu leben, den Dienst am Volk als Gottesdienst aufzufassen, den^ Dienst am Volk als Religion anzusehen. Dem ^chicklal aber solle man sich immer dankbar dafür wissen, daß es uns den Führer gab, der in uns wieder das Bewußtsein der großen Bedeutung der Volks­gemeinschaft habe lebendig werden lassen.

Der Redner forderte abschließend dazu auf, durch Pflichterfüllung, durch äußere und innere Haltung, durch die soldatischen Tugenden Treue, Gehorsam, Disziplin, durch Ehre und Kameradschaft wahrhaft

nationalsozialistische Haltung zum Ausdruck zu bringen.

Mit dem Gesang des zweiten Verses des Liedes Heilig Vaterland" fand die Morgenfeier ihren Ab­schluß. Sodann rückten die Bereitschaften zum Teil zum Universitätssportplatz ab.

Leibesübung der politischen Leiter.

In den vergangenen Monaten haben sich die Politischen Leiter einer systematischen Leibesübung unterzogen, um ihre Leistungsfähigkeit und Spann­kraft auch auf diesem Gebiete zu beweisen. Die sportliche Betätigung umfaßte eine Reihe von Auf­gaben. So mußte jeder eine vierstündige Marsch­leistung in guter Verfassung hinter sich bringen, an sechs Sportausbildungsstunden teigenommen, sich im Kleinkaliber- und im Pistolenjchießen geübt haben, außerdem war ein 15-Kilometermarsch und Uebungen im Weitsprung, Keulenziel- und Keulen­weitwurf, im Medizinballstoßen verlangt, und einen 1000-Meter-Lauf zu bestreiten. Uebungen der Ord­nung und der Disziplin in der Marschkolonne wur­den ebenfalls bewertet. Für den gestrigen Tag des Kreisappells waren lediglich noch der 1000-Meter- Lauf, der Keulenzielwurf und die Ordnungsübungen zu erledigen. Die siebzehn Mannschaften der Bereit­schaften traten in Stärke von je acht Mann zunächst zum 1000-Meter-Lauf an. Der' fünfte Mann jeder Mannschaft, der das Ziel passierte, wurde gewertet und seine Zeit war für die Mannschaft maßgebend. Es war erfreulich, zu sehen, wie sich hier die Poli­tischen Leiter aller A l t e r s st u f e n für den Sieg ihrer Mannschaft einsetzten. Es ergab sich jeweils starteten drei Mannschaften mancher ver­bissene Kampf um den Sieg. Mit Begeisterung und Einsatz waren die Wettkämpfer am Keulenzielwurf beteiligt und gespannt folgte man den Leistungen eines jeden Kameraden. Im 1000-Meter-Lauf konn­ten beachtliche Zeiten, im Keulenzielwurf (liegend und stehend) gute Ergebnisse erzielt werden. Auf dem Trieb marschierten die Bereitschaften zu den Ordnungsübungen auf. Man gewann rasch den Ein­druck, daß die Politischen Leiter auch in der Marsch­kolonne düs zeigen, was von ihnen erwartet werden kann.

Besichtigung.

Nach der Mittagspause traten die Teilnehmer des Appells zur Besichtigung an. Dazu war der Gau­ausbildungsleiter Bender erschienen, der zunächst die Fronten abschritt und dann in der Gemeinschaft mit dem Kreisleiter und dem Kreisausbilder eine eingehende Be-sichtigung der einzel­nen Bereitschaften vornahm, die etwa eine

Stunde in Anspruch nahm. In einer kurzen An­sprache wies der Gauausbildungsleiter auf den Zweck und den Sinn dieser Kreisappelle hin, sprach von der Bedeutung der Unisorm und den Ver­pflichtungen, die ihrem Träger auferlegt sind, er sprach von der Notwendigkeit einer gründlichen Aus­bildung, schon im Hinblick auf die Tage von Nürn­berg, außerdem von der Notwenigkeit der vorbild­lichen Haltung des Politischen Leiters, die zu er­reichen nicht zuletzt der Sinn dieser Ausbildung sei.

Siegerehrung.

Der Siegerehrung ging eine Ansprache des Kreis­leiters Backhaus voraus. Er bezeichnete den Kreisappell der Ausbildung als einen Anfang und betonte, daß es wichtig fei, auf dem beschrittenen Wege weiter zu marschieren. Er erinnerte daran, daß über alle Arbeit des Aufbaues bisher nur wenig Möglichkeit zu einer sportlichen Betätigung gewesen sei, daß der Politische Leiter in der Kampf­zeit zwar auch seinen Mann in mancher Saal­schlacht gestanden habe, jetzt aber müsse immer mehr erstrebt werden, den Menschen zu einer geistigen, seelischen und körperlichen Einheit zu for­men. Es gelte mehr als je, daß jeder an sich selbst arbeite, daß er das große Wollen, das unsere Na­tion nun beseelt, erfasse, daß er in Treue zum Füh­rer stehe, sich vorbildlich betätige und soldatische Haltung bewahre.

Sodann nahm Kreisleiter Backhaus die Sieger­ehrung vor. Von Behörden der Städte und der Kreise, wie auch von verschiedenen Firmen, waren wertvolle und für den Ausbildungsdienst sehr zweck­mäßige Preise gestiftet worden, die nunmehr mit Worten der herzlichen Anerkennung durch den Kreis­leiter überreicht wurden.

Oie Ergebnisse:

5. Bereitschaft

1. Bereitschaft

2. Bereitschaft

Bereitschaft Bereitschaft

3.

4.

6.

7.

8.

9.

10.

Bereitschaft Bereitschaft Bereitschaft Bereitschaft

Punkte Punkte Punkte Punkte Punkte Punkte Punkte Punkte Punkte Punkte.

G i e ß e n - O st Gießen-Süd Gicßen-Nord Bad-Nauheim Friedberg Lollar Okarben Grünberg Asscnheim Laubach

2550 2446 2253 2104

1762 1562

1462 1448

1311

918

Die Gesamtleistung der einzelnen Bereitschaften in den verschiedenen Disziplinen des Ausbildungs­dienstes war durch Punktwertung ersaßt. Folgende Bereitschaften wurden ausgezeichnet:

4

1

3

13

14

5

16

6

15

7

Bereitschaft

Bester Einzelschütze im Pistolenschießen wurde Hellmuth Scheller (Gießen-Nord) mit 64,9 Punk-

Oben links: Kreis- leitcr Backhaus über­reicht dem Führer der besten Bereitschaft, Orts­gruppenleiter K r e u d e r (Gießen-Ost), den von der Stadt Gießen gestifteten Ehrenpreis.

Nebenstehend: Die 17 Bereitschaften der Po­litischen Leiter stellten je 8 Mann zum 1000-Me­ter-Lauf. Eine der Läu­fergruppen unmittelbar nach dem Start.

(Aufnahmen |2|: Neuner, Gießener Anzeiger.)

- r

Zwischen Oorn und Korn.

Dem Heimatdichter Heinrich Lohnreh zum 80. Geburtstage.

Wenn man am 19. Juni den achtzigsten Geburts­tag Heinrich S o h n r e y s , des hannöverschen Hei­matdichters, Dolkstumsforschers und Sozialpolitikers feiern wird, dann sei auch einmal des kämpferischen und ertragreichen Lebens dieses Mannes gedacht, der stets bescheiden hinter seinem Werk zurückge­treten ist.

Vor fünf Jahren hat Sohnrey einen umfassenden Rechenschaftsbericht veröffentlicht.Zwischen Dorn und Korn" so hat er diese Lebenserinne­rungen genannt. Die schwer durchdringlichen Dor­nenhecken, in denenmanchmal auch so ein Flöck­chen von meinem Leib und Leben hängen geblie­ben", sind ja längst auf dieser langen Wanderung zurückgetreten, und sein Lebcnspfad führt nunZwi­schen "lauter fülligen Getreidefeldern". Der Dorf- junge aus Jühnde ist nicht nur Professor, mehr­facher Ehrendoktor und Träger der Goethe-Medaille geworden. Er hat die Genugtuung gehabt, daß das neue Deutschland anerkannte, was er jahrzehntelang als Prediger in der Wüste gelehrt und verteidigt hatte: die völkische Kraft des deutschen Bauerntums. So hat Heinrich Sohnrey sich denn auch freudig und rückhaltlos zum Deutschland Adolf Hitlers bekannt.

Diese Lebenserinnerungen bilden keine geschlossene Biographie. Es ist ein Kranz zwangloser Geschichten, in denen wir einem bunten Reigen von Gestalten begegnen: Dorflehrern und Bauernmeistern, Be­rühmtheiten des Berliner Cafes Josty und Politikern der wilhelminischen Aera, wie Friedrich Nau­mann und dem Hofprediger Stöcker, vorbild­lichen Beamten und bürokratischen Landräten, die in ihrem Bezirk die Osterfeuer als Holzverschwen- duna untersagten. _ w .

Der verknöcherte Geheimrat bei der Regierung in Hannover machte ein sonderbares Gesicht, als er den Wunsch des neunzehnjährigen Schulamtskan- ditaten hörte, der da vor ihm stand. Da war also mal einer, den es nicht in die Stadt zog, der in ein Dorf wollte mit Berg und Tal und weiten Wal­dern. So etwas wie ein Lächeln kam in feine Zuge wie er da Karten und Listen aus feinen Akten- fchränken kramte und schließlich auf ein Dorf im Grunde des Wesergebirges deutete, in das niemand hinmochte, weil es soaus der Welt" läge. 3n diesem entlegenen Ackerdorf, in welchem der Lehrer die einzige Amtsperson war, hat Sohnrey dann sechs. Jahre verbracht als Schulmeister, Leichen­

redner, Sonntagsnachmittagsprediger, Montagsbet- stunde-Halter, Gesangvereinsdirigent und Schieds­mann. Nach diesen sechs Jahrengab es kein Sprich­wort, keine volkstümliche Redensart, keine Sitte und Sage, fein ,Stippstörchen' und keinen Aberglau­ben, Überhaupt keinen Ausdruck des örtlichen Volks­tums, den ich nicht sorglich verwahrt hatte". In mehreren Büchern hat Sohnrey später Sitten und

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(Scherl-Bilderdienst-M.)

Bräuche, Geschichten und Sagen aus dem Sollinger Walde gesammelt. Damals hat er aber auch viele der bäuerlichenn Schicksale miterlebt, die er später in seinen Dorfgeschichten erzählt hat.

Seine volkskundlichen Zeitungsaufsätze machten den Germanisten in Göttingen auf ihn aufmerksam, und er bestärkte den jungen Dorfschulmeister in seiner Absicht, die Universität zu besuchen.Ich stu­dierte Philosophie", Germanistik, Geschichte und Li- tefatur und schriftstellerte daneben über die Maßen ... Meine Geldmittel verflüchtigen sich, und die erhofften Honorare blieben größtenteils aus. Es ist die Zeit, in der das Buch entstand, an das man noch heute zuerst denkt, wenn von dem Schrift­steller Heinrich Sohnrey die Rede ist: die köstliche Geschichte vonFriedejinchens Lebens­

lauf". Er heiratete ein Mädchen aus dem Solling, ging auf das Flehen der Mutter wieder ins Schul­amt zurück und sprangnach kurzer Zeit kopfüber, kopfunter wieder ins Leere". Bis mit der Ueber- nahme der Schristleitung einer Freiburger Zeitung sein Dasein eine gesicherte Grundlage bekam.

Damals schrieb er das BuchDer Zug vom Lande und die soziale Revolution". Als Junge hatte ich noch die Uebervölkerung des Dorfes gesehen, das Wohnungselend und die wirt­schaftlichen Nöte der besitzlosen Tagelöhner kennen­gelernt. Ich hatte die Zustände vor der Verkoppe­lung der Feldmarken und nach der Verkoppelung vor Augen: ich sah die erheblichen Nachteile, die für alle besitzlosen Leute daraus entstanden, mochten ihre Geschlechter auch schon hundert Jahre und länger im Dorfe sitzen. Die Tagelöhner büßten ihre althergebrachten Gerechtsame ein, sie verloren viel­fach ihre Gärten, ihr Gemeindepachtland, und es blieben ihnen nur die neuen Straßen und Wege, die dafür so schön breit und glatt geworden waren, daß sich sehr bübsch darauf wandern ließ. Was Wunder, daß die Arbeiter ohne Haus und Scholle auf diesen so bequem gewordenen Straßen davon- wanderten." In der Stadt aber verfielen sie der Proletarisierung, die Sohnrey mit dem Fenriswolf der nordischen Mythe verglichen hat.

Die Landflucht zu bekämpfen, zu der auch Verwahrlosung und Vernichtung des heimatliä^en Brauchtums beitrug, hat sich Heinrich Sohnrey zur Lebensaufgabe gemacht. In diesem Sinne schrieb er 1893 als Geleitwort für die von ihm begründete ZeitschriftDas San d" die programmatischen Worte, die uns heute selbstverständlich klingen: Jeder Staat, der sich vor Entartung und Verder­ben bewahren will, muß seine erste Aufgabe darin sehen, den Bauernstand groß und kräftig zu erhal­ten." In seiner ersten Erzählung, in welcher er den Baron von Raufen als Anhänger eines neuen so­zialen Denkens einem Vertreter der patriarchalischen Wohltätigkeit gegenüberstellt,, sagt er:Nicht den reifen Weizen, sondern Acker und Pflug sollen wir dem Volke geben, daß es von der eigenen Ernte mahlen kann ..." Dieses neue Denken faßte er in drei Programmpunkten zusammen: Besserung der wirtschaftlichen und sozialen Zustände: Pflege des Volkstums und Förderung des bäuerlichen Sied- lungswefens.

Diesen Aufgaben hat Sohnrey seine ganze Lebens­arbeit gewidmet, in ständigem Kampfe gegen die Verständnislosigkeit desZeitalters der Maschine", das eine Arbeiterfrage nur in den Industriegebieten kannte.

An feinem sechzigsten Geburtstage, der in dunkle Tage fiel, hatte er sich noch zwei Jahrzehnte Leben und Schaffen gewünscht, um sein Teil an der Wie­deraufrichtung des deutschen Volkes mithelfen zui können. Sie 'wurden ihm gewährt.Muß ich", so schließt fein Erinnerungsbüch,muß ich es nicht als eine große Gnade Gottes preisen, daß ich diese kaum recht faßbare Wandlung Deutschlands im meinem Alter noch erleben durfte?"

Walther Schwere! tfeger.

Seltsame Berufe.

In England gibt cs eine ganze Anzahl Berufe, von denen die große Oeffentlichkeit keine Ahnung hat. Zu ihnen gehört der des Krötenzüchters, der einen guten Markt im Lande hat, da die Gärtner diese nützlichen Tiere kaufen, um durch sie die schäd­lichen Insekten von Blumen- und Gemüsebeeten fernzuhalten. Etwas Besonderes ist es auch, wenn jemand seinen Lebensunterhalt mit dem Anzünden von Streichhölzern verdient. Diesen Beruf gibt es in den großen englischen Streichholzfabriken, wo eine Person nur damit beschäftigt ist, Öen Inhalt der Streichholzschachteln durch das Anzünden des ersten besten Hölzchens zu prüfen. Der Verkäufe? von Eselsmilch ist ebenfalls Vertreter eines selt­samen Berufes; es gibt aber in England Leute, die auf die gesundheitliche Wirkung der Eselsmilch schwören. London besitzt auch einen Moossammler. Dieser Mann fährt allwöchentlich zweimal mit seiner Ware nach einem etwa 30 Kilometer von der Stadt entfernten Ort, sammelt dort frisches Moos und verkauft es bann zu Schmuckzwecken. Bei der eng­lischen Berufszählung wurde auch der Beruf eines Rauchküfers genannt. Das find Leute, die ben Rauch von brennenbem Hickory-Holz in Flaschen sammeln; ber Rauch wirb bann zu verschiebenen Zwecken verwenbet, hauptsächlich zum Räuchern von Schinken. Der Sammler von Walroß-Schnurrbart* haaren ist ebenfalls ein fonberbarer Geschäftsmann, aber seine Sammelleibenschaft hat einen praktischen Hintergrunb, benn bic Scynurrbarthaare bes Wal­rosses werben zu Zahnstochern verarbeitet. Seh? eigenartig ist ber Beruf bes Champagner-Reinigers; sein Amt besteht barin, bie Champagnerflaschen von bem sich bilbenben Satz zu befreien, ohne daß etwas von bem Inhalt verloren geht. Die Flaschen werben zunächst mit bem Kork nach unten auft gestellt, so baß sich ber Satz am Korken sammelt, bann wirb ber Korken so herausgezogen, baß de? Satz beseitigt werden kann, ohne baß auch nur ein Tropfen des Weines verloren geht.