ttr. 296 Zweites Blatt
Gießener Anzeiqer (General-Anzeigrr für Oberheffen)
Montag, l8. Dezember 1939
Die Gießener Ortsgruppen ehren kinderreicheMütter
Aus der Stadl Gießen.
Vati auf Urlaub.
Der kleine Peter gibt jedesmal auf die f?raoe nach sem-m Vati dieselbe stolze Antwart: .Mein Vati ist bei den Soldaten." Dabei nimmt er eine stramme Haltung an, soweit es ihm nur möglich !ft. un? M mal zu den Sob
daten Mit kriegerischem Ernst marschiert er dann durch d>- Stube und singt markerschütternd Erika" was gewöhnlich zur Folge hat, daß Nachbars FriK.' ch-n gelaufen kommt um sich mit Begeisterung an der militärischen Kundgebung zu beteiligen.
Seit gestern hat Peter indessen allen Grund, sich noch mehr m die Brust zu werfen. Schon am zeitigen Morgen trippeln seine kleine Füße die Treppen im Hause immer wieder hinauf und hinunter wobei er jedem, der ihm in den Weg lief bereit- wllllgst die große Neuigkeit berichtete: „Vati ist auf Urlaub gekommen mit einem Säbel und mit qan! großen Stiefeln. Jetzt schläft der Vati noch, aber nachher gehen wir zusammen fort." Und voller Eifer rannte er weiter, um seine wichtige Kunde an den nächsten Mann zu bringen, bis schließlich niemand mehr im Hause ausfindig zu machen war, so daß als einziger willfähriger Hörer nur noch Fritzchen blieb, dem das unerhörte Ereignis natürlich in allen farbigen Einzelheiten geschildert wurde.
Tatsächlich wurde Vati am Nachmittag sichtbar, als er mit Frau und Sprößling den ersten Ausgang machte. Er machte in seiner Uniform eine gute Figur und hatte für alle Hausbewohner, die ihn freudig begrüßten, ein paar nette Worte. Das war aber nicht nach Peters Sinn, der an allen Gliedern zappelte und mit der Kraft eines Motors nach draußen strebte. Er mußte sich doch mit seinem Dati endlich auf der Straße zeigen, damit der Triumph weithin sichtbar wurde. Und als es dann wirklich soweit war, marschierte der kleine Peter so ernsthaft und stolz zugleich neben dem Urlauber her, als gelte es, direkt auf den Feind loszugehen.
Dati hat natürlich Verständnis für den Eifer seines kleinen Jungen, und er erzählt ihm mit großer Bereitwilligkeit alles, was dem Wissensdrang des Vierjährigen gelegen kommt. Diese Berichterstattung ist begreiflicherweise nicht ganz einfach, denn Peter hat eine erstaunliche Fähigkeit im Aus- frageu. Es gibt nichts, was ihn nicht interessiert, ob es nun die Flugzeuge oder die Danks, die Unterseeboote oder die Flakgeschütze sind. Dabei macht er allerdings den Eindruck, als ob er seinem Vati die gesamte Kommandogewalt über alle Kriegsgeräte und Formationen zutraute^Der Vati schmunzelt vergnügt dazu, wie alle Vatis schmunzeln, wenn sie von ihren Sprößlingen solche Freundlichkeiten hören, und er genießt seinen Urlaub dov- pelt bei den Gesprächen mit Peter. Lange wird dieser Urlaub ja nicht ryähren, aber das stille Glück des Zuhause seins, das gegenwärtig mancher Soldat mit Peters Dati teilte, wird noch lange in der Erinnerung haften, wenn die schönen' Tage schon längst wieder verflogen sind. H. W. Sch.
Vornotizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Verdacht auf Ursula^. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Gold in New Frisco". — Oberhessischer Kunstverein: 15 bis 16 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
60-pfennigstücke aus Aluminium.
Die Reichsbank beginnt in diesen Tagen mit der Ausgabe von Fünfzigpfennigstücken aus Aluminium. Dese Münzen sind dazu bestimmt, die Fünfzig- Reichspfennigstücke aus Nickel, deren Einziehung zu . einem späteren Zeitpunkt vorgesehen ist, zu ersetzen. Vorerst behalten auch die 50-Reichspfennigstücke aus Nickel ihre Kaufkraft. Der Zeitpunkt der Außerkurssetzung der Nickelmünzen wird noch bekanntgegeben.
Am gestrigen Sonntag fanden in den Ortsgruppen Gießen-Süd, Gießen-Nord und Gießen-Mitte F e i e r st u n de n zu Ehren von kinder- r e i chen Müttern statt, denen als äußeres Zeichen des Dankes des ganzen Volkes vom Führer das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter verliehen worden war. In der Ortsgruppe Gießen-Ost hatte der Ortsgruppenleiter im Hinblick auf die zur Zeit ge= nnge Zahl von auszuzeichnenden Müttern von einer Gemeinschaftsfeier Abstand genommen, dafür den in Betracht kommenden Frauen die Auszeichnung bei einem Besuch in den Wohnungen persönlich überreicht. Den Verlauf der Gemeinschaftsfeiern schildern die nachstehenden Berichte.
Die Ortsgruppe Gießen-Eüb hielt chre Feierstunde im schön geschmückten Saale der „Stadt Wetzlar" ab. Die NS.-Frauenschaft hatte sur weihnachtliche Ausschmückung gesorgt, und die Jugendgruppe der NS.-Frauenschaft leitete die Feier mit einem Schargesang ein.
Belm Schein der Kerzen hielt Ortsgruppenleiter Gr a h l m a n n eine Ansprache an die kinderreichen Mütter, in der er von der heiligen Verpflichtung der Väter und Mütter, dem Volke Kinder zu schenken, ausging und hervorhob, daß die Unsterblichkeit emes Volkes in seinen Kindern zu erblicken ist. All die Arbeit und die Mühen der Eltern wären vergeblich, wenn nicht die Kinder den Segen davon hätten; denn alles Leben hat nur dann einen Sinn, wenn es auf die Zukunft, auf den Nachwuchs ausgerichtet ist. Der Ortsgruppenleiter wies auf die verschiedenen Einrichtungen hin, die der nationalsozialistische Staat geschaffen hat, um der Mutter und dem Kinde zu dienen, sie zu fördern und ihnen die Arbeit zu erleichtern. Deutschland wird nur dann weiterleben, wenn das Volk auch rassisch gesund ist. Em Volk kann sich aus volitischer Knechtschaft befreien, aber aus rassischer Verkommenheit gibt es keinen Aufstieg mehr. Ortsgruppenleiter Grahlmann würdigte die Mutter als den heiligen Quell des Volkes und gedachte mit bewegten Worten der Heldenmutter, die vielleicht schon im Weltkreig ihren Mann verloren haben und jetzt wieder ihre Söhne ausziehen ließen in den Kampf um die Freiheit des Volkes. Er sagte ihnen, daß auch die gefallenen Sohne im Volke fortleben werden, solange das Volk besteht, und richtete an alle, die bei der Wehrmacht stehen, die Grüße der Heimat aus. Aus Briefen der Frauen aus der Zeit der Freiheitskriege um 1813 las er Worte der Königin Luise-vor und stellte diese Frau der deutschen Mutter als Vorbild hin.
Während eine Schar des BDM. Lieder sang, überreichte der Ortsgruppenleiter den kinderreichen Müttern die Ehrenurkunde, und die Leiterin der NS.--Frauenschqft, Frau Kranz, schmückte sie damit. Der BDM. und die Jugendgruppe der NS.- Frauenschaft beschlossen den feierlichen Akt mit einem gemeinsam gesungenen Lied.
Dann gedachte der Ortsgruppenleiter der treuen Fürsorge des Führers für die deutsche Mutter und das deutsche Volk und schloß die Feierstunde mit dem Treugruß an den Führer.
24 M"tter wurden ausgezeichnet, 5 mit dem goldenen, f mit dem silbernen und 13 mit dem bronzenen Ehrenkreuz.
Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Eine stimmungsvolle Feier bereitete auch die Ortsgruppe Gießen-Mitte den 25 erschienenen Müttern im „Württemberger Hof". Die Mütter nahmen an weißgedeckten, mit Tannengrün und Kerzen geschmückten Tischen Platz. Ausgezeichnete musikalische Darbietungen leiteten die Feier ein.
Ortgruppenleiter Weber hielt sodann eine kurze Ansprache, in der er einleitend betonte, daß im Dritten Reich die Mutter als erste Staatsbürgerin
gelte, da sie es fei, die den Bestand der Nation sichere. Der Führer habe auch durch viele Maßnahmen zum Ausdruck gebracht, daß die Familie als die Keimzelle des völkischen Lebens von größter Bedeutung sei und dementsprechend gewürdigt werde. In seinen weiteren Darlegungen sprach der Ortsgruppenleiter davon, wie im Falle eines Krieges immer von der Frau und Mutter die größten Opfer verlangt würden, indem sie Mann und Söhne dem Daterlande zur Verteidigung gebe und alle Sorge um sie trage. Mit nachdrücklichen Worten sprach der Redner ferner davon, wie der Führer alle Opfer der kinderreichen Mutter damit ehre, daß er den Müttern das Ehrenkreuz verleihe, das sie mit berechtigtem Stolze tragen dürsten.
Sodann gelangten die Ehrenkreuze zur Verteilung. Während ein Mitglied der NS.-Frauenschaft den Müttern die Ehrenkreuze am seidenen Band überreichte, übergab Ortsgruppenleiter Weber gleichzeitig die Verleihungsurkunden und beglückwünschte die Mütter im Namen der Partei.
Nach einer weiteren musikalischen Darbietung und nach dem Gedenken des Führers fand die Feier ihren offiziellen Abschluß.
Ortsgruppenleiter Weber hatte anschließend die Freickie, die Mütter zu Kaffee- und Kuchen Einladen zu können, die durch opferbereite Angehörige der Ortsgruppe Gießen-Mitte zur Verfügung gestellt wurden.
Zwei Mütter erhielten das goldene, 8 das silberne und 16 Mütter das bronzene Ehrenzeichen der deutschen Mutter.
Die Ortsgruppe Gießen-Nord
hielt ihre Feierstunde in dem weihnachtlich geschmückten Saale des „Aquarium" ab. Die Kapelle Krengel fpieTte einige Volksweisen, Pg. Wen- zel las dann Worte des Führers vor, in denen
die Bedeutung der Mutter für das Volk gewürdigt wird.
Ortsgruppenleiter Thomas begrüßte die Mütter und den Kreis Propaganda! eiter Rahner. Dann wurde ein weiterer Vorspruch gesprochen, und mit dem „Largo" von Händel leitete die Kapelle Krengel zur Mütterehrung über, zu der Ortsgruppenleiter Thomas sprach. Er erinnerte daran, daß zum zweiten Male, im Kriege, die deutsche Mutter geehrt und ihr das vom Führer gestiftete Ehren-' kreuz überreicht werden falle. Er schilderte die Friedensbemühungen des Führers und ging dann auf den Freiheitskampf ein. In diesem Zusammenhang erläuterte er, daß, wie für den Soldat für bewiesene Tapferkeit das Eiserne Kreuz, so jetzt durch den Führer für die tapfere deutsche Mutter das Ehrenkreuz gestiftet wurde. Die deutsche Mutter soll es mit Stolz als ‘ein sichtbares Zeichen der Dankbarkeit des Volkes tragen, denn ein Volk braucht tapfere Mütter, die ihm eine tapfere Jugend schenken. Was der Mann einsetzt an Heldenmut, setzt die Frau ein in ewig geduDigem Leiden und Ertragen. Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für Sein oder Nicht* ftin des Volkes. Aus diesem Grunde hat der nationalsozialistische Staat die Mutter wieder zu Ehren gebracht und hat durch die verschiedenen Maßnahmen, durch Müttererholungsheime, Kinderheime» durch manche Vergünstigung und Bevorzugung den Schutz von Mutter und Kind in den Vordergrund gestellt. Die höchste Ehrung für die deutsche Mutter' ist durch das vom Führer gestiftete, sichtbar zu tragende Ehrenkreuz der deutschen Mutter erfolgt.
Während die Kapelle K r e n g e l Lieder aus der Jugendzeit spielte, überreichte Ortsgruppenleiter Thomas 21 Müttern das goldene, 29 das silberne und 30 das bronzene Ehrenkreuz und übermittelte' ihnen gleichzeitig die besten Wünsche für ihr Wohlergehen. Mit dem Treugruß an den Führer wurde die Feierstunde geschlossen.
Hohe Nacht -er klaren Sterne."
Feierstunde mit KdF. im Lazarett.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" hat es sich zur edlen Aufgabe gemacht, auch den Verwundeten und Kranken in den Lazaretten unserer Wehrmacht in bestimmten zeitlichen Abständen und auf die verschiedenste Weise Freude zu bereiten. So fand auch am gestrigen Sonntagnachmittag im Feiersaal unseres Standortlazaretts eine Feierstunde statt, bei der bestes deutsches Liedgut, deutsche Musik der begnadeten Meister und Worte deutscher Dichter in reichem Wechsel zum Vortrag gelangten. Der Feiersaal des Lazaretts, der der Veranstaltung einen einzigartig schönen Rahmen bot, war mit Tannengrün geschmückt und bot sich im milden Licht vieler Adventskerzen dar.
Einige Orgeldarbietungen von Dr. Eberhard Born brachten Musik aus dem 17. und 18.Jahr, hundert von Pachtelbel und Johann Sebastian Bach. Ein Streichquartett des NS. • Studentenbundes Frankfurt a. M. bot Musik von Haydn und bereitete durch die überaus sorgfältige und einfühlende Wiedergabe besondere Freude. Eine Ängschar des BDM.-Untergaues 116 fang Weihnachtslieder („Weihnachtszeit kommt nun heran", „O Tannenbaum, du trägst ein' grünen Zweig", „Still, weil's Kindlein schlafen will" und „Hohe Nacht der klaren Sterne"). Die Mädchen fangen mit aller Andacht und haben damit den Soldaten sicherlich besondere Freude bereitet.
Gauwart Alwin 9tüffer sprach herzliche Worte der Einführung, sprach aber auch in wenigen Sätzen über den wahren Sinn und das Brauchtum zu
Weihnacht und zur Sonnwende und richtete damit die Gedanken auf die Bedeutung des Weihnachtsfestes für unser deutsches Volk. Poesie und Prosa von Rainer Maria Rilke, von W. Lobsien, Inge Thomae, Annes Miegel und G. Schumann, von Alwin Rüsser und Jrmingard Seiser zum Vortrag gebracht, bereicherten die Vortragsfolge.
Die Zuhörer dankten durch innige Anteilnahme an den Darbietungen, während die Kameraden, die sich nicht in den Feiersaal begeben konnten, in ihren Zimmern und über die Lautsprecheranlage des Hauses zu Teilnehmern der Feier wurden. Zahlreiche Schwestern nahmen ebenfalls teil. Stabsarzt Dr. K l e i n sagte der NSG. „Kraft durch Freude", insbesondere allen Mitwirkenden, herzlichen Dank für diese schöne Stunde, die den Patienten sicherlich eine schöne und lebhaft begrüßte Abwechslung nach all der langen Zeit der erzwungenen Ruhe bedeutete.
Denke daran - handle danach: Chlorodont wirkt abends am besten!
(Sinn her Weihnacht.
Don Karl JRo&erf Popp
Das Christfest stand vor her Tür. Hans Heilbrunn stützte den Kopf in die Hand und lauschte den hellen Stimmen seiner Lieben, die aus dem Nebenzimmer herüberklangen. Der kleine Peter sang mit der Muter die alten, lieben Weihnachtslieder, und dazwischen jubelte er vor freudiger Erwartung. Der Mann beneidete den Jungen fast um die Seligkeit, die das Wort Weihnachten in jedem Kinderherzen aufwachen läßt. Einmal wieder so jung fein dürfen! Die Tage zählen, die Adoentsfensterchen öffnen und abends mit klopfendem Herzen vor verschlossenen Türen lauschen, hinter denen es rauscht und aschelt .von Wunderdingen und Geschenken .. Jorbei. Ein bitterer Zug trat in das Gesicht des Rannes. So verliert sich jede Illusion, dachte er, Deihnachten? Was ist das schon: Weihnachten! Ein schenken auf Gegenseitigkeit, erhöhte Unkosten. Die Geschäfte und die Sorgen aber lausen weiter. „Morien, Kinder, wird's was geben ...", klang es von rüben herüber. Man muß dem Jungen noch eine efondere Freude machen, dachte Hans Heilbrunn, imit) da fiel ihm die alte Krippe ein.
Im Sommer hatte er sie beim Entrümpeln ge- anden und einstweilen im Abstellraum unterge- racht. „Einmal werden wir noch wach ...".jauchzte Seter, und der Vater ging auf den Zehenspitzen iber den Dorsaal und holte sich das Krippenpaket. Vorsichtig löste er die Umhüllung und stellte die einzelnen Figuren der Krippe auf seinen Schreibtisch. Eigentlich schön, stellte er fest. Die Maria Hatte einen so mütterlich glücklichen Ausdruck im hinge schnitzten Antlitz, und der heilige Joseph sah Sanz so aus, wie man sich einen guten Vater oor- pellt. Einen Augenblick lang stutzte Hans Heilbrunn, als er das Christkind betrachtete. Warum hat der Tchnitzer eigentlich diesen wissenden Ausdruck in das kindliche Gesicht gelegt? Dann sah der Mann einen Hirten, und da wurde sofort seine eigene Kindheit wieder wach. Der Hirte lachte über das ganze Gesicht vor Freude, und Hans Heilbrunn entsann sich genau, wie er als Junge über den glücklichen Hir-
I «n gelacht und gejubelt hatte, und wie der ihm |0 ganz besonders gut gefiel. Und er wuchs immer wehr in die vergangenen Tage hinein, je mehr Hirten und Engel er auspackte. Wie war das damals schön! Der Vater hatte die Krippe immer in tiner Ecke des Zimmers aufgestellt. Weshalb hatte u eigentlich den schönen Brauch nicht beibehalten?
wußte keine rechte Antwort darauf zu geben.
Zuletzt hob Hans Heilbrunn den hölzernen Boden ter Krippe aus dem Paket. Da sah er, daß der Loden aus zwei Brettern bestand, die ein wenig j
auseinanderklafften. Wahrscheinlich waren sie einmal feucht geworden. Etwas Weißliches schimmerte zwischen den Brettern. Hans Heilbrunn erweiterte den Spalt und hielt den Boden dann schräg. Ein Brief rutschte heraus, ein alter, vergilbter Brief. Und wahrend im Nebenzimmer der kleine Peter „Ihr Kinderlein kommet ..." jubelte, überflog sein Vater, wundersam berührt von der Entdeckung, die fast unleserlich gewordenen Zeilen des Briefes:
„An diesem heiligen Weihnachtstage, da der Welt unser Heiland geboren worden ist, hat mir mein liebes Weib den Sohn geschenkt. Hab deshalben beschlossen, in Dankbarkeit und Freude ein Krippen herzurichten und mit eigner Hand das liebe Christkind, Mariam und Josephen als auch Engel, Hirten und die Weisen aus dem Morgenland zu schnitzen, auf daß mein Bub, so er mit Gottes Gnade heran- wächset, eine rechte Freud an des Heilandes und seinem Geburtstag hab. Und soll selbige Krippe, so es Gottes Wille ist, noch manchen Buben und manches Mädel aus dem Geschlechte der Heilbrunn erfreuen. Werden dann die alte Wahrheit erfahren, so bis ans Ende der Welt bestehen bleibt: Die Liebe höret nimmer auf.
Josephus Heilbrunn am Tage der Geburt unseres HERRN, siebenzehnhundertunddreiundneunzig Jahre nachher."
Hans Heilbrunn sah über die alten Blätter hinweg zum Fenster hinaus. 1793! Also war der Bub sein Urahn, und als diese Zeilen geschrieben wurden, da lebten Goethe und Schiller, da deckte Friedrich den Großen erst sieben Jahre die Erde. 1793! Da sprach die Welt von der Französischen Reoolutton. Napoleon und die Freiheitskriege ruhten noch in ferner Zukunft. Da war ein einiges Deutschland noch ein Traum, und ans zwanzigste Jahrhundert dachte keiner! — Und hier lagen die Figuren der Krippe und waren lebendig und sprachen zur Seele wie am Tage ihrer Schöpfung!
Hans Heilbrunn las den Brief des Ahnen noch einmal langsam und andächtig durch. Die Worte am Ende wiederholte er laut, und der Sinn der Weihnacht ging ihm darüber auf. Der Knabe da in der Krippe hing später am Kreuz. Wahre Liebe muß selbstlos sein, muß sich freudig verschenken können. Vor fast zweitausend Jahren kam diese Erleuchtung zur Welt, und nun wird sie ewig Licht verbreiten. Jahrhunderte kommen, Jahrhunderte vergehen, aber bas Wunder der Liebe bleibt lebendig in allen Zeiten. Des Mannes Augen leuchteten im Glanze der neuen Erkenntnis: Weihnachten, Fest der selbstlosen Liebe, Fest des beschenkten Kindes, aber erst recht Fest des schenkenden Vaters.
Und Hans Heilbrunn vergaß seine Geschäfte und I Sorgen, denn er hatte ja den Eingang wiedergefunden in das Wunderland der Weihnacht. „O du früh. |
liche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit ...", so fangen drüben Frau und Kind, und diesmal weckten ihre Stimmen freudigen Widerhall in der Brust des Mannes. Hans Heilbrunn baute die alte Krippe auf und lächelte fröhlich dabei. Hier, der Hirt brauchte eine neue Bemalung, und dem Engel da fehlten die Flügel! Der Mantel der Muttergottes mußte neu vergoldet werden, und Moos gehörte in die Krippe!
Der Mann legte Figuren und Brief sorgfältig in seinen Schreibtisch. Dann zog er, immer noch lächelnd, seinen Mantel an und ging aus dem Zimmer. „Wo- i)in?"fragte seine Frau, und der Bub drängte sich an ihn. Da legte Hans Heilbrunn geheimnisvoll den Finger auf den Mund: „Pst! Zum Weihnachtsmann!"
Weihnachts - Morgenfeier im Etadttheater.
Die jüngste Morgenfeier unseres Stadttheaters war ganz umwoben von Geist und Stimmung der Vorweihnachtszeit. Sie brachte eine kleine Reihe gesanglicher und rezitatorischer Vorträge, in denen sich Ernst und Freudigkeit glücklich die Waage hielten. Der Chor unseres Stadttheaters sang zunächst einen schlichten Weihnachtschoral von Michael Prä- torius, der einen glücklichen Auftakt für die besinnliche Stunde darstellte. Gerhard Reuter las mit feinem Gefühl für Gehalt und Sprache Rudolf Bindings weihnachtliche Erzählung „Das Peitfch- chen", dem ein flandrisches Sprichwort und wohl auch eine Legende zugrunde liegt. Eine schöne Bereicherung der Stunde bedeuteten dann zwei Weihnachtslieder Engelbert Humperdincks, von Eva Eckert mit sympathischer Einfachheit gesungen. Reizvoll wurden die Lieder durch Harfenspiel (Luise Frank) begleitet. Ein besonders tiefes Erlebnis war schließlich die Lesung einer Novelle von Anton Coolen (J)eimroeg"), in der das Schicksal einer bäuerlichen Mutter geschildert wird, die am Weihnachtsabend die im Streit um den Hof lange entzweiten Söhne und Töchter wieder itr friedlichem Geiste beieinandersieht. Die'Novelle, btt eine Fülle feiner und aus dem Leben gegriffener Züge in sich vereinigt, hinterließ einen starken Eindruck und bereitete auch in der Klarheit und im Adel der Sprache der aufmerksamen Zuhörerschaft viel Freude. Friedrich G r ö n d a h k las die Novelle mit starker eigener Anteilnahme und brachte sie dadurch den Zuhörern besonders nahe. Ein weiterer Weihnachtschoral beschloß die Feierstunde. Die Leitung der Morgenfeier hatte Gerhard 9t e uter , hie musikalische Leitung Richard B o e ck.
Heinrich Ludwig Neuner.
Wachsendes Lesebedürfnis.
Beim Ausbruch des Krieges konnten Verleger und Buchhändler sich für kurze Zeit fragen, was für sie denn nun zu tun fei. Schon nach wenigen Wochen aber ist allen denen, die das deutsche Buch betreuen, klargeworden, daß in diesem Kampf gerade Bücher eine wichtige, ja eine wachsende Ausgabe zu erfüllen haben und daß die künftigen Aussichten des Buches günstig und erfreulich sind. Im „Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" (Nr. 244) führt 21 h o I f Spemann unter dem Titel „Was sollen wir tun?" unter anderem aus: „Das Lesebedürsms aller Kreise wird sehr stark wachsen und wird vielleicht noch stärker werden als in den hinter uns liegenden Jahren. Zunächst die Wehrmacht: im Be- wegungskrieg kann der Soldat nicht lesen, um so mehr aber liest er im Stellungskrieg. Der Bewegungskrieg im Osten ist aber nach einem Siegeslauf ohnegleichen zu Ende; was im Westen bevorfteht, ist Stellungs-, ja Festungskrieg. Schon jetzt hungern unsere Soldaten im und Hinterm Westwall, die nun seit Wochen in Gefechtsbereitschaft warten, nach gutem Lesestoff. Alles mögliche geschieht für ihre geistige Verpflegung, aber das Buch ist dabei noch zu kurz gekommen ..." (Inzwischen sind schon wich- tige Schritte unternommen worden, um unseren Soldaten den nötigen Lesestoff zuzuführen.)
Heber das Buch in her Heimat führt Spemcmn aus: „Wichtige Konkurrenten des Wuches sind weg- gefallen. Der gefährlichste war in den letzten Jahren das Auto. Das Wochenende, vor allem her Sonntag wurde vom Wagenbesitzer bei einigermaßen gutem Wetter auf einer Autofahrt verbracht — jetzt wird er sehr oft zu Hause bleiben und hat Zeit zum Lesen. An die Stelle der Geschäfts- oder Dienstreise im Wagen ist wieder wie früher die Eisenbahnfahrt getreten und damit die Möglichkeit, während der Fahrt zu lesen. Die abendliche Verdunkelung führt viele Menschen zu häuslicherem Leben; es ist nicht jedermanns Sache, in der abgehuntelten Stadt abends auszugehen. So wird häufig nun mancher abendliche Kunstgenuß oder die gewohnte Entspannung durch das Buch abgelöst werden. Das Buch trotzt her Verdunkelung; zu Hause lesen kann man immer. Eine große Zahl von Gegenständen des Bedarfs (und des Nichtbedarfs) ist bezugsschern- pflichttg und nur in begrenzten Mengen.käuflich. Bücher sind bezugsscheinfrei und sind dies auch in der schwersten Kriegs- und Nachkriegszeit geblieben. Das bietet einen starken Anreiz zum Kauf und hilft dem Buch von her Wirtschaftsseite her. Sowohl dis Erfahrung des Weltkriegs als innere und äußere Gründe sprechen also dafür, daß Bücher bald sehr stark gekauft werben, zum mindesten schöngeistige.^


