W chsel in der Leitung
de» Arvei S itn'eei ließen.
Der Leiter des Arbeitsamtes Gießen, Oberregierungsrat Dr. L i st, tourte durch Erlaß des Reichsarbeitsministers mit der Leitung des Arbeitsamtes Kassel beauftragt. Oberregierungsrat Dr. List, ter seit 1933 an der Spitze des hiesigen Arbeitsamtes stand und in dieser Stellung eine segensreiche Tätigkeit zur Förderung unserer heimischen Wirtschaft entfaltete, wird sein neues Amt in Kassel alsbald antreten. Zu seinem Nachfolger in der Leitung des Arbeitsamtes Gießen wurde Regierungsrat Dr. Nonnenmann bestimmt, der fein Amt in Gießen ebenfalls in diesen Tagen antreten wird. Regie, rungsrat Dr. Nonnenmann war früher Leiter des Arbeitsamtes in Id ar-Oberstein und zuletzt Leiter des Arbeitsamtes in Gmunden (Salzkammer- gut), von wo er jetzt nach Gießen kommt.
Gutes Weihnachtsgeschäft am Silbernen Sonntag.
Der gestrige zweite Derkaufssonntaq vor Weihnachten, der Silberne Sonntag, brachte gegenüber dem Kupfernen Sonntag eine wesentliche Steigerung des Weihnachts-Verkaufsgeschäfts. Um die Mittagszeit kamen mit der Bahn große Mengen von Kaufinteressenten aus der Umgegend in die Stadt, und dazu gesellte sich während der verkaufsfreien Nachmittagsstunden die ebenfalls große Zahl der einheimischen Kauflustigen.
Bei diesem starken Andrang entwickelte sich in den Ladengeschäften außerordentlich lebhafter Publi- kumsverkehr, der seinen Niederschlag in einer erheblichen Steigerung des Warenabsatzes fand. Zn manchen Geschäften war der Andrang so stark, daß die Eingangsturen zeitweise geschlossen werden mußten, um mit dem großen Käuferandrang nur einiger- maßen glatt fertig zu werden. Bei dem gestrigen lebhafteren Verkaufsaeschäft machte sich unverkennbar die mittlerweile fast restlos durchgeführte Ausgabe der Reichskleiderkarten förderlich geltend, denn man konnte gestern, im Geaensatz zum Kupfernen Sonntag, neben den Geschäften mit bezugsscheinfreien Sachen auch in den Geschäften, die bezugscheinpflichtige Waren führten, starken Käuferandrang bemerken, ja auch hier machte es sich zeitweise notwendig, die Eingangstüren der Geschäfte zu schließen.
Im Straßenbild trat die Steigerung des Weihnachtsgeschäfts gegenüber dem Vorsonntag dadurch in Erscheinung, daß der hin- und herflutende Menschenstrom im Geschäftsviertel erheblich stärker war, vor manchen Geschäften sich geradezu Menschenansammlungen bildeten und schließlich in den späten Nachmittagsstunden eine wahre Völkerwanderung paketbeladener Männer und Frauen sich zum Bahnhof bewegte, um reich bepackt die Heimfahrt anzutreten.
In diesen Massenverkehr auf der Straße brachten unsere Hillerjungen durch ihre vielseitige und außerordentlich rege, dabei auch originelle Werbetätigkeit zugunsten ihrer Sammlung für das Kriegs-WHW. eine stark belebende Note.
Gebt überzählige Brotmarken der NSB.
NSG. Wie schon wiederholt mitgeteilt wurde, tön. nm Überzählige Brotmarken der NS.-Volkswohlfahrt Überlassen werden. Es ist dafür gesorgt, daß sie solchen Familien zukommen, die einen stärkeren Bedarf an Brotmarken haben. Hierzu gehören in erster Qmie kinderreiche Familien sowie Lang- und Nachtarbeiter. Besondere Beachtung hierbei verdient der Umstand, daß auch bereits verfallene Marken abgegeben werden können. Die NS.-Volkswohlfahrt rechnet die durch die Blockwatter bei ihr abgelieferten Brotmarken mit dem zuständigen Emährungsamt ab und tauscht diese gegen Reise- und Gaststättenkarten um. Die auf diese Weise den Ortsgruppen zustehenden Brotmarken werden alsdann durch die Ortsgruppen an diejenigen Dersorgungsberechtigten verteilt, die einen zusätzlichen Brotbedarf haben.
Mr-Zugend auf erfolgreicher Kapersahrt.
Am Samstag und Sonntag beherrschte wieder einmal (wie alljährlich am Wochenende vor den Weihnachtstagen) die Hitler-Jugend und der BDM. das Feld. Die Jugend tat es diesmal wieder auf besonders originelle Weise. Sie führte Kaperkrieg und machte Jagd auf Groschen für das Kriegs- winterhilsswerk. Schon jetzt läßt sich sagen, daß die Hitler-Jugend in die Fußtapfen der Kriegsmarine trat und eindeutige Erfoae erzielte. Mancher Geldbeutel wurde um die darin enthaltenen Groschen leichter, und viele Volksgenossen mögen am Samstag und Sonntag nach Hause gekehrt sein, ohne noch ein Geldstück von jener Art in der Tasche zu haben, auf das es die Hitler-Jugend besonders abgesehen hatte.
Der Kaperkrieg — das lag in ber_ Natur der Sache — formte nicht etwa lautlos geführt werden. Sehr das Gegenteil! Die Hitler-Iugend vollführte den notwendigen Lärm. Schon am Samstagmor- gen zogen die Pimpfe durch die Straßen, traten sauber ausgerichtet auf, fangen ihre schneidigen Lieder und hatten dabei schon die leuchtend roten Büchsen mit und die Schachteln unter dem Arm, in denen sie diesmal wieder reizenden Ehristbaum- schmuck untergebracht hatten. Es dauerte nicht lange, da begegnete man in der Stadt kaum mehr einem Menschen, der nicht einen Schneemann oder Schornsteinfeger, einen Nikolaus oder einen Jäger im Knopfloch baumeln hatte. Die ganz Schlauen haben sich aus den Schachteln der HI. gleich ganze Serien dieses entzückenden und sinnvollen Baumschmuckes gesichert. Die Kinder werden sich über diese hübschen Figuren ganz besonders freuen. Während ein
Teil der jungen Kameradinnen und Kameraden noch in eifriger Sammeltätigkeit begriffen war, marschierte das Jungvolk mit Trommeln und Pfeifen durch die Stadt und zog damit alle Aufmerksamkeit auf sich.
Am Sonntag nahm der Kaperkrieg auf dem Kreuzplatz und im Trubel des stärksten Weihnachtsverkehrs besonders lebhafte Formen an. Die Gefolgschaft 4/116 hatte sich den Wagen des Überfallkommandos der Polizei gechartert und zum „U 4/116" umgebaut. Der Lautsprecher, der auf den Wagen montiert ist und irn allgemeinen der Verkehrserziehung dient, hatte diesmal die Aufgabe, durch beschwingte Melodien die Aufmerksamkeit auf den Kap er krieg der HI. zu lenken. Vor dem U-Boot (die Marine-HI. stand in weißer Uniform hübsche Staffage) war ein Tisch aufgebaut und darauf lag das „Goldene Buch der Stadt Gießen". Viele Ge- »eute unserer Stadt und viele Fußgänger, die eges kamen und den Unternehmungsgeist der Hitler-Jugend bewunderten, trugen sich in das Buch ein und erlegten dafür einige Märker. Die edlen Spender für die Sache des Kriegswinterhilfswerkes wurden dann jeweils mit großer Lautstärke über den Lautsprecher zur Kenntnis gegeben und als Beispiel zur Nachahmung empfohlen. Noch manche andere Spielart des Kaperkrieges hatte sich die- Hitler-Jugend ausgedacht und beherrschte damit die wildbewegten Meere des lebhaften Weihnachtsverkehrs in den Straßen unserer Stadt, lieber die gekaperte Tonnage werden wir zu gegebener Zeit berichten.
Keine Angst vor der Verjährung.
Nach Ausbruch des Krieges war das erste Bestreben der Staatsführung, die Wirtschaft wie auch den Einzelnen vor Schäden zu bewahren, für die sie keine SchuD traf. Zu den ersten Maßnahmen gehörte eine Verordnung des Ministerrates für die Reich sverteibigung, nach der die Vertrags fristen ab 7. 9. 1939 bis auf weiteres gehemmt waren. Diese Vorschrift wurde deshalb erlassen, weil von jedem Gläubiger erwartet wurde, daß er mit der Durchsetzung seiner Ansprüche gegenüber einem vom Kriege betroffenen Schuldner nachsichtig ist. Es wäre aber unbillig aewesen, wenn man den Gläubiger für seine Nachsicht mit der Verjährung seiner Forderungen hätte bestrafen wollen. Inzwischen hat sich gezeigt, daß diese allgemeine Regelung doch nicht allen Fällen der Praxis gerecht wird. Mit Wirkung vom 3. Dezember 1939 ab ist die allgemeine Hemmung der Verjährung nunmehr aufgehoben morden. Es wurden neue Vorschriften erlassen, die insbesondere die Personenkreise schützen, die ihre Forderungen nicht geltend machen können oder gegen die keine Forderungen geltend gemacht werden können.
Die Verjährungsfristen sind gehemmt für und gegen:
1. Wehrmachtsangehörige,
2. Personen, die, ohne Wehrmachtsangehörige M sein, wegen der Auswirkungen des Krieges zu ständigen Dienstleistungen außerhalb ihres regelmäßigen Aufenthaltsortes henrngezogen sind,
8. Personen, Vve wegen der Auswirkungen des Krieges sick dienstlich im Ausland aufhalten oder sich als Gefangene oder Geiseln in fremder Gewalt befinden,
4. Personen, die gezwungen sind, ihren regelmäßigen Aufenthaltsort zu verlassen, und zwar infolge der behördlich angeordneten Räumung oder Freimachung von gefährdeten Teilen des deutschen Reichsgebietes oder von Wohngebäuden, oder infolge anderer auf den AuswirkUn- §en des Krieges beruhender, unabwendbarer Ereignisse.
Im einzelnen ist bestimmt, daß bei den unter 1 und 2 genannten Personen die Hemmung mit ter Einberufung, bei den Personen unter 3 und 4
mit den dort bezeichneten Ereignissen beginnt. In allen Fällen wurde jedoch als frühester Termin der 2 5. August 1939 genannt. Aufgehoben wird die Hemmung der Verjährung durch den Wegfall der Gründe, auf denen sie beruht. Diese Zeit ist also bei ter Berechnung der allgemeinen Verjährungsfristen nicht Mitzuzählen.
Im übrigen find durch die neue Verordnung wieder die allgemeinen Verjährungsoorschriften des Bürgerlichen Gesetzbuches in Kraft gesetzt morden. Allerdings ist der Zeitraum zwischen 7. September und 2. Dezember 1939 nicht mitzurechnen. Um diese 87 Tage Dertingern sich also die allgemeinen Verjährungsfristen. Forderungen, die ursprünglich am 31. Dezember 1939 verjähren sollten, verjähren demnach erst 87 Tage später, also mit Ablauf des 27. März 1940.
Diese Regelung hat noch den Vorzug, daß- die Kaufleute bei Abschluß ihrer Bücher in Ruhe prüfen können, welche Forderungen für die Verjährung überhaupt in Betracht kommen.
Keine 7!GV.-Fahrpreisermäßigungen für Weihnachten,
Das Hauptamt für Dolkswohlfahrt der NSDAP, teilt mit, daß die bisher durch die NSV. gewährten Fahrpreisermäßigungen für Weihnachten eingestellt sind.
Bruchteile von Punkten werden aufgerundet.
Nicht immer werden Textilstoffe in ganzen Dieter- zahlen gekauft; fo braucht man z. B. häufig eineinhalb oder zweieinviertel Meter. In solchen Fällen kann es vorkommen, daß bei der für 1 Meter des betreffenden Stoffes angesetzten Punktzahl der Neichskleiderkarte die Umrechnung auf die gekaufte Menge Bruchteile von Punkten, also etwa 0,5 ober 0,2 Punkte ergibt. Der Kaufmann muß dann, wie der Pressedienst des Einzelhandels erklärt, für jeden angebrochenen Punkt vom Käufer einen vollen Punkt fordern. Das gleiche gilt, wenn beim Kauf von Strickgarnen die gewünschte Menge Bruchteile eines Punktes ergibt.
Landesforstverwaltung und WtzW.
Brennholz für bedürftige Volksgenoffen. .
Zur tatkräftigen Unterstützung des Winterhilfswerkes waren die hessischen Forstämter durch die Forstabteilung der Landesregierung angewiesen morden, mie in den vorhergehenden Jahren auch im letzten Winter (1938/39) der Belieferung von bedürftigen Volksgenossen mit Brennholz erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Zufolge dieser Anordnung wurden aus den hessischen Staats- und Gemeinte- waldungen gegen mäßiges Entgelt im Wege der Selbstwerbung insgesamt 20 271 rm Brennholz an rund 5500 minderbemittelte, kinderreiche und bedürftige kriegsbeschädigte Volksgenossen abgegeben. Während die Menge des abgegebenen Brennholzes um etwa 15 000 rm ab genommen hat, ist die Zahl der zu beliefernden bedürftigen Volksgenossen im Vergleich zum Vorjahre um rund 3700 gesunken.
Gießen-Wieseck.
Die Landwirtschaftliche Bezugs- und Absatzge- nossenschast hielt am Samstagabend bei Gastwirt Braun ihre Herbstgeneralversammlung ab. Der Dor- itzende des Aufsichtsrates, Karl Daupert, er« tattete den Geschäftsbericht, aus dem hervorging, )aß die Genossenschaft sich im Jahre 1939 weiterentwickelt hat. Die Wahlen zum Vorstand und Aufsichtsrat ergaben bie Wieberwahl ber statutengemäß ausscheidenden Mitglieder. In ber sehr regen geschäst- lichen Aussprache würben verschiedene geschäftliche Angelegenheiten besprochen und erlebigt.
Maffendiebstähle im Hinterland.
Lpd. M a r b u r g, 16. Dez. Im Verfolg der Aktion aegen Wilderer im westlichen Teile des Kreises Biedenkopf, mit denen sich schon die Gerichte beschäftigten, kam man außer einer bereits abgeurteilten Branbstiftungs fache auch einer ganzen Anzahl von Diebstählen, die wie die anderen Anklagesachen schon Jahre zurückreichen, auf die Spur. In einer umfangreichen Verhandlung beschäftigte sich die' Strafkammer oes hiesigen Landaerichts mit diesen Diebstählen, bei denen es sich besonders um Lebensrnittel handelte. Angeklagt waren elf Einwohner aus der ©egend von Breidenbach, von denen einige schon wegen der ersterwähnten Straftaten hinter Schloß und Riegel sitzen, während einige andere Angeklagte Untersuchungshaft hinter sich hatten. Die Verhandlung endete damit, daß die Hauptschuldigen mit Zuchthaus von 2V2 und 3 Jahren bestraft wurden.. Die anderen Mitschuldigen kamen mit Gefängnisstrafen ht Höhe von 2 Jahren bis 7 Monaten davon. Gegen einen Angeklagten wurde das Verfahren eingestellt. In der Urteilsbegründung wurde darauf hingewiesen, daß es sich meist um ältere Vergehen handelte, nach den heutigen Bestimmungen würden die ©trafen höher ausfallen.
Kreis Bübingen.
O Schotten, 18. Dez. Durch den Reichs- kriegerführer General der Infanterie Reinhard wurde dem Forstsekretär Heinrich Bing von ter hiesigen Kriegerkameradschaft in Anerkennung feiner Verdienste um den NS.-Reichskrieger- bunb das Kyffhäuser-Ehrenzeichen 2. Klaffe verliehen. In rastlosem Einsatz hat sich Kamerad Sing, der schon viele Jahre lang dem Beirat ter hiesigen Kriegerkarneradschast angehört, erfolgreich betätigt besonders in seiner Eigenschaft als Fechttvart.
Frankfurter Biehmärkte nach den Feiertagen.
In der Woche nach Weihnachten findet am Frankfurter Schlachtviehmarkt nur ein Markttag, und zwar am Donnerstag, 28. Dezember, für alle Gattungen statt. Für die Woche „zwischen den Jahren" wurde ebenfalls nur ein Markttag für alle Gattungen angesetzt, der Donnerstag, 4. Januar 1940, statt- findet.
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CARL DUNCKER VERLAG • BERLIN W 35
1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Klarissa wendet sich vom Fenster ab. ,Zch werde euch schon noch zur Vernunft bringen", meint sie, „bie einzige, bie bisher vernünftig war, ist Kläre gewesen. Sie hat ihren Mann, die beiden Jungens und ist zufrieden, wie es sich gehört. Aber du, Franz Pegel und bie Anne, ihr habt euch den Deubel darum gekümmert, ob ich Runzeln kriege ober nicht. Ja, ja, euretwegen kriege ich Runzeln. Anne ist noch zu jung, ein halbes Kind, du lieber Gott, aber du, Franz Pegel ..." Klarissa läßt sich schwer auf den Platz des Verwalters fallen, sieht auf den Regulator, ter zwischen zwei Fenstern hängt und ernsthaft fein Ticken herunterschickt, und sagt mit einem hilflosen Blick auf Franz: „Zwischen acht und neun ruft bie Geheimrätin Schönemann an. Lieber Gott, Franz, ich bin in schrecklicher Stimmung! Der Schönemann-Enkel ist nun aus Indien da. Er will Annen kennenlernen. Was soll ich sagen, soll ich ihn hierher einlaben? Ich habe gar nicht gewußt, daß der Junge schon in diesem Jahr nach Deutsch- lanb kommt.
Da springt Franz Pegel auf und fängt seinerseits an im Büro auf und ab zu gehen. „Quatsch", ruft er und noch einmal: „Quatsch!" Und er setzt hinzu: „Sie müssen mir schon verzeihen, Fräulein Wegner, aber Ihre Leidenschaft, Ehen zu stiften, ist grausam und fürchterlich. Sie haben mich verheiratet ..."
„Das war dein Glück", ruft Klarissa dazwischen, „wenn ich nicht aufgepaßt hätte, wärst du mit Dem ersten besten dummen Mädel losgezogen!"
,Mso gut, sprechen wir nicht von mir. Aber Sie haben auch Kläre verheiratet."
Doch ba kommt Klarissa in Harnisch. „Na, und", schreit sie, „ist Kläres Ehe etwa nicht mustergültig? Kläre ist reich, sie ist gesund, hat aefunte Söhne und einen Mann, ber sie verwöhnt?
„Nebenbei ist er fünfundzwanzig Jahre älter als sie, und das ist reichlich viel ..
„Papperlapapp", Klarissas Faust fäP wütend auf einen Haufen unerledigter Rechnungen. „Kläre hat mir selbst gesagt, daß sie glücklich und zufrieden ist. Sie führt ein großes Haus und verkehrt in den ersten Kreisen. Kläre hat sich hier und in unseren larckllichen Verhältnissen nie wohl gefühlt, das weißt b«, Fnmz, aber du redest wie ber Blinde von ter
Farbe." Und plötzlich stemmt Klarissa beide Ellenbogen auf die Tischplatte, legt den Kopf in bie Hände und sagt Mit einer Stimme, die so weich ist, daß Franz Pegel erschrickt: „Du meinst, Ehestiften ist meine Leidenschaft? Vielleicht ja, vielleicht hast du recht, sicher hast du recht. Denn sieh mal. Junge, ihr seid fast alle als kleine Gören zu mir gekommen, und ich habe euch erzogen und habe euch geliebt. Aber weil ich euch liebe, will ich euch das ersparen, was im Leben das Schlimmste ist — die große Einsamkeit. Ich will, baß ihr um nichts in der Welt so einsam werden sollt, wie ich es bin. Dieser Hof und die nicht endenwollende Arbeit hat meine Stunden verschlungen und meine Tage und Jahre hingenommen, und jetzt geht ihr eure Wege, und ich bin allein. Die Arbeit wird mir schon schwer, sie fängt an, eine- Last zu werden, ja, ich bin alt. Verstehst du, Franz?" Aber bann poltert sie von neuem los: „Mit wem rede ich denn? Mit einem egoistischen, idiotischen Bengel. Los, Junge, stier mich nicht so an, kümmer dich um dein Hauptbuch, und wenn du heute mittag nach unten xu deiner Frau gehst, dann lobst du ihr Mittagessen, sonst kann es wirklich so weit kommen, daß ich dir Ohrfeigen verabfolge, die du in deiner Jugend zu wenig gekriegt hast. Na, und für bie Arbeit ist der heutige Tag doch verpfuscht, ich werde deine Frau besuchen. Wenn das Ferngespräch aus Berlin kommt, läßt du mich rufen. So, schneid kein Gesicht, sondern arbeite!"
Klarissa stapft zur Tür, pustet und schnaubt ihr gewaltiges Seehundschnauben, während Franz Peael immer noch auf der gleichen Stelle hockt und in sein Hauptbuch starrt. Er ist hier groß geworden. Seine Mutter war Köchin bei Klarissa und starb bei seiner Geburt. Ja, er war richtig in den Hof und ins Haus hineingeboren. Den Namen seines Vaters kennt er auch nicht. Klarissa hat ihn dann aufgezogen und erzogen. Er weiß, daß er ihr Dank schuldig ist. Er arbeitet gut und ehrlich für sie, haßt sie aber auch zuweilen, vor allem dann, wenn sie sich in eine seiner persönlichsten Angelegenheiten mischt. Heulader hat sie zum erstenmal von sich gesprochen. Schwerfällig in Gedanken versunken hockt Pegel.
Jetzt ist sie draußen. Die Tür schließt sich hinter ihr. Er hört ihre schweren, wuchtigen Schritte auf der Treppe. Er würde gern aufstehen, ihr nachgehen, ein paar gute Worte sagen. Kann man wissen, wie sie so etwas auf faßt? Nein, man kann es nicht miffen, und es ist gut, daß das Telephon läutet. Er nimmt den Hörer von der Gabel. „Sie werden von Berlin verlangt", schallt es an fein Ohr, und eine andere, hohe und schrille Frauenstimme gackert dazwischen:
„Fräulein, es meldet sich niemand. Hier ist Frau
Geheimrat Schönemann, Klarissa, bist du da? Fräulein, Fräulein, es meldet sich keiner."
„Birkenhof, melden Sie sich doch", tadelt die Amtsstimme, und Franz Pegel sagt:
„Einen Augenblick, gnädige Frau, Fräulein Wegner kommt sofort."
Und da ist Klarissa schon, sie hörte das Läuten auf ber Treppe. Ihre Bewegungen find fahrig, ihr Gesicht ist blaß. Sie nimmt Pegel den Hörer ab. Franz sieht, daß Klarissas Hanb zittert. Dann sagt sie: „Bist du da, liebe Schönemann? Sieh, das ist nett von dir." Mehr sagte sie nicht, alles andere scheint bie Frau Geheimrat zu sagen. Franz hört bas Sprechen wie gleichmäßiges Knacken und Schnattern und manchmal wirft Klarissa „hm, hm" und „ja, gewiß" dazwischen, bas ist alles. Zum Schluß sagt sie: ,Laß es oir also gut gehen, liebste Schönemann, und wir machen es so, wie du vorgeschlagen hast."
Das Knacken und Schnattern hört auf. Klarissa aber steht noch lange mit dem Hörer in der Hand und starrt auf die Wanb, wo ber kleine, schiefe Spiegel hänat. Als sie den Hörer endlich auf die Gabel legt, sagt sie: „Sinne wirb Ente Juli eine Seereise mit dem Dampfer „Columbus" vom Norddeutschen Lloyd machen. Die Fahrt geht über Schottland nach Norwegen. Anne hat sich immer gewünscht, bas Meer und die Welt zu sehen. Es ist gut, wenn sie mal so richtig unter Menschen kommt." Ihre Worte klingen wie eine Entschuldigung vor sich selbst.
Franz hebt den Kopf. Klarissa steht groß und hager am Fenster. Sie hat sich mit dem rechten Arm gegen das Mauerwerk gelehnt, sieht über die Miesen, über bas weiße Haus und über den Hof, bis hin zu dem Birkenwäldchen. Ihre. Lippen sind hart und fest zusammengepreßt. Franz Pegel hat Anne heranwachsen sehen, er liebt sie, wie jeder auf dem Birkenhof Anne Wegner liebt, und er hätte gern näheres über die geplante Reise gehört. Als er aber Klarissas hartes und verschlossenes Gesicht sieht, weiß er, daß sie ihm nicht antworten würbe. Er hebt die Schultern, seufzt wieder ein bißchen und vertieft sich endgültig in bie Zahlenkolonnen seines Hauptbuches.
Die Erde dampft. Das wette Land ist in weiten, nebligen Rauch gehüllt. In der Nacht hat es geregnet, doch scheint schon seit dem frühen Morgen die Sonne, liegt warm über den Aeckern und Wiesen und holt bie Feuchtigkeit aus dem Boden, aus ber Luft, es ist wahrhaftig schon wieder staubig geworden.
Sinne Wegner denkt daran, daß Koni manchmal ebenso wie die Erde dampft, wenn sie im Winter nach scharfem Ritt heimkehrten. Koni scheint ihr wie bie Erde zu sein, warm, groß und wundervoll, ein
königliches Geschöpf. Die Stute schnaubt und wiehert in den Morgen, schwingt bie langen Beine wie im Spiel; es ist ein ausgelassenes und mutwilliges Spiel.
Wie ein aufgelockertes, bauschiges Tuch ist bas Sand leicht gewellt. Vielfarbig, mit kleinen Laub« wäldern, größeren Föhrenschonungen, Heibeflächen, mit Aeckern und Weiden, und mit fast gelben Fran« fen wiegender, wehender Kornfelder. Als Helles Tupfenmuster erscheint das grasende Vieh. Kleine Teiche und schmale Bäche wirken blaue Punkte und Striche in das Gewebe. Und der Duft, ber aus der Erde steigt, ist sommerlich und gut.
Anne ist es gewohnt, zu reiten. Sie kann sich das Leben ohne Morgenrttt einfach nicht mehr vorstellen. Sie sitzt im Sattel und singt. Sie singt kein Lied. „Horrido" singt sie. Der Wind greift frech und unbekümmert in ihren Haarknoten, holt sich ein paar Strähnen hervor und stellt sie wie gelte Wimpel in die Luft. Sinne hat eine Baskenmütze in der Tasche, doch nie würde sie an einem solchen Morgen das lästige, blaue Ding über den Kopf ziehen.
Jetzt find sie auf einer kleinen Anhöhe angefonv men, Sinne hebt sich in den Steigbügel, schließt bie Augen halb und blinzelt über Das Land und den großen See vor ihr, der wie eingebettet in Helle und dunkle Wälder liegt. Wenn sie fo mit halb- geschlossenen Augen über den See sieht, ist das gegenüberliegende Ufer nicht abzusehen und sie hat das Gefühl, daß da unten das Meer rauscht. Mit diesem Gefühl, das ihr eine prickelnde Freude bereitet, spielt Anne Wegner oft. Das Meer bedeutet für sie Endlosigkeit, Wette und Geheimnis, es bedeutet gleichzeitig eine erregende, unbekannte, fremde Welt, fremde Länder! Sich, Sinne weiß nur wenig vom Leben.
Sie wohnen einsam auf dem Birkenhof. Klarissa hat wenig Freunde. Außer der Handvoll Menschen, die täglich um Anne sind, hat sie auch kaum kannte. Sin langen und grauen Wintertagen ist Sinne wohl manchmal ber (Bebaute gekommen, daß irgendwo, gar nicht mal in unerreichbarer Fern«, das Leben großer Städte braust und daß dieses Leben an ihr vorübergeht. Wenn aber bie Frage, ob sie für Wochen nach Hamburg oder Berlin sollte, austauchte, hat sie jedesmal Klarissa.himmelhoch gebeten, sie nicht vom Birkenhof wegzuschicken. Einmal ist sie freilich doch in Berlin gewesen, vor sieben Jahren war das, als der jüngste Sohn ihrer Schwester getauft wurde, und sie wird nie vergessen, welch eine trostlose Langeweile von den 9e* raten, sonntäglich stillen Straßenzellen zu ihr aufgestiegen war.
(Fortsetzung folgt)


