Ausgabe 
18.11.1939
 
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Kr.271 Drittes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

I8./19. November 1959

Aus der Stadt Gießen.

Feldpostbriefe.

Es machte uns doch immer eine Freude, wenn r-ir nach Hause kamen und auf unserm Schreib- sch der Brief eines Freundes lag. Wir griffen $im Brieföffner und nahmen das Schreiben wie en Geschenk aus dem Umschlag. Aufmerksam, mit läsem Lächeln, lasen wir die Mitteilungen. Ja, so kannte nur er erzählen! Wir lasen den Brief den Familienangehörigen vor...

Nun haben sich die Zeiten geändert. Das Brief- Treiben hat auf einmal einen ganz andern Sinn bekommen. Schreibfaule werden nun zu emsigen Lriefoerfassern. Der Krieg hat ihnen einen Sohn, Lm Bruder, den Gatten oder auch den Freund entführt. Familienangehörige, die seit Jahrzehnten zisammenroohnten und lebten, wurden auseinander- ^rissen. Die Kinder sehnen sich nach dem Vater, de Frau entbehrt den Gatten, und der Vater bnkt an seinen Sohn.

Und doch bleibt es nicht nur beim Gedenken an nufere Lieben. Nachrichten von der Front in die Leirnat und umgekehrt flattern herüber und hin­ter. Sie sind die Verbindungsfäden zwischen allen butschen Menschen. Dazu kommen kleine Pakete, von der Liebe erzählen sollen, die wir unfern Eoldaten entgegenbringen.

Jedes Lebenszeichen, das mir von der Front kchalten, läßt unser Herz schneller schlagen. Es väre unbegreiflich, wenn wir nicht sofort die Feder ir die Hand nähmen und unseren Soldaten schrie- bit...

Und so sitzen täglich, stündlich Hunderte, Dau- sride von deutschen Menschen und schreiben ihren Leben ausführliche Briefe.

Feldpostbriefe! Sie sind doch etwas arideres r egewöhnliche" Briefe. Wir sollten sie deshalb sivr sorgsälttg aufheben, um später noch einmal d rin lesen zu können. Dann werden Erlebnisse o fgefrischt, an die wir vielleicht gar nicht mehr buken.

In meinem Schreibtisch lißgt ein dickes Bündel sfttdpostbriese aus den Jahren 1914/16, von mei- n:m jüngsten Bruder. Ich hielt sie heute in der j> und las lange darin, las von feiner ersten Serrounbung, von dem Vorgehen der deutschen )üten u. v. a.... Er stand wieder vor mir, fcr kleine, tapfere Kerl, mit seinen hellen Augen A d seiner Siegeszuversicht. Die letzte Karte oben- <r.f enthält nur die WorteAlles gut!" Sie mar <n Abend des ersten Tages im Angriff auf Verdun «ich rieb en morden, am nächsten Tage traf ihn die Kindliche Kugel...

So lenken alte Feldpostbriefe den Blick in die D rgangenheit, erinnern an gemeinsame Tage und reinsames Schicksal. Wie unsere Soldaten einst Weltkrieg ihren Mann standen, so halten auch Hute wieder unsere Brüder treue Wacht. Die Feld- Mb riese sind keine leeren, oberflächlichen Briefe, (pibern Wegweiser zur Volksgemeinschaft. Wer bi fen Weg gehen will, der muß auch den Mut hben, dunkle Strecken zu wandern.

Ts wird altes gut werden, das ist das große A-uberwovt, das fast alle Feldpostbriefe begleitet. Nr müssen nur ausharren. In allen Lebenslagen Mäßigung und Selbstbeschränkung einhalten. Müh­st und Anstrengungen zu ertragen, das sind die Süchte der Beharrlichkeit, in der Beherrschung und ' Überwindung aller Widerstände. Darin offenbart slö- die Stärke der Persönlichkeit, aber auch im stiken Glauben!

Diesen starken Glauben müssen mir unfern Sol- bcten rneitergeben in den Feldpostbriefen. Sie muffen fühlen, daß Front und Heimat zusammen- gtjören, daß sie sich unterstützen und ergänzen.

h.

Die Partei als Betreuerin aller Volksgenossen.

Ihre Dienststellen volksführende Helfer und Jtafer.

NSG. Heber zehn Wochen sind bereits vergangen, seit Deutschland die Waffen zur Verteidigung seiner Lebensrechte ergreifen mußte. Gewalttge Umstel­lungen im Volksleben waren von diesem Augen­blick an notwendig. Wie Anfang September unsere stolze Wehrmacht gleich einem stählernen Wall an den Grenzen aufmarschierte, um auf der einen Seite den übermütig gewordenen Gegner niederzu­ringen und auf der anderen Seite das Vaterland vor feindlichen Zugriffen zu schützen, so bezog auch sofort die Partei in der Inneren Front ihre Stel­lung, um die Heimat für diesen Lebenskampf noch fester zusammenzuschweißen und ihre ganze Kraft zur seelischen Bereitschaft und Haltung des Volkes einzusetzen. Tausende von führenden Männern der Partei hatten zwar das braune Ehrenkleid mit dem grauen Waffenrock gewechselt, aber an ihre Stelle traten andere geschulte und erfahrene Männer, die mit gleichem hohen Pflicht- und Verantwortungs­gefühl die großen Aufgaben übernahmen. Wie in den Jahren zuvor, so blieb auch jetzt die Partei der unerschütterliche Grundpfeiler der deutschen Volksgemeinschaft und vor allem der Garant der Inneren Front. Nach sechsjähriger erfolgreicher Friedensarbeit wird sie damit ihre erste Bewäh­rungsprobe bestehen.

Von jeher war die erste und besondere Ausgabe der Partei die Menschenführung. Dieser Aufgabe unterzieht sie sich erst recht in den jetzigen Kriegs­zeiten mit allen Kräften, die ihr zur Verfügung stehen. Sie ist heute in verstärktem Maße der wahr­hafte Betreuer aller Volksgenossen in der Heimat. Für sie fühlt sie sich verantwortlich und ihnen gilt ihr restloser Einsatz. Dieses persönliche Verantwor­tungsgefühl und die lebendige Dynamik der Partei sind auch der Faktor der Inneren Front unseres Volkes, mit dem unsere militärischen Gegner gleich­falls entscheidend zu rechnen haben werden, einmal, weil sie es versäumten, sich rechtzeitig und früh genug mit dem Gehalt der nationalsozialistischen Weltanschauung auseinanderzusetzen, und zum anderen, weil die Partei imstande ist, für das Leben der kämpfenden Heimt die gleichen Gesetze und Be­dingungen durchzuführen, unter denen die militä­rische Front kämpft.

Helfend und ratend ist im Augenblick vorwiegend die Tätigkeit der Dienststellen der Partei. Im G a u Hessen-Nassau sind deshalb in allen Kreisen vor allem von den Kreisleitern regelmäßige Sprech­stunden eingerichtet worden, die jedem Volksge­nossen offenstehen, der Rat und Hilfe braucht. In verschiedenen Landkreisen fährt auch der Kreis­leiter täglich in einzelne Orte, um der Bevölkerung Gelegenheit zu geben, ihn persönlich sprechen zu können. In diesen Sprechstunden tragen die Volks­genossen vertrauensvoll alle Sorgen und Nöte an die Hoheitsträger heran. In jedem einzelnen Fall greift dann der Kreisleiter helfend und vermittelnd ein, wenn sich auf irgendeinem Gebiet Schwierig­keiten ergeben haben. Rat und Hilfe werden jedem Volksgenossen möglichst sofort gebracht. Großer Papierkrieg wird vermieden. Der Kreisleiter setzt sich fast immer fernmündlich mit den Stellen, mit denen eine Klarheit herbeigeführt werden muß, in Verbindung, und an Ort und Stelle erhält der Rat­suchende die von ihm gewünschte Auskunft.

Alle Fragen des täglichen Lebens werden an die Kreisleiter herangetragen, so der Rente, der sozia­len Betreuung, der Unterstützung in Fällen, in denen der Ernährer im Felde steht, der Vezug- scheinregelung u. a. m. Mit dieser unmittelbaren

Betreuung ist der Partei die Möglichkeit gegeben, scharf darüber zu wachen, daß ein gerechter Aus­gleich aller Härten das Entstehen von Lücken und Breschen in den seelischen Bollwerken der Inneren Front verhindert. Kleinigkeiten sind es oft nur, die vielleicht hier und da eine Verstimmung Hervor­rufen, die aber zur Mißstimmung werden könnte, wenn nicht sofort durchgegriffen und Fehler und eintretende Uebelstände abgeftellt werden. Die Kraft zur Meisterung der vielfältigen und bedeutungs­vollen Aufgaben, die der Partei in ihren unteren Dienststellen fast über Nacht zugefallen sind, schöpft sie aus dem Volk selbst, dessen Repräsentantin sie ist. Nicht zuletzt wäre sie ihnen aber auch nicht gewachsen, wenn nicht eine sorgfältige Vorberei­tung bereits im Frieden stattgefunden hätte, und wenn nicht, das ist mit entscheidend, die Partei in ihrem langen Kampfe um die Macht und in ihrer Aufbauarbeit nach der Machtergreifung zur Er­ziehungsgemeinschaft unseres Volkes geworden wäre.

Die Dieststellen der Partei in unserem Gau sind so in diesen Kriegswochen nicht allein zum Dol­metsch zwischen den kriegswirtschaftlich notwendigen Verordnungen und der Bevölkerung, sondern auch zu wahren Zentralen der Volksführung geworden. Voll Derttauen wendet sich die Bevölkerung an sie,

weil sie weiß, daß die Partei darüber wacht, daß die Grundgesetze der Ehre, der Anständigkeit und der Gerechtigkeit eingehalten werden. Das Handeln der Hoheitsträger wird darüber hinaus immer ge­tragen sein von der Erkenntnis, daß der Kampf um unser Lebensrecht an dieser Front der seelischen Stärke und des Einsatzes in den kleinen Dingen mit entschieden wird. Deshalb sind sie für jeden zu sprechen, der ein Anliegen hat, und haben ein offenes Ohr für Klagen und Schwierigkeiten, die irgendwo auftauchen.

Oeffentliche Versammlungen der Partei

am heutigen Samstag, 18. November, im kreis Wetterau.

Im Kreis Wetterau werden am heutigen Sams­tag folgende öffentliche Kundgebungen in den vev». schiedenen Orten durchgeführt:

Friedberg: Pg. August Kramer, Reichsredner- Reiskirchen: Pg. Rahner.

Bersrod: Pg. Hanß.

Beuern: Pg. Wagner.

Klein-Linden: Pg. Schneider.

Allendorf (Lahn): Pg. Stastny-Hain. Großen-Linden: Kreisleiter Pg. Backhaus. Leihgestern: Pg. Reitz.

GF. bereitet frohe Stunden.

Im Auftrage der Partei, die sich nebn der allge­meinen Betreuung der Heimat im besonderen Maße auch die Betreuung unserer Soldaten in den Garni­sonen und Lazaretten durch Veranstaltung gediege­ner Bildungs- und Unterhaltungsdarbietungen zur Aufgabe gemacht hat, entfaltete auch die Kreisdienst­stelle Gießen vonKraft durch Freude" in den bis­herigen Wochen schon eine rege Tätigkeit. Diese erfreuliche Arbeit hat allenthalben die verdiente dankbare Anerkennung gefunden und dazu ermutigt, auf dem beschrittenen Wege weiterzugehen.

Der neue Deranstaltungsplan, den die Kreis- dienststelle im Auftrage der Partei durchführt, sieht folgendes vor: am heutigen Samstag, 18. Novem­ber, finden drei Veranstaltungen statt, und zwar nachmittags im Saale des Cafe Leib eine Varie - tevorftellung, die als geschlossene Veranstal­tung für die Wehrmacht durchgeführt wird, ferner am heutigen Nachmittag im Stadttheater, ebenfalls als geschlossene Veranstaltung für die Wehrmacht, die Aufführung des LustspielsAlles für d ie K a tz" von August Hinrichs. Heute abend wird die Varietövorstellung vom Nachmittag im Cafe Leib als geschlossene Veranstaltung für die Ange­hörigen des Bahnbetriebswerkes wiederholt.

Am Montag, 20. November, veranstaltet KdF. in der Aula der Unioerfität einen Liederabend, bei dem die Sängerin Mo j a P e t r i k o w s k i nor­dische Volkslieder singen wird. Die Begleitung der Sängerin hat der Pianist Wolfgang Brügger übernommen. Wie wir bereits mitteilten, geht der Künstlerin ein glänzender künstlerischer Ruf voraus, so daß man auf einen wertvollen Abend rechnen kann. Ebenfalls am Montagabend findet als ge­schlossene Veranstaltung für die Wehrmacht im Saale des CasL Leib ein Vortrag von Konter­admiral Walther statt, der vor seinen Hörern ein außerordentlich fesselndes und zeitgemäßes Thema behandeln wird.

AmTag der deutschen Hausmusik", Dienstag, 21. November, führt KdF, in Gemein-

fchast mit der Kreismusikerschaft in der Aula del? Universität einen Musik- und Liederabend durch, der sicherlich in breitesten Bevölkerungskreisen starken Anklang finden wird.

Für Freitag 24. Nov., ist im Fliegerhorst eine Veranstaltung für die Wehrmacht vorgesehen, bei der es sich um ein buntes Variete-Pro­gramm handelt. Diese Veranstaltung findet von 18 bis 19 Uhr statt und wird auch über den Reichs­sender Frankfurt a. M. übertragen, so daß die Rundfunkhörer Gelegenheit haben werden, diesen Variefeabend im Fliegerhorst an ihren Lautspre* * chern mit zu genießen.

Für Samstag, 25. November, bringt KdF. iitt Stadttheater eine Aufführung der Operette G a s p a r o n e" von Millöcker heraus, die für alle Volksgenossen zugänglich ist.

Für Montag, 27. November, ist in Kirchgöns eine Variete-Veranstaltung vorgesehen, die amt Dienstag, 28. November in Ettingshausen und am! Mittwoch, 29. November in Nidda wiederholt wen­den soll. Diese drei Veranstaltungen finden in ge-- schlossenem Kreise statt und werden sicherlich den Besuchern schöne Stunden bringen.

Kriegschroniken bei den Feuerwehren.

Nach einer Anordnung des stellvertretenden ßan« desfeuerwehrführers der Freiwilligen Feuerwehren! Hessens haben alle Wehren eine Kriegschronik anzu­legen, in der besonders der Einsatz und d'st Aus« zeichnungen der zur Wehrmacht einberufenen Feuer-», wehrmänner niederzulegen sind.

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Kleiner Weingruß.

Von Friedrich Schnack.

Wein, Gott grüße dich, lieber Rebenknecht:

, Du kommst mir im Winter und Sommer zurecht! Alter Weinfegen.

LEinst wanderte ein biederer Schwabe nach Rom, ui) als er in das welsche Land kam und in die tr*e Herberge dort, setzte ihm der Wirt guten wischen Wein vor. Der Schwabe aber, aus der Nutzen Alp stammend, hatte in seinem ganzen Wen noch keinen Wein geschmeckt, und weil er e~n erfahren wollte, was er trinke, raunte er dem Sirt die Frage zu, was das für ein köstlicher Saft A seinem Decher sei. Der Wirt, ein Spaßvogel, n rkte sogleich, was er da für einen am Tisch >ette, und antwortete ernsten Gesichts:Mann, das ird Gottesttänen! Die trinkt Mit Andacht!" Dar- ifer verwunderte sich der redliche Schwabe schr irD rief, die Augen zum Himmel erhebend:Ach, iu lieb's Herrgöttle, warum hast du nicht auch in Äser Ländle g'weint!"

Der Arme im Geiste des Weines! Er wußte licht, daß dieGottestränen" auch auf die deutsche hDe gefallen waren, hier Mie «in dichter Sommer­er en, dort träufelnd als ein kleiner Spritzer.

*

Stellt man sich für das deutsche Land einen >l!rrebstock" vor, der alle Lagen in sich birgt, bann unt die Wurzel dieses mächtigen Weinstocks am Klidensee, das Rebholz wächst längs des Rheines iiin seiner Landschaften durch Baden, Pfalz, tzk sen, Rheinhessen und Rheingau hinunter bis zum Mbengebirge,während sich die fräftigen Ranken inD Seitentriebe durch die Täler der Rheinneben- lüi'fe schwingen, an den Hängen von Neckar, Main, ähe, Mosel, Ahr. Ein paar verwehte Blätter dieses Rostocks aber grünen in nordöstlicher und östlicher ßgenb, in Guben zwischen Berlin und Breslau, in der thüringischen Saale, bei Meißen in Sachsen inn endlich noch im Schlesischen bei Grünberg.

Daß die Worte Wasser und Wein die gleichen Irfangsbuchstaben haben, ist ein reizendes und ferlich nicht nur zufälliges Klangspiel der deut- tz n Sprache. Auch daß sich das Wort Wein, das ) euchtend und flüffiq anmutet, auf die Namen der e zströme des deutschen Weinlandes reimt, auf fein und Main, ist eine liebenswürdige, sprach-

Merkwürdigkeit.Der Rhein und der Main M der Stein (Mainwein)", heißt es in einem Ziingedicht,sind die Kammerherm vom Wein". I2 diese schönen und reichen Flüsse sind Paladine t von den Sonnenhügeln flutenden Weinsttomes. r Wein wurde immer als geheimnisvoll, erlaucht in» weihevoll begriffen. Die Antike erwies der m göttliche Ehren; das Mittelalter setzte in bie muh enteilen am Rhein und bU Beschützer

des Weinbaus Urban und Kilian, und die neuere Zeit bezeugte ihr, so in Frankreich, militärische Ehren. Eine Zeitlang war es dort Brauch, daß die Truppen beim Vorbeimarsch gewissen Weinbergen der Bordeauxrebe soldatische Ehrenbezeigungen er­wiesen.

Die Flamme des Weins verbindet die Erde mit dem Himmel. Im Mittelalter hielt man den Wein für wirkliches Gold in flüssiger Form Gold, Sonne und Rebe glaubte man miteinander ver­wandt. Daß sie miteinander verschwistert sind, scheint kein Irrtum zu sein. Wer also eine Fahrt zum Wein unternimmt, um ihm feine Ehrenbezei­gung zu erweisen, reift zur Sonne in ihre hellsten und feurigsten Gaue.

Der Wein verlangt noch immer diese Ehren. Nach einer alten lateinischen Formel, C O S, den An­fangsbuchstaben der Wörter colore, odore, sapore, Farbe, Geruch, Geschmack, vollzieht sich der feierliche Ritus der Weinprobe. Die drei ftrengen Richter äuge, Nase und Mund beurteilen den Wein und weisen ihm den eingeborenen Rang an.

Der Wein ist der schlimmste Feind des Verstandes, und eben deshalb gehört zum Weintrinken Ver­stand. Aber auch Begabung, Erfahrung und lange Liede. Bekannt ist die kleine Geschichte jenes Wein- schlürsers, dessen große Kennerschaft einmal von seinen Freunden geprüft wurde, wozu sie ihm die Augen verbanden. Eine Probe nach der anderen verkostete der Prüfling bedächtig, den vorgeschriebe­nen Ritus bis auf den Buchstabenc", der die Farbe bedeutet, genau beachtend. Er nannte alle die verkosteten Weine beim Namen, wie wenn er gute, liebe Bekannte grüße. Erdener Treppchen! rief er und stellte das Glas weg. Bernkastler Doktor be­grüßte er ein zweites. Escherndorfer Lump! nannte er das dritte. Schwarzer Herrgott! lobte er beim vierten. Deidesheimer Maushöhle Würzburger Stein Wachenheimer Gerümpel Johannis­berger wunderbare Namen, herrliche Sorten! Er kannte sie alle. Zuletzt reichte ihm ein Schalk em mit Wasser gefülltes Probegläschen. Der hocherfatz- rene Kenner roch am Glasrand, schmeckte, schlückerte, rätselte endlich schüttelte er den Kopf und sagte, sich geschlagen gebend: Die Sorte sei ihm leider unbekannt. Derlei habe er in seinem ganzen Leben noch nicht getrunken!

Farbe, Blume, Körper und Harmome der im Wein gebundenen Kräfte sind es nicht allein, die auf ein hingebungsvolles Weingemüt so bezaubernd wirken. Die leiseste und innerste Stimme des Weines, die heimlichste Offenbarung seines Wesens ist der Geist feiner Geburfelandschaft, den er m das Blut sendet, seine Urtümlichkeit, das Mld und den Geschmack seiner Heimat und Herkunft.

Freundliche und gut geführte Weinstuben gibt es unzählige im Reich. Die meisten dürften in Wem- jMtea um Wasser liegen. In Laren Dächten, wenn

der Mond in den Wellen schimmert und sein Licht die Weinberge überspinnt, ist es gut zu setzen, wie der unermüdliche Wirt die Flaschen aus dem Kel­ler holt doch nicht eisgekühlte Flaschen: Cis tötet die Blume und jeden Frühling!, sondern kel­lerkühle, damit der Wein seine volle und edle Würze entfalte! Und wer dann trinkt, probt und prüft, mag in Gedanken einstimmen in den guten Weingruß:

Gott grüß dich, du lieber Landmann!

Keinen bessern Gesellen ich je gewann.

Gott behüt den Berg, den Stock und die Reben, Daran du heuer gewachsen bist,

Gott geb deinem Stock Pfähl, Band und Mist Und Sonne und Regen und auch einen Mann, Der dich wohl fchneiden und hacken kann!

Das vergrabene Herz.

Don K. H. Waggerl.

Das ist die Geschichte von einem Mädchen, das sein Herz vergraben hat.

Wirklich, ein Mädchen, ganz allein in der Welt, ganz arm und verlassen. Wozu trage ich dieses Herz mit mir herum, denkt das Mädchen, es klopft und liegt mir wund in der Brust, ich habe nur Kummer von meinem Herzen.

Und dann geht es also hinaus und sucht einen Stein auf dem Felde, du sollst mein Herz sein, sagt das Mädchen.

Es ist ein runder schneeweißer Kieselstein, den vergräbt es nachts in der Erde, und zuletzt pflanzt es noch einen Baum darüber, damit er das Herz behüte und mit feinen Wurzeln festhalte.

Ja, und nun hat das Mädchen also kein Herz mehr in der Brust, nun muß doch alles gut fein. Es geschieht dann, daß nachts jemand an das Haus kommt und klopft, ein fremder Mensch. Oder viel­leicht ist es der Bruder, doch, vielleicht hatte das Mädchen noch einen Bruder in der Frernde, der ist jetzt heimgekehrt und will bleiben, das Herz hätte es wissen müssen. Aber das Herz ist ver­graben, und darum geht der Bruder wieder und wandert traurig fort in die fremde Welt.

Im andern Jahr ist es eine Frau, die abends am Brunnen vor dem Haufe fitzt, das Gesicht in der Hand verbirgt und weint. Ich bin deine Schwester, sagt sie, sei barmherzig!

Das Mädchen läuft in der Nacht auf das Feld und fragt den Baum, fragt den Stein in der Tiefe ist es die Schwester? Aber das Herz ist zu tief vergraben, es schweigt auch dieses Mal. Geh wie­der, sagt das Mädchen zur Frau am Brunnen. Ich kenne dich nicht.

Und das Haus bleibt lange leer. Die Vögel ziehen alle fort, sogar die Blumen am Fenster Der« welkem das. Mädchen sicht mit toten Augen zu.

wie ringsumher alles stirbt. Sie ist verflucht, mei­nen die Männer. Nein, sie hat kein Herz im ßeibe* sagen die Frauen, die es besser wissen.

Aber einmal im Frühling ist es so weit, daß der Baum auf dem Felde zu blühen anfängt, und da geht ein junger Mensch vorbei, der sieht den Baum, wie er blüht, weiß und rot und über und über. Und darum tritt der junge Mensch an das Fenster des Mädchens, um zu fragen. Wie kommt das, fragt er, warum blüht nur dieser einzige Baum auf dem Felde und alle anderen sind kahl?, Und warum hast du so traurige Augen, bist dil verflucht?

Das Mädchen schweigt. Der junge Mensch hat nach dem Baum gefragt, nach ihrem Herzen unter dem Baurn, das rührt sie seltsam an. Sie fan-n ihn nicht bitten, daß er bleibe, aber sie sieht nicht gern, daß er geht.

In der folgenden Nacht kommt der junge Mensch wieder an das Fenster. Ich liebe dich, sagt er jetzt und lächelt ihr zu. Ja, du gefällst mir, mit deinem blühenden Baum!

Allein das -Mädchen kann ihm auch dieses Mal nichts antworten, es ist das Herz, das die Worte gibt, und das Herz liegt begraben. Das Mädchen hört den Schritt des Fremden in der Nacht ver­hallen. Geh nicht fort, denkt das Mädchen, verlaß mich nicht! Vielleicht ist alles gut, der Baum blüht

ja doch. Komm wieder, vielleicht ist mein Herz noch nicht tot, wenn es blühen kann!

Und in der zweiten Nacht wartet das Mädchen gar nicht mehr auf den klopfenden Finger, es läuft auf das Feld und kniet hin und gräbt mit den Händen in der Erde, sucht und gräbt. Aber der Baum gibt das Herz nicht zurück, o nein. Er Hütt es fest mit allen feinen Wurzeln.

Und so kommt der fremde Mann zum letzten Male in der dritten Nacht. Er klopft gar nicht mehr ich gehe jetzt! ruft er laut durch das Fenster. Du hast kein Herz im Leibe, sagt er, und dein Baum hat abgeblützt!

Nein, bleibe doch! ruft das Mädchen in feiner Angst, aber der Mann hört es nicht mehr.

Er steht auf dem Felde vor dem Baume und schneidet einen Zweig heraus, einen Stock für den Weg, weil er doch seine Liebe verlassen und wan­dern muß. Und nun springt plötzlich ein Brumren Blut au5 dem Baum, o mein Gott, ein breiter Brunnen Blut!

Darüber erschrickt der Mann, und er läuft zurück in das Haus. Was ist das, will er sagen, dein Baum blutet ja, sieh her! Aber das Mädchen liegt schon still und weiß auf seinem Bett.

Er schnitt nur einen Stock für die Wanderschaft aus ihrem Baum, da rann ihr ganzes Herzblut üt das Gras.

Ja, still und tot, das ist die Geschichte von dertf Mädchen, das fein Herz vergrub.