Besuchern, die direkt aus den Ställen kommen, ohne weiteres betreten werden kann. Die Wände des Gastraumes sind mit einer Anzahl schöner Malereien geschmückt, die weibliche und männliche Track-- lenträger aus unserer umliegenden Landschaft darstellen. Erläuternde Sprüche, von Georg Heß verfaßt, geben Aufschluß über die Wandmalereien.
Alle diese Bauten wurden in den Jahren 1936 bis 1938 errichtet und haben einen Kostenaufwand von etwas über 200 000 Mark erfordert.
Einweihung der Vauernschenke.
Nach der Besichtigung versammelte Oberbürgermeister Ritter die Ratsherren und die Gäste in dem gemütlichen Gastraum der Bauern schenke zur Einweihung dieses Hauses um sich. Er begrüßte hier mit besonderer Freude den Landesobmann Weintz als Vertreter der Landesbauernschaft, den Leiter des Tierzuchtamtes Gießen, Dr. Wagner, den seit vielen Jahren auf dem Gießener Biehmarkt tätigen Leiter des Kreisveterinäramts Gießen, Oberveterinärrat Dr. M o n n a r d , Professor Dr. K ü st als Vertreter der Universität und der Veterinärmedizin, Landrat Dr. Lotz als Leiter des Landkreises Gießen und alle übrigen Gäste mit herzlichen Worten.
Dann erinnerte er daran, daß die Stadt Gießen viele Aufwendungen für den Auf- und Ausbau der Märkte gemacht hat, um mit dieser Einrichtung vor allem auch der Landbevölkerung zu dienen. Daneben sei die Stadt aber auch bemüht, durch vielerlei gute kulturelle Einrichtungen auch dem Landvolk Gelegenheit zur Erholung nach harter Arbeit zu bieten. Nach einem kurzen Hinweis auf den in Deutschland führenden Stand unseres früheren Gießener Zuchtviehmarktes, der leider durch die Maul- und Klauenseuche schon seit längerer Zeit zum Erliegen ge-. kommen ist, machte Oberbürgermeister Ritter die erfreuliche Mitteilung, daß
der Reichsnährstand und die Stadt Gießen im Einvernehmen — alle zuständigen Stellen des Reichsnährstandes haben ihre Zustimmung bereits gegeben — einen Mittelmarkt in Gießen einrichken werden. Um die erforderlichen Anlagen für diesen Mittelmarkt zu schassen, stellt der Oberbürgermeister einen Betrag von 250 000 Reichsmark bereit, damit im Anschluß an den Schlachthof die notwendigen Stallbauten errichtet werden können. Bon diesem Mittelmarkt aus werden dann die Stadt Gießen und 23 Gemeinden der Umgegend ständig mit Schlachtvieh versorgt werden können.
Am Schlüsse seiner kurzen Ansprache wies der Oberbürgermeister auf die herrliche Größe unserer Zeit und gerade wieder der jetzigen Tage hin und schloß mit dem freudig aufgenommenen Gruß des Dankes und der Treue an den Führer.
Landesobmann W e i n tz als Vertreter der Landesbauernschaft brachte mit Worten der hohen Anerkennung zum Ausdruck, wie vortrefflich unsere Gießener Viehmarktanlagen eingerichtet sind und wie wertvoll der Dienst ist, den die Stadt Gießen mit diesem Werk unserem Landvolk leistet. Er würdigte diesen Dienst der Stadt für das Land mit dankbaren Worten und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch weiterhin zwilchen Gießen und den Landorten immer die besten Beziehungen herrschen möchten.
Bornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Stadttheater: 20 bis gegen 23 Uhr: „Der fliegende Holländer". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Nanon". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Nacht der Entscheidung". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Erstaufführung „Der fliegende Holländer" im Sladltheaker.
Heute, um 20 Uhr, findet die Erstaufführung von „Der fliegende Holländer", romantische Oper in drei Akten von Richard Wagner, statt. Musikalische Leitung: Paul Walter. Spielleitung: Gert Buchheim. Leitung und Einstudierung der Chöre: Heinz Markwardt. — Die Vorstellung .findet gleichzeitig als 24. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Ende gegen 23 Uhr.
2300 Kreissieger stehen zum Gauwettkampf bereit
NSG. Aus den 8000 Kreisbesten des Reichsberufswettkampfes im Gan Hessen- Nassau wurden durch den Gaubeauftragten, Bannführer Becker, 2300 Kreissieger und Kreissiegerinnrn festgestellt. Dies war eine schwere Arbeit, weil eine außerordentlich gewissenhafte Prüfung der einzelnen Leistungen vorgenommen wurde. Die Kreissieger nehmen nun am Gauentscheid teil, der vom 24. bis 28. März in Frankfurt a. M. durchgeführt wird.
Zum Gauwettkampf sind alle Berufssparten zu- gelassen, die auch an den Kreiswettkämpfen teilgenommen haben. Aus ihnen werden die Gaubesten und in der Nachwertung durch die Reichsprüfungs- stelle des RBWK. die Gausieger festgestellt. Die Gausieger nehmen dann am Reichswettkampf in Köln teil.
Der Gauwettkamps beginnt am 24. März um 18 Uhr mit einer EröffmmgSkundgebung im Schumann-Theater in Frankfurt a. M., auf der Gauleiter Sprenger und der Leiter des Reichsberufswettkampfes, Obergebietsführer Axmann, sprechen werden. Don 19 bis 20 Uhr bringt der Reichssender Frankfurt eine Sendung „Was geschieht mit den Begabten"? Arn Abend sind die
Gauwettkarnpsleiter und führende Persönlichkeiten des Gaues Gäste des (Bauleiters. Der Leiter des Reichsberufswettkarnpfes, Obergebietsführer Axmann, spricht dabei über das Thema „Die sozialpolitische Jugendarbeit und der Berufswettkampf".
Am Samstag werden die praktischen und für die weiblichen Teilnehmerinnen die hauswirtschaftlichen Wettkämpfe durchgeführt. Am Sonntag folgen die theoretischen Aufgaben und die weltanschauliche Prüfung, bei der natürlich im Gauwettkampf erhöhte Anforderungen gestellt werden. Am Montag erfüllen die Teilnehmer ihre drei Sportaufgaben auf verschiedenen Sportplätzen in Frankfurt a. M. Der Abend ist gemeinsamem Theaterbesuch gewidmet. Am Dienstag erfolgt vormittags um 10 Uhr auf der Abschluß kund geb ung in der Montagehalle der Adler-Werke die Siegerverkündung. Es sprechen hier der (Bauobmann der Deutschen Arbeitsfront, Becker, und der Gebietsführer Brandt.
Für einige Berufe werden die praktischen Wettkämpfe außerhalb Frankfurts durchgeführt. Der Bergbau kämpft in Bad Ems, Leder in Offenbach, ein Teil der Bekleidung im Odenwald, der Nähr- stand in Reichelsheim (Kreis Büdingen), Nahrung und Genuß in Lampertheim und Stein und Erde im Odenwald.
Arbeitstagung der Landesfachschasten Getreide und Mehl.
Die Landesfachschaften Getreide und Mehl beim Getreidewirtschaftsverband Hessen-Nassau hielten für ihre Mitglieder im erweiterten Gießener Bezirk im „Cafe Leib" zusammen mit der Reichs-Landhandelsschule eine Arbeitstagung ab, die sehr gut besucht war. Der Landesfachschaftsleiter (Getreide), Ulbrich, Frankfurt a. M., konnte hierzu eine Reihe Vertreter der Landesbauernschaft des Reichsnährstandes begrüßen.
Geschäftsführer Dr. Sauer, Koblenz, referierte über „Düngungsfragen, indbesondere über die Düngekalkbeschaffung und dessen Verteilerspannen". Seine Ausführungen waren eine Feststellung dafür, daß nach der Festsetzung des Reichseinheitspreises, für Düngekalk eine gleichmäßige Verteilung an Aufträgen organisiert werden muß, um die Lieferungen der Kalkindustrie zu steigern, eine unnötige Belastung der Reichsbahn zu vermeiden und dem Bauern eine sachgemäße Düngung nahezulegen. Zur Erreichung dieses Zieles soll der Händler nach Möglichkeit eine stete Ergänzung seiner Lagerbestände vornehmen. Landschaftsrat Dr. Matthes ergänzte diese Ausführungen noch dahin, daß hie Ergänzung der Lagerbestände zu richtiger Zeit auch auf die phosphorhaltigen Düngemittel angewendet werden muß. Er gab bekannt, daß Stickstoff für die Nachdüngung der Weiden im Juni/Juli bevorzugt geliefert werden kann und empfahl weiterhin den Getreidekaufleuten für den Vogelsberg und die Wetterau, wie für alle Landschaften in gleicher klimatischer Höhenlage nur Lösch- oder Brandkalk zu liefern, weil kohlesaurer Kalk nur für leichtere Böden geeignet ist.
In einer Ansprache wurden die besonderen Wünsche der Getreidekaufleute des Gießener Bezirks vorgebracht. Weiterhin wurde genaue Buchführung als Ausweis gegenüber den Kreisbauernschaften empfohlen, damit bei einer Veränderung in der Belieferungsquote entsprechende Rückschlüsse möglich werden.
Der Vertreter der Hauptabteilung II der Landesbauernschaft Hessen-Nassau, Landwirtschaftsrat Dr. Matthes sprach dann über „Saatgutfragen" und schilderte die schwierige Arbeit, die notwendig war, um z. B. aus 2000 K^ rtoffelsorten die zur Zucht geeigneten 400 bis 500 Sorten herauszufinden und die Bereinigung allen Saatgutes durchzuführen. Gleichzeitig wurde der Handel mit Saatgut neu geregelt, damit kein unkontrolliertes Saatgut zu dem Erzeuger gelangt und nur beste Qualität und ausgesuchte Sorten für den Anbau zur Verfügung stehen. Der Redner ging näher auf die Sortenfrage ein, um den Getreidekaufleuten einen Einblick in die
durch die Landesbauenschaft anerkannten Sorten für Raps, Hafer, Weizen, Roggen und Braugerste zu geben und hob die Bestimmungen über den Verkehr mit Saatgut hervor.
Dr. Brückner, Berlin, vom Institut für Müllerei des Getreideverarbeitungsverbandes sprach in ausgezeichneten Ausführungen über „Die Getreidebehandlung und Lagerungstechnik". Seine auf wissenschaftlichen Beobachtungen gestützten Schilderungen der biologischen Voraussetzungen für eine Veränderung des Getreidekornes erbrachten wertvolle Hinweise auf eine zweckmäßige und praktische Lagerung der reichlichen Erntevorräte.
Der Vertreter der Reichs-Landhandelsschule, Dr. Obermeier, Berlin, sprach über die Notwendigkeit einer fachlichen Schulung des Getreidekaufmannes und über die Einrichtung einer geeigneten Berufsschule in Warberg bei Braunschweig.
Zum Schluß behandelte Landesfachschaftsleiter Ulbrich dringende Fachschaftsangelegenheiten. Er wies auf die Notwendigkeit hin, daß sowohl die Getreidekaufleute, wie auch die Bauern alle noch verfügbaren Heubestände zur Sicherung des Bedarfes der Wehrmacht anzudienen haben. Für die sehr reichlich verfügbaren Futtermitteln ist eine Vorratswirtschaft anzuraten. Zur Sicherung der überaus reichen Getreideernte ist ein großer Bedarf von Lagerräumen erforderlich, so daß Getreidekaufleute, die von sich aus Lagerhäuser errichten wollen, auf Antrag bei der Dienststelle der Fachschaft, für gewisse Bautypen die erforderliche Genehmigung -und sofortige Materialzuteilung erhalten -können. Abschließend betonte der Landesfachschaftsleiter, daß mit den Genossenschaften ein friedliches Zusammenarbeiten gepflegt, aber in bezug auf die Warenbewegung reinliche Scheidung beachtet werde.
post für unsere Soldaten in Böhmen und Mähren.
An die Angehörigen der Wehrmacht, die an der Besetzung von Böhmen und Mähren teilnehmen, können Briefe und Postkarten versandt werden. Die Anschrift dieser Sendungen muß außer der Postnummer auch die Angabe der Postleitstelle enthalten. Freizumachen sind die Briefe und Postkarten nach den Jnlandgebührensätzen. Ausgeschlossen von der Beförderung sind bis auf weiteres Pakete, Päckchen, Einschreibbriefe und Wertbriefe.
Lebensweisheit.
Wieder einmal ist mir etwas „auf den Schreibtisch geflattert", ein Buch, Lebensweisheit heißt es. Diele solcher Bücher habe ich schon in der Hand gehabt, viele habe ich ernst oder lächelnd durchgeblättert, über manchen kühnen Satz war ich erstaunt, oft sagte ich mir: Siehst du, wenn du das damals gewußt hättest, eigentlich wäre bann wohl alles anders gekommen.
Weisheit über die Frauen, über die Liebe, über Willenskraft und Mut am rechten Platz, über Klugheit und Freunde, über Not und Ruhm. Die großen Sätze, wohlgefügt und untadelig, nichts ist über sie zu sagen, von Seneca bis Nietzsche und bis zu den Unbekannteren: die Weisen haben gewußt, wie man das Leben anpackt.
Und du stehst im Strudel und machst Dummheit auf Dummheit, verschnupft! deine besten Freunde und lobst deine Feinde, statt auf sie zu schimpfen, glaubst zuviel an die Güte statt an die Schläue, bist grob, wo es besser wäre, zart und behutsam zu fein, läßt dich kränken von Dingen, die gar nicht kränken dürfen, tadelst, wo es besser wäre zu schweigen nein, Kamerad, du bist nicht genug mit der Lebensweisheit gesättigt, die man dir doch immer wieder üb er-eicht, gebunden und broschiert, in Leder und Seinen, Zierden des Bücherbords, die dich alle überleben werden, schon rein äußerlich.
Ach, es wäre noch beschämender, wenn du nicht wüßtest, daß auch die Weisen, die alle jene großen Worte gesprochen haben, vielerlei törichte Dinge getan haben, daß auch sie im Sturm des Lebens schwankten, daß ihnen mancher Trunk, den ihnen das Leben braute, bitter bekam, daß mancher Wind sie an die Mauer wehte, viele Verzagtheit in ihre Seelen kroch, jede Weisheit ehrlich bezahlt werden mußte. Ja. daß sie am Ende einsahen, mit den gedruckten Sprüchen, so gut sie sich auch anhören möchten, sei am Ende doch nicht viel Staat zu machen.
Denn das Leben sei in jeder Minute immev wieder neu. r. k.
Hitler-Jugend Zungbann 116.
Achtung, Jahrgang 28/29.
Sprechstunden für die Eltern, deren Jungen am 20. April in bas Jungvolk ausgenommen werden sollen, finden heute, Freitag, 17. März, zwischen 14 und 15 Uhr in der Hautklinik statt.
Aufnahmeuntersuchungen.
Die Aufnahmeuntersuchungen für den Pimpfenjahrgang finden um 14 Uhr in der Hautklinik statt. Wochenendsckulnnq der Zugendgruppe
Gfs. Am kommenden Samstag und Sonntag findet in der Jugendherberge in Gießen die erste Wochen- endfchulung der Jugendgruppe des Kreises Wetterau statt.
Am Samstag treffen sich die Mädchen um 18 Uhr in der Geschäftsstelle der Kreisfrauenfchaft, Gießen, Frankfurter Straße 1, und gehen dann gemeinsam zur Jugendherberge. Der erste Abend ist der Gemeinschaft gewidmet.
Der nächste Morgen beginnt mit der Flaggenhif- sung. Dann werden die Kreisfrauenfchaftsleiterin Frau Wred-e, Kreisleiter Backhaus und die Gau-> jugendgruppenführerin Frl. Sußlik zu den Mädchen sprechen. Nach dem Mittagessen soll erst einmal frohes, gemeinsames Singen die Mädchen erholen und stärken. Dann wird Frau Duseberg einen interessanten Vortrag über Rasse und Staat halten.
Diese Tage bedeuten für die Angehörigen der Jugendgruppen eine große Bereicherung an Starrte* radschaft und Wissen, und die Mädels werden eine feste weltanschauliche Ausrichtung mit auf den Weg bekommen.
Nos WSchen Marie.
Human von Walther Kloepffer.
<1oppright bg Earl Duncker Verlag,Aeclin>VZ5
22. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Scheuer! hatte feine morgendliche Spritze bekommen. Sein geschrumpftes Schmerzensgesicht war gelöst .und fast glücklich zu nennen. Er schwebte in jenen federleichten, freundlichen Bezirken, die das Morphium gütigerweise vermittelt. Holl kratzte überlegend, sein Kinn und schlug sich mit einem plötzlichen Einfall herum. Wie wäre es denn, wenn er rasch mal nach Seesham zurückführe? Es war, laß sehen, genau 6.30 Uhr. Er hatte nämlich im Labor die ganze Nacht vertrödelt: die Stunden waren nur jo geflogen, und er hatte es nicht gemerkt. Dennoch fühlte er sich ziemlich frisch; einem jungen Menschen durfte eine um die Ohren geschlagene Nacht nicht so viel ausmachen.
Er überlegte: wenn ich gleich fahre, gut fahre, bin ich in einer Stunde in Seesham. Dann müßte ich Maxie herausttommeln und mit ihr wieder Handelseins werden. Denn so kann man diese Geschichte nicht lassen. Ich erzähle ihr, wie schlimm es dem Scheuerl geht und welche Freude er über mein Kommen hatte; ich bin nett zu Maxie, und Maxie sieht alles ein. Schluß und Küß. Um zehn Uhr, allerspätestens halb elf Uhr, bin ich wieder hier. So lange hält die Morphiumwirkung an.
Holl suchte befriedigt sein Zimmer auf, zog die Lederjoppe an, sagte der Schwester Bescheid, holte sein Motorrad und brauste los. So eine Fahrt in aller Herrgottsfrühe war herrlich. Als er vor der „Neuen Post" bremste, schlug die Kirchenuhr acht. Die meisten Gäste schliefen noch. Holl bestellte Kaffee und strich vor dem Spiegel im Bierstüderl sein Haar zurecht. Während er so dastand erschien Hegemann in der Tür. Er hatte sein Badezeug unterm Arm.
„Guten Morgen, Doktor! Auch schon auf? Recht haben Sie. Bei solchem Wetter muß man aus den Federn. In diesem Sommer muß man dem lieben Gott für jeden schönen Tag auf den Knien danken. Meine Tochter ist schon eine halbe stunde unterwegs. Sie will zu einer Fxeunbin. Sie sehen, ich gehe jetzt baden. Um diese Zeit sind die anderen Pintscher noch in der Falle, und da ist es am schönsten, plauderte Hegemann und gab Holl die Hand.
Holl erwiderte mit ein paar Redensarten. Feine Ueberraschung, dachte er ärgerlich und stürzte seinen Kaffee hinunter. Maxie war also doch fort, und mit der Aussprache war es nichts. Die ganze Fahrt war umsonst gewesen. Er ging in Gedanken nach der Garage. Der gelbe Wagen des Barons fehlte.
„Suchen Sie etwas?" fragte der Käptn, der mit seinem Teertiegel aus einer Ecke kam, erstaunt. Er konnte sich Holls Anwesenheit nicht erklären.
„Ich suche Fräulein Hegemann."
„Die ist vorhin mit bem' jungen Baron weggefahren. Ich verstand den Namen Gattersee. Ich haben den beiden noch geholfen, das Verdeck abzunehmen."
Also doch! Holl knurrte: „Danke!" und ging rasch davon. Er hatte ein ganz tolles Gefühl in der Herzgegend. Maxie ist mit Tinser nach Gattersee, sagte er laut vor sich hin. Nette Verlobte, die sich beim ersten Krach mit einem anderen tröffet... Holl marschierte betäubt zur Badeanstalt und schwang sich wütend auf das hölzerne Geländer des Stegs. Einige Schritte von ihm unterhielt sich Hegemann mit dem Bademeister Weinzierl und verschwand dann in seiner Kabine. Holl starrte finster ins Wasser. Diese Maxie! Da redete sie große Töne von Pferdestehlen und sich totschlagen lassen, und bann zog bieser Fratz bei der ersten Miß- Helligkeit einfach mit Tinser los. Ausgerechnet mit Tinser, ber nicht nur ein Auge, fonbern alle zwei auf sie hatte. Das sah boch ein Blinber, baß ber in Maxie verknallt war. Holl bekam ein ganz bunfles Gesicht vor Zorn unb Eifersucht.
Da sitzen sie jetzt im Auto unb nachher in Gattersee bei der „prachtvollen Wirtin" zusammen, und weiß der Kuckuck, was alles geschieht, denn der Tinser, dieser Kerl, ist ein Draufgänger — malte er sich aus und wurde immer unglücklicher und immer wütender. Das kam davon, wenn man den Frauen so viel Platz in seinem Herzen einräumte. Holl kauerte mit hängenden Schultern auf dem Geländer unb sah die Welt in den düstersten Farben. Plötzlich streifte ein fremder Aermel den seinen. Der Aennel gehörte jenem zweifelhaften Herrn, der gestern bei Tinser im Wagen gesessen hatte. Nanu, ber?
Der Unbekannte ging summend den Steg entlang, drückte seine Zigarre aus, blieb vor einer Badekabine stehen und steckte einen Schlüssel ins Schloß. Als die Tür aufging, verschwand er ins Innere. Das wäre an sich nichts Auffallendes ge- wesen. Merkwürdig wurde die Sache nur dadurch, daß es sich um Hegemanns Kabine handelte. Das wußte Holl bestimmt. Während er noch an diesem.
Geheimnis herumrätselte, kam ber Fremde wieder heraus, schloß hinter sich zu, warf Holl einen versteckten Blick zu unb strich roiegenben Schrittes an ihm vorüber. Es mar ein Mann um bie Fünfzig, mit orbinärer Eleganz gekleidet und mit einem unangenehmen Gesicht. Der Unbekannte schritt erst langsamer, bann schneller auf bas Hotel zu.
Was wollte denn ber bei Hegemann? Der Geheimrat war längst im Wasser und die Kabine also leer. Diese altmodischen Babehütten hatten an der Seeseite eine kleine Oeffnung, durch die man, ohne bie Tür benutzen zu müssen, ins Wasser konnte. Was tat ber Unbekannte volle zwei Minuten in ber fremben Kabine? In Holl erwachte ein unbestimmter Verbacht.
„Kennen Sie zufällig ben Herrn ba vorn?" fragte er einen vorüdergehenben Hoteldiener.
„Den? Nein. Der wohnt nicht bei uns. Warum?"
„Ach, nur so", sagte Holl unb sprang vom Ge- länber. Was kümmern mich anbere Leute, wo ich genug mit mir selber zu schaffen habe, bachte er ärgerlich. Er ging zu feinem Motorrab unb hetzte in bie Stabt zurück. Seine (Bebanten waren während der Fahrt bei Maxies schmählichem Benehmen. Er sah sie mit Tinser in jener Geißblattlaube sitzen, die sie ihm so schwärmerisch geschildert hatte. Wie vergiftete Pfeile waren alle diese Gedanken.
Scheuerl empfing ihn mit einem so traurigen Blick, ber diesmal bedeutete: Wo warst du denn so lange? Schick dich und hilf. Das Wehtun fängt schon wieder an, unb mit bem Schnaufen ist es auch schon mieber schlimmer.
Ja, schau nur, bachte Holl. Deinetwegen habe ich diese Schererei mit Maxie. Aber er lieh seiner üblen Stimmung keine Worte, sondern band seine Arztmaske vor, sein hoffnungsvolles Gesicht und fein forgenverfcheuchendes Lächeln, und tröstete, obzwar er selber des Trostes bedürftig war. Was für Menschen, kam ihm in ben Sinn, finb doch wir Aerzte! Wenn unsere Patienten nur die Hälfte von uns wüßten!
Einige Zeit später begegnete ihm der Hausmeister Gieseke im Hof. Er führte das Mannderl an der Hand, und nebenher ging, als fei das immer so gewesen, die Paula. Holl begrüßte die drei und wunderte sich. Er erfuhr, daß die Paula etliche Tage in München bliebe, unb baß ber Hausmeister ihr Vater wäre. Komisch, bachte er, jetzt taucht ba plötzlich ein Vater auf. Er wanbte sich an ben Hausmeister:
„Ich komme eben von Seesham. Da habe ich ein seltsames Erlebnis gehabt. Ich bin gespannt, was Sie von ber Sache halten. Sie sind doch ein halber
Kriminalist, Herr Gieseke." Unb er berichtete von dem unbekannten Herrn in Hegemanns Kabine. „Ich mache mir jetzt Vorwürfe, baß ich das dem Chef nicht gleich mitgeteilt habe. Aber ich darf zu meiner Entschuldigung anführen, daß ich cs eilig hatte."
„Ach, vielleicht war das Ganze nur ein Irrtum von dem fremden Herrn. Solche alte Badeschlüssel tragen oft keine Nummer unb schließen mehrere Türen", meinte Gieseke.
„Möglich. Mir ist nur verdächtig, daß er so lange ba brinnen blieb. Unb außerdem — ber ganze Mann gefiel mir nicht. Uebrügens habe ich rhn gestern abend slüchttg mit Herrn von Tinser beisammen gesehen."
„Das sollte Sie eigentlich beruhigen"", lächelte Giesecke.
,Lch habe mir noch gebacht: daß ber mit so einem Bruder verkehrt, mit so einem verbotenen."
„Es wird wahrscheinlich irgendein Bittsteller gewesen sein. Man kann über, so etwas nicht ohne weiteres urteilen", sagte Paula mit einer gewissen Schärfe im Ton.
„Auf den Baron darf man nichts kommen lassen: das ist ein famoser Mensch", stimmte ihr der Hausmeister bei. „Misten Sie was, Herr Doktor? Ich muß Hegemann heute sowieso noch anrufen. Da kann ich das Vorkommnis ja erwähnen. Sind Sie jetzt beruhigt?"
„Gut!" erwiderte Holl und dachte verstimmt: Na, das ist ja eine dicke Freundschaft zwischen den (Bie- sekes unb Tinser. Als Holl außer Hörweite war, jagte Paula zu ihrem Vater:
„Doktor Holl scheint etwas gegen Tinser zu haben. Sein Ton war für ben Baron gerabezu verletzend."
„Das bildest du dir wohl bloß ein, Paula. Himmel, aber etwas anderes fällt mir ba ein! Hegemann hat immer ben Tresorschlüssel bei sich. Ich erzähle bir später, wenn ber Bub nicht babei ist, was es bamit für eine Bewanbtnis hat. Er wirb boch hoffentlich vorsichtig fein unb ihn nicht herumliegen lasten. Mein guter Hegemann ist manchmal vergeßlich Diefer Holl hat mich mit feinem Geunke selber ganz verbreht gemacht. Na, im äußersten Fall bin ich ifl noch ba. Paula, ich binde dir auf die Seele, daß btt nachts unsere Wohnung gut abschließt. Du warst immer schon ein wenig leichtsinnig in solchen Dingen Du mußt beide Schlößer versorgen und den Riegel vorschieben. Merke dir bas, solange bu hier bist Nicht, baß uns einer nachts in bie Wohnung kommt! Derstanben?"
„Ja, Vater."
(Fortsetzung folgt!)


