Ausgabe 
17.1.1939
 
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Aus der Stadl Gietzen.

Ilurgang im Januar.

Gänzlich aprilhaft tändelt dieser Januar umher und spielt mit Regen und Wind, wo man sich doch sonst vor seiner grimmen Ungebärdigkeit, vor seinem Cis- und Schneetoben kaum warm genug in dicke Pelze und Mäntel einmummen kann. Er scheint ver­gessen zu haben, daß er der Wartung ist, der härteste der zwölf Monatsmänner, der mit seinem Frostatem durch die Landschaft fegt und allem Kränklichen und Ungesunden den sicheren Tod bringt.

Der weiße Märchenwald, die leuchtenden Schnee- feider, die glitzernden Eisbahnen des Dezember sind tote ein fesselnder Traum verweht und haben grau­schwarze, eintönige Wirklichkeit zurückgelassen, oder und ärmer, als sie im November war. Ueberall in den Gärten, wo das kahle Gezweig der Bäume und Hecken wie Reisig im Winde raschelt, wesen neben dem spärlichen Blattgrün überwinternder Stauden und den froststrotzenden Büscheln des Kraus- und Rosenkohls strohfahl und lederbraun die Reste er­frorener Gemüse und Herbstblumen. Wie böse Ge­schwüre bilden sie häßliche Flecken der Vergängnis aus dem braunen, regenzerweichten Erdretch der Beete. Aber es ist noch nicht die Zeit, mit kraftvollen Spatenstichen auszumerzen und umzugraben.

Das wissen die angerosteten Blätterrosetten der Erdbeeren, die stumpf und verschlafen in den launi­schen Tag blicken, der bald mit kurzen Schauern über sie hintrommelt, bald mit verführerischem Son­nenlächeln sie anstrahlt, als habe er den Frühling zu verschenken. Sie bleiben mißtrauisch und halten ihre kleinen Herzen verschlossen. Auch Spinat, Ra­pünzchen und bifc zierlichen Wintersalatpflanzchen, deren frisches Grün das freudig überraschte Auge entzückt, fühlen sich nicht recht wohl in Regen und Wind. Zu früh wurde ihnen die üppige Schneedecke fortgerissen, sie haben sich nur halb ausgeruht, und ihre aufgestörten Kräfte kommen noch nicht zu sich. Die Schrebergärtner, die größtenteils neben ihrem Häuschen einen Hühnerstall und Hühnerpferch haben, füttern kopfschüttelnd über diesen ungewöhnltchen Hartung ihr Geflügel.Hoffentlich zeigt er bald noch sein wahres Gesicht!", mehr wissen sie, bet sovtel Milde für ein frostiges Frühjahr fürchtend, nicht zu sagen. Andere wagen noch nicht einmal diesen nur allzu verständlichen Wunsch lautwerden zu lassen. Sie meinen:Wir müssen's halt nehmen, rote es kommt!" Während die Sperlinge unbekümmert be rumschilp en und die Krähen mit behaglichem Krächzen auf den offenen Feldern landen, klingt der gelegentliche Lockruf einer Meise gar ängstlich und zaghaft. Sie möchte den Grimm des Eismonats nicht herausfordern.

Aber jeder Tag wartet darauf, voll trüber Un­sicherheit, daß er sich endlich die Maske des Lau­manns vom Gesicht reißen und herrisch und hart sein klirrendes Frostzepter schwinge. P- B.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stydttheater: 20 bis nach 22 Uhr:Hollywood". Gloria-Palast, Seltersweq:Geld fällt vom Himmel". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Men­schen, Tiere, Sensationen". Obechessischer Kunst­verein:. 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.

Stadlthealer Gießen.

Heute Abend findet die Erstaufführung von Hollywood", Komödie in drei Akten von Roman Niewiarowicz, statt. Der Verfasser wurde in Deutschland durch sein erstes BühnenwerkIch liebe dich", das über hundert Aufnahmen erreichte, bekannt. Das Stadttheater Gießen bringt die west­deutsche Erstaufführung. Spielleitung: Hannes Razum. Bühnenbild: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 16. Vorstellung der Diens- tag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende nach 22 Uhr.

Wilhelm Schäfer liest in Gießen.

Am kommenden Montagabend wird in der Neuen Aula, auf Einladung des Goethe-Bundes und Kaufmännischen Vereins Gießen, Wilhelm Schäfer, der Dichter derDreizehn Bücher der deutschen Seele", aus eigenen Werken lesen. Wie überall auf seiner Vortragsfahrt, wird der Dtchter auch in unserer Stadt sicher vor einer großen und dankbaren Zuhörerschaft sprechen können._________

_ zeuge rouruen

führen.

jetzt

und und

in jedem das letzte für unser

Volk.

Erwerbt Netterschein!

Wer von den JungreUern und Jungbauern seine Dienstpflicht beim Heer als Reiter oder Fahrer er­füllen, wer bei einer reitenden oder fahrenden Truppe dienen will, braucht hierzu den Reiter­schein!

Der Reiterschem wird auf Grund der Prüfun­gen erworben, die zu diesem Zweck von den Be­auftragten des Reichsinspekteurs für Reit- und Fahrausbildung abgehalten werden. Die Bekannt­machung über Ort und Zeit der Reiterprüfungen, sowie die Bestimmungen über den Erwerb des Reiterscheines werden noch bekanntgegeben.

Grundbedingung für den Erwerb des Reiter- scheines ist die Zugehörigkeit zum Nationalsoziali­stischen Reiterkorps (NSRK) oder zur ^-Reiterei.

Näheres über die Reiterprüfungen und das NSRK. ist zu erfahren für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach bei der SA.-Reiterstcm- darte 147, Gießen, Wetzlarer Weg 37, für die Kreise Friedberg, Büdingen-Schotten bei der SA- Reiterstandarte 247, Bad-Nauheim, Burgstrahe 20, ober bei den Führern der SA.-Reiterstürme.

Gardekameradschast Gießen.

Die Gardekameradschaft Gießen hielt am Sams­tag im HotelPrinz Carl" in Anwesenheit zahlrei­cher Kameraden ihren Jahresschlußappell ab. Nach der Begrüßung gab Kameradschaftsführer R e t chardt einen Rückblick auf das vergangene Jahr und gedachte zunächst des vor kurzem verstorbenen Kameraden Beuchert, dessen Andenken in roür«

WHW. Ortsführunq Gießen-Süd.

Am Dienstag, 17., und Mittwoch, 18. Januar, findet im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd die Pfundfammlung für den Monat Januar 1939 durch die NS.-Frauenschaft statt. Die Einwohner- schäft der Ortsgruppe wird gebeten, die Pfund­päckchen bereitzühalten.

Oie EntschrottungSakiion der Betriebe verlängert.

NSG. Um auch das letzte Stück Schrott in den Betrieben zu erfassen, wurde die Entschrottungs- aktion der Deutschen Arbeitsfront im Gau Hessen- Nassau bis zum 31. Januar verlängert. Bei dieser Aktion kommt es nicht nur darauf an, regelmäßig anfallende Schrott- und Cisenmengen zu sammeln und zur Wiederverwertung abzuflchren. Diel wich­tiger ist es, einmal in alle Ecken und Winkel zu sehen und die Schrottmengen hervorzuholen, die

In feinen weiteren Darlegungen wandte sich der Redner der Arbeit des Reichsbundes der deutschen Beamten zu und betonte, daß es nun auch im RDB. weiterzuarbeiten und mitzuhelfen gelte, den Block unserer Volksgemeinschaft immer inniger zusammen­zuschweißen. Der RDB. stelle für seine Mitglieder insbesondere die Forderung heraus, daß vor dem Recht" immer erst diePflicht" komme. Der RDB. sehe eine seiner Hauptaufgaben darin, die Beamten zu Nationalsozialisten zu erziehen, in ihren Reihen wahrhaft sozialen Geist zu erwecken und sie für ihre Aufgaben als Beamte auszu­bilden. Daß sozialer Geist in den Reihen der Be­amten auf breiter Front Eingang gefunden habe, sei schon dadurch bewiesen, daß sich alle Beamten freimiUig als Mitglieder der NSV. meldeten und alljährlich etwa 10 Millionen Mark an Beiträgen abführen. In weiteren Darlegungen sprach der Redner über die bisher geschaffenen eigenen sozia­len Einrichtungen des RDB. und vermittelte durch Zahlenmaterial einen Einblick in den Umfang dieser Einrichtungen.

Die Erziehungsaufgabe, die Schulungs- und die Propagandarbeit seien aber stets die Kernstücke der Arbeit im RDB. Es gelte noch manches beamten­politische Problem zu lösen. Hier sei es in erster Linie die Frage der Ausbildung und im Zusam­menhang damit die Erfüllung der Forderung der Frühehe, die durch allzu lange Ausbildungsgänge

allmählich verkommen. In unbenutzten Räumen, auf Höfen und Lagerstätten, unter Werkbänken, hinter Maschinen und Schränken liegen noch viele vergessene Metallteile. Betriebsfühver und Der« trauensrat stellen den Plan auf für den Einsatz einzelnen Betrieb. Das Ziel heißt: auch Stück Schrott zur neuen Verwendung

Veamlenschast - eine Leistungsgemeinschast

Schulung«!- und Gemeinschastsabend im Kreisabschnitt Gießen.

den Fahrzeuge.

Die Polizei und die NSKK.-Männer hatten da- be: alle Hände voll zu tun. Es galt, umfangreiche Ueberprüfungen anzuftellen. Die Papiere wurden nachgesehen, die Zulassungen mit den Kennzeichen der Wagen und Fahrzeuge verglichen, die Kenn­zeichen auf ihre Lesbarkeit und auf die vorgeschrie- bene Form hin untersucht, die Lichtanlagen über­prüft, die Bremsen geprüft und besonderes Augen­merk auf die Rückstrahler gerichtet, die seit dem 1. Januar 1939 zusätzlich (außer dem Rücklicht und dem Stoplicht) vorhatrden fein müssen. Jeder Füh­rer eines Kraftfahrzeuges erhielt einen Zettel aus« gehändigt, der die Kontrolle bescheinigte. Jene aber, die irgendwelche Mängel an ihren Fahrzeugen fest­stellen lassen mußten, hatten $u bezahlen, bekamen Quittungen und außerdem die Einladung in die Hand gedrückt, das Fahrzeug an einem der v-,rk drei Tage in vorschriftsmäßigem Zustande

Polizei nnb ASM. bei der Derkehrskontrolle

Zahlreiche gebührenpflichtige Verwarnungen.

Die Verkehrskonttolle brachte eine interessante zahlenmäßige Auswertung. Angehalten wurden 485 Kraftfahrzeuge, 38 Fuhrwerke und 426 Fahrräder. An Kraftfahrzeugen waren in 171 Fällen, an Fuhr- werken in 2 und an Fahrrädern in 34 Fällen Be­anstandungen zu verzeichnen. Einfache Derwarnun- oen wurden 18 ausgesprochen, gebührenpflichtige Verwarnungen wurden 141 verhängt, 8 Verkehrs­teilnehmer wurden zur Anzeige gebracht und zur Vorführung ihrer Fahrzeuge bei der Polizei wur­den 73 Fahrzeugelenter aufgefordert. Zwei Fahr­zeuge wurden sichergestellt, weil sie wegen ihres ~ " t im Verkehr belassen werden konnten.

bisher kaum möglich wurde. Im Dienste der Durch- dringung der Beamtenschaft mit nationalsozialisti« schem Geiste seien Schulen im Bau und in der Planung begriffen. Der zusätzlichen Fachschulung gelte alle Aufmerksamkeit, denn die Beamtenschaft müsse eine Leistungsgemeinschaft darstellen, wenn sie tragende Säule im Staate darstellen wolle. Dar­über hinaus müsse jeder Gemeinschastsabend dazu beitragen, die Kameradschaft und die praktische Volksgemeinschaft zu vertiefen.

Nachdem sich der Redner noch mit Fragestellungen hinsichtlich Kirche Staat Beamtenschaft be­schäftigt hatte, stellte er die Forderung heraus, daß der Beamte in erster Linie Deutscher zu sein und als solcher zu handeln habe. Für den deutschen Be­amten gebe es auch dem Juden gegenüber nur eine kompromißlose Haltung. Dom Beamten werde er­wartet, daß er erfüllt sei von dem Glauben an das deutsche Volk als einer gottgewollten Gegebenheit. Denn dann erst werde unser Volk herrlich dastehen, wenn es für jeden heiße:Deutschland und nur Deutschland!"

Der Dortrag wurde mit größter Aufmerksamkeit und mit lebhaftem Beifall aufgenommen. Nach einigen weiteren musikalischen Darbietungen fand der Abend mit dem Gruß an den Führer und den Liedern der Nation seinen Abschluß.

In den Spätnachmittagsstunden des gestrigen Montag unternahmen die Polizei unserer Stadt und Kameraden vom N2KK. eine großangelegte Verkehrskontrolle, die dazu dienen sollte, alle Kraft­fahrzeugführer und Krastfahrzeughalter, wie auch die Radfahrer darauf hinzuweisen, daß die Ver­kehrsvorschriften unbedingt eingehalten und die Fahrzeuge in einem Zustand sein müssen, der den Vorschriften entspricht.

An sechs verschiedenen Stellen der Stadt und an vier Stopstraßen wurden die Derkehrskontwllen durchgeführt. 34 Beamte der Polizei und 18 NSKK.- Kameraden wurden dafür eingesetzt. Schlagartig, auf die Minute pünktlich, setzte die Kontrolle ein. Alle Ausfallstraßen der Stadt waren von den Kon­trollen besetzt, und 3roar Frankfurter Straße, Mar­burger Straße, Rooheimer Straße, Schiffenberger Weg, Licher Straße und Grünberger Straße. An- gehalten wurden vor allem die stadtauswärtsfahren-

Der Kreisabschnitt Gießen des Reichsbundes Deutscher Beamten vereinigte am gestrigen Montag­abend die Beamten der Stadt, des Staates, der Reichsbahn, der Reichspost usw. im Cafe Leid zu einem Gemeinschaftsabend. Saal und Bühne waren festlich geschmückt. Die Fahnen der Fachschaften waren vor der Bühne dekorattv zur Aufstellung ge­kommen.

Der Musikzug der SA.-Standarte 116 unter Lei­tung von Musikzugführer Herrmann eröffnete den Abend mit einem Marsch, den in vorzüglicher Wiedergabe die Ouvertüre zur OperWilhelm Teil" folgte. Lebhafter Beifall dankte den Musikern, die im weiteren Verlaufe des Abends auch mit einer Fantasie ausLa Traviata" einen starken Erfolg erzielten.

Kreisabschnittswalter Pfeil hieß die Kameraden willkommen und gedachte der im Jahre 1938 ver­storbenen Kameraden, zu deren Gedenken man sich von den Plätzen erhob. Die Musik spielte dabei das Lied vom guten Kameraden.

Nach einem Vorspruch, in dem die Größe unserer Zeit und ihre Bedeutung für die Zukunft zum Aus­druck kam, hielt

Studienrat Or. Noeschen-Buhbach

einen Vortrag, in dem er über die Haltung des deutschen Beamten im Großdeutschen Reich sprach. Er schilderte das Jahr 1938 mit seinen großen Er­eignissen als ein Jahr, das neben dein oer Macht­ergreifung im Jahre 1933 die größte Bedeutung für die deutsche Geschichte hat. Seien doch zehn Mil­lionen Menschen in das Reich heimgeholt worden ohne einen Schwertstreich! Nicht etwa einWunder" sei geschehen, sondern die große Tat sei allein der verdiente Erfolg eines zähen Einsatzes und der Er­folg der genial geführten Politik unseres Führers. In reifer Stunde hat der Führer, so sagte der Red­ner u. a. weiter, den gigantischen Einsatz gewagt, hat er zur totalen Mobilmachung nicht nur der

Die Beamten mußten leider in vielen Fällen Fahrzeuge beanstanden. Hier fehlte der Rückstrahler, da war er falsch angebracht, hier war die Kontroll­nummer des Fahrzeuges kaum mehr lesbar; an einem anderen Wagen war sie vollständig ver­schmutzt; hier funktionierte eine Bremse nicht, bei wieder einem anderen Kraftfahrzeug versagte einer der Scheinwerfer, ohne daß sich der Fahrer dessen bewußt war. An diesem Motorrad war das Rück­licht um 15 Zentimeter zu hoch angebracht, bei jenem Radfahrer versagte die Handbremse den Dienst.

Bei der Konttollaktion befleißigten sich die Poli­zeibeamten aller sachlichen Strenge, ließen es aber an der notwendigen Höflichkeit und Zuvorkommen­heit nicht fehlen, so daß sich die Kontrolle reibungs­los vollzog. Auch die Kraftfahrzeugführer hatten alles Verständnis für die Maßnahme und folgten bereitwillig den Anweisungen. Die Kontrolle wird sicherlich dazu beigetragen haben, vielen Kraftfah­rern erneut das Gewissen zu schärfen, sich ihrer Ver­antwortlichkeiten anderen Verkehrsteilnehmern ge­genüber bewußt zu sein.

3m Spieael der Zahlen.

Waffen, sondern vor allem auch des Geistes der Herzen des deutschen Volkes aufgerufen, damit fei ihm der Erfolg befchieden gewesen. Der Vortragende wies weiter Darauf hin, daß nichts ver­kehrter (ein könnte als der Glaube, daß man jetzt auf den Lorbeeren ausruhen könne. Noch gebe es manche große Aufgabe, und jederzeit könne es kom­men, daß die friedliebenden Staatsmänner der west­lichen Demokratien auf einmal durch kriegslüsterne ersetzt würden. Nach dem Sieg heiße es auch jetzt: Bindet den Helm fester!"

Roman von Hubert Rausse.

Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.

33 Fortsetzung, (Nachdruck verboten!)

Nun saßen zwei Glückliche in der kleinen Garde­robe des Kurfürstendammtheaters, eine selige Frau, die der Rückkehr des Geliebten entgegenwartete, und eine selige Künstlerin, die das höchste Wunsch­ziel ihrer Werdejahre als baldige Erfüllung vor sich sah.

An jenem Neujahrstage, an dem Jago dem Stierkampf in Madrid beiwohnte, waren Jte und Elisabeth in der Nachmittags- und Abendvorstellung beschäftigt. Sie verließen in der Zwischenzeit gar nicht das Theater. Das Abschminken und wieder Neuschminken würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Und die alte rundliche Anna kochte selbst einen ausgezeichneten Tee und holte aus der Wein­stube kaltes Fleisch und Brat und Butter.

So gut war es der alten Anna selten gegangen wie in diesen letzten Tagen des Jahres. Und so gut war auch in diesem Haus selten gespielt worden. Das rechte Glück macht den Menschen besser in allem, was er ist und was er tut.

In diesen Stunden zwischen den beiden Vor­stellungen liefen die Telegramme aus Madrid im Theater ein. Als Brasky das seinige gelesen hatte, wußte er natürlich, was das Telegramm an , Elisa- beth Hellfahr enthiett. Er hielt es in der Hand und wog es sorgenvoll hin und her. Jago ver­unglückt! Es war entsetzlich!

Elisabeth durfte das Telegramm erst nach der Vorstellung bekommen.

Draußen kam mit ihren belegten Broten die alte Anna über die Straße. Brasky rief ihr vorn Fenster aus zu, daß die Fall sofort zu ihm kom­men solle. Es sei wegen des Wiener Gastspiels.

Jte warf unmutig ihren Bühnenmantel um und kam so, wie sie war, nach vorn in Braskys kleines Büro. Sie sah mit den grellen Schminkstrichen und den grbrannten Löckchen seltsam genug aus.

Was gibt es denn nur so wichtiges?" Die sclpvarzen Augen blickten bös.

Wortlos reichte ihr Brasky sein Telegramm.

Jte las und fiel auf einen Stuhl. Die arme Elisabeth, dachte sie; aber sofort und gleichzeitig dachte sie: Was soll geschehen?

Wie war ein Ersatz zu bekommen?

Harten war sofort nach der Berliner Premiere nach Leipzig gefahren und hatte dort die Regie des gleichen Stückes übernommen. Vielleicht war die dortige Darstellerin der Lady Childern schon ver­fügbar? Jte las noch einmal:

,Hago Smid verunglückt. Lebensgefahr. Sofor­tiger Urlaub für Hellfahr bringend erbeten. lieber« weisen 5000 Peseten für Ersatz."

Gott, ©ott! Was wird mit Elisabeth?

Du mußt Leipzig anrufen!" sagte Jte. Dann sank sie plötzlich in den Stuhl zurück und griff nach ihrem Herzen.

Brasky bemühte sich um sie.

Sei tapfer, Jte! Die Hellfahr wird dich brauchen!"

Und du? Und bas Theater?"

Es gibt einen Ausweg?" Einen seltsamen Aus­weg!"

Einen Ausweg?" sagte Jte.So sprich doch!" Ihr Herz jagte. Sie zog fröftelnb den Mantel um ihre nackten Schultern. Die geschminkten Lippen brannten rot.

Schrecklich!" sagte sie.Elisabeth liebte Don Jago! Elisabeth hat ihn immer schon geliebt! Sie hat es nur nicht gewußt. Sie war seiner zu sicher! Dann kam die Eifersucht auf diese spanische Tän­zerin. Und erst in der Angst, ihn zu verlieren, wurde sich Elisabeth ihrer Liebe und seines Wertes bewußt. Und jetzt dieses Unglück, mitten in der Seligkeit des Glückes!"

Jte liefen die dicken Tränen durch Puder und Schminke über die Wangen.

Du weißt einen Ausweg? So sprich doch, Brasky!"

Er nickte.

Der Sekretär der Argesilla hat heute früh an­gerufen Sie war nach Stockholm verpflichtet, und dort hat es vorgestern einen Bühnenbrand gegeben. Sie kann also nicht anfangen. Und der Wintergar­ten, in dem sie bis gestern volle Häuser machte, be­ginnt heute sein neues Programm."

Jte starrte Brasky an.

Die Argesilla?"

Ja! Ihr Sekretär sucht ein ganzes Theater zu mieten!"

Die Argesilla!" Jtes Stimme klang ganz bös. Ausgerechnet die Argesilla! Und 50000 Peseten hast du auch!"

Sie lachte, und sie erschrak über ihr eigenes Lachen. Sie sah mit dem verschminkten und ver­weinten Gesicht seltsam genug aus.

Brasky sah sie fassungslos an.

Die Argesilla macht jetzt Elisabeth den Weg frei zu ihrem Jago hin. Dieselbe Argesilla, die vielleicht selber den Jago liebt und die erst, da sie als Nebenbuhlerin auftauchte, Elisabeth den Weg zu ihrem eigenen Herzen gezeigt hat. Seltsam, wie die Pfade der Liebe laufen! Aber so ruf doch schon an!"

Eine halbe Stunde später war das Tanzgastspül der Argesilla am Kurfürstendamm vom 2. bis 15. Januar fest abgeschlossen.

Die Abendzeitungen brachten schon die Einzel­heiten über den Styckholmer Bühnenbrand, lobten den Direktor Brasky, der die plötzlich freiwerdende geniale spanische Künstlerin sich und seinem Theater förmlich über Nacht zu verpflichten verstand, und wußten auch von einem Gastspiel der Fall im Burg­theater und von einer plötzlichen Urlaubsreise der Elisabeth Hellfahr ins Ausland, noch Madrid.

Die abendliche Aufführung war wie immer ver­laufen. Dann, um die gleiche Stunde, da draußen die aus dem Haus strömenden Besucher bereits die dicken Schlagzeilen der Abendzeitungen studierten, dann erst erfuhr Elisabeth Hellfahr, was vorgegan­gen war. *

Jte Fall stand ihr in dieser Nacht in schwester­licher Freundschaft zur Seite.

Elisabeths erster Gedanke war gewesen: Zu ihm, zu ihm!

Was konnte ihm fehlen? Auch in ihrem Tele­gramm, das die UnterschriftJago" trug, war nur von einem Unglücksfall die Rede. Eisenbahnunglück? Auto? Flugzeug?

Laß das Grübeln, Elisabeth! Denk nur daran, wie du so schnell wie möglich an sein Krankenlager kommst! Und nicht nur so schnell wie möglich, auch so gefaßt wie möglich, ruhigen Herzens und mit dem festen Willen, zu tragen, was kommt, und zu helfen, wo es geht!"

Elisabeth neigte still den schönen blonden Kopf. Ihr Herz war voll Dankbarkeit, daß der Weg in ihre Freiheit bereits gebahnt war. Kein Kontrakt hielt sie mehr. Ein höheres Schicksal hob sie an die Seite des Mannes, dem ihr Herz, ihre Liebe, ihr Leben gehörte. Was immer die Zukunft bringen mochte, alle bisherigen Wege waren zu Ende ge­gangen. Die großen Ziele: Heimat und Theater waren versunken und vergessen.

Was würde sein?

1 Was würden die nächsten Tage bringen?,

Stand am Anfang des neuen Weges der Tod?

Elisabeth neigte den Kopf und weinte und betete. Sie ließ dem Schicksal freien Lauf. Sie wollte nichts Eigenes mehr. Sie folgte dem Ruf und dachte nur eines: zu ihm!

Und ist es nicht oft, als wolle das Schicksal den sich Bäumenden zermalmen, indes es den Gedul- djgen und Ergebenen liebevoll ans Herz nimmt?

Ernst ist Elisabeth, aber ihr Hei^z ist ruhig, denn es weiß, was es will.

Wie sie mit Jte zum Zuge fährt, kleben an allen Säulen schon die Plakate, Die mit Riefenbuchstaben das Gastspiel der Argesilla im Theater am Kur­fürstendamm ankündigen. Elisabeths blaue Augen fliegen gleichgültig darüber weg. Was ist mit Jago? Ihr Herz ist längst in Madrid.

Leb wohl, Jte! Und hab Dank für alles!" /

Was heißt ,Lebewohl?^ Ich habe Urlaub wie du. Und bis zu meinem Wiener Gastspiel sind noch zehn Tage, zwischendurch fahre ich leicht nach Madrid! Darf ich?"

Die dunklen Augen sind tränenfeucht.

Jte!" *

Gemeinsam trägt der Zug die Freundinnen hin­aus. Jte macht sich am Gepäck zu schaffen, bis das Herz wieder ruhig schlägt und die Augen klar geworden sind.

Sie fahren, sie fahren!

Was hat Elisabeth von der Firma Jago Schmid aus Madrid schon gewußt? So gut wie gar nichts! Sie kannte ihren Jago, und das hatte ihr genügt. Aber nun meldete sich in Paris ein Vertreter der Firma und half den beiden Damen zum Süd­bahnhof. Oder zum Flugplatz? Er habe den Auf­trag, alle Wünsche zu erfüllen. Dem kranken Senor Schmid gebe es übrigens besser, er habe so­eben mit Don Manuel gesprochen, der in Madrid am Krankenlager sei.

Sie fahren, sie fahren!

In Bordeaux meldet sich der nächste Vertreter und fuhr bis zur Grenze mit nach Jrun. Dort bekam sie die Nachricht, daß das Fieber gefallen, die Krisis überwunden, das Leben des Kranken gerettet sei. Der Zug fuhr durch die Larckschaft Kastiliens. Zerfallene Burgen, über die braun­roten Felsen kroch das Morgenlicht.

Seine Heimat!" sagte Jte.

Elisabeth schüttelte ihren Kopf.

(Schluß Wl)