Ausgabe 
16.8.1939
 
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Oie Flachsernte beginnt.

Aus der Stadt Gießen.

Gegensätze.

Vor meinem Fenster, jenseits des Gartens, liegt die offene Landschaft, ein Stück Natur mit gelben, braunen und grünen Ackerstreifen, mit Haferfel­dern und Stoppeln, mit Kartoffel- und Gemüsean­bau, mit Bäumen und Waldstrichen, mit Hügeln und Horizont. Mag der helle Sonnenhimmel die Weite mit wechselndem Licht überstrahlen, mag sie vor dem Färbenspiel der Abendröte in Schatten sinken, oder in der Nacht nur noch die Umrisse ihrer Formen schwarz und ins Gespensterhafte gewachsen andeuten, immer ist sie bezwingender Ausdruck von Ruhe und Gelassenheit, von Unbekümmertheit und Stille. Selbst unter drohend geballtem WeÜerge- wölk mit zuckenden Blitzen und rauschenden Reaen gerät sie nicht außer sich. Es rinnt vielmehr alles an ihr ab wie die niedergießenden Wasser der Wol­ken, und selbst tobende Stürme müssen die Bäume stehen lassen, wo sie wurzeln.

Zwischen dieser Landschaft und dem Garten führt eine breite Fahrstraße vorbei, nahe Ortschaften und ferne Städte verbindend, herrlich geebnet und äsphalliert, staubfrei und blank wie ein Tanzboden. Man weiß mit einem Blick, daß sie für Eile und Hast geschaffen ist, daß ständiger Wechsel und Töan- del ihre Lebenselemente sind. Autos und Motor­räder sausen her und hin. Der Abfahrsort der einen ist das Ziel der andern. Alle haben ein Tempo, als könnten sie etwas versäumen. Diele Wagen sind überfüllt, und man fühlt es den In­sassen nach, daß sie danach drängen, wieder heraus­zukommen und vielleicht darum Eile haben. Zu­weilen fährt ein Pärchen im offenen Waaen lang­sam und genießend, mit sich und der Landschaft allein. Oester jagenEr" undSie" aus dem Motorrad, und man erschreckt über die Schreie der Vorüberflitzenden, als sei ein Familienkrach im Werden, und sie hatten doch sicher nur das Bedürf­nis, sich etwas Liebes zu sagen. Ganz an den be° kiesten Saum der Straße sind di« Radfahrer abge- drängt. Ihre Beine können es mit den Motoren nicht aufnehmen, und so scheinen sie gemütlich zu fahren. Meist rodeln junge Leute, Mädchen und Knaben, zu Wandergruppen gesellt, bisweilen strampeln ein paar Freundinnen miteinander in die Gegend. Eine Frau, die ein Körbchen vor sich hat, aus dem ein Kind kräht, und ein Mann, der ebenfalls ein Körbchen mit einem Kleinen vor sich verwahrt, stellen eine radelnde Familienstube dar. Mutter und Vater fahren bedächtig, sie haben Zeit. Selten und nur wenige Augenblicke lang bleibt die Straße leer. Man meint ihren schnellen Atem zu hören, so abgehetzt müsse sie sein von allem, was über sie hinlärmt. Die ganze Welt scheint auf Reisen. Wieviel von den Unsteten wohl auf ihre Kosten kommen oder überhaupt zu einem Erleben? Meine Blicke schweifen über sie hinweg in die ruhende Landschaft und sind glücklich, verweilen zu können. P- B-

Domotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Gloria-Palast, Seltersweg:Der Westwall"; Ins blaue Leben". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: ,Zch bin Sebastian Ott".

polizeiliche Kennkarte allein gültiger Znlandsausweis.

Bisherige polizeiliche Ausweise ungültig.

Der Reichsführer h*1 und Chef der Deutschen Po­lizei weist in einem Runderlaß die Polizeibehörden des Reiches darauf hin, daß mit der gesetzlichen Ein­führung der polizeilichen Kennkarte vom 22. Juni 1938 ein allgemeiner polizeilicher Jnlandsausweis geschaffen worden ist. Für weitere polizeiliche Aus­weise bestehe deshalb kein Bedürfnis mehr. Alle Er­mächtigungen zur Ausstellung anderer polizeilicher Ausweise seien sofort aufzuheben. Die bisher aus­gegebenen polizeilichen Ausweise der fraglichen Art verlieren ihre Gültigkeit mit Ablauf ihrer Geltungs­dauer. Polizeiliche Ausweise, in denen eine Gültig­keitsdauer nicht angegeben ist, sind nach dem Erlaß sofort als ungültig anzusehen.

NSG. In diesen Tagen fand in Gießen, Lim­burg, Mainz und Darmstadt die Schulung einiger Bauern und Landwirte, sowie der Außenbeamten der Bäuerlichen Hauptgenossenschaft über die Grund- sätze, die bei der diesjährigen Flachsabnahme zu beachten sind, statt. Wenn auch die diesjährige An­baufläche etwas zurückgegangen ist, so ist doch zu hoffen, daß die Bauern und Landwirte, die in die­sem Jahre Flachs angebaut haben, mit ihrem Ernte­ertrag einen befriedigenden Erlös erzielen, nachdem der Preiskommissar eine angemessene Preisfest­setzung genehmigt hat. Der Wert des Flachsstrohes wird, wie bei kaum einem anderen landwirtschast- schaftlichen Erzeugnis, in hohem Maße von seiner Qualität bestimmt. Die beste Qualität wird nach den Richtlinien des Preiskommissars mit 20,50 RM., die geringste Qualität mit 10,50 RM. bezahlt.

Bei der Abnahme und Festlegung der Qualität der einzelnen Lieferungen wirken die Außenbeam-

Die Vortragsreihe der Deutschen Arbeitsfront für Betriebsführer und führende Mitarbeiter der hei­mischen Wirtschaft wurde am gestrigen Dienstag- abend mit einem außerordentlich interessanten Dor- trag im Hotel Hindenburg" fortgesetzt. Nach der Eröffnung durch den Vertreter der Deutschen Ar­beitsfront (Kreiswaltung Wetterau), Pg. P i p p e r, sprach

Prof. Dr. Auler

vom Institut für Wirtschaftswissenschaft unserer Universität über das ThemaDie deutsche Rationalisierung als Mittel der Leistungssteigerung".

Der Redner leitete seinen Vortrag mit einigen eindrucksvollen Zahlen ein, in denen sich die Steige­rung der Produktion spiegelte, die durch den ver­stärkten Arbeitskräfteeinsatz erreicht werden tonnte. Im Jahre 1932 habe der Wert der gesamten Pro- duktion 50 Milliarden RM., im Jahre 1938 da­gegen 90 Milliarden RM. betragen. Die deutsche Wirtschaft sei damit gleichzeitig in das Stadium der Vollbeschäftigung getreten. Wenn das auch noch nicht für jeden einzelnen Betrieb unserer Wirtschaft zutreffe, so gebe es doch heute viele Betriebe, die einen höheren Auftragseingang aufzuweisen hätten, als er ihrer Leistungsfähigkeit entspreche.

Nachdem der Redner in seinen weiteren Dar­legungen das Verhältnis der verschiedenartigen Betriebskosten zur Leistung aufgezeigt hatte, be­tonte er, daß die Rationalisierung ein Gebot der Stunde sei. Die Rohstoff, und Wirtschaftsfreiheit unserer gesamten Volkswirtschaft müsse durch den Einsatz aller geistigen, physischen und seelischen Kräfte erreicht werden. Es gelte dabei, mit den zur Verfügung stehenden Kräften sorgfältig haus- zuhalten. Das gleiche gelte für das vorhandene Material. Die erstrebte rationelle Betriebsführung solle in jeder Hinsicht vernünftig und in der Schau auf das Ganze ausgerichtet fein. Eine Rationali­sierung eines Betriebes an sich genüge nicht, viel­mehr müßten die volkswirtschaftlichen Belange be­rücksichtigt werden. Die Rationalisierung der deut­schen Wirtschaft muffe als eine Gemeinschaftsleistung aufgefaßt werden.

Im Hinblick auf die a r b e i t s w i r t s ch a f t- liche Rationalisierung betonte der Redner die Wichtigkeit der Lösung der Nachwuchsfrage, di« Notwendigkeiten der persönlichen Eignung, der Er­haltung des Leistungswillens des deutschen Arbei­ters, der Förderung der Betriebstreue ufw. Dar­über hinaus sei eine gute und sorgfältig erwogene Sozialpolitik im Betrieb auch immer die beste Wirt­schaftspolitik. .

Bei der Erörterung der technischen Rationa­lisierung forderte er zur Verbesserung der Herstel­lungsgänge heraus, die immer zweckmäßiger wer­den müßten, stellte veraltete Derarbeitungsgänge als Arbeitskraft- und materialverschwendend dar,

tert der Bäuerlichen Hauptgenossenschaft als Ver­treter der Flachsröste und di« Gutachter aus der praktischen Landwirtschaft bzw. von den 2andwirt- schaftsschulen als bäuerliche Vertreter kameradschaft- lief) zusammen. Nach den Schulungen ist damit zu rechnen, daß bei der diesjährigen Flachsabliese- rung jede einzelne von den Bauern eingelieferte Partie mit d-em größten Wohlwollen in di« Preis­klasse eingereiht werden wird, di« sie billigerweise verdient. Es ist erfreulich, daß schon einige größere Partien aus dem Gemeinschaftsanbau zu einem recht günstigen Preis zur Ablieferung kamen, der eine angemessene Vergütung für die aufgewandten Mühen brachte. Es ist zu hoffen, daß bei einiger­maßen befriedigender Entwicklung des Erntewet­ters auch der noch draußen stehend« Flachs gut ge­erntet und dann später auch befriedigend bezahlt wird.

wies auf die Notwendigkeit der Verringerung der Fertigungszeiten hin und betonte, daß auch in klei­nen und mittleren Betrieben eine vernünftige Ra­tionalisierung Platz greifen müsse. Ferner gelte es, wertvolle menschliche Arbeitskraft immer mehr nur für hochwertige Arbeit freizustellen und untergeord­nete Arbeit der Maschine zu überlassen.

Im Zusammenhang mit der Behandlung der betriebswirtschaftlichen Rationalisierung sprach der Redner eingehend über die Vereinheit­lichung und Ordnung des Rechnungswesens und seine mannigfachen Vorteile als Grundlage für eine gerecht« Preisgestaltung, als wertvolles Vergleichs- Mittel für die Leistungsfähigkeit der Betriebe unter­einander und für einen klaren Kosten- und Ge­winnausweis. Die neue Ordnung des Rechnungs­wesens diene einer Kosten- und Leistungskontrolle, die zur Herabsetzung von Gestehungskosten und da­mit zur Leistungssteigeruna führen könnte.

Schließlich beleuchtete der Redner noch die volkswirtschaftliche Seite der Rationali­sierung und betonte hier, daß die Rationalisierung durch den Dienst an der gesamten Volkswirtschaft ihren tieferen Sinn erhalte. Der Staat nehme hier die Wirtschaft in unabdingbare Pflichten. Der Staat gebe aber auch ein« Planung, die vom Unterneh­mer nicht als eine Krücke betrachten dürfe.

In klarer Gegenüberstellung kennzeichnete der Redner noch den grundsätzlichen Unterschied zwi­schen der Auffassung der kapitalistischen Wirtschafts­führung, die in dem Begriff derRente" sich er­schöpfe, und der nationalsozialistischen Wirtschafts­führung, di« von dem Begriff der Arbeit als Ethos ausgehe und die Arbeitskraft als den be­deutendsten Wert in den Vordergrund stelle.

Der Vortragende, der das gestellte Thema uni­versell in hohem Maß« allgemeinverständlich be­handelte, schloß seine Ausführungen mit dem Leit­satz:Di« deutsche Rationalisierung ist nicht Selbst- Meck, sie muß vielmehr der Erhaltung der Lebens­kraft, der Frecheit und Unabhängigkeit unseres Voltes dienstbar gemacht werden."

Der Vortrag wurde mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und mit dankbarem Beifall aufgenommen.

HI /Bann und Iungbann 116.

EgersahrtTellnehmer.

Heute, Mittwoch, Antteten sämtlicher Egerfahrt- Teilnehmer zum Kakaoabend im HJ.-Heim Gießen, Wilsonstrahe, um 19.30 Uhr.

Bund Deutscher Mädel.

VDM..werkgruppe 2ä/116.

Der Dienst für die Auslandkunde- und Literatur- schar beginnt am Donnerstag, 17. August, um 20.15 Uhr in der Schillerschule. Erscheinen ist auch diesmal für die Beurlaubten Pflicht.'

Morgen beginnt der Adolf-Hitler-Marsch.

NSG. Am Donnerstag, 17. August, begibt sich die Fahnenabordnung des Gebietes Hessen-Nassau der HI. auf den Marsch nach Nürnberg. Der Marschblock wird um 20.30 Uhr auf dem Parade- platz in Darmstadt verabschiedet. Am 18. August marschieren die Hitlerjungen nach Pfungstadt, wo am Grabe des ermordeten HJ.-Kameradkn Christian Crößmann eine Feierstunde statt- findet.

Heute Konzert in »Steins Garten".

Für das Konzert, das heute um 17 Uhr im ©arten des Stadthauses Bergstraße (Steins Garten) statt- findet und wiederum vom Mufikkorps der tflieger« Horst-Kommandantur unter Leitung von Musik- meister Pfarre ausgeführt wird, ist die nach, stehende Dortragsfolge vorgesehen:

1.Defiliermarsch", Heeresmarsch II, 50, von Faust 2. Ouvertüre zur OperDie schöne Galathee"

von Franz von^Suppe 3.Der verklungene Ton" von Sulivan

4.Ballett-Suite" in fünf Sätzen von Popy 5.3m schönen Tal der Isar", Walzer von Löhr 6.Deutsche Wacht", Marsch von Gauß.

Gießen-Wieseck.

Unsere Mitbürgerin, Frau Elisabethe Bi e rau, geb. Naumann, Kirchstraße, wird am heutigen Mittwoch, 16. August, 7 8 Jahre alt. Die Hoch- betagte erfreut sich noch aller körperlichen und geistigen Frische. (Wir beglückwünschen zum @e- burtstag!)

Oie Kröte Helfer im Garten.

Die Chemie hat eine Menge von Mitteln ge. schaffen, die uns in die Lage versetzen, Garten­schädlinge mit viel größerem Erfolg zu bekämpfen, als es in früheren Jahren möglich gewesen ist Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß es eine Anzahl Tiere gibt, die uns im Kamps gegen die Feinde unserer Kulturpflanzen auf das wirkungsvollste unterstützen. Zu ihnen gehört zweifellos die Erdkröte. Unverstand und Aberglauben haben bewirkt, baß fie auch heute noch von vielen Menschen als ein schäd­liches und giftiges Tier angesehen wird. Gewiß, eine Schönheit ift das erdfarbene, plump gebaute Tier mit feinen warzigen Hautdrüsen nicht, dafür aber .einer der besten Helfer im Kampf gegen vielerlei Gartenschädlinge.

Tagsüber hält sie sich unter krautartigen Pflanzen, in Erdlöchern, Mauerwerk und ähnlichen Schlupf­winkeln verborgen, um erst zu Beginn der Abend­dämmerung auf Nahrungssuche auszugehen. Alles kriechende Getier wird von ihr angenommen, so Schnecken. Asseln, nächtliche Käfer, Erdraupen und Tausendfüßler. Besonders reiche Beute findet sie nach warmen Regentagen, wenn die Schnecken in Scharen durch die Feuchtigkeit aus ihren Verstecken hervor- gelockt werden. Kein Wunder, wenn die schwerfällig hüpfende Kröte diesem reichgedeckten Tisch, wie ihn der Garten darstellt, treu bleibt und keine weiteren Streifzüge in die Umgebung unternimmt. Deshalb ist es durchaus angebracht, im Freien gefundene Kröten mit heimzunehmen und im Garten ungestört leben zu lassen. Eine Tatsache, die sich auch der Gärtner zunutze macht, wenn er Gewächshäuser, die zur Schädlingsbekämpfung nicht begast ober beräum chert werden können, mit Kröten beseht, um so wenigstens eine Art biologischer Bekämpfung durch­fuhren zu können.

Im Herbst verkriechen sich die Kröten in die Erde und halten hier ihren Winterschlaf, bis sie im Vor- frühling zu neuem Leben erwachen. Dann beginnt die Paarungszeit. Kröten erreichen ein für ihre Größe erstaunlich hohes Alter bis zu etwa 20 Jah­ren. Dank ihrer Gefräßigkeit werden sie oft sehr groß undumfangreich".

Genehmigunaspflicht für Fischerei-Pachtverträge.

NSG. Noch der im Jahre 1937 in Kraft g-> tretenen neugefaßten Grundstücksverkehrsbekannt-

Deutsche Rationalisierung als Mittel der Leistungssteigerung.

Ich bin Sebastian Ott."

Wiedereröffnung des Lichtspielhauses.

Das Lichtspielhaus hat gestern nach der Sommer­pause seine neue Spielzeit eröffnet. Auf dem Pro­gramm steht der neue Film von Willi F o r st; es ist der erste eigentliche Kriminalfilm, den Forst gemacht hat, und der gräßliche Autoabsturz, mit dem der Bildstreifen einsetzt, und der erbitterte Kampf zweier Männer, mit dem er endet, sind so hand­feste Kino - Effekte, wie sie sich der aufregendste Kriminalreißer aus Amerika nicht schöner aus­denken und auch nicht besser machen könnte.

Aber um dergleichen zu sehen, brauchte man einen Mann wie Forst nicht zu bemühen, und ihm kam es allerdings, wie man bald gewahr wird, auf ganz andere Wirkungen an. Jene beiden Szenen find nur Ausgangs- und Endpunkt einer mit mathema­tischer Exaktheit berechneten, ineinander verschlunge­nen und wieder gelösten Handlungskette: zwischen beiden entfalten sich die sehr viel feineren Sen­sationen, ergeben sich Wirkungen, die über die groben Effekte im Bilde eines sich überschlagenden Wagens ober zweier auf Tob unb Leben miteinander rin­genden Männer beträchtlich hinausgehen.

Wenn der Zuschauer sich klarmacht, daß die beiden Männer, von denen zuletzt einer tot am Boden liegt, zwar in der Handlung zwei verschie­dene innerlich unendlich verschiedene, äußerlich zum Verwechseln ähnliche Menschen sind, vor der Kamera indessen von einem Schauspieler, F o r st selber nämlich, bargestellt werben, so wird er finben, daß die moderne Filmkamera wahrhaftig etwas Zauberhaftes vermag und etwas mehr auf die Leinwand bringt, als den Jahrmarktscherz des Mannes, der mit sich selber ringt.

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Ach, Zauber, wird der erfahrene und aufgeklärte Filmbesucher jetzt vielleicht sagen: gar kein Zauber, alles Trick, das gibt es, das kennt man; er wird, wenn er sehr genau Bescheid weiß, vielleicht sogar die technischen Hilfsmittel aufzählen können, deren man sich bei solchen Ausnahmen bedient, das ab­gedeckte Objektiv, die neutrale Trennlinie, den ver­dunkelten Hintergrund aber was wäre damit ge­wonnen: auf die Wirkung kommt es an; sie kann künstlerisch sein, und sie kann unkünstlerisch sein und gestellt. Hier ist sie künstlerisch. Doppelrollen im Film, Doppelgänger- und Verwandlungsrollen hat es schon früher gegeben; diese hier sind die vollkommensten, die wir bisher gesehen haben. Es gibt da wirklich Szenen, die unheimlich sind und

in einem tieferen Sinne (als ihn die übliche Trick- Aufnahme haben könnte) zauberhaft. Die Arbeit, die der Bildtechniker Carl Hoffmann und der Kameramann Carl Löb hier geleistet haben, ift sauberste Präzisionsarbeit, in der sehr viel mehr Erfahrung, Fleiß, Geduld und künstlerisches Emp­finden steckt, als der durchschnittliche Kinobesucher abzuschätzen und zu würdigen vermöchte.

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Und dann ist da der Spielleiter und Schauspieler F 0 r ft : er vereinigt drei Funktionen in sich, die für den Eindruck des Films entscheidend sind und die 'üblicherweise auf drei verschiedene Persönlich­keiten verteilt werden; er führt nicht nur Regie, son­dern er spielt auch die beiden Hauptrollen in einer Person; er ist der Kunsthändler Dr. Sebastian Ott und ist dessen Zwillingsbruder Ludwig Ott; was es mit beiden auf sich hat, mit ihrer äußeren Aehn- lichkeit und ihrer inneren Verschiedenheit, wurde schon angedeutet. Das Motiv der feindlichen Brüder ist, wie an zahlreichen Beispielen zu belegen wäre, nicht neu; auch nicht das des Zwillingsschicksals, aber da entstand der literarischen Auswertung des Motivs immer eine feine Grenze, eine Schwierig­keit, die entweder gar nicht ober nur unzulänglich zu überroinben war. Eine Reihe von Szenen, wie sie hier gezeigt werben, würbe in einer anderen Form, als sie der Film zustande bringt, unmöglich fein, unglaubhaft, gestellt ober glatte Kolportage. Der Film überwindet ober überspringt biefe Schwie­rigkeiten, er kann, nicht immer, aber manchmal, wirklich zaubern.

Ein Mensch steht sich selbst gegenüber, sieht sich ins Gesicht, beugt sich über sich, spricht mit sich leib­haftig und entwertet sich, er wandelt und vertauscht sich vollends: Sebastian wird Ludwig, Ludwig wird Sebastian, sie gehen ineinander über so sehr, baß der Zuschauer manchmal Mühe hat, sie auseinander» zukennen, und die Verwirrung begreift, bi« ein so unheimlicher Gestaltwandel bewirkt. Denn nicht allein werben hier zwei Gesichter, zwei Gestalten, zwei Namen vertauscht, sondern mit Gesicht, Gestalt und Namen auch bi« dazugehörigen ßebensfreife und Schicksale. Daß diese Lebenskreise nichts mit­einander gemein haben, daß die Schicksale unb Charaktere einander so fremd unb feindlich sind wie Feuer unb Wasser, das macht über den an sich interessanten und in manchen Zügen sogar aktuellen Fall hinaus diesen Film zu einem merkwürdig erregenden Erlebnis.

Die Idee dazu wurde durch einen sensationellen Bilberschwindel angeregt, und dieses Bilder-Motiv wurde in die einander verwirrend überschneidende

Geschichte der Zwillingsbrüder übernommen. Der eine rst ein Kunsthändler und Experte von europäi­schem Rang und Ruf, der andere ein Verbrecher von nicht geringerem Format was geschieht, wenn eines Tages der eine an der Stell« des an­dern steht und jedermann von der Echtheit der beiden überzeugt ist?

Das zu entwickeln, rst nicht Aufgabe dieses Be­richtes. Das tut der Film, und der Besucher mag es auf sich wirken lassen. In einem Gespräch ganz zuletzt heißt es, gutmütig-spöttisch und gleichsam nebenbei:Hat jemand noch eine Frage?" Es ist anzunehmen, daß auch der Zuschauer im stillen verneint, unb eine solche Verneinung bebeutet, wie uns scheint, ein« hohe Anerkennung für den Regis­seur Forst: sie kennzeichnet di« Präzisionsarbeit, die er (ebenso wie sein« technischen Helfer) geleistet hat; die beiden Handlungen greifen mit einer ver­blüffenden Folgerichtigkeit ineinander unb über­schneiden einander mH einer bestürzenden Selbst- Verständlichkeit. Die Rechnung des Figurentausches scheint wirklich mit erschreckender Restlosigkeit auf­zugehen. Außerdem wirb man finden, daß Forst auch hier wieder meisterlich beherrscht, was die besten seiner früheren Filme so unverwechselbar macht: die Schaffung einer eigentümlichen Atmo­sphäre, der bestimmten Lokalfarben, unb da man sich vor allem in Men und in Prag befindet, so war er hier noch selbstverständlicher zu Hause als im Paris besBel ami; man beachte in diesem Zusammenhang auch ein paar Nebenfiguren wie ben Kriminalrat in Prag (Alfred Neugebauer) ober das Faktotum in der Wiener Galerie (Eduard Köck.)

Noch eine Frage? Im unmittelbaren Zusammen­hang mit dem Handlungsablauf wohl keine; viel­leicht steigen später, auf dem Heimwege, in größe­ren Zusammenhängen welche auf. Eine stellt viel­leicht die moderne Zwillingsforschung, eine andere könnte sich an die Gestalt der Frau richten, die beide Brüder lieben, während sie nur einen liebt. Sie heißt Erika und wird von Trübe Marlen gespielt, sehr glaubhaft in ihrer Angst unb in der Verwirrung bes Gefühls ... eine andere, moderne Alkmene. Die schwierigste unb auch bestechendste Aufgabe hat sich Forst selber vorbehalten: er ist Sebastian und Ludwig zugleich; man begreift, wie der ungemein komödiantisch« Reiz der Verwandlung und des Doppel-Spieles ihn gefangen genommen haben muß. Er treibt es so weit, daß auf Augen­blicke auch der Zuschauer ins Wanken gerät und zweifelhaft wird; dennoch gelingt dem Darsteller,

mit sparsamsten, aber höchst markanten Mitteln, nach vollzogener Verwandlung die kleinen, untrüg­lichen Unterscheidungsmerkmale anzubringen, an denen die Charaktere kenntlich unb der Figuren- tausch durchschaubar werden.

In dem sehr geschickt besetzten übrigen Ensernbü zeichnen sich des weiteren Paul Hörbiger um Otto Treßler aus, zwei äußerst aufgeräumte, joviale, ältere Herren aus Men, ferner Gustav Dießl, der aus dem heruntergekommenen Maler Strobl eine pathologisch belichtete Charakterstubie macht. Das Buch schrieben Eberharb Kein« dorff und Axel Eggebreckt. Viktor Becker führte neben Forst Regie. (Bavaria.)

Im Beiprogramm sieht man zwei Kulturfilme, die vonWild und Weidwerk" und vom Fernlasi' wagenverkehr der Reichsbahn handeln.

Segelschiff unb Eisberg.

Die Eisberggefahr ist in diesem Jahre auf W Atlantischen Ozean besonders groß, gewaltige w selber treiben vom Norden her vor der Küste W" Neufundland. Eine Reihe von Schiffen geriet NJ reits in höchste Gefahr des Zusammenstoßes. JJJ England traf der DampferDucheß of Bedjoro mit 34 Geretteten von der französischen Schonerda Ben Hur" ein, die 250 Kilometer östlich von MU funblanb einen Zusammenstoß mit einem E^ver» hatte, bei bem bas Segelschiff zugrunde ging * war wegen der Eisgefahr vom Kurse nach ^uoe abgewichen unb geriet bann bei langsamer Fay im Nebel in ein Eisfeld, als plötzlich die Umrj eines Rieseneisbergs, der sich über 60 Meter fl bem Meere erhob, vor ihm auftauchten, auf o bas Schiff auffuhr. Der Bug würbe vollständig ei gebrückt, unb ber Vorbermast stürzte auf Deck her Durch ein großes Leck branqen Wassermassen bas Schiff, unb bie Mannschaft mußte zweieiny Tage mit aller Kraft an ben Pumpen arbeiten u es über Wasser zu halten. Drahtlose Telegraph war nicht an Bord, so baß es zunächst nicht ' Hilfe herbeizurufen. Zwei Schiffe fuhren ooru - ohne bas Wrack zu bemerken; schließlich sichtete Ducheß of Bebforb" bie Bark und nahm Mannschaft an Borb, als sie alle Hoffnung ' aufgegeben halt«. Als sie benBen Hur vsn d setzte sie die Bark in Branb, um zu verhinv ' baß sie noch länger im Wasser treiben und jo schwere Gefahr für andere Schiffe werden fönn