Ausgabe 
16.8.1939
 
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Corrida in Madrid.

Bericht eines Zuschauers beim spanischen Stierkampf.

Don Peter Bamm.

schleuderter Felsblock, loszusprinaen. Immer ist die Richtung seines Angriffs vollkommen gradlinig. Darin liegt die Chance der Kämpfer, im Ausweichen mit äußerster Kühnheit die äußerste Geschicklichkeit zu zeigen. Jeder Angriff des Stiers fuhrt handbreit am Tode eines Menschen vorbei.

Die Männer mit den bunten Tüchern verlocken den Stier zum Angriff auf die berittenen Lanzen- träaer, die Picadores. Die Picadores nehmen häufig den Ansturm des Stieres direkt an. Sie bohren ihm die Lanze in den Nacken, und häufig genug rollert sie dabei in den Sand.

Der Stier beginnt von den Lanzenstichen zu bluten. Aber seine Kraft und seine Wut scheinen un­erschöpflich. Jetzt nämlich versuchen d'.e Banderille- ros, seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie halten spitze, mit Widerhaken versehene oben mit Bändern geschmückte Stäbe in der Hand, in jeder Hand einen. Diese Stäbe haben sie dem Stier in den Nacken zu stoßen. Mit kurzen Staccatobewegungen suchen sie ihn auf sich zu lenken. Zuweilen bleiben ie stehen, bis der Stier heran ist, um im letzten Augenblick zuzustoßen und sich mit einer unbeschreib­lich schnellen Bewegung seitab zu drehen, so daß der Stier an ihnen vorbeirast. Oder sie nähern sich dem stehenden Stier von vorn mit tänzelnden Schritten, um dann die letzten zehn Meter auf ihn zuzulaufen und, die Banderillas in seinen Nacken stoßend und gleichzeitig als Stütze verwendend, eine halbe Flanke über sein Horn hinwegzumachen. Diese Bewegung geschieht mit einer Grazie und Leichtig­keit, die verblüffend ist. Unendliche Feinheiten wer­den dabei unterschieden und von den Kennern be­wundert und beklatscht.

Wenn der Stier drei Paar Banderillas im Nacken hat, gibt der Präsident das Zeichen zur Suerte de Mater. Der blutende, äußerst gereizte Stier steht nunmehr allein dem Espada gegenüber, der nichts mehr hat als seine Kühnheit und seinen Degen. Der Stier ist schwerfälliger geworden. Die Vergeblichkeit seiner Angriffe hat ihn verwirrt gemacht. Mit dem scharlachroten Tuche lockt ihn der Espada. Der Stier

vom Pferd aus mit der Lanze erlegen Auf den Steinstufen drängt sich das Volk, aus dessen Rechen heute die Toreros stammen ,

Unten in der Arena stehen sie, die yroßen Ak­teure der Gefahr, die Schauspieler der Kühnheit, mit ihren merkwürdig kurzen Zöpfen, die em Abzeichen ihres Standes find.

Plötzlich wird es still. Aus einem dunklen Tor m der Holzbalustrade, die die Arena umgibt, kommt der Stier herausgeschossen. Geblendet bleibt er tn der grellen Sonne stehen, schnaufend, zitternd vor Erregung, die Flanken schlagend, schwarz, drohend, die Hufe in den Sand gestemmt, ein wie von einem Gott gebanntes Monument ungeheuerlicher Kraft und ungeheuerlicher Lebendigkeit.

Altes, heiliges, mediterranes Tier! Reittier der Götter und vornehmstes Opfer zugleich! Auf Stieren sitzen in archaischer Zeit die Göttinnen der Frucht­barkeit. In einen Stier verwandelte sich Zeus, als er Europa entführte. Auf der Nike^Baluftrade in Athen reitet die Göttin des Sieges auf einem Stier. Freilich schon immer auch war er ein Tier des Kampfes. Am alten Athenetempel auf der Akropolis ist, in Stein gehauen, dargestellt der berühmte Kampf zwischen dem Stier und dem Löwen, in dem der Stier den Löwen tötet.

Hier und heute freilich ist kein Sieg ihm ge­schieden. Die Weide wird er nicht mehr sehen. Die­ses ungeheuerliche, berstende, zitternde Leben ist dem Tode geweiht. Mit der Suerte de picar beginnt der Kampf. ,

Die Capeadores mit ihren bunten Tüchern reizen den Stier. Gesenkten Hauptes mustert er seine Feinde. Immer scheint er lange zu zögern, um dann mit unvermuteter Schnelligkeit, wie ein vorwartsge-

(Nachdruck verboten.)

Wer etwas tut, weil es gefährlich ist, ist kühn. Tapfer ist, wer etwas tut, obgleich es gefährlich ist. Kühnheit hat eine obere Grenze, jenseits derer sie zur Tollkühnheit wird. Die Grenze wird bestimmt durch die Angemessenheit des Risikos. Tolltapser kann man nicht sein. Kühnheit ist eine Eigenschaft, die dem Menschen gegeben ist wie Stolz oder Schön­heit. Tapfer kann man werden. Sogar der Feige kann tapfer werden. Aber kühn kann der Feige nie­mals werden. e .

Die Bewunderung für Tapferkeit ist eine mora­lische Bewunderung. Die Bewunderung für Kühn­heit ist eine ästhetische Bewunderung. Das Turnier ist das Schauspiel der Gefahr, das Schauspiel der Kühnheit. Das letzte Turnier, das in Europa noch gespielt wird, ist die Corrida, der spanische Stier­kampf. ... , , ,

Die Überlieferung ist uralt. Stterkampfe hat es schon in Kreta gegeben in der ersten spätminoischen Epoche. Und die Regeln scheinen damals ungefähr dieselben gewesen zu sein, wie heute. Im vatikani­schen Museum ist uns eine Darstellung erhalten, bei der der Kämpfer den Stier hei den Hörnern packt und sich in einer großartigen Kurve über ihn hinwegschwingt, wie es ähnlich die Banderilleros noch heute tun. Der Lärm des Südens füllt die Arena bis zum Rand. Die Nachmittagssonne fallt schräg herein. Obgleich wir im Schatten sitzen, ist es drückend heiß. Die Luft ist voll eines gelben Dunstes, den man zu schmecken meint. Eine Kapelle spielt. Madrid feiert den Frieden. In den Logen sieht man die schönen Frauen Spaniens deren Ahnen einst den Stierkampf als ritterliches Borrecht betrieben. Damals mußte der Caballero den Stier

zögert länger, aber nur, um dann um so furchter« lieber sich in Bewegung zu setzen. Der Espada schwingt das Tuch zur Seite, und das Horn des Stiers scheint seine Brust zu streifen.

Dieses Spiel wiederholt sich viele Male mit un« zähligen Abstufungen der Feinheit und der Kühn­heit. Die Spannung wächst ins Ungeheure. Zwischen der Kraft und Fürchterlichkeit des wilden, blutenden Tieres und der Grazie und Kühnheit des Espada spielt der Kampf sich ab. Schließlich wirft er das Tuch weg, faßt den Degen, tritt vor den Stier hm und mit einer letzten, leichten Bewegung sticht er ihm die Klinge von oben ins Herz.

Die Kraft des Stieres ist so gewaltig, daß es lange, lange dauert, bis der Stoß seine Wirkung tut. Fester stemmt der Stier sich in den Sand, tiefer senkt er den Kopf, unerschütterlich scheint dieser Fels des Lebens. Dann bricht er, wie von einem unsichtbaren Blitz getroffen, krachend zusammen, so gewaltig in feinem Tode wie er im Leben war.

Die ungeheure Spannung löst sich in einen unge­heuren Jubel. Hunderte von Kissen fliegen in die Arena. Der Espada geht den Kreis der Arena ab. grüßt, winkt, wirft die Kissen zurück, genießt den Sieg, die Sonne, das Leben, den Ruhm seiner Kühnheit, während der tote Stier von einem Maul- tiergespann durch den Sand der Arena hinausge« schleift wird. , .

Man sinkt, erschöpft von der Erregung, auf seinen Steinsitz nieder. Es ist grausam, mit dem Tode zu spielen. Aber es ist kühn, mit dem Leben zu spielen. Der Mensch hat solche Spiele seit den Zeiten der alten Götter immer geliebt.

Und während wir noch nachdenken über diese fremde, archaische Welt, über das Spiel und den Menschen und die Welt und den Tod, hat sich das dunkle Tor aufs neue geöffnet, und in der grellen Sonne steht, schnaufend, zitternd vor Erregung, die Flanken schlagend, schwarz, drohend, die Hufe in den Sand gestemmt, ein neuer Stier in der Arena, ein neues Monument, vom Gotte gebannt, und das Spiel zwischen Leben und Tod beginnt aufs neue.

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