Wirtschaft.
Es gibt wieder mehr Indianer.
Wechselndes Schicksal des roten Mannes in Amerika.
Rhein-Mainifche Börse.
Mittagsbörse sehr still.
Frankfurt a. TI., 15. Juni. An der Börse herrschte nahezu völlige Geschäftsstille. Auch das bisher lebhafte Geschäft in Steuergutscheinen hat nachgelassen. Es fehlte allgemein an Kundschafts- austrägen.
Am Aktienmarkt setzten sich noch kleine Abgaben fort, so daß bei der Enge der Märkte meist weitere mäßige Rückgänge vorlagen. Im allgemeinen betrugen sie nur Bruchteile eines Prozentes. Etwas mehr gedrückt waren Lahmeyer auf 107,90 (109). IG.-Farben bröckelten auf 150,50 (151), Bereinigte Stahl auf 101,13 (101,50), Daimler auf 122 (122,50), Conti Gummi auf 212,50 (213) und Hoesch auf 108,90 (109) ab. Behauptet lagen AEG. mit 114,75 und Adlerwerke mit 100,50. Holzmann nannte man bei 7,2 v. H. Dividendenabgang mit 149 (154), also relativ fest.
Am Rentenmarkt wurden zunächst nur Reichsaltbesitz mit 131,75 (131,65) notiert. In Steuergutscheinen sollen vorbörslich noch große Umsätze stattgefunden haben, während an der Börse selbst ziemliche Ruhe herrschte. Serie I. gingen mit 102,45 bis 102,40 (102,50) und Serie II. Mit 98,50 bis 98,45 (98,40) um. Bon Industrie-Obligationen waren 5 v. H. Eisenbahn-Bank Ffm. weiter befestigt ouf 91 (90,65), dagegen 6 v. H. IG.-Farben 123,75 (124,25). Stadtanleihen und Pfandbriefe behauptet, ebenso Staats- und Länderanleihen.
Der Freiverkehr war geschäftslos. Tagesgeld nnw. 3. v. H.
Abendbörse sehr ruhig.
Infolge der fortbestehenden Zurückhaltung und Les Mangels an geeigneten Anregungen nahm auch die Abendbörse einen sehr ruhigen Verlauf, wobei die meisten Kurse unverändert blieben. Gelegentliche, meist nominelle Abweichungen betrugen nicht mehr
Das Getreidewirtschaftsjahr nähert sich auch in Hessen-Nassau seinem Abschluß. Die Ablieferungen haben meist das Soll beträchtlich überschritten. Die Lockerung der Einlagerungspflicht bei den Mühlen und die Zuweisungen durch die RtG. an diese machen es schwierig, die kleinen Restanlieferungen bei Weizen und Roggen im Gebiet unterzubringen. Kuttergetreide wird kaum mehr gehandelt. Nur Hairer steht noch genügend zur Verfügung, einwandfreie Qualität wird in beschränktem Umfang abge- lomrnen.
Die Lieferungen von Weizenmehl werden fristgemäß und ausreichend erledigt. Ostdeutsches Rog- genmehl ist sehr schwer zu verkaufen, dagegen werden die hiesigen Herkünfte gerne verwendet.
Die Anlieferung von Erdbeeren und Kirschen an Die Rhein-Main-Bezirksabgabestellen nimmt lang- am zu. Der Obsthunger aller Verbraucher ist groß, o daß auch in der Vollernte mit reibungslosem Ab- > atz zu rechnen ist. An den Großmärkten waren Apfelsinen und Bananen vertreten. Als Obst dient nach wie vor Rhabarber, der überall gerne gekauft wird. Auf dem Gemüsemarkt wird Spinat bereits weniger, dafür setzt die Hauptzufuhr von Kopfsalat ►•in. Außerdem sind ansehnliche Mengen von Kohl- - äbi, Fruhkohl und Möhren vorhanden. Die Spar- zelernte fällt reichlich aus, die Marktordnung sorgt -ür eine gerechte Belieferung von Frischmarkt und Industrie, wobei auch der Erzeuger mit angemessenen Erlösen rechnen kann. Die Abladungen von
als 0,25 bis 0,50 v. H. Knapp gehalten waren u. a. IG.-Farben mit 150,25 (150,65), Metallgesellschaft mit 112,75 (113), Adlerwerke mit 100,25 (100,50), Rheinstahl mit 133,65 (133,75), und Nordd. Lloyd mit 49,90 (50,75). Andererseits gelangten Stahlverein mit 101,25 (101,13), AEG. mit 115 (114,75), ,Schuckert mit 177,75 (177,50) und Gesfürel mit 133 (132,50), ferner u. a. Buderus mit 91, Mannesmann mit 105,50, BMW. mit 134, Bemberg mit 127,50, Scheideanstalt mit 202,25, Hapag mit 49 und VDM. mit 168 zur Notiz. Von Renten blieben 6 v. H. IG.-Farben mit 123,75 unverändert, ebenso Reichsbahn-VA. mit 122,13. Steuergutscheine I. bröckelten bei kleinem Angebot bis auf 102,35 ab, während Serie II. per Juni und Juli mit 98,35 bis 98,40 behauptet lagen, ebenso Kommunal-Umschuldung mit 93,70.
Frankfurter Schlachtviehmarkt.
Frankfurt a. M., 15. Juni. Auftrieb: Rinder 935 (gegen 1130 am 8. Juni), darunter 137 (178) Ochsen, 1H3 (211) Bullen, 438 (504) Kühe, 197 (237) Färsen. Kälber 480 (372), Schafe 24 (29), Schweine 670 (857). Notiert wurden je 50 Kilogramm Lebendgewicht im RM.: Ochsen a) 45,50 bis 46,50 (44,50 bis 46,50), b) 40,50 bis 42,50 (40 bis 42,50), c) 37,50 (36,50). Bullen a) 43 bis 44,50 (43 bis 44,50), b) 40,50 (38 bis 40,50), c) 35,50 (35,50). Kühe a) 41,50 bis 44,50 (42,50 bis 44,50), b) 39 bis 40,50 (38,50 bis 40,50), c) 30 bis 34,50 (30 bis 34,50), d) 23 bis 25 (22 bis 25). Färsen a) 44 bis 45,50 (44 bis 45,50), b) 41 bis 41,50 (41,50), c) 35,50 bis 36,50 (34,50 bis 36,50). Kälber a) 63 bis 65 (63 bis 65), b) 55 bis 59 (55 bis 59), c) 46 bis 50 (49 bis 50), d) 30 bis 40 (40). Hämmel nicht notiert. Schafe a) 40 bis 42 (42), b) 36 bis 39 (36 bis 39, c) 27 bis 28 (32). Schweine a) 59 (59), bl) 58 (58), b2) 57 (57), c) 53 (53), d) 50 (50). Sauen gl) 58 (58). Marktverlauf: Großvieh, Kälber und Schweine zugeteilt, Schafe Mittel.
ausländischen Gemüsen, voran Tomaten, sind nicht sehr bedeutend.
Wie zu erwarten war, sind die Rinderzufuhren kleiner geworden, so daß eine Zuteilung an die Äer- arbeiter zum Kontingentsatz von knapp 80 v. H. erreicht wird. In Darmstadt kamen auch Gefrierrinder zur Ausgabe. Günstiger war die Versorgung in Kälbern, wo auf mehreren Märkten die Ansprüche voll befriedigt wurden. Mit Schweinen wurden die Märkte gut beliefert, so daß ohne Ausnahme die Metzger ihre Anforderungen voll erhielten. Schafe waren in nennenswerter Anzahl nur in Frankfurt und Darmstadt aufgetrieben. Das Fleifchgeschäst in den Läden war während der Junihitze schwächer, nur Wurstwaren wurden lebhaft angefordert.
Die Milcherzeugung hat unter der sommerlichen Wärme stellenweise einen kleinen Rückgang erfahren, während der Trinkmilchverbrauch gestiegen ist. Da dieser voll besriedigt wurde, mußte vielfach eine Kürzung der Verarbeitung eintreten. Aus den Ueber- schüssen von Hessen-Nassau und besonders Kurhessen wurden in der letzten Zeit größere Kühlvorräte an Butter eingelegt. Der Käsemarkt verlief ziemlich lebhaft, neben Weichkäse werden jetzt wieder stärker Hart- und Schmelzkäse angefordert, auch Quark- und Sauermilchkäse sind gerne gekauft worden.
In der Ei erwirtschaft kommt jetzt die schwierige Sommerzeit, wo die Legetätigkeit der Hühner zu- rückgeht. Die Erhöhung der Eierpreise läßt aber eine bessere Anlieferung erwarten._________________
Die rote Urbevölkerung Amerikas ist von den weißen Eroberern fast ausgerottet worden. Die Ueberreste leben in Reservatgebieten, und wir habtn im allgemeinen die Vorstellung, daß sie dem Aussterben geweiht sind. Bis vor wenigen Jahren schien diese Annahme auch der Wirklichkeit zu entsprechen. Es ist daher äußerst interessant, daß nach den neuesten Statistiken die indianische Bevölkerung der Bereinigten Staaten wieder im Z u - nehmen begriffen ist und auch der indianische Landbesitz wieder wächst. Einige Zahlen mögen diese Entwicklung der roten Rasse veranschaulichen:
Man schätzt, daß die Bevölkerung der heutigen Vereinigten Staaten zur Zeit, als Kolumbus landete, 846 000 Indianer betrug. Um 1900 waren es 270 000 Indianer, wahrscheinlich aber sogar einmal noch weniger. Heute leben in den Vereinigten Staaten 342 000 Indianer, dazu kommen noch 30 000 Indianer und Eskimos in Alaska. Von diesen 342 000 sind ungefähr die Hälfte reinblütige Indianer, die übrigen in verschiedenen Abstufungen mit Weißen und, bei wenigen Stämmen, mit Negern gemischt. Es gibt über 200 einzelne Stämme, die in 27 Staaten leben, die meisten westlich des Mississippi, und zwar auf Land, das ihnen von der Regierung zu ihrem Gebrauch übergeben worden ist. Der Zuwachs an Land hält mit der Zunahme der indianischen Bevölkerung nicht Schritt, und es erweist sich auch als schwierig, den Rothäuten jetzt mehr Land zu schaffen, da alle dahin zielenden Maßnahmen mit anderen, wohlerworbenen Eigentumsrechten in Konflikt kommen. Das indianische Territorium betrug 1933 nicht ganz 20 Millionen Hektar und war 1937 auf etwas über 21 Millionen Hektar angewachsen.
Das Sinken der Bevölkerungsziffern der Roten hielt bis Ende des vorigen Jahrhunderts an, von da ab ift .eine langsame Aufwärtsbeweaung festzustellen, die jedoch erst in den letzten Jahren eine deutliche Beschleunigung erfahren hat. lieber die Ursachen des Niedergangs sagt das „Handbuch der amerikanischen Indianer nördlich von Mexiko": „Die wichtigsten Ursachen der Bevölkerungsabnahme können nach der Reihenfolge ihrer Bedeutung folgendermaßen eingeteilt werden: Pocken und andere Seuchen, Tuberkulose, Geschlechtskrankheiten, Alkohol und andere Ausschweifungen, Verdrängung von ihren Wohnsitzen und in der Folge Hungersnöte und Unterwerfung unter ungewohnte Lebensbedingungen, geringe Vitalität durch geistige Depression, Kriege. In der Reihe dieser Ursachen sind alle außer Kriegen und Tuberkulose von den Weißen gekommen, und auch die vermehrte Sterblichkeit durch Tuberkulose war durch Umstände veranlaßt, die mit dem Erscheinen der Weißen zusammenhingen. Pockenepidemien haben wiederholt weite Landstrecken heimgesucht und die Bevölkerung der von ihnen erfaßten Gebiete oft auf die Hälfte verringert.
In Kalifornien ist der ungeheure Rückgang von ungefähr 250 000 auf weniger als 20 000 hauptsächlich durch die Grausamkeiten und die Massenabschlachtungen der ersten Ansiedler und Goldgräber verschuldet. Die fast vollständige Ausrottung der Meuten in Alaska muß denselben Ursachen während der frühesten russischen Zeit zugeschrieben werden. Kriege haben die Zahl der Indianer am wenigsten vermindert. Die Stämme waren ständig auf dem Kriegspfad gegeneinander, so daß das Gleichgewicht zwischen ihnen ungefähr erhalten blieb, bis, wie es bei den Irokesen der Fall war, der Erwerb von Feuerwaffen einem Stamm ein ungeheures Uebergewicht über feine Nachbarn gab. Unter den
Kriegen waren am verheerendsten für die Indianer die in Virginia und Süd-Neuengland, die Ueberfälle der Ansiedler von Carolina und ihrer wilden 23er« bündeten auf die Missionen von Florida, die Kriege der Natchez und der Fox-Indianer mit den Franzosen und der Krieg, den über 3Q Jahre hindurch die Irokesen allen ihren benachbarten Stämmen aufzwangen ..."
Aber auch nach dem Zeitalter der gewaltsamen Ausrottung kam der Rückgang der roten Bevölke«. rung nicht zum Stillstand. Die Politik der Regierung arbeitete mit dem Ziel, die Indianer zü „amerikanisiere n". Jede Selbstregierung der Stämme wurde ignoriert ober untergraben, gemeinsamer Landbesitz aufgelöst, alte Bräuche und alter Glaube unterdrückt, Kunst und Dichtung der Eingeborenen entmutigt, indianisches Familienleben durch die Einrichtung der Regierungs-Erziehungsheime fast zerstört. Unter dem Druck dieser Politik waren die Indianer auf b e m Wege des Aus- sterbens. Schon 1862 erhaben sich Stimmen
Die Slnderlandverschickung braucht Pflegeslellen für unsere Jugend!
gegen diese Unterdrückung, und Präsident Lincoln erklärte: „Wenn wir durch diesen Krieg kommen und ich lebe, so soll das indianische System geändert werden." Aber Jahrzehnte hindurch haben die Freunde der Indianer und die indianischen Führer selbst vergeblich eine Reform gefordert. Tatsächlich ist von 1887 bis 1933 den Indianern ständig Land geraubt worden.
Einer der heftigsten Gegner des amerikanischen „Indian Office" ist seit etwa 1920 John Collier gewesen, bis er 1934 selbst an die Spitze dieser Behörde berufen wurde. Seitdem hat die amerikanische Politik gegenüber den Indianern eine völlige Wandlung erfahren. Die Landverluste haben aufgehört, man versucht im Gegenteil den Indianern mehr Land zu verschaffen und räumt den Stämmen und Gemeinden Kredite ein. Indianische Selbstverwaltung wird wieder hergestellt, indianische Sprache, Sitten, Kunst, kultische Bräuche,' Ueberlieferungen gefördert. Durch Steigerung der Gesundheitspflege, Bau von neuen Krankenhäusern ober Vergrößerung und Modernisierung der vorhandenen ist die Sterblichkeitsziffer der Roten auf 13,7 je 1000 herabgedrückt worden (der Durchschnitt in den Vereinigten Staaten betrug 1936: 11,5). Viele Erziehungsheime sind geschlossen ober verkleinert, dagegen 74 neue Gemeinde-Tagesschulen eröffnet, die von 5000 Kindern besucht werden, während 6340 weitere indianische Kinder die allemeinen öffentlichen Schulen besuchen. Handwerkskammern sind gegründet, um das eingeborene Handwerk zu pflegen und ihm Absatzmärkte zu eröffnen. Auch die Zahl der indianischen Beamten im öffentlichen Dienst hat sehr zugenommen. So waren in Washington 1933 im ganzen 11 Indianer angestellt, 1937 waren es 83. Natürlich finden diese neuen Maßnahmen im Lande selbst zum Teil sehr starke Kritik. Sie sind auch noch zu jung, um ein abschließendes Urteil zuzulassen. Man muß die weiteren Ergebnisse abwarten und zusehen, wie Amerika mit dem „indianischen Problem" in dem sich die Sünden der Vergangenheit verkörpern, fertig wird. C. K.
Der landwirtschaftliche Marktbeobachter.
Cinfllann roic taufenö anötre
Roman von Konraö Trani
'Copyright bg Carl Ouncker Verlag, SeHfnWjS
17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Er bezahlte mir eine Reise nach Englmü), die ich für ihn unternahm. Und da er gegen feine Gewohnheit W großzügig war, ist mir davon Geld übrig geblieben. Bevor ich hierher kam, hat er mir weitere tausend Mark nach Berlin geschickt."
„Aber seine Adresse haben Sie nicht?" fragte Ruhle. Und es klang recht höhnisch.
„Nein!" antwortete Gottfried scharf.
„3n welcher Form haben Sie das Geld bekommen? Postanweisung oder Scheck?"
„3n bar, in einem Wertbrief!"
„Also Inlandsendung... Wissen Sie den Ort der Aufgabe?"
„Ich habe gar nicht auf den Poststempel geachtet, öch war so erstaunt über den Brief und das Geld —"
„Können Sie uns den Brief zeigen?" bohrte .Ruhle.
„Nein, aber wenn Sie in unserer Berliner Woh- :iung Nachschau halten, werden Sie ihn sicher im Iapierkorb finden. Ich kann mir von unserer Hausgehilfin gar nicht denken, daß sie ihn ausgeleert •tat. Es würde zu sehr dem Bild widersprechen, das wir von ihr haben."
„Sie heben sich keine Briefe auf — auch so wichtige nicht?" erkundigte sich der Fremde.
„Die Episteln meines teuren Onkels steckt man 'ich nicht hinter den Spiegel", erwiderte Gottfried !mrz.
.Mber Sie erinnern sich an den Inhalt?
„Sehr genau", Gottfried zögerte und schwieg.
„Können Sie ihn uns angeben?"
„Na ja — er schrieb so ungefähr...
„ßieber Neffe" zitierte Gottfried, „du hast dich imar nicht ausgezeichnet, weder letzchin noch überhaupt in deinem Leben..." Er unterbrach sich wie- !,er. „Er verbreitete sich des längeren über meine Seistesgaben und über die wirtschaftlichen Fähigsten meiner Mutter. Ich habe mich sehr bemüht, frie Formulierung zu vergessen. Schenken Sie es nir, den Kohl aufzuwärmen. — Und zum Schluß Vird er milder und schreibt, daß er mir ohne Prä- üdiz sofort tausend Mark schickt. Und ich solle es nir gut gehen lassen. Unterschrift: dein auftichttger Onkel Otto!"
„Wofür Huben Sie die tausend Mark bekommen? Mr die Ablieferung des Del Sarto?" fragte gleichmütig der Mann mit den Hellen Augen.
Gottfried sah ihn an. „Den habe ich nicht ab- lefern können, weil ihn ein andrer gekauft hat", agte er endlich.
„Weshalb waren Sie vorige Woche in Herrn Aases Geschäft?"
„Weil ich mich nach meinem Onkel erkundigen sollte!" ।
Eine Weile schwiegen die vier Herren. Die jungen Männer waren deutlich bestürzt, die älteren sehr uhig und gelassen.
„Sie wissen bestimmt, daß Ihr Herr Onkel Ihnen in diesem Briefe vom 7. Juni lausend Mark schickte?" fragte wieder Rühle.
Gottfried nickte. „Ja, das kann ich beschwören! Suchen Sie nur nach, Sie müssen ihn finden..." Und wieder wurde er sehr rot.
„Wir haben uns bereits-erlaubt, in Ihrer Wohnung nachzusehen", sagte die freundliche Stimme des Kriminalisten. „Wir haben die Brieffetzen gesammelt... Hier!"
Er zog ein Blatt Papier aus der Aktenlasche^auf dem Brieffragmente vorsichtig zusammengesetzt und aufgeklebt waren, und hielt es Gottfried hin. „Zerreißen hat keinen Sinn, es ist photographiert worden", warnte er.
Gottfried überflog die Zeilen. Der Anfang stimmte — aber bann! Dann standen folgende Zeilen: „Es hat keinen Sinn, daß Du mich ober meinen Bevollmächtigten weiter behelligst. Ich habe keine Angst vor Deinen Drohungen, Du frecher, junger Lafte. Und ich denke nicht daran, Dir heute oder später auch nur einen einzigen Pfennig Almosen zu geben! (Ein gesunder junger Mann kann arbeiten und sich sein Leben verdienen. Dein aufrichtiger Onkel Otto." t
Da schwankte der junge Mann und mußte sich fest an die Ecke des Schreibtisches anklammern, um nicht zu fallen. Er war plötzlich totenbleich geworden. Hans sprang erschrocken zu ihm, um ihn zu stützen. Was stand in diesem Bries, daß Gottfried so verzweifelt war?
„Ich verhafte Sie. Sie sind verdächtigt, Mr. Ernest Rutby am Abend des 4. Juni eine Zeichnung im Werte von elfhundert Pfund geraubt zu haben', murmelte der Kriminalist so schnell, daß Hans ihn nicht verstand. Gottfried hatte gar nicht hingehört. Eines hatten beide erfaßt: Gottfried war verhaftet und eines Verbrechens beschuldigt. •
„Tausend Mark sind die Höchstgrenze, die ein Hehler für einen Del Sarto zahlt, meint der Herr Kollege", sagte Rühle befriedigt und wies auf den fremden Kriminalisten. „Und wir werden sowohl den Hehler als auch die Zeichnung finden!"
Rühle war sehr zufrieden, wenn er auch nicht ganz sicher war, ob seine schöne Prophezeiung in absehbarer Zeit wahr werden würde. Sie hatten den Del Sarto schon gesucht. Und die „Polizei in England suchte desgleichen. Beide vorläufig ohne Erfolg. Na ja — aber aus diesem schlampigen Amateurräuber mußten sie bei geschickter Behandlung bald ein umfassendes Geständnis heraus- kriegen. Als Gottfried zwischen den beiden Kriminalbeamten durch die Halle ging, sahen ihn drei blasse Frauen entsetzt an. „Wenn wir irgend etwas für Sie tun können, Herr von Diiben, so verfügen Sie über uns", sagte Frau Voigt und reichte ihm die Hand.
Irmgard Tur ach fing bitterlich zu meinen an.
„Beherrsch dich!" zischte Hilde die Schwester an, — aber auch ihre Lippen zuckten verdächtig.
13.
Nur die Augen dieses dicht bandagierten und völlig unbeweglichen Mannes, der in einem weißen Spitalbett lag, flackerten unruhig. Der „Schädel- bruch", wie er im Krankenhaus hieß — in sonstigen
Leben der Bankdiener Johann Schmied — war den Kriminalisten eine Viertelstunde preisgegeben.
„Wir werden Sie nur das Wichtigste fragen", beruhigte Ruhle. „Und in fünfzehn Tlinuten sind sie uns los. Dann kommt der Herr Doktor und setzt uns an die Luft."
Ein mühsames Lächeln antwortet ihm.
„Wann haben Sie Ihren Dienst angetreten?" fragte Ruhle.
„Ich bin seit zwölf Jahren als Nachtwächter und Diener bei der Union — und hab' nie einen Anstand gehabt!" sagte stolz Johann Schmied. Das Sprechen strengte ihn an, aber das mußte er sagen.
Ruhle unterdrückte einen Seufzer. Heber feine unbescholtene Vergangenheit brauchte ihm der Bandagierte nichts zu erzählen: die kannte die Polizei bereits besser als er selbst.
„An dem Abend, an dem Sie überfallen wurden, meine ich."
„Um elf Uhr dreißig. Auf die Minute!"
„Was haben Sie dann getan?"
„Alarmuhr gestochen. Wenn die nicht pünktlich bedient wird, alle halbe Stunde, klingelt's beim Herrn Direktor und bei der Schließgesellschaft..."
„Und bann?"
„Dann habe ich mich in die Loge gesetzt, habe mir Kaffee aufgewärmt und Zeitung gelesen."
„Wie lange?"
„Bis Mitternacht. Dann habe ich wieder gestochen."
„Wo haben ©ie die Schlüssel $ur Alarmuhr liegen?"
Schmied schaute verwundert drein. „Dor mir auf dem Tisch natürlich. Ich werd' sie doch nicht alle halbe Stunde einsperren."
Ruhle unterdrückte heldenhaft, was er über den Wert solcher Alarmvorrichtungen dachte. Fünfzehn Minuten vergehen viel zu rasch, um theoretische Betrachtungen anzustellen.
„Und dann?"
„Dann habe ich mich wieder hingesetzt und den Kaffee ausgetrunken, er 'war schon eiskalt." Das schien ihn gekränkt zu haben, denn die blassen Lippen schoben sich mißbilligend vor.
„Wetter!" sagte Ruhle.
„Dann spürte ich, wie mir von hinten ein Stein auf den Schädel siel. Es hat nicht einmal sehr weh getan. ,Das Haus stürzt. ein‘, habe ich gedacht. Dann war alles schwarz, und ich habe nichts mehr gespürt..." Der Verletzte dachte angestrengt nach. „Ich habe wirklich nichts mehr gespürt, bis ich hier im Spital wach wurde. Nur habe ich in der Zwischenzeit einmal gemerkt, daß ich ersticke. Ich habe geglaubt, daß ich unter den Haustrümmern keine Luft bekomme... Aber eigentlich habe ich doch nichts gespürt."
„Da hat Ihnen jemand vorsichtshalber einen chloro- formgeträntten Lappen unter die Nase gehalten", berichtigte Ruhle.
„Und manchmal war mir falt", fuhr Schmied nachdenklich fort, „aber so richtig gespürt habe ich doch nichts."
„Wenn man in Unterhosen stundenlang auf einem kalten Steinboden liegt, ist das nicht verwunderlich", knurrte Ruhle. Laut sagte er: „Sie haben also niemanden gesehen?"
„Nein, besttmmt nicht... Wozu auch, wenn das
Haus einstürzt?" meinte Schmied. „Und das Ko« mische ist, daß die Schwester hier sagt, die Union- Bank steht an ihrem alten Platz ..." Seine Stimme wurde schwächer. Der Mann hatte noch nicht erfahren, was vargefallen war.
„Wir plagen Sie nicht mehr lange, Herr Schmied", beruhigte Ruhle. „Aber, bitte, denken Sie jetzt gut nach, haben Sie am Tag vor dem Unfall, oder auf dem Weg in den Dienst mit irgendeinem Fremden gesprochen? Ift Ihnen irgend etwas auf- gefallen, was nicht zur Norm gehört?"
„Norm? Ich weiß ja gar nicht, wer zur Norm gehört", verwunderte sich der Nachtwächter. „Ich bin Mitglied des Skatklubs ,Einig keif."
Ruhle lächelte verzeihend. ,Lst Ihnen etwas Besonderes aufgefallen, Herr Schmied? Das meinte ich."
„Nein; denn wenn einem ein Herr nach dem Weg zum Bahnhof fragt, ist das nichts Besonderes."
„Wie hat der Herr ausgesehen? Haben Sie ihn schon früher einmal in Neukirchen gesehen?"
„Na — er war eben ein Mensch wie tausend andere. Und gesehen hab' ich ihn vorher nicht, möchte ich annehmen."
Da sich Schmied nicht durch besondere Geistes- schärfe auszeichnet, ist ihm bestimmt nicht eingefallen, daß der letzte Zug knapp vor elf Uhr Neukirchen durchfährt, dachte Ruhle.
Weiter bohren! riet seine Erfahrung. Vielleicht ist aus diesem benebelten Hirn doch noch ein Anhaltspunkt herauszuholen!
Da stand ein Arzt neben ihm und winkte liebevoll, aber besttmmt. Die Zeit war um.
„Wenn Sie mir noch ein paar Minuten gegönnt hätten, wäre ihm vielleicht ein Licht aufgegangen", sagte er vorwurfsvoll zu dem Arzt.
„Kränken Sie sich nicht, Herr Kollege", sagte der andere Kriminalist. „Es wäre ihm nichts eingefallen. Der Mann ift von hinten mit einem stumpfen Gegenstand, wie es in unseren Protokollen sv schön heißt, niedergeschlagen worden. Ich tippe auf einen Gummi schlauch mit Blei kern. Oder einen regelrechten Gummiknüppel. Der hat nichts gesehen und nichts gehört. Ich würde mich auch wundern, wenn der Herr, der nach dem Weg fragte, mit der Sache zu tun hätte.
„Sie wissen nicht, daß wir dank dem Bankier Voigt schon zweimal mit diesem durchschnittlich ausseh enden Herrn befaßt wurden, ohne ihn zu erwischen", knurrte Ruhle. Und er erzählte die Geschichte der bedrohlichen Abenteuer, die einen angesehenen Bürger ihrer Stadt betroffen hatten. Der Sachverständige aus Berlin hörte nachdenklich M.
„Komische Idee, einen Bankier in der Stahlkammer ersticken zu lassen, wenn man sie berauben! will", meinte er endlich. „Und der Autohalunkd kann doch nicht ernstlich gemeint haben, daß ein Bankier seine Schlüssel zur Stahlkammer samt einem Zettelchen, auf dem die Kombination aufge« schrieben steht, mit sich spazierenfährt."
Seit vielen, vielen Jahren hatte Doktor Wafer — so hieß der Sachverständige — sich ausschließlich mit Kassenschränken und Geldschrankknackern befaßt. Es ift verständlich, daß er die Wett nur aus diesem Gesichtswinkel sah.
(Fortsetzung folgt.)


