Ur. 158 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
§reitag,l6. Zunll939
heule beginnen wir in den Familienblöllern mit dem Abdruck einer neuen großen Erzählung: der kriegsdichter P. L. Eltighoffer gibt in feinem aus authentischen Quellen geschöpften Bericht „Eine Armee meutert" ein erschütterndes Bild von den Schicksats- tagen Frankreichs im Jahre 1917, ein wenig bekanntes, aber unerhört spannendes Kapitel aus der Geschichte des großen Krieges. In diesem Bericht wurde dem deutschen Frontsoldaten ein unvergängliches Denkmal gesetzt.
Marktumschau für die Hausfrau.
Aus her Stadt Gießen.
AusbildungSappellderpolitifchenLeiter des Kreises Wetterau in Giehen.
Lob des Reiseführers.
Gewiß, auch eine Fahrt ins Blaue hinein, die vorausictzungslose, nur einer Entspannung vom Alltag dienende Reise in eine unbekannte Gegend kann reizvoll und reich an sinnenfälligen Eindrücken sein. Aber wer sich das wirkliche und nachhaltige Erlebnis einer Stadt oder Landschaft gewinnen will, kann eines Reiseführers kaum entraten.
Schon die Beschäftigung mit dem kleinen heft oder Buch, nachdem man sich für einen bestimmten Reiseweg entschlossen hat, gibt der angeregten und schweifenden Phantasie Stunden rauschhaftcr Freude und glückoollen Gespanntseins. Die schlichten Auszeichnungen, die meist mit kurzen Wendungen und Formeln ihre Hinweise setzen und ihr bescheidenes Lob aussprechen, sagen trotz alledem einem empfänglichen Gemüt «genug, um es wiß- und schaubegierig werden zu lassen. Da ist die Lage eines Ortes: reizend, seine Häuser sind stattlich, seine Hotels elegant und verwöhntestem Geschmack genügend, seine Gasthöfe: behaglich, sein Rathaus: historisch denkwürdig, eine Kirche ist: sehenswert, ein Flügelaltar: ein Meisterwerk der Gotik, ein Ausflug: entzückend, ein Talblick: unvergleichlich, ein Schloß: großartig, ein Berggipfel: imposant und malerisch, die ganze Umgebung: genußreich und romantisch. Und doch beschwören diese knappen Angaben köstliche Erinnerungen herauf, zaubern liebgewordene Stadtbilder und Landschaften um den Lesenden, daß es durch seine Stube weht und leuchtet, daß ihn Architekturen grüßen und verschlungene W Lidpfade locken. Wird es ähnlich sein, wie es seine schwelgende Seele schaut, wird die erwartete Wirklichkeit die Vorstellungen übertreffen? Die Sehnsucht nach Antwort und Gewißheit steigert das Reisefieber, aber sie drängt auch zu weiterer Lektüre, zu intimerem und tieferem Befassen mit den Stationen und Sehenswürdigkeiten des Ziels. Man unterrichtet sich, strahlend von Vorfreude, über Alter und Herkunft einer Stadt, über die Beschäftigung ihrer Bewohner, über ihre Mund- und Wesensart, über das landschaftlich Charakteristifche der Gegend, über ihre Pflanzen- und Tierwelt, über die Formationen der Gebirgsmassioe und viele andere Dinge, die die großen Umrisse des Unbekannten schärfer und deutlicher werden lassen und die kleinen Einzelheiten mit wesentlichen und eigenwilligen Zügen und Merkmalen bereichern.
So aufgeschlossen und vorbereitet, mit allen Sinnen zu empfangen und mit leuchtender Seele sich hinzugeben, macht man seine ersten Schritte am Ziel wie ein Kind von der Mutterhand durch einen großen Garten geführt. Man betastet und befragt mit liebevollen Augen alles, was uns anspricht und zum Verweilen lockt. Und wieder gibt der stille Reisebegleiter, sorgsam wie die Mutter dem staunenden Kinde, Auskunft über das, was uns beglückt. Jeder wird anderes wissen wollen, denn feder schaut nur das und soviel, als er sich selbst zu beseelen vermag. So ist der Reiseführer für jeden ein anderes Buch. Er verwandelt sich in der Hand eines jeden Reisenden in den Begleiter, den er wünscht und verdient. Dem einen gibt er nur flüchtig Auskunft, dem andern ist er ein unentbehrlicher Ratgeber, einem dritten aber wird er zum getreuen .Reisefreund, zum Reisekamerad, mit dem zusammen er entdeckt und einheimst und trunken von Schönheit und beladen mit unvergeßlichen Erlebnissen zu Arbeit und Beruf heimkehrt. P- B.
Dornoiizen.
Tageskalendcr für Freitag.
RS.-Lehrerbund, Kreis Wetterau, Fachschaft 2, Gießen: 16.30 Uhr im Singsaal der Langemarck- Schule Kreisoersammlung der Fachschaft höhere Schule mit Vortrag von Prof. Dr. Boeck „Das Lebensproblem und das organische Denken". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Deutsches Land in Afrika". — Lichtspielhaus (Bahnhofstr.): „Die kluge Schwiegermutter". _________
Welche Fische gibt es im Sommer ?
Der Frühling hat uns bereits recht warme Tage beschert, so daß jung und alt die kalten Maitage schnell vergessen haben. Auch unser täglicher Speisezettel hat durch die reichlichen Gemüseanlieferungen wieder eine angenehme Abwechslung erfahren. Man sollte aber nun nicht vergessen, daß zu all den frischen Gemüsen auch Fischgerichte genau so gut wie Fleisch schmecken. Der Fisch ist im warmen Sommer ebenso frisch und lecker, wie in der kalten Jahreszeit. Viele Hausfrauen, die durch die Lehr- küchen des Fischeinzelhandels und des RS.-Frauen- werks gegangen sind, kennen die vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten von Fisch zu Gemüsegerichten. Sie haben heute nur noch ein Lächeln übrig, wenn ihnen jemand erzählt, daß z. B. Spargel und Fisch nicht miteinander harmonieren, weil nun einmal zum Spargel Schinken gehöre. In Wirklichkeit aber ist ein schönes Fischfilet oder ein gebratenes Stück von einem Edelfisch genau so gut.
Die Auswahl an Seefischen ist im ganzen Sommer recht reichhaltig, teils sogar vielseitiger als im Winter. Neben Kabeljau, Rotbarsch, Dorsch gibt es jetzt die guten Plattfische wie Schollen usw., vor allem auch in größeren Mengen Edelfische, wie Seezungen, Steinbutt und Thunfische. In wenigen Wochen kommen die ersten Heringe und Makrelen. In diesen Tagen gehen vom Bodensee große Lieferungen von Süßwasserfischen, wie den preiswerten Bleien und den feinen Flaufelchen ein. Sie sind in den größeren Städten überall leicht zu haben. Da die Silit)!fette vom Fang der Fische bis zum letzten Verteiler genau so sicher arbeitet wie im Winter, so muß man endlich mit dem alten Vorurteil aufräumen, daß nur im Winter der Fischgenuß üblich und angenehm sei. Im Gegenteil, gerade im Sommer immer wieder Fischgerichte, mö doch das Fischfleisch schmackhaft und leicht verdaulich und außerdem auch preiswert ist.
Nachdem die beiden vergangenen Sonntage iit unserer Stadt im Zeichen der Wettkämpfe der SA. (SA.-Standartensporttag) und der Hitler-Jugend (Vannsportwettkämpfe standen, treten am kommenden Sonntag die Politischen Leiter zu einem Aus- bildungsappell an. In Gießen treffen sich die Politischen Leiter aus dem ganzen Kreis Wetterau der N-sDAP. zum Ausbildungsappell, an dem sich alle marschfähigen Kameraden beteiligen werden. Der Appell beginnt mit einer Flaggenparade und einer Morgenfeier, die um 8.30 Uhr auf dein Trieb stattfindet. In der Zeit von 9.15 bis 12 Uhr finden Sportmettkämpfe statt, die auf dem Universitätssportplatz ausgetragen werden. Nach der Mittagspause wird — wieder auf dem vorderen Trieb — eine Besichtigung der angetretenen Kameraden statfinden. Den Abschluß des Appells bildet eine Ansprache des Kreisleiters Backhaus mit Siegeroerkündigung. Dann folgt ein Vorbei marsch.
Zum Ehrendoktor
Kindergruppe Gießen-Osi im Forstgarten
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beieinander und machten
Kindergruppe Ost bei Reigenspielen im Forstgarten. ('Ausnahme: Zschietzrnann, Gießen.)
NSG. Das Elternhaus ist die Erziehungsstätte, in der schon der Junge oder das Mädel in den jüngsten Jahren nach einer bestimmten Ordnung in
der Familie ausgerichtet wird. In dieser Zeit gewöhnt sich das Kind allmählich an eine Gesetzmäßigkeit, die für seine Weiterentwicklung mitbestimmend ist. Obwohl erst die einheitliche Gemeinschaftserziehung mit der Aufnahme in die HI. oder den BDM. beginnt, ist es niemals zu früh, schon vorher die Jüngsten in Gemeinschaftsgruppen zusammenzufassen.
Nach diesen Gesichtspunkten wurden die Kindergruppen des Deutschen Frauenwerkes gegründet. Schon die Sechsjährigen und bis hinauf zum zehnten Lebensjahr werden die Jungen und Mädel darauf vorbereitet, aus dieser jungen und kleinen Gemeinschaft die größere Gemeinschaft verstehen zu lernen. Beim gemeinsamen Spiel auf Wiesen oder Spielplätzen, beim gemeinsamen Erleben in heim- nachinittagen, durch Erzählungen der Kindergrup- penleiterin, wird das erste kleine Erlebnis eingeprägt: die erste Gemeinsamkeit — wenn auch nur aus kindlicher Freude — wird hier ausgebildet.
Bis heute besteht fast in jedem Dorf unseres Gaues eine Kindergruppe des Deutschen Frauenwerkes. Es wird auf diese Weise zuerst den Müttern eine Arbeit abgenommen und zweitens den Kleinen Gelegenheit gegeben, durch frohes Spiel in der Sommersonne gesund aufzuwachsen. So. muß es gerade im Interesse der Eltern liegen, auch ihrerseits zu helfen, die Kinder an dieser Freude teilhaben zu lassen.
der Kindergruppenleiterin nicht allzuviel Arbeit. Allerdings: als der Forftgarten in Sicht kam, gab es kein halten mehr; er 'wurde im Sturm genommen. Im Garten erwartete die Kindergruppe von Hausen (Leitung: Frau Koch) die Gießener Schar. Im Nu hatten die Kinder von den Tischen und Stühlen Besitz ergriffen und harrten nun zunächst eines erfrischenden Getränks, einer Orangeade, das ihnen versprochen war. Bald wurde aufgetragen, und den Kindern schmeckte es ausgezeichnet.
'Nach dieser Erfrischungspause wurde gespielt. Der Garten war von quicklebendigem Leben erfüllt. Die Mädchen spielten im Kreise, mit Bällen wurde gespielt, die Buben vergnügten sich mit Tauziehen und Fußball; besondere Freude machte dann noch das Eierlaufen. Allzu früh schlug den Kindern die Stunde des Abschieds aus dem schönen Forftgarten. Erfüllt von den Erlebnissen machten sie sich auf den Heimweg. Nach dem eifrigen Spiel waren sie wohl etwas müde, aber doch guter Stimmung, und sicherlich werden sie nachts gut und tief geschlafen haben.
Ortsgruppenleiter Kreuder (Gießen-Ost) hatte im Lause des Nachmittags Gelegenheit gefunden, auch eine Stunde bei den Kindern zu weilen.
Die Kindergruppe Gie- ßen-Oft unternahm unter Leitung der Ortskinder- Gruppenleiterin Frau Gref einen Spaziergang zum Forftgarten, um dort ein Sommerfest zu feiern. Der Einladung waren auch viele Kinder gefolgt, die bisher nicht zur Kindergruppe gehörten. Nach dem Erlebnis des Ausflugs aber werden sie sicherlich nicht zögern, ihre Eltern um die Ausfüllung des Anmeldescheines zu bitten. Insgesamt erschienen etwa 250 Kinder. Als Gast nahm auch die Ortskindergruppenleiterin von Gie- ßen-Mitte, Frau G r e b ,
Mit Gesang und unter fröhlichem Geplauder machte man sich auf den Weg zum Forftgarten. Brav blieben die Kinder
der Universität Sofia ernannt.
Der ordentliche Professor für Veterinär-Pathologie und Direktor des Veterinär-Pathologischen Instituts der Universität Gießen Dr. med. vet. Kurt Krause wurde anläßlich des 50jährigen Jubiläums der Universität Sofia wegen seiner großen wissenschaftlichen Verdienste zum Doktor honoris causa der Universität Sofia ernannt.
Kommt zur Sonnwendfeier auf die Loreley.
NSG. Die Sonnwendfeier des Gaues Hessen- Nassau findet am 21. Juni auf der Loreley bei St.- Goarshausen statt. Mit der Sonnwendfeier, die von der Hitler-Jugend durchgeführt wird, wird die Festspiel- und Feierstätte Loreley durch den Reichs-» arbeitsdienst an die Gauleitung übergeben. Zur Teilnahme an der großen Sonnwendfeier wird die gesamte Bevölkerung des Gaues Hessen-Nassau aufgerufen.
Hauswirtschaft und Pflichtjahr.
Eine hauswirtschaftliche Tätigkeit wird — laut Verfügung des Präsidenten der Reichsanftalt für; Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung — nur bann auf das Pflichtjahr ungerechnet, wenn vor Antritt der Stelle das zuständige Arbeitsamt seine Zustimmung erteilt hat. Alle Mädel, die sich ihre Pflichtjahrstelle selbst ober durch die Zeitung gesucht haben, müssen deshalb nachprüfen, ob der haushalt, in dem sie sich befinden, von dem Ausschuß für das Pflichtjahr überprüft und vom Arbeitsamt bestätigt worden ist. Die Anerkennung des Arbeitsverhältnisses auf das Pflichtjahr muß ini Arbeitsbuch bescheinigt fein. Ist dies nicht der Fall, so ist die Anrechnung der hauswirtschaftlichen Tätigkeit auf das Pflichtjahr in Frage gestellt. Das Mädel oder deren Eltern fetzen sich daher zweckmäßig mit dem zuständigen Arbeitsamt in Verbindung oder wenden sich an die Kreisfachbearbeiterin für hauswirtschaftliche Ausbildung des Deutschen
„Deutsches Land in Afrika."
Gloria-Palast.
Auf Veranlassung der Gaufilmstelle Hessen-Nassau lauft im Gloria-Palast gegenwärtig (bis zum Sonntag einschließlich) der Kolonial-Film „Deutsches Land in Afrika", der gerade heute allgemeines Interesse beanspruchen darf, wo der deutsche Kolonialanspruch immer wieder vor aller Welt verkündet und an- gemeldet wird. Der Film wurde hergestellt auf der Afrika-Expedition der Kifo, Hellmut Bousfet, die vom ehemaligen Deutsch-Ostafrika quer durch den fchwarzen Erdteil nach Deutsch-Südwest führte. Die Aufnahmen schuf Karl Mohri. Dr. Friedrich Stock und Herbert Kuhlmann schrieben das Manuskript; Bearbeitung und Gestaltung: Dr. Walter Scheunemann und Karl Mohri. Der Film gibt in Wort und Bild eine lebendige und sachliche Begründung für unseren Anspruch auf Rückgabe der uns durch den Schandvertrag von Versailles geraubten Kolonien; er zeigt, was die Deutschen von den ersten Anfängen an, also seit den Zeiten von Lüderitz und Dr. Carl Peters, m Afrika geleistet, aufgebaut und in friedlicher Arbeit als Kulturbringer geschaffen Haden; er ist ein Beweis dafür, daß die Deutschen zu kolonisieren verstehen und ein moralisches Recht darauf haben, Kolonien zu besitzen und zu verwalten. (Das Eingeborenen- Wort „Der Deutsche hat eine harte Hand und em weiches Herz, der Engländer eine weiche Hand und ein hartes Herz" bekommt für den Beschauer einen tiefen Sinn.)
Der Film gibt ein farbiges und ungeschminktes Bild von der'Landschaft, der Bevölkerung und der Tierwelt im schwarzen Erdteil. Der Zuschauer macht die weite Autoreise der Expedition vom Osten nach Südwesten durch unwegsame Steppe, über cus= getrocknete Flußbetten, durch Schlamm und Sand mit er bekommt einen Begriff von den Schwierigkeiten des Lebens in Afrika, von der ungeheuren Weite des Landes und auch von den Aufgaben, die sich hier einem tüchtigen und 3'elbewußten Volke anbieten. Der Film zeigt mancherlei Wild Giraffen, Zebras, Antilopen und Löwen, er zeigt die Eingeborenen im Urzustände, die primitiven Zwergstämme im Betschuana-Land, und die unter deutscher Erziehung und Pflege zivilisierte Bevölkerung unserer ehemaligen Schutzgebiete. Der beherrschende Eindruck ist immer wieder, wie stark und unzerstörbar trotz Verbot und Unterdrückung ustd vielfältigen Schwierigkeiten der deutsche Einfluß in Afrika noch immer ist, bis heute, und wie er heute bereits
wieder zunimmt und zusehends stärker wixd. Schon sind wieder zahlreiche deutsche Kulturpioniere unent- mutigt drüben am Werk, um von neuem aufzubauen und dort wieder anzuknüpfen, wo unsere Arbeit durch den Weltkrieg Jät) und schmerzlich unterbrochen wurde. Deutsche Schulen und Krankenhäuser, deutsche Farmer und Kaufleute und Handwerker tun wieder ihr segensreiches, friedliches Werk, und eine zukunftsfrohe junge Generation wächst unter der deutschen Flagge dort drüben heran, bereit und befähigt, das Vermächtnis der Väter zu bewahren. Die koloniale Schuldlüge kann nicht sachlicher und überzeugender widerlegt werden, als es durch diesen Film geschieht, dem man einen recht zahlreichen Besuch wünschen muß.
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Im Vorprogramm läuft u. a. ein dokumentarischer Film „Sudetenland", der noch einmal in eindrucksvollen Bildern die in jüngster Zeit von jedermann miterlebten Ereignisse im deutschen Osten zusannnen- faßt. Dazu gibt es die neue Wochenschau der Ufer, die u. a. einen ausführlichen Bericht vom Besuche des Prinzregenten Paul von Jugoslawien in der Reichshauptstadt enthält. Hans Thyriot.
Zweischgenwaffer.
Von B. Brandeis.
Umbrand hatte es ziemlich eilig. Trotzdem stockte plötzlich sein Schritt. Nicht, daß ein Stein im Wege seinen Lauf gehemmt hatte (Umbrand befand sich auf dem Bürgersteig in einer Großstadt, wo ein einzelner loser Stein eine Sehenswürdigkeit gewesen wäre) — das Hindernis, der „Stein des Anstoßes", der Umbrand zum plötzlichen Stehenbleiben zwang, war rein geistiger Natur:
„Besdes Zwctschckenwasser!", diese beiden Worte, in ungelenker Schrift, aber dafür in knallroter Farbe auf ein leuchtend weißes Schild gemalt, ließen Umbrand förmlich erschauern. Ließen ihn um so tiefer erschrecken, als es sich bei diesen haarsträubend geschriebenen Worten keinesfalls nur um einen schlechten Scherz handeln konnte, denn das besagte Schild hing dort, wo es zweifellos richtig am Platz war, vor der Tür eines Ladens mit der Aufschrift „Spirituosen".
Umbrand schüttelte noch immer den Kopf. „Wie ist es möglich, daß es heute noch Menschen gibt, heute, in unserer aufgeklärten Zeit und zudem nicht etwa auf dem Lande, sondern im Zentrum einer Großstadt; Menschen, die nicht einmal die einfachsten Grundlagen der Rechtschreibung beherrschen?"
fragte er sich verwundert. „Man sollte eigentlich darüber lachen, so komisch ist das — darüber lachen und weitergehen?! Oder sollte man sich empören?!" Aber erst die dritte Möglichkeit, die Umbrand plötzlich noch offen sah, schien ihm die einzig richtige, die für ein vernünftiges handeln am besten geeignete: „Man durfte, ja, man konnte nur Mitleid haben. Mußte in den Laden gehen und den Besitzer darauf aufmerksam machen, daß sein Plakat vor der Tür arg böse Fehler enthalte, die nicht gerade dazu geeignet wären, das Geschäft zu fördern, vertrauensvolle Kunden zu erwerben."
Wie gedacht — so getan! „Ich komme wegen Ihres Zwetschckenwassers", sagte Umbrand beim Eintreten, sprach das „ck" besonders hart aus und wies zurück nach der Tür.
hinter dem Schenktisch stand ein schon älterer und eigentlich recht gut gekleideter Mann.
„Zwetschckenwasser — bitte führ!" rief er freundlich lächelnd aus und goß sogleich aus dem Inhalt einer großen Flasche ein kleines Gläschen voll ein. .
„Sie mißverstehen mich", erklärte Umbrand höflich. „Nicht dieses hier, sondern Ihr „Zwetschckenwasser" draußen vor der Tür meine ich."
Der Mann hinter dem Schanktisch schien einen Augenblick nachzudenken. Doch dann legte er seine Hand in der Form einer Muschel hinter das Ohr und fragte ziemlich laut:
„Zwetschckenwasser wie draußen? — Das hier in dem Glas ist ja Zwetschckenwasser wie draußen!"
Umbrand ging in diesem Augenblick ein großes Licht auf, und so. als wolle er damit eine überraschende Erkenntnis festhalten, griff er nach dem Glas mit dem Zwetschgenwasser und leerte es auf einen Zug. Wie die Hand hinter dem Ohr des Wirtes zeigt, stellte Umbrand fest, ist dieser Mann zweifellos etwas schwerhörig, versteht alle Worte falsch oder undeutlich: und daraus rührt wohl auch seine Unbeholfenheit in der Rechtschreibung!
Und Umbrand entschloß sich, nun vor allem recht klar und sehr laut zu sprechen:
„Zunächst einmal das Wort „Besdes", das auf dem Schild vor Zwetgenwasser steht, hören Sie, es muß heißen „Bestes Zwetschgenwasser" und nicht „Besdes"." Das .,d" sprach Umbrand so weich aus, daß es förmlich auf seiner Zunge schmolz.
„Ist denn das Zwetschckenwasser nicht gut?" fragte der Wirt ein wenig ungläubig überrascht.
„Doch, natürlich!" rief Umbrand und griff in Erregung nun bereits zum dritten Male nach dem vor ihm stehenden Gläschen, das der Wirt inzwischen stillschweigend wieder gefüllt hatte. „Es handelt sich aber darum, daß Sie das Wort falsch geschrieben haben, verstehen Sie, vollkommen falsch!"
„Falsch? — Das Zwetschckenwasser ist echt, ganz reines, vollkommen echtes Zwetschkenwasser!" beteuerte der Mann hinter dem Schanktisch beschwö» rend.
Umbrand schüttelte hilflos den Kops, riß dann aus dem Notizbuch, das er aus feiner Tasche holte, einen Zettel und schrieb: „Das Schild an Ihrer Ladentür muß umgeändert werden, wenn Sie wollen, daß jemand in Ihren Laden kommttz Schreiben Sie „Bestes Zwetschgenwasser", nur das ist richtig!" Das „g" und das „t" unterstrich Umbrand noch, bann gab er dem Wirt den Zettel, bezahlte seine fünf Gläser Zwetschgenwasser und verließ eilig den Laden, recht froh darüber, daß cs ihm nun doch noch gelungen war, fein Ziel ZU erreichen.
Doch kaum hatte Umbrand die Ladentür Hintes sich geschlossen, da holte der Mann hinter dem Schanktisch zunächst zwei kleine Wattepropfen aus seinen Ohren. Und während er dann Umbrands Zettel lächelnd in seiner Hand zerknüllte, dachte er: „Gleich wird der nächste kommen, der mich auf meinen Schreibfehler aufmerksam macht; denn noch niemals habe ich so viel Zwetschgenwasser verkauft, wie seit dieser Zeit, da ich erkannt habe, daß ein Mann, der nicht einmal das falsch geschriebene Wart „Zwetschckenwasser" stehen sehen kann, es erst recht nicht übers Herz bringen wird, ein Gläschen echtes Zwetschgenwasser, das vor ihm steht, unberührt zu lassen."
Zeitschriften.
— Daß abseits von den großen Straßen lieber» raschungen echter Gastlichkeit liegen, bewies „d i s neue Knie" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) mit ihren Veröffentlichungen „Das kleine Hotel", in deren Reihe nun im Juni-Heft solche Ueberraschungeu in Norddeutschland, wiederum in entzückenden bunten Bildern gezeigt werden. — Eine Nordlandfahrt führt mit einer Reihe schöner Aufnahmen in das Land der Mitternachtssonne. — Die Größe und Schönheit der steilen Felsen kehrt dann noch einmal wieder in der Traumlandschaft, die uns Leonardo da Vinci in seinetn wunderbaren Gemälde „Madonna in der Felsgrotte" eröffnet. — Alte Bilder und Kupferstiche dienten dazu, die Veränderung in der Betrachtung des Bauern darzustellen in einer Gegenüberstellung mit Aufnahmen von den Bauernleibesübungen auf Burg Neuhaus. — Die schönen Sportaufnahmen dieser Seiten leiten über zu den architektonisch reizvollen Schwimmbädern, die in letzter Zeit in verschiedenen Städten gebaut wurden. — Der Modeteil zeigt für die Seereise Strand- und Sommerkleidung«


