anstalten, Garagen und mit dem Boden fest ver- bundene Kioske auf Straßen und öffentlichen Plätzen werden durch die Arbeitsstättenzählung erfaßt, sofern hier ebenfalls regelmäßig mindestens eine Person tätig ist. Das gleiche gilt für Friedhöfe, wenn außerdem noch auf ihnen eint Baulichkeit vorhanden ist.
Erfrischungshallen und Kantinen in Fabriken, Ladengeschäfte, Schankwirtschaften, Zeitungs- und andere Warenoerkaufsstände im Bahnhofsgelände, photographische Ateliers und ähnliche Betriebe in Warenhäusern haben, sofern sie von selbständigen Bewirtschaftern, oder Filialleitern geführt werden, Fragebogen für nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten auszufüllen. Schankwirtschaften und Vereins- Häuser, die von selbständigen Bewirtschaftern geführt werden, sind auch dann als nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten zu zählen, wenn sie nicht täglich in Betrieb sind. Pachtbetriebe (Kleiderablagen, Büfetts, Bedürfnisanstalten und andere) in Kinos, Gaststätten, Theatern und Warenhäusern, müssen diesen Fragebogen ausfüllen. Ebenfalls Kameradschafts- und Studentenhäuser. Musikkapellen (auch nebenberufliche), die selbständig sind, haben durch den Kapellmeister einen Fragebogen für nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten auszu- süllen.
Die Kirchengebäude werden von der Arbeitsstättenzählung nicht erfaßt, dafür aber die Pfarrämter einschl. den Geistlichen, Kirchendienern, Gemeindeschwestern usw. Die Betriebe der Reichsbahn und der Reichspost werden von den Zählern nicht erfaßt, da sie von den zuständigen Stellen besonders erfaßt werden; dagegen Privat- und Kleinbahnen. Unterkünfte und Dlenststellen der SA. und ff usw. ind ebenfalls von der Arbeitsstättenzählung zu er- assen. Wenn sämtliche in diesen Arbeitsstätten be- chäftigte Personen einschl. des Leiters nur ehrenamtlich tätig sind (auch wenn diese Personen Aufwandsentschädigung erhalten), sind sie dagegen nicht durch die Arbeitsstättenzählung zu erfassen.
Landschaftsgärtnereien (die sich mit der Anlage und Pflege von Gärten, Parks u. dgl. befassen), Friedhofsgärtnereien (die Gräber bepflanzen und pflegen), Dekorationsgärtnereien (die Räumlichkeiten, Straßen, Plätze u. dgl. ausschmücken), Blumen- und Kranzbindereien (die aus Blumen und Pflanzen Gebinde der verschiedensten Art anfertigen) und Handels- gärtnereien (die in einem Ladengeschäft oder sonstigen Verkaufsraum gärtnerische Erzeugnisse verkaufen) müssen einen nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsstätten - Fragebogen ausfüllen. Sofern diese Betriebe gleichzeitig eine Bodenfläche bewirtschaften, ist für den gartenbaulichen Betriebsteil Abschnitt E auf Seite 4 der Haushaltungsliste und bei 0,5 und mehr Hektar Gesamtfläche auch ein Land- und Forstwirtschaftsbogen, für den gewerblichen Betriebsteil Abschnitt E auf Seite 4 der Haushaltungsliste, sowie ein Fragebogen fürn i ch t- landwirtschaftliche Arbeitsstätten auszufüllen.
Zimmervermieter oder Vermieterinnen, Inhaberinnen von privaten Mittagstischen, die sich in der Haushaltungsliste als Pensionsinhaberin oder Zimmeroermieter (Vermieterin) bezeichnen, haben stets einen Fragebogen für nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten auszufüllen. Die Inhaber, Inhaberinnen, Vermieter und Vermieterinnen, die sich nicht als solche bezeichnen, haben einen Fragebogen n u r dann auszufüllen, wenn sie zur Zeit der Zahlung 4 oder mehr Zimmerabmie- -ter bzw. Pensionsgäste haben. Dagegen gelten Haushaltungen von Familien und Ein- zelpersonen nicht als Arbeitsstätten, auch dann nicht, wenn in ihnen fremde Arbeitskräfte (Hausangestellte) beschäftigt sind.
Lohnwerker (selbständige Lohnhandwerker), die zur Ausübung handwerksmäßiger Tätigkeiten bei ihren Kunden von Haus zu Haus wechselnd tätig sind, z. B. Weißzeugnäherinnen, Hausschneiderinnen, Hausfriseure, Hausschlächter usw., müssen nicht- land.wirtschaftliche Fragebogen ausfüllen. Dagegen nicht Aufwartefrauen, Botenfrauen, Kochfrauen, Lauffrauen, Monatsfrauen, Putzfrauen, Leichenfrauen und von Haus zu Haus tätige Waschfrauen.
Demnach hat jeder, der im Haupt- oder Reben- beruf als Selbständiger tätig ist oder als Beamter, Angestellter usw. eine Arbeitsstelle leitet, einen Fragebogen für nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstät-
Gießener Mdels auf der Heffen-Aaffau-Zahrt.
Ein poetischer Gruß
der Fahrtengruppe 3/116 (Gießen-Ost) vom hohen Westerwald.
Aus Emmerichenhain bei Rennerod (Westerwald) erhalten wir von der Fahrten- gruppe 3/116 (Gießen-Ost) folgenden netten poetischen Bericht von den ersten zwei Tagen der Hessen-Nassau-Fahrt.
Ich bin Gießner von Natur, drum trafen wir uns um S10 Uhr zur Abfahrt, wo es losgehn sollte, und jeder mit auf Fahrt gehn wollte. Manche Mädel, zart besaitet, von ihren Eltern treu begleitet und als dann der Abschied kam, so manche Träne still zerrann.
Im Gießner Bahnhof trat man dann in Linie zu zwei Gliedern an. Die Reise ihren Anfang nahm, und bald gewöhnt man sich dran, zu sitzen auf den harten Bänken und Zeitvertreib sich auszudenken. Der Regen klatschte an die Scheiben, drum ließen wir das Rausschaun bleiben. Wir sangen Lieder mit Begleitung, doch es lag nichtmn der Leitung, daß man sich trennte grat) beim Singen, und daß es hat nicht schön geklungen. Und in Limburg angekommen ward ein andrer Zug genommen.
Bis Westerburg er mit uns nahm, und bann kam dort das Laufen dran. Regnen tat es fast nicht mehr, doch der Affe drückte sehr.
So rannten wir den Berg hinaus in einem leichten Dauerlauf.
Mit dem Lied vom Westerwald nahten wir dem Dorfe bald. Hergenroth nennt sich das Kaff, wo wir legten ab den Aff.
Zum Bauer kamen wir ins Quartiere, bewunderten im Stall die Tiere. Die Kühe find hier scheußlich dumm, die Augen blöd, die Hörner krumm. Doch die Schweinchen, niedlich rosa, passen gar nicht in die Prosa. Die Mundart hier ist wunderschön, nur kann man sie nicht gut verstehn. Und das Essen, wunderbar! Brot und Honig, Butter gar! Kugelrund und schrecklich satt, rollten wir zur Lagerstatt. Schliefen süß bis morgens früh, bis uns weckt ein Kikeriki!
Aus tiefem Schlaf fuhr'n mir empor, welcher Laut traf unser Ohr? Rrrr doch sonst der Wecker tut. Kikeriki, — hör'n wir nicht gut? Ach, stimmt ja, wir sind ja auf Fahrt, der Hahn uns jetzt den Wecker spart. Aufstehn, Kaffee, schnell und munter aing's bann nach Westerburg hinunter. In bie selt'ne Handweb'rei zogen wir mit viel Geschrei.
Nein, was gab's da nicht zu sehn, Borten, Tücher, wunberschön! Nase, Mund und Augen offen, sind wir drin herumgeloffen. Staunten hier und schauten dort, fragten viel in einem fort. — Durch den grünen, frischen Klee aing's bann vorbei am RAD. Aus bem großen Arbeitshaus schauten Arbeitsmaiben raus. — Am anbern Morgen, froh und heiter, ging bie Fahrt bann mieber weiter.
ten auszufüllen, unabhängig davon, ob er allein in der Arbeitsstätte arbeitet ober nicht. Arbeits- ftätten im Sinne der Arbeitsstättenzählung sind alle nichtlandwirtschaftlichen Betriebe (Niederlassungen, Büros, Fabriken usw.), in denen einschließlich Inhaber oder Leiter mindestens eine Person Haupt- oder nebenberuflich tätig ist. Selbständige haben auch dann einen Fragebogen auszufüllen, wenn eine Arbeitsstätte im etynb lichen Sinne nicht vorhanden ist, z. B. ambulante Gewerbetreibende und andere.
Zur Ausfüllung des Fragebogens ist, wie bereits oben erläutert, der Leiter der Arbeitsstätte oder Dienststelle verpflichtet, also der Betriebsleiter, Vorstand, Geschäftsführer, Filialleiter oder fein gesetzlicher Vertreter. Die Aufgaben für Filial- betriebe sind in jedem Falle von dem eigentlichen Filialleiter zu machen, auch wenn es sich um einen angestellten Verkäufer oder eine Verkäuferin handelt.
Der Fragebogen ist stets am Sitz der Arbeitsstätte abzugeben; er wird auch dort wieder von dem Zähler abgeholt. Gehört der Fragebogen 3U keiner Haushaltungsliste, weil die Arbeitsstätte auf einem anderen Grundstück liegt, als bie Wohnung des zur Ausfüllung Verpflichteten, so ist an Stelle der Haushaltungslisten-Nummer, die sonst vom Zähler eingetragen wird, der Vermerk einzutragen „ohne H a u s h a l t u n g s l i st e".
E. Oie Grundstücksliste.
Sie dient in der Hauptsache für bie technische Durchführung der Zählung. Sie ist vom Grund- ftütfseigentümer, Hausbesitzer ober dessen Vertreter auszufüllen. Als Vertreter der Grundstückseigentümer, bie zur Ausfüllung der Grundstücksliste berechtigt sind, gelten für bie Zählung auch Hausmeister, Portiers und u. U. von bem Zähler hierzu ernannte Bewohner (Mieter) des Hauses, bei denen der Zähler die ausgefüllte Grundstücksliste auch wieder abholt. Auf Grundstücken, die einer Gesellschaft, Verwaltung, Baugenossenschaft usw. gehören,
ist dafür zu sorgen, daß die ausgefüllte Grundstücks- liste rechtzeitig im Hause zur Abholung bereitgehalten wird, auch wenn bie Ausfüllung der Grundstücksliste in einer Derwaltunaszentrale, im Büro der Baugenossenschaft usw. erfolgt ist.
Eine Grundstücksliste ist grundsätzlich für alle Grundstücke, auf denen sich W o hnstätten ober Arbeits statten (Betriebe) befinden, auszufüllen. Für einzeln liegende Grundstücke, die lediglich mit unbewohnten Wirtschaftsgebäuden (z. B. Feldscheunen) ober lediglich mit Kirchen, Kapellen usw. bestanden sind, sind keine Grundstückslisten auszufüllen.
Der Grundstückseigentümer ober fein Vertreter hat zunächst das Verzeichnis der Gebäude auf Seite 1 der Grundstücksliste auszufüllen. An Hand dieser Angaben ist es jederzeit möglich, sich einen Ueberblick über die auf dem Grundstück befindlichen Gebäude und Wohnungen zu verschaffen. Weiterhin hat der Grundstückseigentümer ober sein Vertreter auf ber Seite 2, in Abänberung der Vorbemerkung zu Ziffer A „Verzeichnis ber Haushaltungen und Arbeitsstätten (Betriebe)", die Spalten 1 bis 4 nicht wie dort angegeben Spalte 1 bis 8 jeweils einzutragen, welche Haushaltungen und Arbeitsstätten sich auf dem Grundstück befinben. Die Spalten 5 bis 10 auf Seite 2 ber Grundstücksliste werden später vom Zähler ausgefüllt.
Die Grundstücksliste ist also ein Verzeichnis der Haushaltungslisten, Umschläge mit Ergänzungskarten, Land- und Forstwirtschaftsbogen, nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten-Bogen, des betreffenden Grundstücks.
Oberster Grundsatz muß bei dem Zählgeschäft fein, keine Haushaltung, keinen Land- und For st Wirtschaftsbetrieb und keine Arbeitsstätte zu vergessen. Ebenso dringend erforderlich ist es, baß bie Zählpapiere richtig und lückenlos ausgefüllt werben.
Denn: Die Zählung soll bem Führer und feinen Mitarbeitern zuverlässige Grundlagen für die Aufbauarbeit für bie nächsten
Jahre liefern. Es ist daher die Pflicht aller, dazu beizutragen, baß bie Zählung vollstänbig, schnell und lückenlos durchgeführt wird.
Monatsappell der ehern. 116er.
Beim jüngsten Monatsappell der Kameradschaft ehemaliger 116er im „Auerhahn" waren wieder Kameraden des aktiven IR. 116 zugegen, aus dessen Reihen bie Kameradschaft neuen Zuzug erhielt. Kameradschastsführer Hans Bill dankte den Kameraden, die als Ehrenabordnung an der ©eburtsi tagsfeier für den Führer auf dem Trieb teilgenommen hatten. Er berichtete bann über bie Vorbereitungen zum Reichskriegertag in Kassel anfangs Juni unb stellte eine erfreulich zahlreiche Anmeldung für bie Teilnahme fest.
Der Schießdienst der Kameradschaft hat große Fortschritte gemacht, so daß ber Schießwart Kam. Kern berichten konnte, daß einiae Kameraden bereits ihre Pflichtübungen ausgeführt haben. Für den Kreisfchießwettkampf sollen neue Gruppen ausgestellt werden, darunter auch solche aus aktiven Kameraden. Der Kreisschießwart des NS.-Reichs- kriegerbundes. Kam. H a n f f, sprach an schließ end über den Schießdienst als Ausdruck des Kameradschaftsgeistes. Aus einer Reihe von Berichten der verschiedensten Kameradschaften ließ er die Auffassung verständlich werden, bie für den Schießdienst erforderlich ist, wenn er ber Förderung des Kameradschaftsgeistes und der Wehrertüchtigung dienen soll. Dadei knüpfte er an die großen Erfolge des Kreisverbandes Gießen an und gab der Hoffnung Ausdruck, daß jede Kameradschaft ihr Teil dazu beiträgt, daß der Kreisverband wieder in bie Lage versetzt wird, ausreichend Patronen überwiesen zu bekommen. Er erläuterte bie Bestimmungen für den Schießdienst unb vor allem für den Kreiswettbewerb, der in ber Zeit vom 15. bis 17. Juli durchgeführt wird. Im Anschluß an die Erläuterung ber Versicherungsbestimmunaen beim Schießdienst sprach Kam. H a n f f über das Versicherungswesen an sich, soweit dem NSRKB. ein Anteil daraus zufällt. Insbesondere behandelte Kreisschießwart H a n f f die verschiedenen Spenden, von denen nicht ausreichend Gebrauch gemacht wird.
Propagandawart Kam. Roeder gab hierauf einige praktische Hinweise für die Vertiefung ber Arbeit und bie Förderung ber Kameradschaft.
Gießener Dochenmarktpreije.
* Gießen, 16. Mai. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Pf., Matte 25 bis 50, Käse, 4 bis 10 Pf. das Stück, Wirsing, % kg 22 bis 28, Schnittkohl 20, Weißkraut 15, Karotten 15 bis 16, Spinat 20 bis 25, Spargel, 1. Sorte 85 bis 90, 2. Sorte 75 bis 80, 3. Sorte 65 bis 70, 4. Sorte 40 bis 44, Erbsen 25, Tomaten 45 bis 50, Zwiebeln 16 bis 18, Schwarzwurzeln 45 bis 50, Rhabarber 18 bis 20, Kartoffeln, neue, % kg 18 Pf., alte, kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,40 bis 4 Mark, Salat, das Stück 20 bis 35 Pf., Salat- gurken 40 bis 80, Oberkohlrabi 20 bis 25, Lauch 5 bis 15, Sellerie 10 bis 50, Rettich 10 bis 20, Das Bündel 20 bis 30, Radieschen 15 bis 20 Pf.
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* * Silberne Hochzeit. Die Eheleute Heinrich Ohr unb Frau Sophie, geb. Schmidt, Wetzlarer Weg 55 wohnhaft, begehen am heutigen /Dienstag, 16. Mai, das Fest ber Silbernen Hochzeit. Dem
Hinter der weißen Vorderseite der Zähne fitjt oft der häßliche Zahnstein!
Bekämpfe ihn mit
I CAT TnAVZAHN
Eine grau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlln
28 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Sie hatte für ihre angebliche Geburtstagsfeier einige Gäste geladen, zu denen sich später auch Mikeny gesellte. Man war sehr vergnügt, man lachte, tanzte, unb da die Gesellschaft in den weiten Räumen des Hotels sich ziemlich zerstreute, fiel es nicht weiter auf, daß Mikeny verschwunden war. Dina wollte sich früher zurückziehen, um zu packen, und ver- abschiedte sich von ihrer Kusine gegen halb zwölf. Sie wunderte sich, daß Margit ihr nicht wie üblich zuredete, noch auszubleiben, nahm es aber als Rücksicht auf ihre Abreise. Das seltsame Lächeln, das ihre Kusine ihr nachschickte, sah sie nicht.
Sie schloß die Außentür ihres Zimmers auf, durchschritt Öen kleinen Vorraum, in dem sich die Schränke befanden, und schaltete innen bas Licht ein, nicht, Claubette, ich bin es!" sagte eine melodische um gleich barauf mit einem halb unterbrüdten Schreckenslaut zurückzuweichen.
Eine Gestalt erhob sich aus bem Sessel. „Erschrick nicht, Claubette, ich bin es!" sagte eine melodische Stimme leise.
Dina stand wie erstarrt, die eine Hand noch am Lichtschalter, bie andere gegen den Mund gepreßt. So blieben sie eine Weile stumm unb sahen sich an. Endlich sprach sie, es war mehr ein Flüstern: „Was willst du hier?"
„Hast du wirklich gedacht, ich lasse dich morgen reisen?" Seine Stimme war von bestrickender Zärtlichkeit.
„Willst bu es hindern — auf diese Weise?" Der Versuch, ihn durch einen überlegenen Ton in Schach zu halten, mißlang kläglich.
Er machte einen Schritt auf sie zu. „Du weichst mir aus, Claubette! Du gibst mir keine Möglichkeit, mit dir allein zu sein, dir zu sagen, wie ..."
„Wir haben uns nichts zu sagen", unterbrach sie schroff in verzweifelter Anstrengung, ber Lage Herr zu bleiben.
Er stand nun dicht vor ihr. „Wir haben uns sehr viel zu sagen, das weißt bu — und deine Abreise morgen ist nichts weiter als Flucht vor mir — unb dir selbst!" Noch ehe sie eine Antwort fand, sprach er weiter. „Du kannst vor mir fliehen, Claubette, aber glaubst bu, daß bu dir selber auch entfliehen kannst? Du hast in diesen ganzen Jahren unsere
Liebe nicht vergessen, das habe ich gefühlt, als ich dich das erstemal wiedersah. Und ich" — ein Zögern, vielleicht das Zwanzigstel einer Sekunde — „ich will doch weiter nichts, als mein Unrecht gutmachen!" schloß er dann überzeugt.
Die Frau starrte ihn aus weitgeöffneten Augen an, zu wehrlos durch die Ueberrumpelung, um ihn abzuweifen, als er immer glühender, immer eindringlicher die Zeit ihrer Liebe auferstehen ließ. Er konnte bezaubern, wenn er wollte, und hier wollte er; er steigerte sich selbst in eine Leidenschaft hinein, die überzeugte, weil sie — im Augenblick wenigstens — echt war.
Es ist ja wahr, tausendmal wahr, denkt Dina, nie war ich so glücklich wie damals — und alles, was nachher kam, ist für diesen Augenblick aus ihrem Bewußtsein ausgelöscht. Sie wehrt sich nicht, als seine Hände nach ihr greifen; sie sieht wie gebannt in bas schöne Gesicht dicht über ihr, dann läßt sie sich mit geschlossenen Augen in die Umarmung fallen, die alle Seligkeit des Einst zurückrufen soll.
Und bann — ist alles ganz anders. Nichts von bem überwältigenden Glück von damals, nichts von ber flammenben Glut, bie früher bei jebem Kuß zu ihr hinüberschlug, eine eisige Frembheit durchströmt sie unb läßt ihre Lippen erstarren. Eine, zwei Se- kunben steht sie unbeweglich, bann weicht die Lähmung, unb sie stößt ihn so brüsk zurück, daß er taumelt.
Er weiß sich den jähen Umschwung nicht zu deuten, ebensowenig wie den veränderten Ausdruck des weißen Gesichts, das eben noch so gelöst, zu bereit zur Hingabe war.
„Aber, Claudette, was ist denn?" murmelte er und versucht, sie wieder an sich zu ziehen. Sie tritt hastig zurück unb steht nun mieber neben ber Tür, bie sie mit einem Ruck aufreißt. „Bitte, geh!" Es ist ein tonloses Flüstern; er errät ihre Worte nur aus ber Bewegung ihrer Lippen. Als er trotzdem wieder einen Schritt auf sie zumacht, weicht sie durch den kleinen Dorraum bis zur Außentür zurück. Draußen auf dem Flur gehen Leute lachend und plaudernd vorbei; ihre Stimmen klingen seltsam unwirklich hier in dem kleinen halbdunklen Raum, in dem bie beiben sich stumm gegenüberstehen. Mikeny weiß nicht, was er aus ber Situation machen soll; er ist noch weit davon entfernt, zu begreifen, bafe die Frau vor ihm sich endgültig von ihm gelöst hat in der gleichen Sekunde, in der er sich als Sieger sah. Aber gleichzeitig warnt ihn sein In- stinkt diesem fremben, starren Gesicht gegenüber; wenn er nicht alles verderben will, muß er sie jetzt in Ruhe lassen.
„Ich gehe, Claudette", murmelte er mit unterdrückter Stimme, denn schon wieder gehen draußen Leute vorbei, „wenn du mir versprichst, nicht abzureisen, wenigstens nicht, ehe mir uns noch einmal gesprochen haben", brännt er, als sie stumm bleibt unb ihn nur mit einem merkwürbig fernen Blick ansieht.
Durch die halboffene Tür fällt das Licht gerade auf fein Gesicht. „Versprich es", wiederholt er noch- mals seine Forderung, „ich gehe nicht, ehe ..."
„Ich verspreche es", unterbricht sie hastig; ihre Stimme ist erschöpft wie von einer ungeheuren Anstrengung.
Das genügt ihm nicht. „Wann?" verlangt er herrisch.
Sie sieht, daß seine Verblüffung über ihren unerwarteten Widerstand zu weichen beginnt, und erschrickt. Nur jetzt keine Auseinandersetzung, nur jetzt nicht; sie muß allein sein, um zu ergründen, was in diesen letzten Minuten mit ihr geschehen ist. „Ich rufe dich morgen früh an, ganz bestimmt!" sagt sie hastig und öffnet bie Außentür ohne Rücksicht auf ihren Ruf. Er will keinen Hotelklatsch, greift nach ihrer Hand unb zieht sie mit einer fast heftigen Bewegung an bie Lippen. Dann geht er.
Er spürt bie Kälte ihrer Finger noch, als er langsam bie Treppe hinunterschlendert, um sich unauffällig mieber unter bas Publikum zu mischen. Vielleicht doch nicht das Richtige gewesen! denkt er in unbestimmtem Mißbehagen'; babei ging es erst so gut! Was mag nur so plötzlich in sie gefahren sein? — Aha, bah! Weiberlaunen! Will mich zappeln lassen! antwortet tröstenb sein Selbstbewußt- fein. Morgen geht bie Sache in Ordnung!
Dina hat, kaum daß er aus der Tür mar, den Riegel vorgeschoben und unbeweglich gelauscht, bis seine Schritte verhallt sind. Daraus geht sie in ihr Zimmer zurück, nicht ohne auch hier sofort abzu- riegeln, läßt sich in einen Sessel fallen und starrt vor sich hin. Sie weiß zwar, daß etwas ganz Seltsames in ihr Dorgegangen ist, aber sie kann es noch nicht erfassen und ist erfüllt von einem dumpfen, lastenden Unbehagen. Sie hat diesen Mann geliebt, hat ihn nie vergessen können in alle den Jahren — und in dem Augenblick, als er sie im Arm hält, empfindet sie nichts als eine tödliche Gleichgültig- feit. Es ist ein ihr unendlich ferner und fremder Mann, ber sie geküßt hat, und alles in ihr ist plötz- lich Widerstand gegen diesen Kuß gewesen.
Aber warum?! — Warum konnte sie nicht in jener Minute ebenso glücklich sein wie in ber Zeit, bie so leuchtend in ihrer Erinnerung stand, in — ihrer — Erinnerung
Dina richtet sich mit einer jähen Bewegung auf unb schließt gleichzeitig die Augen, als ob über- grelles Licht sie blendet. Das war es: Erinnerung! Ihre Liebe war längst gestorben, von der Erinnerung mit trügerischen Hüllen zugedeckt. Heute, in dem kurzen Augenblick in Mikenys Armen, hatte sie die Hüllen weggerissen, und darunter war — nichts. Sie hatte sich eingesponnen in ein Netz, das sie von der Wirklichkeit abschloß, hatte das Leben an sich vorbeigehen lassen — unb alles nur um eine Erinnerung!
Einen unterbrüdten Laut stößt sie aus, halb Schluchzen, halb Jauchzen, bann ist sie mit einem Sprung an der Balkontür und läßt die klare, frische Winterluft hereinströmen; es liegt fast etwas feier» lich Symbolisches in ihrer Bewegung. Sie steht in der offenen Tür und schaut zu den Bergen hinüber. Es ist abnehmenber Mond, ganz schwach steht die Sichel gegen den klaren Himmel; nach dem Schnee- fall der letzten Tage schimmern die Gipfel in makel- losem Weiß.
Dina legt den Kopf zurück und atmet tief die reine Lust. Unb jeder Atemzug befreit sie mehr von der Last an Bitterkeit, Kummer unb Sehens» mübigfeit der letzten Jahre, bis aller Druck ge« schunden ist und nur ein ungeheures Gefühl der Befreiung sie durchbringt.
Das Gefühl ber Befreiung, bas sie in den Schlaf begleitet hat, beherrscht zunächst ihr Erwachen, und sie gibt sich diesem neuen und wunderbaren Gefühl eine Zeitlang hin, ehe sie beginnt, sich die Einzel- heften des vergangenen Abends ins Gedächtnis zu- rückzurufen.
Ihr Gesicht verliert den frohen Ausdruck, als sie an Mikeny denkt. Um ein weniges nur, unb er hätte fein Ziel erreicht; nicht auszudenken, wenn die Erkenntnis zu spät gekommen wäre. Dennoch zürnt sie ihm nicht: fein Zergrübeln in freiwilliger Isolierung hätte ihr so schonungslos ihren großen Irrtum bewiesen wie dieser Ueberrumpelungsner» such, burch den Mikeny alles zu gewinnen hoffte — und alles verlor.
Nur diese letzte Aussprache mit ihm lag noch als Schranke vor bem neuen Dasein, eine Aussprache; bie ebenso überflüssig wie quälend war. Eigentlich hatte er ihre Zustimmung erpreßt, ober dennoch — sie wollte Wort halten und versuchen, sich ihm verständlich zu machen, damit sie in Frieden ausein- arrbergingen. Und wenn diese Auseinandersetzung ihr doch nicht erspart blieb, bann war es am besten, sie so rasch wie möglich hinter sich zu haben.
(Fortsetzung folgt.)


