Ausgabe 
16.5.1939
 
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m. 115 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 16. Mi 1939

Aus der Stadt Gießen.

Atter Anfang ...

Hannelore ist sechs Jahre alt, aber sie trägt be­reits ihre Pflichten. Wenn sie von diesen Pflichten spricht, macht sie ein bitterernstes Gesicht und sieht den kleinen Bruder nicht an, der daneben steht.Er ist ja noch s o klein und versteht nichts davon", sagt sie überlegen.Peter noch klein", bestätigt dann der dreijährige Bruder ebenso ernst, was ihn aber nicht abhält, nach der Tafel zu greifen, auf der Hannelore ihren Studien nachgeht. Wobei es nicht selten zu lebhaften Auseinandersetzungen kommt, denn Hannelore versteht in diesen Dingen keinen Spaß, während sich Peter als ein hartnäckiger kleiner Bursche erweist.

Dor einigen Wochen, als Hannelore vom ersten Schulbesuch zurückkam, glühte sie vor Begeisterung. Die Schule war eine großartige Sache, die Lehrerin Gegenstand grenzenloser Verehrung. Doch dann kamen die Aufgaben, nämlich die Pflichten. Zu­nächst waren es Fähnchen und kleine Häuschen, die auf der Tafel prangen mußten. Hannelore machte sich eifrig ans Werk. Es entstanden wahre Wunderdinge, über die sich die ganze Familie mit- sreuen mußte.Sind sie nicht sehr schön?" fragte Hannelore immer wieder beifallheischend, und strich ihren Ruhm ein, als wäre sie eine Künstlerin gro­ßen Formats.

Aber dann tauchten eines Tages die ersten Buch­staben auf ihrer Tafel auf. Ein kleineso", ein kleinesu", und schließlich eina". Hannelore schrieb mit schwitzenden Händen und keuchte dann und wann aus tiefster Seele. Häuschen und Fähn­chen waren doch leichter. Der Griffel fuhr kreischend über die Tafel und zeichnete Linien mit solchem Nachdruck, als seien es Runen, die der Nachwelt erhalten bleiben müßten. Dann und wann brach der Griffel ab, und dabei zeigte sich das Eingreifen der Mutti als notwendig. Einerseits, weil der Grif­fel wieder gespitzt werden mutzte, anderseits, weil der erlahmende Eifer eine Ermunterung brauchte.

Seit kurzem ist Hannelore indessen sehr stolz und prahlt geradezu mit ihren Pflichten.Ich kann schon mama schreiben und oma", erzählt sie strah­lend jedem Hausgenossen. Auch das Wort miau gehört bereits zum Bestand ihrer Schriftkunst. Es ' ist eine spannende Geschichte, diese Sache mit den neuen Wörtern. Freilich, wenn sie dann nicht mehr neu sind, ist es mit dem Reiz auch schon vorbei, und der Eifer äußert sich gedämpfter. Aber die Lehrerin sorgt schon für reichliche Abwechslung, und so findet der Eifer nach Tagen der Ebbe wieder Grund genug, zur stürmischen Flut anzusteigen. Für die erwachsenen Hausbewohner ist dieser Vorgang allerdings ein deutlicher Beweis dafür, mit welchen Mühen es verbunden ist, in die Geheimnisse des Lesens und des Schreibens einzudringen. Und wenn sie hier und da auch ein Lächeln über Hannelores Pflichten nicht unterdrücken können, so wird in ihnen doch eine flüchtige Erinnerung wach, wie es damals war, als sic selbst das Abc erlernen muß­ten. Aller Anfang ist eben doch schwer ...

Bornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Gloria-Palast (Seltersweg):Der Gouverneur". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Salonwagen E 417".

Sladlthealer Gießen.

Die 32. und letzte Vorstellung der Dienstag-Miete der Spielzeit 1938/39 ist auf Dienstag, 23. Mai, ver­legt.

Bund Deutscher Mädel.

Mädelgruppe 4/116 Gießen-Nord.

Die gesamte Gruppe tritt heute, Dienstag, um ZO Uhr, in Kluft, zur Iugenüluftschutzkundgebung an der Schillerschule an.

Oie Volks-,Berufs- und Betriebszählung am^I.Mai

Anleitung zur Ausfüllung der Zählpapiere.

Von Verwaliungs-Inspektor Aothermel.

(Fortsetzung und Schluß.)

B. DieErgänzungSkarte rmt Umschlag.

Die Ergänzungskarte dient in erster Linie zur Durchführung der durch die Rassegesetzgebung beson­ders wichtig gewordenen Abstammungserhebung. Um zu vermeiden, daß der zur Ausfüllung der Er­gänzungskarte Verpflichtete falsche Angaben macht, weil er eine unerwünschte Ausnutzung dieser An­gaben befürchtet, z. B. durch den Vermieter, durch Hausgenossen oder Dritte, ist die Ergänzungskarte in einem verschlossenen Umschlag abzu- gebcn.

Die Ausfüllung der Spalten 5 bis 8 der Er­gänzungstarte kann für den Schwierigkeiten berei­ten, der über die Großeltern nichts weiß und es bisher nicht für nötig hielt, Ahnenforschung zu treiben. In diesem Falle müssen trotzdem Angaben, und zwar nach b e st em Wissen gemacht werden, da die Angaben auf jeden Fall in der Ergänzungs­karte vollständig sein müssen. In die Spalten selbst mußja" odernein" eingetragen werden. Unbestimmte Antworten genügen nicht. In Zwei­felsfällen muß zur Entscheidung die Religionszuge­hörigkeit des Großelternteils herangezogen werden.

Für abwesende Mitglieder einer Haushaltung, die nicht zur Familie des Haushaltungsoorstandes gehören, hat der Hausholtungsvorstand trotzdem in der Ergänzungskarte Angaben über Abstammung und Vorbildung, soweit er dazu in der Lage ist, zu machen. Andernfalls hat er einen Vermerk auf der Ergänzungskarte anzubringen, für welche Personen und warum keine Angaben gemacht werden konnten.

Die Ergänzungskarte ist im übrigen von jedem Haushaltungsvorstand für sämtliche Angehörige seiner Haushaltung auszufüllen. Auch die Personen, die nicht zur. Familie des Haushaltungsvorstandes gehören, also z. B. Hausgehilfen, Gesellen, Lehr­linge, Untermieter, Pensionsgäste usw., werden in die Ergänzungskarte der Haushaltung mit eingetra­gen. Auf Wünsch eines der Letztgenannten kann eine besondere Ergänzungskarte mit Umschlag zur Ausfüllung ausgehandigt werden. Diese zweite Er­gänzungskarte wird ebenfalls in einem besonderen Umschlag, und zwar verschlossen, an den Haushal­tungsvorstand abgegeben, der sie dem Zähler un­geöffnet auszuhändigen hat. Es ist daher mög­lich, daß zu einer Haushaltungsliste zwei oder meh­rere Umschläge mit Ergänzungskarten gehören. Zu beachten ijt dabei, daß die Gesamtzahl der auf den Umschlägen angegebenen Personen mit der Zahl der in der Haushaltungsliste unter. A und B eingetra­genen Personen übereinstimmt.

Der Umschlag darf von dem Haushaltungs- vorstand von einem Untermieter, falls er auf fei­nen Wunsch eine besondere Ergänzungskarte aus­gefüllt hat, und später von dem Zähler nur ver­schlossen entgegengenommen werden. Vor allem muß auf dem Umschlag der Name des Hctushal- tungsvorstandes und die Zahl der Personen, Vie die einliegende Ergänzungskarte enthält, verzeichnet fein. Auf keinen Fall dürfen auch noch andere Zähl­papiere, z. B. die Haushaltungsliste, im Umschlag verschlossen abgegeben werden. Der Zähler ist n i ch t berechtigt, den Umschlag für die Ergänzungskarte zu öffnen. Hat ein Ausfüllungspflichtiger die Ab­sicht, auch die anderen Zählpapiere verschlossen zu übergeben, so muß dazu ein anderer Umschlag, keinesfalls der für die Ergänzungskarte, verwendet werden. Zur Oeffnung solcher anderen Umschläge ist der Zahler verpflichtet, um seine Prüfungsarbeiten durchführen zu können.

C. DerLand- und Forstwirtschaffsbogen

Auf Seite 4 der Haushaltungsliste in Abschnitt E war die Frage 1 nach der Bodenbewirtschaftung

von jedem Haushaltungsvorstand zu beantworten. Lautet dort die Antwortja", so sind auch die an­deren Fragen zunächst bis zur Frage 4 zu beant­worten. Ist bei Frage 4 eine bewirtschaftete G e - samtfläche von 0,5 ha oder mehr ein­getragen, so muß der Haushaltungsliste außerdem noch ein ausgefüllter Land- und Forstwirtschafts- bcgen beigelegt werden.

Der Land- und Forstwirtschaftsbogen ist grund­sätzlich vom Bewirtschafter auszufüllen. Als Bewirtschafter gelten: Eigentümer, Pächter, Dienst­landinhaber und sonstige selbständige Betriebsleiter.

Der Land- und Forstwirtschaftsbogen ist grund­sätzlich am O r t des Betriebs auszufüllen. Als Ort des Betriebes gilt im allgemeinen der Sitz der Haushaltung, von der aus der Betrieb bewirtschaf­tet wird. In dem Land- und Forstwirtschaftsbogen ist die ganze, einheitlich (d. h. von einer Stelle aus) bewirtschaftete Flüche anzugeben, gleichviel, ob diese innerhalb oder außerhalb der Gemeindegemarkung liegt, zu welcher die Haushaltung gehört.

Als Betriebsinhaber gilt derjenige, für dessen Rechnung bewirtschaftet wird, einerlei ob es sich um eine oder mehrere Personen (Erbgemeinschaf­ten) oder um private Gesellschaften, Genossenschaf­ten oder um öffentliche Körperschaften, wie Reich, Staat, Gemeinden, Kirchen, Stiftungen usw. han­delt.

D. Oer Fragebogen für nichtlandwirt- schastliche Arbeitsstätten.

Er dient zur Durchführung, der sog. Arbeits­stättenzählung. Grundsätzlich soll durch die­sen-Bogen jede nichtlandwirtschaftliche A r b e i t s st ä t t e, also jeder Gewerbebetrieb, In­dustriebetrieb- Handwerksbetrieb, Hausgewerbe- und Heimarbeitcrbetrieb, Handelsbetrieb, jedes Büro, jede Behörde, Parteidienststelle, sowie jeder Ange­hörige eines freien Berufes, jeder Arzt, jeder Rechtsanwalt, jeder Schriftsteller erfaßt werden. Ferner müssen Altersheime, Heil- und Pflegeanstal- ten, Versorgungsheime, Krankenhäuser, Kliniken usw.,auch dann diesen Fragebogen ausfüllen, wenn sie gemeinnützigen oder öffentlich-rechtlichen Charak­ter tragen oder Stiftungen sind. Anstaltswerkstätten,

falls sie nicht nur für die Anstalt tätig sind, müssen außerdem noch einen besonderen Fragebogen für nichtlandwirtschaftliche Arbeitsstätten ausfüllen, neben einem nichtlandwirtschaftlichen Arbeitsstüt- ten-Fragebogen, der von der Anstalt für die An­stalt auszufüllen ist. Hebammen, Krankenschwestern, die selbständig sind, müssen ebenfalls diesen Bogen ausfüllen. Weiterhin: Agenten, Reisende, Vertreter, jedoch nur dann, wenn sie selbständig sind und der Wirtschaftsgruppe Dermittlergewerbe oder einer! ihrer Fachgruppen angehören.

Aerzte mit eigener Praxis, Bücherrevisoren, Graphiker, Künstler, Rechtsanwälte, Schriftsteller, Tierärzte und ähnliche frei schaffende Selbständige! haben auch dann einen Fragebogen auszufülle'n, wenn die Arbeitsstätte in der Wohnung dep

Nicht hungern

Betreffenden liegt. Beamtete Aerzte und beamtete! Tierärzte haben nur dann einen Fragebogen aus­zufüllen, wenn sie außerhalb der für sie zuständigen Dienststelle in ihrer Wohnung über ein Sprech- oben Beratungszimmer verfügen.

Automatische Anlagen (Pumpwerke, Umformer­stationen, Warenautomaten), die nur gelentlichev Wartung bedürfen, in denen daher keine ständig hau^t- oder nebenberuflich tätige Personen vor­handen sind, sind nicht als Arbeitsstätten zu zäh­len. Dagegen sind zu zählen Badebetriebe, Boots­verleihbetriebe und Sportplätze. Arbeitsgemein­schaften von Baufirmen haben einen Fragebogen auszufüllen, wenn sie während der Bauzeit ein eigenes Büro mit eigenem Personal unterhalten. Lagerplätze von Bauunternehmern usw. sind nur dann zu zählen, wenn auf ihnen regelmäßig min­destens eine Person beschäftigt ist. Bedürfnis-

Heute Iugend-Lufischutztag in Gießen.

Sternmarsch der HI. durch die Stadt. Vorführungen auf Oswaldsgarten.

Im Rahmen der Reichsluftschutzwoche findet am1 heutigen Dienstag, 16. Mai, in Gießen der Jugend-Luftschutztag statt.

Aus diesem Anlaß treten die HJ.-Einheiten des Standorts Gießen um 2 0 Uhr vor ihren Heimen an und marschieren von dort in einem Stern- marsch durch die verschiedenen Stadtteile zum Oswaldsgarten, wo alle Einheiten bis 20.15 Uhr zur Stelle sein müssen. Nach dem Aufmarsch der HI. meldet der HI.-Standortführer, Oberstamm­führer Dr. Schneider, die HI. dem Kreisleiter Backhaus zur Stelle.

Hierauf beginnen von 20.30 Uhr die Selbst- s ch u tz ü b u n g e n , bei denen die Jungens und Mädels zeigen können, was sie in den Lehrgängen des Reichsluftschuhes gelernt haben. Bei diesen Vor­führungen werden die eingesetzten Hitlerjungen in den vorgeschriebenen Schutzanzügen des Selbst­schutzes mit Stahlhelm und Volksgasmaske die ver­schiedensten Uebungen durchführen. U. a. ist das

Löschen von Bränden mit Bildung einer Eimerkette vorgesehen, ferner soll das Vorgehen gegen Brandsätze gezeigt werden, schließlich folgt ein Löschangriff gegen ein in Brand gestecktes Holz­haus, wobei es sich darum handelt, in schneller und wirksamer Weise mit den Mitteln des Selbstschutzes den Brand zu löschen. Die Mädels vom BDM. werden auf einem anderen Teile von Oswalds­garten den Erfolg ihrer Ausbildung als Laien­helferinnen in der ersten Hilfe zeigen. Die Selbstschutzübungen stehen unter der Leitung des Vertreters des Reichsluftschutzbundes in Gießen, LS.-Führer Schmidt.

Die Amtsträger und Amtsträgerinnen des Reichs­luftschutzbundes treten geschlossen auf Oswalds­garten an, um den Uebungen der Jugend beizu­wohnen.

Nach den Vorführungen wird eine Kund­gebung auf Oswaldsgarten stattfinden, bet der Kreisleiter Backhaus das Wort ergreifen wird.

Oer Gouverneur."

Gloria-Palast.

Das SchauspielDie Fahne" von Otto Emme­rich Groh lieferte die Vorlage für das Drehbuch von Emil Burri und Peter Francke. Der Stoff enthält eine ganze Reihe wirksamer und für den Film brauchbarer Motive: politische Aktualität und kriminalistische Spannung, die große Gesellschafts- szene neben den intimen Reizen einer Liebes- und Ehegeschichte, ineinandergearbeitet zu einem orga­nischen Ganzen, zu einer Handlung, die in einem zwar nicht neuen, aber echten und unmittelbaren Konflikt gipfelt und mit einer zwar überraschenden, aber nicht unwahrscheinlichen Wendung zum Guten beschlossen wird: dies alles zusammengehalten und gleichsam überhöht von der Idee der Pflicht und eines schon überperfönlid) empfundenen Ehrbegriffs, wie er sich in dem ursprünglichen (und wohl aud) besseren) TitelDie Fahne" symbolisiert. Der Film spielt in einem nicht näher bezeichneten Lande, in einem Phantasiestaate, in welchem sich, über die Kopfe eines unfruchtbaren Parlaments hinweg, eine Mili­tärdiktatur und eine anarchistische Opposition als unversöhnliche Gegner gegenüberstehen. Daß tn diese mit allen Mitteln ausgetragene Machtprobe auch das persönliche Schicksal des Gouverneurs Ge­neral Werkonen als des militärischen Machthabers, , feiner Frau und eines jungen Offiziers (welcher der Frau des Gouverneurs als ihr Jugendfreund nahefteht) auf eine entscheidende und verhängnis­volle Weise verstrickt ist, gibt der Handlung ihre vor allem auch hn Darstellerischen begründete An­ziehungskraft. Brigitte Horney spielt die Frau des Gouverneurs, Maria Werkonen; ihr wieder zu begegnen, ist eine reine Freude: man glaubt zu spüren, wie sie mit jeder neuen Aufgabe, die der Film ihr stellt, innerlich wächst und reift. Ihr klares, beseeltes Gesicht, die Bedingungslosigkeit ihres Gefühls und ihre fast immer leicht verschlei­erte vieler Übergänge und zarter Zwischentone fähige Stimme beherrschen den schauspielerischen Eindruck weithin. Ihr Gegenspieler als der Gou­verneur ist Willy Birgel: ein ausgezeichneter Partner, und es fällt schwer, sich emen anderen Mann an seine Stelle zu denken; auch Birgel hat fidi entwickelt und darstellerisch gelockert; man emp­findet durch alle gesellschaftlid)e Repräsentation, mi­litärische Haltung und politische Härte hmburd) oie menschliche Beteiligung und ein persönliches Schick­sal. Den jungen Leutnant im schweren Zwiespalt gibt der mit demAufruhr in Damaskus bekannt­gewordene, übrigens in Hessen aufgewachsene Ernst

von Klip stein sympathisch, beherrscht und ge­sammelt. Den politischen Gegenspieler des Gou­verneurs gibt Walter Franck mit kalter Bered­samkeit, geschmeidig, gefährlich, brutal in der An­wendung seiner Mittel. Von den übrigen sind Albert Florath, Paul Bildt, Rolf Weih und Hanne­lore Schroth zu nennen, die noch sehr junge Tochter eines bekannten Schauspieler-Ehepaars, die imSpiel im Sommerwind" als Siebzehnjährige ihre erste große Rolle erhielt und hier einen nied­lichen und naturgetreuen Backfisch plappert. Der Spielleiter Toürjansky hat nicht nur die un­mittelbar eingehenden Wirkungen (etwa die Atten- tatsszene auf dem Bahnhof), sondern auch die zar­teren Spannungen in diesem Film mit Geschick und Geschmack zu behandeln verstanden. (Terra).

*

Im Beiprogramm gibt es die neue Wochenschau, eine Jongleur-Nummer auf der Bühne und den KulturfilmWer war cs?', den wir dieser Tage bereits angezeigt haben, und auf den um seiner volkserzieherischen und aufklärenden Tendenz willen noch einmal nachdrücklich hmgewiesen fei.

Hans Thyriot.

Aufruhr um Hänschen.

Von Werner Schumann.

Es ist rührend, zu sehen, wie die Menschen der Großstadt oft von einem unscheinbaren Ereignis so gebannt werden, daß sie ihre Eile, ihr Geschäft, ihre Straßenbahn, ja ihre Sorgen plötzlich zu ver­gessen scheinen. Dies Wunder brachte kürzlich wie­der ein Kanarienvogel zuwege, ein quicker Harzer Roller, der nicht nur seinem Käfig, sondern auch, verlockt von Sonne und Blüte, dem Zimmer ent­wichen war und nun hilflos und aufgeregt im Gärtchen vor dem Hause herumschwirrte. Am hohen Gitter, das das Grundstück von der sehr belebten Straße im Zentrum scheidet, stauten sich die Pas­santen, um dem munteren Versteckspiel zwischen Fräulein und Käfig zuzusehen. Denn es war in der Tat belustigend, wie Hänschen so hieß der gelbe Ausreißer seiner jungen, hübschen Be­sitzerin immer wieder unter den Derlangcnb aus- gestreckten Händen entschlüpfte. Das Fräulein bot alle Kosenamen auf. Es pfiff, schnalzte und streute ihm Futter hin. Hänschen blieb unerbittlich. Es mochte ihm nachgerade Spaß machen, einen aus- gemadjfenen Menschen herumzujagen. Jetzt kauerte es in der Hecke, dann im Buchsbaum, lugte ver­gnügt hinter einer brennend roten Japanquitte hervor, und wie das arg besorgte Fräulein auch

springen, rufen und klatschen mochte: Hänschen war dank seiner Flügel doch schneller!

Unter den Neugierigen vor dem Gitter fehlte es nicht an gescheiten Ratschlägen, wenn wir van denen absehen, die die entzückend ungeschickten Sprünge des hübschen Kindes mit verliebten Augen betrach­teten. Bald beteiligte sich ein stattlicherGemischter Chor" geräuschvoll an den Fangversuchen, Männer­hüte segelten auf den Vogel herab, die Kinder schrien vor Vergnügen und klatschten in die Hände, und die Fenster der umliegenden Häuser waren dicht belagert. Der Verkehr geriet buchstäblich ins Stocken, weil es einem winzigen Piepmatz einge­fallen war, einmal den Frühling draußen zu ge­nießen.

Da ging ein Ausruf der Ueberraschung burd) die Menge: Hänschen hatte mit einem eleganten Hüp­fer die Straße gewonnen! Sein helles Kanarien- gefieder leuchtete einmal hier, einmal dort im La­byrinth der Füße auf. Mit einem Schlage waren sie alle in Bewegung. Ein ungeschickter Tritt und das Vogelleben hätte lautlos ausgehaucht. Wenn ihn bloß keiner zermatscht!" stöhnte die rundliche Hausgehilfin, die ein Kuchenblech in die Seite preßte. Doch Gott schien den kleinen Schwirrer zu schirmen. Als er die gefährliche Menschenkette glücklid) durchbrochen hatte, stieg er wie befreit empor. In diesem dramatischen Augenblick holte eine Männerhand wuchtig nach ihm aus, mit uner­wartetem Erfolg allerdings: eine Frisur war de- rangiert worden, und eine stämmige Person sandte dem flüchtigen Täter unfreundliche Ermahnungen nach. Schlie'ßlich gelang es einem streng aussehenden Wachtmeister, das flatternde Etwas einzufangen. Wie ein Kind strahlte er vor Stolz. Seine ge­räumige Hand schloß sich zärtlich um den warmen, zuckenden Vogelleib. Eine ungewohnte Situation. Alle Augen hefteten fid) auf ihn, den Retter, wie er, sporenklirrend auf das ihm dankbar entgegen« blistende Fräulein zuschritt. Da in der Sekunde der feierlichen Uebergabe ein neues Hallo: in hohem Bogen war der wendige Vogel der schweren Faust entwischt und flatterte in den Fliederbusch, um sich eins zu trillern. Ein wenig verlegen stand der Wachtmeister vor dem gleichfalls verlegenen Fräulein. Und die aufregende Gedulds- und Ge- schicklichkeitsprobe begann von neuem. Dem wür­digen Gelehrten, dem sich Hänschen bald darauf auf die wogende Krempe feines schwarzen Hutes setzte, erging es nicht besser: oertattert griff er in die Luft, unwissend, von welcher Seite er den Flüchtling packen sollte. Ein Pimpf endlich rettete den Würdigen vor der allgemeinen Heiterkeit: mit gutgezieltem Griff hielt er das Tierlein, mochte im

Eifer der professorale Hut auch über den Bürger« steig rollen ...

Ja, unser Herz klopfte, als wir auseinander gingen und den Fall besprachen. Gott weiß, was in dieser halben Stunde die Weltgeschichte wieder in ihrem dunklen Schoß gebraut hatte. Wir hatten es vergessen, grün bild) vergessen; vergessen unsere Geschäfte, unsere Straßenbahn, unsere Sorgen. Ein kleines, närrisck)es Spiel am Wege nahm uns ge­fangen, ein Kinderhändchen voll Uebcrmut, Gesang und Daseinsluft. Wahrhaftig, eine winzige Kreatur vermag mit hundert ernsten, erwachsenen Menschen, die im Lebenskampf stehen, Possen zu treiben. Auch mag es leidster sein, ein feuriges Roß zu zügeln, als einen kleinen Vogel seiner Herrin auszu­händigen.

Hochschulnachrichten.

Der frühere Direktor des chemischen Institutes der Universität Marburg, Professor Dr. Karl von A u w e r s, ist im 76. Lebensjahr g e ft o r b e n. Pro­fessor von Auwers war Mitglied der Physikalisch- Medizinischen Sozietät zu Erlangen, der Leopoldina in Halle und der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Seine zahlreichen Arbeiten liegen in der Hauptsache auf dem Gebiet der organischen Chemie und der Spektrochemie.

Der ao. Professor an der Universität Leipzig, Dr. Eugen Mog k, einer der namhaften Vertreter der deutschen Germanistik, ist im Alter von 84 Jah­ren geftorben. Eugen Mogks Hauptarbeit galt dem Gebiet der nordischen Philologie. So verfaßte er eineGermanische Mythologie" und stellte auch Die Sprachenentwicklung und Sprachbewegung bei den nordgermanischen Völkern" dar. Neben seinen altnordischen Studien befaßte sich Eugen Mogk auch mit volkskundlichen Themen und trug wesentlich zur Dolkstümlichwerdung dieses Wissenschaftszweiges bei.

Professor Dr. Arnold Rademacher, der vor kurzem emeritierte Ordinarius für Apologetik und philosophische Einführung in die Theologie an der Universität Bonn, ist im 66. Lebensjahr g e ft o r b e n.

Es wurde übertragen: dem Professor Dr. Leon­hard Franz unter Ernennung zum ordentlichen Professor an der Universität Leipzig der Lehr­stuhl für Dor- und Frühgeschichte, dem Privat- dozenten Dr. med. Gustav Schmeidel unter Er­nennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Wien der Lehrstuhl für Topographische Anatomie, dem Dozenten Dr. Eduard Sch ratz unter Ernennung zum außerordentlichen Professor an der Universität Münster der Lehrstuhl für Pharmazeutische Botanik.