Ein denkwürdiger Tag der Freude.
Großer Fackelzug und Kundgebung von Partei und Wehrmacht in Gießen.
Herrichtung dieses Parks ist gegenwärtig im Gange. Der Park wird einen ebenso glücklichen Abschluß bilden, wie die Front des Monumentalbaues einen baukünstlerisch hervorragend eindrucksvollen Anblick bietet.
Aus der Stadt Gießen.
Von Störchen und Storchennestern.
Die Störche im Süden rüsten bereits zur Rückreise nach der deutschen Heimat. In den Monaten März und April treffen die langbeinigen Gesellen in ihren nördlichen Sommerwohborten ein. Da freut sich jeder Bauer, wenn er den Bogel wieder auf dem Dachfirst stehen sieht. Nach altem Volks- glauben ist der Storch ein Segen- und Glücksbringer. Zahllos sind die Sagen und Märchen, in denen der Storch eine Rolle spielt. In Oldenburg sagt man: Sieht man den Storch im Frühjahr zuerst fliegen, so ist man im laufenden Jahr ein fleißiger Mann. Sieht man ihn zuerst in der Wiese stehen, so ist man im ganzen Jahr ein „Stehimwege". Schier zahllos sind die Sprüche und Verse, die die Kinder vom Storch kennen. Ein altes niederdeutsches Rätsel lautet:
„Hebbt ji nid) sehn bat grote Ding, bat güstern abend up ben Karkhoff ging? Robe Strümp und lange Been, Soon Ding hebb ick min Läw nich sehn." Dazu kommen die vielen Reime, die den Storck) um einen Bruder oder eine Schwester bitten. Das Storchennest darf nicht berührt werden. Nur in Ausnahmefällen gewöhnt sich der Storch an Neuerungen. In Ollen (Stedingen) mußte eine Scheune, auf der ein Storchennest ruhte, erneuert werden. Der Besitzer errichtete auf einer Eiche ein künstliches Nest und brachte die jungen Störche behutsam in einem Korb hinüber. Die Altstörche gingen tat- sächlich mit in das neue Nest und betrachteten dieses fortan als ihr Heim. Dagegen genügte schon die Anlegung eines Blitzableiters, um die Störche für immer zu verscheuchen. Die Störche leisten dem Bauern durch die Vertilgung von Mäusen wertvolle Dienste.
Rund 140 Tage halten sich die Störche alljährlich bei uns auf. Ende August verlassen sie ihre Sommerheimat und fliegen wieder gen Süden.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Nanon". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Nacht der Entscheidung. — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Beflaggung bis auf weiteres.
DNB. Der Reichsminister des Innern gibt bekannt: Das Ende der mit meiner Anordnung vom 15. März d. I. verfügten Beflaggung der Dienstgebäude der staatlichen und kommunalen Verwaltungen und der Körperschaften, Anstalten und Stiftungen des öffentlichen Rechts wird besonders bekanntgegeben werden.
»Tag der Wehrmacht* wird in vollem Umfange durchgeführt.
DNB. Die Veranstaltungen aus Anlaß des „Tages der Wehrmacht" werden, wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, in vollem Umfange durchgeführt werden, soweit nicht im Einzelfalle örtliche Aenderungen erforderlich sind.
Postnummer und Leitstelle angeben.
Briefe an die deutschen Soldaten in Böhmen und Mahren. — Borläufig keine Päckchen und Pakete.
DNB. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt, daß die Postanstalten der Deutschen Reichspost Pakete und Päckchen an Soldaten, die mit ihren Truppen nach Böhmen und Mähren eingerückt sind, bis auf weiteres zur Beförderung nicht annehmen und daß Briefe nur befördert werden können, wenn neben der Postnummer noch die dazugehörige Postleitstelle angegeben ist. Um die Post nicht unnötig zu belasten, wird die Bevölkerung gebeten, diese Bestimmung zu beachten.
Der Einmarsch unserer Truppen in Böhmen und Mähren löste in allen Kreisen der Gießener Be- völkerung größte Begeisterung aus. Don den frühen Morgenstunden des gestrigen Mittwoch an standen vor den Nachrichten-Aushängen an unserm Geschäftshaus ununterbrochen große Scharen von Volksgenossen, die mit Eifer und mit frohen Mienen die Kundgebungen des Führers an das deutsche Volk und an die Wehrmacht, sowie die Meldungen über ben Vormarsch unserer Truppen lasen. Die Rundfunkapparate in den Wohnungen hatten Großbetrieb. Und auf ben Straßen hörte man überall nur einen Gesprächsstoff: bie großen politischen Ereignisse in ber zusammengebrochenen Tschecho-Slowakei und den Einmarsch unserer Truppen in Böhmen und Mähren. Nach der Aufforderung der Reichsregierung wm Flaggen zeigten die Straßen der Stadt im Handumdrehen das gewohnte festliche Bild eines überaus reichlichen Fahnenschmucks. Damit gab unsere Bevölkerung ebenfalls ihrer freudigen Anteilnahme an dem großen s dü= tischen Ereignis Ausdruck.
Großer Fackelzug.
Am gestrigen Spätnachmittag gab die Kreisleitung bekannt, daß sich am Abend alle Volksgenossen im Anschluß an einen Fackelzug der Partei und der
Auf dem Hofe der Zeughauskaserne war ber Große Zapfenstreich des J.-R. 116 aufmarschiert. Ihm gegenüber nahmen bie Formationen der Bewegung mit ihren Standarten und Fcchnen Aufstellung. Eine vieltausendköpfige Menschenmenge füllte den Platz so dicht aus, daß die aufmarschier- ten Einheiten auf engen Raum zusammenrücken mußten, damit für alle Platz geschaffen wurde. Hunderte von Fackeln und große Scheinwerfer der Wehrmacht gaben dem denkwürdigen Aufmarsch eine eindrucksvolle Note. Nachdem der Regiments- Adjutant, Hauptmann Breithaupt, dem Standortältesten, Generalleutnant von A p e l l, den Großen Zapfenstreich der Wehrmacht und SA.- Standartenführer Lutter dem Kreisleiter Backhaus die Formationen der Bewegung zur Stelle gemeldet hatten, folgte die
Ansprache des Kreisleiters Backhaus über das neue weltgeschichtliche Geschehen dieser Tage. Einleitend erinnerte ber Kreisleiter an die unvergeßlichen Tage des März 1938, als der Führer die deutsche Ostmark in das Mutterreich heimholte. Und nur ein Jahr später erlebe unser Volk wieder eine weltgeschichtliche Großtat unseres Führers. In dieser Stunde sei ein kurzer Rückblick auf die Geschichte des deutschen Volkes angebracht.
Der Kreisleiter erinnerte daran, daß der Ost- raum, der jetzt wieder im Vordergründe des Interesses stehe, vielen der zu dieser Feierstunde aufmarschierten Männer aus der Zeit des großen Krieges bekannt fei, denn damals hätten sie bei den siegreichen Vormärschen unserer ruhmreichen alten Armee die Weite und die Siedlungsmöglichkeiten im Osten selbst kennengelernt. Wenn heute unsere Truppen in Böhmen und in Mähren einmarschieren, dann müßten wir uns darüber klar fein, daß einst der ganze Osten deutsches Kolonisationsgebiet gewesen sei, das immer wieder von germanischen Menschen gegen die Anstürme fremder Völker verteidigt werden mußte. Oftmals hätten aber auch deutsche Kaiser ihre Aufgabe im Osten als deutschen Lebensraum verkannt und sich unter dem Einfluß der römischen Kirche für fremde Interessen eingesetzt unter Vernachlässigung der deutschen Lebensnotwendigkeiten im Dftraum. Sodann erinnerte der Redner
Wehrmacht zu einer großen Kundgebung im Hofe der Zeughauskaserne vereinigen würden. Daraufhin herrschte etwa von 19.30 Uhr ab in den Straßen Massenbetrieb. In der Ludwigstraße, mit ber Spitze an ber Ecke Bleichstraße, hatte sich vor 20 Uhr ber vom Jnf.-Regt. 116 gestellte G r o ß e Zapfenstreich unter Führung bes Regiments-Abjutanten, Hauptmann Breithaupt, zum Marsch durch bie Stadt bereitgestellt, anschließend waren bie Formationen ber Partei und aller Gliederungen und angeschlossenen Verbände in großer Stärke aufmarschiert.
Um 20 Uhr setzte sich der Fackelzug, die Zapfenstreich-Formation des J.-R. 116 an der Spitze, anschließend die SA., Politische Leiter, HI., Jungvolk, Sanitätsmannschaft vom Roten Kreuz und zum Schluß die ff in Bewegung. Der Marsch ging durch die von Tausenden von Volksgenossen umsäumten Straßen (Bleichstraße, Hindenburgwall, Neuen Bäue, Neuenweg, Seltersweg, Horst-Wessel-Wall, Bahnhofstraße, Marktstraße, Lindenplatz, Walltorstraße) zum Hofe ber Zeughauskaserne. Es war ein schier enblos langer Zug, der sich unter der schneidigen Marschmusik des Musikkorps des J.-R. 116, bes Musikzugs ber SA.-Standarte 116 und ber Spielmannszüge der HI. und bes Jungvolks burch das starke Spalier der Zufchauermenge zur Zeughauskaserne bewegte.
an die unvergänglichen kolonisatorischen unb kulturellen Werke des beutschen Ritterorbens, dessen Spuren in den großen Bauwerken der germanischen Kultur, aber auch an den Befestigungen im Osten noch heute, nach Jahrhunderten, festzustellen seien. U. a. fei hier auch darauf hinzuweifen, daß sich m Prag die erste deutsche Universität befinde, die noch bis auf den heutigen Tag, wenn auch unter schwierigen Verhältnissen, bestehe. Später fei ein großer Teil jenes deutschen Siedlungsgebietes wieder verloren gegangen, weil das deutsche Volk uneinig geworden und feine Machtstellung niedergebrochen fei. Erst Friedrich der Große habe einen großen Teil dieses deutschen Lebensraumes wieder mit dem Schwert zurückgeholt und dann durch feine Bauern- fieblung eine große Kulturtat von unvergänglichem Wert geschaffen.
Nach einem kurzen Ueb erb lick über den weiteren Verlauf ber beutschen Geschichte bis zum Enbe des Weltkrieges mit bem Niederbruch Deutschlands und der wahnwitzigen Politik der Westmächte erinnerte der Redner an die Schaffung des Saisonstaates der Tschechoslowakei, die ein Staatsgebilde war, in dem nur reichlich ein Drittel Tschechen wohnten, fast zwei Drittel aber fremde Völkerschaften waren. In diesem Staate lebten unter völligem Mißbrauch bes Selbstbestimmungsrechts der Völker 5 Millionen Tschechen, 3*/z Millionen Deutsche, 2V2 Millionen Slowaken, 730 000 Magyaren, 110 000 Polen, 15000 Rumänen, V2 Million Juden, Zigeuner unb anbere Völkerschaften. Mit diesen Zahlen machte der Redner den Wahnwitz der Männer von Versailles klar, die mit jenem Saisonstaat nur den Zweck verfolgten, im Osten Deutschlands einen ewigen Unruheherd zu schaffen. Jener Wahnwitz habe sich bitter gerächt.
Dann stellte ber Kreisleiter den Wiederaufstieg Deutschlands unter der Führung Adolf Hitlers zu einer Weltmacht ersten Ranges in das besondere Blickfeld ber Hörer, demgegenüber stellte er bie Anmaßung und die Frivolität des Benesch-Systems in ber Tscheche! mit feinen brutalen Unterdrückungs- maßnahmen gegen das deutsche Volkstum unter das Urteil ber Versammlung. Jenes Gewaltsyftem nach bem Muster Benesch sei in ben letzten Wochen wie- ber aufgelebt. Gewalttat über Gewalttat sei von ben Tschechen unb Kommunisten gegen die Angehörigen anderen Volkstums, insbesondere aber gegen unsere deutschen Brüder begangen worden. Die Prager Regierung sei schließlich nicht mehr Herr der
Lage gewesen. Wie in der größten Not unserem deutschen Volke in Adolf Hitler ein Retter erstanden sei, so habe jetzt auch bie Prager Regierung den Führer um seine Hilfe gebeten. Der Führer habe daher burch den Einmarsch unserer Truppen in Böhmen und Mährön ben Schutz des Deutschen Reiches für unsere dort lebenden Volksgenossen, zugleich auch für das tschechische Volk selbst gegen bas Blut- unb Gewaltregiment kommunistischer Horben gebracht. Unb mit unserer herrlichen Wehrmacht stehe auch hier wieber das ganze deutsche Volk in Treue und Dankbarkeit hinter seinem Führer Adolf Hitler.
Oer Zapfenstreich.
Anschließend spielte das Musikkorps des J.-R. 116 den Großen Zapfenstreich. Dann brachte Kreisleiter Backhaus das von der riesigen Menschenmenge mit großer Begeisterung ausgebrachte Sieg-Heil am ben Retter unb Führer Deutschlands Adolf Hit. ter aus.
Mit dem Gesang der Nationallieder und dem Vorbeimarsch der Wehrmacht und der Formationen der Bewegung vor dem Standortältesten, General, leutnant von Apell, und Kreisleiter Back, haus fand die denkwürdige Kundgebung ihm Abschluß.
Durchführung des Lohnsteuerabzuge ab L. April 1939.
Wie vom Reichsfinanzministerium mitgeteilt wird, sind die ab 1. April 1939 im Altteichgebiet geltender neuen Lohnsteuerdurchführungsbestimmungen am 10. März 1939 erlassen unb im Reichsgesetzblati veröffentlicht worden. Dazu ist ein Runderlaß bes Reichsministers der Finanzen vom 10. März 193'1 ergangen. In diesem Erlaß sind die wichtigste«« Neuerungen behandelt und die Arbeitgeber darüber unterrichtet, wie die Einstufung der Arbeitnehmer in die ab 1. April 1939 geltenden Steuergruppm I bis IV ber Lohnsteuertabelle vorzunehmen ist. 6s liegt im Interesse aller Arbeitgeber und aller Arbeit' nehmer, sich mit den neuen Bestimmungen alsbald vertraut zu machen und sich darüber zu unterrichten, ob die Steuerkarten 1939 der Gemeindebehörde ober Gießenern körperlich weit überlegen. Der Gießener bem Finanzamt zur Slenberung vorgelegt werden müssen. Solche Aenberungen müssen noch im Mär 1939 herbeigeführt werden.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 16. März. Auf dem heutigen Wochen- markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mart. Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10„ deutsche Eier, Klasse B. 12, C 11%, ausländisch« Kühlhauseier, Klasse A 12, Wirsing, % kg 16,, Weißkraut 12 bis 14, Rotkraut 14 bis 15, Karotteei 10 bis 15, rote Rüben 10 bis 16, Spinat 30 bis 36,. Unterkohlrabi 8 bis 10, Rosenkohl 25 bis 45, Feldsalat 1,10 Mark, 1/io 14 bis 15 Pf., Tomaten, XA kg; 30 bis 45, Zwiebeln 15 bis 16, Meerrettich 40 bis 70„ Schwarzwurzeln 35 bis 40, Rhabarber 60, Kartoffeln, kg 5 bis 7 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 ke; 3,95 Mark, Aepfel, % kg 35 bis 45 Pf., Blumenkohl., das Stück 30 bis 50, Salat 15 bis 25, Endivien 101 bis 25, Lauch 5 bis 12, Rettich 10 bis 15, Qefferie 10 bis 40, V-2 kg 35 bis 40, Radieschen, das Lundel 15 bis 20 Pf.
* * 73 Jahre alt. Am morgigen Freilap,. 17. März, begeht Herr Johannes Hill, Steinstraßr« Nr. 85 wohnhaft, in Frische seinen 73. Geburtstag. Herr Hill ist seit langen Jahren treuer Bezieher de;« Gießener Anzeigers. Wir gratulieren herzlich 3u,r: Geburtstag.
* * Vom Theater. Dom Stadttheater Gieße««. Intendant Hermann Schultze-Griesheim, wurden o« andere Bühnen des Reiches verpflichtet: W£ Vollert als 1. Salondame an die Städtische Bühnen, Köln; Eduard C o s s o v e l als 1. Held ff die Städtischen Bühnen, Kiel; Kurt Haars al
Große Kundgebung in der Zeughauskaserne.
Das Möchm Mm.
Homon von Walther Kloepffer.
(lopvrlghl bg <larl Duncker Bering,BerlinWss
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Ich bitte dich, Georg, fahr nicht so schnell", bat Anna ängstlich und mit großem Stimmaufwand. Sie saß auf dem Soziussitz, fror gottsjämmerlich an ihren niedlichen Beinen und klammerte sich in jeder Kurve wie ein Aeffchen an Holls breite Schultern. Florstrümpfe waren kein Schutz gegen Kälte, deuchte ihr.
,Lch fahre doch nicht zu rasch", brüllte Holl zurück und mäßigte das Tempo ein wenig. Kein Motorradler auf der ganzen Welt wird je zugeben, daß er rasch gefahren ist. Holl ging der Auftritt mit Maxie im Hirn herum, und er hatte eine Riesenwut auf sie. Ortschaften huschten vorüber, Wälder, Hügel, Bahnübergänge. Aber Holl stand heute der Sinn nicht nach Landschaft. So eine Giftkröte, diese Maxie! Will mich mit Dnser hochkriegen! Wenn sie mir das antut, dann kann sie was erleben. Dann ist Schluß. Uerberhaupt dieser Tinser! So ein geleckter Pomadenhengst! Aber ich weiß schon: auf Bügelfalten sind die Damen halt scharf. Was hat er denn da für einen spaßigen Kauz in seinem Wagen gehabt? Man hat ihm angesehen, wie peinlich es ihm war, daß ich ihn zusammen mit diesem zweifelhaften Herrn erwischt habe.
„Paßt die Geschwindigkeit jetzt?" brüllte er nach hinten.
„Ich danke!" rief Anna höflich.
Eine Stunde später setzte er sie vor ihrer Haustür ab. Sie wollte sich bedanken, aber er schnitt ihr die Rede ab: „Also schau, daß du hinaufkommst auf deinen Juhe. Ich gehe jetzt gleich zu Scheuerl. Mor- gen erhältst du Botschaft."
Der Juhe war ihr Kämmerchen im vierten Stock.
Dann fuhr er zum Werk. Es war lange nach Feierabend, und nur in vereinzelten Räumen brannte noch Licht. Die Gebäude lagen spukhaft wie Ungetüme in der blassen Abenddämmerung da. Holl hatte, als er alles wiedersah, sogleich ein gutes Gefühl. Hier war er zu Hause, hier gab es Arbeit, unb anständige Mahlzeiten. Dieses Herum- lungern in Seesham stand ihm dis da oben. Er versorgte sein Rad, dann ging er ins Krankenhaus. Wie wunderbar es hier roch! Nach Jod, nach Medi- Fomenten, nach dem Abendkaffee, Lange nicht mehr
gehabt! dachte er und schnüffelte diesen vertrauten Geruch genußvoll in sich.
„Guten Abend, Schwester! Ich will mich nach dem Scheuerl umsehen. Was macht er denn?"
Die Schwester flüfterte etwas von drohendem Exitus, und ihre gestärkte Haube duftete zart nach Chlor. Dann holte sie aus der Wäschekammer einen neuen Mantel für Holl und fragte, ob der Urlaub schon zu Ende sei.
„Das nicht. Ich sehe nur so mal her. Scheuerl interessiert mich. Wollen Sie mitkommen?" Sie schritten durch den gebohnerten Korridor und machten vor einer weißgestrichenen Tür halt.
Der Hilfsarbeiter Scheuerl, oder besser gesagt das, was die Betonmischmaschine von ihm übrig gelassen hatte, lag in einem Einzelzimmer. Das entsprang der Rücksichtnahme auf die anderen Patienten. Alle hoffnungslosen Fälle legte man in Einzelzimmer. Um Scheuerls eingeschrumpftes Schmerzensgesicht war viel Weiß, die Kissen, die Bettdecke, dicke Binden lagen um Stirn unb Brust. Zu seinen Häupten war eine Tafel angebracht, auf der Name, Geburtstag, Einlieferung und lateinischer Befund mit Kreide verzeichnet waren. Darunter hing die Fieberkurve, schwarz und rot geschlängelt.
„Nun, lieber Scheuerl, wie geht's denn?" erkundigte sich Holl freundlich.
„Er darf nicht sprechen", warnte die Schwester. „Herr Doktor Kistenmacher fürchtet, es gibt sonst wieder eine Blutung."
Der Pattent hatte seine Augäpfel in die Richtung des Besuchers gedreht und mahlte mit den spröden Lippen.
„Alsdann reden wir halt nicht. Wir verstehen uns auch so, nicht wahr, Scheuerl? Ich bin gekommen, um mich nach Ihnen umzusehen. Ich bleibe jetzt liier, bis es Ihnen besser geht. Ja, so eine Maschine kann hundsgrob fein, nicht? Aber wir flicken das schon wieder zusammen; nur keine Angst", plauderte Holl. •
Er redete, was man als Arzt in solchen Fällen eben redet. Es waren gutgemeinte Lügen darin und viel Herzensgüte. Der Mann Scheuerl, 54 Jahre alt, geboren zu Altomünster, katholisch, ledigen Standes, hielt feine traurigen Augen unentwegt au den neuen Arzt gerichtet, und es glomm wie schüchterne Freude darin. Seine blasse, durchscheinende Hand, die auf der Bettdecke lag, kroch auf Holl zu, was Dankbarkeit und Vertrauen besagen sollte. Augen und Hand waren bas einzige, was ihm das Schicksal als Verbindungsmittel zur Umwett gelassen hatte. Alles übrige lag m Bilden, in Gips, auf
Wasserkissen. Als sich Holl von der Bettkante erhob, dachte er: Hier müßte Maxie mit ihrem Unverstand mal fünf Minuten sitzen, dann würde sie ein Einsehen haben. Das Mädel ,ist halt noch dumm und hat so etwas noch nicht mitgemacht.
„Grüß Gott, Scheuerl! Ich ziehe mich jetzt nur um; ich komme bald wieder." Er winkte dem Kranken zu und ging auf den Zehenspitzen aus dem Zimmer. Unterwegs klopfte er bei Kistenmacher an. Der begrüßte ihn lärmend:
„Ich bin platt, Mensch! Was tust du denn da? Ich glaubte, du wärst in Seesham."
„Es hat mir wegen Scheuerl keine Ruhe gelassen", erklärte Holl verlegen.
„Ich habe Fräulein Hegemann doch gesagt, daß mir dich hier nicht brauchen", rief Kistenmacher ärgerlich. „Hat sie das denn nicht ausgerichtet?"
„Doch, aber das Fräulein hat dich wahrscheinlich nur halb unterrichtet. Sieh mal, lieber Freund, die Geschichte liegt jo." Und Holl erzählte dem Kollegen ausführlich das Gespräch mit Anna Schwiebus. Er schloß: „Jetzt sage mal selbst, würdest du an meiner Stelle anders handeln?"
„Kaurn. Ja, wenn der Fall so liegt ..."
„Daß man von irgendeiner geplanten Veranstaltung abgerufen wird, gehört halt zu den Schattenseiten unseres Berufes. Es bedarf keiner Erwäh- nuna, daß ich dir bei dem armen Scheuer! nicht ins Handwerk pfusche. Es genügt, wenn er mich hin und wieder sieht und den Eindruck hat, ich kümmere mich ein bißchen um ihn. Lange dauert die Sache ja so nicht mehr. Das Ganze ist mehr eine menschliche, als eine medizinische Angelegenheit. Du bist mir nicht böse, Kistenmacher?"
„Larifari! Und nun laß dich bei den Ohren nehmen. Du, jetzt weiß ich, wer .Bobs' ist", lächelte Kistenmacher und zwinkerte.
„Kistl, du wirst den Mund hatten", sagte Holl erschrocken.
„Klar! Mann, hast du Glück! Mit Kleinigkeiten gibst du dich nicht ab, das muß ich schon sagen."
„Ach, lieber Kistenmacher ..seufzte Holl.
„Bißchen Streit gehabt?" riet der andere verständnisinnig. „Das kommt in ben besten Familien vor. Nur zu lange dauern darf es nicht. Du bist dir wohl darüber schlüssig, was eine solche Verbindung für dich bedeutet? Schwiegersohn vom alten F. T. Hegemann! Damit ist deine Laufbahn und deine Zukunft gesichert. Mensch, das ist genau soviel wie das Große Los in der Klassenlotterie!" tat Kistenmacher begeistert.
„Hör auf, hör auf, Kist! Es ist noch nicht so w°'t! murmelte Host verdrießlich. Er verabschiedet« M
überstürzt und ging auf sein Zimmer. Von den M' Fenstern hing nun die Nacht, eine samtdunkle M- mit feurigen Sternen. Holl öffnete den einen FÜG- und sah oerträumt zum Orion empor. Sein Zon« auf Maxie war verflogen. Er suchte Entschuldigung-" gründe zusammen, die sie entlasten konnten. Sie i- ja nach so jung und hat keine Ahnung vom Leber., dachte er. Der viele Reichtum tut ihr nicht gut. &■' muß in den harten Zwang meines Berufes hineinschauen. Es wird schon werden.
Ein roenia getröstet, packte er seinen Koffer aiu- Dann verließ er das Zimmer und geisterte durch Haus. Durch die sauberen Gänge, durch die Spr^° zimmer, durch den blitzblanken Operationssaal. 2^- nickelte Jnsttumente schimmerten aus weW Schränken, und in der Luft hing jener eigentiti" liehe Geruch, der Laien Schaudern einfläßte. M: ist meine Welt, dachte Holl zufrieden und ergriffe Sein Ziel war das Laboratorium, genauer ausg<' drückt, sein Arbeitsplatz dort. Er öffnete sacht Tür und drehte am Lichtschalter. Ein Rüchlein vc' Trichloressigsäure, ganz zart und fast schon oerfl-'1 gen, wehte noch durch den sehr hohen, hellen W; der mit neuzeitlichem Gerät ausgestattet war. F • trat an seinen Schrank. Alles stand unberührt, # er es verlassen hatte. Die Reagenzgläser, die Wj” meyerkölbchen, die Meßzylinder, die Retorten, »7 Agar-Agar-Platten. Auf seinem Arbeitsplatz lag geschlagen ein Lehrbuch der Physiologie.
.....bas Blut macht ein Dreizehntel des meni^ lichen Körpergewichts aus. Außerhalb des Ad«^' systems gerinnt es in wenigen Minuten zu ff1*" roten Gallerte. Es scheint glaubhaft, daß im fretFr den Blut die Gerinnung durch dauernde W'-\ gerinnungshemmender Stoffe verhindert wird ,l#i Holl und vergaß Maxie, Seesham und Scheuen-
Nun war er glücklich wieder mitten drin in j«Jg Problem, bas er bisher nur zur Hälfte gelost Es war ihm nämlich schon gelungen, jene flgj nungshemmenden Stoffe aus dem Blut zu ifofi^ unb rein darzustellen, die ungleich besser als bffty? her übliche Blutegelextrakt unb das Zitrat die lertbilbung hintanhielten. Nun galt es nurfS! jenen anderen Stoff zu finden, ber die Selbs" fetzung des steril aus einer Ader entnommenen “ tes verhinderte.
Holl grübelte, bekam feine Sorgenfttrne unb ei* heißen Kopf, las sich in fricheren Notizen fest, vg" bette wieder und warf schließlich edles mutwr v ' wie schon so manches Mal, Er stieß einen abgrll tiefen Seufzer aus, räumte feinen Platz auf v beschloß, nach seinem Kranken zu sehen.
(Fortsetzung folgte


