Nr. 40 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, 16. Zebruar 1939
Aus der Stadl Gießen.
Die wichtige Sache.
Fritz geht,stolz über die Straße. Er ist in gehobener Stimmung und kommt sich einigermaßen wichtig vor. Heute war ein besonderer Tag für ihn, so viel steht fest. Eben will er zum Gartentor cin- schwenken, da ruft jemand vom Nachbarhaus. Aha, Willi ist es, mit dem er gestern eine Auseinandersetzung gehabt hat. Es sind keine Koseworte, die Willi herüberschreit, und gerade will Fritz ansetzen, um sich Geltung zu verschaffen, da stockt er. Nein, es hat keinen Zweck, sich heute mit solchen Geschich- ien abzugeben. Mit einem verachtungsvollen Blick schaut er nur hinüber, als wenn er sagen wollte: „Kleiner Kläffer!" Dann verschwindet er in der Haustür.
Drinnen wartet bereits die Mutter. Die Sache ist die, daß Fritz heute bei seinem künftigen Lehr- ineister war. Zur letzten Entscheidung gewissermaßen. Neulich hat er den Meister bereits gemeinsam mit dem Vater aufgesucht, aber dabei handelte cs sich noch um die Vorbesprechung. Die Mutter steht erwartungsvoll auf: „Na, wie wars?" Fritz schmunzelt und wird ein bißchen rot. „Ganz gut, ich sänge an." Sichtlich erfreut, beginnt die Mutter weiter zu fragen. Mütter fragen immer gern, aber nicht immer kommen die Antworten in der gewünschten Weise. Doch diesmal ist das anders. Fritz erzählt ohne viel Umschweife alle Einzelheiten. Es »nacht ihm offenbar Spaß, so viel wie möglich von der Sache zu reden, die ihn direkt angeht. Ein ■ solcher Umstand ereignet sich nicht alle Tage.
Als der Vater von der Arbeit nach Hause kommt, geht das Fragen noch einmal von vorn los. Nur daß der Vater bedächtiger fragt und manches genauer wissen will. Was der Meister gesagt habe, wann die Tätigkeit beginne, welches Handwerkszeug mitzubringen sei und ob der Lehrvertrag noch geschickt werde. Fritz beeilt sich, die richtigen Antworten zu geben. Der Vater ist zufrieden und spricht nun über die Aussichten, es ist sein Wunsch, daß aus dem Jungen was Ordentliches wird. „Also erst mal die Lehre. Paß gut auf und lern was. Ein guter Handwerker kommt überall vorwärts." Im Stillen hat er noch mehr mit dem Jungen vor.
So beschäftigt sich der Vater mit seinen Gedanken und Plänen. Er kommt auch davon nicht los, als Fritz schon längst im Bett liegt und bereits von s einem Handwerk träumt. In den nächsten Tagen wird noch öfter von dieser wichtigen Sache die Rede sein, bis Fritz dann eines Tages wirklich die schule verläßt und seinen ersten Gang zur Werkstatt tut. Und dann wird er erst recht stolz und wichtig über die Straße gehen. H. W.
Vornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Edelweißkönig". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Im Namen des Volkes!"
MmeveiiWeMWr«
Aufruf
zur Teilnahme am Sportweltkampf im Rahmen des Reichsberufswettkampfes. 1102D
Für alle Teilnehmer am NBWK., die am Samstag i nd Sonntag, dem 11. und 12., nicht zur Sport- I rüfung im Rahmen des RBWK. angetreten sind, Ivben am Sonntag, dem 19. Februar, 10 Uhr, Volks- t«lle, letztmalig Gelegenheit, ihre sportliche Prüfung rn Rahmen des RBWK. abzulegen. Wir machen loarauf aufmerksam, daß bei Nichterscheinen eine weitere Auswertung der praktischen und theoretischen | Arbeiten zum Zwecke der Siegerermittlung nicht er- I nlgen kann. Außerdem werden für die Wettkampf- j-ilnehmer, die nicht zum Sport antreten (ohne Entschuldigung) keine Beteiligungsurkunden bzw. keine ! rkunden für besonders güte Leistungen ausgegeben.
Gießener Gtadttheater.
Lessing: „Minna von Barnhelm."
Die amüsante Wiedererweckung des Einakters „Sie Matrone von Ephesus", in welchem Lessing Öns Wandermotiv der treulosen Witwe mit dem d::s abenteuerlustig schweifenden, glückhaften Sol- doten im Kriege zu einer so witzigen wie grimmigen Satire verschmolzen hat, lenkte den Blick auf jenes andere, berühmtere „Soldatenglück", das zu den elften und besten Lustspielen der deutschen Sprache g hört. Wir haben es hier zuletzt vor sechs Jahren g sehen und haben damals darzulegen versucht, lluorin sein Wert, seine bleibende Bedeutung beruht, rturum wir dieses Stück als das volkstümlichste Werk Lessings immer wieder auf die Bühne bringen.
*
Menn man zunächst an den unbestreitbaren Mangel an guten, klassisch zu nennenden Lustspielen er- iroiert, so ist damit freilich über „Minna von Barn- i).Hm" noch nichts gesagt. Hinzufügen muß man so- gl-id), daß ein Werk wie dieses heute gar nicht mehr geschrieben wird: so nach den Regeln der jfonft, nach den Gesetzen des Theaters, so als ein eigenes, praktisches Musterbeispiel gleichsam des Verso sers der „Hamburgischen Dramaturgie', der es, D« wir heute nur mit Beschämung und Staunen eien können, bescheiden von sich gewiesen Hat, den kirnen eines Dichters zu verdienen. Es paßt hierzu, dch Lessing über die „Minna von Barnhelm an furnier schrieb, wenn dieses Stück nicht besser als fl[£ eine bisherigen werde, sei er entschlossen, sich ,r.it dem Theater gar nicht mehr abzugeben .
*
Man muß ferner, wie früher schon ausgeführt v:rde, dieses Lustspiel, „verfertiget im Jahre 176-3 , ilb um die Zeit des Hubertusburger Friedens, aus 1 b n dieser Zeit begreifen, als die „wahrste Ausge- irt des Siebenjährigen Krieges", als ein „l'tera- Hfives Roßbach", wie die zeitgenössischen Beurteiler - empfanden und bewerteten. Und wenn einer von injen seine Würdigung von Lessings Werk mit den Werten begann „Hier ist alles Soldat , so darf man bitberum hinzufügen: aber auf eine sehr andere [ic als etwa jene beiden in der „Matrone von ; Wesus"; wer den Hauptmann und den Knegs- ^,cht Dromo dort mit dem Major und dem „gebt enen" Wachtmeister Werner hier nur flüchtig ver- II cht, wird den «tiefen Unterschied, ja ausgesprochene '^ggenbilder in der Charakterzeichnuna erkennen und streifen, daß Lessing in diesem verabschiedeten Ma- u'von Lellheim nicht nur seinem bei Kunersdorf
16 000 Zungen und Mdel in 270 Wettkampforlen.
Reichsberufswettkampf der Gruppe „Mhrstand" im Gau Hessen-Nassau.
NSG. Am Dienstag hat der N e i ch s b e - rufswettkampf des deutschen Landvolks in allen Dörfern des Reiches die junge bäuerliche Generation zum Wettstreit der Leistungen aufgerufen. Im Gebiet der Landesbauernschaft Hessen-Nassau sind 16 000 Jungen und Mädel in 2 7 0 Wettkampforten angetreten, um die Ortssieger im RBWK. zu ermitteln.
Das deutsche Volk muß im Aufbau seines neuen Reiches Aufgaben erfüllen, die höchste Anforderung an fein Können und Wissen, an seine Leistungsfähigkeit und Einsatzbereitschaft stellen. Das gilt vor allem auch für die deutsche Landwirtschaft. Nationalpolitische Notwendigkeiten zwingen uns zu der
Vorschriftsmäßiges Reinigen der Milchkannen.
klaren Erkenntnis, daß wir nur dann ein wirklich freies und unabhängiges Volk sind, wenn wir uns möglichst weitgehend in der Ernährung auf unsere eigene Scholle stützen können. Das fordert vom deutschen Landvolk eine ungeheuere Steigerung seiner Leistungen. Es hat sie in der Erzeugungsschlacht mit Erfolgen durchgeführt, die jedem bekannt sind. Zugleich aber ist auch der Reichsberufswettkampf des Landvolks ein Ausdruck dieses Leistungswillens, der von Jahr zu Jahr stärker und überzeugender wird.
Wir haben eine Reihe von Wettkampforten mit verschiedenen Berufsgruppen und Fachgebieten der Gruppe „Nährstand" besucht. Ueberall waren die Jungen und Mädel mit einem Eifer bei der Arbeit, der uns die Ueberzeugung gab, daß doch noch eine deutsche Jugend Liebe zur Arbeit auf der Scholle empsindet und sich ihr voll und ganz gewidmet hat. Gegenüber dem früheren Verfahren, in dem ein Wettkampfkreis jeweils mit dem Gebiet einer Bezirksbauernschaft übereinstimmte, entsprachen in diesem Jahr die Wettkampfkreise dem Bereich der Kreisbauernschaft, so daß insgesamt acht Wettkampfkreise gegeben waren. Reibungslos wickelte sich vom ersten Antreten an der Wetb- kampf ab, so daß das vorgeschriebene Arbeitsprogramm ohne Mühe eingehalten werden konnte. Das ist mit ein Verdienst der Prüfer, die sich nun schon zum fünften Mal im Reichsberufswettkampf der Gruppe Nährstand zur Verfügung gestellt haben. Bauern und Landwirte, vor allem viele Ortsbauern
führer, Landwirtschaftslehrer und Lehrer der ländlichen Berufsschulen führten die Wertungen durch.
In der Gruppe Närstand werden zum Reichsberufswettkampf 32 Berufsgruppen für die männlichen und weiblichen Teilnehmer unterschieden. Bei den Jungen kommen davon in Hessen-Nassau in erster Linie in Frage die Berufsgruppen der Bauern, Lindwirte und Landarbeiter mit und ohne Fachschulbesuch, Schäfer, Imker, Gärtner und Winzer, beide ebenfalls mit und ohne Fachschulkenntnisse, und Forstarbeiter. Bei den Mädchen herrschen in unserem Gebiet die Berufsgruppen der Landmädcl, der ländlichen Wirtschaftsgehilfinnen und Wirtschafterinnen, der Gärtnerinnen und der Winzerinnen vor. Auch bei den Landmüdeln und Gärtnerinnen wird nach der Frage unterteilt, ob die Teilnehmerinnen die Fachschule besucht haben oder nicht.
Die einzelnen Berufsgruppen sind dann weiter in Fachgebiete gegliedert, die natürlich der Art der Landwirtschaft in den verschiedenen Gauen entsprechen. Bei unseren Bauern, Landwirten und Landarbeitern steht die Prüfung im Ackerbau im Vordergrund, wozu bei den rheinhessischen gemischten Betrieben auch noch der Weinbau kommt. Die Gärtner werden in allen ihren zahlreichen Fachgebieten geprüft: Blumen- und Zierpflanzenbau, Gemüsebau, Obstbau, Baumschule, Landschafts- und Friedhofsgärtnerei und gärtnerischer Samenbau. Dasselbe gilt auch für die Gärtnerinnen.
Auch die Eröffnung des Berufswettkampfes der Gruppe Nährstand hat in unserem Gau gezeigt, daß unsere Landjugend marschiert. Sie weiß, welche große Ausgaben von ihr erfüllt werden müssen, und sie ist mit allen Kräften bestrebt, sich für ihr Lebenswerk auf der Scholle mit Ernst vorzubereiten. Die
ser Geist der Landjugend wird am besten dadurch ausgedrückt, daß die Teilnehmerzahl gegen 1937 um 3000 gestiegen ist.
1
M 1
■
' 1
Schweine werden gefüttert.
(Aufnahmen [2]: Landesbauernschaft Hessen-Nassau.)
Pflichtjahr soll keine Zwangsjacke sein.
Dienst an den Müllern des Volkes.
NSG. lieber Sinn und Zweck des Pflichtjahres für die weibliche Jugend ist schon so viel geredet und geschrieben worden, daß jedermann über die Aufgaben dieser Einrichtung unterrichtet sein durfte. Die Landfrau und die kinderreiche Mutter gebraucht die Hilfe so notwendig, daß die Gemeinschaft hier eingreifen mußte.
Das muß jedoch einmal gesagt werden: Der Begriff „P f l i ch tj a h r" sagt bestimmt nicht, daß die Mädel, die das Pflichtjahr ableisten müssen, nun ihre ganze Intelligenz darauf verwenden, für dieses Jahr eine möglichst bequeme Arbeitsstelle ausfindig zu machen, wie man es verschiedentlich beobachten konnte. Das Pflichtjahr bedeutet nicht nur dem Namen und der gestellten Aufgabe nach, sondern in Wirklichkeit nichts anderes als Dienst an den Müttern des Volkes und damit höchster Dienst am Volke selbst. Wer dieser Pflicht eines bequemen Lebens willen auszuweichen versucht, beweist damit nur, daß er nicht gewillt ist, dem Volk diesen Dienst zu erweisen. Dabei ist vollkommen gleichgültig, ob der in Frage kommende Paragraph erfüllt ist,' oder nicht. Mit schönen Reden über nationalsozialistische Gesinnung und Einsatzbereitschaft ist es nicht getan. In erster Linie werden Beweise verlangt!
Aber auch das muß einmal gesagt werden: Wenn das Pflichtjahrmädel seine Arbeit als Dienst am Volk auffaßt — und das soll es ja gerade — dann darf es nicht als billige Arbeitskraft, die zudem noch an ihre Arbeit gebunden ist, angesehen und behandelt werden. Zwar wird es wohl' kaum Frauen geben, die so denken und handeln, weil die über-' lastete Frau — besonders die Landsrau — froh ist, wenn sie überhaupt eine Hilfe bekommt. Aber — es könnte sein.
Allen Beteiligten — sowohl den Pflichtjahrmädeln, als auch ihren Betreuern — kann versichert werden, daß die zuständigen Stellen alles daran setzen, das Pflichtjahr nicht zu einer Art Zwangs-
SPIT ZENLEISTUNG
.OPEL i
jacke werden zu lassen. Durch das Pflichtjahr sollen die Mütter des Volkes entlastet werden, aber der Jugend soll es eine Lehre und ein Gewinn für das ganze Leben sein. So gesehen und so gehandhabt, wird das Pflichtjahr sich zu einem wahren Segen für das ganze Volk gestalten.
BDM.-llntergau 116 Gießen.
Die Pressemädel kommen am Freitag, 17. 2., um 20 Uhr zu einer Besprechung auf die Dienststelle. Mitzubringen ist: Schreibzeug, die rückständigen Schaukasteübilder der BDM.-Werkwerbung, die Arbeit für den Federwettstreit.
Hitler-Lugend Bann 116.
Sozialstelle.
Angehörige der HI. ü b e r 18 Jahre, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, können ebenfalls einen Erholungsurlaub bis zu 18 Tagen erhalten, wenn sie mindestens 10 Tage an einem Lager oder einer Fahrt der HI. teilnehmen. Außerdem kann der Behördenleiter den bedürftigen Angehörigen der HI. einen Zuschuß bis zu 10 RM. (RM. 1,— täglich) bewilligen.
tödlich verwundeten Freunde Christian Ewald von Kleist, dem Dichter des „Frühlings", sondern auch zugleich dem ganzen preußischen Offiziersstande und dem ritterlichen Geiste der friderizianischen Armee da« würdigste Denkmal gesetzt hat.
*
Lessing hatte im Jahre 1760 als Sekretär beim Stabe des Generals von Tauentzien in Breslau Gelegenheit, die preußische Armee aus nächster Nähe und persönlicher Berührung kennenzulernen, und man kann sich gut vorstellen, daß dem Dichter damals auch andere Urbilder seines Lustspiels, etwa der Wachtmeister, der Wirt, der Abenteurer Riccaut und die Dame in Trauer, leibhaftig vor Augen gekommen sind; sicher waren solche Eindrücke mitten im Kriege lebendiger und entscheidender als die verschiedenen englischen und französischen Quellen, aus denen er, wie man nachgewiesen hat, Anregungen und Einzelmotioe gewann.
Wichtig ist, daß Lessing über alle möglichen Vorbilder und über alle bis dahin geltende französische Theaterregel hinaus den bahnbrechenden und reformierenden Vorstoß vom Konventionsstück zum Charakterlustspiel wagte und behauptete, daß er an die Stelle des traditionellen Rollenfaches und der typisierten Figuren lebendige Menschen von Fleisch und Blut setzte, und zwar solche, welche dem Zuschauer damals notwendigerweise als Zeitgenossen erscheinen mußten. Schon dies war neu und ungewohnt und mag zu dem stürmischen ersten Theatererfolge der „Minna von Barnhelm" in Leipzig, den auch der junge Studiosus Goethe erlebte, nicht wenig beigetragen haben.
Gewiß haben die Leser und die Zuschauer schon damals empfunden, wie dieses Stück ein Werk und Dokument ihrer eigenen Zeit war, aber auch, wie es sehr deutlich und selbstbewußt über die Zett hinauswies und sich aus jahrhundertalter Abhängigkeit befreite: was die dramaturgische Technik und die Kunst des Theaters betraf, so konnte es dieses Lustspiel mit jedem der bewunderten, den Zeitgeschmack beherrschenden französischen Vorbilder auf- nehmen; daß es in seinem Geist und Wesen endlich einmal auch ein ganz und gar deutsches Stück war, wird den Zeitgenossen Lessings wahrscheinlich viel unmittelbarer 3um Bewußtsein gekommen sein als uns heute.
Es ist ein feiner und liebenswürdiger Zug, den man als symbolisch empfinden kann, wenn Lessing seinem Helden, dem preußischen Offizier, das junge Fräulein aus Sachsen gegenüber und endlich an die Seite stellt, und wenn diese beide nicht nur als
untadelige „Standespersonen" auf uns wirken, sondern als innerlich ebenbürtige Partner, zwar verschiedenen Provinzen, aber einem gemeinsamen Vaterlande entstammend. —
*
-Die Aufführung, von Herrn Dr. Razum in Szene gesetzt, machte einen ausgezeichneten Eindruck: sie war, sehr fern der vornehmen Langweiligkeit gewisser Klassiker-Inszenierungen älteren Stils, von sprühender Lebendigkeit und unmittelbarem Spannungsreiz. Die Spielführung überstürzte nichts und ließ sich Zeit zur Ausmalung kleiner, charakterisierender Einzelzüge, sie ließ auch die meisterliche Architektur des Lustspiels im durchsichtig klaren Aufbau der sorgfältig verschränkten Szenenführung in einer beneidenswerten Selbstverständlichkeit erstehen. Der Zuschauer wird unmittelbar empfunden haben, wie nah und gegenwärtig das Werk uns anspricht — und wie vollkommen der Geist eines ganzen, großen Jahrhunderts darin eingefangen ist: die helle, heitere, aber noch kriegerisch durchwehte Luft des preußischen Rokoko. Man erlebte ein Lustspiel mit aller Koketterie und Galanterie eines verliebten Scherzos, aber in allem Spiel und Scherz und aller Verwirrung wurde der echte Herzton eines großen, starken Gefühls vernehmbar: unwiderlegliche Bestätigung dafür, daß hier nicht Rollen und Marionetten, sondern wirkliche Wesen von Fleisch und Blut einander gegenübergestellt sind.
Herr Löffler hatte, feinfühlig auf den Stil der Zeit eingehend, die beiden einander sinnvoll korrespondierenden Schauplätze entworfen: das bürgerlich- behäbige Vestibül des Gasthofs „Zum König von Spanien" mit einer szenisch sehr brauchbaren Galerie und Doppeltreppe, daneben die zartfarbige Eleganz des Logierzimmers.
*
Das Fräulein von Barnhelm gab Giefela Vollert. Sie sah sowohl im „Neglige" wie hernach zur Ausfahrt in Hellblau und Rosa entzückend aus und entsprach in der Anlage und Durchführung der Rolle durchaus dem Bilde, das man hier, zu sehen erwartet: also eine Dame (im Sprachgebrauch der Zeit ein Fräulein, im Gegensatz zur Jungfer Franziska) und zugleich ein Mädchen, eine junge,. gescheite, zärtliche Liebhaberin; sie empfand den Reiz der von Akt zu Akt wechselnden, schnell umspringenden Stimmung und hielt sich mit sicherem Gefühl stets auf der lustspielhaft schmalen Mitte zwischen weiblicher Koketterie und echter Leidenschaft.
Herr Cossovel war der Herr von Tellheim. Sein österreichisch gefärbter Sprachklang paßt nicht ganz zum Wesen dieser jo ungemein preußischen
Erscheinung, aber er gab dem Major mit richtigem Instinkt alle Charakterzüge, die ihn auszeichnen: das peinlich empfindliche Ehr- und Rechtsgefühl, die Noblesse des Denkens und Handelns, die Schwer- blütigkeit, mit der er sich in vermeintliches Unglück und Unrecht verrennt, am Ende auch die befreit aufatmende und ausbrechende, lange gewaltsam versteckte Herzlichkeit.
Um die beiden Hauptfiguren herum entfaltete sich ein Reigen heiter individualisierter Lustspielgestalten. Anneliese Garbe machte eine reizende kleine Franziska, ein richtiges, appetitliches Kammerkätzchen mit sprudelndem Mundwerk und Mutterwitz. Herr Geiger erschien als der gewesene Wachtmeister Werner, soldatisch, verläßlich, treuherzig und mit leisem Humor. Herr Volck spielte, wie vor sechs Jahren schon, den geschmeidig beflissenen Wirt mit behaglich-liebevoller Kleinmalerei. Die Szene des Riccaut ist kurz, aber unfehlbar: Herr von G sch meid! er gab dem gebärdenreichen Wortschwall des windigen Glücksritters einen großartig komödiantischen Schwung. Herr Schorn war der Just: sehr grob, sehr aufrichtig, aber von goldenem Gemüt. Hilde Kneip sprach still und schlicht die Dame in Trauer. —
*
Es war ein erfreulicher Abend und der herzliche Beifall ehrlich verdient. Hans Thyriot.
Zeitschriften.
— Altes Museum oder Atlantis-. Bar? fragt sich der Leser, wenn er die amüsanten Bilder sieht, mit denen ,>die neue linie" in ihrem Februar-Heft (Verlag Otto Beyer, Leipzig) eine heitere Polemik gegen jene aus USA. gekommene Unsitte, die antike Plastik zur, Dekoration des modernen Amüsierbetriebs zu mißbrauchen, illustriert. — „Hinter der Maske" heißt das neueste Produkt des Humors von Peter Bamm. — Don der ernsten Seite sei die Kunstveröffentlichung „Die Spanierin" hervorgehoben: packende Ausschnitte aus Meisterwerken der spanischen Malerei, die das Antlitz der Frau als immer wiederkehrendes Motiv behandelte. — Der Neiseaufsatz Rudolf Pechels schildert den „Zauber der Provence". — Doch auch bet' Winter kommt noch zu seinem Recht: Praktische Hinweise auf die Sport- und Erholungsmöglichkeiten in den stilleren Seitentälern der bayerischen Alpen und Bilder von einem Arlberger Sporthotel, das beste deutsche Gaststättenkultur verkörpert, führen den Leser zurück in unsere Breiten,


