Nr. 268 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch. 15. November 1959
Aus dem Reiche der Krau.
Zu Sause.
Don Ernst von Niebelschüh.
Man sollte versuchen, aus jeder Not eine Tugend zu machen, denn nur darin besteht die eigentliche Lebenskunst, über die so viel geredet wird, und die fast immer versagt, wenn uns etwas Unvorhergesehenes oder auch nur Ungewohntes in die Quere kommt. Das ist beispielsweise die durch die teitumstände erzwungene Verdunkelung der Stra- en. Aber wie jedes Uebel auch seine Lichtseiten hat: enchält nicht auch sie die verschwiegene Aufforderung, unser Leben etwas anders für den inwendigen Menschen fruchtbarer zu gestalten, als man es unter Verhältnissen, die einen solchen Appell nicht an uns richteten, gewohnt war? Wer über das seelisch Bedrückende der Dunkelheit nicht hinweg kommt und es doch nicht lassen kann, seinen Vergnügungen nachzugehen, sollte der, anstatt zu klagen und zu jammern, nicht einmal ernsthaft darüber nachdenken, ob das, was er sein „Vergnügen" nannte, wirklich immer so beschaffen war, daß er ohne nennenswerte Verluste nicht gewisse Einschränkungen darin vornehmen könnte?
Der Mangel ist bekanntlich einer der weisesten Erzieher, die es gibt, er macht erfinderisch und eröffnet Möglichkeiten, die früher ganz außerhalb des Gesichtskreises lagen. Indem wir das aussprechen, ruft uns mit einmal ein Wort an, das uns eine ganze, vielen beinahe schon wesenlos gewordene Welt neu zu erschließen vermag — das kleine Wort: zu Hause. Wie wenig Menschen, von Zerstreuung zu Zerstreuung jagend, immer dar-
Der Direktor des Veterinär-Physiologischen Instituts der Universität Leipzig, Professor Dr. A. Scheunert, gewährte unserem Mitarbeiter eine Unterredung über einige gegenwärtig besonders aktuelle Fragen der deutschen Volksernährung. Professor Scheunert ist einer der namhaftesten deutschen Ernährungsforscher, dessen wissenschaftliche Arbeiten auf diesem Gebiet weit über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt geworden find.
Die Erinnerung an die Nahrungsmittelnot des Weltkrieges und die Tatsache, daß es auch schon damals Lebensmittelkarten gab, führt heute bei manchen Hausfrauen zu der Frage, ob denn nun ähnliche Mangelerscheinungen wie damals zu befürchten seien — anders ausgedrückt: Werden die jedem laut Karten zustehenden Lebensmittel auch wirklich ausreichen? Man kann solchen ängstlichen Gemütern gegenüber nicht oft genug darauf Hinweisen, daß auch in diesem Punkte die Verhältnisse jetzt völlig anders als im Wett- kriege liegen. Damals: keinerlei Vorsorge durch die Regierung, völlige Abschließung Deutschlands von der Welt, Einführung der Lebensmittelkarten viel zu spät — nämlich erst dann, als bereits ein emvfindlicher Mangel an vielen Lebensmitteln bestand. Diesmal: sorgfältigste Vorsorge dank der vorausschauenden Maßnahmen der nationalsoziali- stischen Staatsführung, reichliche Vorräte, keine Abschnürung Deutschlands gerade von seinen wichttg- sten Lebensmittel-Lieferländern, umfangreiche neue Lieferungsabkommen — und rechtzeitige, sofort einsetzende Ausgabe der Lebensmittelkarten, um von vornherein eine gerechte Verteilung zu gewährleisten und „Angstkäufe" auszuschließen. Das sind die
auf bedacht, nur ja nichts von dem zu versäumen,! was das äußere Leben an Abwechslungen und anderen vergänglichen Reizen bietet, hatten überhaupt noch ein Aufnahmeorgan für die behütende, sammelnde Kraft dieses „zu Hause", das Wort auch im übertragenen Sinne verstanden, als Inbegriff alles dessen, was dem berufstätigen Menschen, der eigentlich immer „außer sich" ist, den inneren Frieden, das schöne Ruhen in sich selber gewährleistet!
Für so etwas war niemals Zeit vorhanden. In Wahrhett wußte man nur mit der Zeit nichts anzufangen, man hatte ganz einfach Angst vor sich selber, vor dem Alleinsein und der Langeweile, die es unweigerlich nach sich zieht, wenn die innere Leere sich fühlbar macht. Nun aber sind Verhältnisse eingetreten, die es ermöglichen, dem „zu Hause" wieder einen Sinn und Gehalt abzugewin- nen, seinen verborgenen Reichtum neu zu entdecken und als Kraftquell für das tätige Leben zu benutzen. Je dunkler es draußen ist, um so Heller sollte es drinnen sein, und das zu bewirken steht in jedes einzelnen Macht, der gewillt ist, sich durch das Mittel der Selbsterziehung, der Selbstbesinnung den äußeren Verhältnissen nicht passiv zu unterwerfen, sie vielmehr so zu lenken, daß Verlust und Gewinn sich mindestens ausgleichen, möglicherweise sogar ein Gesamtkonto entsteht, bei dem alle Entbehrungen bloß Mittel zu ebenso vielen Bereicherungen sind. Nicht jedem gelingt das, und der bloße Willens- entschluß wird vielleicht nicht ausreichen, aber durch Hebung und Beharrlichkeit kommt man schließlich doch dazu, den Wert auch einer erzwungenen Stille und Zurückgezogenheit richttg einzuschätzen und zu genießen. Was reifen und Frucht tragen soll, gedeiht nur in der Stille.
Voraussetzungen, unter denen man diesmal die Nahrungsmittel-Rationierung betrachten muß.
Daher ist es ganz, so betonte Professor Scheunert, eigentlich ganz selbstverständlich, daß die jedem Volksgenossen zur Verfügung stehende Lebensmit- telmenge eine ausreichende Ernährung sicher st e l l t. Die Zuteilung der verschiedenen Nayrungsmittel nach Menge und Art stützt sich auf die Grundlage, die schon s e i t I a h r e n von den Ernährungsforschern der ganzen Welt ausgearbeitet worden sind. Wir werden auch in Zukunft nicht nur genug zu essen haben, sondern uns in vieler Beziehung gesünder ernähren, als es bisher ost genug der Fall war.
Professor Scheunert bewies uns nämlich an Hand zahlreicher wissenschaftlicher Veröffentlichungen aus den letzten Jahren, daß die zuständige Forschung an der bisherigen Ernährungsweise breiter Volksschichten, vor allem der Großstadtbevölkerung, eine sehr berechtigte Kritik üben mußte. Viele von uns hatten sich eine sehr bequeme und scheinbar auch ganz zweckmäßige Art der Ernährung ange- wöhnt: viel Weißbrot, sehr viel Fleisch und viel Fette aller Art, wenig Gemüse und Kartoffeln. Das sind zweifellos recht angenehme Eßgewohnheiten — aber sie entsprechen auf die Dauer keineswegs den Forderungen einer wirklich richtigen Lebensweise. Die allzu „ballastarme" konzentrierte Ernährung gab Zähnen, Magen und Darm zu wenig zu tun, wichtige Ergänzungsstoffe, wie vor allem Vitamine, wurden nicht genügend beachtet — und die Folgen waren die ständig anschwellenden Erkrankungsziffern bei Magen- und Darmstörungen, Zahndefekten, Zuckerkrankheit usw.
Wenn wir heute in dem uns aufgezwungenen
Kriege aus den Notwendigkeiten der Lage heraus eine gewisse U m st e l l u n g in der Ernährungsweise vornehmen müssen, dann können wir daraus auch für die Zeit nach Beendigung des Krieges vieles lernen! Es handelt sich vor allem darum, den übertrieben hohen Genuß von Fleisch und Fett zu Gunsten von Gemüse, Obst, Kartoffeln und Schwarzbrot herabzudrücken. Auch die bezugsscheinfreie, entrahmte Frischmilch — die Vollmilch wird zur Gewinnung der Butter dringend gebraucht! — ist ein außerordentlich wertvolles Nahrungsmittel, das bisher vielfach unterschätzt wurde. ,
Auf der anderen Seite wollen wir uns felbstver- ständlich durchaus darüber klar sein, daß die Ernährung in Kriegszeiten schwieriger und oft auch unbequemer ist als im Frieden: manche Nahrungsmittel'stehen nun einmal nur in beschränkten Mengen zur Verfügung. Es kornpit jetzt auf jeden einzelnen und vor allem auf jede Hausfrau an, um trotz der vorhandenen Schwierigkeiten eine gute und zweckmäßige Ernährung sicherzustellen. Dies ist ohne weiteres möglich; es erfordert nur etwas mehr Nachdenken, etwas mehr Mühegeben und mehr „hausfrauliche Initiative" als früher. Zunächst ergibt sich, so sagte Professor Scheunert, für jede größere Familie schon aus den gleichen Durchschnittssätzen der Lebensmittelkarten für alle Personen über 14 Jahre ganz von selbst ein gewisser Ausgleich. Selbstverständlich wird ein junger Mann von 20 Jahren mehr essen, als sein Großvater von 70 Jahren, ganz abgesehen von den ebenfalls wissenschaftlich genau berechneten Sonderzuweisungen für Schwerarbeiter, stillende Mütter usw. Im übrigen hat jede Hausfrau außerhalb der Karten einen. sehr weiten Spielraum an beliebig verfügbaren Lebensmitteln: Kartoffeln, Gemüse, Obst, entrahmte Frischmilch, freie Zuckerwaren usw.
Professor Scheunert wies nachdrücklich darauf hin, daß einige schon seit langem immer wieder erhobene Forderungen der Ernährungswissenschaft jetzt unbedingt Beachtung finden müssen. Da ist die ost zu beachtende Unterschätzung der Gemüse, vor allem aber ihre häufig schr unzweckmäßige Zubereitung. Wenn man Gemüse lange kochen läßt und dann das Kochwasser weggießt, fließt der größte Teil seines Nährwertes in den Ausguß. Durch das „Auslaugen" beim langen Kochen gehen wichtige Vitamine verloren, Nährsalze und andere unerläßliche Bestandteile werden dem Gemüse entzogen. Dadurch wird selbstverständlich der Nährwert des Gemüses stark beeinträchtigt. Also: Gemüse mit wenig Wasser nur kurz kochen, am besten dämpfen und dann erft schälep! Niemals das Gemüse, Kohl usw. erst zerschneiden und dann auswaschen, sondern umgekehrt!
Uebrigens ist unser Körper auch in der Lage, aus gewissen Bestandteilen dieser Lebensmittel, den sogenannten Kohlehydraten, Fett zu bilden, so daß man also in gewissen Grenzen die Fette durch Kohlehydrate (wie sie in Kartoffeln, Gemüse, Obst, Zuckerwaren, Brot usw. enthalten sind), austauschen kann. Ein amerikanischer Wissenschaftler hat sich einmal zu Versuchszwecken längere Zeit hindurch fettlos ernährt, und er stellte dabei keinerlei Störungen seines Wohlbefindens fest. Derartige Experimente wollen wir nun keineswegs befürworten, aber sie zeigen uns deutlich, daß wir die jetzt notwendigerweise verringerten Fett- mengert verhältnismäßig leicht durch andere Nahrungsmittel ersetzen können.
Zum Schluß wies Professor Scheunert noch besonders auf das Schwarzbrot respekttv Vollkornbrot hin, für das sich die Ernährungsforscher schon seit Jahren immer wieder eingesetzt haben. Dieses Brot hat einen hohen Gehalt an Ei-
Die Lebensmitteikarie - wiffmsthasttich betrachtet
Was hat ein Ernährungsforscher unseren Hausfrauen zu sagen?
weiß und Mineralstoffen sowie an Vitaminen und besitzt daher wesentlich mehr Nährwert als Weißbrot. Im übrigen wollen wir nach wie vor nicht vergessen, auch durch Ob st und frische Salate für die notwendige Ditamingu- fuhr zu sorgen.
Aus den Feststellungen Professor Scheunerts geht ganz klar hervor, daß die Ernährung unseres Volkes auch für eine längere Kriegsdauer gesichert ist; für den einzelnen wird die notwendige Umstellung seiner Eßgewohnheit vielleicht manchmal etwas unbequem sein, aber dafür ist sie gesund! Wir können also auch in dieser Beziehung mutig und zuversichtlich in die Zukunft blicken: Diesmal braucht in Deutschland bestimmt niemand zu hungern; aber dafür werden wir so manche vernünftige Aende- rung unserer Eßgewohnheiten, zu denen wir jetzt veranlaßt werden, hoffentlich auch nach dem Kriege beibehalten. Dr. H. Woltereck.
Wir lernen niemals aus.
Als ich mit dem Umändern eines alten Rockes zu einem Höschen für unseren Dreijährigen nicht recht weiterkomme, bitte ich meine Freundin, mir zu helfen. Sie ist so geschickt in diesen Dingen, und eine lange und notwendige „Umänderungspraxis" für ihre vier Kinder läßt ihr so etwas auch schnell von der Hand gehen. Am nächsten Morgen ist sie schon da, überraschend stütz und in ziemlicher Eile, und sie behauptet, nur eine halbe Stunde Zeit zu haben. „Ja, wo willst du denn so stütz hin?" — „Ich gehe zum Kursus in die Mütterschule." — „3n die Mütterschule, was willst du denn da, du perfekte Hausfrau?" Und während sie eifrig mit dem auseinandergetrennten Rock beschäf- ttgt rft, die Schnitteile auflegt, feststeckt und zu- schneidet, macht sie mir klar, was das für eine törichte Frage ist, die ich -da soeben gesteltt habe.
Sie nimmt an einem Kochkursus teil, der schon immer auf alle neuzeitlichen Ernährungsfragen und volkswirtschaftlichen Notwendigkeiten eingegangen ist, aber nun in allem, was in praktischer Arbeit gelehrt wird, ganz auf die Jetztzeit abgestellt ist. Am Kochherd werden nicht nur neue Rezepte erfunden und ausprobiert, sondern man unterhält sich auch eingehend über die Lebensmittelkarten und ihre praktischste Verwendung. Mit ihrem lebhaften Temperament setzt sie mir auseinander, daß keine Hausfrau perfekt und keine Hausfrau alt genug ist, um nicht immer noch lernen zu können, und wie die Jetztzeit eigentlich geradezu fordert, daß sich jede Frau ganz eingehend mit der Ernährung ihrer Familie beschäftigt und daß sie einsichtsvoll und wendig fein muß, um die Kost gesund, schmackhaft und abwechslungsreich zu gestalten. In diesem Bestreben werden die Hausfrauen in geradezu idealer Weiss durch die Kochkurse der Mütterschulen unterstützt. Es mag dort schon viele Kochkurse im Laufe der fünf Jahre, die der Mütterdienst des Deutschen Frauenwerks nun an der Arbeit ist, gegeben haben« Es gibt sicher schon viele Tausende von Hausstauen» die dankbar das dort Gelernte im eigenen Haushalt verwerten. Aber aufmerksamer, dankbarer und fröhlicher über die gemeinsam ausprobierten und gekochten vielen neuen Gerichte, die oft mit wenig Fett, oft fleischlos und doch immer gehaltvoll und schmackhaft find, waren sie sicher nicht.
Meine Freundin ist nun nut dem Zuschneiden und dem Zusammenstecken des Höschens fertig — sie muß gehen — und während sie es mir in dis Hand drückt, meint sie: „Und du könntest ruhig einmal den Kursus für häusliche Näharbei- t e n In der Mütterschule mitmachen, da würdest du! alles das lernen, was dir jetzt Schwierigkeiten macht!" Mit einem herzlichen Händedruck verabschiedet srie sich von mir, und ich bleibe recht nachdenklich mit meiner Näharbeit zurück.
zwei Ricken auf. Eine führt zwei, die andere drei Kitze. Munter springen die fleckigen Jungtiere durch die tauige Flut der Halme, dann folgen sie den Müttern im Schritt, drängen sich vor und knaupeln ihnen die weichsten Blätter aus dem Aeser. Liebevoll werden sie darob von den Ricken beleckt. Der Knopfbock gesellt sich ihnen zu und neckt sich mit den Kleinen. Es ist ein drolliges Bild, wie ihm eins der kaum drei Wochen alten Geschöpfe den Butzkopf vor den Aeser knallt. Da schüttelt sich der Alte und zieht unter den Erlen- baum, der inmitten der Wiese steht.
Lange schaut er zu mir hinüber, wehrt unmutig mit den Lauschern die Stechmücken ab und legt sich nieder. Ich war etwas unsicher auf der Kanzel geworden. Ob er mich gesehen hatte? Unmöglich! Die Verblendung mit Eichenästen war vollkommen in Ordnung. Es mußte halt etwas Anderes gewesen sein. ,
Lautes Husten erschreckt mich. Es war hinter mir im Gebüsch. Trockenes Laub knistert, der Farn raschelt,-und schräg vor mir tritt ein zweiter Bock ms Licht. Es ist ein schmucker Gabler. Die eisgrauen Zinken seines Geweihs blinken auf. Er hat auch den Knopfbock gesehen. Aesend, als ginge er ihn nichts an, kommt er ihm näher. Der andere ist aufgestanden und tut desgleichen, ab und zu den Nahenden musternd. Nun 'find beide noch drei Kor- perlänge voneinander entfernt, gehen im Stechschritt umeinander im Kreise herum, wenden und vollenden kopsnickend den Zirkus nach der anderen Seite. Seltsam, sollte dies eine Begrüßung sein oder fürchteten sich beide vor einem Duell? •
Unverhofft schnürt ein Fuchs am Wiesenrande entlang. Hier und dort steckt er seinen spitzen Kop in ein Kanin- oder Mäuseloch hinein, lost sich aus einem Stubben und verschwindet in der Tiefe des Altholzes. v r, ., f
Die Kaninchen am Waldrande schauen ihm lange nach, und ich freue mich, einen guten Bekannten wiederzusehen. Im Winter, wenn sein Balg wertvoller ist, will ich ihn mir gern zum Mondenschein herbeiwünschen — ha ha ha!
Ueber mir am Astloche kratzt es leise, und ehe ich mich danach umschauen kann, schwingt sich lautlos ein Waldkauz heraus. Die Mäuse im Farnkraut kobolzen rasch in ihre Löcher ...
Einige Schwingenschläge hott der Raubvogel aus, dann senkt sich sein hellgrauer Körper im Gleit- fluge über das Gräsermeer, kreist und stürzt, wird wieder hoch und verliert sich in der Ferne.
Das Büchsenlicht wird geringer, und sehnsüchtig wünsche ich mir den Knopfbock herbei ...
Sofort bin ich aber froh enttäuscht, als aus dem Altholze ein größeres Stück Wild heraustritt — ein Hirsch.
Nach (Sonnenuntergang.
Don Kurt Knaak.
In der hohen Wintereiche, in deren Wipfelwerk ich nun schon geraume Zeit hocke, wabert der Puls des heißen Sommertages unentwegt. Die Blatt- wefpen schwirren singend durch ihr Laub, Raupen fressen daran, Spinnen schnellen im Abendsonnen- scheine blitzende Fäden in die Luft, Wanzen eilen über das Geäst, und die schwarzen Ameisen ziehen in schmalen Zeilen rastlos am Stamme auf und ab. Es knistert und knackt, es wispert und flüstert mel- tausendfach in der Krone des alten Baumrecken, daß ich mich ganz klein inmitten aller Rührigkeit fühle.
Unter mix im Farndickicht zirpen die Waldmäuse, laufen eifrig hin und her, daß dos trockene Altlaub raschelt, und im Mischwalde zwirbeln Rotkehlchen krause Melodien, rufen die Zipsten, schlägt der Buntspecht, lockt der Kuckuck mit heiserer Kehle .. -
Der Wind steht gut. Die kleine Rauchfahne aus meiner Pfeife zieht hinter mir in den Forst hinein. Sie streift nicht über die weite Waldwiese und verliert sich auch nicht jenseits zum Kiefernhang. Ich habe einen guten Augenblick auf das silbergraue Gräsermeer, und -mit meinem Glase erkenne ich genau jeden Maulwurfshügel, jegliches Strauchwerk und Gekräut am Wiesenrande.
Da schmeckt die Pfeife gleich noch besser, und ich bin der • glücklichste Mensch der Welt um diese Abendstunde.
Das Glockengeläute klingt aus dem fernen Dorfe herzu, das Brüllen des Viehes läßt sich deutlich vernehmen. Darüber verschwindet der Sonnenglanz von der Waldwiese, wiegt sich noch im Eichenwipfel und tastet sich langsam hinter den Fuchsberg zurück.
Ein jeder Lufthauch erfrischt jetzt mit seiner zunehmenden Kühle, und das bunte Farbenspiel von grau und grün und braun wird zunehmend ernst. Drüben, zwischen den Stämmen des Altholzes erscheint ein rostroter Fleck und tritt vorsichtig ins Freie. Es ist ein Reh, und wie ich es ganz genau betrachte, ist es ein Bock ohne Gehörn. Nur zwei dunkle Erhebungen in Größe eines zieren den semmelgrauen Schädel. Ein Abschußbock also! In der Tat ist es so, sogleich erkenne ich in ihm den Alten aus der Wiesenschlänke vom Vorjahre. Damals hatte er mehr auf, heuer hat er zurückgesetzt, ist dabei aber gut im Wildbret. Na, warte, Alter, vor der Brunft soll dich das grüne Feld noch segnen! v .
Soeben stehen in seiner Nähe aus dem Grase
Noch steht sein Sechsergeweih im Bast. Im nächsten Jahre wird er es schon zum Zehner oder gar bis zum Zwölfer treiben.
Befriedigt betrachte ich den Edlen und schaue ihm nach, bis er im Bruche verschwindet. Noch eine halbe Stunde verweile ich in den Wunsche, das Alttier mit den beiden Kälbern und dem Spießer möchte alsbalb folgen, allein, die Zeit verstreicht.
Längst klomm der Mond über die Wipfel des Forstes auf. Laut schnurren die Nachtschwalben am Rande desselben, da steige ich behutsam am Eichenstamme herab und schleiche mich sacht auf dem Pirschstege von hinnen.
Nach Harz duftet der Wald, nach Humus- und Gerbsäure. Die Brust wird mir weit und das Herz darob so leicht, und kürzer erscheint mir fortan der einsame Weg durch die schlafende Heide ...
Der Brandiaucher.
Don Hanö Walther.
Wilhelm B a u e r, ber Erfinder des ersten brauchbaren Unterseebootes, hat ein typisches Erfinderschicksal gehabt. Er wurde im Jahre 1822 in Dilling en (Bayern) als Sohn eines Wachtmeisters geboren und wählte ebenfalls die Soldatenlausbahn. Auf dem Feldzug in Schleswig-Holltein (1849) kam er zu UÜberlegungen darüber, sich „möglichst ungesehen feindlichen Brücken ober Schiffen zu nähern, an dieselben Petarden (Sprenggeschosse) oder Sprengladungen bis zu 500 Pfund Pulver in schwimmenden Hüllen zu befeftigen und durch galvanische Batterien zu entzünden", wobei er sich ,Hurch Schwimmen retten oder mit explodieren wollte." Zunächst ergänzte er seine früher gewonnenen Kenntnisse in Physik, Chemie und Math ema- tik und studierte an einem Seehund in einem Tierpark die natürlichen Grundlagen der Bewegungsfreiheit, „um einen nach jeder beliebigen' Richtung in und unter das Niveau des Wassers bewegbaren Apparat zu konstruieren"; nach fünf Monaten war sein Projekt fertig, und da es in Bayern an Schiffsbau- und See-Kundigen fehlte, trat er 1850 in die holsteinische Artillerie ein.
Nachdem seine Pläne als ausführbar anerkannt worden waren, erhiett er von der holsteinischen Marine zum Bau eines Modells — 30 Taler. Die Versuche waren so überzeugend, daß er eine Subskription in der holsteinischen Armee eröffnen durfte; so kam er zu einigen Mitteln, aber die erforderlichen 10000 Taler wurden nie erreicht. Dafür jedoch hemmten ihn Sachverständige, indem sie erklärten, der Apparat könne wett billiger gebaut
werden, als Bauer es vorgesehen habe; diese Erklärungen sollten die wenigen vorhandenen Mittel noch strecken. Andererseits drängte man zu praktischen Versuchen, zu denen sich Bauer auch schweren Herzens entschloß.
Arn 1. FeNuar 1851 bestieg Bauer und seine Gefährten, der Zimmerer Witt und der Schmied Thomsen, das Boot, kreuzte, tauchte, stieg wieder auf und suchte bann tiefere Stellen der Kieler Bucht auf. Bauer saß vorn bei der Steuerung an einem kleinen runden Fenster, während die beiden Gefährten in rNhigern Gleichmaß die beiden Treträder bewegten, welche die Schraube rotieren ließen. An der tiefsten Stelle der Förde begann der Haupt- versuch, „bis in die Diese eines Athmosphärendrucks zu tauchen". Bauer öffnet das Ventil zum Kiel- raum, leise dringt das Wasser in das Doot, das langsam sinkt. Da, das Heck sackt plötzlich weg, sofort wird der Hohn geschlossen. Zu spät. Immer tiefer sinkt das Boot, die Wassermengen stürzen ins Heck, der im Kiel verstaute Eisenballast folgt nach und droht die drei zu zerschmettern. Die sich mühsam an die Spanten klammern. Bauer bleibt richig, das Manometer zeigt 28, 29, 30 Fuß! „Wenn die Decke bricht, sind wir verloren", sagt er, „wenn nicht, retten wir uns!" Da preßt sich die Backbordwand gegen das linke Trettad, drückt Naben weg, Nieten lockern sich, Umlaufbalken splittern. Ein Ruck, das Boot hat Grund in 15 Meter Wassertiefe. Verzweifelt versuchen Witt und Thomsen mit einer Pumpe — die andere ist unbrauchbar — bas Wasser auszupumpen. „Was tun?" rufen sie. „Kommt aus dem Wasser, richt euch, wir müssen warten, bis das Wasser hoch genug steht, bann offnen wir die Klappe und werden mit dem Luftdruck hinausge- hoben!" Da Bauer eisige Ruhe zeigt, lassen die Beiden vom Pumpen ab. Jetzt pendÄt eine Leine vor dem kleinen Fenster. Man hat sie gefunden. Aber die Hebung dürfte in absehbarer Zeit unmöglich sein. Also nur durch die Lucke, denkt Dauer. Witt versucht, die Klappe zu offnen; brausend stürzt das Wasser ins Boot. Sofort schließt er sie wieder. Bauer gibt letzte Anweisungen: keiner Halts den anderen fest, jeder muß allein herauszukommen versuchen, dann gehts. Witt stoßt die Klappe aus und wird hochgerissen, Bauer packt den ermatteten Schmied am Schopf, greift nach einem herabhängenden Tau — und in Sekunden tauchen die drei zwischen den oben suchenden Booten aus und sind frei.
Der „Brandtaucher" aber bleibt auf Grund; er wird erst im Jahre 1887 gehoben und ist heute eine Sehenswürdigkeit im Museum für Meereskunde in Berlin, ein einzigartiger Zeuge deutsche» Erfindungsgeistes und deutschen Wagenüttes.


