Was ist Kultur?
Von Dr. Erich Schmidt.
Es ist eigentlich merkwürdig: Wir alle sprechen so oft von Kultur und sind stolz auf den kulturellen Stand unserer Zeit: wenn aber die Frage gestellt wird, was Kultur sei, dann wird meist ein unbefriedigender Hinweis auf diese oder jcnt Einzelheit gegeben. Ja noch mehr: Die Frage nach der Kultur wird eigentlich überhaupt kaum gestellt. Man ist wohl der Meinung, sie sei überflüssig, da es müßig sei, von etwas zu reden, was man besitze.
Wer aber so denkt der hat meist nur eine völlig einseitige Vorstellung von dem Begriff der Kultur. Er verbindet mit ihm nur den Gedanken an den materiellen Fortschritt — der vielfach als Zivilisation bezeichnet wird — und übersieht, daß in ma^riellen Dingen allein der Begriff der Kultur sich niemals erschöpfen kann. Er muß tiefer greifen, denn er erfaßt unserganzes menschliches Leben. Wie aber Reichtum allein bekanntlich noch nicht glücklich macht, so kann eine hohe Kultur nur durch materiellen Fortschritt nicht erzielt werden. Kultur setzt Fortschritt, das heißt eine Aufwärtsentwicklung in zweifacher Beziehung voraus: materiell sowohl wie geistig.
Nun haben &ie modernen Völker Europas das Geistige in einer Richtung ganz ohne Zweifel ungemein viel weiter entwickelt als jemals Generationen und Völker der uns bekannten Geschichte zuvor. Wir meinen hier die Funktionen des Geistigen, die darauf hinauslaufen, die Kräfte der Natur, also das Materielle, zu beherrschen und in unseren Dienst zu stellen. Erstaunliches hat der Menschengeist, haben die Naturwissenschaften und die Technik in dieser Hinsicht geleistet. Diese Leistungen ermöglichten überhaupt erst den materiellen Fortschritt und damit das physische Leben von Millionen auf einem Raum, der in früheren Jahrhunderten nur einem Teil der heutigen Volkszahl die- Lebensmöglichkeit gab.
Trotzdem: Auch diese Fortentwicklung des Menschengeistes umschließt das Geistige, das wir mit dem Begriff der Kultur verbinden, nicht in vollem Umfang. Vielmehr fordert Kultur auch ein reges geistiges Leben auf jenem Gebiet, das wir als die Philosophie der Ethik bezeichnen können. Es liegt in unserem menschlichen Empfinden, in unserem Seelenleben begründet und macht das Menschentum überhaupt erst aus, daß weder der materielle noch der geistig-naturwissenschaftliche Fortschritt uns tief innerlich befriedigen können, wenn nicht das Fortschreiten in den ethischen Fragen des geistigen Lebens Schritt hält mit dem Tempo der materiellen Weiterentwicklung.
In der Kulturbewegung, die mit der Renaissance ihren Anfang nahm, waren bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts materielle und geistig-ethische Fort- schrittskräste miteinander im Wettstreit. Wir können das mit Namen aus unserer deutschen Geschichte belegen, die uns allen geläufig sind, mit der Tatsache, daß in jener Zeit neben die Großen der naturwissenschaftlichen Forschung die gewaltigsn Denker der Ethik traten, daß neben dem Aufstieg Preußens zur Großmacht der weite Höhenflug der deutschen Philosophie stand. Es sei nur an jene Gedenktafel erinnert, die der berühmte Heidelberger Philosoph Kuno Fischer zum 100. Todestag Kants am 12. Februar 1904 anbringen ließ und die Kant neben Friedrich dem Großen zeigt mit der Unterschrift: „Seine Laufbahn als philosophischer Schriftsteller und Lehrer von den ersten Anfängen bis zur Höhe seiner welterleuchtenden Werke gehört in die Zeit des Großen Königs und bildet in dem Charakter derselben einen der erhabensten und glorreichsten Züge."
Der Begriff der Kultur umschließt also die Frage nach der Ethik, das Ringen um ein Fortschreiten in der ethischen Erkenntnis und im ethischen Handeln. Diese Frage nach der Ethik ist von der Menschheit immer gestellt worden. In der Antike suchte Plato den Allaemeinbegriff des Guten zu finden als etwas Unbedingtes, etwas Zwingendes, das zeitlos und nicht gebunden ist an die wechsel- vollen Schicksale der Menschheit. So kam mit Plato die griechische Antike zu einem Begriff des Guten als etwas Ueberweltlichem, das außerhalb der irdischen Welt — der Welt des Scheins, wie Plato sie nennt — stehe. Dadurch aber wurde für die Antike die immaterielle Welt die einzig wirkliche, die
irdische Welt dagegen zum Schattenspiel, demgegenüber gerade der nach Ethik strebende Mensch sich nur als resignierender Zuschauer verhalten könne.
So mündete die ethische Philosophie der Antike aus in Weltverneinung. Denn in dem Augenblick, da die Anschauung das Gute, die Ethik nur in der übersinnlichen Welt beheimatet sieht, muß alles Wirken für die irdische Welt der Gegenwart seinen tiefen Sinn verlieren. Don da bietet es der Gedanken asketischer Tatenlosigkeit, wie wir sie in indischen Religionen oder auch bei den ersten christlichen Gemeinden zur Zeit der römischen Kaiser finden, ist nur noch ein Schritt. So verstrickte sich der Tatwille des alten Hellas in einer Philosophie der Verneinung der sinnlichen Welt und führt damit zu jener Resignation, die, wie der Schatten die Nacht, das Einbrechen des Abends und das Ende des Tages anzeigt.
Wenn wir heute von Kultur sprechen und die Höherentwicklung unserer Kultur aus vollem Herzen bejahen, so ist damit schon zum Ausdruck gebracht, daß wir nicht eine Ethik des Uebersinnlichen, der Verneinung des irdischen Daseins, sondern eine Ethik der Lebensbejahung wollen. Aus stummer Resignation kann fein neuer Kulturwille erwachsen, denn Kultur setzt den Willen zur Tat voraus, zum Handeln in unserer irdischen Welt. Die geistige Seite kulturellen Fortschritts bedingt also eine optimistische Weltanschauung. Wie Pessimismus weiter nichts ist als herabgesetzter Wille zum Leben, so strömt die optimistische Weltanschauung jene Tatfreudigkeit aus, die uns den Kampf des Lebens wagen läßt voll gläubiger Zuversichtlichkeit. Soll aber aus diesem Totwillen lebendiger kultureller Fortschritt entstehen, so muß das Wollen daraus gerichtet sein, gemäß den Erkenntnissen der Ethik zu handeln und ihnen Bahn zu brechen.
Wenn hier von Optimismus gesprochen wird so muß allerdings eine Einschaltung gemacht werden. Denn in unserem Zusammenhänge ist damit nicht jene Eigenschaft gemeint, die im allgemeinen als Optimismus bezeichnet wird und die in der Fähigkeit besteht, alle Dinge unseres Seins in einem möglichst günstigen Licht zu sehen. Der wahre Optimismus schreckt nicht zurück vor einem Erkennen der Mängel, aber er besitzt den Glauben, die Mängel überwinden, das Ziel des Wollens also hochspannen zu können.
Man wird vielleicht einwenden, daß diese Erörterungen über Lebensbejahung und Ethik doch
mehr einen theoretischen Wert hätten, für die praktische Kulturentwicklung aber weniger bedeutungsvoll seien. Es ist ein Irrtum, dies anzunehmen. Seit dem Anfang des 19. Jahrhunderts hat sich das Geistige — fast möchte man es so ausdrücken — auf das Naturwissenschaftliche allein konzentriert, während die Energien ethischer Philosophie und ethischen Denkens demgegenüber in den Hintergrund traten. Weil aber diese ethischen Energien nachließen, gingen dem menschlichen Empfinden die großen Wahrheiten und damit auch die großen Maßstäbe der Ethik verloren. So wurden die materiellen Fortschritte frisch-fröhlich hingenommen, ohne sie in ihren Wirkungen nach den Grunderkenntnissen überzeitlicher ethischer Maßstäbe zu messen. Weil dies unterlassen wurde, standen wir dann plötzlich an den Schattenseiten des einseitigen materiellen Fortschritts und zwar vor Schatten, die immer drohender wurden.
Hätten — wir wollen nur diesen einen Punkt als Beispiel herausgreifen — die geistig-ethischen Kräfte mit dem materiellen Fortschreiten Schnitt gehalten, die soziale Frage des Industrialismus hätte niemals in ihrer die gesamte Kultur bedrohende Schärfe entstehen können. Denn ein Zeitalter, in dem neben der industriellen Entwicklung die lebendigen echischen Kräfte geistigen Strebens und Suchens in voller Wirksamkeit und Wachsamkeit gewesen wären, hätte niemals in geradezu verblendeter Gedankenlosigkeit jene lichtlosen Hinterhöfe in modernen Großstädten bauen und jene Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer Volksgenossen sich entwickeln lassen können, wodurch die Brutstätten marxistischer Zersetzung und damit die Bedrohung unserer gesamten Kultur entstanden war.
Was also heißt Kultur? Wir können darunter nur den harmonischen Gleichklang materiellen Fortschritts und ethischer Lebensbejahung verstehen, einen Gleichklang, der die Kräfte des Materiellen und des Geistig- Seelischen ausgewogen sein läßt. Aus der Verneinung des Geistigen ist der Bolschewismus entstanden, den wir alle als höchste Gefahr der Kultur empfinden. Aus Resignation, aus der Verneinung gegenüber den materiellen Gütern unserer Welt ist zu allen Zeiten jener Pessimismus entstanden, der das Altern und Absterben der Völker ankündigt. Aus freudiger Lebensbejahung und ehrlichem ethischem Streben dagegen erwächst jene lebendige Kultur, die uns das Dasein lebenswert macht und uns weiterführt auf allen Gebieten.
Durch Italien nach Tripolis.
(Sinbrücfe einer Reise von Or. Paul Rohrbach.
Drei koloniale Zeitalter.
Benghasi in Libyen, Ende März 1939.
Das Stück von Jtalienisch-Nordaftika, das ich jetzt besuche, erlebt durch die 'Italiener seine zweite Kolonisation. Die erste, griechische, liegt über zweieinhalb Jahrtausend zurück. Im 7. Jahrhundert o. Christi landeten an dieser Küste Griechen von der Insel Thera, erstiegen den Plateaurand, der sich dicht landeinwärts erhebt, und gründeten die Stadt K y r e n e. Jetzt lebt auch der antike Name der Kyrenaika für das italienische Ostlibyen wieder auf. Die alte griechische und auch die römische Kolonisation beruhten auf Städte- gründung im Gebiet barbarischer oder unterworfener Völker. Augustus gab seinen ausgedienten Legionären wohl auch Ackerland in Form einer .Kolonie", aber das Land dazu wurde von irgendeinem bestehenden Gemeinwesen genommen, und die Stadt blieb immer der Mittelpunkt aller kolonialen Gründungen. Die antike Kultur hat ihren Charakter als Städtekultur bis zuletzt behalten. Polis heißt im Griechischen die Stadt — das ist für den Ursprung des Wortes Politik nicht zu vergessen! Gestern waren wir in Kyrene, wo durch die fortgesetzte Ausgrabung der wohlerhaltene Unterbau des Apollotempels und der große Altar Apollos auf- gedeckt find. Davor fließt wieder aus der aufgefundenen alten Fassung der Strahl der heiligen Quelle Kyra, die den Anlaß gab, Heiligtum und Stadt hier zu gründen. War die Schutzgottheit gefunden, so mochten Mauern und Markt der Kolonialstadt erstehen!
Was die Griechen seit dem Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. zu ihren vielen Kolonialgründun- gen vom Schwarzen Meer bis nach Unteritalien und Südgallien trieb, war ihr Handelsgeist, ihr überquellender Menschenreichtum, ihre überlegene Bewaffnung und nicht zuletzt ihre innere Zwietracht, die der unterlegenen Partei oft nur den Weg der Auswanderung freiließ. Ganz besonders begann nach den großen Entdeckungen auf der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit das zweite überseeische Kolonialzeitalter. Man sand große Räume, die entweder so gut wie menschenleer waren oder von eingeborenen Völkern, bewohnt waren, die sich mühelos unterwerfen ließen. Damit war freie Bahn zur Bildung der großen Tochtervölker der Angelsachsen und Romanen in fremden Erdteilen gegeben. Die antike Kolonialstadt Kyrene konnte untergehen wie viele ihresgleichen; die Kolonialvölker Nordamerikas, Brasiliens, Argentiniens, Australiens werden dauern.
Es war die' Gunst des Schicksals, die im Zeitalter der Entdeckungen ein paar bevorzugten europäischen Völkern es erlaubte, sich an die Pforten der großen menschenarmen Räume in Amerika und Australien zu setzen und dort ihre Tochternationen — mochten diese früher oder später auch den kindlichen Gehorsam aufkündigen — heranwachsen zu sehen. Der sprachliche und futtureUe Zusammenhang und das Bewußtsein der Abstammung sind auf die Dauer nicht auszulöschen. Auch die Russen haben im gewissen Sinne Teil an dieser fäfularen Besiedlung der leeren Räume außerhalb Europas gehabt, als sie sich Nordasien bis an den Stillen Ozean aneigneten. Die Sibirier, das zeigten die sibirischen Re
gimenter im Weltkrieg, sind sogar ein kräftigerer Schlag, als die europäifchen Moskowiter.
Heute, im dritten kolonialen Zeitalter, hat die Bildung ganzer neuer Völker aus europäischem Stamm in überseeischen Fernen aufgehört. Die Kolonialpolitik ist nie, weder im Altertum, noch in der Epoche der überseeischen Volkssiedlung großen Maßstabes, von wirt- fchaftlichen Ideen unabhängig gewesen. Der Zucker von Haiti und die Reichtümer Indiens waren durchaus planwirtschaftliche Faktoren der englischen und französischen Kolonialpolitik. Niemals ist jedoch früher in ebenso großem Maßstab und mit eben- folcher Ausschließlichkeit wie heute der Erwerb von Kolonialbesitz zu einem Lebensinteresse d e r heimischen Wirtschaft geworden. Die Wirt- fchaft Europas kann ohne den Bezug überseeischer — und das heißt immer noch aum großen Teil kolonialer — Rohstoffe, Nahrungs - u n d Genu ß m i t t e l nicht mehr bestehen. Das gibt dem Kolonialproblem der Gegenwart seinen besonderen Charakter. Ein Volk, das Kolonien besitzt, nähert sich im Maße dieses Besitztums einer allgemeinen wirtschaftlichen Autarkie.
Was bedeutet unter diesen modernen Verhältnissen ein Stück solcher nationaler, kolonialer Sied
lungspolitik, wie Italien es hier in Libyen betreibt? Die italienischen Landarbeiter, die jetzt hier angesiedelt werden, kommen nicht, wie einst die Pioniere der Siedlung in den Wäldern und Prärien Nordamerikas mit Beil und Büchse, Pulver und Blei und einem Sack Maismehl, um sich auf eigne Faust ihr Blockhaus zu zimmern, ihr Fleisch zu erjagen, ihren Skalp gegen die Indianer zu verteidi« gen; sie reiten auch nicht zu Tausenden wie die Windsbraut los, um auf noch unbesetztem, amtlich geöffnetem Neuland in wildem Jagen zuerst sich ein Stück Land abzupflöcken, wo es ihnen besagt; vielmehr werden sie in fertig gebaute Häuser gesetzt, an Brunnen, aus denen ihnen der Windmotor schon das Trink- und Berieselungswasser pumpt, und man gibt ihnen monatlich soundso viele Lire, damit sie sich in wohlversoraten Läden bis zur ersten eigenen Ernte ihren Bedarf einkaufen können. Auch in unserem alten Südwest und in O st - a f r i f a durfte der Siedler, wenn auch sein erstes Bett zumeist rauher war, als das der italienischen Ankömmlinge in Libyen, auf den Rat und die Hilfe berufener Stellen rechnen.
Koloniale Siedlung kann in der Gegenwart immer nur ein Ausschnitt aus einer Kolonialpolitik von umfassender Planung sein. Die italienischen Siedler in Libyen werden nie ein zweites Volk aus italienischem Blut werden, auch wenn ihre Nachkommenschaft sich einmal auf 80 000 oder 100 000 Seelen vermehrt haben wird. Diejenigen Räume auf der Welt, auf denen große, nere Völker wachsen formten, sind lange vergeben. Trotzdem Mussolini wohl zu welchem Zweck er in die kleinen, weithin zerstreuten, bewässerungs, und anbaufähigen Fleckchen dieser Kolonie italienische Familien setzte und dazu die Bedingung stellt: Sechs Kinder und womöglich mehr! Westlich liegt Tunis und östlich liegt Aegypten, und wenn zehn Jahre vergangen sind, wird man dort mit der jungen Mannschaft des italienischen Libyen zu rechnen haben.
Deutsche Heeres-Aücherei.
Im Jahre 1938 wurden bei der Deutschen Heeres- bücherei neu aufgestellt: Wehrkreisbücherei XIII — Nürnberg; Wehrkreisbücherei XVII — Wien; Wehrkreisbücherei XVIII — Salzburg; Bücherei der Pionierschule II — Dessau-Roßlau. Die Bücherei des ehemaligen österreichischen Bundesministeriums für Landesverteidigung wurde als Wehr- kreisbücherei XVII — Wien, die Bücherei der The- r.sia-Militärakademie Wiener-Neustadt wurde als Bücherei der Kriegsschule Wiener-Neustadt übernommen. Die Deutsche Heeresbücherei verfügt Ende 1938 über einen Bestand von rund 500 000 Büchern und 250 000 Karten.
Oer Bauer Michael.
Von Karl Heinrich Waaqerl.
Der Bauer ist unterwegs auf der Wiese, er geht den Zäunen nach. Da und dort drängt er sich in das Strauchwerk, ich höre ihn von weither rumoren und fluchen. Die Axt flingt hell im dürren Holz, eine Meise flattert auf und schimpft erbittert aus dem Wipfel der Esche. Eine Weile später kriecht der Mann wieder aus dem Busch, gelb und grün bestäubt, und steht da, und schaut sich um, ein alter Kerl, ein langsames braunes Tier auf meinem Feld.
Ich rufe ihn an. Michael, sage ich, laß es heute! Mach Feierabend! Und Michael überdenkt auch das eine gute Weile, dann nickt er mir zu und schiebt die Axt unter den Rock. Ich mache ihm Platz an meiner Seite, lange fitzen wir schweigend nebeneinander auf den warmen Steinen. Michael duftet nach Seidelbast, er bringt den ganzen Frühling mit sich, Erlenkätzchen auf dem Rock, kleine Blütensterne im Bart, aber daran liegt ihm gar nichts. Frühjahr, das bedeutet dreifache Arbeit für Michael, Arbeit im Holz und auf den Wiesen und hinter dem Pflug, er lieft eine andere Schrift vom wechselnden Himmel des Jahres. Michael denkt geradeaus. Es gefällt ihm, wenn das Gras aufwächst, Blüten und Kräuter, das ist Futter für seine Tiere. Regen muß dazukommen, die Sonne muß steigen, damit sein Korn reif wird, für nichts anderes. Vielleicht liebt auch er diesen Fleck Land auf seine Weise. Er nährt ihn ja, in jeden Fußbreit Erde hat er hundertmal die Schar gedrückt. Die Bäume am Hag find mit ihm aufgewachsen, viele hat er selbst gepllanzt, andere kennt er noch aus seiner Jugend, die fallen jetzt unter seiner Axt. Es sind prächtige Bäume darunter, wunderbar im Frühling, wenn das Laub aus den Knospen bricht, das mag schon sein, und in Sommernächten, unter dem ziehenden Wind. Allein davon weiß Michael nichts, er ist kein Schwärmer. Laub mag rot ober grün sein, es gibt dieselbe gute Streu für feinen Stall, aber es wirft auch Schatten auf seinen Acker. Man muß darauf sehen, daß die Kronen nicht zu üppig werden und daß man das Holz herausschlägt, solange es noch gesund und fest im Kern ist.
So hat alles seinen Sinn und seine gute Ordnung in dieser kleinen Welt, Michael wacht darüber mit dem einfachen Verstand des Bauern. Auch Gott macht keine Verse.
Es dämmert schon über der Wiese. Im Westen schwimmt die junge Sichel des Mondes auf dem
Rücken, eine weiße Wiege, ein glückliches Schiff mit hohem Kiel. Die Sterne tun sich wie Augen auf, sie blinzeln eine Weile, und dann schauen sie ruhig und ernst auf das friedliche Land. Der trübe Dunst über dem Boden gerinnt in der Kühle, die Luft spinnt Fäden, weiße Bänder aus dem Nebel und knüpft sie da und dort an Halmen und Sträuchern fest. Von weither kommt noch ein Vogelruf, wehmütig und wie aus dem Traum gesungen.
Mir ist so wohl im feierlichen Frieden, ich habe einen Menschen neben mir, einen müden Mann. Sein Rücken ist ein Berg, sein Gesicht ist ein Feld, er atmet ruhig und schaut vor sich hin, und in die Hände hat er seinen Bark gelegt. Auch diese Hände betrachte ich, sie sind selbst einem Gewächs ähnlich, einer nahrhaften Wurzelfrucht aus der Erde.
Das geht mir so durch den Kopf. Zuletzt, denke ich, im ganzen genommen, bedeutet dieser Mensch in feiner Einfalt vielleicht nicht mehr als irgendein Halm auf dem Feld, der unter anderen Halmen steht, der zu seiner Zeit blüht und Früchte hat und seinen Samen um sich streut, damit neue Gräser nach ihm aufstehen, wenn er selbst unter der Sense gefallen ist. Dies geschieht mit dem Halm in der Stille, aber liegt der Sinn des Lebens etwa im Geräusch?
Zuweilen streite ich mit dem alten Dachs, und dann wird nichts geschont zwischen Himmel und Hölle, ich lege mich mächtig ins Zeug mit meinem doppeltgenähten Scharfsinn. Aber sitzt Gott nun deswegen da und kratzt sich hilflos den Bart? Michael weiß wenig von den letzten Dingen, allein er hat doch dies und jenes in feinem Leden auf feine Art betrachtet. Er hat die Kirchenuhr im Turm gesehen, — Teufel, noch einmal, sagt er, so etwas von Rädern und Walzen und Stiften, und alles blitzsauber und haargenau! Das kannst du dir nicht einmal vorstellen, behauptet er.
Gut, da läuft jetzt so ein Zahnrad mitten in dem großen Werk, ein anderes Rad dreht sich mit ihm und greift in feine Zähne ein, und wenn es sich Gedanken machen könnte, so hätte es gewiß sein Leben lang genug daran zu raten. Es könnte Bücher darüber schreiben, sofern es ein besonders pfiffiges Zahnrad wäre.
Indessen aber stehst du irgendwo auf dem Feld und schaust nach der Uhr, in der dieses Zahnrad läuft; du sagst Feierabend und legst dein Werkzeug aus der Hand ...
Später, am Abend, gehe ich mit Michael über das Feld nach seinem Hof. Wir schwatzen friedlich
über allerlei, vom Futter und von einer neuen Mode beim Düngen, und auch vor den Obstbäumen bleiben wir eine Weile stehen. Es stt nicht abzusehen, wie das alles blühen soll, dicke Schnüre von Knospen an jedem Zweig.
Der kleine Michael läuft uns in den Weg, er hängt sich schweigend an das Hosenbein des Vaters und fängt mit Macht zu ziehen an. Worte findet er nicht für diese Leichtfertigkeit erwachsener Leute, was das Essen betrifft, die Lichtseite des Daseins. Und hinter ihm kommt noch etwas durch den Kartoffelacker, das ist Therese, rund und behäbig und hoffnungslos um ihr Gleichgewicht kämpfend wie immer. Sie rollt in die Furchen, steht wieder auf und wühlt sich unverdrossen durch, es ist fein Augenblick zu verlieren': Milchsuppe! Die Schüssel steht auf dem Tisch!
Ja, warmes Essen in der Stube. Der Vater hängt feinen Rock an die Tür, dann schlägt er das Kreuz, und auch der kleine Michael gibt Gott die Ehre, wie es Brauch ist, aber sein Amen verhallt schon tief in der Schüssel. Wie hungrig ist der kleine Michael, du lieber fümmel, das begreift fein Mensch! Er seufzt und faut und gönnt sich nur das Notigste an Luft, und außerdem läßt er fein Auge von den heißen Brocken auf den Löffeln der anderen, mit stiller Wehmut sieht er sie verschwinden. Zuletzt schiebt ihm der Vater die ganze Schüssel hin. In Gottes Namen! sagt er, aber friß den Boden nicht heraus!
Es ist gut und behaglich in der Dämmerung. Therese kauert auf dem Boden und summt leise vor sich hin aus Sattheit und Schlaf. In der Ecke glänzen die heiligen Bilder. Joseph und Maria mit dem himmlischen Kind, alle lächeln so unergründlich mild, und unter der Decke schwebt der Heilige Geist. Vielleicht hängt er da bloß an einem Pferdehaar, er ist überhaupt nur aus Glas und Wolle gemacht, aber die Flügel find reines Gold, sie glänzen und flimmern überirdisch im Widerschein des Herdfeuers.
Therese klettert in den Schoß der Mutter, dort rollt sie sich zusammen und schläft wie ein Hündchen, wie ein kleines zufriedenes Tier. Ja. die Mutter, immer ist es gut und warm in der breiten Mulde zwischen ihren Knien, sie wiegt sich leise und traut bas Kind mit dem Finger.
Einmal schaut auch der Mann nach ihr hin, er nickt und schiebt seine Hand hinüber. Aber dann läßt er es wieder und streift nur ein paar Brotkörnchen vom Tisch.
Zeitschriften.
— Das April - Heft der Zeitschrift „Neues Volk", Blätter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP. (Verlag Berlin SW 68), gedenkt zu Beginn des Führers zum 50. Geburtstage mit einem Bilde „Am Berghof" und einem Gedicht von Reinhold Vesper. Ebenfalls zum 20. April erscheint ein mit schonen Aufnahmen geschmückter Beitrag „Die Jugend gehört dem Führer — sie ist die Zukunft des Volkes". Aktuelle und wertvolle Betrachtungen enthält ein Aufsatz von Professor M. Staemmler über Wesen und Bedeutung der Auslese. Einen erschreckenden Einblick in das die Volksgemeinschaft aufs schwerste bedrohende Element der Asozialen gibt der ebenfalls bebilderte Aufsatz „Sittenstrolche und Verbrecher", lieber die alte Volkskultur des Grenzlanddeutschtums im Sudetenraume berichtet ein anziehend bebilderter Artikel. Weitere Beiträge heißen „Judenpleite selbst im Sowjetstaat", „Ein Dors kämpft um sein Leben", „Deutsche Bevälke- rungspolitif und Kolonialfrage"
— „A u s der Natur" („Der Naturforscher"), Hugo Bermühler Verlag, Berlin-Lichterfelde. Der neue (16.) Jahrgang (April-Heft) beginnt mit einer Reihe von — meist bebilderten — Aufsätzen erster Sachkenner und Forscher. Mehrere Abhandlungen rücken naturwissenschaftliche und technische Fragen aus der deutschen Wirtschaft, aus der deutschen Landschaft, aus dem deutschen Leben der Gegenwart in den Vordergrund. Professor Dr. F. Reinähl zeiat in Wort und Bild die Züchtungserfolge bei unseren Haustieren. Kurt Lipfert gibt an den neuesten Apparaten einen Ueberblick über die Einrichtung und Arbeitsweise der deutschen Fernsehheimempfänger. Um die Erhaltung der deutschen Natur geht es in zwei Aufsätzen: Volkmar Graumüller tritt in einem Bildbericht von seinen Beobachtungen über den Uhu für den Schutz dieses deutschen volkstümlichen, kraftvollen und eigenartigen Vogels ein, dessen Brutzeit in den April fällt; Dr. Richard Rein kann davon berichten, daß erstmalig am Rhein Begrünungszwang angewandt worden ist. Daß die botanische und zoologische Forschung ständig vorwärtsschreitet, zeigen Professor Dr. Karl Sueßenguth mit seinen grundsätzlichen Ausführungen über neue Ziele in her Botanik und Dr. habil. Werner Fischei mit seinem Forschungsbericht „Instinkt und Intelligenz bei höheren Tieren". Anregungen zu eigenen Beobachtungen im April gibt Dr. Borriß auf phänolo- qischein Gebiet. Kleine Beiträge und kurz gefaßte Forschungsergebnisse, die Bücherschau und die Preisfrage beschließen bas erste Heft des neuen Jahrgangs.


