Nr. 293 Zweites Blatt
Donnerstag, U. Dezember 1939
Gießener Anzeiger iGeneral-Anzeigsr für Oberhefien)
Aus der Stadt Gießen.
Borweihnachtszeit.
Je früher bie Dunkelheit hereinbricht, je kälter und ungemütlicher es draußen wird, desto lichter und heimlicher soll es an unseren Feierabenden werden. Die Dorweihnachtszeit mit ihrer stillen besinnlichen Vorfreude, mit alten weisen Bräuchen und der Vorbereitung allf eine hohe Zeit d-s Jahres hat uns gerade in der Gegenwart viel zu bedeuten. Wir wollen diese vorweihnachtlichen Abende tief miterleben, erst recht wenn wir in Sorge sind oder sehr viel Arbeit haben, sie können uns soviel Kraft und Zuversicht geben. Mit grünen Tannen- ästen wollen wir unsere Zimmer schmücken und im Grün der Zweige erkennen, daß das Leben nie ersterben wird. Wenn wir einen Tannenkranz winden, dann wollen wir daran denken, daß er in seiner Geschlossenheit ein Sinnzeichen der heiligen Ordnung im Sonnenlauf ist. Mit roten Bändern wollen wir ihn binden, denn Rot ist die Farbe des Lebens und der Freude, und Lichter wollen wir darauf anzünden, jede Woche ein neues, als Zeichen der nahenden Sonnenwende. Vielleicht haben wir auf dem Boden eine Weihnachtspyramide, weihnachtliche Schnitzereien und allerhand Spielzeug verpackt. Sie müssen in diesem Jahr zur Vorweihnachtszeit heruntergeholt werden!
Zur Weihnachtszeit gehört das Märchenerzählen. Auch hier sind der Sieg des Guten über das Böse, der Glaube an Sinn und Zweck des Lebens und die tapfere aufrechte Haltung zum Schicksal uns in der Gegenwart besonders bedeutsam. Wenn wir in einer großen Familie beisammen sind oder Besuch haben, dann sollten wir einmal versuchen, ein Märchen zu spielen. Und noch eine andere Form des gemeinsamen Fröhlichseins wollen wir in unseren Vorweihnachtsabenden nicht vergessen: die Hausmusik! Wir brauchen dazu keine kostbaren, schwek erlernbaren Instrumente. Singen kann jeder, und eine Mundharmonika, eine Blockflöte oder eine Laute find die beste Begleitung.
Wir wollen die Tage vor Weihnachten wirklich zu einer festlichen Vorbereitungszeit gestalten, das Schwere und Dunkle, das in viele Schicksale trat, soll leichter und lichter werden in der Gemeinschaft, hn Miterleben alter tröstlicher Weisheiten. Und wenn gar der Vater oder der Bruder von der Front auf Heimaturlaub kommt, dann soll ihm die Vorweibnachtszeit im Kreise der Familie zu einem unvergeßlichen Erleben werden.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Irrtum des Herzens". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Hoheit tanzt inkognito". — Oberhessischer Kunftverein: 15 bis 16 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Die Heimatvereinlgung „$d)iffenberg“ veranstaltet am Sonntagnachmittckg auf dem Schiffenberg eine Familienzusammenkunft, mit der die Weihnachtsfeier verbunden ist.
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Abteilung Sportamt.
Die Gymnastikstunde heute abend im „Burghof" fallt aus. Der nächste Unterricht findet am 4. Januar 1940 in der Schillerschule statt. 7356")
Mit dem Führer vorwärts zum Sieg Deutschlands!
Große Kundgebung mit Gauleiter Sprenger in Gießen.
Die. Ortsgruppen Gießen-Süd und Gießen-Oft hatten die Gießener Bevölkerung am gestrigen Mittwochabend zu einer großen Kundgebung mit dem Gauleiter Reichsstatthalter Sprenger aufgerufen. Dem Rufe der Ortsgruppen war so zahlreich Folge geleistet worden, daß der große Raum der Reuen Aula der Universität überfüllt war und die Besucher bis in den Vorraum hinein standen. Ein Musikkorps der Wehrmacht erfreute die Besucher bis zum Beginn der Kundgebung mit schneidigen Militärmärschen, die dankbar aufgenommen wurden.
Rach dem Einbringen der Fahnen und dem gemeinsamen Gesang des ersten Verses des Kampfliedes „Volk ans Gewehr" eröffnete der Hoheitsträaer der Partei im Kreise Wetterau, Kreisleiter Back - ha u s, die Kundgebung mit herzlichen Grußworten an den Gauleiter, an die Vertreter der Partei, der Wehrmacht, der Wirtschaft und an die große Menge aller Volksgenossen, die sich in dieser Stunde mit dem Gauleiter zu der eindrucksvollen Kundgebung vereinigte.
Gauleiter
Reichsstatthälter Sprenger
wurde zu Beginn feiner Rede von der Versammlung mit herzlichem Beifall begrüßt. An die Spitze seiner Ausführungen stellte er die Antwort auf die Frage, warum jetzt im Kriege Versammlungen abgehalten werden. Der Zweck dieser Kundgebungen sei, allen Volksgenossen die Wahrheit über die Ursache und den Sinn des Krieges immer mehr zu vermitteln, damit jeder einzelne klar erkennen kann, warum unser Volk diesen uns von England aufgezwungenen Krieg führen muß. Aus der Erkenntnis dieser Wahrheit wird sich die unverbrüchliche Einheit des deutschen Volkes immer mehr verstärken, und damit können auch alle Widerstände leichter überwunden werden.
Hierauf wandte sich der Gauleiter einer kritischen Betrachtung des Genfer Vereins zu, der sich zwar Völkerbund nennt, in Wahrheit aber nichts anderes ist, als eine Vereinigung unter der Führung Englands, die von Anfang an nur ein Ziel verfolgte, nämlich die Vernichtung, m i n d e- stens aber d i e dauernde Niederhaltung Deutschlands. Der Führer habe diese Zielsetzung des Vereins der Weltkriegsieger von Anfang an klar erkannt und dementsprechend seine außenpolitische Haltung gegenüber diesem Bunde bestimmt, und die Entwicklung habe auch hier die Politik des Führers in vollem Umhange bestätigt.
Weiter beschäftigte sich der Redner mit unserem Hauptfeind England und seinem Trabanten Frankreich, deren verlogene Politik er in überzeugender Weise kennzeichnete. Dabei wies er auf die gescheiterten Spekulationen der Westmächte hinsichtlich der Haltung Rußlands hin und unterstrich, daß das englische Piratenoolk jetzt zum ersten Male entlarvt und allgemein als ein Volk des Piraten- tums, des Raubes und der brutalen Gewalt erkannt worden ist. Diese Politik Englands wurde auch in Rußland klar durchschaut, und Rußland zog hieraus die einzig möglichen Konsequenzen. England werde eine große Enttäuschung erleben, wenn es immer noch hoffe, das deutsch-russische Verhältnis trüben zu können.
Dieser kümmerlichen und verlogenen Politik der Westmächte stellte der Gauleiter in großen Züaen die gewaltigen weltgeschichtlichen Leistungen der Politik unseres Führers gegenüber. Er konnte dabei mit berechtigter Genugtuung auf den vom Führer immer tiefer in unser Volk hineingetragenen Wehrwillen aller Deutschen und auf die bereits im Jahre 1933 im größten Teile unseres Volkes bestehende Wehrbereitschaft gegenüber allen Gewaltplänen Englands und Frankreichs Hinweisen. Aus den Darlegungen des Redners ging auch in klarer Weise hervor, daß England es war, das in Frankreich schon im Jahre 1933 zum Kriege gegen Deutschland hetzte, und daß wiederum England es ist, das seitdem mit allen Mitteln seiner Politik danach strebte, unser Deutschland und sein zu neuer Blüte aufsteigendes Volk zu vernichten. Je mehr es dem Führer gelang, das deutsche Volkstum in den Grenzen unseres Reiches zu vereinigen und Großdeutschland zu schaffen, desto stärker wurde der haßerfüllte Dernichtungswille Englands gegen das deutsche Volk. Als Grund für diese Haltung Englands führte der Gauleiter nicht nur die Weltherr- schaftsgelüste der Engländer und ihre brutale Mißachtung der Rechte aller anderen Völker an, sondern er wies mit gutem Grund auch darauf hin, daß die kleine und feit Generationen über das englische Volk herrschende Kaste der plutokratischen englischen Oberschicht das wahrhaft soziale neue Deutschland fürchtet, weil von dieser nach dem Grundsatz der sozialen Gerechtigkeit für alle Glieder des Volkes geordneten Gemeinschaft natürlich soziale Rückwirkungen auf das englische Volk ausstrahlen können, die der dort herrschenden plutokratischen Kaste höchst unerwünscht sind.
Schon immer war der Zustrom zur NS.° Schwesternschaft sehr groß. Nach der neuen Regelung des Ausbildungswesens wird er sich jedoch noch besser steigern. Nach der Schulentlassung — eine abgeschlossene Schulbildung genügt — werden die Mädel zur Hauswir tschaf tlichen Ausbildung nach eigener Wahl in Haushaltungen, Haushaltungsschulen, oder in Heimen und Anstalten der NS.-Volkswohlfahrt eingesetzt. Die Ausbildung in der Krankenpflege in einem der zahlreichen Krankenhäuser der NS.-Schwestemfchaft beginnt Mit dem 18. Lebensjahr und dauert nicht wie früher zwei Jahre, sondern nur eineinhalb Jahre. Meldungen nimmt das Gauamt für Volkswohlfahrt unseres Gaues jederzeit entgegen.
Die Einberufung zur Ausbildung kann auch außerhalb der regulären Aufnahmezeiten im April und Oktober erfolgen. Da sehr viel mehr Anstalten als Ausbildungsstätten zur Verfügung stehen als früher, ist die Wartezeit erheblich ochgekürzt worden, sodaß jede Bewerberin mit ihrer baldigen Einberufung rechnen kann.
Die NS.-Schwesternschaft als Mutterhaus übernimmt die vollständige Ausbildung — im Gegensatz zu früheren Jahren entstehen den Schülerinnen bzw. den Eltern hier keinerlei Kosten —, zahlt darüber hinaus ein Taschengeld, stellt die Dienstklei-
Chamberlain und D a l a d i e r gingen, wie der Gauleiter betonte, 1938 nur deshalb nach München zu der Konferenz mit dem Führer, weil sie damals noch yicht genügend gerüstet waren und den Krieg gegen uns noch nicht wagen konnten. Während der Führer in aller Ehrlichkeit seine Politik des Friedens führte, bereitete England mit aller Kraft den Krieg gegen Deutschland vor und betrieb die Einkreisung gegen uns, dabei gehorsam unterstützt von Frankreich. Beide »Mächte übersahen aber, daß sie diesmal ein anderes deutsches Volk vor sich haben, ein Deutschland, in dem Volk und Führung eine unzerstörbare Einheit sind. Daher stimmt denn auch die englische Rechnung diesmal nicht, und England wird sich immer mehr davon Überzeugen müssen, daß es sich diesmal verrechnet hat. Als überzeugende Beweise dafür konnte der Gauleiter die bisherigen Ereignisse des Krieges anführen, die auch nach englischem Urteil doch ganz anders gekommen find, als man erwartet hatte. Wenn die unverbrüchliche deutsche Volksgemeinschaft jemals überhaupt noch eine Vertiefung und Verstärkung hätte erfahren können, dann fei diese durch den von England uns ar;fgezwungen en Kampf um unsere Lebensrechte und um unsere Existenz herbeigeführt worden. Gegenüber den aus England und Frankreich zu uns herüber- klingenden Kriegszielen, die in der Vernichtung und Aufteilung Deutschlands bestehen, verwies der Redner kurz und bündig auf unsere gewaltige militärische Stärke und auf die Tatsache, daß der Führer auch gegenüber derartigen Absichten der Feinde nach jeder Richtung hin ausreichend und gut vorgesorgt hat. Wie im Inneren unseres Reiches alles verwirklicht
düng und trägt alle sozialen Lasten. Die Bedingungen finb also wesentlich besser als in früheren Zeiten, wo die Wahl des Schwestemberufes an nicht unerhebliche wirtschaftliche Voraussetzungen geknüpft war.
Nach der Ausbildung kann sich die junge Schwester je nach Wunsch und Eignung einem besonderen Tätigkeitsgebiet zuwenden. Auch wird ihr in gewissen Zeitabständen Gelegenheit gegeben, an Fortbildungskursen und Lehrgängen teilzunehmen und sich fachlich und weltanschaulich weiterzubilden.
Mit dem Wiederaufbau der zurückgewonnenen Provinzen im Osten setzte gleichzeitig der Aufbau der NSV.-Einrichtungen in den einzelnen Ortschaften ein. Diele hundert NS.-Schwestern aus dem gesamten Reichsgebiet sind hieran beteiligt.
i Stuhl 5
Wie werde ich NG.-Gchwester?
Kostenlose Ausbildung, verkürzte Ausbildungszeit.
„Denn wir fahren
Es war in den ersten Monaten des Weltkrieges — wir saßen in der Sexta — als ein großes Erlebnis in unser Leben trat. Heute, als England uns wiederum den Krieg erklärte, und das aus denselben Gründen wie damals, fällt es mir wieder ein und steht deutlich mit dem Bilde der deutschen Kämpfer- natur Hermann Löns, dessen 25jähriges Gefallenen- gebenfen wir erst kürzlich begingen, vor meinem Gedächtnis. Eigentlich ist es ein Lied, eine Melodie voll Sturm und Haß den Heuchlern, die mit diesem Erlebnis wieder aufklingt und uns aufruft, Deutschlands Stärke erneut zu beweisen — gegen England! . .
Wir Jungen vom Gymnasium kannten vielleicht am besten den stillen, ernsten Mann mit den gütigen, aber auch oft so hart blickenden Augen und dem massigen Charakterkopf. Dieser Mann wohnte ja auch an unserem Schulwege in der niedersächsischen Großstadt, war berühmt und angesehen und hieß Hermann Löns. Unsere Eltern erzählten uns, daß derselbe stille, ja direkt scheue Dichter und Schriftsteller einst jahrelang in der mit ,,Fritz von der Leine" gezeichneten Wochenplauderei als Schriftleiter in der Zeitung eine scharfe satirische Klinge gegen allerlei Mißstände in der Stadt ohne Ansehen der Person geschlagen habe, und daß damals große Teile der Bevölkerung der Stadt jeden (5amstag gespannt gewesen wären und man sich die Wochenplauderei aus den Händen gerissen hätte. .
Wir Schüler interessierten uns mehr für Lons » lebendig geschilderte Jagd- und Tiergeschichten, und i der uns angeborene deutsche soldatische Sinn be- L getfterte sich an den trutzigen Taten der Bauern senes Festungsdorfes da hinten in der Heide, besten Schicksale dieser Dichter und Seher in seinem qrotz- K artigen deutschen Bekenntnisroman: „Der Weyr- tooff" als Bauernchronik gezeichnet hatte.
Kurzum, wir kannten ihn, den Schriftsteller, uno liebten ihn in scheuer Ehrfurcht. Die bunten Schuler- i mutzen flogen von den Köpfen wenn wir seiner ansichtig wurden, und er grüßte mit erhobener Hand, was wir zwar als seltsam, aber dennoch als 'chön empfanden. Als der Krieg ausbrach, begegneten wir unserem Freunde nicht mehr, und jene eifrigen Botaniker ober Zoologen, die immer alle r Kräuter und Tiere zu Lehrzwecken mit 'n die Schule brachten, bedauerten dies am meisten, denn nun konnten sie dem Lehrer deshalb weniger impomer. weil Löns ihnen auf dem Schulwege Nicht m h direkt aus dem Handgelenk ober meIme,^r "einem reichen Wissen die Namen der wahllos.an Rainen, in Vorgärten, auf TBiejen unb i3n bäumen gefunbenen Objekte verriet. Wn dorten, er habe sich, verzweifelt von Kaserne zu Kaserne lau rend. als Achtunbvierziqjähnger freiwillig MS Feld gemeldet, und es fei ihm auch gelungen, das seid-
gen (Snaellanh..."
Erinnerung von Heinz-Ludwig Wellhausen
graue Ehrenkleid nicht als Kriegsberichterstatter, sondern als einfacher Soldat anziehen zu dürfen.
„Er wird nun auch für das kämpfen und das in die Tat umfetzen, was er geschrieben und seinem Volke gelehrt hat", sagte unser Deutschlehrer, ein glühender Lönsverehrer.
Eines Tages übte unser Gesangslehrer ein neues Lied. Es klang frisch und fröhlich und zugleich trotzig und angriffslustig. Als wir hörten, daß es einst unser Freund Löns dichtete, da fchlug erst recht die Flamme der Begeisterung in unsere jungen Sextanerherzen. Lange vor Ausbruch des Krieges entstand dieses Lied, so erzählte uns der Leiter der Singstunde, als Hermann Löns den Neid und den Haß, bie Ueberheblichkeit und die Einkreisungsbestrebungen Englands trotz aller guten Versicherungen erkannte, das den deutschen Konkurrenten fürchtete und ihn durch intrigantes Kräftespiel durch andere zu Boden schlagen lassen wollte. Als die verderblichen Lehren der üblen Gleichmacherei des Weltbürgertums in der hochwertigen Rasse der Deutschen zu wenig ftuchteten, so erzählte der Lehrer und wir hörten trotz dieser uns noch unbekannten Begriffe aufmerksam zu, da griff England nach anderen Mitteln. Der Vertrag von Marokko damals, so erklärte bitter weiter der Sprecher, sei schon eine versteckte Kriegserklärung Englands und auch Frankreichs gewesen, bas die Briten infolge der schwachen deutschen Politik und des Revanchegedankens von 1871 an ihre Seite ziehen konnten. Man hätte es damals verpaßt, durch einen kräftigen Schlag den beiden Ententemächten die Angriffslust auf Deutschland radikal zu vertreiben.
Und wie gleichen sich die Bilder der alten und neuen englischen Politik, als ich mich daran heute erinnerte, uDie der Lehrer damals sagte, daß seinerzeit England Frankreich versprach, hunderttausenb Mann in Schleswig zu landen. Leere Verspreckun- aen wie sie heute wieder Polen erhielt! Aber Frankreich fühlte sich nicht gerüstet genug, und Rußland, bas bie Englänber für sich einzuspannen wußten, blutete noch aus ben Wunden bes russisch- japanischen Krieges. Unb bann sagte der Lehrer — er war ein unerschrockener Mann — ber Kaiser hätte anstatt Frankreich zum Kriege zu zwingen, eine schwächliche Demonstration burch feine war- nenbe Rede in Tanger gehalten. Hermann Lons erkannte bie Gefahr unb, verbittert über bie verpaßte Gelegenheit, bichtete er fein Matrosenlied gegen Englanb, um roieberum, wie er es einmal ausgesprochen hatte, seinen lieben Deutschen ben Buckel mit Franzbranntwein einzureiben
Eine seltene Stille herrschte in ber Klasse, als ber ßebrer seine Erklärungen beendete. Wir, die wir bis jetzt nur von ben Kämpfen der Griechen und Römer erfahren hatten, bie uns ziemlich kalt ließen, erfuhren von uns sehr naheliegenden weltpolitischen Problemen, von benen uns bisher memanb etwas erzählte, unb unsere Herzen unb nufere Gesichter würben heiß. Dann erklang bas Lieb. Es war kern Singfang, zu dem wir uns quälten sonbern Text unb Melodie wuchsen zur eigenen Sache, zur Begeisterung. Es lautete:
„Heute wollen mir ein Lieblein fingen, Trinken wollen wir ben kühlen Wein Unb die Gläser sollen dazu klingen, Denn es muß, es muß geschieden sein. Gib mir deine Hand, Deine weiße Hand,
Leb' wohl, mein Schatz, leb' wohl. Denn mir fahren gen Engelland!"
Wir zeigten noch keinen Sinn für den besungenen Schatz der Soldaten, aber die vielen meißen Hände ber Mütter und Mädchen, die die Sträuße an die Uniformen steckt ep, bie die Krieger zum letzten Mal streichelten, die vielen meißen Hände, in denen auf den Bahnhöfen die Taschentücher flatterten und die bann an die tränenden Augen in mutigen Gesichtern gedrückt murden, die kannten mir, und mir und mußten auch, mas es hieß, gegen England zu fahren, denn im Iungfturm, dem mir damals zum ieil an gehörten, mürben uns Bilder unb Mvbelle unserer jungen deutschen Kriegsflotte vor geführt, und gar mancher träumte davon, dereinst auf der blauen See mit dabei sein zu können. Wir verstanden es, roenn es in der zmeiten Strophe hieß:
„Unsre Flagge und die wehet auf dem Mast, Sie verkündet unseres Reiches Macht, Denn mir mollen es nicht länger leiden, Daß der Englischmann darüber lacht."
Unb dann rauschte die letzte Strophe des Löns- Liedes auf, deren heldischer Inhalt es bei uns nicht zuließ, daß die dämpfende Hand des Gesanglehrers, die wohl die Trauer ausdrücken sollte, wirksam wurde:
„Kommt die Kunde, daß ich bin gefallen. Daß ich schlafe in des Meeres Flut, Weine nicht um mich, mein Schatz, unb denke, Für das Vaterland, da floß fein Blut."
Dann kam der Refrain. „Denn wir fahren gen Engelland!" war wie ein wütender Angriffs chrei aus zweiundfünfzig Sextanerkehlen. Mr hatten das Lied verstanden unb England durchschaut — mehr als es durch 50 Geschichtsstunden möglich gewesen märe.
Eines Tages, es mar im September 1914, betrat der Deutschlehrer die Klasse, überhörte unseren Gruß, setzte sich schwer an sein Pult unb schaute eine lange Weile mie ins Leere über uns hinweg. Dann mintte er mit der Hand und mir setzten uns. Endlich begann er: „Hermann Löns ist vor Reims gefallen." Zmeiunbfünfzig Köpfe senkten sich schmer, unb irgend jemand schluchzte, obwohl wir alle dagegen ankämpften. Dann schlug der Lehrer den mit= gebrachten Band des „Wehrwolf" auf, und er las ein Kapitel vom HeNenkanmf des von Feinden eingeschlossenen Dorfes. Als der DorleseNde begann, stand erst einer auf, bann stand die ganze Klasse bis bie Ehrung zu Ende war.
Am anderen Tage fiel die Singstunde aus. Der Schulvogt erklärte uns, daß ber Gesanglehrer als Reservist plötzlich seinen Gestellungsbefehl erhalten habe und am Nachmittag noch zur Front ab reifen müsse. Mr fragten nach welcher Front. Nach Wil
helmshaven, entgegnete der Schuldiener, denn bet Herr Lehrer sei doch Torpedobootsmaat. Das wußten wir nicht. Da die Stunde ber Abfahrt des Zuges nicht zu erfahren mar, beschlossen mir, dem Lehrer, ber uns den Sinn für die gegenwärtige Politik so deutlich entgegen dem regulären Lehrplan öffnete, eine Ueberraschung zu bereiten. Selbst auf die Prügelgefahr daheim hin ging niemand zum Mittagessen nach Hause. Wir marschierten schnurstracks zum Bahnhof, fragten uns bei der Kommandantur durch, zmeiunbfünfzig 10-Pfennigstücke klingelten in den Bahnsteigautomaten, und als die Reservisten einstiegen, standen mir in Reih und (Stieb entlang dem Zuge auf dem Bahnsteig. Unser Lehrer schaute leuchtenden Auges aus dem Abteil, unb selbst die Frauen traten etwas vor unserer Gruppe zurück. Genau eine Minute vor Abfahrt erklang bie Weise:
.Heute wollen mir ein Lieblein singen .. .* und brach sich jubelnd unb ernst zugleich in ben Wölbungen der hohen Bahnhofshalle. Die dritte Strophe ließen wir aus. Ein Verlust dieses Mannes erschien uns unausdenkbar. Als es erscholl: „Denn wir fahren gen Engelland!" mischten sich darin das Fauchen ber Lokomotive und bie Ab schiebsruse ber Soldaten und ber Zurückbleibenden. Im Auge unseres Lehrers blitzte eine Träne, und bas war unser schönster Dank, für ben mir noch ganz andere Dinge als ein ausgefallenes Mittagessen in Kauf genommen hätten.
Die Feldpostkarten des Einberufenen erhielten einen Ehrenplatz unter dem Bilbe Hinbenburgs in ber Klasse, unb manches Liebesgabenpaket ging zum Kriegshafen. Eines Tages blieben bie Karten aus und mir mürben in ber Aula zusammengerufen. Am Rednerpult stand bas Bild des Torpedoboots- nraats. Die Orgel spielte das Lied vom guten Kameraden unb ber Direktor sprach. Wir mußten nachher nicht mas, benn die Trauer hatte unsere Herzen niedergedrückt und unsere Ohren verschlossen. Am nächsten Tage in ber großen Pause rief uns unser Primus in ber Klasse zusammen. Er hatte heimlich das Bild aus ber Aula geholt und davor zwei Weihnachtsbaumlichter gestellt. „Wir wollen nun bas Lied fingen", sagte er mit trockener Kehle ohne weitere Einleitung, und wir mußten Bescheid. Leise, aber dann immer trotziger, sprangen Text und Melodie auf, und als bie Stelle kam: „Denn wir fahren gen Engelland!", da waren unsere Augen wieder hell und es schien, als ob das ernste Gesicht des Gefallenen auf dem Bilde lächle.
Heute machten auch viele aus unserer alten Klasse den ttotzigen Schwur bes Liedes wahr, benn sie sichren auf den Kriegsschiffen bes neuen Deutschland gegen England und haben Rache für die Falschheit bes eigennützigen Briten geschworen.
Unb als in biefen Tagen bie Nachricht von ber Vernichtung mehrerer ber größten Schiffe des mit feiner Unverwundbarkeit prahlenden John Bull durch deutsche U-Boote unb Flieger über alle Sen- ber des beutschen Rundfunks ging, da erscholl hernach als ©regerfang tm Aetherr „Denn mir fahren gen Engelland.. I*


