Anschriften alleinstehender Soldaten gesucht.
NSG. Die Gaufrauenschaftsleitung Hessen-Nassau bittet alle alleinstehenden Soldaten, die gern mit einem Mädel unseres Gaues von Zeit zu Zeit Briefe wechseln möchten, ihre Anschrift an die Gaufrauenschaftsleitung Hessen-Nassau, Frankfurt a. M., Hermann-Göring-Ufer 25, zu schicken. Es gibt so manche Menschen in der Heimat, die gern einem Soldaten eine Freude machen möchten. Wer einen alleinstehenden Soldaten kennt, kann seine Anschrift auch melden, um auf diese Weise dem Soldaten eine kleine freudige Ueberraschung zu vermitteln.
Seid sparsam mit Gtreufutter!
Vom Reichstierschutzbund wird uns geschrieben: Der Mangel an Futterkorn für die Vögel zwingt zur Sparsamkeit. Die Losung „Kampf dem Verderb!" gilt auch für Streufutter, denn es ist teuer und zum guten Teil nur durch Devisen zu be- chaffen. Die freilebenden Vögel sollen nicht hungern und sie brauchen es auch nicht, wenn die Men- chen sie vernünftig füttern. Unnütz ist es, wenn in einem Hause fünf und mehr Parteien Futterhäuschen aushängen, während dann wieder weithin keine Futterstelle zu finden ist. Wahren Tierfreun- den kommt es sicherlich, weniger darauf an, das muntere Treiben vor ihrem Fenster zu beobachten, als darauf, die kleinen Sänger gut über den Win
ter zu bringen. Ihnen wird deshalb empfohlen, sich zusammenzutun und auf gemeinschaftliche Kosten Futterplätze anzulegen und zu betreuen. Diese können in engeren Bezirken, Hausgärten oder An- lagen, aufgestellt werden und reichen für einen größeren Bereich aus. Solche Futterstellen, aleich- mäßia verteilt, dienen den Vögeln mehr und helfen viel Futter sparen!
Gießener Dochenmarktpreiie.
♦ Gießen, 14. Nov. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, XA kg 1,60 RM., Matte 25 bis 50 Rpf., Käse, das Stück 5 bis 10, Wirsing, % kg 6 bis 8 Rpf., 50 kg 6 RM., Weißkraut, % kg 5 bis 6 Rpf., 50 kg 4 RM., Rotkraut, % kg 8 bis 10 Rpf., 50 kg 7 RM., gelbe Rüben, Ä kg 7 bis 8 Rpf., rote Rüben 8 bis 10, Spinat 15, Unterkohlrabi 5 bis 8, Grünkohl 15 bis 20, Rosenkohl 35 bis 45, Feldsalat, Vio 10 bis 15, Zwiebeln, % kg 10, Meerrettich 35 bis 60, Kürbis 6 bis 8, Aepfel 15 bis 25, Birnen 15 bis 20. Salat, das Stuck 8, Endivien 8 bis 10, Lauch 5 bis 10, Rettich 5 bis 15, Sellerie 10 bis 35, Radieschen, das Bündel 10 Rpf.
** Ernennung beim Versorgungsamt Gießen. Der Regierungsoberinspektor Ludwig Köhring vom Dersorgungsamt Gießen wurde von dem Herrn Reichsarbeitsminister mit Wirkung vom 1. November 1939 zum Regierungsamtmann ernannt.
Aus der engeren Heimat.
Appell der KriegerkameradschastLollar
* Lollar, 13. Nov. Am Sonntagnachmittag hielt die Kriegerkameradsckast Lollar in ihrem Kameradschaftslokal (Nuhn) ihren zweiten Monatsappell während des Krieges ab. Kameradschaftsführer T a u b e r t gedachte vor Beginn der Aussprache, der sowohl im Weltkrieg, als auch der im jetzigen, uns von England aufgezwungenen Kriege für Großdeutschland in Polen, im Luftkampf und zur See gefallenen Kameraden. Die Ehrung erfolgte in der üblichen Weise. Hierauf gab der Kameradschaftsführer ein Schreiben des Reichskriegerbundes bekannt, in dem der Kriegerkamerad, schäft Lollar vorgeschlagen wird, ihre historische, fast 200 Jahre alte Bürgergardefahne zur Aufbewahrung in der Ehrenhalle des Kyffhäuserdenkmals zur Verfügung zu stellen. Die ältesten Traditionsfahnen der Kriegerkameradschaften Großdeutsch- lands sollen als Ersatz aufbewahrt werden für die seicher aufbewahrten Fahnen von Kriegerkameradschaften der ehemals abgetrenen und nunmehr durch den Führer wieder einoerlerbten Gebiete. Nach ein- aehender Aussprache wurde auf Vorschlag des Kameradschaftsführers der Abaabe entsprochen. Während der Wintermonate sollen die Monatsappelle an Sonntagnachmittagen stattfinden. Es wurden noch verschiedene Punkte der letzten Kreisbefehle und Anordnungen des Reichskriegerführers im Paroleblatt, wobei besonders die Propaganda für den Reichskriegerbund hervorgehoben wurde, vekamttgegeben. Nachdem der Kameradschaftsführer noch den Kameraden den Dank für ihren Einsatz bei der am Vormittag vorgenvmmenen Eintopfsammlung ausgesprochen hatte, wurde der Appell mit dem Gruß an den Führer und dem Gesang der beiden ersten Verse der Nationallieder geschlossen.
Appell der alten Soldaten in Dutenhofen.
A Dutenhofen, 13. November. Die hiesige Kriegerkameradschaft hielt am Sonntag ihren ersten Appell seit Ausbruch des Krieges ab. Kameradschaftsführer Weber begrüßte die Kameraden und hieß insbesondere die gegenwärtig auf Urlaub weilenden hingen Kameraden, die am Appell teilnahmen, willkommen. In kurzen Zügen 1 childerte er dann den Aufttieg unseres Vaterlandes eit der Machtergreifung durch den Führer. An- chließend gedachte man der Gefallenen, die vor 25 Jahren und in jüngster Vergangenheit ihr Leben für das Vaterland gaben. Er forderte dann auf, auch in der Heimat zu jeglicher Pflichterfüllung
stets bereit zu sein. Im weiteren Verlaufe des Abends wurde bekanntgegeben, daß 17 Kameraden der Kameradschaft unter den Fahnen stehen. Mit ihnen soll durch die Feldpost rege Verbindung gehalten werden. Verschiedene aus dem Felde einge- aangene Briefe an die Kameradschaft wurden verlesen und mit dankbarer Freude ausgenommen. Ferner wurden die Grüße eines Kameraden überbracht, der seit fünf Jahrzehnten der Kameradschaft angehört, gegenwärtig aber in der Klinik liegt. Ihm war ein Besuch abgestattet worden. Im Verlauf des Abends kam auch der junge Frontsoldat Walter Hahn zu Wort, der im Verband der ^-Leib- standarte den Feldzug gegen Polen mitgemacht hat und viele Erlebnisse zu schildern wußte. Beim Austausch mancher Erinnerung saß man noch geraume Zeit beisammen.
Seinen schweren Verletzungen erlegen.
öd Langsdorf, 14. Nov. Der schwere Derkehrsunfall, der sich am Sonntag am Ortseingang von Hungen her ereignete — wir berichteten bereits gestern darüber — hat leider ein Todesopfer gefordert. Einer der beiden Verunglückten, die in ein Krankenhaus in Gießen ausgenommen worden waren, erlag bald nach der Einlieferung seinen schweren Verletzun- 9 e n.
Von einem Auto angefahren und getötet.
* Burg-Gemünden (KreisAlsfeld), 14.Nov. Am gestrigen Montagnachmittag ereignete sich auf der Reichsautobahn dicht bei unserem Orte ein schwerer Unglücksfall, dem leider ein Menschenleben zum Opfer siel. Der 32 Jahre alte Maurermeister Friedrich Ruckelsh ausen von Burg-Gemünd en, der Arbeiten an der Autobahnstrecke auszuführen hatte, befand sich von der Arbeitsstätte aus unterwegs nach unserem Orte. Er ging dabei auf der rechten Fahrbahn feite und wurde von einem Personenauto angesnhren. Die Verletzungen des bedauernswerten Mannes waren so schwer, daß der Tod auf der Stelle eintrat. Der Verunglückte hinterläßt Frau und zwei Kinder.
Schwerhöriger vom Zug überfahren.
Lpd. Marburg, 13. Nov. Auf dem Bahnhof in Nied erwalgern geriet der Dachdecker Geßner aus Gladenbach beim Umsteigen unter die Räder einer Lokomotive und wurde getötet. Der
etioas schwerhörige Mann hatte weder das fteran» nahen der Lokomotive, nach die Zurufe der Bahn-, beamten gehört.
Landkreis Gießen.
$ Steinbach, 14. November. Am heutigen Dienstag, 14. November, kann Frau Marie Elisabeth Keßler, geb. Fink, Ehefrau des Heinrich Kehler V., in guter Gesundheit ihren 7 8. Geburtstag feiern. Mit ihrem Gatten hat sie bisher noch die landwirtschaftlichen Arbeiten erledigen können. Unsere Glückwünsche zum Geburtstag.
s. Lang-Göns, 14. Nov. In unserer rund 2000 Einwohner zählenden Gemeinde leben zur Zeit 17 Mitbürger, die das 80. Lebensjahr überschritten haben. Zu Anfang des Jahres waren es 20. Drei sind im Alter von 85, 84 und 80 Jahren gestorben. Zu diesen 17 „Alten tritt nun Johannes Anton Bopf, Straßenwart im Ruhestand, Schmittgrabenstraße, der am 17. November seinen 8 0. Geburtstag feiern kann. Joh.Ant.Bopf ist noch äußerst rüstig und be- wältigt noch alle landwirtschaftlichen Arbeiten. Auch im Winter kennt er kein Ausruhen. Er muß immer
im Betrieb stehen. Wir wünschen ihm zu seinem Geburtstage alles Gute.
co Bettenhausen, 14. Nov. Am morgigen 15. November vollendet der ä l t e st e Einwohner unseres Dorfes fein 9 0. Lebensjahr, der Ackersmann und langjährige Feldschütz Johann Georg Nückel IV. Zwar ist seit vielen Jahren sein Augenlicht sehr schwach, aber seine geistigen Fähigkeiten sind noch erstaunlich rege, so daß er sehr anregend aus längst versunkenen Zeiten zu erzählen vermag. Er gehört einem Bauerngeschlecht an, das fast 300 Jahre in unserer Gemeinde ansässig ist. Es ist einer der sehr seltenen Fälle, in denen wir nachzuweisen vermöaen, daß einer der Soldaten des Dreißigjähriaen Krieges hier Nachkommen hinterließ. Der Ahnherr des Stammes Rückel war ein in französischen Diensten stehender Feldko'rnett. Der Vater des Jubilars lebte in der Zeit deutscher Not längere Jahre in Amerika und wurde dort genötigt, den Sklavenkrieg mitzumachen. Das greife Geburtstagskind hat eine größere Zahl von Enkeln und Urenkeln. Wir wünschen ihm einen friedlichen Lebensabend!
SJt.-jpori
Reger Veirieb auf den Handballfeldem.
Die bereits zur Gewohnheit gewordenen Ueber- rafchungen blieben auch diesmal nicht aus. Hörnsheim konnte gegen Dornholzhausen nur ein glückliches Unentschieden erzielen und Hochelheim gewann in Münchholzhausen nicht ganz unerwartet. Dadurch aber ist die „erste Halbzeit" in der Staffel 1 ohne die erhoffte Entscheidung zu Ende gegangen. Denn Hörnsheim und Dornholzhausen liegen nun mit gleicher Punktzahl an der Spitze der Tabelle.
Die Ergebnisse des Sonntags:
Tv. Hörnsheim—'Tv. Dornholzhausen 7:7 (4:6)
Tv. Dutenhofen—Tuspo. W.-Niedergirmes 14:1 (8:0) Tv. Münchholzhausen—Tv. Hochelheim 9:12 (3:5) Tv. Londorf—VfB.-R. Gießen 8:3 (3:1).
In Hörnsheim kam es zu einem mehr als aufregenden Kampf. Der Clan, mit dem die Gäste das Treffen begannen, setzte den Einheimischen schwer zu, zumal sie bald mit 6:1 im Rückstand lagen. Nach und nach sanden sie sich wieder und als Dornholzhausen zum Generalangriff überging, rettete der Tormann die unabwendbare Niederlage. Hörnsheim war ehrlich genug, die überragende Leistung des Gegners anzuerkennen.
Dutenhofen zeigte diesmal eine Leistung, an der man feine Freude haben konnte. Die Mannschaft war in allen Teilen ausgezeichnet besetzt und überrannte den gewiß nicht schlechten Gegner buchstäblich. Gegenüber der mageren Leistung des Vorsonn- tags war sie einfach nicht wiederzuerkennen.
Nicht minder verbessert hat sich Hochelheim, das die starke Elf des Tv. Münchyolzhausen klar und eindeutig abfertigte. Hart wurde um Sieg und Punkte gekämpft und manchmal war es nahe daran, auszuarten. Das Ergebnis entspricht dem Spielverlauf, d.h. es wird den beiderseitigen Leistungen gerecht.
Die Elf des VfB.-R. Gießen hat sich in Londorf sehr gut geschlagen. Die Platzbesitzer mußten rümpfen, um Sieg und Punkte sicherzustellen. Rem leistunasmäßig gesehen, konnte man mit dem Treffen zufrieden sein, besonders war es die Gießener Mannschaft, der man eine deutliche Formverbesserung anmerkte.
Iugendsplele:
Launsbach—Mtv. Gießen 7:6 (6:3) Nauborn—Katzenfurt 20:3 (11:3) Hochelheim—Holzheim 4:8 (1:3) Hörnsheim—Gröningen 12:9 Großen-Linden—Heuchelheim ausgefallen.
Handball Lokalkampf
Mtv. I - 1900143:3(2:2).
Obwohl der Mtv. zu diesem Pokalspiel fast die gesamte alte, erfahrene Mannschaft zur Stelle hatte,
sah es anfangs nicht nach einem Sieg in dieser Hohe aus. Im Sturm und der Läuferreihe wollte es einfach nicht klappen, während auf der Gegenseite die Kombination wie am Schnürchen lief.
Die junge Mannschaft der Spvgg. 1900 lieferte eine hervorragende Partie. Sie zeigte, daß sie keine aktive Mannschaft zu fürchten hat. Gleich von Beginn nahm sie denn auch das Heft in die Hand und brachte durcy ihr durchdachtes Spiel die Mtver start in Verwirrung. Aus einer solchen Situation heraus gelang es denn auch Engel zum 1:0 einzusenden, ohne daß der ausgezeichnete Mtv.-Torwart rettend ein greifen konnte. Als bald darauf der zweite Treffer für 1900 fiel, rafften sich die Turner zu einem energischen Gegenstoß auf. Sie kamen auch heran, konnten verkürzen und gleichziehen. Bei diesem Stande blieb es bis zur Halbzeit.
Nach der Paus« machte sich das größere Stehvermögen der Turner bemerkbar. Erst jetzt fand sich auch der Sturm zusammen und konnte Erfolge erzielen. In der gegnerischen Hintermannschaft entstand Unsicherheit. Leider zeigten dann die 1900er Stürmer zuviel Einzelaktionen, so daß es dem Gegner leicht wurde, die Angriffe zu zerstören. Ein einziger Erfolg, aus einem Strafwurf erzielt, war dann auch die ganze Ausbeute, während die Mtver elfmal einsenden konnten.
Tv. Launsbach 3gb—2Hfo. 3gb. 7:6.
Die Jugend mußte in Launsbach eine knappe Niederlage hinnehmen. Die Gastgeber hatten ihre Mannschaft durch Aktive verstärkt, denen die körperlich unterlegenen Gießener nicht ganz gewachsen waren. Trotzdem darf man auch mit diesem Spiel zufrieden sein.
Oie Kriegsmeisterschaffen im Handball
;6^lprjgveg fts;nvpsa spsny aaßijjppaartf snv aigx der Gau Hessen im Rahmen der geplanten Kriegsmeisterschaften auch eine Staffel Gießen der Gauklasse zu bilden. Vorausgesetzt, daß dieser Plan die Billigung des Reichsfachamtes finden wird, werden bei den Kriegsmeisterschaften 1939/40 aus dem Kreise Gießen Gautlasse spielen:
Mtv. Gießen Tv. Hörnsheim Tv. Holzheim Tv. Münchholzhausen Tv. Garbenheim und Tv. Katzenfurt.
Dazu kommen Vereine des Kreises Friedberg, so daß also sicherlich eine recht spielstarke Gemeinschaft zusammenkommen wird. Schade ist es, daß es bis jetzt noch nicht möglich war, Lützellinden — den Altmeister des Kreises VIII — für eine Teilnahme zu gewinnen.
Meta Brix
Roman von
CARL DUNCKER VERLAG•BERLIN
1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Diese Unterredung wird nicht so lange dauern", wandte der Anwalt ein. „Wir fliegen dann etwas später nach Berlin."
..Nein." Luise schüttelte den Kopf. „Brehm hatte ja alles wunderschön ausgerechnet. Das zum Rückflug nach Wien vorgesehene Flugzeug erreichen wir ja doch nicht mehr. Dor allem aber... Sie werden das verstehen, Doktor... vor allem mochte ich allein fein."
Doktor Kemmrich hatte sich nicht verpflichtet, Luise zu einem besttmmten Termin nach Wien zu bringen. Er vertrat hier den Prozeß der Schauspielerin, für dessen Ausgang er sich für seine Klientin wenig versprach. Vielleicht also war es ganz gut, wenn sie noch eine letzte persönliche Der- stänoigung suchte.
So verabredeten sie nur noch, wohin eine gegenseitige Benachrichtigung zu geben war.
*
Luise läutete an der Tür des alten vornehmen Hauses. Und in den kurzen Augenblicken, ehe sich ihr diese Tür öffnete, erinnerte sie sich plötzlich wieder längst vergessener Einzelheiten früherer Be- fuche in diesem Hause. Und alle zurückliegenden Ergebnisse schienen deutlicher zu sein als in den Tagen ihren Geschehens.
Sie horte, wie sich im Hause jemand der Tür näherte.
Eine alte Dienerin öffnete. Als sie Luise erkannte, zeigte das hagere, faltige Gesicht weder Bestürzung noch ablehnendes Erstarren, wie die junge Frau das eigentlich erwartet hatte.
Luise zwang sich, das harte Pochen ihres Herzens zu überhören. Sie grüßte die langjährige Angestellte mit freundlichen Worten und fragte, ob die gnädige Frau zu Hause wäre.
Die Dienerin gab Luise den Eintritt frei, wandte sich und öffnete die Tür zu dem neben der Diele liegenden kleinen Empfangszimmer.
Luise stand Anna-Elisabeth Rückstein gegenüber. Die klaren grauen Augen der schmächtigen alten
Frau sahen die einstige Schwiegertochter an. Sie reichte Luise die Hand: „Guten Tag, Frau Domkat. Ich habe sie erwartet."
Die Stimme klang ruhig. Es war eine vorsichtige Stimme. Die Hand wies einladend zu den Stühlen hinüber.
Luise erschrak so sehr, daß sie zuerst ein wenig zurückwich. Wie war das — sie wurde erwartet —? Hier erwartet, wo sie nie anderes als kühle Ab- lchnung erfahren hatte —?
„Aber ich werde Ihnen nicht helfen können", sagte Anna-Elisabeth Rückstein. Em abwehrendes Zucken der schmalen Schultern unter dem dunklen Seidenkleid begleitete die Worte. Sie fuhr fort: „Denn Sie kommen doch wahrscheinlich, um meinen Beistand zu erbitten. Oder nicht?"
Luise fühlte bei diesen Worten eine zornige Verzweiflung. Vielleicht war es besser, sehr schnell wieder aus diesem Hause fortzugehen...
Sie riß sich dennoch zusammen. Sie war nicht mehr das junge, unbedachte Geschöpf frührer Jahre. Sie mar seit dem Tage, da sie Magdeburg verlassen hatte, nicht stehengeblieben ober gar zurückgesunken, wie man das hier erwartet oder vielleicht sogar gewünscht hatte.
Luise hob die großen braunen Augen zu dem Gesicht der alten Frau. Sie dachte: diese hier ist doch auch eine Mutter! Sie suchte nach der Spur eines freundlichen Lichtes. Sie fand nur den kühlen grauen Blick unter einer noch merkwürdig glatten Stirn.
Aber auch Anna-Elisabeth hatte die junge Frau mit langsamem Forschen betrachtet. Luise war, seit sie aus dem Kreis der Rücksteins gegangen war, noch schöner geworden. Gefährlich schön, dachte die alte F^au. Der Ausdruck des klaren Gesichtes war reifer geworden, die weichen Linien des roten Mundes noch lockender. Sie dachte weiter: es wäre doch richtiger gewesen, Justizrat Hofer hätte die Verhandlung allein geführt. Wozu mußte Johannes noch einmal eine Begegnung mit dieser jungen Person haben, deren Beruf es wohl war, die Leute zu betören und zu umspielen?
Luise spürte noch immer das rasende Herzklopfen Sie fühlte jetzt auch, wie todmüde sie war. Das kam davon, wenn man nächtelang nicht richtig schlief.
Sie neigte sich etwas vor, der alten Frau zu und sagte: „Ja ... ich wollte um Ihren Beistand bitten. Weil Sie ja auch eine Mutter sind! Sie werden verstehen, daß ich am Leben meines Kindes teilhaben mochte. Man kann doch eine Mutter nicht ganz und gar ausschaltenl"
Die alte Frau erwiderte ftreng den Blick der braunen Augen und sagte: „Ich denke, Frau Domkat, es wird richtiger sein, sich zuerst einmal wieder der vergangenen Jahre zu erinnern! Sie scheinen den Anfang vergessen zu heben!"
„Das Vergangene spricht hierbei nicht mit", sagte die Schauspielerin ungeduldig. „Es geht jetzt darum, eine Abmachung richtigzustellen, die jedes natürliche Gefühl verhöhnt."
Die andere schien den heftigen Einwand gänzlich zu übechören. Sie fuhr fort: „Als mein Sohn Sie vor zehn Jahren in mein Haus brachte und mich vor die Tatsache stellte, daß eine unbedeutende und blutjunge Tänzerin meine Schwiegertochter geworden sei, wußte ich sofort, daß dieses Glück — wenig- ftens erschien es meinem Sohn damals als Glück — sehr bald vorbei sein würde."
,£d) habe mich bei den Rücksteins auch niemals wohlgefühlt", sagte Luise hochmütig.
„Eben", nickte die alte Frau. „Darum suchten Sie heimlich, ohne Wissen meines Sohnes, immer wieder das Nachtlokal auf, in dem Sie aufgetreten waren und in Sem Sie mein Sohn in jener unheilvollen Stunde kennengelernt hatte. Und wenn sich Herr Rückstein auf Geschäftsreisen befand, so vergnügte sich der Kreis ihrer leichtlebigen Bekannten in seinem Hause."
„Das damals auch mein Haus war", sagte Luise und fuhr fort: „Ich habe längst eingesehen, daß ich mich schon viel früher hätte von Rückstein tren- rven sollen. Aber ich wurde Mutter."
Ueber ihr blasses Gesicht ging der Schein eines wehmütigen Lächelns, und man sah auch, daß in den Winkeln des zärtlichen Mundes Spuren von Leid waren. „In einer anderen Umgebung als in der kühlen Luft hier hätte mich meine Mutterschaft gewiß sehr glücklich gemacht. Aber hier gehörte ja das Kind vom ersten Tage an nicht mir, der Thitter, sondern den Rücksteins!"
Sie hatte sich in einen leidenschaftlichen Zorn geredet.
Die alte Frau hob die Hand: ,Zch bitte, sich zu mäßigen."
„Ja..." sagte Luise. Sie war gefonmten, um zu bitten. Da waren dieser Ton und diese Heftigkeit wohl nicht angebracht. Sie sprach weiter: „Ich gab mir damals gewiß alle Mühe, den Anforderungen gerecht zu werden, die Rückstein . die Sie alle hier... an mich stellten."
„Und Rückstein war so töricht, an diese Wandlung zu glauben!" sagte die alte Frau. Es klang verächtlich, »Zch jedenfalls glaubte niemals daran.
Ich wußte genau, daß bei Ihnen die Sehnsucht nach dem freien und ungebundenen Leben immer größer sein würde als die Mutterliebe. Und endlich entschloß sich mein Sohn zur Scheidung."
„Und zwang mich in einen Vertrag, dessen Härte ich damals nicht begriff", fuhr Luise fort. „Heute aber... ja, verstehen Sie denn nicht, daß ich an dieser Sehnsucht nach meinem Kind nach zugrunde gehe?"
,Zch denke, daß Sie sich in eine solche Sehnsucht nur hinei nfteigern. Bevor Sie zu diesem Gefühl kamen, hätten Sie g4?n den Leichtsinn Ihres Lebens und gegen die Schwächen Ihres Charakters kämpfen sollen!" erwiderte Anna-Elisabeth Rück« stein hart und unerbittlich.
Luise erhob sich. Sie zitterte. Noch einmal zwang Sie sich zur Ruhe. „Ich sehe — ich hätte den Weg hierher unterlassen sollen —"
Frau Rückstein hob unwillig die Schultern. Sie legte ihren schmalen hageren Arm auf den der Schauspielerin. „Laufen Sie nicht gleich davon! Ich teile durchaus die Ansicht meines Sohnes, daß es unverantwortlich wäre, Johann-Christian aus unserem ordentlichen Leben hier zu entlassen und — wenn auch nur zeitweise — in den Kreis Ihres weit weniger geordneten Lebens zu geben. Trotzdem können wir Frauen uns aussprechen —"
„Ich kam nicht hierher, um mit Ihnen über die Vergangenheit zu reden. Ich will mein Kind sehen, und ich will in Zukunft an seinem Leben teil- haben!" sagte Luise mit fester Entschlossenheit.
Ihre Gegnerin schüttelte den Kopf. „Sie sollen dem Kind seinen Frieden lassen!"
Luise wurde immer erbitterter. Sie erwiderte: „Wenn Johann-Christian bei mir ist, wird er vielleicht glücklicher sein als hier. Alles wird bei mir heiterer sein — heiterer und natürlicher —"
"Nein, das glaube ich nicht, daß mein Enkel bei Ihnen glücklicher wäre, Frau Domkat. Ich denke, er schlägt in die Linie der Rücksteins."
„Sie sehen das Kind so, wie Sie es haben wollen", sagte Luise. In ihren Augen brannte jetzt ein gefährlicher Zorn. „Ich aber glaube das nicht. Nem, ich will nicht glauben, daß sich mem Blut m meinem Kinde ganz und gar verleugnet. Aber hier wird man natürlich darauf bedacht fein, Johann-Christian mit allen Möglichkeiten, die der Reichtum gibt, zu bestechen."
„Ich muß bemerken, Frau Domkat, daß ich ein Gespräch, das in einem solchen Ton geführt wird, als durchaus nicht der Lage angepaßt halte."
(Fortsetzung folgt)


