Kür -en Bücheriisch.
Frau Rat schreibt Briese.
— Briefe der Frau Rat Goethe. Ausgewählt und herausgegeben von Rudolf Bach. Im Insel-Verlag zu Leipzig, 1939. —(117)— Zu den Briefbänden der Insel-Bücherei, in denen bisher die Bettina und Diotima, Goethe und Hölderlin, Beethoven, Mozart und Stifter vertreten sind, gesellt sich hier unter der Nummer 544 und zum wahrhaft lächerlichen Preise von 80 Pfennig eine Auswahl der Briefe von Goethes Mutter. Katharina Elisabeth Goethe, geborene Textor, Frau Rat oder auch Frau Aja genannt (1731 bis 1808), ist eine der liebenswürdigsten und menschlich anziehendsten Hintergrundfiguren der deutschen Geistesgeschichte. Ihre Briefe gehören zu den Kostbarkeiten einer leider gemeinhin zu wenig bekannten Gattung unseres Schrifttums — in ihrer Ursprünglichkeit und Wärme, ihrem weiblichen Instinkt und Temperament am ehesten wohl den Briefen der Lieselotte von der Pfalz vergleichbar (die der Insel-Verlag früher schon in einer so noblen wie zuverlässigen Ausgabe vorgelegt hat) — sonst aber ganz originell und unverwechselbar wie etwa Briefe Kleists und Bismarcks, vollkommener Spiegel einer fraulichen und mütterlichen Persönlichkeit und im Grunde so zeitlos, daß man beim Lesen oft den Eindruck hat: das könnte alles auch heute geschrieben sein — wenn man heute nicht weithin Zeit und Lust verloren hätte<- Briefe solcher Art zu schreiben. Der Herausgeber weist mit Recht darauf hin, daß diese Schriftstücke von der Hand der Frau Rat ganz und gar unliterarisch feien aber gerade dies, das Ursprüngliche, Frische, Unkünstliche,' ja die Eigenwilligkeit und Unbekümmertheit des Stils machen ihren Reiz aus», dem sich kaum jemand wird entziehen können. (Was die Rechtschreibung betrifft, so bemerkt sie selbst darüber: „der Fehler läge am Schulmeister".) Ob sie an den Sohn in Weimar schreibt, an die Herzogin Anna Amalia, an Christiane oder an die „lieben Enckeleins", die Schlosserschen Kinder — jede dieser Episteln ist ein kleines menschliches Dokument. Die geschickt getroffene Auswahl bringt ungefähr ein Viertel der über vierhundert erhaltenen Briefe von Frau Rat, die Albert Köster in zwei Bänden gesammelt herausgab. Unsere Leser wird übrigens vermutlich der Brief an den Dramatiker Friedrich Maximilian Klinger, dessen Drama „Sturm und Drang" der berühmten Bewegung des 18. Jahrhunderts den Namen gab, und der damals (1776) in Gießen studierte, besonders interessieren.
Hans Thyriot.
Reue deutsche Lyrik.
— Eberhard Meckel : Durch die Jahre. -Gedichte. 85 Seiten. Leinen 4,00 NM. Im Insel-Verlag zu Leipzig, 1939. — (171) — Eberhard Meckel, von dem schon 1936 ein Gedichtband unter dem Namen „Flußfahrt" erschien, gehört zu den Erscheinungen der jungen Generation, die das Gesicht der gegenwärtigen Lyrik in Deutschland mitbestimmen. Daß dieses neue Buch von der Insel betreut wird, ist eine hohe, von' allen Eingeweihten nach Gebühr zu würdigeyde Auszeichnung. Auf Conrad Ferdinand Meyer weist nicht nur der Leitspruch — „Das Herz, auch es bedarf des Ueber- flusses" —, sondern auch eine Gedichtüberschrift, die man' bei dem erlauchten Schweizer wiederfinden kann; doch schiene es ungerecht, deshalb von Einflüssen oder Abhängigkeiten zu reden: wir alle stehen auf den Schultern der Väter und sind Erben früherer Generationen, und die Dichter unter uns nicht zuletzt. Das bezeugt Meckel selbst in mehr als einem seiner Gedichte. Entscheidend wird immer sein, wie ein Erbe verwaltet wird, und ob einer stark und reif genug ist, nicht nur ein Gedicht, sondern sein Gedicht zu schreiben. Wer diesen Band aufmerksam liest, wird den persönlichen Klang und Charakter von Meckels Gedichten empfinden: sie sind nicht das, was man musikalisch oder unmittelbar bestrickend nennen könnte, aber von großer Ehrlichkeit und Lauterkeit des Gefühls und vor allem auf eine erwärmende und Überzeugende Weise genährt aus dem Reichtum seiner alemannischen Heimatlandschaft. — „Spiegelgesicht", „Der Nachfahr", „Sprache der Gefallenen", „In Erwartung des Kindes", „An Deutschland", „Mutter Gottes vom Breisgau", „Schlafgedicht für die Frau" —: das sind einige Ueberschriften aus diesem Bande; wer ein wenig Bescheid weiß in der deutschen Lyrik, ein Ohr und Gefühl für Gedichte hat, wird schon an diesen wenigen erkennen, was ihn bei Meckel erwartet, wird sein Buch lesen und es zu den andern stellen, von denen man weiß oder glaubt, daß sie über den Reiz der Neuerscheinung hinaus Bestand haben werden. Hans Thyriot.
— Hermann Claudius: Wann wir schreiten. Gedichte aus den „Liedern der Unruh" und dem „Ewigen Toren". Neue Ausgabe. 108 Seiten. Leinen 3,20 RM. Verlag Albert Langen/ Georg Müller, München, 1939. — (109) — Die seit langem vergriffenen frühen Gedichte von Hermann Claudius find ebenso kennzeichnend für den, der sie schrieb, wie für die Zeit, in der sie geschrieben wurden. Noch klingt aus ihnen die Schwere und Unruhe jener Jahre des Suchens und Irrens, her dunkle Ton des Schmerzes, der Gram der Verlassenheit und die Not des mit seinem Schicksal Ringenden. Im Grunde aber sind diese Verse doch voller Hoffnung und Erwartung, die das Dasein in seinen Höhen und Tiefen zu begreifen sucht und voller Vertrauen bejaht. So spricht sich in seinen Liedern ein Glaube aus, der aller irdischen Anfechtung mit der heiteren Zuversicht eines reinen Gemütes begegnet und Willen und Mut zum Leben in sich vereint.
Der deutsche Kaufmann.
— ProfessorDr.GuidoFischer:Kauf- mannspraxis. Ein Handbuch in Wort in Bild. Unter Mitarbeit zahlreicher Fachleute aus Praxis und Wissenschaft. Mit zahlreichen Abbildungen. In Leinen 9,80 RM. Verlag Quelle & Meyer, Leipzig. — (163) — Das Handbuch will dazu dienen, dem jungen aufstrebenden Kaufmann ebenso wie dem Studierenden der Wirtschaftswissenschaft ein gründliches Fachwissen über den Kaufmannsbetrieb zu vermitteln. Die ersten fünf Abschnitte behandeln den inneren Betrieb, neben Organisation, Buchhaltung, wirtschaftliches Rechnen, Selbstkostenrechnung und Betriebs-Statistik, die folgenden fünf Abschnitte die außerbetrieblichen Gebiete wie Werbung, Warenverkehr, Güterverkehr, Nachrichtenverkehr, Geld- und Kapitalverkehr. Zur weiteren Der- liefung regen besondere Schrifttumsangaben an. Abbildungen von Büro-Maschinen und -Einrichtungs- gegenständeNt von Wertpapieren iinb Frachtür-
kunden, statistischen Darstellungen, Schemata von Kostenrechnungen usw. geben dem Leser einen deutlichen Einblick in die dargestellten Wirtschaftsgebiete. So wird das Buch jedem Jungkaufmann und Studenten der Wirtschaftswissenschaft ausgezeichnete Dienste leisten.
— Theodor Bohner: Der deutsche Kaufmann über See. Hundert Jahre deutscher Handel in der Welt. 218 Textzeichnungen, 32 Tafeln und eine Karte. Ganzleinen £,75 RM. Deutscher Verlag, Berlin. — (165) — Nach dem Buch „Der ehrbare Kaufmann", das den Aufbau der deutschen Wirtschaft bei uns im Lande schildert, wird nun hier vom deutschen Handelskaufmann
über See gesprochen. Hier tritt der Handelskaufmann mit seinen großartigen, die Länder verbindenden, der eigenen Nation das Brot und die Freiheit schaffenden Leistung. Wir sehen die mühevollen Anfänge und die wechselreiche Entwicklung unserer großen deutschen Ueberseehäuser, aber auch die Kleinen und Unbekannten sind nicht vergessen. Bei seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Stoff hat Bohner sich in eine rechte Begeisterung hi ne in- gearbeitet. So ist eine streng wissenschaftlich fundierte Darstellung des deutschen Außenhandels entstanden, die trotzdem überaus fesselnd ist und jedem, der an der Weltgeltung des deutschen Namens interessiert ist, willkommen sein wird.
Reisen und Abenieuer in aller Well.
— Gu st avR. Hocke: Dasverschwundene Gesicht. Ein Abenteuer in Italien. 248 Seiten. In Leinen 9,50 RM. Karl Rauch Verlag, Markkleeberg bei Leipzig. — (122) — Reisebücher gibt es die schwere Menge, und im besonderen die Zahl der italienischen Reiseberichte ist nicht gering, zumal bei uns Deutschen nicht, denen seit Goethes Zeiten bis in diese Tage hinein Italien als das klassische Reiseziel gilt. Das Buch des Kulturpolitikers der Kölnischen Zeitung hat Anspruch darauf, aus einer schwer übersehbaren Fülle stofflich ähnlich gearteter Schriften um seiner persönlichen Eigenart und seines ausgezeichneten, kaum verwechselbaren Stiles willen herausgegeben zu werden. Er ist keine „Reisebeschreibung" im alten ober irgendwie landläufigen Sinne, auch kaum das, was man einen Führer nennen würde. Zwar enthält das Buch eine Menge von Anregungen und fachlichen Hinweisen, die ein anderer auf der gleichen Route praktisch und mit vielem Gewinn auszuwerten vermöchte. Aber das ist nicht das Entscheidende und bestimmt nicht die eigentliche Absicht des Werkes. Es ist die Rede von der Reise eines jungen Deutschen nach Unteritalien, in den von Kultur und Geschichte gesättigten, von großer Vergangenheit lebendig erfüllten Raum des alten Großgriechenland. Hier ist die klassische Einfallspforte und Einflußzone vom untergegangenen Hellas her ins alte römische Imperium: Sohle und Absatz des italienischen Stiefels, die Landschaften Apulien und Kalabrien, die Städte um den Golf von Tarent. Hockes Schilderung ist aus Persönlichem und Objektivem merkwürdig gemischt, aus bildhafter Anschaulichkeit (in impressionistisch-empfindlich bewahrten Augenblickseindrücken) und klarer Gedank- lichkeit, aber stets spürbar zusammengehalten von der Einheit einer im schönsten und weitesten Sinne gebildeten Persönlichkeit. Das Buch setzt geschichtlich, kunsthistorisch und kulturphilosophisch allerlei voraus und ist keineswegs etwa eine bequeme Eisenbahnlektüre. Der Schauplatz liegt abseits vom üblichen Italien-Trip, aber er ist wichtig, weil er zu den Ursprüngen führt, zu den Grundlagen, auf denen auch das heutige Imperium, auch das Italien Mussolinis noch ruht: hier begannen die Ausstrahlungen der Magna Graecia; in dieser Landschaft vollzog sich im Mittelalter die entscheidende Begegnung des nordischen Geistes mit dem imperialen Traum des Südens: das ergibt die Angelpunkte in Hockes Schilderung von Landschaft, Kunst und Menschen, hier münden alle Begegnungen und alle Tag- und Nacht- gespräche; von hier gewinnt er auch eine Sinndeutung alles Gegenwärtigen, wie es sich, gegen Ende,
sehr gegensätzlich, etwa in der Beschreibung der modernen Großstadt Bari spiegelt. — Eine Reihe von schönen und seltenen Bildbeigaben (in tadelloser Wiedergabe) vertiefen die Schilderung und erhöhen den Wert des durchaus ungewöhnlichen Buches.
Hans Thyriot.
— Fred von Bohlen.-- Hegewald: Schleier, Fez und Turban. Mit Auto, Kamera und mir allein 20 000 Kilometer durch den Balkan und quer durch Iran. Mit 16 Bildseiten. Kart. 2 RM.; Ganzleinen 2,85 RM. Deutscher Verlag, Berlin. — (131) — Abenteuerlust und Fernsucht veranlaßten den jungen Autor, sich selbst aus einem alten Flugzeugmotor, einem Lastwagenchassis und einer eingebauten Aluminium-Karosserie einen geländegängigen Kraftwagen zu bauen und mit einem Freunde in Richtung nach Iran zu starten. Von dieser Fahrt ohne genaues Ziel, ohne vorher bestimmte Reisedauer und auskalkulierten Etat bringt er drei Kulturfilme mit, eine Fülle von Fotos, Stoff für fesselnde Vorträge und dieses Buch. Es erzählt von einem Besuch bei den Mönchen an der griechisch-albanischen Grenze, von den ersten Aufnahmen tanzender Derwische in Uesküb und von der heimlichen Aufnahme in den goldenen Moscheen von Khadimen. Zum Schluß erzählt der Verfasser, wie er sich von Bagdad aus einer Kamelkarawane quer durch Iran an schloß und auf einem Maultier sich durchzuschlagen versucht über die Fünftausender der iranischen Gebirge in Richtung auf das Kaspische Meer. In einem Sturm bleibt er mit einem Malaria-Anfall bewußtlos liegen. Sein treuer Begleiter rettet ihn, in einer kleinen Krankenstation findet er Hilfe. Ein frisches, lebendiges und buntes Buch für junge Menschen und für alle, die sich mit einem Jungen auf diese abenteuerliche Reise begeben wollen.
— Carla Bartheel: Abenteuer an der Eismeer st raße. In Seinen gebunden 5,40 NM. Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart. — (84) — Die Eismeerstraße ist die nördlichste Autostraße der Welt. Sie durchschneidet das nördliche Finnland, ein Gebiet unendlicher Wälder, reicher Bodenschätze, schweifender Renntierherden und seltsamer Menschen. Moderne Zivilisation und urweUtiche Einfachheit stehen sich noch' unvermittelt gegenüber. Auto und Renntier-Pulk, die spiegelnde Hotelhalle und das primitive Lappen-Zelt, Radiomusik und das große Schweigen der Wälder ergeben eine fremdartige Spannung, die erregend den einfachen und abenteuerlichen Erlebnissen sich mit- teilt, von denen dieses Buch erzählt.
Reue Sucher zur Kunstgeschichte.
— Adolf Spamer: Hessische Volks- k u n st. 208 Seiten, Großoktav, mit 292 Abbildungen. In Seinen 7,50 RM. Eugen Diederichs Verlag, Jena. — (140) — Der väterlicher- wie mütterlicherseits aus Hessen stammende, bekannte Volkskundler Professor Dr. Adolf Spamer, der als Universitätslehrer früher in Frankfurt und Dresden lebte und jetzt in Berlin wirkt, legt mit feiner „Hessischen Volkskunst" eine Arbeit vor, die für die allgemein- deutsche wie im besonder» die hessische Volkskunde einen überaus schätzenswerten Beitrag darstellt. Das Buch ist die reife Frucht einer mehr als zwölfjährigen Arbeit und ist, wie der Verfasser im Vorwort bemerkt, erwandert; gerade bei einem Stoff wie diesem leuchten die Vorzüge einer solchen Methode ohne weiteres ein; hier ist ein ausgezeichnetes Beispiel wirklich volksnaher und volkstümlicher Wissenschaft. Das Werk, welches der hessischen Heimat gewidmet ist, erfuhr eine tätige Förderung durch die Initiative von Ministerialrat Ringshausen und den von ihm geleiteten „Sandschaftsbund Volkstum und Heimat im Gaugebiet Hessen-Nassau", der insbesondere seine reichen Bild- und Wortsammlungen freigebig zur Verfügung stellte. „Aber schon zuvor", so fährt das Vorwort fort, „war unsere Darstellung zu einer" großen und echten Gemeinschaftsarbeit ausgewachsen, an der sich.zahllose Helfer, gelehrte Seute, Handwerker und Bauern, Städter und Dörfler, Männer wie Frauen, beteiligt haben, in langen und kurzen Gesprächen, in immer neuen Hinweisen mündlicher oder auch schriftlicher Art ..." Das Werk gibt ein farbiges und höchst charaktervolles Bild vom Reichtum der Volkskunst in Hessen. Ausgehend von einer allgemeinen Schilderung von Sani) und Seutcn, bringt Spamer in systematischem Aufbau eine wohlgegliederte, so weit wir zu sehen vermögen, erschöpfende und auf den neuesten Stand gebrachte Darstellung der einzelnen Zweige volkskünstlerischer Betätigung im ©efatntraumc unseres heimatlichen Stammesgebietes; sie erstreckt sich auf Wohnhäuser und öffentliche Bauten, Schmuck des Fachwerkhauses, Möbel und Gerät, Tracht, Schmuck und textile Künste, Töpferware und Töpferkunst, Handwerk, Heimatkunst und freies Kunstschaffen. Eine außerordentliche Bereicherung und Anschaulichkeit erhielt das Werk durch die Beigabe eines großen, sorgfältig gesichteten unb ausgewählten Abbildungsmaterials nach Zeichnungen und Photographien. Sehr verdienstlich und wertvoll ist die Zusammenstellung des wesentlichen einschlägigen Schrifttums. Hans Thyriot.
— Fried Sübbecke: Frankfurt am Main. 335 Seiten mit 250 Abbildungen. Seinen 8 RM. Verlag E. A. Seemann, Seipzig. — (174). — Frankfurt „stickt", wie man weiß, „voller Merkwürdigkeiten", es steckt aber auch voller Werke der bildenden Kunst: das hat man über dem Ruhm der Krönungsstadt, Goethestadt, Handels- und Handwerksstadt oft zu Unrecht vergessen oder übersehen, und deshalb hat es seinen guten Sinn und ist nur gerecht, wenn in der Reihe der „Berühmten Kunststätten" des Verlages Seemann jetzt als Band 84 ein Buch über Frankfurt als Kunststadt erscheint: Dr. Fried Sübberte, der sich um die Erhaltung und Erneuerung der berühmten Frankfurter Altstadt blei
bende Verdienste erworben hat, legt in dieser handlichen, übersichtlichen und tadellos ausgestatteten Monographie eine Frankfurter Kunstgeschichte vor, wie es sie, so ausschließlich und gründlich, soweit wir sehen können, bisher noch nicht gegeben hat. Das Buch ist systematisch angelegt und schildert die Entwicklung von der Frühzeit über die aus größeren Zusammenhängen geläufigen Stilepochen bis in die Gegenwart hinein; zumal der Gotik sind drei umfängliche Kapitel gewidmet; einzelne für Frankfurt besonders wichtige Künstlerpersönlichkeiten, wie Madern Gertener oder Adam Elsheimer, sind gebührend hervorgehoben. Daß neben diesen in der Frankfurter Kunstgeschichte Namen wie Merian, Sandrart, Holbein, Dürer, Grünewald, Ratgeb, Baldung, Cornelius, Thoma und Boehle (unter vielen anderen) eine nicht unwichtige, z. T. sehr erhebliche Rolle spielen, mag die über das Sokale hinausreichende Bedeutung des Werkes kennzeichnen. Das Abbildungsmaterial ist reich, gut gewählt und erfreulich reproduziert. Siteraturnachweis und Register geben dem Sefer willkommene Hilfen. Es ist zu wünschen, daß das Buch der schönen Stabt neue Freunde gewinnt: selbst unter den alten wird mancher hier Anregungen und Hinweise sinben und vielleicht sogar Entdeckungen machen. Hans Thyriot.
— Michelangelo: Sibyllen und Propheten. 24 farbige Bilder nach den Fresken in der Sixtinischen Kapelle. Mit einem Geleitwort von Bettina Seipp. Irn Insel-Verlag, Seipzig, 1939. — (120) — In der kunstgeschichtlichen Reihe der Insel-Bücherei, aus der wir früher u. a. die Bändchen mit den Handzeichnungen Rembrandts und den Bildnissen des jüngeren Holbein besprachen, erschien kürzlich (unter der Nummer 165) wieder eine kleine Kostbarkeit: die außerordentlich gut gelungene, farbige Reproduktion der von Michelangelo geschaffenen Deckengemälde in der Sixtina, der Figuren der sieben Propheten und der fünf Sibyllen; und zwar erscheint in der Wiedergabe neben jeder ganzen Figur jeweils korrespondierend als Bildausschnitt in entsprechender Vergrößerung der zugehörige Kops. Diese vierundzwanzig Bildtafeln zu betrachten, gewährt einen hohen Genuß. Nicht fehr vielen wird es vergönnt fein, die Originale auf sich wirken zu lassen und das Weltwunder der Sixtina unmittelbar zu bestaunen. Das feinsinnige Geleitwort von Bettina Seipp macht auch dem unbefangenen und unvorbereiteten Betrachter klar, warum es sich hier wahrhaftig um ein Weltwunder der Kunst handelt; die Monumentalität dieser Figuren wird ohnehin jedem sofort bewußt werden. Die Einführung enthält überdies alles^roas hier zu sagen und zu wissen nötig ist: wer Sibyllen und Propheten waren, was es mit der Erschaffung der Sixtina auf s'ch hat, und wie das Ingenium des großen Michelangelo hier etwas aus mehr als einem Grunde nahezu Unfaßbares bewältigte; „in der etwa oiereinhalbjährigen Herstellungszeit der Decke lag er Wochen, Monate und Jahre auf dem Rücken k-ummgezogen, das Gesicht von Farbe über- jpritzt" —: diese kleine Anmerkung des begleitenden Textes mag dem Sefer und Beschauer eine Vorstellung dessen vermitteln, was und unter welchen Bedingungen hier geschaffen wurde. Hans Thyriot.
Deutsche Erzähler.
— Ernst Wiechert: Das einfache Se« b e n. Roman. 390 Seiten. In Seinen 6,50 RM. Verlag Albert Sangen / Georg Müller, München, 1939. — (151) — Wiecherts neuer Roman schloßt sich innerlich weniger an bas letzte seiner früher erschienenen Bücher an, die persönlich bestimmte, aus eigenstem Erlebnis stammende Erzählung „Wälder und Menschen", als vielmehr an den leider verhältnismäßig wenig bekannt gewordenen Kriegsroman „Jedermann": und zwar nicht allein aus äußerlich- chronologischen Gründen, sondern auch, wie uns scheint, um der menschlichen Gesinnung und der männlichen Haltung willen, die in beiden Büchern zu spüren ist. Unter den vielen Freunden des Dichters, die dieses sein jüngstes Werk mit Freuden empfangen werden, richtet es sich (obwohl es an sich jedem zugänglich ist) wohl in erster Sinie an die Generation des Krieges, an die Männer und Frauen, welche die Jahre von 1914 bis 1918 und auch die Jahre nachher bewußt miterlebt haben: sie werden in dem, was hier erzählt wird, manches an Gedanken und Stimmungen, an Erlebnissen und Gestalten wiederfinden, was sie damals selbst erlebt und selbst empfunden haben. Die Erzählung spielt in den wirren, wilden und hoffnungslosen Jahren allgemeiner Entwurzelung und Entwertung (nicht nur materieller Entwertung), die nach dem traurigen Kriegsende und der roten Revolte über Deutschland hereinbrachen, unb wenn man bas Thema in aller Kürze zusammenfassen will, so kann man sagen: hier wirb berichtet, wie ein deutscher Seeoffizier, welcher nach seiner Verabschiedung für das Seben in der großen Stadt untauglich geworden ist und für feine eigene Existenz und Zukunft keinen Sinn mehr findet, sich in „das einfache Seben" zurückzieht und in großer weltabge- fchiedner Einsamkeit zwischen Wald und See ein schlichter Fischer wird; in diesem einfachen .Seben, in steter männlicher Arbeit und im Umgänge mit den wenigen Menschen, deren Umgang wertbeständig und lohnend geblieben ist, findet der Mann langsam das Selbstvertrauen, die Zuversicht, die innere Gelassenheit und die Fröhlichkeit des Herzens wieder, die ihm so lange gefehlt haben, und die chn bereit und wieder kräftig genug machen, an einen Sinn feines Schicksals und an die Zukunft feines Volkes zu glauben. Es ist nicht viel, was im üblichen Romanfinne hier geschieht, aber das Buch lebt aus einem inneren Reichtum, einer menschlichen Fülle und Reife, deren Ausstrahlung sich der Sefer nicht entziehen kann. Es werden eine Menge Fragen angerührt und durchgedacht, die gewiß viele von uns bewegt haben und noch bewegen. Neben dem Hauptthema ist das Verhältnis der alten (ober älteren) Generation zur Jugend eines der reizvollsten Motive des Romans, und die junge Marianne von Platen eine der zartesten und liebenswertesten Mädchengestalten nicht allein bei Wiechert, sondern im zeitgenössischen deutschen Schrifttum überhaupt. Die klare, gelassene, edle Sprache des Buches braucht kaum ausdrücklich gerühmt zu werden; wer Wiechert kennt, wird nichts anderes erwartet haben.
Hans Thyriot.
— Arnold Ulitz: Der wunderbare Sommer. Roman. 419 Seiten. Brosch. 4,80 RM., Seinen 6,— RM. Wilh. Gottl. Korn Verlag, Breslau. — (173) — Ulitz, dessen Defoe-Noman „Der Gaukler von Sonbon" vor einiger Zeit hier besprochen wurde, kehrt mit seinem neuen Buche aus der fernen Robinson-Welt in die deutsche Gegenwart und seine schlesische Heimat zurück; nicht in seine Vaterstadt Breslau zwar, sondern in die sommerliche Weltabgeschiedenheit eines waldumgebenen Fährhauses an der Oder; dorthin flüchtet sich aus Unruhe und Ziellosigkeit ein Mann, um den Frieden seiner Seele, das Glück und den Sinn seines Sebens wiederzufinden: ein berühmter Maler und Akademieprofessor, dem all seine Kunst und all seine Berühmtheit eine brüchig gewordene Ehe nicht aufwiegen können. Aber dieser eine große, glühende Sommer am breiten Strom, in den weiten Wäldern, unter den einfachen Menschen einer Heimat, die er kaum kannte, bringt den Mann wieder zu sich selbst und zuletzt auch zu den schon für immer verloren geglaubten Seinen zurück. Man vermißt manchmal ein wenig die Vorgeschichte dieses Romans; man erlebt die Frau, die spät zurückgewonnene, nur flüchtig und in indirekter Schilderung, die andere, um derentwillen die Ehe fragwürdig wurde, so gut wie gar nicht, während das Kind, der kleine Sohn des Malers, obwohl ebenfalls nicht unmittelbar eingeführt, sich als stärkstes unb völlig unbezweifelbares Bindeglied der kleinen Gemeinschaft erweist. — Man fühlt sich beim Sefen, obwohl gewiß niemand tiefgreifende Unterschiede wird übersetzen ober verwischen wollen, des öfteren an, den letzten Roman von Wiechert . erinnert, „Das einfache Seben"; bei Ulitz wird airf ähnlichen Wegen eine Söfung ähnlicher, männlicher Konflikte gesucht und gefunden. Was die Eigenart feines Buches aus« macht und auch wohl am stärksten feine eigentümliche Anziehungskraft auf den Sefer ausübt, — obwohl durchaus nicht alles in diesem Roman anziehend oder erfreulich erscheint — ist die starke landschaftliche Atmosphäre, der ausgeprägt schlesische Charakter dieser Welt aus Wald und Wasser, am Ufer, im Wirtshaus, im Dorf, in den mundartlich gefärbten Gesprächen der nicht sehr zahlreichen und auch unterschiedlich belichteten Figuren. Man sieht: es sind immer wieder Kräfte am Werk, die große literarische Tradition dieser Provinz im deutschen Osten fortzuführen; zu ihnen gehört, neben manchen andern, auch Ulitz mit dem „Wunderbaren Sommer." Hans Thyriot.
— I. Ch. F. von Sangermann : „Schaff Gold, Bö11ger!" Der Sebensroman des Porzellanerfinders Johann Friedrich Böttger. In Halbleder. Volksverband der Bücherfreunde, Wegweiser- Verlag G. m. b. H., Berlin-Charlottenburg 2. — (56) Eine kulturell große, politisch gärungsvolle, kriegsgeschichtlich bedeutende Epoche deutscher Geschichte bildet den Hintergrund dieses Romans, der das Schicksal Böttgers gestaltet. Das Elternhaus, die Sehrzeit, die Flucht ins Alchimisten-Laboratorium, die Auswanderung nach Dresden, feine Experimentierarbeit unter streng behördlicher Kontrolle, seine unvorstellbaren Kämpfe um die Erfindung des Goldes auf chemischem Wege, der ewig ihn verfolgende Befehl seines Herrschers, seiner Widersacher, der Höflinge, Gold zu machen, bis endlich der Tag kommt, an dem es ihm zum ersten Male gelingt, statt Gold Porzellan zu erzeugen, Porzellan aus deutschen Naturstoffen! Die Stationen eines von Not und Sorge, von unglücklicher Siebe, von Krankheit, Enttäuschungen, Intrigen beherrschten Schick- lalsmeges, ---*•*'


