Ausgabe 
14.6.1939
 
Einzelbild herunterladen

Aenderungen im Aufbau, Auswechsluna des Motors, Anschaffung eines Beiwagens für ein Kraftrad ufw., sofort den zuständigen Stellen zu melden sind, da- mit die Angaben im Kraftfahrzeugbrief und in der Zulassung ergänzt werden können. Zu den melde­pflichtigen Aenderungen gehört auch der Verkauf eines Fahrzeugs, der Wechsel des Standortes, die Wohnungsänderung des Eigentümers. Wird ein Kraftfahrzeug vorübergehend außer Dienst gestellt, ist Las gleichfalls zu melden.

Wer gegen diese Anordnung verstößt, macht sich strafbar; wer sie genauestens befolgt, leistet der Allgemeinheit einen guten Dienst, denn die Anord­nung hat ernste Hintergründe. F. G. (RAS)

Vorsicht in der Kirschenzeit.

,Mit dem Reifen der Kirschen muß wieder an einige Vorsichtsmaßregeln erinnert werden, um sich und andere vor Schaden zu bewahren. Zunächst find es die Unfälle, die alljährlich beim Pflücken der Kirschen vorkommen. Bei der Abnahme der Kirschen prüfe man vorher das Leitermaterial, gebe der wei­ter einen sicheren Stand und sei nicht so ehrgeizig, auch die nahezu unerreichbaren Früchte an den äußersten Enden der Zweige noch zu pflücken, denn dies kann sehr gefährlich werden. Sicherer läßt sich auf der Leiter hantieren, wenn diese an mehreren Stellen angebunden ist. Weitere Gefahren drohen durch das Wegwerfen von Kirschkernen auf den Gehwegen. Dieser Leichtsinn kann nicht nur alten und gebrechlichen Leuten, sondern auch Jungen und

ganz Gesunden zum Verhängnis werden. Eine alte Unsitte, die von Jahr zu Jahr chre Opfer fordert, ist das Wassertrinken, überhaupt das Trinken von Flüssigkeiten nach dem Genuß von Kirschen. D^ durch kann die Darmtätigkeit plötzlich so unnatürlich geseigert werden, daß Darmverschlingungen oder Gefäysprengungen eintreten, die oft den Tod zur Folge haben. Es kann auch zu ernsthafter Erkran­kung bei Magenüberfülluna kommen, namentlich dann, wenn Früchte gegessen werden, die stark quellen und so auf einmal einen Mageninhalt bil­den, den der normale Magenraum kaum zu fassen vermag. Und die Kirschen gehören zu jenen Früch' ten, die im Magen am stärksten aufquellen. Man hüte sich daher gerade beim Kirschenessen vor jedem Zuniel und unterlasse nach dem Kirschengenuß das Wassertrinken.

** Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 2. bis 8. Juni ein: Gegen Kraftfahr- zeuge mit 6 Anzeigen und 4 gebührenpflichtigen Perwarnungen; gegen sonstige Fahrzeuaführer mit 3 Anzeigen; gegen Radfahrer mit 1 Anzeige und 15 gebührenpflichtigen Verwarnungen.

♦♦ Die Leiche eines neugeborenen Kindes aus der Lahn geländet. Am gestrigen Dienstagnachmittag wurde unterhalb der Lahnbrücke in der Nähe der Pulvermühle die völlig unbekleidete Leiche eines neugeborenen Kindes weib­lichen Geschlechts aus der Lahn geländet. Wo das Kindchen herstammt, ist bis jetzt noch nicht bekannt. Die polizeilichen Ermittlungen sind im Gange.

Aus den Gießener Gerichtssälen.

Große Strafkammer Gießen.

Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit wurde gegen den R. I. in Espa (Kreis Friedberg) wegen wider­natürlicher Unzucht verhandelt. Der Angeklagte wurde wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochen. Seine Unterbringung in einer Heil- oder Pflege­anstalt wurde angeordnet.

*

H. G. in Lauterbach war meßen Amtsunter- schlaaung, Untreue und Urkundenfälschung angeklagt. Er hat seine Amtspflichten bei der Post verletzt und Gelder, die er in amtlicher Eigenschaft emp­fangen oder in Gewahrsam hatte, unterschlagen. Die zur Eintragung bzw. zur Kontrolle der Einnahmen und Ausgaben bestimmten Register und Bücher hat er unrichtig geführt und verfälscht, auch hat er zu den Registern oder Büchern unrichtige Belege vor- gelegt. Der Angeklagte, der in einer Nollage, ver­anlaßt durch Krankheit in der Familie, gehandelt haben will, war in vollem Umfange geständig. Der Schaden ist ersetzt.

Der Vertreter derWAnklage beantragte eine Ge­samtzuchthausstrafe von einem Jahr und zwei Monaten. Der Verteidiger beantragte, dem Ange­klagten in weitgehendstem Maße mildernde Um­stände zuzubilligen und auf eine Gefängnisstrafe zu erkennen.

Der Angeklagte wurde wegen einer schweren Amtsunterschlagung in Tateinheit mit einer Untreue sowie eines weiteren Verbrechens der schweren Ur­kundenfälschung zu einer Gesamtzuchthaus­strafe von einem Jahr und einem Monat, abzüglich sechs Tage Untersuchungshaft, und zu Geldstrafen von 90 und 120 Mark verurteilt.

Der I. L. in Rohrbach (Kreis Büdingen) war durch Urteil des Bezirksschoffengerichts Gießen vom 18. April 1939 wegen Jagdvergehens zu einer G e - samtgefängnis strafe von acht Mo­

naten verurteilt worden. Er wurde beschuldigt, im Winter 1937/38 durch Verletzung fremden Jagd- rechts Wild erlegt und sich zugeergnet zu haben, auch im Besitz einer zusammenklappbaren Schuß­waffe gewesen zu sein. Bei ihm wurden vier Teller­eisen, drei Anker, ein 6-rnm-Flobert, zwei Jagd­gewehre, eine Kastenfalle und Munition vorgefun­den. Er hat einen Fuchs, den ein anderer in einem Graben gefunden und nahe an den Weg gelegt hatte, mit nach Hause genommen, ohne ihn der zu­ständigen Stelle abzuliefern. Gegen das Urteil legte L. Berufung ein.

Der Verteidiger beantragte Freisprechung des An­geklagten in vollem Umfang mangels Beweises. Für den Fall einer Verurteilung wurde Aushebung des Haftbefehls beantragt, da weder Flucht- noch Ver­dunkelungsgefahr bestehe. Der Vertreter der Anklage beantragte, die Berufung zu verwerfen.

Die Berufung des Angeklagten wurde auf feine Kosten als unbegründet verworfen.

Sezirksschöffengericht Gießen.

Wegen gewerbsmäßiger Hehlerei hatte sich R. Sch. in Gießen zu verantworten. Er hat im Früh­jahr 1938 in Gießen Anzugstoffe gekauft, von denen er wußte oder den Umständen nach annehmen mußte, daß der Verkäufer sie auf unredliche Weise erlangt hatte. Der Angeklagte bestritt jegliche Schuld und behauptete, seine früheren Angaven würden auf Irrtum beruhen.

Der Vertreter der Anklage hielt nach dem Er­gebnis der Beweisaufnahme die Anklage wegen gewerbsmäßiger Hehlerei nicht mehr aufrecht. Er beantragte, wegen Hehlerei in zwei Fällen aus eine Gesamtgefängmsstrafe von sechs Monaten zu er­kennen.

Der Verteidiger vertrat die Ansicht, daß der An­geklagte im Falle einer Verurteilung nur wegen Begünstigung bestraft werden könne.

Der Angeklagte wurde wegen Hehlerei m zwei Fällen und Unterschlagung in einem Fall zu einer Gesamtgefängnis st rase von acht Mo - na ten verurteilt, wobei fünf Monate als durch die Untersuchungshaft als verbüßt gelten, ^^lverschar- fend kam das hartnäckige Leugnen des Angeklagten in Betracht.

W. K. in Frankfurt a. M. war wegen UntAchla- gung angeklagt. Er hatte im November 1938 bei einer Krankenkasse insgesamt rund 117 Mark un- terschlager

Der Angeklagte war in vollem Umfang geständig. Er wollte angeblich am Monatsende den verun­treuten Betrag wieder ersetzen; die Verfehlung wurde aber bald entdeckt.

Der Vertreter der Anklage beantragte eine Geld- strafe von 200 Mark, ersatzweise 40 Tage Gefängnis. Der Angeklagte wurde dem Antrag ent­sprechend verurteilt. Strafmildernd kamen das Ge­ständnis und die seitherige Unbescholtenheit des An­geklagten in Betracht.

Aus der engeren Heimat.

HZ.-Sefolgschast 8/116 Watzenborn-Steinberg.

Watzenborn-Steinbera. Am Mittwoch, 14. Juni, hat die Schar 1 um 21 Uhr bei der Volks- Halle Dienst. Die Schar 2 tritt ebenfalls heute abend um 20.30 Uhr an. Mitzubringen ist Schreibzeug.

Zechpreller festgenommen

Der etwa 50 Jahre alte Karl Zecher aus Frie­senheim (Rheinhessen) trieb sich in den letzten Tagen in Lollar und in den benachbarten Orten herum, machte bei den Gastwirten allerlei Zechen und ver­schwand dann, ohne zu bezahlen. Diese fröhliche Zecherei fand durch die Gendarmerie in Lollar ihr Ende, die den Zechpreller dingfest machte und ihn dem Amtsgericht in Gießen vorführte. Der ent­sprechende Denkzettel wird dem trinkftohen Zecher auf Gastwirtskosten zuteil werden.

Verkehrsunfall am Ortsausgang von Großen-Buseck.

Großen-Buseck, 14. Ium. Am Ortsaus- gang unseres Dorfes nach Beuern zu ereignete sich am gestrigen Dienstag um die Mittagszeit ein schwerer Verkehrsunfall. Dort wurde die Frau des Maurermeisters Volk, die ein be­ladenes Heufuhrwerk begleitete, von dem aus Rich­tung Beuern kommenden Motorradfahrer Heinrich Müller aus Alten-Buseck angefahren. Der Motor- ratter und die Frau stürzten und erlitten dabei erhebliche Kopfoerletzumgen. Beidejnur» den von der Bereitschaft Gießen des Deutschen Roten Kreuzes nach Gießen in das Evangelische Schwesternhaus übergeführt.

Unfälle auf dem Lande.

Die 16jährige Elfriede Benner von Alten- B u s e ck erlitt durch einen Sturz vom Fahrrad Verletzungen am rechten Arm und schwere Prel­lungen. Die 14jährige Else Pag in Großen- Linden geriet bei der Heuernte mit einem Fuß unter ein Rad des Heuwagens und erlitt dabei einen Knochenbruch. Der Landwirt Hermann Kämmerer in Babenhausen wurde beim Einfangen eines Pferdes von dem Tiere zu Boden geworfen und erlitt einen Bruch des rechten Ober­armes, sowie schmerzhafte Prellungen. Die Land­wirtsehefrau Katharine Winter in Gleiberg stürzte auf der Straße so unttücklich, daß sie einen Oberschenkelbruch erlitt. Die Verunglückten wurden in die Gießener Chirurgische Klinik gebracht.

Landkreis Giehen.

Großen-Linden, 13. Juni. Gestern konnte einer unserer ältesten Einwohner, der Weih­bindermeister Heinrich Degen L, Bahnhofstraße, seinen 8 5. <9 e b u r 15 t a g feiern. Er erfreut sich

noch körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Da vor einigen Jahren sein Sohn starb, hat er seinem Enkel, der das gleiche Geschäft weiterführt, als Achtziger noch stark unter die Arme gegriffen. Es war keine Seltenheit, daß man ihn sogar aus hohen Außengerüsten arbeiten sah.

rl. Lich, 13. Juni. Gestern abend veranstaltete der hiesige Zweigverein des VHC. einen Familienabend. Vereinsführer, Kamerad Schnier- le, berichtete zunächst über Verlauf und Ergebnis der Hauptversammlung des Gefamtvereins auf dem Hoheroskopf am 10. und 11. Juni. Die dort gege­bene starke Anregung zur Werbung für unsere Wandersache und den VHC. soll auch bei uns durch neue Maßnahmen zu neuen Erfolgen führen. Eine fleißige Wanderschwester wurde für die 100. Wan­derung in der üblichen Weise ausgezeichnet. Sodann sprach Wandertamerad Sarnes über den geplan­ten Verlauf' unserer großen Rhönfahrt am 18. Juni. An Hand mächtiger Farbenaufnahmen, von Siedlung und Landschaft, Bergen, Wäldern und Mooren, Blumen, Bäumen und (Stimmungen in unserem schönen Nachbargebirge war es ihm leicht, wahre Begeisterung für die Schönheiten die­ses Stückes deutscher Heimat zu erwecken. Er hat damit die Fahrt auf die wirkungsvollste Weise auch seelisch vorbereitet. Das Wegzeichen Blauer Ring ist im Gebiete des Zweigvereins von Mün­zenberg über Arnsburg bis Licy erneuert worden. Auch tte weniger begangene Strecke von Lich bis Nonnemoth wikd noch in diesem Monat neu be­zeichnet. Die Mitgliederzahl des Zweigvereins ist auf 105 gewachsen.

* Weickartshain, 12.Juni. Am gestrigen Sonntag fand in dem festlich geschmückten Saale von Gastwirt Bräuning eine G e m e i n s ch a f t s - feier der Holzhauer und Kulturarbeiterinnen der Reviersörsterei Weickartshain, Forst- amt Laubach, statt. Mit kurzen Worten begrüßte der Betriebsleiter, Forstmeister Zimmer (Laubach), die Arbettskameroden und -kameradinnen und schloß mit einem dreifachen Sieg-Heil aus den Führer. Einige ftohe Stunden bei Gesang und Tanz blieb man in echter Kameradschaft beisammen.

# Allendorf (Lahn), 13. Juni. In diesen Tagen ist die hiesige Schafherde, die weit über 200 Mutterschafe, Hämmel und Lämmer zählt, ge­schoren worden. Die Wolle wurde an die Reichs- Wollverwertungs-Genossenschaft in Ulm geliefert. Der Gesamtwollanfall betrug 708 Kilogramm Der Ertrag der Wolle ist zufriedenstellend. Die hiesige Herde' ist im Wachsen begriffen.

Jahreshauptversammlung des Westerwaldvereins.

Lpd. Herbsrn, 13. Juni. In Herborn fand die diesjährige Jahreshauptversammlung des Gesamt --W esterwaldvereins statt, verbunden mit dem 25jährigen Jubiläum des

WüIgUlvieMMM-M

Roman von Konrad Trani

ckopgrlght by Carl Ouncker Verlag, Berlin W35

15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Wir? Du? Es paßt mir kein bißchen, zu beichten, daß wir zu zweit hier die Schönheit des abendlichen Flusses genossen haben", entgegnete Hilde.Glaubst du, ich lasse mich von Irmgard auslachen und von Mutter auszanken?"

Na gut, nehme ich die Sache auf mich", nickte Hans. Von fernher klangen die Schläge einer Turm­uhr...Was? Acht Uhr? Und um acht sollten wir bei Tisch sitzen!"

Hans und Hilde liefen, was sie konnten. Und wie ein Hase schlug Hans an der Straßenecke nächst dem Elternhaus einen Haken, um von der Gartenseite her aufzutauchen. Hilde strich rasch das Kleid zurecht und ging langsamer. Sie war noch immer außer Atem.

Na endlich!" seufzte erleichtert Frau Voigt, als das junge Mädchen ins Wohnzimmer trat.Wo warst du so lange?"

,Jch habe Tennis gespielt. Bitte vielmals um Entschuldigung, Tante... Uebrigens bin ich nicht die letzte. Wo ist Hans?"

Irmgard betrachtete die Schwester mit mißbilli­gend hochgezogenen Augenbrauen.Du hättest dich auch umziehen können", knurrte sie.Du siehst aus, als hättest du Indianer gespielt!"

Bitte tausendmal um Verzeihung, Mutter... Liebe Madeleine, seien Sie nicht böse!" Nun, da kam ja auch endlich der Sohn des Hauses. Sein Gesicht war hochrot, und er bemühte sich vergeblich, zu verbergen, daß er nach Atem rang.Ich war im Treibhaus und da vergeht die Zeit so blitz­schnell ..." Mit dieser Ausrede hoffte er, die Mut­ter, die eine leidenschaftliche Gärtnerin war, zu ver­söhnen.

Schon gut! Kommt zu Tisch!" bat die Hausfrau.

Madeleine trat auf Hilde zu und zupfte ein Weidenblatt aus den hellblonden Locken, und weil sie schon gerade dabei war, Ordnung zu machen, streifte sie ein zweites Weidenblatt vom Rockärmel des atemlosen Hans. Und Madeleine lächelte ihnen zu...

Sie saßen bei Tisch und ließen sich das Essen schmecken. Nicht einmal das riesige Roastbeef hatte unter der Verspätung gelitten. Und als der Haus­herr sein Glas mit Champagner hob undAuf viel Glück und treue Freundschaft!" anzustoßen auf» forderte, als die Gläser aneinanderklangen, da lach­ten viele frohe Augen. Und Hilde Turach und Hans Voigt wurden puterrot.

XI.

Vater Voigt hatte lange mit sich gekämpft und sich immer wieder gefragt, ob er tatsächlich nach Berlin fahren solle. Er hatte zwar dort gleichzeitig die Möglichkeit, ein paar geschäftliche Fragen zu erledigen, aber im innersten Herzen gestand er sich, daß diese Reise doch nur seiner Liebhaberei wegen nötig war. Ein befreundeter Händler hatte

ihm geschrieben, daß demnächst ein paar Zeichnun­gen auf den Markt kommen sollten, ein paar Zeich- nunaen, bei deren Beschreibung Vater Voigt das Wasser im Mund zusammenlief...

Es ist ein haarsträubender Leichtsinn", sagte eine innere Stimme. ,Lu bist mit der Besichtigung ja nicht zufrieden. Das eine oder andere Blatt wirst du bestimmt kaufen. Und wahrscheinlich sehr teuer kaufen..."

Stimmt, aber es schadet ja nichts. Du kannst es dir leisten, und es ist schließlich auch nur eine Art von Kapitalsanlage wie jede andere. Bloß daß sie dich freut die restlichen Lebensjahre und nachher kann Hans damit noch verdienen. Richtig betrachtet ist es deine Pflicht und Schuldigkeit als Familien­vater, dir die Zeichnungen genau anzusehen", lockte der Verführer.

Als Peter Jlke wieder auf freiem Fuß war, entschloß sich Herr Voigt rasch zu der Reise. Er hätte den Freund nicht im Stich gelassen, nur um seiner Sammlerleidenschaft zu fröhnen. Aber nun mar ja alles wieder in schönster Ordnung, Geschäft und Privatleben. Die schäbigen drei Tage konnte er sich ruhig gönnen.

Peter und Hans ließen ihn nur ungern aus den Augen. Aber wer konnte Jagen, ob er in dem ver­schlafenen Neukirchen weniger gefährdet war als in Berlin? Und schließlich konnte man einen rüstigen Mann doch nicht in seinem Haus einsperren, weil der Verdacht bestand, daß es böse Menschen auf ihn abgesehen hatten?!

Seien Sie vorsichtig!" bat Peter, der ihn ge­meinsam mit Hans zur Bahn brachte.

Paß auf, Vater, daß du uns heil wieder- kommst!" beschwor ihn der Sohn.

Der alte Voigt mußte mit der Bahn fahren, die Autoreise war ihm nicht bewilligt worden.

In seinem Abteil saßen zwei alte Damen, die während der ganzen Fahrt nur übsr Kochrezepte redeten. Die waren bestimmt nicht gefährlich! Kein verdächtig aussehendes Individuum drängte sich an ihn heran. Ein Taxi lieferte ihn prompt im Hotel Esplanade ab, wo er fein gewohntes Zimmer bekam.

Als Voigt den Laden des Händlers betrat, freute er sich, einem bekannten Gesicht zu begegnen. Der alte Rutby aus London war auch nach Berlin ge­kommen! Es war eine reine, ungetrübte Freude; denn Rutby ging hauptsächlich auf Italiener los, während Voigt sich diesmal für zwei Blätter deut­scher Meister interessierte. Sie würden sich also nicht in die Quere kommen.

Sie müssen mir noch genau die Geschichte des geraubten del Sarto erzählen!" sagte Voigt, der davon nur das Wenige wußte, was die deutschen Zeitungen darüber berichtet hatten.Hat man eine Spur gefunden?"

Spuren? Dutzende! Aber weder den Täter noch die Zeichnung", knurrte der alte Herr erbittert.

Elfhundert Pfund ist eine Menge Geld", sagte nachdenklich der alte Voigt.

Die ließen sich noch verschmerzen, aber der del Sarto ist futsch!"

Wen verdächtigt die Polizei?" erkundigte sich Voigt und stellte für sich fest, daß er sich seit einem halben Jahre mehr mit kriminalistischen

Problemen befassen mußte als in seinem ganzen bisherigen Leben überhaupt.

,Lwei Händler in London, die recht skrupellos sind, einen Sammler, der» noch skrupelloser lst . . . und meinen Nachbarn bei der Auktion!" brummte Rutby. Dann wurde er gesprächiger.Das war ein merkwürdiger Junge, Voigt. Von einer Lizitations­technik keine Ahnung. Ein netter, blonder Bengel. Keiner von uns hat ihn jemals gesehen. Er ist übrigens ein Landsmann von Ihnen, das hat man seinem schauerlichen Englisch angemerkt. Und die Polizei hat es mir bestätigt. Er hat auch auf den Sarto mitgeboten, ist aber bei sechshundertfünfzig abgesprungen. Am Morgen nach der Auktion ist er abgereift, und bis die Polizei seine Spur fand, war er längst über alle Berge. Er dürfte ein Ver­wandter des alten Otto von Dilden sein, Gottfried heißt er. Unsere Behörden haben sich mit den hiesigen in Verbindung gesetzt. Sie möchten gerne mehr über ihn wissen ..."

Einiges hätte Herr Voigt ihm erzählen können, aber er schwieg. Gottfried war ein Freund seines Sohnes, dem Ansehen nach ein netter Junge. Aber was hatte der in London zu tun gehabt? Und Jlke war noch immer nicht zu überzeugen, daß Gottfried mit dem Autounfall nichts zu tun hatte. Jetzt war er wieder in der Nähe gewesen, als ein Raubüberfall gelungen war. Sehr merkwürdig! Voigt konnte ein leises Unbehagen nicht unter­drücken.

Nachdem er feine geschäftlichen Besprechungen erledigt hatte, er mit Rutby zu Mittag. Dann begaben sie sich einträchtig ins Kronprinzen-Palais, um die dortige Sammlung zu studieren. Ihr Genuß wurde durch 'die feste Ueberzeugung, daß hier nichts, nicht ein einziges Blatt, verkäuflich war, nur in geringem Maße geschmälert.

Sie rissen sich von all den Herrlichkeiten erst los, als ein Museumsdiener darauf aufmerksam machte, daß Sperrstunde sei.

Ich möchte noch zu Heinrich Nase", sagte Voigt, als sie in ein Taxi stiegen.Der hat manchmal recht hübsche Sachen. Kommen Sie mit, Rutby?"

Sehr gerne", nickte Rutby.Nase versteht riel von Italienern "

Das letzte Stück des Weges legten sie zu Fuß zurück. Voigt wußte aus Erfahrung, daß ein Auto in der armen alten Gaffe sämtliche Straßenjungen in Aufregung versetzte. Sie schlenderten friedlich plaudernd die Häuserzeile entang, vorbei an der Sargtischlerei des Matthias Holle. Dann standen sie vor dem Laden. Voigt drückte auf die Klinke. Sie gab nicht nach.

Der Laden ist versperrt", sagte er.Sonderbar! Das ist mir noch nie vorgekommen, daß Nase in den Geschäftsstunden nicht anzutreffen ist..."

Sie versuchten noch einmal ihr Glück, und Rutby schlug mit dem Knauf feines Stockes laut gegen die Glastür.- Nichts regte sich.

Warten wir ein Weilchen", riet Voigt.Er kann nicht weit fein. Landpartien macht der arme Kerl ja keine. Da drüben ist eine Konditorei. Wir können inzwischen eine Tasse Kaffee trinken. Und den Laden behalten wir im Auge."

_ Die Herren gingen die wenigen Schritte zurück, überquerten die Gasse und nahmen in der muffigen

dunklen Stube Platz. Es roch nach Feigenkaffee und Vanille.

Sie sprachen nur über Zeichnungen. Hie und da warf einer einen Blick quer über die Gasse auf Heinrich Nases kleinen Laden. Plötzlich fuhr Rutby hoch.

Das ist er! Da geht er!" rief er und wies erregt auf einen jungen Mann in einem lichten Flanell- anzua. Voigt machte große Augen. Auf der anbereit Straßenseite ging Gottfried von Dilden schnurgerade auf Nases Geschäft zu, drückte die Klinke nieder und die Tür öffnete sich. Er trat ein.

Was soll ich tun?" fragte Rutby den Nachbarn.

Es hat keinen Sinn, die Polizei zu alarmieren", meinte .zögernd Voigt.Wenn sie seinen Namen haben, so werden sie ihn wohl zu finden wissen..." (Ab nächste Woche in Neukirchen, wie Hans dir mit» geteilt hat, dachte er.)

Wie ist er nur hineingekommen?" überlegte Rutby.Ich habe niemand entdecken können, der die Tür inzwischen aufgefperrt hätte."

Warten mir!" schlug Voigt vor.

Es war ein schweigsames Warten. Jeder bet beiden Herren hatte viel zu denken und zu über­legen.

Wenn er meinen del Sarto hat und nicht her­gibt, drehe ich ihm höchstpersönlich den Kragen um!" drohte Rutby.

Der junge Dilden blieb bemerkenswert lange in dem Laden. Wenn sie nur hineinsehen könnten!

Gottfried von Dilden stand vor Zwerg Nase. 6t hatte die feste Absicht, besonders höflich zu fein, aber bereits nach zwei Sätzen spürte er, daß sein Ton gereizter wurde. Dabei war der Zwerg höflich und entgegenkommend und spielte keineswegs auf Vergangenes an ...

Ich muß Sie sehr bitten, mir die Adresse meines Onkels zu geben", sing er an.

Brauchen Sie schon wieder Geld?" fiel Herr Nase ein.

Nein, danke! Aus familiären Gründen brauche ich sie." Der graue Schnurrbart seines Gegenübers zuckte. Lachte ihn der Kerl etwa noch obendrein aus? Meine Mutter rft im Besitze eines uralten Hauses in Thüringen, zu dem ein Stück Wald gehört. Wir können dort nicht wohnen, weil d« Bude in einem erbärmlichen Zustand ist. So viel Geld haben wir nicht, sie reparieren zu lassen und für Sommer* sejours zu verwenden. Jetzt hat sich ein Amerikaner gefunden, der eine Vorliebe dafür entdeckte und offenbar das nötige Kleingeld hat..."

Dann kann ich Ihrer Frau Mutter nur raten, den Besitz zu verkaufen", sagte der Zwerg gelassen.

Das will sie ja. Vorläufig kann sie nur nicht. Auf dem Gut liegt ein Servitut zugunsten des Bruders, meines Onkels Otto also. Er muß es im Grundbuch löschen lassen. Und da.zu brauche ich ihn. Oder genügt Ihre Pollmacht, um die Sache in seinem Namen durchzuführen? Er hat bestimmt nichts dagegen. Onkel Otto hat das Haus niemals betreten."

Um Aenderungen im Grundbuch durchzuführen, braucht man ganz andere Vollmachten", sagte Nase und lehnte ab. Er dachte eine Weile nach.Hat Ihr Onkel, als er Ihnen schrieb, nicht einen Ab­sender angegeben?" (Fortsetzung folgt)