Zweites Reichsleiflungsschreiben auf der Schreibmaschine.
NSG. Wieder wendet sich die Deutsche Arbeitsfront an die Schaffenden mit dem Aufruf zur Teilnahme am Reichsleistungsschreiben. Im Gau Hessen- Nassau wird dieser Leistungswettbewerb auf der Schreibmaschine unter Mitwirkung der Deutschen Stenografenschaft am Sonntag, 14. Mai, überbetrieblich durchgeführt. Alle Volksgenossen und Volksgenossinnen können sich an ihm beteiligen. Für Betriebe, die geschlossene Gruppen von mindestens 15 Teilnehmern stellen, kann der Wettbewerb in betriebseigenen Räumen durchgeführt werden, und zwar in den Tagen vom 11. bis 13. Mai. Die Beteiligung ist kostenlos. Jeder Teilnehmer muß einen besonderen Anmeldezettel ausfüllen.
In dem Wettbewerb werden formgerechtes Darstellen eines Briefes nach einem Drucktext und Abschreiben eines Drucsszettels (Dauer 10 Minuten) gefordert.
An alle Arbeitskameraden und Arbeitskameradinnen in den schreibenden Berufen ergeht die Aufforderung, ihren Leistungswillen und ihre Leistungs- bereitschaft unter Beweis zu stellen und sich zu diesem großen Wettbewerb auf der Schreibmaschine rechtzeitig anzumelden. Für jede brauchbare Arbeit wird eine Leistungsbescheinigung ausgestellt; außerdem sind für die besten Leistungen wertvolle Gau- und Reichspreise ausgesetzt.
Srundlehre
für Buchdrucker und Schriftsetzer.
NSG. In jahrelanger Zusammenarbeit mit führenden Männern der Wirtschaft und anerkannten Fachleuten wurde im Gau Hessen-Nassau eine Grundlehre für Schriftsetzer und Buchdrucker erarbeitet. In dieser Grundlehre wird der künftige Lehrling in einem 4- bis 5wöchigen Unterricht in seinem Beruf eingeführt. Während er früher gänzlich unvorbereitet und ohne sein späteres Arbeitsfeld zu übersetzen, oder auch nur zu kennen von der Schulbank in den Betrieb gestellt wurde, wird ihm durch diese Grundlehre ein vollständiges Berufsbild vermittelt.
Die Verkürzung der Lehrzeit und der sich immer stärker auch in diesem Beruf bemerkbar machende Nachwuchsmangel sind der Anlaß gewesen, neue Mittel und Wege zu finden. Durch die Grundlehre wird im graphischen Gewerbe der künftige Nachwuchs sichergestellt, und es greift eine Nachwuchserziehung Platz, die sowohl unserer Weltanschauung, als auch den Interessen der gesamten Wirtschaft und den rein gewerblichen Anforderungen entspricht. Die methodischen und pädagogischen Erfahrungen der Deutschen Arbeitsfront auf dem Gebiete der Grundlehre in den Berufen anderer Industriezweige bilden das Fundament. Die Grundlehren wird in den Städten: Frankfurt a.M., Mainz, Darmstadt und Gießen vom 17. April ob durchgeführt.
Bekämpft rechtzeitig Stiegen undMücken
Lpd. Wie lästig und gefährlich Mücken und Fliegen werden können, wenn sie im Sommer in Schwärmen austreten, die Menschen peinigen und die Keime von Infektionskrankheiten auf Mensch, Vieh und Lebensmittel übertragen, weiß jeder. Darum ist es jetzt die höchste Zeit, auf die Bekämpfung dieser Insekten bedacht zu sein. Gerade bei dem gegenwärtigen milden Wetter müssen alle Wassertümpel und jauchenden Gewässer, die meist die Brutstätten der Mücken darstellen, zugeschüttet werden. Uncherliegendes, zerbrochenes Geschirr, Eimer, Konservenbüchsen, Scherben und sonstiges Gerümpel, in dem sich Regenwasser ansammeln kann, muß sofort beseitigt werden, auch sind in Gärten aufgestellte Wassertonnen entsprechend abzudecken. Don dem Abflämmen der Kellerräume und Stallgebäude, wie dies früher gehandhabt wurde, ist man vielfach abgekommen, weil diese Methode vielfach zu Unzuträglichkeiten und Schäden geführt hat; statt dessen bedient man sich mehr des weit bequemeren Zerstäubens von Insektenpulver, oder flüssiger Vertilgungsstoffe. Der Kampf gegen die Plagegeister des Sommers muß sich aber ebenso sehr auf die Fliegen erstrecken, deren massenhaftes Auftreten im Sommer namentlich auf dem Lande, wo allenthalben Viehställe das Geschmeiß gerne anziehen, recht unangenehm werden kann
ML-Schützen zum ersten Male in der Schule.
Am gestrigen Donnerstag war für viele Buben und Mädels zum ersten Male die Stunde gekommen, da sie die Schule, ihre treue Begleiterin während einer langen Reihe von Jahren aufsuchten. Der gestrige Besuch galt der Aufnahme in die Schule.
In der Schillerschule gab es gestern ein anderes Bild, als in den Jahren seither, da hier zum ersten Male auch Buben ausgenommen wurden. Der Schulleiter, Rektor Stroh, nahm zunächst die Verteilung der Abc-Schützen vor und richtete dann, nach herzlichen Begrüßungsworten an die Kinder und die Mütter, an die Eltern die Ermahnung, das Kind, das nunmehr zur Miterziehung der Schule übergeben worden sei, immer ernst zu nehmen, weil auch das Kind es mit seiner Aufgabe ernst nehme. Ferner betonte er, wie wichtig es sei, daß zwischen dem Elternhaus und der Schule stets ein rückhaltloses, offenes Vertrauensverhältnis bestehe, damit beide eine Schulgemeinschaft im Interesse des Kindes seien und dieses auf der Grundlage des gegenseitigen Vertrauens erzogen werden könne. Am Schluß seiner Ansprache nahm er die für die Schillerschule zugewiesenen Kinder in die Schulgemeinschaft auf, worauf sich die Kleinen mit ihren Lehrern in die Klassenzimmer begaben. In die Schillerschule wurden insgesamt 48 Jungen und 94 Mädels eingeschult.
In der Goetheschule nahm die Aufnahme der Abcschützen einen ähnlichen Verlauf. Hier erlebten die Kleinen in der Turnhalle zum ersten Male die Freude, daß sie, getrennt von ihren Müttern, aus richtigen Schulbänken Platz nehmen konnten, wäh
rend sich die Miitter der Kleinen hinter der langen Reihe von Bänken aufstellten. Schulleiter K r a u s ch richtete an die Buben und Mädels herzliche Worte der Begrüßung und nahm die Kinder in die Schulgemeinschaft der Goetheschule auf. Sodann bat er die Eltern, den Lehrkräften stets volles Vertrauen entgeaenzubringen in der Gewißheit, daß die Lehrer und Lehrerinnen immer alles tun werden, um den Kindern rechte Lehrer und Führer zu fein. Anschließend erfreute die Mädchenklasse des vierten Schuljahres unter Leitung der Lehrerin Frau S ch e p p die neuen Kameraden und Kameradinnen und deren Mütter durch eine Reihe netter Darbietungen. Die Kinder dieser Klasse brachten reizende Gedichtchen der verschiedensten Art zum Vortrag, denen dann das von der Klasse gemeinsam gesungene Liedchen „Ich bin ein Musikante und komm aus Schwabenlande" mit entsprechender Mimik der kleinen Sängerinnen folgte. Mit einem weiteren netten Gedichtvortrag schloß diese schöne Bereicherung der Feierstunde ab. Danach wurden die Abcschützen, die dem ganzen Verlauf der Feier mit größter Aufmerksamkeit gefolgt waren, von ihren Lehrern und Lehrerinnen zum ersten Male in die Unterrichtszimmer geführt, um sich hier zunächst einmal umzuschauen. Dann war für sie der erste Schultag beendet. Am heutigen. Freitag beginnt der Unterricht, zunächst mit einer Stunde, seine erste Geltung zu erlangen. In die Goetheschule wurden etwa 90 Buben und etwa 60 Mädels ausgenommen.
Die Feier der Schulaufnahme rn der Neuen Pestalozzischule findet am heutigen. Freitagvormittag statt.
Marktumschau für die Hausfrau.
Der in der letzten Zeit oft an unsere Hausfrauen gerichtete Appell, Seefischen eine Vorzugsstellung im täglichen Speisezettel einzuräumen, ist nicht ungehört verhallt. Im Februar 1939 ist der Verbrauch um mehr als ein Drittel gegenüber dem Vorjahresumfang gestiegen. Aber auch die Anlandungen unserer modernen Fischerei flotte haben so zugenommen, daß sie auch noch bei weiterem Anwachsen der Nachfrage hätten ausreichen können. Da in den nächsten Monaten der Fang fortgesetzt wird, werden alle Märkte entsprechend reichlich mit Seefischen bester Qualität, insbesondere mit Rotbarsch und Kabeljau, versorgt werden. Nun sollten also die Hausfrauen mit ihrem bisher geübten Grundsatz, nach Ostern den Fischverbrauch wieder einzustellen, mit Fug und Recht brechen. Seefische sind gerade im Sommer besonders fettreich und schmackhaft. Die Ordnung des Fischmarktes sorgt für gleichbleibende Preise und trägt durch den vollzogenen Ausbau des raschen Kühltransportes für eine gute und gleichbleibende Qualität Sorge.
Durch Verwendung von Seefischen leistet die Hausfrau auch einen volkswirtschaftlichen Dienst, indem dadurch eine Verminderung unseres Fleischverbrauchs erreicht wird. Mit dem bisher im Sommer so sehr geschätzten Kalbfleisch sollten wir sparsam umgehen, weil unser Rinderbestand nach den
Pionierarbeit der
Ein »Otto Wagner-Sedächtnispreis^.
Die Jahresmitgliederversammlung der Z ü ch t e r- vereinigungen für Fleckvieh und Rotvieh in Oberhessen unter Leitung der Vorsitzenden, Bürgermeister Stroh (Bauerschwend), und Bauer Fischer (Hof-Zwiefalten), die am gestrigen Donnerstagnachmittag in Gießen im Saalbau, Liebigstraße, stattfand, führte eine sehr große Anzahl oberhessischer Züchter nach Gießen.
Ollo-Wagner-Gedächtnispreis.
Eingangs der Tagung konnte Tierzuchtdirektor, Landwirtschaftsrat Dr. Wagner die mit großer Freude aufgenommene Mitteilung machen, daß mit
Verheerungen der Maul- und Klauenseuche und den Einbußen infolge des Pflegermangels wieder auf- gefüUt werden muß. Schweine aber werden erfahrungsgemäß im Sommer stets weniger angeliefert.
Die Hausfrau tut also gut, wenn sie bei der Zusammenstellung ihres Speisezettels immer auch ein wenig an die Volkswirtschaft denkt. Dann wird sie sich auch mit der derzeitigen knapperen Der- forgungslage bei Obst und Gemüse abfinden. Allerdings ist hier schon in kurzem mit einer wesentlichen Besserung zu rechnen, wenn noch im Laufe dieses Monats Frühgemüse aller Art, wie Spargel, Rhabarber usw., herankommen. Die nahe Pfalz wird bald wieder Spinat in das Rhein- Main-Gebiet bringen. Die Zwiebelversorgung hat sich bereits gebessert, nachdem die Kühlhausvorräte vorzeittger ausgelagert werden konnten, weil die günftige Zwiebelernte in Aegypten zu finkenden Preisen und entsprechend erhöhter Einfuhr führt. Wenn auch die Anlieferungen von Obst in diesem Winter recht gering erscheinen und auch in den nächsten Wochen mit Ausnahme von Rhabarber so bleiben werden, so ist doch der Verbrauch von Zucker, der aus eigener Erzeugung unbeschränkt geliefert wird, beachtlich gesttegen. Der Wert des Zuckers als Nahrungsmittel wird also immer mehr von unseren Hausfrauen erkannt.
Rindviehzüchter.
— 4 Prozent Fettleiftung nächstes Ziel.
Zustimmung des Landesbauernführers durch die Fleckoieh-Züchteroereinigung für Oberhessen in dankbarer Anerkennung der jahrzehntelangen, erfolgreichen Förderung dieser Zucht durch den verstorbenen Tierzuchtdirektor, Oberlandwirtschaftsrat Dr. Otto Wagner (Gießen), ein „Otto-Wag- ner-Gedächtnispreis" geschaffen wurde,mit dem verdiente Fleckviehzüchter ausgezeichnet werden. Zum erstenmal wurde dieser Gedächtnispreis in Anerkennung jahrzehntelanger Tätigkeit für die Fleckviehzucht Wilhelm Euler in Maar zuerkannt, der gleichzeitig zum Ehrenmitglied der Der- einigung ernannt wurde.
Der Jahresbericht.
Anschließend erstattete Landwirtschaftsrat Dr. Wagner den Geschäftsbericht für beide Bereinigungen, aus dem u. a. hervorging, daß die Mit- gliederzahl der Fleckoiehzüchter mit 975 stabil geblieben, während die der Rotviehzüchter um 58 auf 240 angestiegen ist. Beim Fleckvieh betrug die Zahl der eingetragenen Bullen 217 (1937: 22), der Herdbuchtiere 2216 (2223) und der Vorführkühe 425 (431). Beim Rotvieh betrug die Zahl der Bullen 53, der Herdbuchtiere 409 und der Vorführkühe 92. Für die Anschaffung von Fleckviehbullen wurden mehr als 10 000 Mark für Preise, bei den Schauen 16 000 Mark und für die Jungviehweiden rund 4880 Mark aufgewandt. Für die Anschaffung von Rotviehbullen wurden 1500 Mark, für Preise rund 870 Mark und für die Jungviehweide 275 Mark aus- gegeben.
Zum ersten Male konnten 70 Rinder des Fleck- und 17 des Rotviehs für das Rinderleistungsbuch angemeldet werden, die neben der Milch- und Fett- leiftung auch hinsichtlich der Kälberzahl auf der Höhe find. Die Stallschauen haben bewiesen, daß
tu neue
reinrassige Zuchten nur sehr wenig vorhanden sind. Die wichtigste Förderung ist die Einrichtung dej* Elitebullenstatton, von denen 25 für das Fleck- und 9 für das Rotvieh errichtet wurden. Es ist geplant, im Herbst eine große Einfuhr von Tieren aus Niederbayern vorzunehmen. Die Jungoiehweiden haben leider nicht die gewünschte Beschickung erfahren. Die Züchter werden durch geeignete Maßnahmen zum Auftrieb ihres Zuchtviehs veranlaßt werden. Der Milchleistungsprüfung ist größere Aufmerksamkeit zu schenken. Im laufenden Jahre ift mit dem normalen Ablauf der Tierschauen zu rechnen. Außer der Versteigerung von Eliterotviehbullen am 21. April und von Fleckvieh und Zuchtebern am 5. Mai in Gießen find Schauen u. a. am 30. Mai in Lich, am 6. Juli in Alsfeld, am 10. Juli in Schlitz und am 18. Oktober eine Bezirkspferde- schau in Büdingen in Aussicht genommen.
Zur Erhöhung der Leistungen werden ab 1. April 1939 nur solche Tiere in das Herdbuch ausgenommen, die eine Mindestleistung von 3,6 v. H. Fett nachweifen können, und weiterhin werden die Züchter schon jetzt darauf auf merksam gemacht, nicht nur genügend leistungsfähige Bullen, sondern auch mehr Mutterzuchttiere als bisher aufzuziehen.
„Stall, Gesundheit und Leistung."
Der Direktor des Deterinärhygienischen und Tierseucheninstituts, Professor Dr. Beller, hielt dann einen Vortrag über das Thema „Stall, Gesundheit und Leistung . Er ging von dem Erlaß des Reichsbauern führe rs zur Umsiedelung unserer Dörfer aus und wies in einer Betrachtung der Entwicklung des Tierbestandes im Altreich in den letzten hundert Jahren nach, daß der Tierbestand nicht nur bedeutend angewachsen, die Tierseuchengefahren fast vollständig beseitigt, das Körpergewicht der Tiere vervielfacht wurde, sondern daß auch der Fleischverzehr seit 1825 um das Sechsfache gesttegen ist und anderseits eine Vergrößerung und Erneuerung der Viehställe nicht vorgenommen wurde. Der Bauer hat in vielen Fällen noch denselben Stall, trotz veränderter Verhältnisse, den fein Großvater schon gehabt hat. Die Folge ift ein ganz bedeutender Abgang an Kälbern, der mit 1 960 000 errechnet wurde und normalerweise 780 000 betragen dürfte. Das Durchschnittsalter der Tiere ist von 12 auf 6 Jahre gesunken. Die Tiere find anfälliger gegenüber der Tuberkulose. Der gesamte Schaden, der auf diese Weise der Volkswirtschaft entsteht, beträgt rund 450 Millionen Mark. Hier soll die Umsiedlung der Dörfer einsetzen, die langsam vorbereitet wird und die dem KUhstall wieder die Bedeutung schaffen soll, die ihm, der das Gestcht der Dörfer prägt, zu- kommt. Durch die Abänderung der Verhältnisse soll der deutsche Bauer wieder zum Kulturträger wer-
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
2 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Die andere war sehr blaß geworden. „Das rft ja entwürdigend", sagte sie leise, und ihre Art war ein solcher Gegensatz zu der ihrer Leidensgefährtin, daß Holk, der fast unbemerkt wieder eingetreten und als rein sachlicher Zuschauer im Hintergrund geblieben war, sie nunmehr etwas genauer in Augenschein nahm. Sie gefiel ihm eigentlich recht gut, schade, wenn sie die Gesuchte wäre, dachte er unwillkürlich.
Böninger konnte weder auf den lauten noch auf den leisen Protest Rücksicht nehmen. Er wgr nun schon so weit gegangen, daß er Klarheit haben mußte, selbst auf die Gefahr hin, eine Riesenblamage zu erleben. Er tauschte einen kurzen Blick mit dem Kollegen, und auf dessen zustimmendes Nicken erklärte er kurz: „Daß wir die Kriminalpolizei sind, dürften Sie inzwischen wohl gemerkt haben, im übrigen tun wir nur unsere Pflicht. Bitte, Frau Schmidt!"
Die Dame in Schwarz hatte beim Aufspringen die beiden Blumensträuße ihrer Reisegefährttn auf ein kleines Tischchen gelegt, das halb rückwärts zwischen ihr und der anderen Frau stand. Sie hielt nur noch ihre Handtasche in der Hand. Diese Tasche ergriff jetzt Frau Schmidt mit einem höflichen aber entschiedenen „Gestatten Sie" und begann sie mit geübten Griffen zu durchsuchen. Böninger sah ihr zu, und» auch Weber trat interessiert näher, als etwas Merkwürdiges geschah, was aber nur von Holk bemerkt wurde der immer noch ziemlich unbeachtet in der Nähe der Tür stand. Die blonde Sängerin griff wie spielend nach dem großen Nelkenstrauß, machte sich ein paar Sekunden daran zu schaffen und warf ihn dann so ungeschickt vom Tisch, daß er dem herantretenden Weber buchstäblich vor die Füße fiel. „Oh", sagte er und bückte sich unwillkürlich, um die schönen Blumen nicht zu zertreten. Er griff danach und zuckte zurück, als ob er sich gestochen hätte. Dann faßte er mit beiden Händen hastig zu, riß den Sttauß auseinander, ohne Rücksicht auf feine Schönheit zu nehmen, und hielt mit einem Ausdruck des Triumphes die inneren Stiele in der Hand. Diese Stiele steckten in sehr kostbarer Hülle, in fünf wundewollen Platinringen.
„Wollen Sie nun die Komödie nicht beenden, holde Anita?" sagte er spöttisch zu der Dame in Schwarz. „Sie spielen Ihre Rolle mal wieder ausgezeichnet; man hätte Ihnen die vornehme Frau tafiächlich glauben können."
Dina Wegner sah ihn entsetzt an. Sie war weiß bis in die Lippen. „Sie glauben doch nicht, daß ich, daß ich —" stammelte sie.
„Ich glaube, was ich sehe", sagte Weber falt. „Und ich sehe hier fünf der gestohlenen Ringe in ihren Blumen."
„Das sind nicht meine Blumen", Dinas Stimme war völttg tonlos.
„Ach nein, wessen denn?" fragte er ironisch. „Auch vom großen Unbekannten?"
Dina schaute die Sängerin an, die mit einem lauernden Ausdruck in den Augen zu ihr blickte und begriff das infame Spiel, das ihre Reisegefährttn mit ihr getrieben hatte. „Die Blumen gehören der Dame dort. Sie hat mich gebeten, sie zu nehmen, weil sie selbst so viel zu tragen hätte", erklärte sie entschieden.
Nun aber brach Daisy Davis los. Eine solche Frechheit sei ihr noch nicht vorgekommen! Wollte solch eine abgefeimte Diebin einfach, wenn sie entdeckt war, die Schuld andern aufhalsen? Einwandfreien, anständigen Frauen? Sie sei eine Künstlerin, die es nicht nötig habe, sich mit solchen Sachen zu befassen, dagegen die andere — so eine geschiedene Frau, da guckte ja keiner hinter —. So ging es eine ganze Weile, bis es selbst Weber zuviel wurde. „Stop", sagte er energisch. „Jetzt lasjen Sie mich auch mal wieder reden."
Daisy Davis schwieg, nicht ohne flammende Blicke der Empörung auf die Nachbarin zu schleudern.
„Frau Wegner", sagte der Kommissar nun völlig sachlich. ,Lch selbst habe Sie mit den Blumen im Arm aussteigen sehen, einsteigen allerdings sah ich Sie beide nicht. Können Sie beweisen, daß die Blumen nicht Ihnen gehören?"
„Ich habe keinen Menschen auf der Welt, der mir solche Blumen schenken würde", sagte Dina einfach. Es war eine etwas kindliche Art der Beweisführung, aber sie war dermaßen aufrichtig ausgesprochen, daß die erfahrenen Männer dadurch mehr beeinflußt wurden, als durch wortreiche Erklärungen.
Daisy Davis fühlte die Gefahr und versuchte, ihr zu begegnen. „Hach, jetzt spielt sie die gemütvolle Tour, das zieht ja immer", lachte sie höhnisch auf, erreichte aber das Gegenteil von dem, was sie wollte. War Weber im ersten Augenblick geneigt, Dina für die Schuldige zu halten, so machte ihn nun die ordinäre Art der (Sängerin stutzig. Sie
wirkte jetzt sehr wenig damenhaft, während die andere trotz ihrer Auflegung dieselbe beherrschte Haltung zeigte, die ihm schon während des Fluges an ihr gefallen hatte; er hatte sie von feinem Platz aus ziemlich genau beobachten können, weit besser als die Davis, die direkt hinter ihm gesessen.
Natürlich war es fein Beweis, eine Verbrecherin, die in ihrem Fache etwas leisten wollte, mußte in erster Linie lernen, Haltung zu- bewahren. Aber dennoch — er wurde unsicher, und seinem Kollegen aus Guttstadt ging es ebenso. Da griff Holk ein.
„Ich habe beobachtet, daß diese Dame", er wies auf Daisy, „sich an den Blumen zu schaffen machte und sie dann fo ungeschickt hinunterwarf, daß sie Ihnen zu Fußen fallen mußten", sagte er, ungeachtet der wütenden Blicke, die ihn trafen, zu Weber. „Vielleicht wollte die Dame, daß Sie die Ringe im Strauß finden."
„Nach dem Grundsatz: Haltet den Dieb? Dann bleibt doch nur die genaue Untersuchung der beiden Damen. Es find neun Ringe gestohlen morden, fünf find hier, vielleicht finden die fehlenden sich noch. Wohin führt diese Tür?"
„In die Flugleitung", gab Holk Auskunft.
„So". Weber sprach leise einige Worte zu ihm, die mit zustimmendem Nicken beantwortet würben.
Auch Böninger schien einverstanden zu fein und wandte sich an die Beamtin. „Wir werden uns ins Nebenzimmer zurückziehen, damit Sie gleich hier untersuchen können. Welche der beiden Damen kommt zuerst dran?"
Frau Schmidt hatte sich, bis auf die beginnende Untersuchung von Dinas Handtasche, die durch den Blumenstrauß so dramatisch unterbrochen wurde, bescheiden im Hintergrund gehalten. Aber sie hatte scharf beobachtet. Sie machte Böninger ein Zeichen, er verstand. *
Ein wenig später, als die peinliche Szene zuungunsten von Daisy Davis endlich beendet war, saß Dina, noch immer ein wenig verstört und angegriffen, Herrn Dr. Stoecklin gegenüber, der sie mit wohltuender Freundlichkeit empfangen hatte.
„Ich weiß nicht recht —", sagte sie schüchtern.
„Was Sie eigentlich mit dieser Testamentsgeschichte zu tun haben?" setzte Dr. Stoecklin ihren Satz fort, als sie zögerte. „Sehr viel sogar, wie Sie gleich sehen werden. Ich erwarte nur noch den Vertreter der Familie Furrer, Herrn Furrer-Brohm, der ebenfalls bei der Eröffnung zugegen sein muß. Ich habe Sie absichtlich etwas früher gebeten, um vorher noch verschiedenes mit Ihnen zu besprechen. Kennen Sie die Familie Furrers" i
„Nein. Ich weiß wohl, daß meine Großmutter eine geborene Gundolf war und aus der Schweiz stammte — ich selbst habe sie nie gekannt — aber jonst ist mir Ihr Telegramm ein Rätsel. Aus Ihrem Schreiben, das ich zwei Tage später bekam, habe rch nur ersehen, daß es sich um eine Schwester meiner verstorbenen Großmutter handeln muß, von deren Existenz ich nicht die leiseste Ahnung hatte."
„Das dachte ich mir, und darum wollte ich Sie vorher etwas orientieren: Ihr Urgroßvater Gundolf war ein vermögender Mann' und hatte acht Kinder. Zwei starben früh, unter die übrigen sechs wurde das Vermögen aufgeteilt, und zwar in der Form, daß die vier im Ausland lebenden Erben, darunter auch ihre Großmutter, hauptsächlich Bar» vermögen erhielten, während die beiden in der Schweiz «gebliebenen die Liegenschaften übernahmen. Ihr Großonkel verkaufte später, Amölie Gundolf dagegen behielt ihren Besitz — teils in Zürich und teils hier in Luzern — und als diese beiden Städte sich in den letzten fünfzig Jahren entwickelten, wurde dieser Besitz sehr wertvoll — Ihre Großtante hatte noch zu Lebzeiten Ihres Vaters den Sohn einer angesehenen Genfer Familie geheiratet. Die Ehe würbe sehr unglücklich, denn der junge Mann war mehr als leichtsinnig, und vielleicht war es die beste Lösung, als er bereits nad) einem Jahr", er nickte, als Dina unwillkürlich eine Bewegung machte, „bei einem Duell getötet wurde. Ihre Großtante muß ihn über alles geliebt haben, denn erst viel später, mit dreißig Jahren, entschloß sie sich zu der Vermählung mit Herrn Furrer, einem älteren Witwer. Kinder gab es aus dieser Verbindung nicht, nur aus der ersten Ehe Furrers. Das Zusammenleben war gut. Ihre Großtante schien auch geschäftlich ihrem Mann eine Stütze zu sein; Glück kam dazu; als Furrer nach vierzigjähriger Ehe starb, war er ein sehr reicher Mann geworden. In seinem Testament dankte er seiner Frau für die treue Kameradschaft und bestimmte ausdrücklich, daß sie über den ihr zufallenden Teil des Furrer-Vermögens ebenso wie über chr mit- gebrachtes Gundolfsches Geld nach freiem Ermessen verfügen sollte! Die Kinder erster Ehe wurden großzügig abgefunden. Ihre Großtante überlebte ihn um siebzehn Jahre. Sie war eine Woche vor ihrem Tode siebenundachzig geworden. Nach ihrem Willen soll genau acht Tage nach tfjrem Tode ihr Testament eröffnet werben, und zwar in Ihrer und des ältesten Furrers Anwesenheit. Daher sandte ich gleich ein Telegramm, damit Sie die nötigen Vorbereitungen treffen konnten, und es hat ja #u- friedenstellend funktioniert."
(Fortsetzung folgt)


