Einzelbild herunterladen

Zunge deutsche Nation.

Jan, der Zlrkusdirektor.

(Line Pimpfengeschichte von 3 Schmidt.

Ms Jan acht Jahre alt war, wollte er Tierzüchter werden und ließ sich deshalb von seinem Vater ein Paar belgische Riesenkaninchen schenken, die sich je. doch im Lauf der beiden nächsten Jahre so schnell vermehrten, daß er zum Schluß nicht mehr wußte, woher er das Futter nehmen sollte, um die ewig hungrigen Mäuler dieser Riesenkaninchen zu stop, fen. Unj) so gab er also den Beruf wieder auf und wurde Kutscher. Zu diesem Zweck tauschte er die Kaninchen gegen einen jungen Ziegenbock ein, der ihn schon lunge interessiert hatte. Er legte ihm ein Geschirr an, svannte ihn vor einen alten Kinder­wagen und fuhr nun damit umher.

Doch vermochte ibn auch diese Tätigkeit auf die Dauer nicht zu befriedigen. Schon allein deshalb nicht, weil ihre Wirkung auf die Außenwelt ganz anders war, als er es erwartet hatte. Statt daß man ihn bejubelte und begrüßte, wenn er mit seinem Gespann erschien, wurde er überall nur ausgelacht von seinen Kameraden. Hinzu kam dann noch, daß auch Peter selbst, wie der Ziegenbock hieß, ein recht störrisches Benehmen hatte. Wenn er sich z. B. in Gang setzen sollte, tat er es gewöhnlich nicht. Kein ,J)ir und ,,.Y)o", keine Drohung und keine Schmei­chelei vermochte ihn zu bewegen, sich vom Fleck zu rühren. Aber wenn er es nicht sollte, dann galop­pierte er plötzlich los und dann noch zumeist in eine Richtung, in die Jan unter gar keiner Bedingung wollte. Als er ihn auf diese Weise eines Tages in eine Kiesgrube hinuntergefahren hatte, wobei nicht nur der Kinderwagen, sondern auch er selbst erheb­liche Beschädigungen erlitten hatte, gab Jan diese undankbare Tätigkeit aus Und tauschte Peter gegen einen Hund ein, einen Spitz namens Fritz.

Mit ihm war er für die Folgezeit sehr zufrieden. Denn Fritz zeigte sich sehr gelehrig. Innerhalb von vier Wochen konnte er nicht nur auf Hwel Beinen gehen, ein Rad schlagen und durch einen Reifen springen, sondern er ging furchtlos jeden an, der sich Jan in den Weg zu stellen wagte, so daß sich dessen Ansehen, das durch den Ziegenbock stark gelitten hatte, wieder schnell seinem früheren Stande näherte.

Natürlich mar es nach diesen ausgezeichneten Dres. surergebnifsen für Jan klar, daß nur noch e t n Be­ruf für ihn in Frage kam. Er mußte Zirkusdirektor werden. Da man damit, wie er verschiedentlich ge- hört hatte, sehr früh beginnen mußte, so gründete er in einer Sandgrube hinter seinem väterlichen Haus den ZirkusJan Sarottani". Zwar gefiel ihm der Name nicht sehr, aber seine ältere Schwester, die ihn für ihn ausgedacht hatte, behauptete, daß ein Zirkus so heißen müßte.

Die Hauptnummer des^Zirkuns Sarottani bildete natürlich der Hund Fritz. Allerdings stand er auf dem Programm nicht als Hund, sondern als Berber- löwe verzeichnet, den Direktor Jan Sarottani per­sönlich vorführte. Außerdem gab es noch einen Bären, ein dressiertes Kamel, einige Zwergponris, die von den belgischen Riesenkaninchen abstammten, die Jan einmal besessen hatte, und darüber hinaus noch einen Clown, einen Schlangenbeschwörer, einen Schwerttänzer und verschiedene andere Dinge. Im großen und ganzen konnte man also sagen, daß das Programm mehr als sensationell war und dem Zirkus Sarottani alle Ehre machte.

Die Gala-Eröfsnungsvorstelluna verlief denn auch über alles Erwarten gut. Der Zirkus war, soweit es die Sitzplätze betraf, die aus Feldsteinen rings um die Manege errichtet waren, bis auf den letz­ten Platz ausverkauft. Das Programm fand stür­mische Zustimmung. Manche der Zuschauer fielen sogar vor Lachen von ihren Plätzen, besonders als die Zwergponys erschienen und der als Kamel dres­sierte Ziegenbock Peter. Aber weitere Zwischenfälle blieben aus. Nur brach der Berberlöwe in einer Pause aus seinem Käfig und riß einem seiner Feinde, den er unter den^Zuschauern entdeckt hatte, ein Stück aus dem Hosenboden. Durch das mutige Da^wischentreten des Direktors konnte jedoch auch dieser Zwischenfall schnell behoben und eine allge­meine Panik verhütet werden. Der Löwe wurde eingefangen und wieder in seinen Käfig zurückge­bracht.

Das finanzielle Ergebnis dieser Eröffnungsvor­

stellung schließlich war mehr als ermutiaend. Ins­gesamt fanden sich 87 Pfennia in der Kasse und Jan rechnete aus, daß er auf diese Weise in Jahresfrist vielleicht schon ein Zelt anschaffen könnte. Aber er hatte leider die Rechnung ohne das Publikum ae° macht. Es stellte sich nämlich heraus, daß dieses Publikum sehr undankbar war. Nach der dritten Vorstellung äußerte es bereits seine Unzufriedenheit und wollle neue Sensationen sehen. Bei der vierten kam es dann schon zu offenen Revolten. Man warf Direktor Jan Sarottani vor, daß er ein Schwindler wäre, der mit gefälschten Löwen, Bären, Kamelen und Zwergponys das Publikum betrog. Die meisten wollten ihr Geld an der Kasse zurückhaben.Das Sibt es nicht", rief Jan jedoch und sammelte seine lrtisten um sich. Aber das betrogene Publikum

nahm nur noch eine feindseligere Haltung ein.

Ich lasse den Löwen los", schrie Jan deshalb. Ein allgemeines Gelächter war die Antwort. Zu­gleich rollte dem Löwen ein Stein vor die Füße.

Die Lage für den Zirkus Sarottani wurde kritisch. Berry, der stärkste Mann der Welt, der im Pro­gramm als Bärenbezwinger auftrat, begann deshalb seine Jacke auszuziehen und die Hemdsärmel aufzu- rollen. Zweifel is hätte er wieder Frieden gestif­tet unter dem Publikum. Aber in diesem Augenblick griff eine höhere Macht ein. Ein' bärtiger, finster ausgehender Mann, in dem Jan unschwer seinen Vater erkannfe, packte den Zirkusdirektor am Kra­gen und schleppte ihn fort.Du Bürschchen", rief er dabei,ich werde dir helfen, meinen Zylinderhut und meinen schwarzen Gehrock so zu mißbrauchen." Denn natürlich mußte doch ein Zirkusdirektor in Frack und Zylinder vor dem Publikum erscheinen. Aber Jan hatte es leider verabsäumt, den Besitzer dieser Dinge vorher um Erlaubnis zu fragen. Und so folgte denn nun die Strafe und die Blamage vor dem ganzen Publikum. Mit der Zirkusdirektoren­laufbahn war es aus.

Sin Globus ist kein Fußball!

Weltreisende ohne Fahrkarte.-Mit demHein Godenwind" durch den Suez-Kanal

Auf dem Heimabend ausgeschrieben von W. G.

Es gibt Jungen, die haben einen inneren Drang nach allem, was kugelrund ist. Sobald sie einen der­artigen Gegenstand erblicken, iuckt ihnen der reckte Fuß, und das Bein beginnt leise zu schlenkern. Daoei haben sie nur einen Gedanken: Tor!

In unserem Heim steht an hervorragender Stelle ein Globus. Es ist ein uraltes Ding, auf dessen bunter, glasierter Oberfläche längst schon neue Grenz­ziehungen yätten vorgenommen werden müssen. Bis fetzt ist auf diesem Gebiet noch nichts geschehen, weil mit Recht befürchtet wird, daß darunter sein An­sehen leiden würde. Trotzdem spielt er in unserem Leben eine bedeutsame Rolle, besonders im Winter, wenn er öfters von seinem Ehrenplatz heruntergeholt und auf den Tisch gesetzt wird.

Die jüngsten Pimpfe, die knapp ihre Pimpfenprobe bestanden haben, behandeln ihn mit einer gewissen Ehrsurchtslosigkelt. Das kann die Aelteren, die an dem Stück hangen, wie Tante Eulalia an ihrem schwarzsamtnen Kater Schnurz, schwer verbittern. Als neulich wieder einmal einer der Jüngsten beim Anblick des bewunderungswürdigen Stückes das Schlenkern ins rechte Bein bekam, prägte Jochen den klassischen Satz:Du Idiot, ein Globus ist doch kein Fußball!"

Die Vorzüge, die dieser Globus besitzt, bestehen unter anderem darin, daß man auf ihm Weltreisen unternehmen kann, ohne eine Fahrkarte oder eine Schiffskarte besitzen zu müssen. Allerdings hat er für phantasielose Pimpfe seine Nachteile.

Als der Globus feinen Einzug in das Heim hielt, ereignete sich folgendes: Wir befanden uns plötzlich in Hamburg auf demHein Godenwind", der schwimmenden Jugendherberge, und lehnten wohlig über der Reeling. Hierbei bekamen wir den ver­nünftigen Einfall, den Anker zu lichten und eine Rundfahrt durch die Welt zu unternehmen. Es spielte für uns absolut keine Rolle, daß der morsche Kahn wie gehässige Zungen von ihm redeten längst nicht mehr seetüchtig war. Wir lichteten also den Anker und heidi gmg's los! lieber Gibraltar und durch den Suez-Kanal schaukelte uns der Kasten ziemlich schnell an Aden vorüber nach Bombay und Singapur.

Einen Fehler hatten diese Weltreisen. Wir besaßen weder erfahrene Kapitäne noch eingedrillte Fremden­führer. Auf die Dauer wirkte das langweilig. Und daran wären die weiteren Fahrten um ein Haar gescheitert. Da kam es wie eine Erleuchtung auf uns herab, und seitdem zogen wir in unserer Freizeit auf gewisse Eroberungen aus. Ihre Auswirkungen auf die übrige Menschheit waren unter anderem böse Gesichter verschiedener Tanten, sobald sie in ihren Zeitungen und Zeitschriften dort zuweilen Löcher entdeckten, wo eben noch ein interessanter Aufsatz oder ein sensationelles Bild zu sehön war. Jedenfalls füllten sich bei uns verschiedene Mapven mit Zei­tungsausschnitten und Bilderfolgen. Allmählich be­kamen wir einige Baedeker voll lesenswerter Welt-

ereigniffe und bedeutsamer Geschehnisse zusammen. Und so gründeten wir den Klub der Weltreisenden ohne Fahrkarte. Inzwischen sind zu dem Globus und den Sammelmappen auch einige Bücher bei­leibe aber keine Wälzer hinzugekommen. Sie stehen in einem fabelhaften Bücherschrank, und hinter einem Wandvorhang befinden sich allerhand Karten von Deutschland, Europa und der übriaen Welt.

In jedem Monat tagt einmal der Klub der Welt- reisenden ohne Fahrkarte. Die Sache wird immer interessanter, und neulich haben wir Gäste begrüßt, die der gleichen Leidenschaft huldigen. Demnächst wird auch das Bildband in den Dienst unseres Reise- unternehmens treten, nachdem der Klub einen erfolg­reichen Kampf um ein Bildgerät geführt hat. Kum­mer macht uns nur noch die Grenzziehung auf unse­rem Globus, die so dringend geworden ist. Aber demnächst ist Elternabend und warum sollte nicht ein Gönner unseres Klubs ... Es gibt z. B. Väter, die in einem Globus, niemals einen Fußball sehen würden!

Die Sonbon-Spur.

Große Aufregung entstand, als sestgestellt wurde, daß Heiner nicht mehr vorhanden war. Bei der Flut- brücke hatte er doch noch mit auf dem Geländer ge­sessen und kleine Steine in den Fluß geworfen. Kurt wollte ihn auch noch kurz vor dem Walde gesehen haben. Allerdings fei er da schon ganz am Schluß-der Jungenschaft dahingetrottelt.

Der Jungenschaftsführer brummte etwas vonver­flixter Bummelei" und ließ kehrtmachen. Sie konnten schließlich ohne den Heiner nicht von der Fahrt zurückkommen und begannen den Kameraden zu suchen. Weit konnte er ja nicht weg sein. Sie riefen seinen Namen einige Male im Sprechchor in den herbstlichen Wald. Ein prächtiges Echo kam zurück, aber leider nicht der Heiner.

Folgen", befahl der Jungenschaftsführer, nachdem er die Spuren an der Kreuzung genau geprüft hatte. Daß er sich dabei gebückt und etwas aufgehoben hatte, war den Pimpfen nickt weiter ausgefallen. Von nun an jedoch ging es schnurstracks den Weg entlang. In fast regelmäßigen Abständen sammelte der Jungenschaftsführer etwas vom Wege auf und steckte es zu sich. Er schien seiner Sache recht sicher zu sein, den Hemer auf diesem Wege zu finden.

Sie mochten eine halbe Stunde gelaufen fein, als sie plötzlich weit vor sich zwischen den Birken eine Gestalt schlendern sahen. Tatsächlich war es Heiner! Er war ziemlich verdutzt, die Jungenschaft wieder vor sich zu sehen, und druckste einsilbig herum, daß er sich verlaufen hätte.

War es genau ein Viertelpfund?" fragte der Jungenschaftsführer, und die Pimpfe verstanden nicht recht, was er damit meinte. Heiner lief rot an und

stottertewieso" undweshalb". Da kramte der Jungenschaftsführer etwas aus feiner Tasche heraus und breitete es sorgsam auf dem Waldboden aus.

Es war doch recht kameradschaftlich von uns, dich zu suchen. Vielleicht hätten dich die bösen Tiere noch zerrissen", sagte der Jungenschaftsführer. Die Pimpfe kauerten sich zu ihm herunter und sahen, daß lauter viereckige Papierchen auf dem Boden lagen. Der Jungenschaftsführer zählte sie. Es waren genau 32,

R

UHL adlo eparaturen

Seilersweg Nr. 67 Telephon Nr. 3170

«Mi L

und auf jedem war ein Aufdruck.Milchsahne", Mokka",Nuß" und noch mehr Aufschriften konnten die Pimpfe entziffern.

Heiner aber stand schuldbewußt in ihrer Mitte und schwieg.Wenn du noch einmal ein Viertelpfund Sahnebonbons in der Tasche hast, brauchst du dich nicht gleich zu verlaufen, um sie in Ruhe auffuttern zu können. Von dir möchten wir ohnehin nichts haben. Das nehmen wir dir auch nicht weiter übet. Wenn du aber den schönen Wald noch einmal mit dem fortgeworfenen Papier verunzierst, bann werden wir dir helfen", drohte der Jungenschaftsführer, ehe die Pimpfe weitermarschierten. Diesmal trabte Heiner wieder am Schluß, aber nur, weil er sich unglaublich schämte. Sicher wird ihm das eine Lehre sein. Kh.

Einmal und nie wieder.

Wir haben im Fähnleinsportschrank ein Lustge­wehr hängen. Darauf sind wir sehr stolz. Zwei Mo­nate lang haben wir eifrig Altmaterial gesammelt, sind mit Blockwagen durch die Straßen gezogen, bis wir das Geld zusammen hatten. Nun hangt die Luftbüchse da, und abwechselnd kommt jede Jun­genschaft mal im Schießen dran. Der Fähnleinführer hat die Jungenschaftsführer beim Führerdienst aus­gebildet und ihnen gesagt, daß vor allen Dingen nie mit dem Gewehr gespielt werden dürfe. Die Waffe müsse auch stets mit dem Lauf nach oben getragen werden. Beim Schießen ist überdies im­mer ein Jungzugführer da, der genau aufpaßt, daß nichts passiert.

Neulich hatten Erich und Achim Heimdienst.

Mit Besen und Schaufel bewaffnet gingen sie znm Heim und rissen zuerst die Fenster weit auf. Dann holte Ackim etwas Wasser zum Sprengen, damit es nicht so staubig wurde. Als er zurückkam, hatte Erich im Sportschrank herumgekramt und sich das Luftgewehr herausgenommen.

Hände hoch!" sagte er, als Achim zur Tür herein­kam und legte Iad)enb das Luftgewehr auf ihn an. Achim sagte gar nichts, stellte die Schüssel mit Was­ser hin, ging auf Erich zu, holte kurz aus und gab ihm einen Kinnhaken, der sich gewaschen hatte. Das Luftgewehr flog in den Sportschrank und Erich taumelte ein paar Schritte zurück.

So vielleicht merkst du dir nun, daß man da­mit keinen Spaß treibt!" schrie Achim. Da war Erich wieder hoch und stürzte sich wütend auf den Kameraden. Im Nu balgten sie sich am Boden herum. Die Wasserschüssel fiel um.

Was ist denn hier los?" klang plötzlich eine scharfe Stimme. Der Fähnleinführer war gekom­men. Ganz verdutzt rappelten sich die beiden Pimpfe auf und standen mit zerzauster Uniform da.

Achim hatte als erster die Sprache wieder ge­funden:Ach nur so aus Spaß ..."Das nennt ihr Heimdienst also noch zwei Wochen länger. Vielleicht lernt ihr es bann!" sagte der Fähn- leinführer. Dann nahm er das Luftgewehr auf und brummte:Da hat wieder jemand das Gewehr n^cht richtig hingehängt!"

Voller Eifer fegten die beiden Pimpfe inzwischen das Heim, und als der Fähnleinführer ging, stieß Erich den Kameraden an:Mann das war or­dentlich von dir!"Quatsch doch nicht Haupt­sache, du vergreifst dich nicht wieder an der Knarre!" gab Achim zurück.

Einmal und nicht wieder du!" lachte Erich und rieb sich sein Kinn, wo Achims Schlag einen rötlichen Fleck hinterlassen hatte. Heinz.

Wenn ein Junge ins Schilager will...

Von Herbert Relnecker.

Hitler, Onkel!" Herbert stand im Raum. Es war eine wilde Unordnung ringsum. Am gro­ßen Fenster stand eine Staffelei. Der hintere Wandteil war mit um gedrehten Bildern behangen, auf einem Sofa lagen Decken und Kissen und auf dorn Tisch stand einiges Geschirr.Hm!" brummte ein Mann, ohne sich umzusehen. Er stand vor der Staffelei, war riesig anzusehen, trug dunkle Klei­der und hatte einen Buckel, so krumm stand er vor der Staffelei. ,Lch bin mal so gekommen", sagte Herbert,wie geht es dir? Soll einen Gruß be­stellen von Mutter. Sollst mal wieder rüberkom- men."Hm", der Mann knurrte undeutlich. Die Haare fielen Ihm in das Gesicht. Herbert machte sich nichts draus.Es ist schon viel ordent­licher hier*

Da drehte sich der Mann um. Er trug eine Brille, die er nun auf die Stirn schob. Zweifelnd sah er den Jungen an. Der stand da und kniff die Augen etwas zusammen, so hell war es. Er hatte Bundschuhe an, die mächtig verkratzt waren und die Herbert eigentlich nur noch trug, well er mit ihnen zu viel gemeinsame Erinnerungen hatte. Auch die Hose machte den Eindruck eines alten Freundes, so sehr paßte sie zu den rauhen, etwas verkrusteten Knien. Das Gesicht war wie­derum friedlicher und ohne die Landsknechtsnote der Bundschuhe, es war ein bißchen keck und sommersprossig.. Die Augen ein wenig träumerisch. Du kleines Biest", sagte der Mann und leckte den farbenbeberften Pinsel ab,du kannst so schwindeln, daß man es fast glaubt." ,Hch? So? Da kann ich ja wieder gehen!" Der Mann sagte nichts, sondern kehrte sich wieder um und arbeitete weiter. Als Herbert nun merkte, daß fein Onkel feine Anstalten machte, ihn zurückzuhalttn, ging er schließlich immer langsamer.

Du, Onkel!"Was willst du denn noch?" Weißt du", klang es da ein wenig leiser,ich wollte dich mal was fragen"Hm!" Glaubst du an den Weihnachtsmann?" Der Onkel drehte sich nun um. Er kniff etwas die Augen zu­

fammen und drehte den Pinsel zwischen den Lip­pen.Noe", sagte er vorsichtig.Du kriegst deine Geschenke also von jemand anders, von Mutter, von Tante Johanna und vcn mir."Ha", sagte der Onkel.Siehst du, und ich krieg meine Ge­schenke auch von Mutter, von Tante Johanna und"Und von mir!"Ja sag mal, woher wißt ihr eigentlich, was man so braucht?" Na, das denkt man sich so. Ich hab' dein Ge­schenk für Weihnachten schon, es ist ein Afrikabuch mit Bildern!"Ach, so? Ein Afrikabuch? Ja, da hab' ich aber schon so viel, ,Mit Blitzlicht und Büchs«' und ,Der Elefantenjäger' das brauch ich gar nicht. Nee weißt du, wir haben nämlich in diesem Winter ein Winterlager!"So? Ein Winteriager? Da wollt ihr schifahren? Das ist ja prima, ich habe auch immer gern schigefahren, ich war in der Silvretta, vierzehn Tage lang." Nee, mir fahren ja nicht in die Silver" Silvretta."Nce, mir fahren zum Kreuzeck. Ich man muß nämlich Schier haben, nicht wahr. Und ich hab' keine!" Ah, du meinst also, ich könnte dann zu Weihnachten ..."3a, wenn es nichts ausmacht!" Herbert sah gelegentlich auf feine Schuh«.Na, mir wollen mal sehen!" Das wäre prima, Junge, das mär prima, aber am besten sagen mir nichts Mutter, die ist so komisch." Ja, ist gut, also auf Wiedersehen!" Wiedersehn, Onkel!"

Herbert ging. Bor der Tür drehte er sich noch einmal um.Onkel, weißt du, wenn du das Asrl- kabuch schon mal hast, dann fönntefte denn die beiden, die ich habe, sind vielleicht doch zu wenig." Nun aber raus!" lachte der Onkel und biß in feinen Pinsel.

Heil Hitler, Tante!"

Herbert stand in dem kleinen Zimmer der Tante. Es mar ein bißchen muffig hier, und die genagel­ten Bundschuhe schämten sich fast, so rücksichtslos auf den Teppich zu treten.

Nanu?" sagte die Tante und tappte auf einem dünnen Stock heran.Du kommst zu mir? Ist etwas passiert? Es ist doch hoffentlich alles wohl? Wie nett. Du bist ja wohl das erstemal hier?" Passiert ist eigentlich nichts, Tante. Ich hab« da mal in alten Papieren geschnüffelt, du bist ja meine Patentante!"Ja", sagte di« Tante. Stimmt, das bin ich. Aber da bist du gleich zu mir gekommen?"Ja", sagte Herbert etwas

verlegen,ich habe dir auch etwas mitgebracht, einen alten Brief von dir, den du zu meiner Ge­burt geschrieben hast."Ach, ach", sagte die Tante und nahm das geldliche Papier, das ihr Herbert hinhielt.Ich kann ihn nämlich nicht ganz lesen. Du hast so undeutlich geschrieben."So, warte mal, hier habe ich meine Brille, ja, das war der ist doch noch aus der Roonstraße, da habe ich vor zwölf Jahren gewohnt. Hier steht: Liebe Elise! Ich hörte von der Ankunft eines acht Pfund schweren Jungen, wozu ich meine aller- herzlichsten Glückwünsche ausdrücken möchte. Hof­fentlich wird es mal ein strammer Mann" Herbert besah sich angelegentlich die Bilder an der Wand.Ich möchte wirklich herzlich gern die Patin fein. Er soll später mal ein ..." Nanu? Hier wurde die Stimme der Tante leiser und nachdenk­licher.... nettes Patengeschenk von mir be­kommen." Die Tante sah auf.Das hast du wohl bis jetzt nicht gekriegt? Nein, natürlich nicht." Aber Tante, das ist doch nicht so wichtig." Na, doch, glaube ich. Aber eigentlich ist er gar nicht so undeutlich, dieser Bries!" Die Tante lä­chelte etwas.Meinen Pflichten muß ich aber nachkommen. Ja, mein Junge, am besten ist es, du scmst mir, was dir gerade fehlt. Es muß aber was Praktisches sein."Wenn du willst, Tante, ich hab feine guten Schuhe mehr."Nein, bei Gott", meinte die Tante,deine Schuhe sehen ja schauderhaft aus."Na, vielttAt sind dir ein paar Schistiefel recht, die könnte ich gerade ge­brauchen?"Na, gut dann lauf wieder und grüß recht schön!"

Als Herbert weg war, ging die Tante ins Ne­benzimmer und hob den Hörer eines Telephons ab.Ja, hallo! Ja, hier ist Johanna, Tante Jo­hanna ach Elise, entschuldige bitte, ich krame da aerobe in alten Briefen herum, weißt du, ich versprach dir doch damals, als Herbert geboren wurde, ein Patengeschenk, ja? Wie? Ich habe dir damals den Kinderwagen geschenkt? Richtig Wäre mir bald entfallen, ja, ich wußte es tatsächlich nicht mehr. Nein, sonst ist nichts, nein, es geht mir gilt. Aus Wiedersehen." Der Hörer klickte ein und Tante Johanna ging wieder zurück ins andere Zimmer und lächelte ein wenig.

Ein paar Tage darauf erhielt Herbert die Schi- stiefel, sie waren schwer, mit einem Ristriemen und verstärkten Schnürsenkeln versehen.

Vimps.

Wir sind Jungvolkanwärter. Manner fuhrt uns. Drei Tage lana sind wir schon in der Klappmühle und machen unsere Pimpfenprobe. Wir haben schon viel erlebt. Gestern abend war es prima. Da kam der Jungstammführer. Er wollte sehen, wie wir uns im Gelände verhalten. Manner setzte eine Dammerungsübung auf den Dienstplan. Um 20 Uhr Zagen wir von der Jungbannführerschutt Klapp- mühle in .den Wald. Es war bereits dunkel. Man­ner ließ den Jungzug halten und erklärte uns die Spielregeln. Wir sollten einzeln in den Wald ge­schickt werden und hätten jeden, den mir sehen könnten, anzurufen. Der Angerufene würde bann mit einem Wort antworten, das er, Manner, jedem von uns noch sagen werde. Wären die Worte des Rufers und des Angerufenen gleich, bann hätten beide sich zu verbünden. Wenn nicht, müßten sie sich angreifen.

Wir verstanden. Jeder bekam ein Wort, bas er ZU behalten hatte. Und los ging es; hinein in das Waidesdunkel. War das eine Sache! Ich war zum ersten Male nachts alleine im Walde. Ueberatt knackte es. Jeden Meter stieß man an einen Baum. Ich kroch nur noch am Boden entlang. Plötzlich sah ich unter einem Baum eine Aufammengefrümmte, geduckte Gestalt. Im ersten Augenblick hatte ich Angst. Mir fuhr es eisig über den Rücken. Na, ich faßte Mut und rief leise:Parole:" Der andere rief ebenso leise zurück:Leuchtturm!"

So ein Pech! Ich hatteLeuchtturmwärter". Die Gestalt war also mein Feind. Und ich hatte gerade gehofft, einen Verbündeten zu treffen. Ich griff ihn an, sprang auf Ihn, suchte nach seinem Lebens- faben. Ich riß auch etwas vom rechten Arm ab, hatte aber statt des Fadens eine Armbanduhr in der Hand! Sofort erhob sich die Gestalt zu ihrer vollen Größe und floh.

Manner pfiff im gleichen Augenblick das Spiel ab. Dor der Jungbannführerfchule ließ er halten und meldete dem Jungstammführer:Uebung be­endet!" Dieser sprach uns feine Anerkennung über unser Verhalten während der Dämmerungsübung aus. Wir traten hiernach weg. Alle verschwanden in der Klappmühle, der Jungstammführer rief mich Zurück:Pimpf, ich möchte meine Armbanduhr von dir haben!" Der hat doch wirklich Pimpf zu mir gesagt!