N./15.Zaniiar 1959
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
!Tr,12 Drittes Blatt
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Wie geht's den Kindern?
Im Sommer haben sie Sonne, Luft und Freiheit in Fülle, aber jetzt sehen sie doch etwas mitgenommen aus Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Blutarmut smd die deutlichen Merkmale der Stubenluft.
Geben Sie Ihren Kindern das blutbildende Bio- ferrin, damit sie kräftig und widerstandsfähig werden.
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Die Geigerin Alma M o o d i e spielt im Konzert des Gießener Konzertvereins Werke von Biber Bach, Schumann und Reutter. — (Aufnahme: Duhrkoop.)
mußte in der erste Hilfe ge- Derletzten auf
BDM.-Untergau 116 Gießen.
Eilbefehl.
Weisung eines zuständigen Arztes tätsbereitschaft transportiert.
handelte es sich meist um Schmttoerletzungen, Kopf. Verletzungen, Verstauchungen leichteren Grades usw.. und die Sanitätsbereitschaft leistete dabei wichtige Arbeit. In schwereren Fällen oder wenn es aus Gründen der Vorsicht ratsam erschien, wurden die Hilfesuchenden sofort zum Arzt geschickt Eine zweite Behandlung in „erster Hilfe" gibt es für die Sam« tätsbereitschaft selbstverständlich nicht! Dafür ist der Arzt zuständig! t
Der Mannschaftsbestand der Samtatsbe- reitschaft des Deutschen Roten Kreuzes in Gießen hat sich in den vergangenen Jahren fast unverändert in gleicher Höhe gehalten. 137 ausgebildete Kameraden und etwa 70 Helferinnen stellen sich in Gießen in den Dienst der edlen Sache und sind bereit, ihrer Sache Opfer zu bringen.
Die Arbeit der Sanitätsbereitschast Gießen verdient daher Dank und Anerkennung. Es ist Ehren« fache der Bevölkerung auch unserer Stadt, wie der ganzen Umgebung, die in den Dienstbereich der Bereitschaft Gießen einbezogen ist, dieser Einrichtung der Nächstenliebe alles Verständnis entgegenzu- bringen, auch dann, wenn es gilt, einmal einige Groschen dafür zu opfern.
Die weiße Schwadron."
Lichtspielhaus.
Im S t r a ß e n h i l f s d i e n st vorgenannten Zeit in 50 Fällen leistet werden bzw. galt es, die „ .
schnellstem Wege in die Klinik zu bringen. So spiegelt sich auch in den Büchern der Sanitätsbereit-- schaft das Gespenst „Derkehrsunfall" wider, das auch in dieser Zusammenstellung eine deutliche warnende Sprache erhebt.
Auch im vergangenen Jahre unterstützte das Rote Kreuz durch den Verleih von sanitären Gegenständen und Einrichtungen die Betreuung kranker Volksgenossen. In 150 Fällen wurde von der Leihmöglichkeit beim Deutschen Roten
einige eindrucksvolle Zahlen.
Zunächst wird man sich vergegenwärtigen, daß die Sanitätsstation zu jeder Tagesund zu jeder Nachtzeit mit je zwei Mann besetzt ist, die in jedem Augenblick und für jeden Zweck der ersten Hilfeleistung, oder des Transportes bereit sind. Auch an Sonntagen ist die Rettungswache ständig besetzt. Da gibt es für die Kameraden der Sanitätsbereitschaften ebensowenig eine Ausnahme, wie für die Feuerwehr.
Den größten Teil der Arbeit der Sanitätsbereitschast erfordern die Transporte. Drei Wagen tehen dafür zur Verfügung. Ein Wagen wird nur ür Transporte benützt, bei denen Kranke, die an schweren Infektionskrankheiten leiden, in die Klinik oder in Krankenhäuser zu bringen sind. Diese drei Wagen wurden vom 1. April bis zum 30. Dezember 1938 in 1529 Fällen in Anspruch genommen. Mit diesen Wagen wurden in dieser Zeit 31 500 Kilometer zurückgelegt. Der weiteste Transport führte über 500 Kilometer Gesamtentfernung (für Hin- und Rückfahrt). Ein andermal fuhr ein Wagen der Gießener Sanitätsbereitschaft nach Petersen in Westfalen, nach Heidelberg usw. Es laßt sich also erkennen, wieweit sich der Bereich spannt, in dem sich die Wagen unserer Gießener Sanitats-
Geschicklichkeit verbunden sein muß. Dies gilt vor allem in solchen Fällen, in denen Verfolgungswahn vorliegt, denn gerade jene Menschen sehen in jedem anderen, der sich ihnen nähert, den Feind. In 72 mehr oder weniger schwierigen Fällen mußten sich die Helfer der Sanitätsbereitschast im vorigen Jahre mit Geisteskranken beschäftigen. Selbstverständlich wird ein Geisteskranker nur auf ausdrückliche An- ...... von der Sam-
bereitschaft bewegen. .
Die vielen Krankentransporte sind, wenn sie auch an die beteiligten Kameraden nicht immer höchste Anforderungen stellen, doch in vielen Fällen nicht barmlos. Galt es doch in der Zeit von April bis Dezember allein 153 Transporte sch w e r Infektionskranker durchzufuhren. Die Kameraden der Sanitätsbereitschast befinden sich bei solchen Transporten unleugbar immer in Gefahr, Schaden zu nehmen, denn der Umgang, die Berührung mit Kranken, die an Diphtherie, Scharlach, Kinderlähmung, Paratyphus, Ruhr, Genickstarre ulw. leiden, bedeutet eben die Gefahr der Ansteckung. Dies um so mehr, als die Sanitäter immer einige Zeit mit dem Kranken im engen Raume des Wagens beisammen sein müssen und sich vor Berührungen des Kranken nicht scheuen dürfen. Sie sind sich ihrer Aufgaben als Helfer bewußt, und dieser ethische Gedanke überwiegt die Furcht vor einer Gefahr. Selbstverständlich werden alle Vorsichtsmaßregeln zum Schutze der Helfer ergriffen und sorgfältig beachtet. Da werden eben die Hande einige Male öfter gewaschen, da werden besondere Mäntel angezogen, die nach dem Transport sofort abgelegt und desinfiziert werden. Der Leinenüberzug der Bahre wird sofort gewechselt, desinfiziert und dann gewaschen, die Griff? der Tragbahre werden mit Formalinlösung gereinigt, so daß nljo nicht nur die Helfer der Sanitätsbereitschaft weitgehend geschützt sind, sondern auch der Kranke, der zum nächsten Transport in den Wagen kommt Auch der Wagen selbst wird sofort nach einem stl-
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Vornoiizen.
Tageskalender für Samstag.
Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Wiener Blut". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Ziel in den Wolken . — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die weihe Schwadron". — Reichstreubund: 20 Uhr Kamerad- schaftsabend. — Stoßtrupp Li mb ach: 20 Uhr „Burghof". — Fünfziger 1889 bis 1939: 20.30 Uhr „Burghof". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Tageskalender für Sonntag.
Stadttheater: 11.30 bis 12.30 Uhr „Die Matrone von Ephesus"; 19 bis 22 Uhr „Aida" — Gloria- Palast (Seltersweg): „Ziel in den Wolken" — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Die weiße Schwaden". — Gießener Konzertverein: 17 Uhr, Neue Aula, Violinkonzert Alma Moodie. — Oberhessischer Kunstverein: 11 bis 13 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Zum letztenmal „Wiener Blut“ im Stadtlhealer.
Heute abend findet die letzte Wiederholung des großen Operettenerfolges „Wiener Blut", von Jo-
Kreuz Gebrauch gemacht.
Außer der ständigen Wache in der Rettungsstation trat die Sanitätsbereitschast selbstverständlich wieder bei den verschiedensten größeren Veranstal- t u n g e n , Kundgebungen, Sportereignisfen usw. in Erscheinung und setzte dabei viele Kameraden und Kameradinnen ein. Dies geschah in 23 Fällen.
lieber aller unmittelbarer Arbeit an der Volksgemeinschaft wurde aber auch die Ausbildungsarbeit nicht vernachlässigt. Die Mannschaften wurden auf dem Laufenden gehalten, darüber hinaus wurden in der Rettungsstation der Bereitschaft wieder mehrere Kurse durchgeführt, die insbesondere der Ausbildung von Betriebshelfern in öffentlichen Betrieben und in Betrieben der Industrie galten. Die Kurfusteilnehmer wurden dabei mit allen Möglichkeiten der ersten Hilfeleistung vertraut gemacht, zum Teil wurden sie auch für die Hilfeleistung bei speziellen Unfällen, wie sie sich aus der Art des Betriebes ergeben können, geschult.
In der Rettungsstation selbst wurde ebenfalls em ständigerHilfsdienst geführt, der insgesamt in 103 Fällen in Anspruch genommen wurde. Dabei
einst geliebte Frau gelassen unter dem rieselnden Wüstensande begräbt. Antonio Centa spielt den Leutnant mit überzeugender Folgerichtigkeit der inneren Entwicklung. Fosco Giacchetti gibt. die männlich ruhige, klar denkende und handelnde Fuh- reraestalt des Hauptmanns Santelia, der tm Gefecht fällt. Fulvia Lanzi ist die Christtana die zu spat erkennt, was sie aufgegeben hat Soldaten der Kamelreiter- Truppen von italienischen Forts m der Libyschen Wüste wirken zahlreich mit. —
Seit Jahren steht die Sanitätsbereitschast Gießen im Dienste an der Allgemeinheit, ohne (von einem Sammeltag vielleicht abgesehen) mit einer besonderen Forderung an die Oeffentlichkeit heranzutreten. Unermüdlich, in treuem Einsatz für die edle Sache stehen die Kameraden der Sanitätsbereitschast im Dienst und nehmen neben den Opfern an Zeit auch noch manche Gefahr auf sich.
Im Ablauf eines Jahre- wirdviel Arbeit geleistet, die in ihrem Ausmaß in der Oeffentlichkeit wohl kaum abgeschätzt und deshalb auch nicht bewertet werden kann, weil sich diese Arbeit aus tausenden von Hilfeleistungen der verschiedensten Art zusammensetzt.. Doch scheint es notwendig und geradezu eine Pflicht der Dankbarkeit, einmal wissen zu lassen, welche Arbeit von der Sanitätsbereitschast Gießen geleistet werden muß. Wir sprachen daher in der Sanitätsstation am Kanzleiberg vor und erfuhren dabei viel Wissenswertes und vor allem
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Im Beiprogramm: die neue Tobis-Wochenschau, ein musikalisch anziehend begleiteter Kulttrr stlrn von Wien als der Heimat Franz Schuberts- Reise-Bilder aus dem schönen Deutschland, die durch einen sach- licheren und vollständigeren Text an Wirkung gewinnen würden. Hans Thynot.
Kinderball bei Max Halbe.
Eme Münchener Erinnerung vonEllenAram
Es wird die Leser interessieren, den Dichter Mar Halbe, dessen berühmtestes Schauspiel, das Liebesdrama „Jugend", inzwischen durch den Film zu neuen Erfolgen gelangt ist, m der folgenden Münchner Vorkriegserinnerung einmal ganz privat und unliterarlsch, als guten Onkel auf dem Kinderball in seinem geräumigen Münchner Heim kennenzulernen, ^er als Besucher erwähnte Graf Keyserling ist nicht der Darmstädter Philosoph, sondern der 1918 in München verstorbene, feinsinnige Erzähler Eduard von K e y s e r l i n g , der aus Kurland stammte. Von seinen Erzählungen sind „Beate und Mareile , -Schwule Tage", „Abendliche Häuser" und „Am Sudhang" die bekanntesten.
War Silvester vorüber, dann telephonierte „Tante (Safte" an und sagte: „Am soundsovielten geben wir unseren Kinderball. Bitte rid)tet euch danach. Ich üb cke rechtzeitig das Mädchen mit den Korben ^Das hieß, daß der größte Teil unseres Porzellans und Silbers, in großen Waschkorben verpadt, zu halbes wanderte. W.e hätte man auch sonst m ^nem Privathaushalt und sei er noch .o 9™$' für die immer hungrige Herde Kinder sorgen sollen?
Jedes Jahr, so lange wir in München lebten, wiederholte sich das. Nun begannen sur„uns Kinder die ersten Kleidersorgen, denn Kinderball bei Halbes bieß der Auftakt unserer „Saison , die sich vor während und nach dem Fasching abspielte. In der
Aus der Stadl Gießen.
Wert der Gemütlichkeit.
Von Hans Hartmann.
Wir gewinnen Abstand von dem großen Jahre 1)38, wir versenken uns mit Ruhe und Andacht in de Werte, die in dem neuen großdeutschen Reiche shlummern und von uns neu zum Leben erweckt perden sollen, und wir versuchen, der Aufgabe, die
Ganiläisbereiischast im Dienste -es Volkswohles
Aus der Jahresarbeit 1938 der Sanitätsbereitschast Gießen.
freulich ist es, mitteilen zu können, daß dank der sorgfältigen Befolgung dieser Vorsichtsmaßregeln kein einziger Fall der Infektion eines Helfers der Sanitätsbereitschast zu verzeichnen war.
Die Kameraden in der grauen Uniform müssen sich aber auch bereitfinden, noch eine andere Gefahr auf sich zu nehmen. Kommt es doch immer wieder vor, daß G e i st e s k r a n k e in die Anstalt oder in die Klinik zu verbringen sind, die sich nicht gern? fügen, die randalieren, sich widersetzen, heftig av- wehren, ja sich offensichtlich in tobsüchtigem Zustand befinden und die Sanitäter, die in solchen Fällen mit zwei Mann auftreten, mit irgendwelchen Gewaltmitteln bedrohen. Hier bedarf es also einiger Zivilkourage, mit der gleichzeitig Güte und große
Dieser Film, eine Produktion der italienischen Firma Roma, wurde nach dem Roman des « iosen Joseph Peyre gedreht - der Spi eiter Augusto Genina hat selbst das Buch dazu g schrieben — und auf der Biennale in ^eiL 9 dem Mussolini-Pokal ausgezeichnet. Das Werr e - innert an den vor einiger Zeit hier gezeigt , falls mtt einem hohen Staatspreise.beacht ' zösischen Film „Ehrenlegion" — Nicht nur 9 der stofflichen Anklänge und Ähnlichkeiten, mch nur weil es sich auch hier um eine Schild hanbelt, Kolonialkrieges in der afrikanischen W s h ' sondern um der sehr bald und baren nationalen Haltung wlllen, dn ^en dort zu erkennen gibt. Das Ethos des ^erdn Staatsgefühls das da verkuiÄet mirb, von uns durchaus zu empfinden I , (Fftos und Wirkung des Filmes ent,ch°ed°n^ d °jes Ethos ist für den Gesamieindruck wefentlIlch xhnisse
Einzelschicksal, das in den Ablauf feschehm eingebaut ist. Es ist mit wenigen «°r °n erzam^ ein junger italienischer Offizier me s , täuscht und verstört durch das Erlo'chen der R« gung einer von ihm sehr geliebten F . <3 ber
Heimat weg zu einer Kamelreiterschwadron n Libyschen Wüste. Das harte ^[ebmä t,as
krieges, der ihm körperlich und H^akterm_ t^8 Aeußerfte -bfordert. verwandelt den i luns«" zier von Grund °uf Er überwindet die schwe^^ seelische Deprestion und hat tm streng n .h verantwortungsvollen Dienst b«- der' g*** Sckwadron" den neuen Sinn (eines
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mit bedeutenden Mitteln und unwr^au^^ liehen Schwierigkeiten gefuh beareift wenn
sinnfälliger Wirkung. Der Besihau«
er die sz-nenweise monumentÄ k un6
men erblickt, den Zauber. die einen
auch die Schrecken der Wust, nMungen der Begriff von den Ausgaben, unt। I bieS ®anb>
Truppe im Kolonialkriege und I d . obnc -ung, die sich in dem jungen H^en vouzi Y, Worte und Erklärungen wenn.toa der Leutnant wahrend einer Ruhepauje i
Schule mußten wir dann manchen Tadel über uns ergehen lassen, denn die Frage: Gehe ich dieses Jahr i als Clown, Cowboy, Tirolerin, Waschermadl oder ! Schornsteinfeger, war uns natürlich bedeutend inter- t essanter als der Unterricht. Charakteristisch sur die < Bohemekinder jener Zeit ist es wohl, daß sie sich I gar zu gerne als „g'schlamperte Malerin aus i Schwabing oder Simplizissimus oder gar als Raus- I schmeißer bei der Katt Kobus kostümieren wollten. Leider waren die Eltern mit solchen zeitgemäßen Einfällen nie einverstanden. Im Gegenteil: Die Väter schimpften, und die Mütter weinten ein stilles Tränlein eingedenk ihrer bürgerlich-soliden Abkunft.
Endlich war es so weit. In der Wilhelmstraße schnurrte der Fahrstuhl, und das Treppenhaus war voll von vergnügt schwatzenden Kindern, die alle der Halbeschen Wohnung zustrebten. Heute glaube ich, beinahe alle Münchner Kinder waren bet Halbes Kinderball. Wie war es wohl auch sonst möglich, daß die riesige Zwölfzimmerwohnung an diesem Tage einfach voll war!
Schon um sechzehn Uhr kamen die ersten Kinder und tobten mit „Onkel Halbe", der an diesem Tage nicht nur der Vater seiner drei Kinder, sondern der gute Vater aller Münchner Kinder war, herum. Für Mar Halbe, den Dichter der „Jugend , war der Kinderball eigentlich eine recht strapaziöse Angelegenheit, denn er mußte nicht nur mit uns spielen, toben und Konfetttschlachten ausfechten, sondern auch einmal wenigstens mit jedem Mädchen tanzen. Den Höhepunkt des Festes bildete die Polonäse, die Max Halbe, eine bunte Papiermutze auf dem Kopfe und einen Regenschirm schwingend, selbst anführte. Unter ohrenbetäubendem Hallo zogen wir in möglichst komplizierten Windungen durch Die ganze Wohnung. Halbe hatte sich tm Laufe der Jahre zum virtuosen Führer der Polonäse heraus- ‘ gebildet, der keinen Raum und keine Ecke auslteß, ! um den großen Spaß des Umzuges zu erhöhen.
Um 21 Uhr kamen dann Graf Keyserling, meine Eltern und noch ein paar „Intime um ein wenig zuzuschauen und uns langsam zum Ausbruch zu mahnen. Sie waren sehr interessiert Daran, daß es nicht zu spät wurde, denn am nächsten Tag — die Wohnung war gerade so schon aus- geraumt, fand der Ball der Erwachsenen statt. Hier ging es kaum weniger lustig und ausgelassen zu. Oder kommt man sonst zu einer Zeit nach Haust, zu der ein artiges Schulkind bereits die erste Unterrichtsstunde hinter sich hat?
Ob Alt ober Jung, ob Burger, Künstler oder Arbeiter ein jeder hatte seinen Fasching und seine große ,Hetz", und es wurde nicht eher geruht, als bis der Münchener Vorfrühling einsetzte.
Mit dem Föhn kamen jene himmelblauen Vormärztage in Eis und Schnee, wo, sie sich Max Halbe meinem Vater gegenüber so poetisch ausdrückte, die ersten Amselväter in aller Frühe im Englischen Garten so selig flöten, daß man es unbedingt hören und sich ein Beispiel daran nehmen müßte. Und da die Amselväter so früh zu flöten begannen, mußten die Eltern eben so lange beisammen bleiben, um sie auf dem Nachhausewege durch den Englischem Garten recht genießen zu können. Um so zeittger aufzustehen — auf einen so absurden Gedanken sind sie nie gekommen.
Es war ja auch die Zeit der letzten Redouten tm Deutschen Theater. Zum letzten Mal im Jahr hatten die Eltern ein gutes Recht darauf, ab drei Uhr bet den Weißwürsteln tm Donisl angetroffen zu werden und die zwei Rausschmeißer zu bewundern, wenn sie einen gar zu wilden Bruder sich aus Die nackten, sauber tätowierten Arme legten, ihn darauf wiegten wie ein Wickelkind und ihn dann im hohen Schwung aus dem Lokal auf die Straße schleuderten wo er in Kreiselbewegung weiterrollte, bis er der' Polizei gegenüber an die Tür bumste und von den Beamten in Empfang genommen wurde .
Zum letzten Mal im Jahr stellte mein Vater seine persische Burga, seinen großen Filzmantel, in Der Elektrischen nach Schwabing zum Gaudium aller Mitfahrenden mitten in den Gang, wo sie aus dichter, persischer Lämmerwolle gefertigt, selbständig stand wie ein unfertiger Zuckerhut und durch keinen Ruck und keine Schienenbewegung sich rührte.
Am Horizont zeigte sich schon der Nockherberg mtt seirer so segensreichen Frühlingskur. Welches Herz, das um diese Zeit zwischen den Amselvätern unter fröhlichem Himmel zu und von der letzten Fran- ^aise schwebte, war damals nicht besonders weich, allen guten Dingen des Lebens besonders innig zugetan, leichtbeschwingt und — wenn es gar nicht anders ging — sogar ein wenig leichtfertig ...
Hochschulnackrichten.
Professor Dr. Julius v o n B r a u n , der seit 1935 emeritierte Ordinarius der Chemie an der Universl- . tät Frankfurt, ist nach schwerer Krankheit m • Heidelberg gestorben. Geboren 1876 in War- schau, hat Professor von Braun in Götttngen, , Breslau, Berlin und (seit 1921) in Frankfurt ge= - wirkt. Seine Veröffentlichungen auf dem Gebiete der organischen Chemie haben ihn auch im Auslande : rühmlich bekannt gemocht.
> Dem nb ao. Professor Dr. med. Hans Schul- > t e n wurde an der Universität Rostock der
Lehrstuhl für Innere Medizin übertragen.
Der für den 15.1. vorgesehene Führerappell durch den Gauleiter in Gießen wird hierdurch abgesagt und auf den 22.1. zur gleichen Zeit und Ort verlegt.
T-ilnahmepftichtig bleiben Gruppen-und Rmgj Y ^ ber Wagen |elh|t mtro jvjvri nun, ,u.
rinnen, soweit sie nicht eine Ringschulung zu Y j chen Transport einer Desinfektion unterzogen. Er- haben. _______________
Limit gesetzt ist immer mehr gerecht zu werden Morgen ist der Geburtstag Grillparzers (geboren 15; Januar 1791 in Wien), der bewußt auf den Meimaranern" Schiller und Goethe aufbaute Er iatte ein starkes Gefühl für Großdeutschland. Als hm zum achtzigsten Geburtstag im Jahre 1871 die erfte Kaiserin des eben erstandenen Kaiserreichs „als Freundin deutscher Dichtkunst und als Tochter Weimars" gratulierte, antwortete er: „Die Tochter Weimars! Ja, Majestät! Dort ist trotz Main- und Rhein- nie das wahre Vaterland jedes gebildeten Deutschen
Nid als solchen mich erachtend unterzeichne ich mich Is Ihr tiefergebener, ja gewissermaßen Ihr Unter» Ian/ ehrfurchtsvoll." Dieser „gewissermaßen Unteren" gehört somit zu den geistigen Vorbereitern des noßdeutschen Reiches. c
Slun ist Grillparzers Werk so reich, daß es uns i«rn liegt, es in einer kurzen Sonntagsbetrachtung u würdigen Wir nehmen daher nur eine der !eelischen Kräfte, die uns Oesterreich mitbringt, und machen uns Gedanken über die Gemütlichkeit und hreri Wert Denn die Gemütlichkeit ist eine seelische Eigenschaft von großer Stärke und Anziehungskraft, 1 fiicht ganz unumstritten und doch immer wieder für ieden Deutschen verlockend, oft ein Ideal, dem er nachstreben möchte, das er aber zu seinem Leidwesen nicht erfüllen kann.
Wart und Begriff sind nicht alt. Goethe hat das Wort geschaffen, gebraucht es aber mehr allgemein als , gemütskräftig". Erst Adolf Krummacher hat in seinem Liede von 1845 unseren heutigen Begnsf und er trifft ins Schwarze, wenn er sagt: „Es sind erhaben ob Raum und Zeit die Ritter von der Gemütlichkeit." B
Das ist das Wesen der Gemütlichkeit, die er sich heimlich wünscht: mehr innere Ruhe, Überlegenheit über Zeit und Raum, ein bißchen mehr ,Herz als man 'gewöhnlich zeigt - kurz nicht so. viel Angst Lavor als gemütvoll, umgänglich, versöhnlich, her- Aensmäfug bestimmt zu erscheinen. Gemütlich sein, Sas heißt: nicht alles gleich tragisch nehmen, lieber die gute Seite einer Sache als die schlechte sehen, immer denken: es geht vielleicht auch mit Milde, eben „gemütlich". In dieser Lebenshaltung liegen bindende und bildende Kräfte beschlossen, die uns lehren die Ecken und Kanten abzuschleifen, nicht alles auf die Spitze zu treiben und auch den Andern in seiner Eigenart gelten zu lassen.
Nun spüren wir freilich, daß die Gemütlichkeit auch ihre Gefahren hat. Sie wird manchmal gleich- gesetzt mit Schlendrian. Sie wird zum Gegensatz dessen was in den Begriffen Disziplin, Haltung, preußischer Stil bezeichnet wird. Ist nicht doch em Fremdkörper im gesamten deutschen Aufbau? Sie wäre es, wenn nicht gerade in den klassischen Landern der Gemütlichkeit die Gegenkräfte schlummerten und immer wieder erwachten. Starke fd)opfe= rische Kräfte, Die Dem tragischen Gehalt des Lebens gerecht werden, finden wir in Süddeutschland. Aber Süddeutsche und Ostmärker beweisen durch ihr Dasein, daß diese Kräfte nicht unvereinbar sind mit Der „Gemütlichkeit", so weit sie das „Gemüt zur Quelle hat. So darf sich jeder Deutsche über das Vorhandensein dieser Kräfte freuen!


