standen hat, die letzten Feinheiten dieser Kompositionen herauszuholen. Den musikalischen Teil führte ein von Wilhelm Schöttler zusammengestell- les Streichquartett aus. Der Abend wurde eingeleitet mit Haydns Variationen über das Deutsch» landlied, wodurch der Abend eine würdige Eröffnung fand. Mit großer Freude wurde auch das Violinkonzert von Bruch ausgenommen, das Frl. Martha Schöttler als Solistin mit besonderer Tonschönheit und Einfühlung wiedergab. Bei dem Lied aus dem „Trompeter von Söckingen" glänzte Adolf Schwarzlose als Solist. Es war zu bewundern, mit welcher Frische der Chor auch die letzten Lieder des reichhaltigen Programms wieder- aab und sich hierbei sogar noch steigerte. Starker Beifall stellte unter Beweis, daß die Darbietungen bei den Besuchern dankbaren Beifall fanden.
T Watzenborn-Steinberg, 11. April. Der Gesangverein „Jugendfreund" veranstaltete am ersten Osterfeiertog in der Volkshalle einen Konzert-Abend anläßlich des 150. Geburtstages von Friedrich Silcher. Der Chor, unter Leitung seines Dirigenten A. schleuse (Steinbach), brachte im ersten Teil seines Programms
Volkslieder, die von der zahlreichen Zuhörerschaft mit Spannung ausgenommen wurden. Im Anschluß wurden im zweiten Teil Chöre von Werth, Kom- zack, Abt-Buck, Pauli und Lübbert vorgetragen. Außerdem brachte der Chor den Walzer von Strauß „Wein, Weib und Gesang" mit Orchester sowie den Helenenrnarsch von Lübbert, der nach sehr starkem Beifall wiederholt werden mußte. Der Gesangverein „Jugendfreund" kann mit Stolz auf diesen Abend zurückblicken, der von eifriger Winterarbeit des Dirigenten und des Chores zeugte. Den musikalischen Teil füllte die gesamte Kapelle Schleuse aus, deren instrumentale Zusammensetzung recht gut war. Von den Konzertstücken wurde ganz besonders „Die Teufelszunge", Solo für Trompete (Solist Karl Größer/, mit Begeisterung ausgenommen.
= Lich, 12. April. In voller körperlicher und geistiger Frische vollendete gestern Frau Elisabeth Zimmer Wwe., geb. Köhler, ihr 8 0. Lebens- j a h r. Denselben Ehrentag konnte heute Frl. Anna Stein begehen. Die Eheleute Bahnvorsteher Hugo D u p h o r n und Frau Minna, geb. Thiel, feierten heute Silberhochzeit. Den Jubelpaaren herzlichen Glückwunsch.
Meder zahlreiche Wilderer sestgenommen.
Auch Einbrüche und Brandstiftung kommen auf ihr Konto. — Landplage im Kreis Biedenkopf.
Lpd. Frankfurt a. M., 12. April. Eine neue und überraschende Wilderer-Razzia, durch- gesührt von der Kriminalpolizeistelle Frankfurt am Main und der Staatsanwaltschaft Marburg, mit Unterstützung der Jagdbehörden, brachte im K r e i f e Biedenkopf ein aufsehenerregendes Ergebnis. Mehrere Wildererbanden hatten bis in die jüngste Zeit mit Kleinkalibergewehren und mit Schlingenstellerei den Wildbeständen stark zugesetzt. Die Strasverfolgungsbehörden bereiteten in aller Stille eine große Aktion vor, die schlagartig in den einzelnen Dörfern einsetzte und zur Festnahme einer großen Anzahl von Personen führte.
Da die Wilderer von früher her über eine a e - Heime Nachrichtenzentrale beim Friseur eines Ortes versügten/ ergab sich zunächst insofern ein einheitliches Bild, als sie wohl alle Wildereien bis zum Jahre 1934 zugaben, weil diese unter das Straffreiheitsgesetz fallen, nach diesem Zeitpunkt begangene Wilddiebereien aber hartnäckig leugneten. Die weiteren Vernehmungen brachten aber Widersprüche und gegenseitige Beschuldigungen und bewiesen, daß die Zahl der eigentlichen Wilderei- fälle viel größer war. Der unermüdlichen Arbeit der Frankfurter Kriminalpolizei gelang es schließlich, die ersten Geständnisse zu erzielen. Verbreitung und Umfang der Wilderei wurden in einem Maße offen gelegt, wie es niemand vorher auch nur ahnen konnte.
Die Formen, in denen sich dies Wildern im Kreise Biedenkopf abspielte, waren in ihrer großen Mehrzahl unglaubliche Tierquälereien. Wo nicht mit alten Jnsanteriegeschossen gearbeitet wurde, benutzte man einfach Kleintaliberpatronen, die nur in den wenigsten Fällen sofort tödlich wirkten, dafür aber in dem Wildkörper stecken blieben, wochenlange Vereiterungen verursachten und schließlich zum qualvollen Verenden des Wildes führten. Wo die Wilderer eines ange- schossenen Rehes habhaft werden konnten, schnitten sie ihm kurzerhand den Hals ab. Die markerschütternden Klagelaute, die dabei einmal ein Rehbock ausstieß, ahmten sie tags darauf beim gemeinsamen Rehessen nach und machten sich darüber lustig.
Ebenso scheußlich war ihre S ch l i n g e n ft e U e- r e t in allen möglichen Waldwinkeln. Diese Schlingen kontrollierten sie im Verborgenen, ob sich darin etwas gefangen habe. War die Luft nicht sauber, so ließen sie das Wild i n d e n S ch l i n g en einfach hängen und von den Maden zerfressen. Die Schlingenstellerei ist deswegen besonders gr.au fam, weil sich das Stück Wild mit dem Halse darin fängt, tagelang herumtobt, bis es sich mit dem Würgedraht die Luft vollständig abstellt. Auch auf die Schonzeit wurde keine Rücksicht genommen. Ob die Rehgeiß trächtig war, ob sie säu
gende Kitze führte, das blieb den Rohlingen gleich.
Ihre Beute schleppten die Wilderer meist zur Nachtzeit weg. Zuweilen veranstalteten die Wilderer auch regelrechte F e st e s s e n mit Reh- oder Hasenbraten. Daraus entstand ein Zechgelage, bei dem es zu wüsten Szenen kam. Schnaps und Rauchwaren, die dabei konsumiert wurden, waren selbstredend gleichfalls gestohlen. In den frühen Morgenstunden wurden die Alkoholleichen von den Frauen nach Hause geschafft. Eine Reihe von Geständnissen erwiesen, daß die Frauen der Wilderer manchmal gar nicht wußten, wo sie mit dem vielen Wildbret noch hin sollten. Es wurde dann eingeweckt oder geräuchert.
Außerdem stellte sich heraus, daß die Wilderer auch gefährliche Einbrecher waren. Einem Bäckermeister wurde nachts aus dem Schlafzimmer eine Geldkassette geraubt; bei einem Metzgermeister wurde wiederholt der ganze Fleischoorrat gestohlen und auf Festgelagen verspeist. Bei einer Witwe, deren Mann wenige Tage vorher gestorben war, versuchten die Burschen das Sterbegeld zu stehlen. Auch Hühnern und Enten ging es an den Kragen, und die Fischwässer, darunter vor allem ein Karpfenteich, mußten gleichfalls herhalten. Auf Wochenendhäuser und Jagdhütten hatten die Wilddiebe es besonders abgesehen. In Gewerbebetrieben raubten sie Maschineneinrichtungen. Als einer der Anführer dieser Banden, ein gewisser Heinrich Schmidt X., vor dem Konkurs stand, steckte er, wie er selbst gestand, kurzerhand sein Haus an, um in den Besitz der Versicherungssumme zu kommen. Ein Teil des Diebesgutes wurde in der Werkstatt des Schmidt X. aber des Georg Weber verborgen und verwandt. Es stellte sich heraus, daß bei dem Weber der größte Teil der Werkstatteinrichtung aus gestohlenem Gut bestand. Da die Eigentümer jetzt mühsam zusammengesucht werden müssen, versiegelte die Kriminalpolizei zunächst alle diese Räuberhöhlen.
Bei ihren Zusammenkünften fangen die Wilddiebe ein besonderes Wildererlied, was die ganze verlogene Romantik des Wildererunwesens deutlich zeigte. Ja, sie photographierten sich gegenseitig mit dem gewilderten Rehwild und schenkten sich diese Bilder mit einer Widmung, wobei der Photoapparat der Lohn für eine Beihilfe an einem schweren Einbruch war.
Die Kriminalpolizei hatte also ein ganz gerissenes Banditentum vor sich, und es ist ein großes Verdienst der Beamten, diese Freveltaten aufgeklärt zu haben. Die Polizei arbeitete häufig so überraschend, daß die örtlichen Gefängnisse läng st nicht ausreichten, um alle Festgenommenen aufzunehmen. Noch stehen viele Einzelheiten für eine restlose Klärung offen.
S.Jl.-'fpOTt
Kreislehrgang im Frauenturnen.
Das Kreisfachamt Turnen führt am Samstag und Sonntag einen Lehrgang für Frauenturnen unter Leitung von Kreisfrauenturnwart Schneider in Wetzlar durch. Geturnt werden die Hebungen des für das Kreisturnfeft in Grünberg vorgefchriebenen Acht- kampfes der Frauen. Da dieser Lehrgang nur einmal durchgeführt wird, werden Dorturnerinnen aus allen Vereinen, die Frauenturnen betreiben, erwartet.
Knappe Niederlage der Blau-Weißen.
Nieder-Ftorstadt — 1900 3:2 (1:2).
Die Voraussetzungen, unter denen die Blau-Weißen das Spiel in Nieder-Florftadt austragen mußten, waren nicht die besten. Denn außer dem bereits feststehenden Fehlen von Lippert, Pankok, Herbst und Rensing, konnten Quick, Schäfer und Schmiegelt nicht teilnehmen, so daß eine recht bunte zusammengestellte Vertretung entsandt werden mußte. Das erzielte Ergebnis ist der Beweis dafür, daß diese Vertretung sich achtbarer geschlagen hat, als man dies erwarten durfte. Denn die „Hübner-Elf", bezeichnet nach dem schußgewaltigen Nieder-Florstädter Mittelstürmer, besitzt auf eigenem Grund und Boden eine sehr beachtliche Spielstärke, die nicht allein auf die Schußkraft des Sturmführers Hübner zurückzuführen ist, sondern vielmehr im Durchschnittskönnen der gesamten Mannschaft zu finden ist.
Nach einiger Zeit einer ausgeglichenen Spielabwicklung im Mittelfeld gelang den Blau-Weißen durch Löbsack der Führungstreffer, den jedoch wenig später Hübner für feinen Verein wieder ausglich. Bevor man aber zur Pause schreiten konnte, war es wiederum Löbsack, der die Blau-Weißen erneut in Führung brachte. Dieser Stand blieb bis lange in die zweite Halbzeit. Erst acht Minuten vor Schluß gelang es den Platzbesitzern, angefeuert durch die zahlreichen Besucher, den Ausgleich zu erzielen, und als sich bei den bereits in der Reserve tätig gewesenen Spielern der Blau-Weißen Ermüdungserscheinungen bemerkbar machten, auch noch den Siegestreffer anzubringen.
Die Blau-Weißen in der Aufstellung Fischer, Hain, Jäger, Liebt, Krämer, Bischoff, Löbsack, Schellhaas, Hormel Kociok, Heuser waren ein gut zusammen- arbeitenbes Gebilde, aus dem Fischer besonders hervorragte. Bei Nieder-Florstadt war es Hübner, der die Leistung seiner Mitspieler um einiges übertraf. Zahlreich war der Besuch, den man mit 1200 Zuschauern nicht zu hoch schätzte.
Nieder-Florsladl II — 1900 II 1:1.
Die Reserve der Blau-Weißen kam nur zu einem Unentschieden, da es der Sturm nicht verstand, aus den recht zahlreichen Torgelegenheiten einen Sieg zu gestalten.
Fußball in Lich.
Lich I. — Heuchelheim I. 5:3 (3 :1).
Ein auserlesenes Programm bot der VfR. an den diesjährigen Dfterfeiertagen seinen Anhängern. Am Karfreitag empfingen bie Rasenspieler die kampferprobte Erste vom Tb. Heuchelheim, mit ber die Grün-Weißen schon manch schweren Kampf aus- getragen haben. Mit dem Anstoß legten sie gleich mächtig los und konnten so bis zur Halbzeit schon eine 3:1 - Führung herausarbeiten. In der zweiten Spielhälfte hatten bie Gäste etwas mehr vom Spiel und konnten auch zwei Tore aufholen, doch bis zum Spielschluß stellten die Rasenspieler die Halbzeit- bifferenz roieber her.
Lich I. — „kickers vikioria" Mühlheim 0:5 (0:1).
Für den zweiten Feiertag hatten die Rasenspieler bie Erste von „Kickers-Viktoria" Mühlheim verpflichtet, die in ber Bezirksklasse der Gruppe Starkenburg hinter dem Tabellenführer GfL. Darmstadt den zweiten Platz einnimmt. Das Spiel war eine Werbung für den hiesigen Fußballsport. Die Gäste zeigten, was man von einer führenden Bezirksklassenmannschaft erwartet. Wenn bie Einheimischen auch hoch verloren, so bürsten sie boch die Gewißheit
haben, den Gegner zur Hergabe seines ganzen Kon« nens gezwungen zu haben. Bis zur Halbzeit vermochten bie Rasenspieler bas Spiel einigermaßen offen zu halten, dann aber machte sich doch das Karfreitagspiel bei den einzelnen Spielern bemerkbar, so daß Lichs Hüter noch viermal den Ball aus dem Netz holen mußte. Das im echten Freundschaftsgeist durchgeführte Spiel sowie die am ersten und zweiten Feiertag mit den Spielern der Grün- Weißen verlebten kameradschaftlichen Stunden veranlaßten die Gäste, die Rasenspieler für ein Rückspiel an Pfingsten nach Mühlheim zu verpflichten.
Oer Staffelsieger
um die Bannmeisterschast im Handball
Der kommende Sonntag bringt für die Gruppe Gießen nur eine Ansetzung, während in der Friedberger Gruppe 3 Spiele gestartet werden. Aus Zeitmangel mußte man hier sogar den Samstag mit in Anspruch nehmen, um eine rechtzeitige Abwicklung der Spiele zu gewährleisten.
In Gießen spielen 1 9 0 0 Gießen b — Holzheim. Die Blau-Weißen empfangen auf eigenem Platze den vorjährigen Bannmeister Tv. Holzheim. Ueberraschenderweise hat Holzheim in diesem Jahre das erste Spiel gegen die Mannschaft des Männer- turnoereins verloren und ist bei einem weiteren Spielverlust durch das Einrundensystem für den Gruppensieger ausgeschlossen. Der Platzvorteil der 1900er sollte die knappe Ueberlegenheit der Holzheimer aufwiegen und das Spiel offen und ausgeglichen gestalten.
Die Gruppe Friedberg bringt folgende Ansetzungen: Samstag: Gef. 34/116 — Gambach; Sonntag: Gambach — Münzenberg; Pohl-Göns — Gef. 34/116.
Rundfunkprogramm
Freitag, 14. April.
5.50: Bauer merk auf! 6: Morgenlieb — Morgenspruch — Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. Es spielt das Musikkorps ber 5. Marine-Artl.-Abt. Pillau. 7: Nachrichten. 8.10: Gymnastik. 8.25: Mutter turnt und spielt mit dem Kind. Als unser Mops ein Möpschen war! 8.40: Froher Klang zur Werkpause. Es spielt bas Hermann-Hagestebt-Orchester. 10: Schulfunk. Germanin — Bayer 205. Ein deutsches Medikament entseucht Afrika. Hörfolge. 10.30: Wie wirb bas Leistungszeichen ber HI. abgenommen? Rundfunkberichte von Andreas Glas. 11.40: Ruf ins Land. 12: Mittagskonzert I. Es spielt bas Landes- Sinfonie-Orchester Saarpfalz. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert II. 14: Nachrichten. 14.10: Die große Oper. Szenen aus „Die Perlenfischer", von Georges Bizet. 16: Nachmittagskonzert. 17 bis 17.10: Mein Weg zur Bühne: Brigitte Horney. 18: Sport ber Woche und für den Sonntag. 18.15: Spiralfebern und Ballonreifen. 18.30: Rheinischer Humor. Heitere Unterhaltung mit Hans Müller-Schlösser. 18.15: Tagesspiegel. 19.30: Der fröhliche Lautsprecher. (Jn- bustrie-Schallplatten und Eigenaufnahmen.) 20: Nachrichten — Grenzecho. 20.15: Stimmen, bie uns begeistern (V). (Industrie-Schallplatten und Eigenaufnahmen.) 20.45: Kammermusik. 22: Nachrichten. 22.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk — Sportbericht. 22.15: Kamerad, wo bis du? 22.30: Unter« haltungskvnzert. Es spielt das Leipziger Sinfonieorchester. 24 bis 3: Nachtkonzert. 1. Teil: Meisterkonzert — Werke von Franz Schubert. 2. Teil: Allerlei zur Unterhaltung.
Abrador
Wäfcht Hände
rillenfauber
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lmdner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
1 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er hatte recht und doch auch wieder nicht recht. Peter Holk erwartete tatsächlich jemanden und war zu diesem Zweck auf die Plattform herausgekom- men, aber es war gleichzeitig jemand, den er jetzt erst kennenlernen sollte.
Während sein Assistent Pässe und Flugscheine entgegennahm und den nach Zürich Weiterfliegenden die Richtung zur Zollstelle wies, musterte Holk bie Aussteigenden sehr aufmerksam. Die beiden Damen, ber ungebulbige Herr unb der Herr vom Arme- sünderbänkchen wollten weiterfliegen; die beiden Herren aus ber Raucherkabine unb bas Ehepaar schienen am Ziel zu sein.
Als letzter stieg ber gemütliche bitte Herr aus, unb auf ihn ging Holk zu. „Kommissar Weber?" fragte er halblaut. _ ..
„Derselbe, unb in Ihnen" — ein Blick auf bie Mütze — „barf ich wohl ben Flugleiter biefes Platzes begrüßen?"
Holk nickte unb nannte mit einer knappen Verbeugung seinen Namen, bann fuhr er fort: „Kommissar Böninger erwartet Sie in meinem Zimmer, es schien ihm zweckmäßiger, als sich hier draußen $ Der ^dicke Herr hatte das gemütliche Wesen, das so gut zu seiner äußeren Erscheinung paßte, völlig abgelegt unb zeigte sich als ber, ber er in Wirklichkeit n>ar: einer ber tüchtigsten Kriminalisten Berlins. „Es kommen nach meinen Beobachtungen nur bie beiden Damen in Betracht", sagte er, währenb er an Holks Seite weiterging. „Ich nehme an, Sie finb orientiert." , , m..
„Doch. In diesem Fall hat mir Kommissar Bo- ninger natürlich gesagt, um was es sich handelt.
Natürlich", nickte Weber zustimmend. „Wissen Sie, was der Kollege sonst noch veranlaßt hat? — Die Zeit war leider höllisch knapp, sie reichte gerade noch, das Flugzeug zu fassen."
„Ich sott Sie sogar gleich unterrichten, damit es rascher geht. Die Passagiere nach Guttstadt sind genau bekannt, mir haben sie also passieren lassen. Die Passe für Zürich werden zurückgehalten, bis Sie Kommissar Böninger gesprochen haben."
„Sehr gut!" warf Weber zufrieden ein.
„Außerdem sind überall Beamte der Kriminalpolizei verteilt", fuhr Holk fort, „unb hier sind wir angelangt. Darf ich bitten."
Bei ihrem Eintritt erhob sich ber Herr, ber gewartet hatte. Nach kurzer Begrüßung — sie kannten sich von früherer Zusammenarbeit — kam man zur Sache. Der Berliner Kommissar wiederholte nochmals kurz den Vorgang, ber zu seinem Erscheinen geführt hatte.
„Sie wissen von dem großen Juwelendiebstahl in London an einem der bekanntesten Juweliere, der in ein Hotel gelockt unb dort überfallen wurde. Alle Anzeichen beuten darauf hin, daß auch hierbei wieder bas Chamäleon dahintersteckt."
„Wer?" fragte Holk verblüfft. Böninger gab ihm rasch Auskunft.
„Ein Verbrecherhäuptling, Spezialität Juwelenraub unb ein solcher Meister ber Verkleibung, baß er bei ber Polizei aller Länber unter diesem Namen bekannt ist", erklärte er.
Sein Berliner Kollege nickte zustimmend. „Hemmungslos, gefährlich, aber leider sehr intelligent", setzte er bie Beschreibung fort. „Er versteht es glänzend, andere seine schmutzigste Arbeit machen zu lassen unb im Dunkel zu bleiben — nur ganz große Sachen, bie macht er selber. Faßt man seine Leute, erfährt man nichts. Entweder hält er sie im unklaren, ober sie haben zuviel Angst vor ihm. Na, diesmal war Scotland Bard flinker als er gedacht hatte, man erwischte die eigentlichen Diebe und auch ben größten Teil ber Beute. Es fehlt a'ber noch ein Kollier, bas ber „große Unbekannte" genommen haben soll, unb außerdem fehlen neun äußerst wertvolle Platinringe, die auf Befehl eben dieses „großen Unbekannten" durch eine Frau in die Schweiz geschafft werden sollen. Natürlich hat ber Kerl ba auch sein Beziehungen, wahrscheinlich will er die Sachen im Orient verschärfen; Kairo ist immer günstig für solche Geschäfte."
„Und haben Sie unterwegs etwas bemerkt?" fragte Böninger gespannt.
„Nichts. Anfängerinnen hat das Chamäleon bestimmt nicht im Dienst. Es soll sich, wie bie Engländer herausgekriegt haben, um eine frühere Schauspielerin handeln, die häufig für bas Chamäleon gearbeitet hat und dabei talentierter zu fein scheint als auf der Bühne. Sie hat es beispielsweise fertiggebracht, bei Lord Minslow drei Monate lang aufopfernde Krankenschwester zu sein, bis fie über die Juwelen so gut Bescheid wußte, daß es eine Kleinigkeit war, sie zu holen. Ihr Pflegling, ein alter Herr, ben ber Verlust ber Juwelen nicht so schwer traf, wie seine Schwiegertöchter, bie sie mal erben wollten, schwört heute
noch auf die wunderbare Pflege von Schwester Helen, wie sie sich damals nannte. Also Blößen gibt sich bie smarte Anita, wie sie in ihren Kreisen heißt, so leicht nicht, sie kann ebenso bie einfach unb vornehm wirkende Dame in Schwarz, wie die andere in der großen Ausmachung sein."
„Und wenn es keine von beiden ist?" warf Bö- n'inger besorgt ein.
„Dann bleibt uns nichts übrig, als uns vielmals zu entschuldigen. Die Informationen aus London sind aber so, daß wir dieser Spur nachgehen müssen. Der Funkspruch von Scotland Pard kam eine Viertelstunde vor Abgang des Flugzeuges, für Rückfragen war keine Zeit, wir konnten Ihnen gerade noch knapp Nachricht geben. Wir müssen es also darauf ankommen lassen unb bie beiben Damen hierher bitten."
„Wollen Sie beide gleichzeitig verhören?" fragte Böninger.
„Ich möchte bas Verhör Ihnen überlassen unb lieber im Hintergründe bleiben", entgegnete Weder Vielleicht fällt mir bann boch noch etwas auf Wollen Sie jetzt bitte bie Pässe unb ihre Inhaberinnen holen lassen."
„Aber wir versäumen boch ben Anschluß!" sagte die elegante Dame empört, als sie mit ihrer Reise- gefährÜn höflich a'ber bestimmt aufgefordert wurde, in bas Zimmer der Flugleitung zu kommen.
„Wir haben gerade noch zehn Minuten Zeit", fügte bie Dame in Schwarz hinzu.
„Eine Formalität, sie wird voraussichtlich in ein paar Minuten erledigt sein", erklärte ber Flugleiterassistent. Er wollte seiner Instruktion gemäß jebes Aufsehen oermeiben und vorläufig ben Anschein erwecken, baß es sich um eine Passageangelegenheit handele.
Dieser Einbruck konnte aüerbings nicht lange erhalten bleiben, benn beim ^Betreten des Zimmers fielen bie Blicke ber beiben Frauen sofort auf ihre Pässe, bie ein Herr in ber Hanb hielt, unb gleichzeitig erkannten sie in bem Manne im Hintergrunb bcs Zimmers ihren Mitreisenden.
Man bot ihnen höflich Platz an, bann bat ber, unbekannte Herr, b’er mit einer knappen Verbeugung etwas gemurmelt hatte, was anfcheinenb eine Vorstellung sein sollte, ein paar Fragen stellen zu bürfen. Er wartete die Erlaubnis nicht ab, sondern blätterte den ersten Paß auf.
„Wer von ben Damen ist Claubine Wegner?"
„Ich", sagte die Dame in Schwarz.
„Claubine Wegner, geborene Wegner", las ber Kommissar halblaut. „Hier steht als Berus Angestellte. Sie sind verheiratet?"
„Nein. Ich bin geschieden und habe meinen Mädchennamen wieder angenommen", war die knappe Antwort.
„Hm. Ihr Paß ist ganz neu?"
„Gewiß. Ich habe ihn erst für diese Reise angefordert."
„Und was ist ber Grunb dieser Reise?"
„Eine Familienangelegenheit." Man merkte, baß sie anfing, nervös zu werden.
„Näheres wollen Sie darüber nicht verraten?"
„Näheres weiß ich selbst nicht", war die überraschende Antwort.
Der Kommissar wollte etwas erwidern, schien sich dann aber eines anderen besonnen zu haben und griff nach bem zweiten Paß. Es war ein Auslanbs« paß. „Else Katharina Leikat, geboren Tartu, Estland", las er halblaut.
„Jawohl, aber mit meinem Künstlernamen heiße ich Daisy Davis", fiel die elegante Dame hastig ein.
„Sie sind Schauspielerin?"
„Sängerin. Ich fahre ins Engagement."
„Wohin, bitte?"
„Korso, Zürich." Die Antworten tarnen rasch unb sicher. „Ich muß heute abenb auftreten, ich barf ben Anschluß nicht versäumen", setzte sie aufgeregt hinzu.
„Das Programm wechselt boch immer am Ersten", bemerkte Böninger, ber in Zürich gut Bescheid wußte. o
Die elegante Dame zuckte die Achseln. „Tut mir leih, ich bin zum fünfzehnten engagiert, und bas ist heute", erwiderte sie etwas schnippisch.~
„Wir wollen Sie auch nicht länger aufhalten als nötig ist, meine Damen", versicherte Böninger, bem es etwas ungemütlich wurde, ba Weber im Hintergrund ihm andeutete, daß er noch genau so im Dunkeln tappe, wie bisher. „Ader ich muß Ihr Gepäck leider noch einmal gründlich durchsuchen lassen. Eine von Ihnen ist verdächtig, unerlaubtes Gut zu befördern".
Ehe die beiden Uederraschten etwas sagen konnten, betrat eine kräftig aussehend'e Frau bas Zimmer.
„Bei ber Schwere bcs Falles können wir Ihnen leiber eine körperliche Untersuchung nicht ersparen", sagte Böninger verbindlich, „aber unsere Frau Schmibt ist sehr erfahren unb wirb es so kurz wie möglich machen."
Beide Damen waren entsetzt unb empört aufgesprungen, die elegante war bie Zungenfertigere: „Was fällt Ihnen ein! Wer sind Sie überhaupt, daß Sie sich so was rausnehmen? Unerhört! Ich werde mich bei meiner Gesandtschaft beschweren", zeterte sie. (Fortsetzung folgt.)


