Polen — von innen gesehen.
Oie Minderheitenverpflichtung als Bedingung für Polens Unabhängigkeit.
20 Jahre versagen auf der ganzen Linie.
Der Admiral der ersten deutschen Flotte
Zur Erinnerung an Karl Rudolf Brommy.
Von unserem H. A.-Miiarbeiier.
den Staatswesens immer wieder erweist. Nun könnte sich aus diesen ausländischen Feststellungen die Frage ergeben, ob die Polen überhaupt der Aufgabe einer Staatsbildung und -sührung eher gewachsen gewesen wären, wenn man ihnen von vornherein die Möglichkeit gelassen hätte, ganz unter sich 311 sein, d.h. wenn man ihnen 1919 ihre geopolitischen und ethnographischen Fälschungen in Versailles als Fälschungen nachgewiesen hatte und ihnen weder deutsche, noch weißrussische, noch litauische, noch ukrainische Gebiete entgegen dem Selbstbestimmungsrecht der Völker zugeteilt hätte.
Die Antwort aus diese Frage erscheint uns einfach. Polen hat, wie das gleichfalls künstliche und ethnographisch sinnlose Konklomerat der alten Tschecho-Slowakei, 20 Jahre lang Gelegenheit gehabt, für seine vermeintlichen Fähigkeiten der Staatsbildung und -Leitung den Nachweis zu erbringen. Das hätte umso eher möglich sein müssen, als der Versailler Polenstaat während der weitaus größten Zeit seiner Existenz der verwöhnte Liebling der beiden führenden Versailler und Genfer Staaten gewesen ist. Polen hat diesen Nachweis so wenig zu erbringen vermocht, wie seinerzeit die bunte Staatskonstruktion an der Moldau. Es wurde in den zwei Jahrzehnten seiner Existenz so sehr zum politischen enfant ter- rible Europas, daß nicht nur zahlreiche ausländische Staatsmänner, sondern auch hohe Militärs in der Form und Zusammensetzung des heuttgen Polens geradezu den Herd für einen europäischen Krieg sahen und sehen.
Ein unverkennbar tragisches Moment gibt es in der kurzen Geschichte des neuen Polen, die achtung- aebietende Gestalt Pilsudskis. Der Marschall hat es in der Tat nicht verdient, daß eine Gruppe von Epigonen sein Lebenswerk in derart weltfremder und leichtfertiger Weise aufs Spiel setzt. Aber der Marschall ist tot, und der Kranz, den sein unebenbürtiger Nachfolger Rydz-Smigly ihm jetzt aus Anlaß der Legionärstagung wieder an seiner Gruft niederlegte, wirkt wie die billige Geste eines Nachgeordneten Funkttonärs, der seine Fähigkeiten weit überschätzt...
Dresden, im August 1939.
Dom 12. bis 14. August findet in Dresden der Bundestag des NS.Marinebundes statt. Zugleich vereinen sich die Männer der deutschen Mittelmeer-Division und die Orientkämpfer der Marine des Weltkrieges zum Traditionsttefien. Dabei wird man auch des Admirals der ersten deutschen Flotte, Karl Rudolf B r 0 m m y s, gedenken.
„Er forderte eine deutsche Flotte, er forderte eine deutsche Flagge. Was hätte er für das deutsche Volk leisten können, wäre Deutschland nicht in 39 souveräne, in gegenseittger Eifersucht sich erschöpfende Territorialstaaten zerrissen gewesen." Genau wie auf Friedrich List, dessen Geburtstag sich jetzt zum 150. Male jährte, treffen diese Worte auch auf Karl Rudolf Bromme, genannt Brommy, zu. Sein Name wird von manchem Lexikon verschwiegen, und doch ist Brommy kein geringerer als der Admiral der er st en deutschen Flotte gewesen.
In Anger bei Leipzig wurde er am 10. September 1804 geboren. Ais junger Seemann fährt er auf den Meeren der Welt, auf denen die Flaggen Englands, Frankreichs und Spaniens, aber keine Flaggen Deutschlands zu sehen sind. Als 1821 der griechische Freiheitstampf gegen die türkische Herrschaft anhebt und das vom griechischen Altertum begeisterte Europa dem erwachenden Volk feine Unterstützung leiht, findet auch Brommys kämpferischer Geist eine Aufgabe. Er tritt in die griechische Marine ein, der er die organisatorische Grundlage gibt. Er steigt schnell zu hohen Stellungen empor, vergißt über nicht das Vaterland, dem er 1847 ein wissenschaftliches Werk über die
III. (Schluß).
lieber 800 000 Deutsche in zehn Jahren! Als am 30 Juni 1919 dem polnischen Parlament der im gleichen Jahre der in Paris unterzeichnete Minderheitenschutzvertrag vorgelegt wird, wollen ihn die polnischen Abgeordneten sofort ablehnen. Aber der Sejm muß sich durch den Staatspräsidenten, den Klavieroirtuosen Paderewski, darüber belehren lgssen, daß der Derttag eine der entscheidenden Bedingungen für die Gewährung der Unabhängigkeit an Polen ist. Polen ratifiziert den Derttag und — kehrt ihn ins Gegenteil um. In den Teilen Posens und Westpreuhens, die dem Reich durch das Versailler Diktat geraubt werden, wohnen 1 200 000 Deutsche. Nach 10 Jahren sind es — was heißt hier Minderheitenschutzoertrag! — nur noch 350 000. Der Verlust der deutschen Bevölkerung beträgt <mf dem Land 55, in den Städten sogar 85 v. H. In der gleichen Zeit, also von 1919 bis 1929, werden 500 000 Hektar oder 2 Millionen M 0 r g e n deutschenBesitzes enteignet. Seitdem find wieder 10 Jahre verflossen. Die Enteignungspolitik ist pausenlos weitergegangen. Auf polnisch nennt man das „Agrarreform". Heute ist nicht etwa Warschau, sondern Posen die Stadt mit der stärksten polnischen Bevölkerung Polens.
Aber gibt es nicht, in Genf eine Mmderheiten- kommission des „Völkerbundes"? Die gibt es. Die Kommission war bis zum gänzlichen Einschlafen des Völkerbundes eifrig damit beschäftigt, sämtliche eingehenden Minderheitenbeschwerden zur Kenntnis zu nehmen, gelegentlich einige davon in der obligaten Schausitzung scheinbar zu behandeln und sie dann nach Genfer Gewohnheit dem Aktenkeller zu uber- weisen. Immerhin ging sogar dem sogenannten Völkerbund das polnische Agrarreform g e s e tz von 1923 über die Hutschnur und er verbot seine Durchführung; ine Widersprüche zum Minderheitenabkommen und zu den Minderheitengesetzen waren denn doch zu happig, die „Agrarreform" sah immerhin eine alljährliche Enteignung von 220 000 Hektar vor. Natürlich nennt man das nicht Enteignung, sondern Warschau sagt „Parzellierung". Am 14. September 1934 ein Dreivierteljahr nach dem Abschluß des deutsch-polnischen Vertrages, machte sich Polen durch eine Erklärung seines Außenministers B e cf in Genf praktisch v 0 n den Verpflichtungen der Minderheitenverträge los, daß selbst der Dölkerbunds- rat auf die unzulässige Einseitigkeit dieser Erklärung hinwies, war eine übliche Förmlichkeit, nichts mehr.
Was tut man nun aber mit Volksdeutschen polnischer Staatsangehörigkeit (also staatsrechtlich gesehen vollgültigen polnischen Staatsbürger!), die selbst mit solchen Mitteln wie der „Agrarreform" nicht wegzubringen sind? Für polnische Begrifie gibt es mehrere Möglichkeiten. Zum Beispiel: Man konstruiert das sog. „Wiederkaufsrecht"; wenn ein deutschstämmiger Siedler stirbt, dann dürfen seine Erben nicht etwa den Hof übernehmen, sondern er verfällt dem Staat, der ihn — auf dem Papier — „zurückkauft". Oder die polnische Polizei bringt durch fachmännischen Einbruch S p r e n g st 0 f f e in den Keller einer Person oder Organisation, die man auf jeden Fall loswerden will. Oder man schließt beispielsweise die Betriebe deutscher Blätter, Bäckereien, Schulen usw. mit der amtlichen Behauptung, daß sie „nicht den sanitären Anforderungen entsprechen", auch dann, wenn der Betrieb hochmodern ist und geradezu eine Musteranlage darstellt!
Der polnische Teil der Ukraine, der seit 1919 die blutigsten „Pazifierungen" durch polnisches Militär hat erdulden müssen, steht seit mehr als einem Jahrzehnt im erbitterten Daueraufruhr gegen den polnischen Terror. Schwerste Unterdrückungsmethoden, regelmäßige Heimsuchungen durch polnische Kavallerie-Regimenter, fürchterliche Folterungen wehrloser Bauern auch hier, Beschlagnahme von Wahllisten — das ist Warschaus Politik in der
Ukraine. Der kanadische Journalist Day, Vertreter der „Canadian Times", bereist auf Grund der ukrainischen Appelle an das Weltgewissen das Gebiet, sieht die schrecklichen Verwüstungen zerstörter Dörfer usw., schreibt seine Gespräche mit Bauern auf, die man zu Krüppeln gefoltert hat, macht zah^ reiche Photos und — wird bei der Rückkehr nach Warschau verhaftet und nach Beschlagnahme seiner sämtlichen Photos und Aufzeichnungen ausgewiesen. Im Anschluß daran geht eine neue Marterwelle über das unglückliche Land, und wie schon so oft, erfolgen zahlreiche Selbstmorde der Gepeinigten.
Im gleichen Gebiet sitzen 1,5 Millionen Weiß- russen. Es will schon etwas sagen, wenn diese Minderheit nach allen bisherigen Erfahrungen mit der polnischen Terrorpolitik lieber heute als morgen sogar nach Sowjetrußland gehen möchte! Die einstigen 541 Volksschulen der Weißrussen waren schon 1926 ausgerottet. Mit einer Armee von 25 000 Mann „erkämpfte sich" Warschau eine Schreckensherrschaft über einen wehrlosen Dolksteil. Am 15. Januar 1927 werden bei einer großen Razzia in Wilna und Warschau fast 100 weißrussische Führer einschließlich der Sejm-Abgeordneten ohne Rücksicht auf ihre Immunität verhaftet. Nach mehr als einjähriger Haft werden 37 von ihnen, darunter die Abgeordneten, zu Zuchthausstrafen bis zu zwölf Jahren verurteilt. Grunds „Landesverrat".
Von 1919 bis mitten in die Krise hinein von 1939 ist den Polen von den verschiedensten ausländischen Staatsmännern, Polittkern und Publizisten geradezu serienweise bescheinigt worden, daß ihre frühere wie ihre heutige Geschichte die Unfähigkeit der Polen zur Bildung und Leitung eines geordneten, europäischen Anforderungen entsprechen
Marine, das erste in deutscher Sprache, schenkt, sein Buch „Die Marine", das heute wie einst fesselnd lesen ist. 1848 tritt er in die von der Frankfurter Nationalversammlung gebildete Flottenkommission ein und übernimmt die schwere Aufgabe, den Plan einer deutschen Flotte zu verwirklichen. Der Kampf der Schleswig-Holsteiner gegen Dänemark, der von Preußen und dem deutschen Bund unterstützt wurde, drängt zu schnellster Tat. Aber bald macht sich der Zwiespalt zwischen dem Frankfurter Parlament und den Regierungen der deutschen Staaten bemerkbar. Es mangelt an Geld, das vom Parlament zwar bewilligt, aber von den Regierungen nicht gegeben wird. Es mangelt an Schiffen und an Mannschaften. Dennoch gelingt es Brommy nach dem Erfolg bei Eckernförde, wo am 5. April 1849 die Schleswiger von Land aus zwei dänische Schiffe nehmen, darunter die spätere Fregatte „Eckernförde", die letzten Schwierigkeiten zu überwinden. Aber nur einmal zeigte die Flotte auf hoher See die deutsche Flagge, als drei ihrer Schiffe im Juni 1849 aus der Wefer- mündung ausfuhren und bei Helgoland sich Mit dänischen Streitkräften maßen. Dann wurde das Werk, das vom deutschen Volke mit Begeisterung verfolgt und durch manches Opfer gefördert worden war, wieder zum Objekt des Streites um die Vorherrschaft in Deutschland, bis am 2. April 1852 die Auflösung der Flotte beschlossen wurde.
Brommys Lebensziel war zerschlagen. Die Mehrzahl der Schiffe wurde versteigert. Nur zwei, Brommys Flaggschiff „Barbarossa" und die „Eckernförde", gingen schon vor der Versteigerung an Preußen über. Sie sollten so den Grundstein legen helfen zu jener Flotte, aus der schließlich die stolze deutsche Kriegsmarine hervorging. Brommy
jedoch, um seiner Verdienste willen zum Konter- admiral ernannt, erging es nicht besser als vielen großen Männern seiner Zeit. Vorübergehend tat er noch Dienst in der österreichischen Manne, aber seine Kräfte waren dahin, und schon 1860 starb er in St. Magnus bei Bremen. In der Marine blieb ein Vorbild lebendig. Lange fanden seine, für die erste deutsche Flotte verfaßten Dienstvorschriften Anwendung, doch im Volk war er vergessen, big in Sachsen das von Gauleiter Reichsstatthalter M u t s ch rn a n n geförderte Heimatwerk auch seiner Leistung wieder gerecht wurde. Der Dichter Zerkauten hat ihn in einem Schauspiel ein poetisches Denkmal gesetzt.
1939 — wieder ein gutes Erniejahr.
Den wichttgsten Faktor für eine unabhängige, auch im Kriegsfall gesicherte Volksernährung bildet die Ernte im eigenen Lande. Daß die Ernteergebnisse von Jahr zu Jahr wesentlichen Schwankungen unterliegen und daß in unserem Klimaraum gute, mittelmäßige und schlechte Ernten verhältnismäßig oft sich abwechseln, ist bekannt. Aus diesem Grunde haben wir heute eine sehr vorsichtige Marktlenkunz eingeführt und das Prinzip der Dorratswirtschch und Aufspeicherung in guten Erntejahren in unu
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fassendster Form zur Anwendung gebracht. Jeden, falls lassen wir uns von dem mehr oder wenig« guten Ausfall einer Einzelernte nicht Überraschen sondern treiben durch Marktlenkung, Vorratswin. schäft und Aufspeicherung eine ausgeglichene Er. nährungspolitik, die jeden ernsten Mangel aus* * schließt.
Wir können nicht leugnen, daß es der Himmel it den letzten Jahren mit dem deutschen Acker gw meinte. Brachte das Jahr 1937 bereits eine Ju> friedenstellende, also mittelmäßige Ernte, so steigen, sich die Ernte 1938 — abgesehen von den Beem. und Obstfrüchten — ganz beträchtlich. Wir wann 1938 in der angenehmen Lage, große MenM überschüssiges Brotgetreide aufzuspeichern. Jetzt iv die Ernte 1939 in vollem Gange, und m haben schon die Möglichkeit, eine ziemlich zuvei lästige Ernteschätzung abzugeben. Wieder stehen wir vor der Tatsache, daß von den Getreidefeldern eini Ernte flut in die Scheuern gefahren wird, die it den meisten Gauen das Durchschnittsergeb- nis vom Vorjahr übersteigt. Das Körnet, ergebnis von Weizen und Roggen ist hervorragend und selbst auf den Sandböden, die Deutschland im Norden des Reiches besitzt, sind die Aehren so gut entwickelt, wie man es seit vielen Jahren auf biejtv Bodenarten nicht mehr festgestellt hat. Hinzu komm: daß das Getreide fast allgemein von tierischen uni pflanzlichen Schmarotzern vollkommen verschont ge. blieben ist. Man stellte lediglich begrenzte nach teilige Folgen durch Verunkrautung fest, eine Gr- scheinung, die wir auf allen unseren Aeckern Der- zeichnen. Dieses Wuchern des Unkrautes ist eine bedauerliche Folge des Landarbeitermangels. G- fehlt an Kräften, die eine der Klein arbeite// bes Bauern, das Jäten, in dem erforderliche^ ^i/smaR und regelmäßig durchführen können. Hin ist ein Punkt der landwirtschaftlichen Arbeit, der zugunsten unserer Felderträge im nächsten Jahr ernstlich berücksichtigt werden muß.
Während die Getreide-, Beeren- und Dbfternte als gut bezeichnet werden muß — wenn sich auch hier und da durch Regenperioden Verzögerungen in der Einbringung und qualitative Beeinträch tigungen ergeben — ist das Ergebnis der späteren Ernteprodukte (Hackfrüchte, Kartoffeln und die vei" schiedenen Rübensorten) bis jetzt nur zu schätzen Nach dem Ergebnis der Frühkartoffelernte und naii verschiedenen Stichproben bei den Winterkartoffeln > und bei den Rüben sind aber auch hier die beste/.
Erinnerung an kleine Ferienfreuden.
Don Christian Bock.
Nichts ist so wunderbar und schwingend frei wie morgens im Ferienhotel die teppichweiche Treppe in feierlichem Schritt herunterzugehen, allem aufgeschlossen, was heute Freundliches geschehen kann — hier gelten Sprichwörter umgekehrt: Du sollst den Taa schon vor dem Abend loben!
Geh durch den langen Gang auf die Terrasse, da stehen weiß verhängte Tische in der schrägen Morgenfrühen Sonne, setz dich hin und sieh dich in der Landschaft um, gleich kommt ein weißbeschürzter Engel, der ist ein Ober von Beruf und schwebt mit dem Frühstück zu dir hin.
Ich saß am Frühstückstisch eines Ferienmorgens. Ein dicker Streifen Sonne fiel schräg zwischen Häuserwände auf die Hotelterrasse und traf da einen Herrn, der saß mit mir am Tisch. Der Herr aber ließ sich eine Ansichtskarte vorn Hotel geben und schrieb darauf etwas an die zu Hause. Dann drehte er die Karte um und malte mit Sorgfalt e’m Kreuz mit Bleistift an ein Fenster des Hotels und malte an das Kreuz den Satz: „Hier schlafe ich."
Und nun sehe ich die Guten zu Hause schon diese Karte betrachten und das Fenster, mit einem merkwürdigen Blick, so als versuchten sie, am hellen Tag zu träumen. Tatsächlich ist das eines der phantastischsten Dinge, die es gibt: sich einen, mit dem man außerdem verwandt ist, weit weg hinter einem Postkartenfenster vorzustellen.
*
Eigentlich habe ich einmal etwas ganz anderes vorgehabt als solche Ferienreise im gewohnten Stil bes 20. Jahrhunderts — eigentlich möchte ich einmal etwas ganz anderes: In einem schlechten Auto mit einem Mädchen, das ein richtig guter Kerl sein müßte, durch die Lande karriolen. Immer von da nach da, wohin wir gerade wollten, und wir würden immer mächtig einverstanden miteinander sein, wohin wir morgen fahren wollten, in allen Dingen. Habe ich schon gesagt: in einem schlechten Auto —? Ein oller ausgewrackter Karren müßte es fein, so einer, zu dem man Du sagen kann. Nur laufen müßte er noch ein wenig. So würden wir über die Landstraßen stromern mit unserem Tösf-Töff, mächtigen Krach würden wir machen, und es wäre wunderschön alles miteinander.
Ob mir dieser Wunsch jemals in Erfüllung geht — ich weiß es nicht.
Rund um den Badeort herum liegt lauter Landschaft, in der wir spazieren wandeln. Sehr beliebt ist ein Tümpel im Walde, in dem Schwäne majestätisch rudern. Um diesen Tümpel herum sind Bänke aufgestellt, und auf den Bänken sitzen die Leute. Die Leute betrachten den Tümpel mit den Schwänen. Die Schwäne betrachten auch manchmal gelangweilt die Leute. Aber die Leute merken nichts. Es fällt ihnen gar nicht ein, sich von den Schwänen betrachtet zu fühlen.
*
Einer von den Kurgästen ist ein älterer Herr.
Er sitzt ganze Stunden allein reglos auf einem Stuhl, durch eine schmalgeränderte Brille in die Wolken schauend, dem Zustand nahe, da man gar nichts denkt, absolut nichts. Er bewegt nur Die Zehen in den Stiefeln. Auf und ab. Im Takt lautlos gesummter Melodien.
Nach sorgfältig vorgefaßten Plänen macht er Spaziergänge in die von Prospekten empfohlene Umgebung. Unterwegs schreibt er von Tafeln, die in den Prospektwäldern stehen, Verse in ein Wachstuchheft ab. Und abends, wenn er nach Hause kommt, lieft er die Verse stehend den anderen Kurgästen vor. Sie handeln in gefälligem Rhythmus von weg- geworfenen Streichhölzern, die Brände verursachen können, auch von Butterbrotpapieren, die häßliche Unzier in Wäldern sind, und alles dieses reimt sich.
Danach setzt er sich dann an seinen Tisch, wartet auf das Abendbrot und bewegt einstweilen wieder die Zehen in den Stiefeln. Auf und ab. Vielleicht im Rhythmus jener Verse.
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Ganz ohne Gewicht sind die Geschehnisse, die draußen in der Welt geschehen, sie mögen noch so wichtig sein, sie mögen nachher in die Lesebücher kommen, wichtig ist hier nur dgs Leben selbst. Wichtig ist, ganz zu spüren, daß man da ist, lebt, mit- fpielt, daß man Wünsche hat, für die es zu leben lo^ni, wichtig ist, was man „ganz persönlichen Kram" nennt: das Leben.
*
Für die langen Sommerabende haben wir eine hübsche Beschäftigung erfunden.
Wir sitzen zu zweien (sie heißt Corinna) auf dem Balkon des Hotels, wir haben jeder einen Notizblock und einen Bleistift in der Hand und sehen auf die Straße herunter. Manchmal kommen Leute vorüber. Wenn jemand kommt, macht Corinna: „Ho — hömm!" Und dann sehen wir zu, wie die Leute, die vorübergehen, sich dazu stellen. Wer sich nach uns umdreht, kriegt einen Strich auf dem Notizblock. Corinna notiert die Herren und ich notiere die Damen. 'Wir wechseln uns ab, morgen notiere ich die Herren,
und sie notiert die Damen. Außerdem darf i ch morgen „Hö — hömm!" sagen.
Was wir mit dem statistischen Material später anfangen wollen, wissen wir noch nicht recht, aber vielleicht gewinnen wir noch daraus bedeutsame Erkenntnisse.
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Ganz geruhsam sind die Abende drinnen. Die Gaststube ist ganz klein, man kann sie mit vier Schritten nehmen. Wir sitzen mit Träumen über den weißen Tischtüchern und sehen auf verwischte Kaffeeflecke.
Manchmal räuspert sich ein Kurgast — und es ist wie ein hörbarer Schlußpunkt hinter viele Gedanken. Alle sehen sich an, und dann räuspert er sich noch einmal, verlegen mit vorgehaltener Hand, als schämte er sich vor uns.
Aus einem ganz richtigen Gefühl heraus: daß man in solcher Stille hört, was der andere denkt ...
Die Vogelscheuchen.
Don Karl Heinrich Wagaerl.
Habt ihr schon einmal eins von diesen sonderbaren Geschöpfen irgendwo angetroffen? Ich meine nicht die zahmen Vogelscheuchen an den Garten- zäunen, nein, andere, die Jahr und Tag auf den Feldern stehen und allmählich lebendige Wesen werden, Charakter und Haltung bekommen.
Oh, die führen ein abenteuerliches Leben auf ihre Art, denkt nicht, sie wären aus Zaunholz und alten Lumpen gemacht, so sind sie nur anfangs, in den ersten Wochen. Manche sind einbeinig geboren und schrecklich verwahrlost, geradezu aussätzig und schon gar nicht mehr menschenähnlich. Andere wieder legen Wert auf gute Kleidung, besonders in flotten Hüten können sie sich nicht genug tun. Ja, sie tragen Hüte in allen Formen und Farben, die haben sie finster und verwegen ins Gesicht gedrückt, aber es ist nicht ganz ernst gemeint mit ihrer Räubermäßigkeit. Ach nein, ich habe einmal eine Vogelscheuche gekannt, die lachte sich nachts krumm, als eine fremde Magd vorüberging und ihr einen guten Abend bot in ihrer Herzensangst.
Dann gibt es wieder andere, die haben es weit gebracht in allerlei seltsamen Künsten, sie verstehen laut zu schnarchen und hohl aus ihrer leeren Brüll zu pfeifen, und das tun sie natürlich nicht aus Pflichtgefühl, um die Krähen abzuschrecken. Die Feldscheuchen sind herzlich befreundet mit Krähen und Hasen. Sie tun es aus reiner Freude an der Kunst, weil es wunderbar klingt in den Mondnächten, wenn das Gras rauscht, wenn der Wind
unterwegs ist und in Feldern und Büschen all» Schlafende weckt.
Denn der Wind ist die Seele für viele Dingt man muß das nur richtig verstehen. Es ist so, ba; die Dinge ihre Seele nicht zeitlebens gefangen halten, sie haben eine freiere, leichtere Seele als wir. Gewöhnlich sind sie ja ganz still und tot, m lassen uns täuschen, eine Feldscheuche, sagen wir. ein hohler Pfahl an der Straße! Aber bisweile: kehrt die Seele der Dinge zurück, sie war die M: Zeit unterwegs gewesen zwischen Himmel un’i Erde, und nun ist sie zurückgekommen, und es ir gar nicht zu sagen, wie munter und gesprächig banr manche Dinge fein können, in Mondnächten, wenr der Wind geht und das Gras rauscht.
Was aber die Vogelscheuchen betrifft, die N1 in jeder Hinsicht sonderbare Wesen, geradezu hoch mütig mitunter, ehrgeizig. Man kann allerk Schlimmes erleben, wenn man sich zu sehr nr ihnen einläßt. Es gibt beispielsweise Landstreicher! Leute mit schlechten Gewohnheiten, die machen s>° kein Gewissen daraus, so eine Feldscheuche anjJ fallen und auszurauben. Wirklich, da steht eine, Di.' trägt einen kleidsamen Rock seit etlichen Tagen fragt nicht woher. Er ist ein bißchen fleckig an Dr Aermeln, aber sonst noch sehr gut und stattlich J seinen hellen' Hornknöpfen. Die Scheuche füh^ wohl darin, sie wollte ihn schonen und V'" tragen.
Aber nein, dieser Räuber zerrt ihr den * ohne Umstände vom Leibe, er nimmt sich einmal die Mühe, ihr seine eigenen, alten M,
anständig umzuhängen, halbnackt läßt er sie E in ihrer schamvollen Blöße. Und darum wirs! o* Scheuche einen tödlichen Haß auf den Mann. !' schwört hinter ihm mit ausgeftrecftem Arm " - steht wie ein Galgen gegen den Himmel.
Und es trifft sich, daß die Polizei an diesem einen Mörder jagt. „Was ist das für ein ^oa • fragt man den Landstreicher, „wir suchen so em Rock mit hellen Knöpfen. Und was sind das m Flecken auf deinem Aermel, ist es nicht Blut
Da hilft es nicht, wenn der Landstreicher beteuer er habe niemanden umgebracht und ausgeraubt, eine Feldscheuche, überzeugt euch selbst! Die AMI scheuche leugnet alles, ach was, sie fiebf. r nicht aus, als ob sie gewöhnlich Röcke nut JP knöpfen trüge. Es ist gelogen, und der Mann m hängen. Ja, unbarmherzig.
Wir wissen nur wenig von der Rachsuchi: * Dinge. Wir nehmen das nicht ernst und uüßh" sie, aber die Gelegenheit kommt, und bann ra / sie sich auf eine teuflische Art.


