Ausgabe 
12.8.1939
 
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Voraussetzungen für eine Vollernte gegeben, die auch dann nicht mehr wesentlich beeinflußt wer­den könnte, wenn das unbeständige, feuchte Wetter des Augustbeginns fortdauern würde. Doch gerade hinsichtlich des Wetters wird man in den kommen­den Wochen noch manche gute Chance erwarten können. Es gehört zu den größten Seltenheiten, daß August und September in Deutschland zu Regen­monaten werden. Bei der ausreichenden Durch­feuchtung, die das Erdreich in der letzten Zeit erfahren hat, könnten einige Abschnitte trockenen und warmen Wetters die Entwicklung der Hack­früchte wesentlich begünstigen, so daß die gegen­wärtigen Schätzungen wahrscheinlich noch über­troffen werden.

Abschließend wäre zu sagen, daß der Ernte- sommer 19 39, der in wichtigen Zweigen der Volksernährung bereits vor dem Ende steht, sich

Essen, im August 1939.

DieArbeiterstädte" des Ruhrgebietes kann man nicht einfach damit abtun, daß man sie als Zusam­menballungen mehr oder weniger grauer Häuser­haufen bezeichnet, in denen zu wohnen eben nur bedauernswerten Menschen zugemutet werden kann, sondern wie in vielem ist das Revier auch in be­zug auf seine Wohnverhältnisse ein Gebiet der Gegensätze. Um das Positive vorwegzunehmen: Was hier an Baukultur im Arbeiterwohnungsbau geleistet wurde, ist vorbildlich für das ganze Deut­sche Reich und darüber hinaus auch für Teile des Auslands geworden. Einer der größten und be­kanntesten Baumeister war in dieser Beziehung Al­fred Krupp, und die Fnedrich-Krupp-AG. dürfte nicht nur die größte Waffenschmiede der Welt, son­dern auch der größte Hausbesitzer mit an die ,30 000 werkseigenen Wohnungen sein. Aber auch ^andere Firmen haben für den Arbeiter vorbildliche 'Siedlungen geschaffen, in denen zu wohnen auch idem verwöhnteren Großstädter schon recht erstre- lbenswert erscheinen will. Von der reinen Wohnsied­lung bis zur Großsiedlung, in der Gaststätten, Ge­schäfte, Gemeinschaftsräume, Schulen und Sport­plätze vorhanden sind, ist jeder Typ im Ruhrgebiet wnzutreffen, und es ist der Arbeiter selbst, der den mngeheuren Abstand zu jenen Massenwohnungen Lvohl am tiefsten empfindet, die in einer Zeit ent­standen, als nur der Rechenstift, nicht aber die Ach­tung vor dem Menschen und auch nicht die Ver­nunft die Gestaltung der Arbeiterwohnungen be- Wmmte.

Von dieser Sorte Wohnungen ist ein nicht ganz Meiner Teil auch im Ruhrgebiet vorhanden, und die­sen gilt die Sorge der Städte, der industriellen Unternehmungen und der amtlichen Stellen. So Wurden in Essen 1000 Wohnungen in kurzer Frist miedergelegt, um die es nicht schade war. Nicht weit »davon wird das Segerothviertel abgebrochen, typisch -als Massenviertel mit all seinen üblen Eigenschaf- iten. Abermals verschwinden über 1000 Wohnungen. ILlber mit dem Niederreißen von Tausenden und ober Tausenden von Wohnungen und dem Aus­suchen eines Bauplatzes, wo der bessere Ersatz hin- Igestellt werden soll, ist es nicht getan. Man ist nicht, wie in den neuen Industriegebieten von Salzgitter lunb Fallersleben, in der glücklichen Lage, ganz von orn beginnen zu können, sondern die Städte, die Werke, die Verkehrsmittel, Schulen, Geschäfte, Theater, öffentliche Bauten sie alle stehen ja, und man kann sie nicht willkürlich hin- und her- ichieben.

Da ist ferner die Frage nach dem Weg zum Arbeitsplatz. Der Arbeiter muß auf schnellstem Wege zur Zeche, zur Fabrik und wieder zurück ge­gangen. Für ihn ist nicht dann Feierabend, wenn ir die Markenkontrolle passiert hat, sondern wenn !:r in seinem Heim bei Frau und Kindern ist oder in «inem Gärtchen wirken kann.

Man kann aber nicht gleich zu jeder neuen Siedlung jine StraßenbahnverbindMg legen, die sich allein i'urch den dreimal am Tag einsetzenden Stoßverkehr m beiden Richtungen bestimmt nicht rentieren würbe. In einzelnen Fällen hat man sich darum unbers geholfen: Man hat sich zusammengetan und

mit einer zufriedenstellenden Bilanz vorstellt. Ein zweites überdurchschnittliches Ernte­jahr ist uns beschert worden, bas alle Voraus­setzungen für eine auf weite Sicht ausgerichtete Ernahrungswirtschaft erfüllt. Was für jebe Haus­frau bie mit Wintervorräten versehenen Speise­kammern und Keller darstellen, das sind für einen Staat die mit Ernteoorräten gefüllten Scheu­ern und Lagerhäuser. Niemals wird ein Land, dessen tägliches Brot in der Heimat gesichert ist und dessen Grenzen beschützt sind, vor dem Feinde zu kapitulieren brauchen. Der deut­sche Bauer hat die eine Aufgabe übernommen und trotz aller Schwierigkeiten vollendet. Für die an­dere Aufgabe, den Schutz des Reiches, tritt die neue deutsche Wehrmacht ein. So sind Pflug und Schwert verschworene Kämpfer für Volk und Reich geworden.

Kohle entstand, ist er in der Zwischenzeit weit nach Norden bis zur Lippe gewandert. Noch werden die südlichen Zechen betrieben, aber man kann die Zeit errechnen, in der dort die Kohlenoorräte zu Ende sind. Dann muß im Norden des Reviers immer mehr nach neuen Schürfmöglichkeiten gesucht wer­den. Es hat keinen Zweck, heute für den südlichen Ruhrbergbau noch große Siedlungen hinzustellen, die in wenigen Jahren leerstehen würden.

Ist der Bauplatz gesunden, so bedarf es einiger Kenntnis der Arbeitergewohnheiten, um das Rich­tige auch in der Anordnung der Wohnung, der Größenbemessung des Gartens usw. zu treffen. Man muß beispielsweise wissen, daß für den Berg­mann die Möglichkeit bestehen muß, seinBerg­mannsschwein" unterbringen zu können, bas alte Trabition für ihn ist, und das ihm vor kurzem dank der Initiative des Oberpräsidenten der Rheinprovinz und Gauleiters von Essen, Terbooen, in Tau­senden von Stücken zu Vorzugspreisen wieder ver­schafft worden ist, nachdem er es in Zeiten der Not und Arbeitslosigkeit hatte abschaffen müssen. Man muß wissen, daß der Arbeiter einen scharfen Trennungsstrich zwischen täglicher Arbeit und Häus­lichkeit zieht. In der Waschkaue läßt er die schmutzige Arbeit hinter sich, und sauber kommt der Mann nach Hause. Darum muß es auch da hell und sau­ber sein. In dieser sauberen Wohnung wird die Zeitung gelesen, zeigen die Kinder dem Vater, was sie in der Schule gelernt, da geht der Mann der Frau zur Hand, wenn es gilt, die Wohnung her- zurichten. Oder er geht in den Garten, der der Er­holung dienen soll. Und vor allem liebt er seinen Herd! Dieser Herd ist blank und sauber so schreibt Oberbürgermeister Dillgardt (Essen), ein guter Ken­ner der Arbeiter denn wer das tägliche Brot sauer verdienen muß, deffrift bie gemeinsame Mahl­zeit wertvoller und das heimische Herdfeuer die Sammelstelle der Familie.

Was das alles mit dem Städtebau im Sinne unserer Arbeiterschaft zu tun hat? Sehr viel! Denn die gehobene Wohnkultur weiter Kreise unserer Werktätigen ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß dem Bau guter Werks- und gemeinnütziger Siedlungen Erfahrungen zugrunde gelegen haben, die nur im täglichen Hausverkehr mit den Betreu­ten gewonnen werden konnten. Daraus muß auch der Städtebau lernen. Und er hat daraus gelernt. Bald wird auch imRevier" das große Bauen be­ginnen, und die letzten Reste derArbeiterstädte" werden verschwinden und Wohnstätten weichen, die der deutsche Arbeiter wegen ihrer Schönheit und Zweckmäßigkeit lieben wird.

Die schönste Geschichte . ..

Ndz. London.

Das ist die schönste Geschichte, die ich seit Jahren gehört habe", war der Kommentar eines höheren englischen Offiziers zu der Aussage eines ihm vor­geführten Soldaten. DerSünder" hatte eine städtische Dampfwalze ohne Genehmigung in Gang gesetzt. Zu seiner Entschuldigung erklärte er:Ich habe nur meine Hosen einmal gründlich bügeln wollen."

Zehn Hunde warten auf ihren Herrn.

AS. Amsterdam.

3m Turm des brabantischen Dörfchens Berlicum warten in Polizeigewahrsam zehn dressierte Fox­terriers auf die Rückkehr ihres Herrn, der noch eine längere Freiheitsstrafe zu verbüßen hat. Unter dem fahrenden Volk eines Wohnwagenlagers ent­deckte die Polizei einen alten Bekannten, der noch Verschiedenes auf dem Kerbholz hatte. Sie nahm sich seiner sofort an. Dadurch wurde bie Frage bringend, was mit den zehn dressierten Hunden zu geschehen habe, die in allem auf ihren Herrn angewiesen waren. Da keiner der Lagerbewohner für sie bie Fürsorge übernehmen wollte, blieb ber.

Polizei nichts anders übrig, als bie Meute für einige Zeit zu aboptieren. So zog ein sonderlicher Zug durch bas Dorf Berlicum- ein Arrestant unter Polizeigeleit, gefolgt von zehn roütenb kläffenden Hunden und zum Schluß ein Handwagen mit zehn Teekisten, die den Hunden als Hütten gebient hatten.

Die Unterbringung des Arrestanten fiel nicht schwer, die der Hunde dagegen war viel mühe­voller, und schließlich verfiel man auf den Ge­danken, sie im Gemeindeturm unterzubringen, wo sie nun zu warten haben.

Bater-Mutter-Spiel mit Hindernissen und happy end.

Ndz. Riga.

Der höchste lettische Gerichtshof hatte sich mit einem Rechtsstreit zu befassen, der an sich schon eigenartig genug war, dessen weitere Entwicklung ihn aber fast zu einem vom Leden geschriebenen Film stempelt. Der erste Akt spielte vor etwa zehn Jahren auf dem Hof eines Rigaer Vorstadthauses,

Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!

in dem vor dem Bolschewismus geflüchtete russische Emigranten wohnen. Eugen Semjonow und Marija Patunowa spielten damals, wie alle Tage, das ewige KinderspielVater, Mutter und Puppenkind". Papa" Eugen spielte an diesem Tage seine Nolle zu realistisch. Bei dem zum Programm gehörenden Ehestreit" versetzte er der kleinen Marija einen so heftigen Schlag ins Gesicht, daß die Spielkameradin auf einem Auge erblindete. Natürlich gab es des­wegen bitteren Streit zwischen den beiden Familien, aber die Sache blieb in der Schwebe, weil Eugens Eltern in eine andere Wohnung zogen. Marija ist inzwischen heiratsfähig geworden, aber es hat sich noch kein Freier gemeldet. Die Eltern ermittelten nun die Adresse von Semjonows und klagten auf Schadenersatz, denn sie meinten, ihre Tochter be­komme deswegen keinen Mann, weil sie einäugig ist. Daran aber seien die Semjonows schuld. Tat­sächlich wurde Vater Semjonow zu 3000 Lat Schadenersatz verurteilt. Das oberste Gericht hat das Urteil bestätigt, aber die Summe auf 1000 Lat herabgesetzt. Der Rechtsfall wäre also damit erledigt, aber durch den Prozeß wurden nicht nur die feindlichen Elternpaare wieder zusammengesührt, sondern auch die Spielgefährten von damals, Eugen und Marija. Eugen versicherte, er begreife nicht, daß Marija noch keinen Bräutigam habe, sie habe sich doch herrlich herausgemacht, und das eine Auge fei so schön, daß es den' Verlust des anderen auf­wiege. Er jedenfalls würde sich dadurch nicht ad- schrecken lassen, wenn er irgendwelche Chancen hätte. Marija wußte ihn davon zu überzeugen, daß er Chancen habe. Man beschloß also, das Kinder­spiel von einst als ernsthafte Ehe fortzusetzen. Der Versöhnung der Kinder folgte auch die der Eltern. In vorgerückter Stunde meinte Vater Semjonow, er werde selbstverständlich doch die tausend Lat zahlen als Hochzeitsgeschenk für seine Schwieger­tochter.

Operation mit Gesang.

B. Kowno.

Im Krankenhaus von Birzi in Litauen wurde eine junge Frau eingeliefert, bei der so schnell wie möglich eine Blinddarmoperation ausgeführt wer­den mußte. Sie erklärte jedoch, sie sei äußerst ner» dös und könne es nicht ertragen, daß man die Narkose oder auch nur eine lokale Betäubung bei ihr anwende. Die Aerzte waren ratlos, wie sie unter solchen Umständen die höchst eilige Operation vornehmen sollten. Da schlug die junge Frau plötz­lich vor, man solle ihr erlauben, statt die Narkose anzuwenden- daß sie während der ganzen Zeit der Operation finge. Es blieb nichts weiter übrig, als daraus einzugehen, und so wurde der Eingriff vor­genommen, während die Kranke aus vollem Halse sang. An diesem ungewöhnlichen Konzert nahmen aber auch der Arzt, die Assistenten und Kranken­schwestern teil, um dadurch die Patientin zu er­mutigen. Die Operation gelang ausgezeichnet, und die Kranke erklärte zum Schluß, sie habe keinen Schmerz dabei verspürt.

Die Wohnung des Bergarbeiters.

Krupp als größter Hausbesitzer. - Riesige Neusiedlungen.

Von unserem B.

G..-Miiarbeiier.

einen Autobus gemietet, der täglich ein r er meh­rere Male, je nachdem, wieviel Schichten verfahren werden, die Menschen aus den entfernter liegenden Siedlungen zur Arbeitsstätte hin- und wieder zu- rudbringt. Dadurch wird viel Zeit gespart, aber so billig auch die Fahrt sein mag, für den Arbeiter­haushalt stellt sie doch eine spürbare Belastung bar. Sn anderen Fällen läßt die Sttaßenbahn Sonder- roagen verkehren.

Es ist also durchaus nicht so einfach, schon für bie erste Forderung, bie gegenseitige Lage von Ar­beitsstätte, Wohnstätte unb Stabtmitte eine glück­liche Lösung zu finben. Vergessen barf man auch nicht, baß Wohnungen für einige Generationen ge­baut werben, bie Jnbustrie aber nicht stille steht. Die Werke behnen sich aus. Wo früher Hunberte von Arbeitern in einer Halle schafften, stehen heute einige wenige unb bebienen einige Hebel. Die Ge­samtzahl ber Arbeiter aber ist nicht gesunken, ent- sprechenb ist also bie Anzahl der Hallen gestiegen und damit ber Raumbebarf bes Werkes. Ein noch besseres Beispiel bietet ber wanbernbe Berg­bau : Früher süblich von Essen betrieben, ja, schon im bergischen Land, wo bie bekannte unb berühmte Kleineiseninbustrie bamals auf der Grundlage der

Geschichten ans aller Welt.

Eisenbahnen, Straßenbahnen und sonstigen öffent­lichen Verkehrsmitteln auch in öffentlichen Gebäuden unb sogar in den Straßen unb Parks verboten. Ver­stöße gegen dieses Verbot werden mit einer Geld­strafe von mindestens 20 Jen (dem Kaufwert nach rund 20 RM.) bedroht. Die Bevölkerung wird an­gewiesen, in Papier zu spucken und dieses Papier in besonders hierfür bestimmte Abfallkästen zu werfen.

Kleines Liebes-ABC für Fremde.

Ndz. Bangkok.

Ausländische Besucher von Bangkok, die des Siamesischen nicht mächtig sind, können in einem offiziellen Führer, der die gebräuchlichsten Redewen­dungen für den Alltagsverkehr ins Englische über­trägt, ein bemerkenswertes Beispiel von Dienst am Fremden erleben. Außer den sonst in solchen Schrif­ten üblichen Angaben unb Fragen, die man für das Hotel und die Geschäfte braucht, enthält dieser Führer auch noch ein Kapitel über bie Liebe. Es werben barin für den Auslänber biefe Bemerkungen in folgender Reihenfolge ins Siamesische übertragen: Ich liebe Sie!"Wie heißen Sie?"Wo wohnen Sie?"Wie alt sind Sie?"Wollen Sie mich be­gleiten?"Sie sind sehr hübsch!"Lieben Sie mich?" Allerdings scheint dieser Kundendienst ein wenig Aufsehen erregt zu haben, denn in der soeben her­ausgekommenen Neuausgabe des Fremdenführers ist das Kapitel über bie Liebe roieber gestrichen worben. Wahrscheinlich ist man bei ber verantwort­lichen S hriftleitung inzwischen zu ber Ueberzeugung gekommen, baß ein ausländischer Besucher, ber in dieser Weise eine Unterhaltung beginnt, überhaupt keines Führers unb keiner Verbolmetschung bebarf.

Ausspucken kostet Strafe.

Ndz. Osaka.

In ihren Bemühungen um Steigerung ber Volks- gesunbheit haben verschiedene japanische Städte auch Spuckverbote erlassen. Nach Tokio und Kioto trifft soeben Osaka als dritte Großstadt eine entsprechende Regelung. Danach wird bas Ausspucken außer in

ZmKrug zum grünen Kranze

Erzählung von Wolfgang Weyrauch.

Ich bin oft in M., in den Ferien, doch aud) ionft. M. ist eine kleine Stabt, aber jebermann ennt sie. Stubenten, die einmal in M. gearbeitet iahen, erzählen immer wieder von ben vielen Hügeln, die bas Stäbtchen ausmachen, von ben Serpentinen, bie zum Schloß führen, unb wer jetzt iod) nicht weiß, wie M. ausgeschrieben heißt, ber Stt in ber Welt nicht herumgekommen.

Ick) wohne meistens bei meinem Freunb Friebrich . ., einem praktischen Arzt, Mann in ben dreißiger -lohren. Meistens, nicht immer. Wenn seine Frau ha ist, wohne ich bei den R.'s; wenn sie mit ben hüben Kindern verreist ist, ziehe ich in ein gewisses iraltes Hotel vor ber Stabt. R. ist, was man, mit einem eitlen Ausbruck, homme ä femmes nennt. Cr sieht wie ein Segelschiffskapitän aus bem An­fang des 18. Jahrhunderts aus, obwohl er über bm Bodenfee nicht hinausgekommen ist. Anderseits Hut er, bevor er Marianne heiratete, tatsächlich viel nit Frauen zu tun gehabt. Frau R. weiß das, und b: sie die Tochter eines Gärtners ist Gärtner sild kluge Leute, rechnet sie Friedrichs Ver­gangenheit ein. Wenn sie glaubt, ja, in diesem Jahr deucht er den Wahn, frei zu fein, die Vorstellung, nicht die Tatsachen, dann reift sie ohne ihn mit den fimbern in bie Ferien.

Dann schreibt R. plötzlich ein Gedicht, bas er, um nächsten Tag über bie Lanbstraßen wandernd, lieber vernichtet, bann schläft er am Tage unb W in ber Nacht, unb oft geht er in ben Krug hin grünen Kranze. Dort treffe ich ihn, obgleich »:r uns oerabrebet Haden, gleichsam zufällig, und spielen das alte Männerspiel. Zuerst' fängt an, sich zu streiten. Nehmen Sie Ihren Fuß b: weg. Was wünschen Sie? Wollen Sie sich nicht beschuldigen? Langweilen Sie mich bitte nicht! dlft der Zank nichts, erkennen sich die Gegner p einemmal.

, letztes Jahr also war Friedrich allein, ich wohnte ir dem ein wenig schal riechenden Hotel, weil auch bie Einsamkeit meines Freundes achten wollte, rlb am Abend ging ich in den Krug. R. saß schon c Er stützte bas Kinn in bie Hände, die Ellbogen 'onden weit auseinander auf ber Tischplatte.Unser- ?hat hier wohl nichts verloren?" fragte ich unb »ttfe mich trotzdem: ich wollte mit unserem Spiel langen.Rebe nicht", antwortete er,setz dich, ach,

du sitzt ja schon, hör zu, ich muß dir eine Geschichte erzählen." Ich nahm an, er wollte ein neues Spiel beginnen, das ich noch nicht kannte. Ich zwinkerte ihm zu.Zwinkere nicht", sagte er,es ist ernst."

Vor zehn Jahren", fuhr er fort und wippte mit dem Stuhl, eine Angewohnheit, die schon mein Onkel Wilhelm in ben Tob nicht ausstehen konnte, ich war noch nicht verheiratet, saß ich auch einmal im Krug zum grünen Kranze. Ich wollte Marianne absagen. Ich hatte ein Ferngespräch angemelbet unb wartete auf ben Anruf bes Amts. Es war nichts vorgefallen, nichts, was bu benfft, bei ihr nicht unb bei mir nicht. Aber es war aus, ich spürte es, ich liebte sie noch, aber ich war losgelöst von ihr. ber Winb ber Freiheit pfiff mir durch alle Ritzen. Lach nicht, wenn ich pathetisch bin. Der Anlaß ist groß."

Ich hatte tatsächlich gelacht.Ich bitte um Ent­schuldigung", sagte ich,aber bu warst schon roieber pathetisch. Aber bas ist nicht so schlimm. Schlimmer ist, würde mein Onkel Wilhelm sagen, baß bu Marianne mit einem Ferngespräch abspeisen woll­test, statt zu ihr zu fahren."

.Ich kenne deinen Onkel nicht, von dem du immer wieder schwätzest", erwiderte Friedrich,aber er muß ein Idiot sein, zweifellos."

Er ist schon lange tot", entgegnete ich,unb er war Förster, ein Beruf, besten Vertreter, ba sie nur mit Tieren unb Bäumen zu tun haben, gerabe als befonbers weise gelten bürfen."

Gut", sagte R.,ich rebe ja auch nicht mit ihm, fonbern mit'seinem Neffen. Also bamals war es so­weit. Es gibt demnach nicht nur jene berühmten Ehekrisen im dritten und im siebenten Jahr, sondern auch sonst, ja, sogar vor der Ehe kommen Schwan­kungen und Zusammenbrüche vor. Ich war, ich fügte es ja schon, oder habe ich es nicht gesagt, der einzige Gast im Krug. Deshalb scheute ich mich nicht, Mariannes Bilder, die ich immer bei mir trug, offen auf dem Tsch auszubreiten. Es war nicht der Tisch, an dem wir jetzt sitzen, der Tisch ist schon längst zerhackt und verbrannt, ich habe mich erkundigt,' es war auch nicht unsere Ecke hier, es war dort drüben, wo jetzt der künstliche Kamin steht, aber es war heute vor zehn Jahren. Heute vor zehn Jahren. Ich trank meinen Rotwein und betrachtete Mariannes Photographien. Mit einem Male sagte jemand zu mir: Ihr seid zwei liebe Menschen. Ich fuhr herum. Hinter mir stand ein Kerl, ben ich nie gesehen hatte, ein Gast offenbar, aber was für ein Gast! Aufgebunsenes Gesicht, Schweinsaugen, tränenbe Schweinsaugen. Er war betrunken. Ihr seid zwei liebe Menschen, wiederholte

er und setzte sich zu mir. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte. Liebe Menschen, sagte er unb legte den Arm um mich, ich bin nämlich ein Philosoph, ich weiß, was ich sage, ich sehe dir ins Auge, ich darf doch du sagen, und ich weiß Bescheid, ich sehe deiner Braut ins Auge, und ich sehe, daß sie ein lieber Mensch ist. Ein guter Mensch, ein treuer Mensch, ein schöner Mensch. Ja, sie ist schön, rief er unb sagte zu bem Wirt, ber an ben Tisch ge­treten war, bereit, ben Kerl hinauszuwerfen, noch zwei Glas Rotwein, der Herr hat mich eingelaben. Da ich mich nicht rührte, ging der Wirt fort, kam mit zwei Gläsern wieder unb entfernte sich aber­mals. Ein schöner Wein, sagte ber Kerl. Ihr Wohl, unb auf das Wohl Ihrer Dame Braut, auf euer beiber liebes Wohl, ihr lieben Menfchenkinber. Ihr feib beide schön, fuhr er fort und fetzte fein Glas ab, aber die da ist am schönsten. Ich sehe nur ihr Gesicht, aber ich weiß, daß sie einen schönen Körper hat. Sie ist dir sehr zugetan, mein Junge, bleib ihr treu, verlasse sie nicht, sie ist ein wertvoller Mensch. Sage' mir nichts, sie ist auch eine wunder­volle Geliebte, sage mir nichts. Ich kenne das Leben, erzählte er, siehst bu, ich bin ein Faulenzer, aber warum bin ich ein Faulenzer? Weil mein Bruder abgestürzt ist. Wir waren eine berühmte Nummer, wir waren fleißig, wir haben niemals gesoffen. Dann brach er sich bas Genick. Seit ber Zeit bin ich faul unb trinke. Unb, glaube mir. ich kenne bas Leben aus bem Effeff."

R. hörte enblich zu wippen auf. Er war auch nicht mehr ernst, er zwinkerte mir zu. Er trank sein Glas auf einmal aus unb sagte:Der Kerl war mit bem Reden fertig, da kam das Amt. Marianne. Was ich wollte? Nichts, antwortete ich, ich wollte nur wissen, wie es dir geht, und dann... Dann? Ich trinke einen herrlichen Pfälzer, und es wäre schön, wenn du mittrinken könntest. Wir häng­ten ab. Ich hatte sie nicht belogen. Ich hatte sie verlassen wollen, aber als wir telephonierten, wollte ich sie schon nicht mehr verlassen. Ja, ich wollte, daß sie mit mir Pfälzer trank, aus derselben Flasche, aus demselben Glas, denselben Schluck, aber bas kommt bir natürlich kinbisch vor."

Ich schüttelte ben Kopf. In biefem Augenblick klingelte das Telephon bes Krugs. Der Wirt kam unb teilte mit, baß Frau R. am Apparat war. R. ging hin, rebete und kehrte zurück.Sie hat mir zu dem Kerl gratuliert", sagte er und lächelte, das tut sie jedes Jahr"Ach so, du hast es ihr", fragte ich. R. nickte. Dann sprachen wir vom Angeln.

Was alles verloren wird.

In allen Großstädten wird viel verloren unb viel gefunben. Immer roieber ist es interessant, wenn ein Funbamt Bilanz macht. Es ist gerabezu erstaun­lich, was ba unter ben Fundsachen alles auftaucht. Wien hat ein zentrales Funbamt, unb bie Wiener scheinen befonbers vergeßlich zu fein. Das zeigt die Zusammenstellung ber in den Monaten April bis Juni beim Fundamt hinterlegten unb bisher nicht behobenen Oegenftänben. Man sollte es nicht glau­ben, baß beispielsweise ein Pferb nicht vermißt worben ist. Aber nicht nur ein Pferb ist unter den Fundgegenständen, auch ein Lamm, ein Schwein, ein Bienenschwarm und 104 Hunde wer­den verzeichnet. 90 Sittiche und 29 Kanarienvogel gehören ebenfalls dem Tierreich an. 28 bisher nicht abgeholte Damenhandtafchen zeugen von der beson­deren Vergeßlichkeit des schwachen Geschlechts. Bei den 390 Geldbörsen und 77 Aktenmappen weiß man nicht, wohin die Verlierer gehören. Auch Lebensrnittel lagern auf dem Fundamt, so 34 Kilo Schweinespeck. 8 Kilo Schweinefleisch, 5 Kilo Mak­karoni, eine Kiste Bückinge und 13 Kilo Zwiebeln. Aber nur eine Flasche Wein wurde als gefunden gemeldet Hüte scheinen die Herren lieber zu ver­lieren, denn die Liste meldet 20 Herrenhüte, aber nur sieben Damenhüte, lieber 124 Schirme wundert man sich nicht besonders, desgleichen nicht über 80 Paar Handschuhe. Schwieriger ist es schon zu be­greifen, wie zehn einzelne Schuhe und sieben künst­liche Gebisse verloren gehen konnten, ohne daß es die Besitzer bemerkten. 68 Fahrräder, drei Motor­räder, sieben Zillen, ein Faltboot, neun Rosenstöcke, 25 Kilo Schmierseife und ein Weinfaß sind weitere Stücke aus ber umfangreichen Liste verlorener Gegenstände, die ihren Herrn nicht roiebergefunben haben.

Hochschulnachnchien.

Zum orbentlichen Professor würbe ernannt ber planmäßige außerordentliche Professor Dr. Franz W i e a ck e r an ber Universität Leipzig (rö­misches unb beutsches bürgerliches Recht, insbefon« bere Bauernrecht.)

Die Entpflichtung bes orbentlichen Professors für beutsches und römisches bürgerliches Recht unb Rechtsphilosophie an ber Universität Breslau Dr. Hans Albrecht Fischer ist bis zum Enbe bes Sommersemesters 1940 hinausgeschoben worben.