nr. 154 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 12. Juni (939
Aus der Stadl Gießen.!
Bunte Wiesenpracht.
Der gepflegte Rasen in den Anlagen hat seine Vorzüge. Er nimmt sich sehr kultiviert aus und verleiht seiner Umgebung einen gediegenen Charakter. Aber was ist er gegen die herrliche Pracht einer richtigen Wiese? Wie bescheiden muß er zurücktreten gegen die schwellende Ueppigkeit, die in den Wiesen den Lobgesang auf das Leben singt.
Jetzt ist die richtige Zeit, die Schönheit der Wiese zu preisen. Fußhoch stehen die saftigen Gräser, pnd dazwischen leuchten die Blumen irt allen Farben. Es geht eine köstliche Frische davon aus, und der müßte kein Herz in der Brust tragen, dem dieses sommerliche Bild einer blühenden Wiese nichts zu sagen hätte. Und dabei braucht man wahrhaftig nicht weit zu suchen, um ein solches Bild zu finden. Am Rande der Stadt stößt man überall gpf Wiesenstücke oder Wiesenstreifen, die das blühende Leben versinnbildlichen. Schon bei einem kleinen Abendspaziergang läßt sich die köstliche Pracht mühelos entdecken.
Am Wegrand stehen die kräftigen Stauden des wilden Kerbel, deren Dlütendolden einen weißen Schleier ausbreiten, der sich bis hinunter in die Wiese zieht. Richt weit davon gedeiht die überall verbreitete Schafgarbe mit ihren weißen Blütenkörbchen. In dieses leuchtende Weiß fügt sich, die Blütenpracht der wilden Möhre, der helle Farbton der zierlichen Sternmiere und die bescheidene Anmut des Hirtentäschel. Aber in der Wiese hat sich auch schon die Margeritenblume eingefunden, deren weiße Blütenblätter so gern zum unterhaltsamen Orakelspiel benutzt werden. Und mitten in der Wiese bilden unzählige Pflanzen des Hahnenfuß einen herrlichen gelben Teppich.
Es ist eine bezaubernde Farbensinfonie, mit der uns die Wiese beglückt. Da blüht der blaue Ehrenpreis, da wächst das liebliche Vergißmeinnicht, da hat das gefleckte Knabenkraut seinen Standort. Die roten Büschel des Klees heben sich aus dem saftigen Grün hervor, und über ihnen brummen honigselig die Hummeln. Wie eine einzige Lebensbejahung in Duft und Farbe präsentiert sich die Schönheit der Wiese. Weiter drüben,'wo sich Roggen- und Haser- selder hinziehen, leuchtet das Rot des Klatschmohn, der die blauen Kornblumen und die violetten Kornraden zu übertrumpfen sucht.
Die bunte Wiese ist für uns das lebensvolle Abbild des strahlenden Sommers. Ueberall, wo ihre Gräser sich im Winde neigen, wo die Fülle ihrer vielfarbigen Blumen sichtbar ist, spüren wir den Zauber dieser Jahreszeit, der leider nur allzu schnell wieder verfliegen wird. H. W. Sch.
Wechsel in der Leitung des Postamts Gießen.
Der Leiter des Postamts Gießen, Postrat Zoll- f r -a n f, wurde zum Oberpostrat ernannt und zum Postamt in Köln-Deutz -ersetzt. Oberpostrat Zollfrank wird sein Amt in Köln-Deutz am 1. Juli antreten.
Seit etwa zweieinhalb Jahren stand Oberpostrat Z o l l f r a n k an der Spitze des Postamts Gießen. Er hat sich in dieser Zeit nicht nur das Vertrauen und die hohe Wertschätzung aller Beamten und Angestellten des Postamts Gießen, sondern darüber hinaus in weiten Bevölkerungskreisen unserer Stadt ebenfalls reiche Sympathie erworben. U. a. hat er im Führer rat des F r emd env e r k eh rsv e rei ns Gießen in eifriger Weife bei der Förderung aller Aufgaben des Fremdenverkehrs, soweit sie den Bereich seines Wirkens berührten, mitgearbeitet. Dabei hat er durch fein Entgegenkommen und durch mancherlei wertvolle Ratschläge vieles zur Verbesserung im Verkehrsdienst in unserer Stadt, besonders auf postalischem Gebiete, und zum Nutzen unserer Geschäftswelt getan. Sein allezeit freundliches und für jedermann entgegenkommendes Wesen machte den Verkehr mit ihm zu einer Annehmlichkeit, die der Erledigung der sachlichen Aufgaben in bester Weise zustatten kam. Man wird den scheidenden Beamten hier in guter Erinnerung behalten.
Lahrestagung des VHC. auf dem Hoherodskopf.
Or. Bruchhäuser tritt wegen seines hohen Alters vom Amt des Gesamtvereinsführers zurück.
Von herrlichem Sommerwetter begünstigt fand am Samstag und am gestrigen Sonntag auf dem Hoherodskopf im Herzen des Vogelsberg die 5 8. Hauptversammlung des Vogelsberger Höhen-Clubs statt. Bereits am Samstag nachmittaa waren viele VHEer hinauf- gestiegen zu ihrem Berg, um dort der schönen Aufgabe des VHC. zu dienen. Vom Clubhaus wehten die Fahnen im Wind, auch die Fahnen des Reichsbundes für Leibesübungen, zu dem ja der VHC. jetzt gehört, und in dem strahlenden Sonnenschein bot sich den Blicken der Wanderer die Landschaft in schönster Weise dar.
Die Beirats-Sitzung
bildete den Auftakt der Tagung. Alle Zweigvereine — mit Ausnahme der ganz entfernt gelegenen, z. B. Berlin — hatten ihre Vertreter entsandt, so das schon diese Arbeitstagung starken Besuch aufzuweisen hatte.
Der Gesamtvereins-Führer Dr. B r u ch h ä u s e r, Ulrichstein, machte nach herzlichen Grußworten an die VHC.-Brüder die Mitteilung, daß er in der Hauptversammlung am Sonntag wegen seines hohen Alters — er wird am 21. Juni d. I. 70 Jahre alt — fein 21 m t als Gesamtverein s- Führer niederlegen werde. Dr. Bruchhäuser hat 24 Jahre lang den Gesamtoerein geleitet und sich um die Sache des VHC. in 'hohem Maße verdient gemacht. Im Hinblick auf diese beiden Gesichtspunkte blieb' den Vertretern der Zweigvereine bei allem Bedauern über den Rücktritt des verehrten Mannes nichts anderes übrig, als den Wunsch des allseits verehrten VHC.-Bruders zu respektieren. Bis zur Bestimmung eines neuen Ge- samtvereins-Führers wird der 2. Vorsitzende, Apotheker Scriba, Schotten, den Verein führen. Dabei wird der Geschäftsführer Hitz. Gießen, ihm als geschäftsführender Vorsitzender zur Seite stehen.
Weiter brachte Dr. Bruch Häuser eine Anzahl Begrüßungsschreiben, darunter auch ein Schreiben des Reichswanderführers Prof. Dr. Werne r, früher in Darmstadt, zur Kenntnis Der Versammlung.
Anschließend folgte die Jahresberichterstattung über die geschäftlichen Angelegenheiten und ' Die Kassenverhältnisse. Beide Berichte sanDen Zustimmung, dem Rechner wurde mit herzlichem Dani Entlastung erteilt.
Die nächstjährige Hauptversammlung wird entweder in Laubach oder in Lauterbach stattfinden: beide Städte haben dazu eingeladen.
Von mehreren Zweigvereinen wurde eine Verbesserung de^ Weges vom Hoherodskopf nach Ilbeshausen angeregt. Der Hauptverein legt größten Wert auf unermüdliche und sorgfältige Markierung der Wanderwege durch die Zweigvereine, da diese Tätigkeit im Bereich des VHC. dessen alleinige Auf- gäbe ist. Zum Landesfremdenoerkehrsverband Rhein- Main steht Der VHC. in besten Beziehungen.
Von Richtinitgliedern des VHC. wird beim Besuch Der Klubhäuser -eine Gebühr von 10 Pf. erhoben werden, wobei natürlich beim Besuch von Familien größtes Entgegettkommen geübt werden wird. Diese Gebühr soll zur Unterhaltung und zum weiteren Ausbau der Klubhäuser und der Einrichtungen auf dem Hoherodskopf mit beitragen. U. a. sollen bei Den Klubhäusern noch größere Parkplätze für Autos angelegt werben, es roirD aber auch erwartet, Daß Die" Autodesitzer den Parkplatzwärtern bei Der Unterbringung Der Wagen usw. keine unnötigen Schwierigkeiten bereiten. Die Klubhäuser selbst er- forDern wieDer einen größeren Zuschuß, Da Die Wasserleitung ausgebessert werben muß, ferner am Jägerheim ein neuer Zaun bringend notwendig ist. Ausbesserungen sollen auch am Bismarckturm vor- genommen werden.
Der VHC. gehört der Arbeitsgemeinschaft der Wandervereine im Rhein-Main-Gebiet an, Die runD 30000 Mitglieder umfaßt. Vcm den Zweigvereinen
soll Die Werbung neuer Mitglieder mit allem Eifer weiter betrieben werden.
Der Zweigverein Offenbach a. M. ließ ein Bild des verstorbenen Vorstandsmitglieds, VHC.-Bruders Dem (Offenbach) überreichen. Im Hinblick auf Die großen Verdienste, die sich Ludwig Dem um den VHC. erworben hat, soll das Bild in dem „Ludwig- Dern-Zimmer" im Klubhaus seinen Platz erhalten. Ferner wurde - beschlossen, im Klubhaus auch ein „Carl-Linck-Zimmer" zu schaffen, das allezeit für Die großen Verdienste des Mitgründers und langjährigen Vorstandsmitglieds Carl Linck (Schotten) Zeugnis ablegen soll.
Rach mehrstündiger Arbeit wurde die Beirats- Sitzung nach 19 Uhr geschlossen. Die weiteren Stunden des Samstag waren mit einem Begrüßungsabend im Klubhaus ausgefüllt.
Die Hauptversammlung.
Rach den Beratungen am Samstag fand am Sonntagvormittag Die eigentliche Hauptversammlung statt, bei Der Die 37 Zweigvereine vertreten waren. Für Den LanDesfremDenverkehrsverbanD nahm Geschäftsführer Schuster (Gießen) teil, füt Den Taunusbund erschien WanDerkameraD Hilfrich (Frankfurt a. M.). Rach einigen einleitenden Musikstücken begrüßte Der Vorsitzende des Gesamten VHC., Dr. Bruchhäuser (Ulrichstein), Die Vertreter Der Zweigvereine unD hieß Die Gäste.willkommen. Sodann verlas er ein Telegramm und einen Bries des Reichswanderführers Professor Dr. Werner. In würdiger Weise wurde der toten Wanderkameraden Des vergangenen Jahres gedacht, insbesondere des Mitgründers Jochim (Gießen). Im Verlaufe der Versammlung übermittelte Geschäftsführer Schuster vom LandesfremdenverkehrsverbanD Die Grüße Des BerbanDes unD Dessen Leiters, Oberbürgermeister Ritter (Gießen). Herr Schuster gebuchte in Dankbarer Anerkennung Der Arbeit Des VHC., Der auch Dem LanDesfremdenverkehrsverbanD wertvolle Unterstützung zuteil roerDcn lasse. Gleichzeitig sprach er im Auftrag von Oberbürgermeister Ritter Dem
Leiter des Gesamt - VHC., Dr. Bruchhäuser, zir seinem 70. Geburtstag Die herzlichsten Glückwünsche aus. Herzliche Worte der Kameradschaft fand auch der Vertreter des Taunusbundes.
Sodann erfolgte Die Ehrung verdienter altep Wanderer, wie auch Der eifrigen Werber für dis Wandersache. Für 50jährige Mitgliedschaft mürben ausgezeichnet Ludwig Weitzel (Büdingen), Ober, forftmeifter i. R. Schneider (Grünberg) und Prost' Th. Schaumann (Gießen), Zv. Schotten; fiitl 40 Jahre' Frau E. W i e ß n e r (Büdingen) und L. Völzing (Gießen), außerdem eine Reihe Mib glieder für 25jührige Mitgliedschaft.
Im weiteren Verlaus der Versammlung wies Dr< Bruchhäuser auf Die Notwendigkeit Der Rückgabe seines Amtes als Leiter des Gejamt-VHC. hin. Ge- schäftsführer H i tz (Gießen) würdigte in herzlichen Worten Die außerordentlichen Verdienste, die sich Dr. Bruchhäuser um die Sache des VHC. erworben habe, wie er 40 Jahre lang den Zweigverein hl Ulrichstein betreute und seit 25 Jahren Den Haupt- Vorstand leitete. Der Redner übermittelte Dem aus Dem Amte Scheidenden sodann eine künstlerisch ausgeführte Ehrenurkunde und ernannte ihn im Auf, trage des Gefamt-VHC. zum Ehrenmitglied. In bet roegten Worten dankte Dr. Bruchhäuser für dis ihm zuteil gewordene Ehrung und versicherte, Da fr ■er auch nach seiner Ueberfiebclung nach Gießen! der. Sache Des VHC. Die Treue halten werde.
Nach einigen weiteren Musikstücken hielt Apo, theker Scriba (Schotten) einen Vortrag, mit Demi er im Geiste in Die Frühzeit Des Vogelsberger! Höhen-Clubs zurückführte und manche liebe, alte! Erinnerung in seinen Zuhörern wachrief. Pack) einem gemeinsamen Mittagessen fand man sich im herzlicher kameradschaftlicher Unterhaltung, zudem: ein heftiges Gewitter, Das heraufgezogen mar, biä Teilnehmer Der Jahres - Hauptversammlung int Klubhaus festhielt. Wanderkamerad R u n k ausi Nidba wußte mit seinen Schnaken und Schnurren! in oberhessischer Mundart zur Unterhaltung beizutragen, so Daß die Jahreshauptversammluna in harmonischer Fröhlichkeit ausklang.
Die Lahres-Versammlung her Gesellschaft Liebig-Museum.
Die Gesellschaft Liebig-Museum hielt am Sonntagvormittag im Hörsaal Des Liebig-Mu- seums unter dem Vorsitz Des 1. Vereinsführers, Dr. Fritz Merck (Darmstadt) ihre Jahres-Versammlung ab. Dr. Merck erstattete den Jahresbericht und hob besonders Die Beseitigung Des Vorgartens des Museums hervor, Durch Die die Ansicht des Museums sehr gewonnen habe. Er sprach der Stadt Gießen für das Entgegenkommen Den Dani Der Gesellschaft aus, weil durch ein neues llebereinfommcn Gelder für Die innere Instandsetzung freigemacht werden können.
In Der Zwischenzeit konnte Der Hörsaal bereits renoviert werden. Die Landesregierung hat für diese Unkosten eine Beihilfe in Aussicht gestellt. Als eine vordringliche Aufgabe bezeichnete Dr. Merck Die Herausgabe Der von Karl Liebig in Valparaiso zur Verfügung gestellten Briefschaften. Von den in letzter Zeit Dem Museum übereigneten, bzw. von der Gesellschaft erworbenen Erinnerungsstücken an Justus von Liebig ist in erster Linie dessen Schreibtisch zu erwähnen. Wie Dr. Merck weiterhin aus- führte, lassen die Kassenverhältnisse berechtigte Hoffnungen für eine Fortführung wichtiger Arbeiten zu. Der Werbung von Mitgliedern soll erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden. Unter den Besuchern, die in geschlossenen Gruppen das Museum aufsuchen, nimmt der Reichsarbeitsdienst eine bevor
zugte Stellung ein, der wiederholt aus verschiedenen Abteilungen hierher gekommen ist. Dem Vorstand wurde Entlastung erteilt und Dem langjährigen Vor- sitzenDen Dank unD Anerkennung für Das von ihm
Am Freilag. 16. Juni, beginnen wir in Den Familienblättern mit Dem AbDrnck einer neuen großen Erzählung. Auf Conrad Ferdinand TNcyers Novelle „Der heilige" soll ein Erlebnisbericht folgen, dessen Stoff nicht Der Phantasie, sondern der Wirklichkeit entnommen ist: Der bekannte ttriegsdichter P. C. E t t i g h o f f e r erzählt in seinem Buche „Eine Armee meutert" von Den Schicksalstagen Frankreichs im Jahre 1917. In Diesem Bericht, dessen innere Spannung von keinem Roman übertroffen werden kann, wird von Ereignissen berichtet, die uns erst bekannt wurden, als es zu spät war, Folgen daraus zu ziehen: in diesen Tagen hing nicht allein das Schicksal Frankreichs, sondern vielleicht ganz Europas am seidenen Faden. Dem unbekannten deutschen Soldaten des Weltkrieges ist auch in diesem erregenden Buche ein unvergängliches Denkmal gesetzt.
Zaunkönige.
Von Karl Scherer.
Ein Vorsommertag, warm unD schön. Gegen Mittag ist nach langer Dürre ein Gewitter über Das Dorf gezogen und hast Baum unD Strauch erfrischt. Das Waldtal steht in jungem Blattschmuck. Die hohen Halme des schmalen Wiesenstreisens, der Den Bach hüben wie Drüben in sanfter Steigung begleitet, stehen regenschwer, in den tiefblauen Blütenkelchen Des Enzians unD den purpurfarbenen Glatten des Fingerhutes funkeln silberhelle Wasser- perlen, und wenn der linde Sommerwind durch Die Baumkronen läuft, sprühen feine Tropfen über Den Weg. Doch Der sandige Grund ist schon wieder trocken, und der alte Pfarcherr, Der, Den Hut in Der Hand, im Sonnenbrand den Wiesenpfad herauf- gemanDert kommt, läßt sich mit einem wohligen Seufzer unter einem schattigen Buchenbusch zwischen Die Heidelbeeren fallen. Still beseligt blickt er über Das blühenDe Tal und die wachsenden Felder hinaus, wo Die roten Ziegeldächer des Dorfs über Fruchtbäumen aufragen — wie schön ist doch die Welt!
Da schnarrt es über ihm in Den Zweigen: ein Vögelchen/ nicht so groß wie eine Kinderfaust, ist aus dem KrcuzDornstrauch am Wiesenrand herzu- geflogen, beschaut von oben Den schwarzen Mann unD läßt verwunDert seinen Warnruf hören: „zerrr, zerrr", als ob ein kleiner Bub seine Knarre Drehte. Dann schnurrt Der Kobold über Den Weg ins Gebüsch. Und nun, wo er in Sicherheit ist, schmettert er sein fröhliches Liedchen, so laut und kraftvoll und so voll Wohllaut, Daß es schwer zu glauben ist, es käme aus so zarter Brust. Triller unD Roller, jetzt eine geschlossene Strophe, Dann ein kurzes Zwischenspiel unD wieDer ein anmutiges Rondo — Das ist Der Zaunkönig, Der seine Lust und Fröhlichkeit in Die blühenDe Frühlingswelt singt! Das Schwänzchen steil aufgerichtet, hockt der Wicht auf Dem moosigen Baumstumpf, läßt seine Weise noch einmal hören, daß Die winzige Kehle wie ein Säckchen aufschwillt und Die HalsfeDern sich sträuben, Dann verschwindet er zwischen Wurzeln und Standen. Unter Hopfengeschling und Farnkraut taucht er wieder auf, treibt sich ein Weilchen am Boden umher, untersucht ein dürres Borken stück, nimmt eine Käferlarve auf und fliegt hell flötend davon.
Das quecksilbrige Vögelchen, auch ^chnerf oder Schneekönig genannt, Der kleinste Vogel unserer Breiten, ist immer keck und munter, lustig und auf
gekratzt; darum sagt Der Volksmund: „er freut sich wie ein Schneekönig". Im Nestbau ist er ein Künstler, Der seinen aparten Baustil hat. Zwar bei Der Wahl des Nistplatzes für sein im Verhältnis zur eignen Winzigkeit großes Luftschlößchen ist der kleine Schlüpfer nicht eben anspruchsvoll; bald steht es in einer Mauerlücke mannshoch über Dem Bo- Den, bald im WacholDerbufch ober Brombeergestrüpp am Waldrand, bald auf Dem vorspringenden Dachbalken einer verlassenen Lehmhütte, bald in einem Reisighaufen, öder es hängt zwischen dichten Dunklen Eseuranken über Dem Torbogen eines Landhauses oder liegt im Spalt einer anbrüchigen Eiche oder Kopfweide — immer aber ist es in Form und Farbe der jeweiligen Umwelt wunderbar angepaßt. Das behagliche Innere ist — eine Seltenheit unter der europäischen Vogelwelt — überwölbt und geschlossen; denn cs ist nicht nur ein Sommerhäuschen, es muß häufig auch als schützendes Winterasyl Dienen. Die festen Wände ruhen auf einer GrunDmauer von Fichtenreisig und dichten Schichten von Moos, das überhaupt Den wesentlichen Baustoff bergibt. Die Höhlung ist weich und warm mit Federn ausgekleidet. Seitlich öffnet sich ein enges Türchen, oft von einem nieDlichen Vorbach verbeckt, Das es Den Blicken entzieht. Das ganze Gehäuse ist zweckvoll und "eigenartig, aber schwierig der Bau; Darum nimmt Die Ausführung zwei volle Wochen in Anspruch und Der zwerghafte Baumeister hat Damit nicht geringe Plage. Eine Eigentümlichkeit des Zaunkönigs ist es, während der Brut zur Kurzweil in Der Umgebung eine Anzahl weiterer Nester zu bauen, „Schlaf"- ober „Spielnester", wo er Die Nächte verbringt ober Zuflucht sucht, wenns stürmt ober regnet; nur Die Dorngrasmücke folgt Dem gleichen wunderlichen Triebe.
Im Hof der Försterei unter Den alten Eichen steht ein buschiger Faulbaum; wenn er im Mai seine weißen Blütentrauben treibt, würzt Der süß-herbe Duft weithin Die Lust. Auf einer breiten Gabel im Dichtesten Grün hat Die gnomenhafte Majestät heuer ihr Moosschlößchen errichtet, und Die Frau Königin sitzt auf sechs runDlichen milchweißen, am runDen Pol rostrot gesprenkelten Eiern. Das Hähnchen ist eben herzugeflogen, spreizt sich schwanzwippenD auf Dem obersten Scheit Des Holzstoßes am Kuhstall unD meldet fein Kommen Durch eine prächtige Fanfare. Da verläßt Das Weibchen Das Gelege, flattert auf Den Zaun und lockt und ruft; unD sogleich schnurrt der Gemahl herbei und hockt einen Augenblick neben Der Ehelichsten, Dann nimmt er willig ihren Platz ein und wiDmet sich Dem ernsten Ge
schäft Des Brütens. Fast könnte man die Uhr nach ihnen stellen, so pünktlich erfolgt morgens unD nachmittags die Ablösung! Unterdes schwirrt Die Henne umher. Durchsucht Den Kornelkirschenstrauch im Garten nach Raupen und Spinnen, fliegt zur Weiß- Dornhecke, um Mücken unD Käfern nachzustellen, stillt den Dürft am Erlenbach über der Mühle unD macht schließlich einen Abstecher nach Dem lichten alten FichtenbestanD, unter dessen Stämmen Der tischhohe Ameisenhaufen liegt — sind Doch Die weißen schmackhaften Eier und Larven Das Beste von allem!
Gchubert-Anekdoie.
Von Zrmgard Thomas.
Die Glocke Der Mariahilferkirche schlägt Die Mitternacht. Da wünscht am Tor der Wiener Vorstadt Der Maler Schwind seinen Freunden eine gute Nacht, Dem Bauernfeld, der Die luftigen Komödien schreibt, Dem Michael Vogel, der die Lieder von Franz Schubert so schön fingen kann. Der Schubert aber steht so ein bisserl abseits und scheint Die andern ganz vergessen zu haben in Der lauen Nacht, Die über Wien gekommen ist.
„Morgen", sagt Der Schwind, „morgen, da geht's nach Plötzleinsdors. Da gibt’s einen Wein und eine Freude?"
„Ich bin dabei", ruft Bauernfeld, „und Du und du, ihr alle! Schubert", bittet er „nun seht euch Den Schubert an, steht Da unD sagt kein Wort. Schubert, es geht Doch hinaus nach PlötzleinsDorf, und du sollst Deine Laute mitnehmen."
Der ganz Versunkene roenDet die Augen von Der zarten, kleinen, mondbeglänzten Madonna auf Dem Brunnen.
„Ja", nickt er, „ja, ja, ist schon recht, ich werd schon noch mitkommen nach Pötzleinsdors!"
Und Dann winkt er ihnen allen einen Gruß zu zu unD geht Durch Die Nacht Davon, Die Hönde auf Dem Rücken gekreuzt unD ein wenig vornüber geneigt.
Üm Die früheste Stunde kommen die Freunde anderen Tages Daher, um Den Franz Schubert abzu- holen unD seine Laute. Sie singen unD rufen schon von weit her, und wenn sie um die nächste Ecke biegen, Dann roerDen sie Den Schubert an Der Tür stehen sehen, so denken sie.
Aber Die Tür ist verschlossen und fein Stuben- fenfter auch. Nur unter Dem Sims hängt an einem großen rostigen Haken eine alte Hose mit um gekrempelten Taschen. Das heißt; „Ich kann nicht mib
kommen, ich hab' kein Geld. Gehfs allein und macht's mir nicht schwer."
Da wissen Die Freunde, warum der Schubert so wortkarg war am vergangenen Abend am Maria- hilfertor, und sie rufen und fingen nicht mehr. Sie greifen in ihre Taschen. Viel ist nicht Darin, graD ein paar kleine Münzen. JeDer zählt sein Geld auf der flachen Hand.
„Hört's", sagt Schwind, „wir können Den Schubert nicht daheim lassen an einem so schönen Tag. Da ist auch keine rechte Freud' für uns in Pätz- leinsdorf. Trinkt's jeder ein Viertele Wein weniger. Da kann der Franzi mithalten."
Und eine Viertelstunde später geht Der Franz Schubert mit Den anderen zum Tor hinaus. Sie fingen wieder. Daß es eine Lust ist, und Die Laute begleitet sie.
In Der Weinwirtschaft in PötzleinTDorf ist ein arger Trubel. Die Sonne unD Der heurige Wein Haven die Wiener herausgelockt aus Der StaDt. Die Freunde finden ein Eckchen und sitzen nieder bei ihrem Schoppen.
Eduard von Bauernfeld sagt ein paar Verse, die er neulich gelesen hat. Schubert horcht auf:
„Sag's noch einmal, Bauernfeld, sag's noch einmal. Das Gedicht ist halt arg schön. Da müßt ich eine gute Melodie dazu. Wenn ich nur ein Stücklein Notenpapier hält."
„Wart' nur zu", lacht der Schwind. Und er langt sich die Speisekarte vom Nebentisch daher.
„Gestatten die Herren?"
Und dann zieht er in Den freien Raum unter Die Bratwurst und Die Eierspätzli ein paar Linien und läßt auf die oberste ein Vöglein hinhocken.
EduarD Bauernfeld beginnt zum anderen Mal: „Horch, horch, Die Lerche im Aetherblau ..." Und Franz Schubert summt vor sich hin, vergißt den Wein und Die ganze Welt über einem neuen Lied.
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. G. Ipsen, Ordinarius für theoretische Politik an Der Universität Königsberg, rourDe in gleicher Diensteigenschaft an Die Universität W i e n berufen. Professor Jpsen war einige Jahre Mitherausgeber Der Blätter für Deutsche Philosophie, sowie Des Handwörterbuchs des Grenz- und AuslandsDeutschtums. Unter feinen Veröffentlichungen nennen wir „Programm einer Soziologie des deutschen Volkstums", „Das Landvolk", „Blut und Boden (Das preußische Erbhofrecht)" und „Die Sprachphilosophie Der Gegenwart"^


