Gaukulturwoche Kreis Wetierau.
heule Feierstunde in Annerod.
Im Rahmen der Gaukulturwoche findet am heutigen Freitag die Veranstaltung „Feierstunde deutscher Meister" in Annerod statt. Eine Werkscharkapelle, die örlliche HI. und SA. werden den Abend gestalten. F. A. Schmidt liest außerdem aus den Werken Ulrich von Hutten. Orchester, Chor und Sprecher kommen abwechselnd zu Wort und künden von dem aufrechten Verfechter deutscher Art, Ulrich von Hutten, dessen markiges Wort: ,Hch hab's gewagt!" der Feierstunde ihr besonderes Gepräge gibt. Der Abend klingt aus im Bekenntnis zu Führer und Reich.
Hessen nimmt hinsichtlich der Denkmalpflege eine besonders rühmliche Stellung ein, denn es hat am frühesten ein entsprechendes Gesetz geschaffen, und es verfügt über die größte Reihe kunstgeschichtlich bedeutender Denkmäler, die vorbildlich und mustergültig gepflegt worden sind. Darüber hinaus fallt der Denkmalpflege die Aufgabe der Erhaltung ganzer Städtebilder in ihren künstlerischen Zusammenhängen zu, wie das z. B. bei den Städten Alsfeld und Büdingen der Fall ist, die am besten und unverfälscht in ihrer ursprünglichen Erscheinung er- Halten geblieben sind. Hier haben sich wirtschaftlicher und politischer Niedergang zum Wohle dieser beiden Städte ausgewirkt; denn dadurch, daß die Mittel fehlten, wurden die alten, ursprünglich er- richteten Anlagen und Häuser nicht modernisiert, so daß sie alle von zeitfremden Einflüssen befreit blieben und dadurch um so höheren kunsthistorischen Wert, besitzen.
Mit Unterstützung einiger Lichtbilder gab Prof. Rauch einen gedrängten Ueberblick über die bauliche Entwicklung der ehemals reichen, an zwei bedeutsamen Derkehrsstraßen gelegenen Handelsstadt Alsfeld, aus deren Blütezeit die Bauten, das bedeutendste Fachwerkhaus, das Rachaus, das Weinhaus und das Hochzeitshaus, aber auch viele Bürgerhäuser, entstanden sind. Gleiche Verhältnisse liegen in der Fürsten- und Festungsstadt Büdingen vor, die sich aus einer Wasserburg durch die großartigen Bastionen zu einer Festung entwickelte und mir durch das Schwinden der politischen Macht der Fürsten vor einer Veränderung bewahrt geblieben ist.
An den Forschungsarbeiten, die zur Auffindung der Kaiserpfalz Ingelheim am Rhein führte, die Kaiser Karl der Große zum Mittelpunkt seiner Macht auszubauen gedachte, ließ der Vortragende die großen Aufgaben erkennen, vor die der Kunsthistoriker zur Auffindung der Kunstwerke gestellt ist.
Professor Dr. Fischer
behandelte im Dorlesungsgebäude das Thema „D i e Kultur des amerikanischen Mittelwestens in derGegenwart". In den Jahren 1925 und 1935 wurde von amerikanischen Soziologen eine Provinzstadt des mittleren Westens nach den neuesten Erhebungsverfahren planmäßig untersucht. Während bei der ersten Untersuchung sich das Bild eines geschlossenen Gemeinwesens ergab, das ohne erhebliche Gegenströmungen von den alten amerikanischen Auffassungen des Wirtschaftsindividualismus, des Hochkapitalismus und des demokratischen Fortschrittsglaubens beherrscht wurde, war das Ergebnis der zweiten Untersuchung, wenige Jahre nach der wirtschaftlichen Scheinblüte von 1929 und dem darauf folgenden Niedergang von 1931 bis 1932, viel weniger einheitlich.
Der Vortragende bemühte sich, das Wesen und die Bedeutung der Sozialgesetzgebung des Präsidenten F. D. Roosevelt, des „Neuen Planes" von 1932, darzulegen, der einen so tiefen Einschnitt Im wirtschaftlichen Denken der Vereinigten Staaten bildete. Dann wurde die Wirkung der Depression auf den verschiedensten Gebieten, dem Arbeitsmarkt, dem Großunternehmertum und den Bereich der Familie gezeigt und die jüngsten Entwicklungen des Pressewesens, des Unterrichtswesens und der Ge
meindeverwaltung mit ihrer parteipolitischen Ausrichtung veranschaulicht.
Zum Schluß wurden die Folgerungen aus all diesen z. T. noch widerstreitenden Strömungen gezogen und eine gewisse Unrast, ein Gefühl der Un
sicherheit, ja des Zweifels an der Unfehlbarkeit der alten Traditionen festgestellt, die sich gelegenüich in der entschiedenen Forderung einer wahren Volksgemeinschaft und einer zielbewußten Führung äußert
Die Gatten in sriihgeschichllicher Zeit.
Professor Dr. Stade sprach im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instt- tuts über „Neue Forschungen zur Ge- schichte der Chatten in frühgeschichtlicher Zeit". Unsere frühesten Nachrichten über die Chatten stammen aus römischen Geschichtsschreibern. Ihre Quellen, ihren Parteistandpunkt und die Art ihrer Darstellungsweise, die von griechischer Völkerkunde beeinflußt ist, kennen wir heute besser als zur Zett der grundlegenden Arbeiten von Zeuß und Müllenhoff. So vermögen wir jetzt die allzu kurzen Sätze des Tacitus manchmal klarer zu deuten, z. B. zu erkennen, daß er den strafferen Körperbau der Chatten dem fleischigeren Körper der Germanen am Niederrhein gegenüberstellt.
Zur Krittk und Ergänzung der antiken Schriftsteller tragen Hilfswissenschaften bei: Sprachforschung, Straßen- und Raumforschung, neuerdings auch die Luftbildaufnahme, die zunächst in der Wetterau erprobt werden soll. Die Chatten haben keine Schriften über ihre Taten hinterlassen, aber der Boden hat ihre Spuren gut bewahrt. Mr stehen erst in den Anfärmen der Bodenforschung, so daß der Weg zu den Ergebnissen uns manchmal deutlicher ist, als das Ergebnis. Für Heften sind wir in einer verhältnismäßig gürftttgen Lage. Die Chatten sind als gefährliche Gegner der Römer besonders beschreibenswert erschienen, und in Hessen ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Hilfs- wissenschaften mit der Bodenforschung fett Georg Wolft und Karl Schumacher stets eng gewesen. Caesar nennt die Chatten noch nicht, unsere Funde sprechen dafür, daß die große suebische Wanderung auch das Gebiet der Chatten besetzt hat. Als^suebische Völker nach Böhmen zogen, und die Römer die Ubier links des Rheines ansiedelten (um 38 v. Ehr.), konnten die Chatten Boden gewinnen. Durch ein großes Ringroallsystem haben sie den Landgewinn zu verteidigen gesucht. Manche dieser Ringwälle und weiter rückwärts gelegene Defesti- gungen find uns bekannt; genannt seien nur der Dünsberg bei Gießen, der Heunstein bei Dillen-' bura, der Glauberg bei Büdingen. Die übrigen werden zur Zeit vermessen und werden uns nach Grabungen die Zeit und Stärke der politischen Organisation erkennen lxftfen. Die geschickte Ausführung der uns als chattisch bekannten Ringwälle betätigt das Urteil des Tacitus und feines Gewährs
mannes Plinius, daß die Chatten besonders geschickte und disziplinierte Soldaten gewesen sind.
Die Feldzüge des Germanicus gegen die Chatten (14 bis 17 n. Ehr.) erkennen wir aus zerstörten Siedlungen, wie der Altenburg bei Niedenstein, und Lagern des Germanicus, wie dem „Castell auf dem Berge Taunus", das neuerdings auf dem Burgberg von Friedberg gefunden worden ftt. Der zähe Widerstand der Chatten gegen die Eroberungspolitik des Kaisers Domittan und seiner Nachfolger (seit 83 n. Ehr.) ist erkennbar an den Zerstörungsspuren in zahlreichen römischen Gren^festungen und Siedlungen des Hinterlandes. Noch im Jahre 162 führen die Chatten bei einem Einfall ins heutige Bayern, dessen Spuren in Obernburg am Main gefunden find.
Das hessische Mittelgebirasland ist zur Bewahrung der Freiheit und zur Ausbildung einer eigenartigen Kultur in hohem Maße geeignet. Jedoch fehlen nie Einflüsse von außen her, besonders durch die hessische Senke und die Völkertore nach Thüringen. Um die Wende unserer Zeitrechnung werden Einflüsse aus dem suebischen Kreis an der mittleren Elbe deutlich, Spuren der großen Wanderung unter Ariovist. Indes hat die Bearbeitung her westgermanischen Bodenfunde gezeigt, daß die Zusammenhänge der Chatten mit den Thsiringern, Cheruskern und dem Niederrhein engere sind als mit den Elbgermanen. Als um 213 aus dem elbgermanischen Kreis sich der neue Stammesbund der Alamannen erfolgreich gegen die Römer in Bewegung fetzt, erscheinen die Chatten zunächst noch als Helfer dieses größeren Verbandes. Dann verschwindet ihr Name lange aus der Geschichte, wahrscheinlich weil sie in einer größeren Einhett aufge- aangen waren. Sie dürften sich schließlich dem großen Bund der Franken am Rhein angeschlossen haben, dem sie kulturell am nächsten standen. Seit den Merowingern und Karolingern konzentriert sich hier oft die fränkische Militärmacht. Nach der Abwehr der Thüringer und Sachsen übernimmt das chattische Land die Rolle, die ihm seine Natur als wichtige Völkerverbindung vorschreibt, auch auf po- littschem Gebiet. Der aus dem Hessischen Gebiet stammende König Konrad schägt 918 seinen alten Gegner Heinrich von Sachsen zum Nachfolger vor und ermöglicht dadurch die Sammlung der deutschen Kräfte gegen die großen außenpolitischen Gefahren dieser Zeit.
Jetzt kommt immer mehr Gemüse.
Marktumschau für die Hausfrau.
Nachdem der Mai mit seinem allerdings nicht sehr maienhaften Wetter seinen Einzug gehalten hat und die Eisheiligen, ohne allzu großen Schaden verursacht zu haben, vorüber sind, dürfte nun auch im Kochtopf der Frühling erscheinen. Denn jetzt werden auf den Märkten laufend Erzeugnisse an- geliefert, die den Speisezettel bereichern und somit den Hausfrauen die Antwort auf die Frage: „Was koche ich morgen" erleichtern. Hier ftt es vor allem Gemüse, das jetzt laufend besser angeliefert wird. Einmal wird die Beschickung der Märkte von Woche zu Woche vielseitiger werden, zum anderen werden auch die in den einzelnen Gemüsearten zur Verfügung stehenden Mengen bald so groß fein, daß sie eine volle Versorgung gewährleisten können.
Bei den einzelnen Erzeugnissen, die im Laufe dieses Monats anfallen werden, dürfte Spinat an erster Stelle stehen. Mit dem Forftchreiten der Entwicklung steht auch in ansteigenden Mengen junger Spinat, der aus der Frühjahrsaussaat stammt, reichlich zur Verfügung. Schon jetzt sind die Mengen so groß, daß ein verstärkter Verbrauch nicht nur erwünscht ist, sondern auch unter Berücksichti
gung der Tatsache, daß nichts für die menschliche Ernährung Erzeugtes umkommen darf, gefordert werden muß. Dies sollte ja auch gerade bei Spinat nicht schwer fallen. Handelt es sich doch um eine Gemüseart, die sehr gesund und vitaminreich ftt. Keine Hausfrau darf hier zurückstehen, zumal damit gerechnet werden kann, daß der Spinat auch sehr preiswert zur Verfügung stehen wird.
Was Kohlrabis betrifft, so sind die in den ersten Wochen des Monats Mai immerhin nur geringere Mengen fast ausschließlich aus dem Treibhaus. Doch gegen Ende des Monats kann schon mit reichlicheren Mengen aus dem Freiland gerechnet werden.
Ein weiterer Bote des Frühlings, der Kopfsalat, wird etwa ab Mitte des Monats, und zwar aus dem Freiland, in recht erfreulichen Mengen auf den Märkten erscheinen. Bis gegen Ende des Monats dürfte überall völlig ausreichende Versorgung aus der eigenen Erzeugung erwartet werden können.
Genau so wie bei Kopfsalat liegen die Verhältnisse bei Gurken. Während wir bei diesem Erzeugnis zunächst noch auf die Mengen, die aus
dem Treibhaus oder aus Einfuhren herrühren, angewiesen sind, dürften auch hier gegen Ende des Monats die Anlieferungen wesentlich größer sein.
Auch der Spargel wird schon im Laufe des Monats Mai, wenn auch zunächst nur in geringen Mengen, auf den Märkten erscheinen. Bei normalen Witterungsverhältnissen ist mit größeren Zufuhren gegen Ende des Monats zu rechnen. Gerade bei diesem Erzeugnis hängt ja der Anfall in sehr starkem Maße von der Witterung ab. Eine positive Vorhersage ist daher fast nicht möglich.
Der Rhabarber, der ja auch zu den Gemüsen gehört, ftt im Monat Mai fast als einziger berufen, die alljährlich auftretende Lücke in der Versorgung mit Obst ausfüllen zu helfen. Nachdem es sich im Monat April noch fast ausschließlich um Treib
hausrhabarber handelte, kommt nun im Mai Ware aus dem Freiland in reichlichen Mengen zum Verkauf. Die Höhe der Zufuhren ftt weitgehend von der Witterung abhängig. Bei genügender Feuchtigkeit können die Erntemengen, besonders' in der Mitte des Monats, außerordentlich groß werden, während sie bei trockenem Wetter naturgemäß etwas zurück- bleiben. Man kann daher der Hausfrau empfehlen, in den kommenden Wochen diesem Erzeugnis auf dem Kückenzettel einen bevorzugten Platz einzu- räumen, fei es als Suppe, Saft, Kompott ober auch Marmelade. Die stärkere Verwendung von Zucker macht die Rhabarbergerichte besonders nahrhaft.
Frühjahrswettkanipf der ff.
Am kommenden Sonntag, 14. Mai, findet in Friedberg der Frühjahrswettkampf der 1/83. ff- Standarte statt. Die Wettkämpfe werden auf der Seewiese ausgetragen. Vormittags steigt zunächst der Mannfchafts-Vierkampf (100-m-Lauf, Weitsprung, Handgranatenweitwurf, Kugelstoßen). Anschließend folgt der 1500-m-Mannschastslauf auf der Bahn mit der 10X100-m-Hindernis-Pendel-Staffel. Sodann erfolgt der Start zum Orientierungsmarsch. Schließlich folgt ein Handballspiel.
Am Nachmittag findet im Burghof eine Abschlußkundgebung statt, in deren Mittelpunkt eine Ansprache des Kreisleiters Backhaus steht. Der Kundgebung folgt ein Vorbeimarsch in der Kaiserstraße.
Hitler-Jugend Zungbann 116.
Fähnlein Gorch Fock.
Das Fähnlein (21) Gorch Fock Spielschar tritt am Samstag, 13. Mai, erst um 15.45 Uhr, pünktlich am Bahnheim an. Die Aufgaben sind möglichst vorher zu machen.
DOM.-tlntergau 116 Gießen.
Sonntag, 14. Mai, tritt die Arbeitsgemeinschaft für Volkstanz und Volkskunde um 10 Uhr am Museum zum Besuch der Ausstellung an.
Stelle für Leibeserziehung.
Sonntag, 14. Mai, findet wie alljährliche der Großstaffellauf „Rund um die Anlaae" statt. Wir beteiligen uns auch daran. Die Staffelläuferinnen der Gießener Gruppen treten 10.10 Uhr an der Goethefchule an, in Kluft und vorschriftsmäßigem Sportzeug. Ich erwarte von allen Mädeln der Gruppen, daß sie rege Anteil nehmen und den Staffelläufen zuschauen.
Montag, 15. Mai, findet um 20 Uhr im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts (Ludwigstraße Nr. 34) eine Sportfilm-Vorführung der Ortsgruppe Gießen des NSRL. statt. Ich erwarte, daß sich die Gießener Gruppen durch regen Besuch an der Vorführung beteiligen. Der Unkostenbeittag beträgt 10 Pfennig.
Am Samstag, 20. Mai, treten alle IM. der vier
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
25. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Er verwünschte seine Trägheit, die ihn bisher gehindert hatte, Schiläufen zu lernen: nun mußte er es erleben, wie fein Rivale tunbenlang mit Dina allein unterwegs war. Sich anzuschließen war er zu klug, er wußte, daß er als An änger nicht mit Holk konkurrieren konnte. Auf den Brettern nicht, umso mehr dafür im Ballsaal. Wäre er nicht der berühmte Mikeny gewesen, so würde die Hotelleitung wohl protestiert haben, daß die Kapelle fast den halben Abend vom ersten Geiger dirigiert wurde, während der Kapellmeister tanzte. Aber ihm sagte man nichts. Man war sehr froh Über seine Äusaae gewesen, und er hatte tatsächlich das Claridge so sehr zum Mittelpunkt dieser Saison gemacht, daß man sich ängstlich hütete, ihn zu versttmmen; denn sein Vertrag endete am ersten März, und die Hotel- leitung hoffte auf Verlängerung, Abgesehen davon dirigierte der erste Geiger Sarga — ebenfalls Ungar von Geburt — ausgezeichnet.
Holk tanzte gut, Mikeny tanzte vollendet. Gehörte der Tag mit seinem Sport Holk, ohne daß es Mikeny hindern konnte, so machte er es ihm abends dafür fast unmöglich, mit Dina ein paar Worte zu wechseln und Margit unterstützte ihn dabei. Sie hatte Holk nicht verziehen, daß er ihr nicht den Hof machte, und wenn sie ihn auf diese Weise ein bißchen ärgern konnte, tat sie es mit Vergnügen. Aber alle drei hatten viel zu gute Manieren, um diese Feindseligkeit nach außen merken zu lassen. Der einzige, dem die Spannung nicht entging, war Mr. Griffin. Er hatte inzwischen durch geschictte Fragen von Margit längst alles Wissenswerte über Dina herausgeholt; ihre Millionenerb- schäft war ihm ebensowenig verschwiegen worden, wie ihre frühere Che mit Mikeny.
Und die, um die Vieser unterirdische Krieg ging, diese Dina Wegner, von der behauptet wurde, sie sei ohne Hem — und deren ganzes Leid doch nur von ihrem Herzen kam, das nicht fähig war, sich in kleiner Münze zu' verausgaben — diese Dina Wegner sah sich nach Holks Erscheinen nunmehr in einen Abgrund von Wirrnis und Ratlosigkeit gestürzt.
Sie hatte sein Kommen herbeigesehnt, weil sie überzeugt gewesen, daß seine Anwesenheit genügen
würde, ihre Unruhe zum Schweigen zu bringen — wie vor vierzehn Tagen. Aber nun war alles noch schlimmer geworden. Vierzehn Tage lang hatte Mikeny den Zauber seines Wesens spielen lassen und immer und immer wieder an die Zett ihres Glückes erinnert Vergebens stellte sie das bittere „Nachher" dagegen, es hatte nur noch Macht, wenn feine Gegenwart nicht auf sie wttkte.
Und was das Allerschlimmste war: auch Holk hatte sich verändert. Er trat so enftchieden aus seiner bisherigen Zurückhaltung heraus, daß kein Zweifel blieb, wohin er steuerte. Das war das einzige, was chr noch gefehlt hatte — statt ihr Ruhe und Halt au geben, stürzte er sie in noch größere Zerrissenheit. Wenn er nun eine Entscheidung verlangte, was dann? Wenn sie nein sagte, schied er aus ihrem Leben aus — und bei dem Versuch, diesen Gedanken zu Ende zu denken, wurde ihr erst richtig klar, was seine Freundschaft für sie bedeutete. Aber ja sagen, das ehrliche, vorbehaltlose Ja, auf das ein Mann wie er Anspruch hatte, konnte sie nicht, so lange es einen anderen Mann gab, dessen Gegenwart ihr Herz schneller schlagen ließ. In diesen Tagen geschah es nicht nur einmal, daß ihr im Rückerinnern ihr Dasein in der Langendorffichen Buchhandlung anaenehmer erschien als chr jetziges Sorgenfreies Leben; vor derart schweren Konftikten war sie dort bewahrt geblieben.
Arn Sonntagvormittag traf sich der Kreis in der kleinen Konditorei, die Dina nicht wieder betreten hatte, feit sie Mikeny dort begegnet war. Auch jetzt war er wieder dabei und kam auf ihr Wiedersehen und im Anschluß daran auf gemeinsame frühere Besuche von Cafäs zurück. Er tat es in einer Art, die Holk rasend machte. Glücklicherweise nur innerlich; es kam zu keinem Zusammenstoß, aber die Enttäuschung dieser Tage begann nunmehr einer gewissen Erbitterung zu weichen. Erbitterung über die Rolle, die er als Rivale eines früheren Ehemannes spielte, und damit auch Erbitterung gegen Dina, die ihn diese Rolle spielen ließ, statt Mikeny in seine Schranken zurückzuweisen.
Nach dem Mittagessen schnallten sie die Bretter an und führen noch einmal die vertrauten Hänge ab, denn abends mußte Holk abreften. Auf dem Rückweg blieben fie am Bergkirchlein stehen und sahen hinunter. Es war Föhn und Neufchnee an- gesagt; leichter Dun ft tag wie ein Schleier über den Bergen und begann die Umrisse zu verwischen; unten im Dorf blinkten bereits vereinzelt Lichter auf.
Beide schwiegen, aber es war nicht das lebendige Schweigen, das fonft zwischen ihnen herrschte, wenn sie die Schönheit der. Natur bewunderten; heute lag
es schwer und lastend zwischen ihnen.
Dinas Nerven hielten dem Druck nicht ftand. Sie hatte die wachsende Spannung zwischen den beiden Männern mit Unruhe verfolgt; sie hatte felbft mit Vorwürfe von Holk gerechnet, aber nicht mit diesem kalten, ablehnenden Derftummen.
„Es ift doch wunderschön hier oben! Schade, daß Sie nicht noch bleiben können!" fugte sie und empfand im gleichen Augenblick das peinlich Konventionelle dieses Satzes.
„Leider ausgeschlossen! Es war schon diesmal sehr Schwer, mich frei zu machen", antwortete er höflich.
„Ich weiß." Sie hatte ein wenig Angst vor diesem höflichen Holk. Er war mit einem Male so Schrecklich weit weg von ihr. ,Hch werde Sie sehr vermisfen", wagte fie zu sagen.
„Oh — Sie haben so viel GefellSchast hier oben", erwiderte er mit übertriebener Ruhe.
Dina raffte ihren ganzen Mut zusammen. „Sind Sie mir böse?" fragte sie nun direkt.
Er wandte ihr zum ersten Male das Gesicht zu, ein fremdes, verschlossenes Gesicht. „Dazu habe ich fein Recht. Sie sind völlig frei, zu tun, was Sie für das Richtige halten."
„Wenn ich nur wüßte, was das Richtige ist", sagte sie gequält. „Es ift alles so wirr in mir."
„Sie lieben eben Ihren früheren Mann immer noch", stellte er erbittert fest.
Ihr wurde kalt vor Schreck. Wollten denn alle sie zu Mikeny zurücktreiben, alle? Auch Holk?
„Das ist — doch ganz unmöglich!" antwortete sie mühsam.
„Es sollte unmöglich sein — nach der Art, wie der Kerl piit Ihnen umgesprungen ist", brach die Enttäuschung durch. „Ader es scheint, daß es Ihnen trotzdem nicht unmöglich ist."
„Ich hoffte, Sie würden mir helfen." Sie kämpfte mit dem Weinen.
,/Ich wollte, ich könnte es." Seine Bitterkeit wich, als er ihre Erschütterung sah, einem traurigen Emst. „Aber hier können nur Sie allein entscheiden und müssen es auch, denn dieser Zuftand ftt untragbar. Darum ist gut, daß ich gehe."
„Sie wollen mich ihm überlassen?" Ihre Stimme war ohne Klang.
„Nein, Dina!" Er war heiser vor Erregung. „Aber ich will eine Frau, die mit ganzem Herzen zu mir kommt. Ich kann mir kein Glück denken, wenn man sich dauernd mit Gespenstern der Vergangenheit herumschlagen muß. Darum überlasse ich Sie sich selbft — und Ihrer Einsicht."
„Ob Gefühle überhaupt eine Sache der Einsicht finbl" fcaflte sie teile, ------
Für den Bruchteil einer Sekunde regte sick in ihm das rasende Verlangen, fie einfach in die Arme zu nehmen und ihr zu sagen, daß sie mitkommen fotte, heute noch auf der Stelle. Er war überzeugt, sie würde es tun, würde froh sein, daß ihr die Entscheidung abgenommen wurde. Aber dann siegte dis Vernunft des reifen Mannes, der an das „Nachher" dachte. An den Alltag, der keiner Ehe erspart bleibt. Einmal würde diefe Ueberrumpehing sich rächen und Mikeny vermutlich im Laufe der Jahre mit einem Glorienschein umkleidet werden, den feiner weniger verdiente als er. Nein, so ging es nidyt — nur sie tonnte entscheiden, aus eigenem freien Willen mußte fie es tun.
„Ein Mann empfindet darin wohl anders als eine Frau", antwortete er nach einer Pause. „Ich könnte nicht mehr an einem Menschen hängen, der mich so enttäufcht hat."
,Hch war einmal Sehr glücklich mit ihm", muri melte sie kaum hörbar.
Er hatte sie doch verstanden, und der Groll übermannte ihn wieder. „Für kurze Zeit — und befto länger unglücklich. Ich verstehe Sie einfach nicht!" sagte er zornig.
„Ich verstehe mich selbft nicht mehr!" Ein trübes, kleines Lächeln, das mehr Weinen war, glitt über ihr Gesicht. „Aber daß es so nicht weitergeht..." <5ie feufzte tfef auf.
,Hede Klarheit, auch die bitterste, ift besser als^ Ungewißheit. Nichts zermürbt so unbarmherzig", Sagte er eindringlich.
,Zch weiß nur eines: daß ich nie in meinem Leben einem Menschen so vertraut habe wie Ihnen."
„Darauf müßte ich Ihnen nun eigentlich Sagen, daß ich immer Ihr Freund bleiben werde. Aber das ift nicht wahr. Wenn Sie gegen mich entscheiden, muß ich mich damit abfinden — ich werde Ihnen trotzdem nur Gutes wünschen, aber- unsere Wege gehen bann auseinander."
„Sie sind sehr auftichtig."
„Es steht zu viel auf dem Spiele, um Redensarten zu machen", antwortete er bestimmt.
„Also ein Ultimatum?"
„Wenn Sie es so auffaffen, ja!"
Dina sagte nun mit verzweifelter Entschlossenheit: „Wenn ich innerhalb der nächsten vier Wochen nicht nach Biringen komme, bin ich mit der Bahn zurückgefahren."
,^ch verstehe. Mer Wochen? — Gut!" jagte ef bann nach kurzem Zögern. Es würden scheußliche Wochen für ihn fein, aber wenn sie diese Zeit forderte, mußte er fie ihr gewähren.
(Fortsetzung folgt.-


