Kr.no Zweiter Blatt
Aus der Stadt Gießen,
tseberall frischer Fisch.
NSG- Zur Sicherung der Volksernährung durch die deutsche Fischereiwirtschaft gehört mit der Erhöhung der Produktion und des deutschen Produktionsanteils an einem stetig wachsenden Verbrauch die Ausschaltung des Verderbs. Zur Lösung dieser Aufgabe geht die deutsche Fischereiwirtschaft ganz neue Wege, um den Seefisch, ein hochwertiges, aber auch leichtverderbliches Lebensmittel, lange frisch zu halten, um in olle Städte und Dörfer des Reiches wirklichen Frischfisch zu versenden.
Dieses Ziel macht notwendig, die Verderbspanne zwischen Fischfang und der Rückkehr des Dampfers in den Hafen über Umschlag, Transport mit der Reichsbahn öfter mit Kraftlastzügen bis zum Verkäufer und Käufer zu überbrücken, also alle schädlichen Einwirkungen von Luft, Raum und Zeit auszuschalten. Das wird erreicht durch eine neue Fangweise und mit Hilfe des Tiefkühlverfahrens. Die deutsche Hochseefischerei wird — wie der Walfang — künftig Fangflotten ausschicken. Die Fangdampfer übergeben ihre Fänge auf hoher See einem Fabrik- fchiss. An Bord dieses Schiffes werden die guten Fische sofort geschlachtet, enthäutet und entgrätet. Das saubere Fischfleisch wird verpackt, tiefgekühlt und in Spezialräumen des Fabrikschiffes gelagert. Der Abfall wird, soweit daraus nicht Tran und Oel gewonnen wird, mit dem Beifang sogleich an Bord in einer besonderen Anlage zu Fischmehl verarbeitet. Mit voller Ladung kehrt das Fabrikschiff in den Heimathafen zurück. Das tiefgekühlte Fischfleisch wird in neuartigen, dafür errichteten Kühlhäusern gelagert und von borf in der tiefgekühlten Verpackung mit den Kühlwagen der Reichsbahn oder mit Speziallastzügen an die verschiedenen Kühllager ins Reich gesandt. Von den Kühlvorratshäusern werden die Fische in besonderen Behältern, die kleinen Eisschränken gleichen, dem Einzelhändler zugeführt. Er lagert sie in einer Kühltruhe und verlauft aus dieser Truhe an den Verbraucher.
Der Fisch wird also sofort nach dem Fang schon auf hoher See nach dem Tiefkühloerfahren behandelt und bleibt tiefgekühlt, bis er zum Verbraucher gelangt. Qualität, Nährwert und Geschmack des Fischfleisches sind die gleichen wie beim Fang: der Käufer erhält erstklassige Ware, und er braucht sie nicht einmal teurer zu bezahlen als bisher. Denn die Kosten der sorgfältigen Behandlung während der Kühlkette, in der der Fisch ständig bei einer Temperatur von etwa minus 20 Grad Celsius gehalten wird, werden ausgeglichen durch die völlige Ausschaltung des Verderbs, der bei der heutigen Preisberechnung eine erhebliche Rolle spielt.
Die Vorteile des neuen Verfahrens find: bestes Fischfleisch, unbegrenzte Lagerfähigkeit und gesteigerter Verbrauch, der wieder dem Ausbau und der Wirtschaftlichkeit der Produktionsmittel und des Verteilerapparates zugute kommt. Das Verfahren ist bereits praktisch erprobt.
Bornofigen.
^ageskalender für Freilag.
Gan-Kultur-Woche: 10 bis 13 Uhr und 15 bis 18 Uhr im Oberhessischen Museum (Altes Schloß) Sonderausstellung (Das Haus- und Dorfbuch). — Annerod: Feierstunde Deutscher Meister. — Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr „Ein ganzer Kerl". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Florentiner Hut". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Das Abenteuer geht weiter"; Spätvarstellung 22.45 Uhr „Die Stunde der Versuchung".
Sladlkhealer Gießen.
Heute abend findet die letzte Aufführung der Komödie „Ein ganzer Kerl" von Fritz Peter Buch statt. Inszenierung Hans Geißler, Bühnenbilder Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 31. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.__________________________
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Freitag, (2. Mai 1939
Weitere Borträge und Besichtigungen in der Hochschulwoche.
Der gestrige Donnerstag als vierter Tag der Hochschulwoche der Ludwigs-Universität Gießen brachte im Verlaufe des Nachmittags eine Reihe interessanter Besichtigungsmöglichkeiten. Im Anschluß an den Vortrag des Direktors des Chemischen Instituts Professor Dr. W e i tz am Dienstagabend hatten die Besucher nunmehr Gelegenheit, unter der Führung der Professoren Dr. Weitz, Dr. K r o l l p f e i s f e r und Dr. B e - Hag Hel eine Führung durch das Chemische In
stitut zu unternehmen und dabei die Vorführung chemischer Arbeitsmethoden in fesselnden Ausschnitten zu erleben.
Im Geologischen Institut konnten die Besucher unter Leitung von Professor Dr. Hummel eine Besichtigung der geologischen Heimat-Schausammlung vornehmen und auch dort interessante Eindrücke als Gewinn des Besuchs verzeichnen, lieber diese Schausammlung haben mir vor einiger Zeit bereits eingehend berichtet.
Die Landwirtschasts-Mffenschast im Vordergrund
Eine große Besucherzahl weilte nachmittags mehrere Stunden lang auf dem Oberen Hardthof und auf den Versuchsfeldern des Instituts für Pflanzenbau, um dort unter sachverständiger Führung der bedeutsamen Arbeit der Landwirtschafts-Wissenschaft in einigen grundlegenden Betrachtungen näherzukommen.
Professor Dr. Vogel
als Leiter der Lehr- und Versuchswirtschaft Oberer Hardthof, gab den interessiert lauschenden Frauen und Männern zunächst einen kurzen informatorischen Ueberblick über die Aufgaben dieser Musterwirtschaft, deren Leitung er vor etwa drei Jahren übernommen hat. Es handelt sich bei diesem Betrieb in erster Linie um die Durchführung von Versuchen auf dem Gebiete der Tierzucht. Daneben soll der Obere Hardthof aber auch Beispiel- und Lehrwirtschaft für die Studenten der Landwirtschaft, die Tierärzte und die bäuerliche Bevölkerung sein, die allesamt in diesem Betrieb zu jeder Zeit sehen können, wie die Theorie in die Praxis umgesetzt wird. Der 120 Morgen große Hof ist, seiner besonderen Aufgabe entsprechend, ziemlich einseitig auf Tierzucht und Tierhaltung eingestellt. Infolgedessen weist er auch einen erheblich größeren Viehbestand auf als ein bäuerlicher Betrieb gleicher Größe, das hängt ober mit den besonderen wissenschaftlichen Aufgaben der Arbeit auf dem Oberen Hardthof zusammen.
Bei einem Rundgang durch die mustergültig eingerichteten und ebenso 'beispielhaft arbeitenden Betriebe lernten die Besucher unter Führung von Prof. Dr. Vogel und einiger seiner Mitarbeiter ein Stück landwirtschaftlicher Wissenschaft und Praxis im Dienste der Erzeugungsschlacht kennen, das höchster Bewunderung wert ist. Die Rinderherde, die großartige Geflügelzucht mit dem umfangreichen Teilbetrieb der künstlichen Brut, in der jährlich in großen Brutapparaten rund 12 000 Küken ausgebrütet werden, die nach besten Rassegesichtspunkten zusammengesetzten Hühnervölker, die Zlegen- zucht, die Schweinehaltung und die Schafherde, sowie alle technischen Betriebseinrichtungen fesselten auf dem eineinhalbstündigen Rundgang in hohem Maße, so daß man schließlich mit großer Befriedigung diesen Musterbetrieb verließ.
Anschließend hielt Professor Dr. Vogel, in Ergänzung des Geschauten und Erlebten auf dem Oberen Hardthof, im Landwirtschaftlichen Institut einen Vortrag über das Thema „Aufgaben der Tierzüchtung zur Er'nährungssiche- r u n g . Das Ergebnis dieses Vortrages kann man in folgende Sätze zusammenfassen: Die zwingende Notwendigkeit, die Fett- und Eiweißlücke in der deutschen Ernährungswirtschaft zu schließen, d. h. die Inlandserzeugung an Fett und Eiweißstoffen zu erhöhen, stellt die Tierzüchtung und -Haltung vor eine Reihe wichtiger und dringlicher Aufgaben. Tierische Fett- und Eiweißstofse sind für die menschliche Ernährung unentbehrlich. Don den landwirtschaftlichen Nutztieren sind in Deutschland an der Lieferung von Fett und Eiweiß in erster Linie die 1 Rinder und Schweine beteiligt. Eine Erhöhung der
Tierbestände ist nicht möglich, weil dafür weder die notwendigen Futtermengen, noch die erforderlichen Arbeitskräfte vorhanden sind. Die Erhöhung der Erzeugung kann deshalb nur durch eine Leistungssteigerung innerhalb der vorhandenen Bestände erfolgen. Sie muß mit Hilfe züchterischer Maßnahmen und durch Verbesserung der Fütterung und Haltung geschehen. Unbestreitbar große Erfolge sind in dieser Richtung bereits erzielt worden, dennoch sind weitere große Aufgaben durch die Tierzuchtwissenschaft und die praktischen Züchter aus volkswirtschaftlichen und wehrpolitischen Gründen in Angriff zu nehmen.
Professor Dr. Sessous
als Direktor des Instituts für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung, geleitete dann die Besucher von dem oberen Hardthof zu den Versuchsfeldern des Instituts (in der Krofdorfer Straße neben dem Umspannwerk. Hier sind auf einer Anzahl Ackerflächen und Wiesen die Anbau- und Kulturversuche mit Getreide, Hülsenfrüchten, Oelfrüchten, Faserpflanzen, Wurzel- und Knollengewächsen, Grünfutterpflanzen und verschiedenen Kulturpflanzensortimenten angelegt.
Professor Dr. Sessous gab den aufmerksam lauschenden Hörern in großen Zügen ein Bild von den grundsätzlichen Gedanken und Erwägungen für die Anlage und die Durchführung dieser Versuche, deren Ziel darin besteht, höchste Leistungssteigerung in dieser Beispielswirtschaft anzustreben und dadurch der bäuerlichen und landwirtschaftlichen Praxis vielfältige Anregung, Belehrung und Hilfe zu bieten. Leider ist die Vegetation infolge des bisherigen ungünstigen Wetters noch nicht allzu weit vorgeschritten, so daß die Besucher in manchen Teilen noch keinen anschaulichen Eindruck mitnehmen konnten. Professor Sessous hat sich daher bereit erklärt, in einigen Wochen diese Führung zu wiederholen. Nlon konnte aber doch schon auf den in zahlreiche kleinere Abteilungen aufgeteilten Versuchsfeldern mancherlei Pflanzenarten in ihren ersten Entwicklungs- stadien sehen und dabei allerlei interessante Wahrnehmungen machen.
Durch die anschauliche Schilderung von Professor Sessous und die zahlreichen belehrenden Beispiele wurde den Besuchern bei dem Gang durch diese Versuchsfelder überzeugend klar, daß die Pflanzenzüchtung in unserer Gegenwart und auch in der Zukunft große Aufgaben zu erfüllen hat, um unserem Volke bei der Erringung seiner Nahrungsfreiheit zu dienen. Daß bei der Erfüllung dieser Aufgabe unser Gießener Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung unter Leitung von Professor Sessous ein bedeutsames Stück Mitarbeit schon geleistet hat und auch künftighin leisten wird, konnte man — soweit man es nicht schon von früheren Gelegenheiten wußte — auch bei dem gestrigen Besichtigungsrundgang und bei dem anschließenden adenNichen Vortrag überzeugend erkennen.
Am Abend sprach Professor Dr. S e s s o u s im Hörsaal des Landwirtschaftlichen Institutes über das Thema „Neuere Kulturpflanzen in ihrer Bedeutung für die deutsche
Wirtschaft". Die fesselnden und lehrreichen Dar* legungen seien wie folgt zusammengefaßt: Um dis Eiweiß-, Fett- und Faserlücke zu schließen, war es notwendig, da uns eine Zufuhr aus eigenen kolonialen Gebieten noch versagt ist, Umschau zu halten nach neuen Quellen, nach Pflanzen, die neben den bisher bei uns kultivierten, unter den in Deutschland herrschenden Klima- und Bodenverhältnissen anbau- würdig sind. Hierbei ist in erster Linie auch die Süßlupine zu rechnen, jene alkaloidfreie Spielart, die im Kaiser-Wilhelm-Jnstitut für Züchtungsforschung in Müncheberg auf Anregung seines leider zu früh verstorbenen Schöpfers Erwin Baur get züchtet wurde. Die Schaffung dieser bitterftoffreien Lupine ermöglichte es, auf armem Sandboden bisher nicht gekannte Eiweißmengen zu erzeugen. Auf dem Gebiete der Leinzüchtung wurden große Fortschritte gemacht, ertragreichere Faser- und Oelleine erzielt. Auch der Körnermaisbau ist eine wertvolle Hilfe geworden, durch ihn können auf leichteren Böden erheblich höhere Erträge gewonnen werden als von dem übrigen (Betreibe. Sojabohne und Saflor als Dellieferanten erscheinen neu auf dem Plan, die Züchtung hat es zuwege gebracht, daß wir heute bereits Sorten haben, die zufriedenstellende Erträge bei sachgemäßem Anbau bringen.
Der Vortragende zeigte an Hand zahlreicher Lichtbilder die Erfolge züchterischer Arbeit, sprach auch über weitere Bemühungen, die Zahl der bei uns anzubauenden Kulturpflanzen zu vermehren und wies auf 'die Bearbeitung der Erdmandel, Oelrauke, Sonnenblume und Hirse am Institut für Pflanzenbau und auf die Aussichten für diese Gewächse hin. Verstärkter Anbau der veredelten und Einführung neuer Kulturpflanzen, wie sie geschildert wurden, werden es ermöglichen, die noch bestehenden Lücken in unserer Selbstversorgung auszufüllen.
Professor Dr. Rauch
brachte seinen Hörern im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts einen Vortrag über „K unft« Denkmäler und Denkmalpflege in Hessen undim Mittelrheingebie t". Einleitend gab er zu verstehen, daß Denkmalpflege als gleichbedeutend mit der staatlich organisierten Fürsorge für die Denkmäler und die Kunst der Heimat aufzufassen ist. Es handelt sich hierbei um angewandte Kunstgeschichte. Die Denkmalpflege besteht aus zwei getrennten Arbeitsgebieten, aus einem praktischen, der Pflege und Fürsorge für die Erhaltung und nötigenfalls für ihre Wiederherstellung, die dem Architekten, bildenden Künstler u. a. obliegt, und aus dem theoretischen, für das der Wissenschaftler zuständig ist. Diese zweite Arbeit besteht in der Auffindung und Inventarisierung und der Erforschung der Kunstdenkmäler.
Oh-
mein verlorenes Blond!
Sinb oud) vielleicht Sie manchmal traurig, weil Jht blondes Haar streifig und immev dunkler wirb? Tlun—‘oft geht mit bet Zeit seins (prohlenb Keller Ton verloren, voch jetzt gibl es fileinol vlonbier Stzompoo! ks macht 5ii tlonb wie einst. Dabei ist es so milde, baß ts dem zarten haar nie Schaden bringen honrt.
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Gießener Stadttheater.
Gastspiel Lil Dagover:
„Spiel im Ernst" von G. T. Buchholz.
Das zweite Berliner Gastspiel gegen Ende unserer Spielzeit: die Staatsschauspielerin Lil D a g o- d er mit einem Berliner Ensemble in einem Stück von Gerhard T.Buchholz. Frau Dagover ist, wie man aus manchem Film auch in der Provinz weiß, eine unserer elegantesten und scharmantesten Sa-londamen. Daß sie nicht auf ein ohnehin leicht überlebtes Rollenfach alten Stils festzulegen ist, erwies etwa ein Film wie „Das Mädchen Irene , wo ste gewiß eine ihrer menschlich reifsten und anmutigsten Gestalten vorführte. Das erweist auch (ohne daß damit unangebrachte Vergleiche gezogen werden sollen) dieses Rundreife-Stück „Spiel im $™ine Liebesgeschichte, eine Ehegeschichte, die Geschichte einer Rückkehr und einer Wandlung. Eine Künstler-Geschichte auch noch, aber die Probleme, die da hineinspielen, werden doch nur sehr an der Oberfläche gestreift, und für eine echte Komodie haben die vier Akte nicht Ernst und Tiefgang genug und überdies eine allzu glatte und konstruktiv herbeigeführte Lösung. .
Maria, Frau eines Dramatikers, laßt sich an oer See, während ihr Mann daheim arbeitet, von einem jungen Musiker Liebeserklärungen machen. Als ste aus den Ferien nach Hause kommt, ist der Empfang nicht besonders herzlich, und wenig spater erfahrt Maria durch einen dummen Zufall, daß ihr Mann mittlerweile seinerseits eine Freundin gefunden hat, die ihn angeblich „inspiriert". Maria erzwingt die Bekanntschaft dieses Fräuleins und läßt sich, ungewöhnlich genug, von ihr, die nicht ahnt, wen ste vor sich hat, erzählen und unterrichten: über ihren Mann, über sie selbst, über den Umgang nut Künstlern im allgemeinen und ganz besondern Sie lernt dabei so viel und wandelt sich so gründlich, daß Die peinliche Aufdeckung des wahren Sachverhaltes um so weniger schadet, als sich herausstellt, daß tue Freundin auch ihrerseits einen Freund hat noch einen außer Marias Mann, und dieser Zweite i| , wie der Zuschauer im voraus weiß, natürlich Marias Musiker vom Meeresstrand. Das gibtden Dingen eine angenehm zufällige Rundung, und tft klar, daß sich zuletzt die rechtmäßigen Paare bei einem Dersöhnungsfest mit Budenzauber wieder zusammengefunden haben.
Dies ergibt, mit wenig Worten, den 21nla6 für Frau Dagovers Spiel. Es ist zunächst, tote
schon neulich bei Carola Höhn und Charlott Daudert, festzustellen, daß das Theater dem Film in vielen Augenblicken doch an Intensität und Aus- drucksnähe überlegen ist. Das schauspielerische Ausstrahlungsvermögen kann sich unübertragen und unfiltriert durch eine raffiniert verfeinerte Technik Raum schaffen und durchsetzen. Frau Dagover hat hier weder eine Salondame im üblichen Theatersinne noch eine Mutter wie im „Mädchen Irene" oDerJm „Knaben Io" zu spielen, sondern ganz einfach eine Frau: darin sind eigentlich schon fast alle orthodox begrenzten Rollenfächer Des alten Theaters einbegriffen und ein beträchtlicher Teil der Spannweite allen Spiels auf der Bühne.
Eine reife und eine liebende Frau, wie man hinzufügen Darf, ohne diese Möglichkeiten wesentlich einzuschränken. Frau Dagover wird sich genau überlegt haben, warum sie mit einer solchen Rolle auf Reisen ging: sie gestattet ihr eine große Entfaltung, sie kann ihren natürlichen, damenhaften Scharm, ihre Klugheit und ihre weibliche lieber* legenheit einsetzen. Sie ist eine Frau auf der Höhe des Lebens, die noch einmal den Ansturm eines jungen Gefühls erlebt, auf sich gerichtet sieht und den Reiz dieses Erlebnisses auskostet; die gleich darauf eine bittere Enttäuschung erfährt und, die Spannkraft und Beherrschung besitzt, einer Gefahr ins Auge zu sehen, sich zu verwandeln und gleichsam zu verjüngen ... Dies sei eine Andeutung dessen, was es hier (unter anderm) zu spielen gab und mit Geschmack, mit sehr kultivierten Mitteln und übrigens auch einem bemerkenswerten Toilettenwechsel gespielt wurde. —
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Unter Der sorgsam abstufenden und sauber pointierenden Spielleitung von Karl Heinz Martin wirkten auch Die Partner der Frau Dagover sehr fließend zusammen. Edu W e f e n e r , von früher hier bekannt und sogleich herzlich willkommen geheißen, spielte Den Musiker: er hat sich figürlich und darstellerisch entwickelt und nahm den stürmischen Angriff rm Eingangsakt mit schönem Schwung, der noch in der gelockerten Stimmung gegen Ende spürbar nachklang. Henry R ü b e f a m bemühte sich diskret um die etwas farblose Rolle von Marias Mann, Camilla Weber spielte frisch, sprudelnd naiv und wienerisch herzlich Das Mädchen Kitty Müller, Heinz Könne cke erzielte als der unselige Freund des Hauses mit einem nervös zerhackten Wortschwall einen ansehnlichen Heiterkeitserfolg.
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Das Theater war fehr stark besetzt, Der Applaus groß und ausdauernd, Hans Thyriot.
Gloria-palast: „Der Florentiner Hut"
Dies ist doch wohl Der beste und luftigste Rüh- mann- Film, der je gedreht wurde. Rühmann heiratet, oder sagen wir: er versucht zu heiraten, denn sein Hochzeitstag besteht aus einer Kette von Katastrophen und sieht viel eher einem infernalischen Spuk ähnlich, einer Moritat, wie sie der witzig aufgezogene Vorspann ankündigt mit Dem im Chor mitgesungenen Refrain: „Iajajajaja, 's ist traurig, aber wahr ..." Schuld an allem Unglück ist Herrn Farinas (oder Herrn Rühmann s) Pferd mit dem pikanten Vornamen „Kokotte". Diese Kokotte hat im Walde einen schönen, neuen, teuren Florentiner Hut gefunden und ziemlich aufge- sressen ... Wie das zugeht, ist eine andere Sache, aber der Betrachter weigert sich aus mehreren Gründen auf das entschiedenste, die ganze Geschichte nachzuerzählen; er empfiehlt vielmehr: geht hin und seht euch das selber an. In der Vorstellung, in welcher Der Berichterstatter saß, sind Den Leuten Die Tränen über Die Backen gelaufen, Diesmal nicht vor Rührung, fonDern vor Lachen. Manche roerDen vielleicht sagen: ein Schwank — na, unD? Jawohl — ein Schwank. Aber brillant gemacht und in Szene gesetzt, unD außerdem einer, Der in Dieser Form nur im Film möglich ist. Die Vorlage lieferte eine KomöDie von Labiche: wie gut, daß ein Künstler wie Liebeneiner den Stoff als Regisseur in die Hand bekommen hat. Was er daraus gemacht hat, lebt von Anfang bis zu Ende von einer bezaubernden Spielphantasie. Man wird zuerst wenn Rühmann ins Publikum hinein Die Vorgeschichte zu erzählen beginnt, Die übergeblendet und zwischengeschaltet sogleich von selber sich bildhaft weiter erzählt und' ihn ergänzt, etwas von Der graziösen Leichtigkeit im Filmstil von Sascha Guitry wieDerfinden. Man wird vielleicht sagen, dies alles sei in Wahrheit unmöglich, so eine Anhäufung von unseligen Zufällen, .Mißverständnissen und Mißgeschick gebe es nicht: mag alles sein, es ist ein Schwank, aber es ist ein Film, ein richtiger Film mit einem enormen Tempo und einer explosiv gesteigerten und vervielfältigten Komik, und den Leuten laufen die Tränen herunter; man wird übrigens vielleicht sogar bemerken, daß in Rühmanns Darstellung, Der sich hier auf Dem Gipfel feiner heiteren Möglichkeiten befindet, durch alle schwank- hafte Ungeheuerlichkeit hindurch immer noch ein Spürchen echter Menschlichkeit, hindurchbliht — vom unwiderstehlichen Bubenlächeln bis hin zum strengen Stirnrunzeln moralischer Entrüstung und zur stillen Ergebenheit und zum stummen Entsetzen vollkommener Verzweiflung. — Das einzig wirklich
Traurige an diesem luftigen Film: Herti Kirchner, Helene, Die kleine, drollige, zärtliche Braut Des Herrn Farina, ist nicht mehr am Leben; Die noch sehr junge und sehr begabte Schauspielerin ist vor wenigen Tagen in Berlin mit dem Auto verunglückt, das vom Honorar dieser ihrer ersten großen Filmrolle gekauft war. — Ein herrliches Ensemble rundherum: Christl Mardayn, Victor Janson, Paul Henckels, Alexa von Po» rembsky, Hannsgeorg Laubenthal. Hans Hermann Schaufuß, Elsa Wagner, Paul Bildt— welch ein Aufgebot an komischen Talenten. — Das Drehbuch schrieben Bernd Hofmann und Horst B u d j u h n. An der Kamera stand Karl Loeb. Musik von Michael I a r y. — (Terra.)
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Im Beiprogramm läuft die Tobis-Wochenschau, ein Lustspielfilm und ein Kulturfilm „Münster" — vortrefflich photographiert, aber über feinen, wenn auch nicht allenthalben charakteristischen Details kommt das Gesamtbild ein wenig zu kurz; auch werden manche Besucher Des öfteren noch ein paar Worte erläuternDen Textes vermißt haben.
Hans Thyriot.
Zeitschriften.
— „DieKun ft", Monatshefte für Malerei, Plastik unD Wohnkultur (Verlag F- Bruckmann, München) bringt in ihrem Maiheft eine mehrfarbige ReproDuktion von R. van Der WeyDen. L. Reibe- meister weist auf Die Bedeutung Der Berliner Ausstellung Altjapanischer Kunst hin. Einige Werke roerDen in Abbildungen roieDergegeben. Die Welt zwischen NorD- und Ostsee ist Der Inhalt Der idyllischen Bilder von Fritz Witschetzky, von Denen eine Auswahl als Umrahmung Des Aufsatzes von Karla Eckert gezeigt roirD. lieber Die Deutsche Kunst in Böhmen und Mähren gibt Otto Kletzl einen lesenswerten Beitrag, umrahmt von einigen beispielhaften Bildwiedergaben. Lothar Bechstein und fein Werk bespricht Herbert Griebitzsch. Schließlich seien erwähnt ein Beitrag von A. Gotzes über Hans Schroedter (ein Meifterschüler »on Hans Thoma), sowie Die Aufsätze von Franz Dttmann „Wechselbeziehungen zwischen Dem Altreich unD Der Ostmark" und von Wilhelm Pinder „Der Untergang Der staufischen Kunst". Der zweite Teil Der „Kunst" zeigt zwei klargegliederte Ein- und Zweifamilienhäuser. DerschieDene Schreibschränke zeigt F. A. Kaufsmann, währenD RuDolf Lunghard, Lehrer an Der Kunstgewerbeschule in Stuttgart, über das Kunsthandwerker Der Töpfer spricht.


