Ausgabe 
12.4.1939
 
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Nr. 85 Drittes Blatt

H.

Es war wirklich kein gemütlicher Flug.Eine ver-

112,5 war WII llM) mn g«iii dimmt holprige Chaussee", Diillcr Galgenhumor, als rr

bemerkte der dicke Herr

Galgenhumor, als wieder eine unter die

Flügel faßte und die Maschine heftig schwanken l-ß.

:Dcr Mann hinten auf dem Armesünderbänkchen -- weiter war er auf der Flucht in die Einsamkeit nicht gekommen und bas ihm zunächst sitzende Ehe­paar schwiegen. Sie waren in die Erforschung ihrer Üüten vertieft. Die Sessel vor ihnen waren leer: beiden Insassen waren, als hinter ihnen die Luten entfaltet wurden, in die Raucherkabine ge- slichen.

.Die nächsten Plätze hatten zwei Damen inne, ihren sehr unterschiedliche Aufmachung dem Bcob- ayter zeigte, daß sie nicht zusammengehörten. Die Inmc auf der rechten Seite, sie saß blaß, aber olllig beherrscht da, trug ein schlichtes, schwarzes Kostüm und einen kleinen aufgeschlagenen Hut; ihre Nachbarin dagegen war das, was man, je "ich Einstellung bewundernd oder mißbilligend, eine »,nondäne Erscheinung" nennt. Sie war blond ihr Friseur, der diese Farbe geliefert hatte, verstand |em Handwerk, das Goldbraun der anderen war thitt der Natur bezogen. Die Blonde hatte ein mit N'schick und Sorgfalt zurechtgemachtes Gesicht und Mgernägel, die um eine Schattierung zu rot V iren, um ihre Trägerin noch als Dame passieren i lassen. Dazu trug sie sehr elegante Kleidung 'ülleicht eine Filmschauspielerin, hatte die Dame in Schwarz gedacht, als sie ihre Nachbarin zum rgtenmal gesehen, mit zahlreichen Verehrern, denn i e Unzahl von Blumensträußen lagen oben im Dtz, der Duft drang bis zu ihr herüber.

vorbereitend für die große Volksgemeinschaft.

Vornotizen.

Tageskalender für rMtlwoch.

Wirre Frau mit Herz

Vornan von Hedda Lindner («opyrlght by Carl Duncker Verlag, Berlin (Nachdruck verboten.)

diesen Passagieren kam noch der ungeduldige ; !j<r, der bis jetzt versucht hatte, vorne an der »Hreibmaschine seine Korrespondenz zu erledigen; r mußte es nun aber doch aufgeben und begleitete ' !i(|e Tatsache mit empörten Bemerkungen, die im Iigen von niemandem verstanden wurden.

Diese Leute waren bei schönstem Sonnenschein 'n Berlin aufgestiegen, um kurz hinter Leipzig die iiifahrung zu machen, daß der September genau so »i inenhaft sein kann wie der April und seine Regen-

Aus der Stadt Gießen.

Einmarsch der Schulrekruten.

Die Frühlingstage bringen unfern Kindern in gewisse Altern einschneidende Erlebnisse. Die Vier­zehnjährigen wurden entlassen und treten hinaus ins Leben. Die Schulräume standen einige Wochen leer. Nun aber meldet sich neue- Leben. Am morgigen Donnerstag kommen die Abcschützen mit leuchtenden Augen und wollen in die Räume einziehen, in denen |ic acht Jahre lang mit den andern Kindern zusam­men sein werden. Dor einigen Tagen ein Abschluß und jetzt ein Anfang!

Und jedes Mal freuen sich die Kinder. Einmal darüber, daß die Schulzeit nun vorüber ist, dann wieder können cs die Kleinen nicht erwarten, daß ie auch alsrichtige" Schüler angesehen werden und daß sie nun mit Ranzen oder Tasche in die schule gehen können.

Beim Abgang der Vierzehnjährigen war der Schul- taal geschmückt mit Blumen und Tannengrün, und vei der Neuaufnahme sind die Säle wieder ge- ichmückt. So ist cs gut; denn Licht, Wärme, Blumen nnd Sonnenschein, das sind die Wahrzeichen des indlichen Lebens.

Beim Einmarsch der Schulrekruten ist das Herz er Eltern voll dankbarer Freude und hoffnungs­voller Erwartung, und es ist ein gutes Vorzeichen, !« auch in der Natur alles im Wachsen und Grü­ßen ist. Die Sonne scheint wieder wärmer, von allen Bäumen und Büschen singen die Vögel, die Blumen rwachen, und die Freude zieht ganz von selbst in unser Herz ein.

Sechs Jahre gehörten die Kinder den Eltern ganz ullein. Nun kommt der Staat und macht sein Recht .eltend. Ein neuer Abschnitt im Leben der Kinder e ginnt nun mit dem morgigen Tage. Sie stehen 'Q und schauen mit großen Augen in die neue Um- ebung. Von ihren Geschwistern und älteren Freun- en wissen sie längst, dÄß es in der Schule gar nicht 3 schlimm ist. Der Lehrer wird ja ihr Kamerad Derben. Mit den andern Kindern können sie nun .'emeinschastlich spielen und auch lernen. Sie dürfen | (les sogen, was ihr kleines Herz bewegt; denn die - schule von heute ist ja nicht mehr so 'wie vor 50 iiahren.

Das wissen auch die Eltern, und es ist eine Be- luhigung für sie, daß ihre Kinder nun, da sie in manchen Stunden auf sich selbst gestellt, sind, nicht wll Angst-auf die Frage des Lehrers zu warten tauchen, sondern daß sie reden dürfen wie zu Hause.

Schritt für Schritt wird bas kirchliche Spiel un durch ernste Arbeit abgelöst. Für die Kinder Iber beginnt so recht die Zeit der Kameradschaft. :?ie fühlen, daß sie nicht allein auf der Welt sind, !oaß sie sich einfügen müssen in den Rahmen einer iroßen Gemeinschaft. Es kann nicht immer nach -;rem Kopse gehen, wie es zu Hause oft der Fall uar. Echte Kameradschaft, gegenseitige Hilfe, all bas "rnt bas Kind im Kreise seiner Mitfchüler. Es muß iiters auf eigene Wünsche verzichten und sich dem Killen der Gesamtheit beugen. So wirkt die Schule

Stadttheater: 19.30 bis nach 21.30 UhrEin gon- pr Kerl". Gloria-Palast, Seltersweg:Hotel k-acher". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Wasser lär Eanitoga". Oberhessischer Kunstoerein: 17 bis , H Uhr Ausstellung hiesiger Künstler im Turmhaus m Brand.

Sladllhealer Gießen.

Heute um f9.30 Uhr findet die erste Wiederholung ter neuen Komödie von Fritz Peter BuchEin wnzer Kerl" statt. Inszenierung: Hans Geißler, ! ühnenbild Karl Löffler. Die Vorstellung findet oeichzeitig als 27. Vorstellung der Mittwoch-Miete i statt. Ende gegen 22 Uhr.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

Mittwoch, 12. April 1939

Gaukulturwoche im Kreis Wetterau.

Die Kreisleitung Wetterau veranstaltet in der Zeit vom 6. bis 1 4. M a i eine Gaukul- turwoche, für die folgendes Programm vorge­sehen ist:

Eröffnung am Samstag/ 6. Mai

16 Uhr: (Eröffnung der Vorgesch. Abtlg. des Ober­hessischen Museums, sowie der AusstellungUnser Dorf- und Hausbuch" (Träger Deutsches Volksbil­dungswerk). 20 Uhr: Aufführung im Stadt- theater GießenMinna von Barnhelm" von Les­sing.

Butzbach: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Hummel (20.30 UhrHessischer Hof"):Der Anteil der nor­dischen Rasse an der Naturerkenntnis".

Grünberg: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Kranz: Die Sendung des dtsch' germ. Menschen".

Hungen: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Meyer- Barkhausen:Das deutsche Bauerndorf" (Zur Traube", Kaiserstraße, abends 20.30 Uhr).

L i ch: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Bley:Rasse und Recht" (20.30 UhrHolland. Hof").

Laubach: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Götze: Die deutschen Familiennamen" (20.30 UhrSchüt- Zenhof").

Feierstunde am Sonntag.

Gießen: 11 Uhr Feierstunde im Stadttheater. UraufführungPrinz Eugen" von E. W. Möller. Mitwirkende: Werkscharen. HI., Musikzug JR. 116. Von 11 bis 12 Uhr Standkonzert des SA.- und Kreis-Musikzuges am Kreuz- und Ludwigsplatz. Abends 8.30 Uhr FreilichtaufführungVolk spielt fürs Volk" (Bergschenke).

Friedberg: Vorm. 9 Uhr Feierstunde und Eröffnung der AusstellungHeimisches Schrifttum" im Wetterau-Museum. Abends 8.30 Uhr Vor­trag, Museumsdirektor Dr. Krüger (Gießen): Kultur unserer Vorfahren" (Stadtkasino).

Vorträge.

Montag, 8. 5.: Bad-Nauheim: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Z s ch i e t s ch m a n n:Rasse und antike Kunst", 20.30 Uhr, Großer Hörsaal desKerck- hoff-Jnstitutes Bad-Nauheim.

Dienstag, 9. 5.: Gießen: Stadttheater, Urauf­führungDer Alte geht um" von Ruckeishausen.

Mittwoch, 10. 5.: Treis (Lumda): Vortrag Univ.-Prof. Dr. Götze:Die deutschen Familien­namen", abends 8.30 Uhr im Saale Will. Friedberg: Vortrag Universitäts-Professor Dr. Z s ch i e t s ch m a n n:Nordd. Rasse und antike Kunst", abends 8.30 Uhr, Stadtkasino.

Donnerstag, 11. 5.: N i e d e r - W ö 1 l st a d t: Vortrag Dr. Roth (Friedberg):Heimische Vor­zeit", abends 8.30 Uhr, Saal Finkernagel. B a d- N anheim: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Kranz: Die Sendung des deutsch, germanischen Menschen", abends 8.30 Uhr, Großer Saal des Kerckhoff-Jnsti- tutes.

Samstag/13. Mai.

A11endorf (Lumd a): Vortrag Museums­direktor Dr. Krüger (Gießen):Heimische Vor­zeit", abends 8.30 Uhr im Saale Horn.

Laubach: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Bley: Rasse und Recht", abends 8.30 Uhr, SaalZur Traube".

L i ch: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Stade:Neue Forschungsergebnisse über dieChatten", abends 8.30 UhrHolländischer Hof".

Grünberg: Vortrag Univ.-Prof. Dr. Hum - m c I:Anteil der nordischen Nasse an der Natur­erkenntnis", abends 8.30 Uhr.

Butzbach: Vortrag Studienassessor Dr. Roth: Die Kultur der heimischen Vorzeit", abends 8.l30 UhrHessischer Hof".

Abschluß am 14. Mai.

Gießen: Vormittags 10 Uhr Gloria-Palast: Feierstunde mit FilmvorführungFriesennot".

Friedberg: Feierstunde; vormittags 10 Uhr, durchgeführt von der Ortsgruppe; Mitwirkende: HI,. Werkscharen und SA.-Musikzug.

Als Abschluß der Kulturwoche: Feierstunde auf der Münzenberg.

Am 12. «Mai in Annerod: Feierstunde Deut­scher Meister.

Am 14. Mai Ober-Rosbach: Vorbildlicher Dorfgemeinschgstsabend.

Außerdem sind für die Zeit der Gaukulturwoche die Museen geöffnet bei freiem Eintritt. Abends sind besondere Führungen eingelegt. In 23 Betrie­ben werden im Rahmen der Gaukulturwoche W e r k s p a u s e n - K o n z e r t e durchgeführt. Aus­führende: unsere drei Wehrmachts-Musikzüge.

Gießen, die Hauptstadt des Frühlings.

Das gegenwärtige schöne Frühjahrswetter be­reitet uns allen nach den Wochen des langen Win­ters große Freude. An den Dfterfeiertagen haben wir uns dieser Freude besonders hingegeben und das herrliche Wetter zu ausgedehnten Spazier­gängen benutzt. Daß unsere Stadt Gießen aber ge­wissermaßen die Hauptstadt des Frühlings, er 'in unserer Stadt sozusagen daheim ist, das werden bisher wohl nicht allzu viele Gießener gewußt haben. In der breiten Oefsentlichkeit wird diese Tatsache jetzt durch Zeitungsartikel und Bilder ver-

Am gestrigen Dienstag trafen sich im Hotel Hindenburg" zu Gießen die Vorsitzer der ober- hessischen Jmker-Ortsfach gruppen zu einer Arbeitstagung.

Kreisfachgruppenvorsitzer Braun (Rodheim v. d. H.) hieß die Kameraden willkommen und ge­dachte zunächst des verstorbenen Ortsfachgruppen­vorsitzers K ü ch (Hungen) sowie der Kameraden Buß und Hensel, die durch den Tod aus den Reihen der Imker abberufen wurden.

kündet, in denen übereinstimmend Gießen als die Hauptstadt des Frühlings bezeichnet wird. So lesen wir z. B. in einem Aussatz im Münchener Abend­blatt vom 28. März 1939 u. a. folgendes:Maß­gebend in der Frühlingsforschung ist die Stadt Gie­ßen, und zwar deshalb, weil dort seit dem Jahre 1880 phänologische Untersuchungen angestellt wer­den, die als Grundformel anerkannt sind Neuge­wonnene Ergebnisse werden daran abgeleitet, in­sofern, als die Münchener Schneeglöckchen sound- soviele Tage vor Gießen und die Stettiner Schnee­glöckchen um soundsoviele Tage nach Gießen er-

SPITZENLEISTUNG

°PEL

blühen. Gießen hat den normalsten deutschen Früh­ling. Man darf also sagen, daß er gewissermaßen dort zu Hause ist ..." In einer illustrierten Zeit­schrift sehen wir ein Bild des Gießener Bahnhofs mit dem Bahnhofsplatz abgedruckt, in dessen Vor­dergrund üppig blühende Blumen zu sehen sind. Dazu wird geschrieben:Gießen, die Hauptstadt des Frühlings. Frühling am Bahnhof Gießen. Die Stadt Gießen mitsamt der hessischen Landschaft tomt den für das ganze Reich gewonnenen Durch­schnittszahlen für den Frühlingsanfang nahe. Man legt deshalb die Gießener Zahlen bei den Früh­lingsberechnungen als normal zugrunde." Also wie­der ein besonderer Vorzug unserer Stadt Gießen, der ihren Ruf weit hinaus ins Land trägt. Freuen wir uns dessen!

Landesfachgruppenvorsiher SeySel/ Eltville

sprach .sodann in kurzen Darlegungen über den Zweck der Versammlung, die der Aussprache über alle Fragen dienen solle, die die Imker angehen, in der erneut die großen Aufgaben bargelegt wer­den sollen, die den Imkern durch den Vierjahresplan übertragen sind. Ferner solle der Ortsfachgruppen­vorsitzer Anregungen für seine Arbeit gewinnen. Der

Die Teilnehmer Ser Kreisfachgruppentagung der oberhessischen Imker. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

4 s

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Tagung der oberhessischen Zmkersührer.

und Graupelschauer wahrscheinlich aus der gleichen Werkstatt bezieht, wie der dicke gemütliche Herr feststellte. Er mußte brüllen, um sich verständlich zu machen, dafür hatte er aber auch den Erfolg, daß die Dame in Schwarz ihn verstand und ihm dankbar zulächelte.

Der Funker erschien, um die Heizung zu regu­lieren, und sofort umschwirrten ihn Fragen und Ausrufe.Aber meine Herrschaften, es ist wirklich kein Grund zur Beunruhigung, wir sind nur in eine Schlechtwetterzone geraten und ..."

Nur?" schrie der Herr auf dem Armesünder- bänkchen. Er war so empört über diesesnur", daß er sogar feine Tüte vergaß.

Das haben mir auch schon gemerkt, daß schlechtes Wetter ist", sekundierte der ungeduldige Herr mit Riesenstimmaufwand von vorne,aber wie lange soll das so weitergehen?!"

Es ist furchtbar! Nie wieder in ein Flugzeug!" stöhnte die elegante Dame.

Und wo will der Pilot eigentlich mit uns hin?" Bei dem Herrn auf dem Armesünderbänkchen schie­nen alle Lebensgeister neu erwacht zu sein.Schon über viertausend Meter!" Er wies auf den Höhen­messer. Diese Feststellung riß auch die Dame vor ihm aus ihrer Lethargie, mit einem entsetztenO Gott, o Gott!" beteiligte sie sich ebenfalls an der Unter­haltung.

Na, vielleicht versuchen wir gleich mal einen kleinen Stratosphärenflug", meinte der Dicke, der seine Ruhe nicht verlor,und außerdem runter kommen wir auf alle Fälle wieder."

Ich verstehe nicht, wie Sie jetzt noch Witze machen können", sagte der ungeduldige Herr ent­rüstet.Haden Sie schon mal was von Vereisung gehört?"

Habe ich", nickte der Dicke,und darum halte ich es für töricht, aufgeregte Leute noch aufgeregter zu machen. Oder glauben Sie, der Pilot gondelt zu seinem Privatvergnügen hier oben mit uns rum?" Der ungeduldige Herr schwieg betroffen von dem plötzlichen Ernst in der Stimme des anderen, und nun kam endlich der Funker wieder zu Wort:

Meine Herrschaften, wir gehen so hoch, weil wir hoffen, über das Wetter wegzukommen. Merken Sie nicht, wieviel ruhiger wir schon fliegen?"

Das Schwanken hatte tatsächlich aufgehört, die Maschine ging völlig gleichmäßig; dafür war sie wie eingewickelt in ein dickes Nebeltuch, nicht einmal die Enden der Tragflächen waren mehr zu erkennen. Der Funker ging wieder nach vorne, nicht ohne dem dicken Herrn einen dankbar anerkennenden Blick zuzuwerfen.

Der vertrieb sich weiter die Zeit mit der Betrach­tung seiner Mitreisenden. Seit die Maschine ruhig flog, hatten die Luftkranken sich erholt; das Ehe­paar lehnte sich zurück und versuchte zu schlafen, der Herr verließ sein Armesünderbänkchen, sank auf­seufzend in einen der vorderen Sessel und schloß ebenfalls die Augen; der ungeduldige Herr hatte eine Zeitung vorgenommen. Nur die elegante Dame hatte sich noch nicht beruhigt.Das ist der schreck­lichste Flug, den ich je gemacht habe", sagte sie klagend zu ihrer Nachbarin.Man kommt sich hier oben so verloren vor. Ich mag gar nicht hinaus­sehen."

Die andere blickte auf Ihre Uhr.Es kann nicht mehr allzulange dauern, der Funker sagte aus­drücklich, daß wir pünktlich ankommen werden", antwortete sie beruhigend. Sie brauchte nicht sehr laut zu reden, das milchige Weiß ringsum schien den Lärm der Motoren aufzusaugen.

Die elegante Dame seufzte und begann, um sich abzulenken, Zeitschriften zu durchblättern; ihre Be­wegungen verrieten, wie nervös sie war.

Die Dame in Schwarz schien bessere Nerven zu haben wie der beobachtende dicke Herr bei sich feststellte sie sah als einzige zum Fenster hinaus. Ihr Gesicht zeigt keine Angst, nur sehr nachdenklich starrte sie in die undurchsichtige Nebelwand.

Man kommt sich so verloren vor, hatte die Nach­barin gesagt und damit genau das getroffen, was auch sie empfand. Verloren ein winziger Punkt im Weltall war die Maschine hier oben, obgleich sie unten ein so gewaltiges Zeugnis menschlichen Geistes darstellte, hier mar sie einer höheren Gewalt ausgeliefert, jenseits aller Berechnung. Aber sind mir das nicht eigentlich immer? Wenn wir unten sind, denken wir nicht daran, da nehmen wir uns viel zu wichtig. Es ist doch ganz heilsam, mal etwas Abstand zu bekommen, andererseits oder machen doch die kleinen Dinge klein, von hier oben ge­sehen unser Leben aus. Wir können schließlich nicht immer in Unendlichkeiten denken.

Sie roar so in Gedanken vertieft, daß sie nicht darauf achtete, wie der dichte Nebel sich allmählich auflotfcrte. Erst als der Herr schräg vor ihr etwas sagte, was sie nicht verstand, wurde sie aufmerksam. Sie sah ihn fragend an, er deutete mit der Hand hinaus.Bald da", formten seine Lippen, denn das Motorengedröhn war wieder stärker geworden. Und nun begann eine unsichtbare Hand das dicke Tuch um sie in ungleiche Stücke zu zerreißen, bald war es vor ihnen ein große Loch, in das sie hinunter- stürzten, um gleich darauf wieder völlig eingehüllt zu sein, bald flogen einzelne Wolkenfetzen vorüber,

die im Vorbeiziehen seltsam bizarre Formen an* nahmen. Dennoch ging die Maschine ziemlich ruhig, die Schlechtwetterzone schien tatsächlich überwunden zu sein.

Damit erwachten auch wieder die Lebensgeister, und als der Funker nochmals erschien, um mitzu- feilen, daß man in einer Viertelstunde landen werde, fand er eine allgemein friedliche Stimmung vor. Nur die elegante Dame schien den Eindruck der vergange­nen Stunde noch nicht überwunden zu haben. Sie fingerte nervös an ihrem kleinen Toilettenkoffer herum und begann schließlich ihre Blumen zu ord­nen. Die Dame in Schwarz sah ihr dabei zu und bewunderte im stillen die prachtvollen Sträuße; der vor ihnen sitzende dicke Herr hatte nunmehr das Beobachten seiner Mitreisenden aufgegeben und schautd aus dem Fenster. Die Dame musterte ihre Blumen mit etwas ratlosem Ausdruck, dann wandte sie sich an ihre Nachbarin und beugte sich dabei dicht zu ihrem Ohr, um sich verständlich zu machen.

Fliegen Sie auch nach Zürich weiter?" fragte sie. Die andere nickte, worauf nach kurzem Zögern etwas verlegen die Bitte kam, ob sie ihr nicht beim Tragen der Sträuße helfen würde, da sie selbst ja kein Handgepäck habe.Es ist so komisch, für Blu­men einen Gepäckträger zu nehmen, aber ich habe noch soviel kleine Sachen", fügte sie hinzu, und wies auf Toilettenkoffer, Handtasche und Schirm.

Gewiß, gern", sagte die andere liebenswürdig, worauf eine großer Nelken- und ein kleinerer Parma-Veilchen-Strauß mit einer bittenden Hand- bemegung beiseite gelegt wurden, auf die ein ver­stehendes Nicken als Antwort kam.

Die Maschine ging in stark gedrosseltem Flug tiefer, die Wolken teilten sich immer mehr, bis man plötzlich durch ein ganz großes Loch die gute alte Erde erkennen und aufatmend begrüßen konnte. DasBitte anschnallen" leuchtete tröstlich, man unterschied bereits die Gebäude des Biringer Flug­platzes, die Maschine setzte auf ganz leicht, sie stuckerte kauin, als sie ausrollte und dann war man da.

Na, das hätten wir mal wieder geschafft", sagte der Pilot, als die Motoren verstummt waren. Er sagte es sehr gelassen, nur die kleinen Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe verrieten, wie sehr dieser Flug seine Nerven in Anspruch genommen hatte.

Der Mechaniker sah nach draußen.Nanu, der Herr erste Flugleiter persönlich! Sollten die solche Sehnsucht nach uns gehabt haben?"

Vielleicht sucht ernen Bekannten unter den Passagieren", meinte der Pilot, während er sich erhob, um auszusteigen.

(Fortsetzung folgt.)