Aus der Stadt Gießen.
Oie Chronik unserer Tage.
Man kann heute schon sagen, daß die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihrem Geschehen bis zur gewaltigen weltpolitischen Umschaltung unserer Tage einzigartiges Material für den Historiker liefert. Diese Größe unserer Zeit mit ihren politisch und kriegstechnisch weittragenden Ereignissen geht aber nicht nur den berufenen Historiker an und wendet sich nicht nur an den beamteten Chronisten, sondern sie ist es wert, im be-grenzteren Umfange und auf Teilgebieten sowohl vom Blickpunkt des einzelnen Volksgenossen, als auch von der Arbeitsgemeinschaft eines Betriebes oder einer ganzen Stadtgemeinde chronistisch behandelt zu werden.
Eine derartige chronistische Mitarbeit aus dem Erleben der Zeit kann nur von denen geleistet werden, die aktiv an der Aufgabenstellung dieser Zeit beteiligt sind. Und wer kann heute von sich sagen, daß er nicht unmittelbar mit den großen Dingen unserer Tage verbunden wäre? Jeder Deutsche ist in irgendeiner Form in die Front des eisernen Widerstandes eingeschaltet, ob an den Reichsgrenzen als Soldat, oder in den Reichsgauen als Helfer und Arbeiter am Wohlergehen der Gesamtheit. Diese Aufgaben erfüllen nicht nur den Beruf, sondern erfassen darüber hinaus die Freizeit jedes einzelnen, sei es mittelbar in seiner Lebensführung, oder unmittelbar im ehrenamtlich tätigen Einsatz. Hier ist die Möglichkeit einer chronistischen Mitarbeit in vielfältigster Form gegeben. Hier kann aus schlichten Tagebuchaufzeichnungen ein zeitliches Stimmungsbild geschrieben, aus Erlebnissen im aktiven Einsatz die Heimatfront geschildert werden.
Es ergeben sich also vielerlei Möglichkeiten der chronistischen Mitarbeit. Jeder einzelne Volksgenosse, zumindest aber jeder Betrieb, jede Behörde und jede im aktiven Hilfsdienst befindliche Organisation, sollte schon jetzt die Unterlagen für ein Gedenkbuch schaffen, das zur gegebenen Zeit die Niederschriften beamteter Stellen ergänzt. Es wird auf diese Weise ein Tatsachenmaterial aus dem unmittelbaren Erleben zusammengetragen, das nicht nur eine Fundgrube für den Historiker, sondern auch für das gesamte Schrifttum der kommenden Friedenszeit darstellt.
Es ist eine alte Erfahrung, daß man zwar die Entwicklung von Geschehnissen und ihre allgemeinen Auswirkungen im Gedächtnis behält, aber doch die Atmosphäre des Augenblicks, die gleichzeitige Stimmung verhältnismäßig schnell vergißt. Darum ist es notwendig, mit der Anlegung einer Chronik so bald wie möglich zu beginnen. Jetzt besteht noch die Gelegenheit, den täglichen Einsatz, das Erlebnis in die Erinnerung zurückzurufen. Man kann rück- blätternd noch Vergleiche mit den entsprechenden Zeitungsausgaben anstellen und sich ergänzende Unterlagen besorgen. Auf diese Weise läßt sich dem Bericht der lebendige Zusammenhang und die natürliche Ueberleitung in die kommenoen Ereignisse verleihen. Es ist selbstverständlich, daß man auch bei der Anlegung eines persönlichen oder betrieblichen Gedenkbuches alle erweiternden Mittel anwendet, wie sie in Form von Aufrufen, Bildern, Zeichnungen und dergleichen sich ergeben.
So falsch es einerseits wäre, die Bedeutung der Chronik durch nichtssagende Kleinigkeiten herabzusetzen und zu verwässern, so notwendig ist es anderseits, auch die kleinen Geschehnisse des Alltags, scheinbare Nebensächlichkeiten, mit der gebührenden Beachtung zu behandeln. Stimmungsmäßige Eindrücke find es, die das Gerippe der Chronik, die großen Ereignisse, zu umrahmen haben und die die Atmosphäre für das Ganze entstehen lassen. Diese Gedankengänge sind es, die es zur Pflicht machen, örlliche und betriebliche Besonderheiten, soweit sie in Verbindung mit dem politischen Tagesgeschehen stehen, bis ins Kleinste niederzuschreiben, denn auf diese Aufzeichnungen wird der kommende Geschichtsschreiber und der Schriftsteller nicht verzichten können, wenn er seinem Werk den Charakter der Echtheit, der Vollkommenheit und insbesondere seinen der einstig en Lesern das Gefühl überzeugenden Nach- erlebens vermitteln will, was die Hauptaufgabe jeder Chronik und jedes zeitgeschichtlichen Buches darstellt. ________
Grundlegende Pflichten während der Verdunkelung.
Allen Volksgenosien in Stadt und Land zur sorgsamen Beachtung dringend empfohlen.
Die bisherige Aufklärungsarbeit der für den Luftschutz eingesetzten Behörden und Organisationen, sowie die wiederholten Hinweise in der Presse haben in Gießen das erfreuliche Ergebnis gebracht, daß die Verdunkelungsmaßnahmen jetzt im allgemeinen befriedigend durchgeführt werden. Es gibt zwar gelegentlich noch manche Verstöße, die in jedem Falle bedauerlich sind, durchweg aber auf mangelndem Weitblick und meist auf Gedankenlosigkeit beruhen, so daß eine erneute Belehrung von Fall zu Fall voryenommen werden muß, die auch stets die erforderliche Einsicht bringt und damit den erhofften Erfolg herbeiführt. Aber auch diese einzelnen gelegentlichen „Schönheitsfehler" müssen unbedingt verschwinden, damit zu jeder Zeit die Verdunkelung in allen Häusern vollkommen ist. Auf diese Weise wird man dann zu dem Ergebnis kommen, daß wir in Gießen unsere Verdunkelung nicht nur als befriedigend, sondern als gut bezeichnen können.
Kraftfahrer nur mit kleinem Licht fahren.
Eine Besprechung der Gießener Presse mit unserem örtlichen Lustschutzletter, die am gestrigen Dienstag stattfand, brachte über nicht'nur dieses Ergebnis, sondern offenbarte auch, daß vor allem im Fährverkehr mit den Kraftfahrzeugen noch mancherlei verbessert werden muß. Zunächst ist grundsätzlich von allen Kraftfahrern streng darauf zu achten, daß die Scheinwerfer nicht eingeschaltet werden dürfen, sondern alle Wagen nur mit kleinem Licht zu fahren haben, selbstverständlich unter Benutzung der Schlitzkappe auf den Lampen. Dieses Fahren mit Keinem Licht gilt aber nicht nur für die Straßen in der Stadt, sondern ebenso für den Verkehr aus der Land st raße und auf der Reichsautobahn. Gerade beim Kraftfahrverkehr im freien Feld muß
sich der Kraftfahrer immer vor Augen halten, daß ein mit eingeschaltetem Scheinwerferlicht fahrendes Auto oder Motorrad eine außerordentlich st arte Lichtfülle in die Dunkelheit sendet, die wie ein Strahlenbündel nach vorwärts oder nach oben wirkt und einem etwa herankommenden feindlichen Flieger geradezu als Wegweiser in den Ort hinein dient. Die bisherige Erfahrung hat gelehrt, daß derartige Lichtbündel aus der Luft sehr gut gesehen und auf ihrem Weg durch den Flieger verfolgt werden können, und wenn dann ein solches Kraftfahrzeug mit seinem vollen Licht in einer Ortschaft verschwindet, so hat es den Flieger geradezu in die Wohnstätten hin ein gelotst. Das Licht an den Fahrzeugen soll aber auch nicht so beschaffen sein, daß es die Fahrbahn st recke wie ein ftärdbig vorwärts beweglicher Lichtfleck beleuchtet, denn auch derartige Lichtmerkmale sind von oben gut zu sehen und mit Leichtigkeit zu verfolgen, bis das Ziel, die Stadt öder das Dorf, erreicht ist. Beides wird kein vernünftiger Kraftfahrer herbeiführen wollen, denn er würde sich ja dadurch geradezu zum Helfer feindlicher Flieger machen. Jeder Kraftfahrer muß daher sorgsam darauf achten, daß sein Fahrzeug zwar beleuchtet ist, aber nur in der Weise, daß der entgegenkommende Fußgänger oder Fahrer das auf ihn zukommende Licht und damit das herannahende Fahrzeug bemerkt, im übrigen aber muß jede Beleuchtung durch Scheinwerferlicht nach vorne oder nach oben oder auf die Fahrbahn vermieden werden. Zweckmäßig ist es auch, die Lampen unter allen Umständen mtt Schlitzkappen zu verdecken, nicht etwa Färb- oder Lackaufstriche auf die Glasscheiben zu verwenden, da Lack oder Farbe abblättert und dann plötzlich das Fahrzeug mit vollem oder starkem Licht erscheint.
Schaffende sammeln - Schaffende geben!
Aufruf zur Neichsstraßensammlung der OAF.
für das Kriegswinterhilfswerk 1939/40 am 14. und 15. Oktober.
Deutsche Manner und Frauen!
Mik der ersten Reichsstraßensammlung für das Kriegswinkerhilfswerk, die von der Deutschen Arbeitsfront durchgeführk wird, wollen wir ebenfalls dem Führer den Dank für feine großen Taten ab- flakten. Aks Leitspruch sollen uns dabei die Worte des Führers dienen, die er des öfteren schon ausgesprochen hak:
„Wer sein Volk liebk, beweist es einzig und allein durch die Opfer, die er bereit ist, für dieses Volk zu bringen."
Unsere Parole soll lauten:
Die innere Frank tut ihre Pflicht!
Heil Hitler! Kahenmeier, Backhaus,
Kreisobmann. . Kreisleiter.
Son-eranweissrng für die Betriebe innerhalb der Stadt Gießen.
Betr.: Sammelaktion der Deutschen Arbeitsfront am 14. und 15. Oktober 1939.
Für die Betriebssammlung ergehen folgende Richtlinien:
Die Büchsenausgabe für die Gießener Betriebe erfolgt am Freitag, 13. Oktober, in der Zeit von 14 bis 16 Uhr bei der Kreisamtsleitung der NSV., Gießen, Goethestraße 34.
Die Abrechnung muß am Samstagvormittag bis 12 Uhr bei der Bezirksfparkasse, Johannes- straße 5, erfolgen.
Die Straßensammlung innerhalb der Stadt Gießen beginnt für sämtliche Ortsgruppen am Samstag, 14. 10., um 13 Uhr, und am Sonntag, 15. 10., vormittags 9 Uhr. Alle Betriebsführer,
Betriebsobmänner, KdF.-Warte, sowie Vertrauensmänner werden durch die zuständigen Ortswaltungen benachrichtigt, wann die Sammelbüchsen in Empfang genommen werden können. Die Abrechnung erfolgt für die Straßensammlung in folgenden Lokalen:
Gießen-Mitte: Württemberger Hof, Bahnhofstraße, Inh. Pg. Ruhl.
G i e ß e n - O st: Ortsdienststelle der NSV., Kaiserallee 34.
Gießen-Süd: Ortsdienststelle der NSV., Crednerstraße 24.
Gießen-Nord: Ortsdienststelle der NSV., Walltorstraße.
DAF., Kreiswaltung Wetterau.
Niemals ohne Lichk parken.
Eine wettere Sünde zahlreicher Kraftfahrer be» steht darin, daß sie meinen, in der Zeit der Der« dunkelung-sei es richttg und gut, ihre Wagen vor den Gaststätten oder sonstigen Aufenthaltsorten ohne Licht abzustellen. Das ist aber gerade das Verkehrteste und zugleich auch für andere Verkehrsteilnehmer das Gefährlichste, was geschehen kann. Jeder Kraftfahrer muß sich vor Augen halten, daß ein ohne Licht abgestelltes Fahrzeug eine gewal- tige Gefahrenquelle für andere, ja geradezu eine Ursache für Unglücksfälle darstellt. Grundsätze lich ist das Parken der Kraftfahrzeuge ohne Licht für alle Fahrzeuge ver- boten. Wer gegen dieses Verbot handelt, sei es nun der Fahrer eines Privatwagens oder eines Fahrzeuges der Wehrmacht oder einer anderen Organisation, handelt nicht nur leichtfertig, sondern gefährdet auch in unverantwortlicher Weise das Leben seiner Volksgenossen, und jeder dieser Sünder macht sich strafbar. In allen Fällen muh ein abgestellter Kraftwagen durch Einschalten des Standlichtes, das selbstverständlich in vorschriftsmäßiger Weise abgeblendet sein muß, beleuch- tet werden. Die Beleuchtung muß aber derartig fein, daß sie nicht von oben sichtbar ist und auch nicht weithin in die Gegend leuchtet, um einem feindlichen Flieger jeden Anhaltspunkt für seine Orientierung zu nehmen.
Nur mik mäßiger Geschwindigkeik fahren.
Durch eine neue Anordnung ist die Höchstgeschwindigkeit für Kraftfahrzeuge in den Orten auf 40 Kilometer je Stunde festgesetzt worden. Das bedeutet nicht, daß diese Geschwindigkeit innerhalb der Orte gefahren werden muß, richtig handelt der Kraftfahrer vielmehr, wenn er mit einer geringeren Geschwindigkeit die Orte passiert. Hierbei hat er immer zu beachten, daß kein anderer Verkehrsteilnehmer zu Schaden kommen kann. Diese Richtlinien gelten insbesondere während der Stunden der Verdunkelung.
Kraftfahrer, die gegen alle diese elementaren Grundsätze des Krastfahrverkehrs verstoßen, gleich« gültig wer sie sind und zu welcher Organisation sie gehören, haben in Zukunft seitens der Polizei mit schärfsten Strafen zu rechnen, auch die Entziehung des Führerscheins, des Tankausweises und die Sicherstellung des Fahrzeuges durch die Polizei find für solche Fälle ins Äuge gefaßt. Von jetzt alb werden Sonderkontrollen der Polizei die Aufsicht der Straßen nach dieser Richtung hin verschärft durchführen.
Was hier hinsichtlich der Beleuchtung und des Vorsichtig-Fahrens für Kraftfahrzeuge gesagt ist, gilt in gleichem Sinne selbstr^rständlich auch für die Radfahrer.
Verdunkelung der Geschäfte.
Hinsichtlich der Verdunkelung in den Ladengeschäften ist noch einiges zu derbessern. Zwar haben manche Geschäftsinhaber die Lichter ihrer Läden nach außen hin bereits sorgfällig abgeblendet, an manchen anderen Stellen fehlt es aber noch an dieser Sorgfalt. Grundsätzlich gilt hier für jeden Geschäftsmann die Verpflichtung, daß er seinen Laden nicht etwa erst von 18 Uhr ab verdunkeln muß, sondern daß die Pflicht zur Verdunkelung von dem Äugenblick des Eintritts der Dunkelheit ab gegeben ist. Daher also: Sowie es dunkel
Photos von Ihrem Heim mit einer Kamera von Photo-Geller, am Bahnhof.
Gießener Stavttheater.
Giuseppe Verdi: „La Traviata".
Verdi hatte die „Camel iendame" in Paris gesehen, und bald darauf wies er seinen textlichen Mitarbeiter Francesco Maria Piave auf die Möglichkeit für einen Opernstoft hin. Zu gleicher Zett, wo er noch an dem „Troubadour" arbeitet, beginnt ihn die gegensätzliche Gefühlswelt in „La Traviata" zu fesseln, und beide, Dichter und Musiker, gehen an die Aufgabe mit unermüdlicher Gründlichkeit heran; Verdi selber sindet in seinem Schaffensdrange kaum Zeit „zum Essen und Schlafen".
Äls der „Troubadour" am 19. Januar 1853 in Rom zur Uraufführung gebracht wurde, lag „La Traviata" bereits vollendet vor, und schon am 6. März desselben Jahres wird dieses neue Werk am Fenice-Theater in Venedig zur ersten Aufführung gebracht und erlebt ein Fiasko schlimmster Art. Umstände verschiedener Art scheinen an dem Mißerfolg beteiligt. Ein heiserer Tenor, ein verärgerter Bariton und eine durch körperliche Fülle unmögliche Violetta behinderten die Auswirkung des Werkes. Dazu stand das Publikum der Oper ratlos gegenüber durch den bis dahin auf der Bühne ungewohnten Lebenskreis und durch die im Stoff bedingte Neuheit des musikalischen Ausdrucks. Durch die Vermittlung von Verdis Freund Antonio Gallo beginnt das Werk ein Jahr später nun doch seinen Siegeslauf von Venedig aus.
Das nachfühlende Erleben des Frauenschickfals voll innerer Herzenswärme führte den Komponisten .zu einem tiefgründigen Erschließen menschlicher Seelenregungen. Vielleicht hat Verdi hier die innigsten Töne, deren er je fähig war, angeschlagen und eine reiche Fülle melodischer Kraft entfaltet, die selbst losgelöst von der Bühne, für das Werk zu werben vermag. Nach den mehr opernhaften Tönen des „Traub adour's" stößt Verdi hier nun auf Neuland vor. Dem dramatischen Nerv folgend, löst er sich von der Tradition der Oper, indem er das Parlando neu umbildet. Er läßt die streng beachtete Grenze zwischen dem rezitattvischen und dem ariosen Stil fallen und schafft sich so die Möglichkeit für einen ungehinderten Äblauf der Geschehnisse im Spiegel des Musikalischen und gewinnt damit gleichzeitig die Mittel, wichtige Stellen, oft nur Textzeilen, musikalisch bedeutsam in ariosem Ausdruck hervorzuheben. So wird er zum Wegbereiter für Puccinis „La Boheme".
Die Aufführung unter der Spielleitung von Bernhard Schmitz schloß sich eng an traditionelle
Formen und Auffassungen an. Freilich hätten die Gesellschaftsszenen mehr von innerer Belebtheit künden müssen. Im Mittelpunkt des Geschehens stand Anni A s s i o n als Violetta. Diese Partie weist über die enge Fachgvenze hinaus; sie wird weder von der reinen Koloraturseite ihre Lösung finden, noch vom reinen dramatischen Gesang her. Anni Assion's Violetta war im ersten Bild fast zu ernst, ahne das unaussprechliche faszinierende Fluidum, das von dieser Gestalt ausgehen soll. Sie legte vornehmlich Gewicht auf die dramatischen Akzente und so überzeugte ihr Abschied von Alfred im zweiten Bild von der Sieghaftigkeit ihrer dramatischen Gestaltungskraft. In ihrer Arie des ersten Äktes muß man über Ungleichheit in der melodischen Artikulierung und zumal in den Koloraturen angesichts ihres Stimmcharakters hinwegsehen. In der Schlußszene wuchs sie über sich selbst hinaus und gab in ihrer seelischen Durchdringung Erschütterndes, Ergreifendes.
Heinrich D u r st kommt vom heldischen Fach her; schmetternd durchgreifender Höhe sicht besonders in den mittleren Stärkegraden und zum Piano hin geringere Tragfähigkeit der Stimme gegenüber. So entschwanden Einzelheiten in den Rezitativen, die gesangliche Linie in den Arien wurde in ihrer Kontur durch die Ungleichheit der Register gestört, so vermochte er nicht dieser Partie die nachhallende Kraft zu verleihen wie sie ihr zustehen mußte, zumal er das seelische Erleben in Haltung und Gebärde nicht immer plastisch genug in Erscheinung treten ließ.
Nach anfänglicher Indisponiertheit in der oberen Lage entfaltete Gustav Bley seine stimmlichen Ausdruckskräfte überzeugend in der Szene mit Violetta und innerlich packend mit feiner väterlichen Ermahnung dem Sohn gegenüber, sodaß auf offener Szene sich Beifall löste. Als eine Dame von Welt, repräsentierend, lebensbeschwingt, stellte Eva Eckert die Flora Bervoix dar, in Haltung und Gesang- lichkeit den gesellschaftlichen Mittelpunkt bildend. Eine besorgte Dienerin war Else Hammer- s ch m i d t als Annina. Die vielen Einzelrollen trugen, jeder zu seinem Teil sich mit bester Kraft in den Dienst des Ganzen stellend, zur Abrundung und zum Gelingen der Aufführung bei. Die Bühnenbilder (Karl Löffler) waren ganz aus dem orts- und zeitbedingten Stil heraus aufgebaut worden; im Bacchanal schaltete sich Thea Maaß und ihre Gruppe mit einem rhythmisch durchgestalteten Zigeunertanz ein.
Das Orchester gab in seinen Einzelkräften willig fein Bestes. Unter der Stabführung von Heinz Markwardt hätten gerade die Momente, die Verdi als einen Explosionsmusiker erkennen lassen,
noch mehr innere Beschwingtheit künden können. Der weichen Lyrik gegenüber ging er empfindsam nach. Die Chöre waren klangvoll und rhythmisch gut ausgetönt; nur hätten sie noch mehr mit handelnder Gebärde aktiv werden müssen. Die Teilnahme des Hauses wuchs im Verlauf des Werkes und steigerte sich zum Schluß hin zu starker Zustimmung. Dr. Hermann Hering.
Warschauer Baukunst.
Von Ernst von Riebelschüh.
Daß das ehemalige Königreich Polen niemals eine selbständige polnische Kunst besessen hat, daß es zu allen Zeiten seiner Geschichte von fremden Anregungen gezehrt hat, zeigt nichts deutlicher als feine alte Haupt- und Residenzstadt, von der man doch am ehesten erwarten sollte, daß sich in ihren Mauern ein eigener Nationalstil von unverkennbarer Sonderart durchgesetzt haben müsse. Nichts ist irriger. Wie das ganze übrige Polen müßte Warschau aus der Kunstbetrachtung einfach ausscheiden, wollte diese sich auf das Polnische, das eben nicht vorhanden ist, beschränken. Die Polen haben das natürlich immer zu leugnen versucht, aber erfolglos, da der Äugenschein gar zu deutlich gegen sie spricht. Von jeher sind es italienische und dann vorwiegend deutsche Architekten gewesen, deren Tätigkeit Warschau eine Art künstlerisches Gesicht verdankt. Eine Art! Denn unter den europäischen Hauptstädten ist Warschau gewiß eine der am wenigsten von der Kunst begünstigten. Der Zufall hat hier, wie Goethe einmal in anderem Zusammenhang sich äußert, „mit leidigem Besen" alles durcheinandergefegt und ein Chaos entstehen lassen, das nur hin und wieder ein paar lichte Stellen zeigt: Kirchen, Paläste, Gärten. Äber auch an ihnen ist später fo viel verändert und verschlechtert worden, daß der Grundgedanke nur noch ganz selten rein in Erscheinung tritt.
Die Kunstgeschichte der Stadt beginnt eigentlich erst mit dem frühen 17. Jahrhundert, als die polnischen Könige ihre Residenz von Krakau, der alten Krönungsstadt, hierher verlegten. Damals bestanden die Alt- und die Neustadt, die heute nur einen winzigen Bruchteil der Millionenstadt ausmachen. Die Altstadt, von deutschen Einwanderern gegründet, zeigt deutlich den überall im Osten anzutteffenden Typus einer Kolonistensiedlung mit rechtwinklig sich schneidenden Straßen und einem annähernd quadratischen Marktplatz in der Mitte. Nördlich anschließend die früher von Polen, später fast ausschließlich von Juden bewohnte Neustadt.
Mit der Erhebung zum Hoflaaer verändert sich das Stadtbild dann zusehends, da durch die massenhafte Berufung italienischer Baumeister die südliche Renaissance an der Weichsel ihren Einzug hält — eine typische Treibhauskunst. Es wäre wenig sinnvoll, die einzelnen Kirchen und sonstige Bauten aufzuzählen, zumal nichts darunter ist, was in Italien selbst nicht ungleich besser ausgefallen wäre. Auch das Königsschloß am Weichselufer, 1610 bis auf den erst später aufgeführten Turm von Andreas Hegener Abramovicz vollendet, folgt italienischen Bauideen, namentlich des einflußreichen Theoretikers Vignola, auf den auch die Fünfeckform zurückzuführen ist.
Das ausgehende 17. Jahrhundert sieht dann noch eine ganze Reihe von Ädelsfitzen in und bei Warschau entstehen, so das unter Johann Sobieski, dem Türkenbesieger, erbaute Landschloß W i lla- now von Giovanni Bellotti, das hübsche Bäderschloß Lazienki, dessen mittlerer Rundsaal von einem Kuppeldach mit Laterne gekrönt ist und als dessen Erbauer sich ein Deutscher, Christoph Eltester nennt, vor allem aber der großartigste Stadtpalast Warschaus, das K r a s z i n s k i s ch e Palais, das nach Gurlitts Forschungen als ein Jugendwerk des großen Berliner Baumeisters Andreas Schlüter anzusprechen ist.
In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Warschauer Baukunst ein Glied der sächsischen, was sich aus der Personalunion von Kursachsen und der Krone Polens leicht erklärt. Von den phantastischen Entwürfen, die die Könige August II. und August III. für Warschauer Bauten ausführen ließen, ist freilich so gut wie nichts verwirklicht worden, auch nicht das wunderbare Projekt des Dresdener Zwinger-Architekten Daniel Pöppelmann zum Umbau des Königsschlosses, das einen breitgelagerten Prachtbau mit einer Folge von Terrassen bis zur Weichsel hinab vorsah und, ausgeführt, eins der sieben Weltwunder geworden wäre. Teilweise ausgesührt wurden Pöppelmanns Entwürfe für das Privatschloß Augusts II., das „Sächsische Palais", von dem sich der Ehrenhof, heute „Sächsischer Platz", erhalten hat. Nennen wir noch den Ausbau des königlichen Schlosses durch den Dresdener Knöffel, ferner das „Blecherne", das Brühlsche und das „Blaue" Palais, dieses für die Gräfin Orfelfka in einem graziösen Favoritinnenstil von Pöppelmann geschaffen, so wären die midp tigften Dokumente dieses sächsisch-polnischen Baustils aufgezählt. Sie sind es, die Warschau Zwar nicht zu einer Barockstadt machen, — denn dazu gehört mehr — wohl aber der Architektur des Hofes und der führenden Gesellschaftsschichten das unverwechselbar barocke Gepräge geben.


