Ausgabe 
10.5.1939
 
Einzelbild herunterladen

4 v. H. Schlagender kann man die Bedeutung des Selbststillens als des wichtigsten Faktors zur Herabsetzung der Säuglingsmortalität gar nicht demonstrieren.

Nun wurde und wird immer wieder gelegentlich behauptet, daß viele Frauen nicht stillfähig oder nur sehr mangelhaft stillfähig seien. Die Erfahrung hat aber gezeigt, daß es, von ganz seltenen Unfall­folgen und Mißbildungen abgesehen eine absolute Stillunfähigkeit gar nicht gibt und daß jede Frau, wenn auch vielleicht nicht im Stande ihr Kind sechs Monate voll zu stillen, so doch wenigstens in der Lage ist, es eine Zeitlang ganz ausreichend und nachher wenigstens teilweise zu stillen, und es hat sich weiter gezeigt, daß jeder Tropfen Muttermilch, den das Kind bekommt, von größtem Wert ist und daß selbst dann, wenn eine Frau nicht im Stande sein sollte, auf längere Zeit ihr Kind voll sattzu­stillen, der Schaden, der durch die Zufütterung von Tiermilch oder Tiermilchnährmischungen unweiger­lich hervorgerufen wird, dadurch fast völlig aus­geglichen werden kann, daß dem Kind bei jeder Mahlzeit zuerst wenigstens die verfügbare Menge Muttermilch, und seien es nur ein paar Kubikzenti­meter, gegeben wird. Es hat aber die Erfahrung weiter gelehrt, daß die Stillfähigkeit in weitem Aus­maß abhängig ist von dem Stillwillen und in ebenso weitem Ausmaß von einer hervorragenden Still­technik, die es ermöglicht, die im Beginn des Still­geschäftes, oder im weiteren Verlauf so häufig auf­tretenden Schwierigkeiten nahezu hundertprozentig zu überwinden. An Kliniken, die über in der Still­technik erfahrene Aerzte und vor allem pflichtgetreue und sachverständige Kinderschwestern verfügen, spielt die unnatürliche Ernährung überhaupt keine Rolle. Jede Frau stillt, und die Zahl der ausreichend Still­fähigen beträgt in den ersten Lebenswochen, die für die Säuglingssterblichkeit von allergrößter Be­deutung sind, zwischen 80 und 90 v. H., so daß nur 10 bis 15 v. H. mangelhaft stillfähig sind, und gegen Ende der 2. oder Anfang der 3. Woche die Zufütte­rung geringer Mengen von Nährmilchmischungen verlangen.

Die Stillfähigkeit ist in ausschlaggebender Weise von der richtigen Anlegetechnik und der richtigen Behandlung der Brüste in den ersten beiden Wochen abhängig. Dem Geburtshelfer und dem das Neu­geborene betreuenden Pflegepersonal fallen deshalb zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit um so wichtigere und lohnendere Aufgaben zu, als feststeht, daß von der gesamten Säuglingsmortalität 14 v. H. auf die erste und 7 v. H. auf die Zweite Lebenswoche, 26 v. Sy auf die ersten vier Lebenswochen entfallen. Während bei den Todesfällen der ersten Lebens­woche der größere Teil Mißbildungen und Geburts­schäden zur Last fällt und deshalb nur teilweise vermeidbar ist, spielen unter den Todesfällen der zweiten' und folgenden Lebenswochen, neben ver­meidbaren Infektionen, wie z. B. Nabelinfektionen, bereits Erkrankungen des Maqen-Darm-Apparates eine wichtige Rolle, die durch strenge Durchführung der natürlichen Ernährung so gut wie gänzlich aus- geschaltet werden können.

Professor Dr. Weitz

machte in dem von ihm geleiteten Chemischen In­stitut die aufmerksam lauschenden Hörer mit dem Thema:Was ist und was will die Chemie?" bekannt. Er betonte dabei, daß die Chemie die Lehre von der stofflichen Zusammen­setzung und den stofflichen Umwandlungen der Ma­terie ist. Dann erläuterte er einführend den Unter­schied zwischen Gemischen, chemischen Verbindungen und Urstoffen (Elementen) und brachte eine Zu­sammenstellung über den prozentigen Anteil der verschiedenen Elemente am Aufbau der uns be­kanntenErdkruste".

Von chemischen Umwandlungen wurden zunächst als die auffälligsten die Verbrennungserscheinun­gen, die sog. Oxydationsvorgänge unter dem Einfluß des Luftsauerstoffes, besprochen. Deren Umkehrung ist die sog. Reduktion, die Darstellung eines Ele­mentes aus einer seiner Verbindungen, wie u. a. die so wichtigen Methoden der Gewinnung von Metallen aus ihrenErzen".

Als Beispiel für die Umwandlung einer Verbin­dung in eine andere, die weitaus häufigste Art der chemischen Umsetzungen, wurde die Jahrhunderte

Das größteNGV.-Müttererholungshelm im Gau Hessen-Nassau.

.'S

MM

MM

NSG. Das MüttererholungsheimFalkenhof", das am 1. Mai feiner Bestimmung übergeben wurde, ist bis jetzt das größte Müttererholungsheim der NS.- Volkswohlfahrt im Gau Hessen-Nassau. Es vermag in vierwöchigen Kursen jeweils 65 Müttern Er­holung zu bieten. Inmitten eines großen Parkes im Schönberger Tal bei Bensheim gelegen, ragt der weitläufige, schloßartige Bau mit seinen wuchtigen Umrissen weit sichtbar aus den Baumkronen heraus.

Erholungsbedürftigen kinderreichen und erdtüchtigen Müttern wird dort in geradezu einzigartiger Weife Gelegenheit gegeben, sich von den Sorgen des All­tags frei zu machen und sich zu erholen. Don Ter­rassen und Fenstern des Hauses schweift der Blick weit über die Landschaft und die Berge bis hinüber zum Auerbacher Schloß und dem Molchen. (Auf­nahme: Archiv NSV.)

alte Gewinnung von Salpeter (für die Bereitung des Schießpulvers) aus Kalksalpeter und die von Soda aus Kochsalz behandelt. Da viele der beson­ders wertvollen ober kostbaren Stoffe (Elemente) nur in starker Verdünnung durch andere wertvolle Materialien Vorkommen, spielen die sog. Anreiche­rungsmethoden, wie das Schaumschwimmverfahren, die magnetische Scheidung und die Trennung durch Adsorption, die etwas näher gekennzeichnet werden, eine große Rolle.

Als spezielles Beispiel wurde die Gewinnung von Gold und Radium behandelt, die einer überaus starken Anreicherung aus ihren sehr verdünnten, natürlichen Vorkommen bedürfen, was jedoch ihres hohen Preises wegen wirtschaftlich tragbar ist.

Nach einigen theoretischen Ausführungen über den Bau der chemischen Verbindungen, die sog. Konsti­tutionsformel, gab der Vortragende schließlich noch einen kurzen Ueberblick über einige Körperklassen der organischen Chemie, nämlich die als Bestandteile der Organismen und als Nahrungsmittel, aber auch Werkstoffe oder als Mittel für deren Darstellung so wichtigen Fette, Kohlenhydrate und Eiweißstoffe, sowie über die Produkte, die aus dem Steinkohlen­teer gewonnen werden.

Es wurde gezeigt, wie die wissenschaftliche Be- berrschung der Umsetzungen es uns ermöglicht, solche Materialien (Metalle und andere Werkstoffe, Heil­mittel usw.), die uns sei es durch eine Laune der Natur, sei es durch böse Absicht der Mitwelt nicht genügend zugänglich sind, künstlich herzustellen oder zu ersetzen durch andere Stoffe von ebenso guten ober gar besseren Eigenschaften.

Die Ausführungen des Vortragenden wurden durch eine große Zahl von Experimenten und Vor­weisungen unterstützt.

Professor Dr. Rudolph

berichtete im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen Instituts den mit Spannung folgenben Besuchern überD i e Deutschen in P al ä st in a". Er schilderte zunächst die Entstehung und Zusammen­setzung der dortigen deutschen Gemeinden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sammelte ein rühriger Schwabe unter dem Einfluß einer weitver­breiteten Meinung vom sicher bevorstehenden Welt­untergang, dem man sich nur durch eine Flucht in die Jerusalemer Tempelgegend glaubte entziehen zu können, Bauern, Handwerker und Gewerbetrei­bende, Mitglieder des damaligen Templerordens, um sich und reifte mit ihnen nach Jerusalem. Dort Übten sie zunächst ihre gewohnten Berufe aus und schufen allmählich dieTempler-Siedlung", nachdem anfängliche Schwierigkeiten und Rückschläge, insbe­sondere durch Malaria, langsam überwunden waren. Heute beträgt die Zahl der Deutschen, die zum größten Teil von den vor etwa 70 Jahren einge­wanderten schwäbischen Templern abstammen und die außer in Jerusalem besonders in den übrigen größeren Städten Palästinas wahnen, etwa 2000.

Die Wirksamkeit und die Bedeutung dieser an sich kleinen Gemeinde geht freilich weit über die Zahl hinaus. Sa sind im Laufe der Jahre fünf repräsentative Gebäude entstanden: ein syrisches Waisenhaus, ein öffentliches Krankenhaus, eine Kaiserin-Augusta-Viktoria-Stiftung, eine Erlöser- Kirche, und ein Benediktiner-Stift.

Im syrischen Waisenhaus, ursprünglich zur Auf­nahme von Waisen christlicher Araber begründet, werden heute insbesondere Kinder von eingebore­nen Arabern von deutschen Lehrern unterrichtet und von deutschen Handwerkern beruflich ausge­

bildet. Nach der Rückkehr ins Heimatdorf üben sie dort die erlernten Berufe aus und sind stolz darauf, in der deutschen Schule gelernt zu haben. Zeitweise ist der Andrang zum Waisenhaus so groß, daß mehr als die Hälfte der Anmeldungen zurückgewie- fen werden muß.

Das Krankenhaus mit deutschen Aerzten und deutschen Schwestern genießt bei allen Kreisen und Nationalitäten das größte Vertrauen. Als Er­holungsheim für Krankenschwestern und Pfleger, die keine Heimaturlaubsreise machen können, dient die Augusta-Viktoria-Stiftung. In der Erlöserkirche betreut ein Propst die Deutschen seelsorgerisch, wäh­rend das Benediktinerstift hauptsächlich wissenschaft­lichen Zwecken zur Erforschung des Landes dient.

Außerdem werden von vielen Deutschen gewerb­liche Unternehmungen betrieben, vor allem sind die besten Hotels in den Städten jeweils in deutschen Händen. In ihrer rührigen und fruchtbaren Tätig­keit wirken die Deutschen, zu einer Gruppe der NSDAP, zusammengefaßt, bis ins letzte arabische Dors.

NSB., Ortsgruppe Gießen-Süd.

Von Mittwoch, 10., bis Freitag, 12. Mai, findet die Lebensmittel-Opferringsammlung für den Mo­nat Mai im Bereich der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft statt. Die Einwohner­schaft der Ortsgruppe wird gebeten, für Lebens- mittel einen entsprechenden Geldbetrag zur Ver­fügung zu stellen.

HI. Bann und Untergau 116.

Am Montag, 15. Mai, findet die 8. Vorstellung im Rahmen des HI.-Theaterrings statt. Zur Auf­führung gelangtEin ganzer Kerl". Die Karten können ab sofort auf der Verwaltungsstelle des Bannes und llntergaues 116 abgeholt werden. Da die Mittwoch-Zusatzvorstellungen für die Folge weg- fallen, nehmen die betr. Ig. und Jgn. an der Mon­tagsvorstellung teil.

DOM.- u.IM.-llntergau 116 Gießen

Diensibefehl.

Achtung! Hessen-Nassau-Fahrer.

Der Sonderzug, mit dem alle Mädel und Jung- mädel fahren, fährt wie folgt ab: Grünberg ab 9.22, Reiskirchen ab 9.32, Großen-Buseck ab 9.40, Gie­ßen ab 10.10 Uhr.

Jede Fahrtenteilnehmerin erhält auf Vorzeigen der Sonderzugkarte vom Heimatort bis zur Ein- fteigeftation 75 vH. Fahrpreisermäßigung. Die Sonderzugkarten gingen den Gruppen bzw. den Mädeln direkt zu. Am Gießener Bahnhof wird am 12. 5. bereits um 9.30 Uhr zur Einteilung usw. an­getreten. Alle in Gießen abfahrenden Teilnehme­rinnen sind am Bahnhofsplatz um diese Zeit ein­getroffen.

2. Reichsappell der schaffenden Jugend.

Am Montag, 15. Mai, um 7 Uhr, findet für alle Jugendlichen der Betriebe ein Gemeinschaftsemp- fang des 2. Reichsappells für die schaffende Jugend statt. Die Sendung wird gemeinschaftlich im Licht­spielhaus, Bahnhofstraße, gehört. Alle BDM.-An- gehörige treten in Kluft dazu an.

Etandortübungsplatz darf nicht betreten werden.

Von dem Standortältesten der Garnison Gieße» wird uns mitgeteilt:

Das Betreten des Standortübungsplatzes Gießen lHohe Wart) zwischen der Zubringerstraße zur Autobahn, GießenSteinbach, und der Strafe GießenAnnerod ist verboten. Der Platz ist durch Warnungsschilder abgegrenzt, die zu beachten sind. Auf dem Standortübungsplatz angetroffene Per­sonen ohne besonderen Ausweis haben Anzeige zu erwarten.

BezirfsverwaltungSgericht Gießen.

Am Montag, 15. Mai, vormittags 8.30 Uhr. findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen, Landgraf-Philipp-Platz 3, eine öffentliche Sitzung

Hine Frau mit Herz

Roman von Hedda Lindner

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlln

23 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Wie du willst. Du bist mir sicher. Der berühmte Mikeny im Kittchen, das wäre keine gute Musik für dich."

Hör auf! Selbstverständlich werde ich schweigen, aber mit neuen Sachen will ich nichts mehr zu tun haben. Das ist mein letztes Wort."

Okay. Werde mich eben gelegentlich nach je­mand anders umsehen müssen. So long!"

Der Besucher war gegangen. Mikeny drehte hastig hinter ihm den Schlüssel herum, einmal, zweimal, als wolle er sich vor neuen' bösen Überraschungen sichern. Dann warf er sich auf das Sofa und starrte gegen die Decke: es war ein häßlicher Film, der nun vor feinem geistigen Auge abrollte.

Es ftimmte schon, er hatte böse in der Klemme Zesessen damals in Rio. Die Kapelle noch im Anfang ihres Rufes hatte nach erfolgreichem Debüt eine Tournee durch Südamerika begonnen; wenn sie gleich im Anfang steckenblieb, wenn die Instrumente wegen unbezahlter Hotelrechnungen gepfändet würden, war es aus. Und wenn feine Musiker erfuhren, daß er ihre Gagen verspielt hatte, dann würde alle Beliebtheit, derer er sich sonst erfreute, ihn nicht vor ihrer Empörung schützen können.

Mikeny war der Verzweiflung nahe gewesen. Er hatte wie so oft vorher diese unselige Leiden­schaft, die ihn niemals wirklich zu etwas bringen ließ, verwünscht, hatte sich geschworen, wie ebenfalls oft vorher wenn er diesmal noch gerettet würde, nie wieder eine Karte anzurühren. Die Rettung kam. Sam Hewitt, wie er sich damals nannte, war der Mann, an den Mikeny sein gan­zes Geld verloren hatte, und erst Jahre später 'kam ihm die Erkenntnis, daß dieser Verlust fein Zufall gewesen war: Sam Hewitt hatte viele Methoden, sich die Leute, die er brauchen konnte, dienstbar zu machen.

Damals freilich, als Hewitt ihn aufsuchte und ihm jede Summe zur Verfügung stellte, war er tief gerührt und dankbar. Er begründete seinen Großmut ziemlich glaubhaft: er hätte gestern den Eindruck gehabt, als ob er durch den hohen Verlust in Schwierigkeiten geraten sei und das wäre ihm ein furchtbarer Gedanke bei einem Künstler,

den er sehr schätzte und der natürlich für jeden Bettag sicher wäre. Mikeny konnte also seine Tour­nee fortsetzen, und als Hewitt am Tage der Weiter­reise nach Buenos Aires in bat, ein kleines Arm­band für einen Freund drüben über die Grenze ZU schmuggeln, da die Argentinier so unverschämten Zoll nähmen war er ohne weiteres dazu bereit.

Ein kleiner Schmuggel dieser Art belastete sein Gewissen nicht. Etwas anderes wäre es gewesen, wenn er über die Herkunft dieses Armbandes Nähe­res gewußt hätte. Er verstand kein Portugiesisch, las darum auch keine Zeitungen und hatte natürlicher­weise keine Ahnung von dem Iuwelendiebstahl, durch den Senhora Raguel Ramalho de Fanjul eine der reichsten Brasilianerinnen so schwer betroffen wurde.

Der Freund Mr. Hewitts nahm das Armband dankend in Empfang, und als nach Beendigung des Gastspiels die Kapelle zurück nach Brasilien ging, um in Sao Paulo zu spielen, bat er Mikeny nun­mehr, Mr. Hewitt als Revanche für das Arm­band ebenfalls ein kleines Bäckchen zu überreichen. Mikeny tat es, und fein Argwohn erwachte erst, als Hewitt ihm für die Weiterreise nach Guate­mala eine Geige überreichte, die sich auf raffinierte Weise auseinander nehmen ließ. In dieser Geige waren allerhand Päckchen, über deren Inhalt fein neuer Freund sich nicht ausließ. Mikeny wollte protestieren, da er aber wieder Svielverlufte gehabt hatte, war er auf einen neuen Pump angewiesen und nahm als Gegenleistung die Geige mit.

In Guatemala-City, wo er ein Gastspiel im Pa­lace gab, baffe er wieder Glück im Spiel und zahlte nun als erstes unter dem Druck eines dumpfen Unbehagens Sam Hewitt das geliehene Geld zurück.

Damit glaubte er die Sache erledigt, aber als in Habana Hewitt wieder mit besagter Geige auf» fauchte, wies er ihn entschieden ab: er wolle nicht Hcmdlanaer eines Schmugglers sein.

Hewitt hafte gelächelt.

deckte der liegende Joe die Hand über die Augen, als könne er damit noch jetzt nach Jahren den Eindruck dieses Lächelns verwischen.

Dann hafte Hewitt seinem Opfer schonungslos die wahren Zusammenhänge eröffnet. Nicht nur Schmuggel war es, wozu er benutzt wurde, son­dern zur Beförderung und zum Schmuggel gesteh- lener Waren, und so geschickt hatte Hewitt her sich nun kaltblütig selbst als das Haupt einer Der- brecherorgonisation bezeichnete die Sache ein­gerichtet, daß Mikeny begreifen mußte: fein Gericht der Welt würde ihm jemals glauben, daß er nicht zu der Bande gehörte.

Hewitt war klug genug, den Bogen nicht zu Über­spannen. Es war nicht allzuoft der Fall, daß das Gepäck der Kapelle Mikeny um eine Geige ver­mehrt wurde. Wenn es aber geschah, so wechselte auch zugleich ein Vermögen seinen Besitzer.

Mikeny war ein leichtsinniger und haltloser Mensch, ein Verbrecher war er nicht. Sein Entsetzen über die Verstrickung, in die er geraten, war ebenso echt wie seine Empörung, als er zum ersten Male nach erfolgreicher Transaktion einen gediegenen und unanfechtbaren Scheck bekam. Er sandte ihn in zor­niger Aufwallung sofort zurück.

Als der zweite Scheck kam, saß er gerade wieder auf dem Trockenen; da behielt er ihn. Und dann blieb es dabei

Innerlich abgefunden hatte er sich mit dieser Ver­bindung nie. Erstens, weil ihm solche Sachen tat­sächlich nicht lagen und zweitens, weil er nie die Angst los wurde, die Polizei könne eines Tages doch dahinterkommen. Als er erfuhr, daß Sam Hewitt dasChamäleon" war er selbst hatte es ihm eines Tages höhnend erzählt, wuchs sein Abscheu zugleich mit seiner Furcht. Die Absicht, dem Chamäleon möglichst aus der Bahn zu kommen, hatte ihn veranlaßt, nach Europa zu gehen! Nun mußte er erkennen, daß ihm dieses Ausweichen nicht das geringste genutzt hatte. Und eines schönen Tages würde Hewitt ihn doch wieder mürbe kriegen, es sei denn es sei denn, er habe eine solch sichere Position, daß ihn Geldverlegenheiten auch nach ge­legentlichen Spielverlusten nicht mehr aus der Bahn schleudern konnten. Daß er es überhaupt für mög­lich hielt, daß ein Mann wie das Chamäleon eines seiner Opfer mit einem freundlichenDanke schön" seines Weges ziehen ließ, zeigt am besten, wie wenig er sich in einen wirklichen Verbrecher hinein­denken konnte.

Daß er ausgelöscht werden würde, sobald er für Hewitt nichts weiter als ein Mitwisser war der Gedanke ist ihm nie gekommen. Dafür bekam aber die Wiederverbindung mit seiner früheren Frau ein anderes Gesicht. Ihre Millionen an die er nach Margits Erzählungen glauben mußte machten ihn unabhängig von dem Chamäleon; das war ein Ziel, dem zuliebe er wohl noch mal in den Zwang einer Ehe gehen konnte. Eigentlich fing er erst von diesem Augenblick an, Margits Plan ernst zu neh­men, bis jetzt war fein anscheinendes Draufeingehen doch mehr Spielerei und Laune gewesen.

' Im übrigen hatte er die besten Absichten Dina gegenüber, denn er war nicht ohne Gutmütigkeit gegen Frauen, wenn er sie auch ungeniert belog und betrag. Aber daß sie durch ihn in Armut gera­ten war, hatte ihn ehrlich erschüttert, viel mehr als das Unrecht, das er ihr seelisch angetan hatte. Und

er nahm sich fest vor, sehr rieft zu ihr zu fein, wenn sie wieder seine Frau war. Daß es ihm gelingen würde, sie zurückzuerobern, wenn er es ernsthaft darauf anlegte, daran zweifelte er feinen Augenblicke

In dieser Nacht konnte Dina keinen Schlaf finden. Sie horchte auf die verworrenen Laufe draußen im Gang Hinundherhuschen, Wispern und Flü­stern, sie besann sich, beim Nachhausekommen noch Leute in der Bar gesehen zu haben, die jetzt wohl endlich zu Bett gingen. Noch später als sie, dabei hafte bisher nie ein Fest so lange gedauert wie dieser Ball im Claridge. Es war sehr voll ge­wesen und Mikeny hatte glänzend gespielt. Beim zweiten Teile hatte er seinen ersten Geiger dirigieren lassen und war an ihren Tisch gekommen, um mit ihnen zu tanzen. Zuerst mit Margit und bann mit ihr. Sehr viel mit ihr. Und zum erstenmal mar er aus seiner Zurückhaltung herausgegangen und hotte von- früheren Zeiten gesprochen: vom Anfang ihrer Bekanntschaft, von damals, als sie zuerst zu­sammen getanzt hatten in einem kleinen Lokal bei Berlin. So voller Glück und Erwartung war sie damals gewesen, daß sie einer ganzen Well getrotzt hätte, um dieses Mannes willen und nachher!

Sie seufzte tief auf. Sie mußte an das ..Nachher* denken, mußte es sich immer wieder ins Gedächtnis rufen es war ihre Waffe im Kampf gegen das unbekannte Etwas, das wieder von ihr Besitz er­greifen wollte. Da Holk sie allein gelassen baffe, war diese Erinnerung an ihre mißglückte Ehe ihre einzige Waffe. Wenn er dagewesen wäre, hätte Mi- keny kaum so viel mit ihr getanzt, hätte kaum so viel Gelegenheit gehabt, von der Vergangenheit zu sprechen und von der überwältigenden Seligkeit der ersten Zeit. Sie durste nicht sie durfte nicht daran denken!

Mit einem Ruck richtete sie sich im Bett auf und schaltete bas Licht ein. Sie fürchtete sich plötzlich >m Dunkeln, wie ein Kinb sich vor Gespenstern furchtet- Es war erstickenb heiß im Zimmer, sie sprang aus dem Bett und lief auf nackten Füßen zur Balkon­tür, riß sie weif auf. Sie atmete tief die kalte Lust ein, ihr Körper glühte wie im Fieber.

Es war Föhn draußen; der Wind brach sich dem kleinen Vorbau, heulte in langgezogenen Tö­nen wie ein verirrter Hund, dann wimmerte er wie ein Mensch in Not. Schauerlich klang es. Dina warf hastig die Türe zu, lies ins Bett zurück und zog die Decke über den Kops, ihre Zähne schlugen aufein­ander. Ich werde krank, dachte sie und war ganz zufrieden bei diesem Gedanken. Wenn sie krank war, dann mußte man sie in Ruhe lassen, alle nflW ten sie dann in Ruhe lassen, auch Joe. 1

(Fortsetzung folgt.)