Ausgabe 
10.5.1939
 
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Nr.108 Dritter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, ,0. Mai M9

der Gießener Hochschulwoche.

mente unter Aussendung von Strahlungen zerfal­len. Somit vermag man heute mit künstlichen Mit­teln unter Umgehung radioaktiver Stoffe, die nur unter Aufwendung erheblicher Devisenbeträge er­worben werden könnten, künstliche Radioaktivität zu erzeugen. Den wesentlichen Nutzen davon wird in Zukunft die Medizin haben, die nach technischer Durchbildung der bereits bekannten Methoden in unerschöpflichem Umfang Nadioaktivität zur Be­kämpfung des Krebses erhalten wird.

Aber auch von den Naturwissenschaften her er­hält diese Arbeit immer wieder Anstoß zu neuen Forschungen. Wie immer bei neuen physikalischen Entdeckungen hat man davon aber nicht nur wirt­schaftlichen Nutzen, sondern daraus entstehen für uns immer neue und tiefe Erkenntnisse, die unser .Weltbild immer vollkommener gestalten und darum unsere tiefe Bewunderung verdienen.

Zahlreiche fesselnde Experimente bereicherten den hochinteressanten Vortrag in weitem Ausmaß.

Professor Dr. Feulgen

sprach im Physiologischen Institut vor den sehr interessierten Hörern über das ThemaWie ein neuer Stoff entdeckt wurde". Professor Feulgen machte mit den Forschungsarbeiten des von ihm geleiteten Physiologisch-chemischen Institutes be­kannt. Die Angehörigen und Mitarbeiter dieses In­stitutes haben es sich u. a. zur Aufgabe gemacht, den

Zellkern und wichtige Bestandteile des Protoplas­mas chemisch zu erforschen. Man erfuhr von den älteren Methoden, mit denen es früher schon ge­lungen war, an einzelnen bevorzugten Objekten Zellkerne in größerer Menge darzustellen, und von der neuen Methode von Behrens, mit der es gelingt, auch aus komplizierten Organen Zellkerne zu gewinnen.

Der Vortragende führte die Nuclealreaktion vor, eine Methode zum Nachweis eines charakteristischen Zellkernbestandteils (Thymonucleinsäure), und die darauf beruhende Nuclealfärbung, mit der es gelingt, die Thymonucleinsäure auch in mikro­skopischen Präparaten (ö. h. histochemisch) nachzu-. weisen und die zugleich ein chemischer Nachweis von Kernsubstanz ist. Wie viele Hunderte von Ar­beiten im In- und Ausland zeigen, hat diese Methode in alle möglichen biologischen Teilgebiete Eingang gefunden. Man hörte, wie die Versuche mit Nuclealfärbung zur Entdeckung eines bisher noch unbekannten Stoffes im Protoplasma fast sämtlicher Zellen geführt haben (Plasmalogen), und daß diese Substanz rein darstellerisch und in ihrer chemischen Konstitution aufgeklärt werden konnte.

An den Vortrag schloß sich ein Rundgang durch die wissenschaftlichen Laboratorien des Physiologisch- chemischen Institutes an, der einen Einblick in die Arbeitsmethoden, Geräte und Vorrichtungen des Institutes gab.

Das Selbststillen im Kamps gegen die Säuglingssterblichkeit.

Professor Dr. von Zafchke.

der Direktor der Frauenklinik der Universität, hielt vor zahlreichen Frauen einen Vortrag überDie Bedeutung des Selbststillens im Kampf gegen die Säuglingssterblichkeit und die praktische Durch­führung des Selbststillens bei auftretende/r Schwie­rigkeiten". Aus seinem Vortrag ist folgendes zu berichten:

Die Stellung eines Volkes in der Welt ist in weitem Ausmaß durch die Bevölkerungsziffer be­stimmt. Die Erhaltung der Machtstellung eines Volkes hängt aber, mehr als allgemein, geglaubt wird, ab von einem gefunden Altersaufbau der Bevölkerung, der seinerseits wieder nur erreichbar ist, wenn eine gesunde Bevölkerungszunahme vor­handen ist. Der Bevölkerungszuwachs wird bestimmt durch die Geburtenziffer im Verhältnis zur Sterbe­ziffer. Damit aber eine gesunde Schichtung der ein­zelnen Altersklassen vorhanden ist, darf eine Herab­setzung der Gesamtsterblichkeit nicht etwa nur durch längere Lebenserhaltung der einzelnen Mitglieder des Volkes erreicht werden, sondern sie muß in erster Linie durch die Herabsetzung der Frühsterb­lichkeit und der Sterblichkeit der jungen Jahrgänge erzielt werden. Welche Bedeutung darunter die Säuglingssterblichkeit spielt, geht daraus hervor, daß man früher mit einer Säuglingssterblichkeit bis 30 Prozent und darüber rechnen mußte, so daß also von allen Geborenen nur etwa Zweidrittel für den Bevölkerungszuwachs in Frage kamen. Gelingt es, die Säuglingsmortalität immer mehr und mehr herabzusetzen, dann kann dadurch sogar ein Gebur­tenunterschuß in für die Zukunft des Volkes befrie­digender Weife ausgeglichen werden. In dieser Lage befinden wir uns gegenwärtig in Deutschland, wo es gelungen ist, die Säuglingsmortalität bis auf 6,8 Prozent herunterzudrücken, während die Ge­burtenziffer, trotz eines erfreulichen Wachstums in den letzten fünf Jahren, noch nicht die Sollziffer erreicht, der noch vorhandene Geburtenunterschuß

aber durch die immer weiter herabgedrückte Säug­lingsmortalität ausgeglichen wird.

Es hat sich nun gezeigt, daß die Säuglingsmorta­lität neben allgemeinen hygienischen Bedingungen der Aufzucht in allererster Linie durch die Art der Ernährung bestimmt wird. Trotz oller Fortschritte der Ernährungslehre und trotz immer tieferem Ein­blick in die Zusammenhänge zwischen Nahrungs­zufuhr und Körperaufbau hat sich gezeigt, daß es für den Säugling und ganz besonders für den Neu­geborenen nur eine zweckmäßige natürliche Er-

SPITZENLEISTUNG

OPEL

nährung gibt, nämlich die Ernährung an der Brust der jungen Mutter, die selbst durch die Ammen- ernährung, wenigstens in der Neugeburtszeit, nicht völlig ersetzt werden kann. Es hat sich gezeigt, daß besonders unter ungünstigen hygienischen und so- ziolen Verhältnissen die natürliche Ernährung an der Brust der eigenen Mutter den Kindern eine solche Widerstandsfähigkeit verleiht, daß sie Umwelt­schäden, denen sie sonst erliegen würden, spielend überwinden. Die Muttermilch ist in der Tat ein ganz besonderer Saft und ein Zaubermittel, das das Kind am sichersten vor allen Gefahren des ersten Lebensjahres bewahrt. Ja, es hat sich sogar gezeigt, daß die Dauer des Selbststillens und die Höhe der Sterblichkeit im ersten Lebensjahr in direkter Ab­hängigkeit voneinander stehen derart, daß mit jeder Verkürzung einer verlangten Stillzeit von 6 bis 8 Monaten die Mortalität in deutlich erkennbarer Weise ansteigt. Beträgt die Mortalität der gar nicht gestillten Kinder 27 v. H., die der 1 Monat gestillten Kinder 17 o. H., die der 3 Monate gestillten 10 v. H., so sinkt sie bei den 6 Monat gestillten bereits auf

Aus Oer Stadt Gießen.

Die drei Gestrengen.

Es ist eine eigenartige Sache mit den drei Ge­strengen. In manchem Jahr lassen sie uns völlig ungeschoren, dann wieder passiert es, daß sie ihrem Namen alle Ehre machen. Da sie auf den 11., 12. und 13. Mai fallen, also auf jene Tage, die nach dem katholischen Staknbcr die Namen der Heiligen Ma­mertus, Pankratius und Servatius führen, werden sie auch vielfachEisheilige" genannt. Diese Be- Zeichnung soll klar machen, um was es bei den drei Gestrengen geht: nämlich um Kälte und Eis, also um Erscheinungen, die im Monat Mai keineswegs mehr begehrt sind.

Der erfahrene Gartenfreund geht vorsichtig zu Werke, solange die drei Gestrengen noch nicht vor­über sind. Seine Bohnen legt er jedenfalls erst, wenn die zweite Hälfte des Monats erreicht ist. Auch der Bauer hat es lieber, wenn die kritischen Tage hinter ihm liegen. So haben die drei Gestren­gen tatsächlich ihre Bedeutung, weshalb es nicht ver­wunderlich erscheint, daß ihnen eine gewisse Volks­tümlichkeit eigen ist. Nur daß diese Volkstümlichkeit durchaus nicht mit Beliebtheit gleichgesetzt werden kann.

Ihren Ruf haben die drei Gestrengen der Tat­sache zu verdanken, daß es bei der im ersten Halb­jahr ansteigenden Lufttemperatur häufig zu Kälte- rückfällen kommt. Diese Kälterückfälle sind an sich nichts Besonderes, denn auch im Juni treten sie bei­spielsweise noch auf, wobei sie gewöhnlich sogar noch stärker sind. Aber im Juni ist bei der allge­mein höheren Temperatur ein Sinken unter den Gefrierpunkt so gut wie ausgeschlossen, was sich bei den Kälterückfällen im Mai nicht sagen läßt. Im Mai besteht vielmehr noch die Möglichkeit, daß die manchmal nur knappe Spanne bis zum Gefrier­punkt erreicht und durch Frost ernpfiiMicher Scha- lden an den Pflanzen angerichtet wird.

Wie sich aber auch immer die drei Gestrengen -aufführen mögen wir wallen hoffen, daß sie uns ün diesem Jahre mit ihrem eisigen Atem verscho­nen, eins steht auf alle Fälle fest: sie beenden eine Periode letzter winterlicher Wirkungsmöglich­keit. Wenn sie vorübergegangen sind, kann das jämmerliche Spiel endgültig beginnen. Und das ist foie frohe Gewißheit, die uns Veranlassung gibt, 'das Treiben der drei Gestrengen mit einiger Ge­lassenheit zu beobachten. H. W. Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Gaukulturwoche: 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr im 'Oberhessischen Museum (Altes Schloß) Sonderaus- tfteüungDas Haus- und Dorfbuch". Stadt- ttheater: 19.30 bis 23 UhrDie Königin Isabella". «Gloria-Palast, Seltersweg:Der Florentiner Hut". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Spaßvögel".

Stadttheater Gießen.

Heute abend findet die letzte Wiederholckhg von Hans Rehbergs SchauspielDie Königin Isabella" lstatt. Spielleitung: Hannes Razuin, Bühnenbild: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 30. Vorstellung der Mittwoch-Miete statt. Beainn 19.30 Uhr, Ende gegen 23 Uhr.

Professor Dr. Gerthfen nach Berlin berufen.

Der Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Gießen, Professor Dr. G e r t h s e n , ist □Is Ordinarius der Physik und Direktor des ersten Physikalischen Instituts der Universität Berlin nach Der Reichshauptstadt berufen worden. Professor Dr. Gerthsen hat heute bereits Gießen verlassen, um ein neues Amt in Berlin anzutreten. Sein gestriger Vortrag überAtomzertrümmerung", den er im Nahmen der Gießener Hochschulwoche hielt und über den wir heute an anderer Stelle berichten, mar seine Abschiedsvorlesung an unserer Universität.

Karl Nuckelshausen: Der Alte geht um."

Uraufführung am Gießener Stadttheater.

Als zweite Uraufführung während der Gau- !mlturwoche brachte das Stadttheater das fünfaktige SchauspielDer Alte geht um" von Karl Nuckels- raufen in Gießen heraus. Die Rückbeziehung auf : as LeitwortRaffe und Kultur" wird hier in inem anderen, dem Zuschauer näher liegenden oinne deutlich als in Möllers drei Nacht-Szenen nm den Prinzen Eugen, obwohl sie auch da durch- US ZU finden ist. Dem Bühnentext hat der Ver- nsser ein Vorwort vorangestellt, das über seine Absicht und Zielsetzung Auskunft gibt:Ein Schau- yiel, aufgebaut nach den Regeln der dramatischen .ckunst möchte ich geschrieben haben. Ein Schau- iöid, das zugleich auch ein Stück aus dem Volke n't. Nicht dagegen ein leichtgeschürztes Volksstück. 20eren, wohlgelungene wie auch gelegentlich andere, find in den letzten Jahren genug gebracht worden, und sie haben ihren Zweck, mit dem Volksleben isrtraut zu machen und zugleich Entspannung in heiterer Laune zu bringen, in begrüßenswerter Qeise erfüllt. Aber auch tiefernste Dinge bewegen tas Volk, und die Auseinandersetzung mit ihnen jirbert Anspannung. Da ist es wohl an ber Zeit, <uch in Bühnenarbeiten mehr in die Tiefe zu gehen »ivd hierbei den Grundsätzen ber Dramaturgie ge­lacht zu werben ..."

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Der Verfasser hat mit diesen Sätzen fein Schau- f. iel ausdrücklich gegen bie im Publikumssinne ziern- lch eindeutig umrisiene Kategorie des Dolksstückes cvgegrenzt, was bemerkenswert erscheint, weil die fjinf Akte manche Voraussetzung für diese Gattung r itbringen: sie spielen im Jahre 1910 in einem Vauerndorfe Oberhessens, und die Mehrzahl ber S zenen wird demgemäß auch in der heimischen und ins hier vertrauten Mundart gesprochen, wobei sich Ruckelshausen, wie ebenfalls im Vorwort des roheren bargelegt ist, dhne philologische Feinheiten auf das Charakteristische des ländlichen Dialektes b schränkte. Er verzichtete im übrigen auf die sonst f.ir Volksstücke bezeichnenden Beigaben von Gesang und Tanz als integrierende Bestandteile der Hand­lung. Hier handelt es sich vielmehr ernstlich um das Schicksal einer ganzen dörflichen Gemeinschaft, um ihn unüberbrückbar scheinenden Gegensatz zwischen Sladt und Land: aus diesem Widerspiel entwickelt sich ein die Existenz und bie Zukunft der Dorf- hwohner bedrohender Konflikt.

Zweiter Tag

Der gestrige zweite Tag der Hochschulwoche der Ludwigs-Universität Gießen brachte wieder eine Reihe von Vorträgen und Be­sichtigungen.

Professor Dr. Zrüggemann

konnte in der von ihm, neben ber Ohren-, Nasen- unb Halsklinik ber Universität, geleiteten Heil- stätte Seltersberg eine ganze Anzahl Be­sucher zur Besichtigung ber Heilstätte begrüßen. Zur Einführung wies er bie Gäste darauf hin, daß die Kehlkopftuberkulose früher für unheilbar gehalten wurde. Die ersten Nachrichten von geheilter Kehl- kopstuberkulose, die ber Geheimrat Schmidt, der be­rühmteHals-Schmidt" in Frankfurt a. M. ver­öffentlichte, erregten großes Aufsehen. Dann begann eine Zeit, in der der Halsarzt sich sehr interessiert mit Kehlkopftuberkulose befaßte. Alle, möglichen Be­handlungsmethoden wurden ausgebaut, ber Erfolg war aber nicht recht befriebigenb. Noch vor ber Machtübernahme war es so, daß Patienten aus den Heilstätten entlassen wurden, wenn ber Kehlkopf er­krankt war, weil bie Aussicht ber Patienten, ihre Arbeitsfähigkeit mieber zu erlangen, gering war. Die Patienten würben nach Hause entlassen unb in­fizierten nun bort bie Familie. Der Halsarzt ver­suchte bann, ben Kehlkopf zu behandeln, aber die Behandlung war unzulänglich.

Von Professor von Eicken, ber als Vorgänger von Professor Brüggemann als Direktor ber Ohren-, Nasen- unb Halsklinik in Gießen wirkte, ging zuerst ber Gebaute aus, eine Heilstätte zu bauen, in wel­cher ber Halsarzt unb ber Lungenarzt aufs engste Zusammenarbeiten sollten. Dieses Ziel würbe er­reicht in ber Heilstätte Seltersberg, in ber ber Di­rektor ber Ohren-, Nasen- unb Halsklinik ber Uni­versität zugleich Direktor ber Heilstätte unb ber Oberarzt ber Lungenspezialist ist.

Früher hat der Halsarzt bie Kehlkopftuberkulose zu schematisch nach bem örtlichen Befund dehan- belt. Es muß aber in jedem Falle individualisiert werden, um je nach den Abwehrkräften des Körpers gegen ben Tuberkelbazillus auch bie Behandlung im Kehlkopf anzupassen. Die Kehlkopfbehandlung ist eine Reizbehandlung, und man kann sagen: ber richtige_Reiz zur richtigen Zeit. Das ist in der Heil­stätte Seltersberg durchgesührt, es hat sich hier sehr bald gezeigt, daß die Erfolge dadurch bedeutend ge­bessert wurden. Selbstverständlich wird bas Lungen­leiben babei in keiner Weise vernachlässigt. Der Oberarzt, Chefarzt Dr. Arolb, ist ausgebildeter Lungenarzt. Alle Maßnahmen, die in einer Lungen­heilstätte angewandt werden, kommen auch in'der Heilstätte Seltersberg zur Durchführung.

Im Anschluß an diese grundlegende Uebersicht uternahmen die Besucher in drei Gruppen einen Rundgang durch bie Heilstätte unb beren Neben­gebäude, wobei alle Einrichtungen mit großem Interesse besichtigt wurden.

Professor Dr. Gerthfen

als Direktor des Physikalischen Instituts hielt im Großen Hörsaal des Instituts einen Vortrag über Atomzertrümmerun g". Die Besucher, die den Großen Hörsaal des Instituts bis zum letzten Plätzchen besetzt hatten, lauschten mit außerordent­lich großer Spannung unb erlebten bie vielfachen physikalischen Experimente mit starkem Eindruck.

Von dem Vortragenden wurden die modernen Auffassungen über ben Bau des Atoms dargestellt und in einer Reihe von Versuchen bie Zertrüm­merung einzelner Atome gezeigt. Die Bedeutung ber neuen Forschungsergebnisse liegt vor allem darin, daß bei den Zertrümmerungsvorgängen sehr häufig neue Elemente entstehen, welche bie Eigenschaft be­sitzen, nicht mehr wie bisher bekannte chemische Elemente urtb stabil zu sein, sondern welche unter ähnlichen Aeußerungen wie die radioaktiven Ele-

Nahebei liegt die alte kleine Dorfkirche auf einem Quarzitfelsen. Das Quarzitwerk will der Ge­meinde den ganzen Berg abkaufen, bie (Bemeinbe weigert sich, aber die Arbeiter murren, weil sie bei einer Stillegung des Abbaus brotlos werden wür­den. Eine Lösung dieser die. ganze Gemeinde be­unruhigenden Streitfrage wird schließlich darin ge­sunden, daß die Behörde die Kirche unter Denkmal­schutz stellt und auf Kosten des Quarzitbruchbesitzers Burkhard eine neue Kirche gebaut wird, die der alten genau gleicht, unb auch das alte wertvolle Altarbild vom guten Hirten soll hineinkommen.

Aber bas wertvolle Gestein Quarzit sitzt vielleicht nicht nur im Felsen, worauf die Kirche steht, son­dern womöglich auch in bem Aeckern ber Bauern: eines Tages erscheint Herr Hoppe aus Frankfurt im Dörfchen, einJnbustrieller im Bergbau", ein Unternehmer, ja, sogar ein Millionär, wie bas Gerücht geht; ber interessiert sich lebhaft für bie Ausbeutung weniger bes Gesteins als ber Bau­ern, denen er mit feinem Auftreten unb feinem angeblichen Reichtum imponiert, unb bie er all­mählich für feine Absichten zu gewinnen vermag: burch bie Vorspiegelung märchenhafter Reichtümer, die sich aus ber Gewinnbeteiligung beim Abbau auf ben Aeckern der Bauern ergeben sollen. Das Dorf wird allmählich von einem Millionenrausch ersaßt. DerMillionär" ist freigiebig mit Geld unb Freibier unb haut mit' seinemQuarzitvertrag" bie meisten Bauern übers Ohr. Die müssen erst einmal Mann für Mann ihrerseits Gelb heraus- rücken, benn nach Hoppes famosem Vertrag trägt ber Eigentümer bes betreffenden Grundstückes die Kosten ber Aufschlußarbeiten.

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Dieser Hoppe ist ber Repräsentant eines dem Bauernwesen innerlich fremden und feindlich ent­gegengerichteten Städtertums, ein Spekulant übel­ster Sorte, Ausbeuter, Betrüger und Leuteverderber. Ein Mädchen aus dem Dorfe hat er in die Stadt gelockt, wo sie in einer Weinstube eine mehr als zweifelhafte Existenz gefunden hat: er bringt sie, schon innerlich entwurzelt, als eineMillionen- braut" und als Lockvogel für die harmlosen Bauern mit in bas Dorf zurück, in bem er eine ausgiebige Gelbguelle wittert; nicht genug damit: er hat es auch auf das wertvolle alte Altarbild aus der Berg­kirche abgesehen, das er angeblich restaurieren lassen will unb bei biefer Gelegenheit gegen eine wertlose Kopie auszutauschen beabsichtigt.

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Hoppes Gegenspieler finb, auf ben ersten Blick, bie Bauern, bie sich mit ihrem Ackerlanb auf bie betrügerischen Spekulationen desMillionärs" ein-

lassen. Aus ihrer Mitte, wenn auch dramaturgisch ein wenig im Hintergründe, erwächst die eigentliche Gegenkraft gegen bie von außen her in das Dorf zerstörerisch einbrechenden Einflüsse: in der Gestalt desAlten", des Schäfers Eckhardt,ber Hotts in sich, annere Aache hat er, guckt durch un durch." In diesem Schäfer verkörpert sich das alte boden­ständige Bauerntum, er ist gleichsam ber gute Geist ber Gemeinde, der mit klarem Blick erkennt, was ben Bauern droht, wenn sie bem Einfluß des Städters unb ihrer eigenen Gelbgier erliegen. Der Alte richtet bie von Hoppe verborbeneMillionen­braut" wieder auf (deren jüngere Schwester draus unb bran ist, in ber Stabt ebenfallsihr Glück zu machen") unb er erweist sich wahrhaftig als Retter unb guter Hirte bes Dorfes, indem er bem Hoppe, ber das Altarbild mit Gewalt an sich zu bringen versucht, selber wie ein zum Leben erwachtes Bild entgegentritt und ihn zwingt, bie räuberischen Ver­träge mit ben Bauern zu zerreißen unb das Geld wieder herauszugeben.

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Es können hier nur die Grundlinien des an Fi­guren und Szenen reichen Stückes nachgezogen werben; sie lassen erkennen, worauf es Ruckels­hausen ankam: zwei' Lebenskreise unb Lebens­haltungen gegeneinanderzustellen, die erst in un­serer Zeit eine gemeinsame Mitte gefunden haben. Es gibt naturgemäß Vordergrund unb Hintergrund, es gibt stärker unb minder lebhaft belichtete Figuren, bie in ihrer Gesamtheit unb ihren Beziehungen zueinanber einen Begriff geben von einer Ent­wicklung, bie bas Schauspiel an ihrem Kulmina­tionspunkt festgehalten hat. Das allen Gemeinsame ber Mundart weift zugleich auf gemeinsame Wesens­art unb ein gemeinsames Schicksal hin, bas sich nur im naturgegebenen Raume ber angestammten Heimat unb ber bäuerlichen Scholle sinnvoll er­füllen kann.

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Herr Geißler als Spielleiter hatte erhebliche Kürzungen vorgenommen, was ber theatralischen Wirkung entschieden zugute kam. Vor allem hatte er in einer bewegten unb farbigen Inszenierung im Sinne bes Leitwortes ber Gaukulturwoche bie beiben hier aufeinanberstoßenben Lebenskreise mit kräftigen Strichen gegeneinanber abgefetzt unb bie Werte herausgearbeitet, bie hier auf bem Spiele stehen, gefährbet werben unb am Enbe bewahrt bleiben. Die Munbart, sonst vielfach eine bedroh­liche Klippe des Volksstückes auf dem Theater, wurde hier im allgemeinen glücklich bewältigt und trug zu einer verständnisvollen Aufnahme bei. Als ausgezeichneter Helfer im Regiestäbe erwies sich wieder einmal Herr L ö s s l e r, ber bie heimatlich-,

dörflichen Schauplätze mit herzhaftem und freund­lichem Realismus aufgebaut hatte. Besonders ber Dorfplatz im ersten unb bie hochgelegene kleine Kirche im letzten Akt waren von suggestiver Bild- Wirkung, welche überbies von ben durch Vermittlung des Heimatdichters Georg Heß zur Verfügung ge­stellten farbenfreudigen Trachten belebt und ver­tieft wurde.

Das zahlreiche Ensemble war von schöner Spiel- freubigfeit zusammengeschlossen. Herr Volck gab denAlten", ben Schäfer-Eckharbt, mit Patriarchen- Bart unb Prophetenstimme, mild, väterlich und ab­geklärt, guter Hirte unb, guter Geist ber kleinen Dorfgemeinschaft. Ihm gegenüber unb bis ganz zuletzt im Mittelpunkt bes dörflichen Umkreises: ber Spekulant unb Betrüger Hoppe, von Herrn Wei- l a n b sehr geschickt, geschmeidig unb ohne störenbs Uebertreibungen gespielt; ein windiger Patron und üb(er Plänemacher. In einem ähnlichen Kontrast waren bie beiden Schwestern Luise und Babett von Fräulein Eickhoff und Fräulein (Barbe, die glänzend oberhessisch sprach, gegeneinander-; gestellt. Prächtig abgestuft und mundartlich aust geprägt erschien basMillionenbauern"-Quintett ber; Herren Seitz, Schlick, Kohlermann, (Bei* g e r und Haars. Fräulein Kneip als Steins* Dottche, eine luftige Person, Herr v. G s ch m e i b * ler (Westmann), Herr Cossooel (Burkhard), Herr Böhlig (Pfarrer) unb Herr Schorn (Schorsch) feien ebenfalls mit Anerkennung genannt«

Der Autor konnte zuletzt mit Darstellern und Spielleiter sehr freundlichen Beifall entgegennehmen«

Hans Thyriot.

Hochschulnachrichten.

Geheimrat Professor Dr. Otto zur Strassen, em. Ordinarius für Zoologie an der Universität Frankfurt, vollendete sein 70. Lebens­jahr. Der Gelehrte habilitierte sich 1896 in Leip­zig, wo er 18 Jahre gelehrt hat. 1914 folgte zur Strassen einem Ruse als Ordinarius in Frankfurt, wo er bis zu feiner Emeritierung im Jahre 1935 den Lehrstuhl für Zoologie inne hatte; er war gleichzeitig Direktor des Senckenbergschen Natur­historischen Museums der Stadt. Zur Strassen, der an verschiedenen deutschen Tiefsee-Expeditionen teil­genommen hat, arbeitete hauptsächlich über Entwick-- lungsmechanik unb Tierpsychologie und war der Herausgeber ber 4. Auflage von BrehmsTier* leben".