Ausgabe 
10.5.1939
 
Einzelbild herunterladen

Fallschirm mit 360Stundenkilometer abgeworfen

Aus dem Tagebuch eines Fallschirm-Konstrukteurs.

Wer von uns hat nicht schon Bewunderung für einen Mann empfunden, der in 1000 Meter Höhe aus dem Flugzeugaussteigt", der Erde entgegen­stürzt, mit dem Kopf nach unten und den Beinen nach oben, und dann nur wenige hundert Meter über dem Boden. den Fallschirm zur Oeftnung bringt und langsam und sicher -zur Erde schwebt? Gewiß, solchen Männern gehört unsere Bewunde­rung, aber wir wollen auch ein wenig an denjeni­gen denken, der dieses Kunststück erst möglich machte: den Fallschirmkonstrukteur. Unser Mitarbeiter hatte eine Unterredung mit einem bekannten deut­schen Fallschirmkonstrukteur.

Meistens wird es so sein, daß ein Fallschirmpilot aus Grund seiner Erfahrungen und Kenntnisse dazu kommt, ein neues Fallschirmmuster zu entwerfen oder Abänderungen bisheriger Fallschirmkonstruk­tionen zu entwickeln.

Auch dieser FaKschirmkonstrukteur hatte eine lange Tätigkeit als Fallschirmspringer hinter sich, jedoch ließ jeder seiner 100 Absprünge den Entschluß in ihm reifen, einen Fallschirm zu konstruieren, der tat­sächlich allen Zufällen gewachsen sein würde, die beim freiwilligen, mehr aber noch beim unfreiwilli­gen Absprung aus einem Flugzeug austreten

sowie das gesamte Verhalten des Fallschirmes fest- gestellt.

Am Freitag, dem 13. Mai, wird der Fallschirm mit einer Geschwindigkeit von 360 Stundenkilometer abgeworfen. Entfaltungszelt und Gesamtverhalten gut. Keinerlei Beschädigungen, so daß noch ein Ab­wurf bei 420 Stundenkilometer ausgeführt wird. Das Verhalten des Schirmes ist bei dieser enormen Geschwindigkeit beachtenswert gut. Die Entfaltungs­zeit beträgt 2,4 Sekunden.

Nächster Abwurf am Donnerstag, dem 19. Mai, aus 300 Meter Höhe und aus 400 Meter Höhe mit zwei Entfaltungsstoßschreibern. Jeder davon wiegt etwa 10 Kilogramm. Hierzu kommt noch ein Zeit­markensendegerät mit einer Unzahl von Drähten. Das Puppengewicht beträgt jetzt mindestens 120 Kilogramm.

Nächster und letzter Abwurf am Freitag, dem 20. Mai. Schirm öffnet sich sehr schnell und sinkt rasch zu Boden. Jetzt hat der gleiche Fallschirm neun Abwürfe durchgemacht.

Am 22. Juni trifft die Genehmigung ein, daß der Fallschirm als Rettungsgerät mit Handauslösung

bei Gebrauchsgeschwindigkeiten bis M 400 Stunden­kilometer zugelassen wurde."

Der Fallschirm, von dessen Prüfung wir eben berichteten, war eine Konstruktion für die Militär- und Motorfliegerei, bei der es manchmal notwendig sein kann, bei derart hohen Geschwindigkeiten abzu- springen. Der Konstrukteur hat aber vor diesem Schirm ein Muster konstruiert, das für die Segel­fliegerei besonders geeignet ist. Zwar wollten die Segelflieger zuerst nichts von einem nur, nach ihrer Ansicht, belastenden und hinderlichen Fallschirm wis­sen, schließlich wurde aber für die Hochleistungs­segelfliegerei das Mitführen von Fallschirmen eben­falls Vorschrift. Da allerdings griff man gern zu einem kleinen und handlichen Fallschirm, der unter allen anderen Fallschirmen verpackt die kleinsten Ausmaße und das geringste Gewicht hatte und am bequemsten anzulegen war. Der Konstrukteur er­zählt mit stolzer Freude, daß Flugkapitän Hanna Reitsch mit seinem Fallschirm geflogen ist und zeigte uns die letzte Rettungsmeldung eines Bres­lauer Hochleistungssegelfliegers, der nach mißglück­tem Looping dem Fallschirm sein Leben verdankte.

Wenn wir beim nächsten Mal Fallschirmabsprünge sehen, werden wir nicht nur die Kühnheit der Män­ner bewundern, die sich den weißen Halbkugeln aus Stoff anvertrauen, sondern werden auch der tech­nischen Kunst des Konstrukteurs gedenken.

H. G. Raths.

Aus aller Welt.

können.

Für die Ausbildung zum Konstrukteur gab es keinerlei Möglichkeiten. Mit nichts als mit einigen genialen Ideen mußte er seinen eigenartigen Beruf beginnen. Die Hauptsache war die Kenntnis der vorhandenen Geräte, von denen es mehrere Systeme gibt, wobei ihm seine Absprungerfahrung sehr zu statten kam. Dann kamen Monate des Rechnens, Monate voller Versuche und ungeheurer Spannung, ob die erste neue Konstruktionsidee ihre Bewährung finden würde.

Endlich war es soweit. Der erste neue Fallschirm war fertig und hatte sich bei Probeabwürfen von Türmen und hohen Bauwerken glänzend bewährt. Der Schirm hatte sich jedesmal schnell und sicher entfaltet, was durch die neue Konstruktion der in lauter Spitzen auslaufenden Fallschirmkappe her­vorgerufen wurde. Klar und ohne Verwicklung waren die Fangleinen bei jedem Abwurf aus ihren Schlaufen geglitten, fest und sicher hielt das denk­bar einfach konstruierte Gurtwerk seine tote Last. Es galt jetzt, sich auf die behördliche Musterprüfung vorzubereiten, denn jedes neue Fallschirmmodell bedarf der Genehmigung der Prüfstelle für Luft­fahrzeuge.

Die Prüfbedingungen sind außerordentlich scharf, und große Vorbereitungen sind hierfür nötig; ehe es zu der eigentlichen Prüfung durch den Abwurf des Fallschirmes kommt, muß der Konstrukteur sämt­liche Bauunterlagen einreichen. Erst dann, wenn die technischen Daten und Zeichnungen die Zustim­mung gefunden haben, wird mit den praktischen Versuchen begonnen. Sämtliche Baustoffe und Ein­zelteile des Fallschirmes, wie Aufziehleinen, Fang­leinen, Gurte, der Stoff und die Metallteile werden genauestens untersucht. Für die Probeabwürfe müssen Flugzeuge mit hoher Geschwindkeit zur Ver­fügung stehen und drei Abnahmebeamte sind mit Stoppuhren zur Stelle, um die Entfaltungszeiten zu messen. Um alle Zufälligkeiten und Ungenauig­keiten auszuschließen, wird der ganze Vorgang ge­filmt. Die 21 brourfprüfung besteht aus etwa neun Abwürfen bei ansteigenden Geschwindigkeiten von 170 bis 400 Stundenkilometer. Als tote Last wird eine Puppe verwendet, die etwa 200 Pfund wiegt. Zur Messung des Entfaltungsstoßes wird zwischen Schirm und Puppe ein Entfaltungsstoßschreiber auf gehängt. Der Entfoltungsstoß darf eine gerade noch zu ertragende Heftigkeit nicht überschreiten.

(Es seien hier Tagebuchblätter von der Prüfung eines Fallschirms wiedergegeben. Wenn man oiese sachlichen Zeilen liest, macht man. sich kaum eine Vorstellung davon, daß sie das Ergebnis einer fast zehnjährigen Vorbereitungsarbeit mit Tausenden von Berechnungen sind:

Zwei Fallschirmabwürfe am Montag, dem 2. Mai, zwei weitere am Dienstag, dem 10. Mai. Diese Abwürfe sind sogenannte Funkttonsversuche, hierbei werden Entfaltungszeit, Sinkgeschwindigkeit

Zwei Landesverräter hingerichtet.

Berlin, 10. 2fiai (DNB. Funkspruch). Die Ju st izpresse stelle beim Volksgerichts­hof teilt mit: Der am 16. Dezember 1938 vom Volksgerichtshof wegen Landesverrat zum Tode und zu dauerndem Ehrverlust verurteilte 29jährige Georg Fr och aus Gleiwih und der am 11. Januar 1939 ebenfalls vom Volksgerichtshof wegen Landes­verrat zum Tode und zum dauernden Ehrverlust verurteilte 57jährige Mathias G l e j e r aus Wahlen (Bezirk Trier) sind heute hing erichtet worden. Froch, der von einem mit der Herstellung von Wehrmitteln beschäftigten Derk als ungelernter Ar­beiter eingestellt worden war, hat sich in Be­ziehungen zu einem ausländischen Nachrichtendienst eingelassen. 3n dessen Auf­trage hat Froch an seiner Arbeitsstätte für Geld Spionage getrieben. Außerdem hat er sich bemüht, Truppenteile auszuspähen. Gleser ist im benachbarten Ausland Spionage- agenten in die Hände gefallen. Geldlicher Vorteile wegen hat er sich dazu hergegeben, in ihre Dienste zu treten. Fast zwei Jahre lang ist er für den ausländischen Spionagedienst tätig gewesen. Auf zahlreichen Reisen, die ihn in über 40 Städte in den verschiedensten Teilen Deutschlands führten, hat Gleser es unternommen, den Aufbau der deutschen Wehrmacht auszuspähen.

Vollstreckung eines Todesurteils.

Berlin, 9. Mai. (DNB.) Arn 9. Mai 1939 ist der am 13. Dezember 1901 in Kolbermoor geborene Jakob Huebler hingerichtet worden, der durch Urteil des Sondergerichtes in München vom 27. März 1939 zum Tode und zum dauernden Ver­lust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt worden ist. Hubeler, ein vielfach vorbestrafter Gewohnheits­verbrecher, hat am 21. August 1939 in München einen im Dienst befindlichen Polizeibeamten durch mehrere Pistolenschüsse zu töten versucht.

Hinrichtung eines Raubmörders.

Berlin, 10. Mai. (DNB. Funkspruch.) Die Ju­stizpressestelle Berlin teilt mit: Heute früh ist der am 30. Dezember 1918 geborene Kurt Scherzin­ger hingerichtet worden, der vom Schwur­gericht in Berlin am 31. Januar 1939 wegen Mor­des und schweren Raubes zum Tode verurteilt und zum Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Le­benszeit verurteilt worden ist. Scherzinger hat in der Nacht zum 20. November 1938 die 29jährige

Curie Pla chta in ihrer Wohnung in Berlin, Mu- lackstraße 13, erstochen und beraubt.

_ Vriefpost

für SegelschulschlffAlbert Leo Schlageter".

Berlin, 9. Mai. (DNB.) Es wird beabsichtigt, an das SegelschulschiffAlbert Leo Schlageter" als letzte Briefpost während seiner der­zeitigen Auslandsfahrt eine Sendung in begrenztem Umfang mit dem Flugzeug der Deutschen Lufthansa, am Mittwoch, 17. Mai, nach Pernambuco abzuferti^en. Postschluß beim Marinepostbüro am 17. Mai um 13 Uhr. (Inlands­porto.) Zugelassen werden nur Briefe bis zu 20 g und Postkarten, jedoch müssen darüber hinaus An­zahl und Gewicht möglichst beschränkt werden (Aus­landsbriefpapier). Eine Gewähr für die Beförde­rung mit dieser Gelegenheit kann nicht übernommen werden. Die letzte Postbeförderung an das Schul­schiff a u f d e m S e e w e ge ist bereits abgegangen.

Erste Ziehung der Deutschen Reichslotterie.

Wie der Präsident der Deutschen Reichs­lotterie mitt eilt, erfolgt das Einfchütten und Mischen der gewaltigen Zahl von 400 000 Los­nummernröllchen der 1. Deutschen Reichslotterie und der 10 000 Gewinnröllchen für die 1. Klasse am 15. Mai 1939, 9 Uhr, öffentlich im Ziehungssaal des Lotteriegebäudes Berlin W 35, Margarethenstr. 6. Am Einschüttungstage um 9 Uhr kann sich jeder Spieler persönlich oder durch einen Beauftragten die von ihm gespielte Losnummer vorzeigen lassen und davon überzeugen, daß seine Losnummer in das Nummernrad gelangt. Beauftragte, die diese Nach­prüfung für die Spieler gewerbsmäßig besorgen, werden nicht zugelassen. Die Ziehung zur 1. Klasse der 1. Deutschen Reichslotterie beginnt am gleichen Ort am 16, Mai, morgens 7.30 Uhr.

Friderizianische Füsiliere auf dem Reichskriegertag.

Beim Großdeutschen Reichskrieger- taa in Kassel im Juni wird ein FestspielEwiges Soldatentum" aufgeführt, bei dem, wohl erstmalig in Deutschland, friderizianische Füsiliere in Stärke eines Bataillons nach den Vorschriften des fride- rizianischen Exerzierreglements ein Gewehr- und Ge­fechtsexerzieren durchführen. Die Vorbereitungen für den Reichskriegertag sind im Gange. Im Stadtteil Bettenhausen sind 30 000 eiserne Bettstellen, 60 000 Matratzen und 12 000 Strohsäcke gelagert. Für die Tribünenbauten auf der Karlswiese, wo der große Aufmarsch stattftndet, werden 35 000 Sitz- und Steh­plätze geschaffen.

Internationaler Freiballonweltbewerb in Zürich.

Am 14. Mai findet in Zürich ein internatio­nales Freib allons liegen statt, zu dem

vierzehn Ballons aus sieben Ländern an gemeldet sind, nämlich je drei Ballons aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz, zwei Ballons aus Polen, sowie je ein Ballon aus Italien, Holland und Belgien. Es wird darauf hingewiesen, daß es feit zehn Jahren kein internationales Wettfliegen mehr gegeben habe, das eine so große Teilnehmer­zahl aufweisen konnte.

Schlagwetterexplosion bei Hamm fordert drei Tote, 21 Verletzte.

Auf der Zeche R a d b o d in Bockum-Hoevel bei Hamm ereignete sich im Untertagebetrieb auf der vierten Sohle bei Abdämmungsarbeiten an einem plötzlich ausgebrochenen Grubenbrande eine Schlag­wetterexplosion. Es find drei Tote, vier Schwerverletzte und 17 Leichtverletzte zu beklagen. Die Rettungsmannschaften sind aus dem Gefahren­bereich zurückgezogen worden. Die Anetten zur Eindämmung des Brandes sind im Gange.

Verhängnisvoller Erdrutsch im Tunnel.

Infolge der anhaltenden Regengüsse der letzten Tage ereignete sich in einem Tunnel auf d e r Eisenbahnstrecke Terni Orte nördlich von Rom ein Erdrutsch. Sechs Arbeiter, die mit Elektrifizierungsarbeiten beschäftigt waren, wurden verschüttet. Sie konnten nur noch als Leichen geborgen werden.

Kleine politische Nachrichten.

Der Jugendführer des Deutschen Reiches, Reichs­leiter Baldur von Schirach, feierte in München irrt Kreise seiner engsten Mitarbeiter den 3 2. Ge­burtstag. Der Führer übermittelte telegraphisch seine herzlichsten Glückwünsche. Ferner erhielt Bal- dur von Schirach Glückwünsche von Generalfeld­marschall Goring sowie den Reichsleitern und Reichsministern und führenden Parteigenossen. Im Namen der Jugend und der Reichsjugendführung sprach ihm Stabsführer Lauterbacher die Glück­wünsche aus.

Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister Funk, der am Montag an der Generalversamm­lung der BIZ. in Basel teilgenommen hatte, traf in Begleitung seiner Gattin in Bern ein. Der deutsche Gesandte Köcher gab ein Essen, an dem auch die Bundesräte Obrecht und Wetter, sowie Alt­bundesrat Schultheß teilnahmen.

« *

Der Oberbefehlshaber der litauischen Armee, General R a sch t y k i s , traf in Warschau ein. In polnischen Kreisen wird der Höflichkeits-Charak­ter dieses Besuches betont. Man gibt der Ansicht Ausdruck, daß während des Besuches keine Verträge oder Pakte unterzeichnet würden.

*

Der stellvertretende sowjetrussische Außenkommissar P o t e m k i n ist, von Bukarest kommend, in War­schau eingetroffen. Er wird am Mittwoch feine Reise nach Moskau fortsetzen.

*

Der französische Marxistenführer Leon Blum traf in London ein, wo er mit führenden Linksabgeordneten Besprechungen Hatzen wird, um die englische Opposition von ihrem Widerstand gegen die allgemeine Dienstpflicht abzuhringen. Er wird mit Attlee, Sir Archibald Sinclair, Eden und Win­ston Churchill Besprechungen haben.

*

Der englische Botschafter in Tokio, Sir Robett C r a i g i e, ist von seiner Regierung angewiesen worden, in Tokio einen formellen Protest wegen des Bombardements von Tfchungking zu über» reichen.

In Quito, der Hauptstadt Ekuadors, wurde ein Komplott aufgedeckt. Der Anführer der Auf- ständischen, der Linkspolitiker Oberst Luis Larrea Alba, sowie 50 Zivilisten und Soldaten konnten in dem Augenblick verhaftet werden, als sie Vor­bereitungen für eine Erhebung abgeschlossen hatten. Präsident Mosquera M a r v a e z erklärte, er werde jeden Versuch der Linken, die Regierungsgewalt an sich zu reißen, energisch unterdrücken. In Quito herrscht Ruhe.

Kriegsmäßige Gefechtsbesichtigung.

Von Korvetten-Kapitän a. D.

G. G. Frhr. v. Zorstner.

Alljährlich galt es auf unserer Flotte, im Herbst die junaen Rekruten beschleunigt im Schiffs- und Gefechtsdienst zur ersten Gefechtsbesichtigung bis zu Weihnachten auszubilden. Es war wirklich nicht leicht, in dieser kurzen Zeit nach Wechsel des dritten Teiles, der Mannschaften die Gefechtsfähigkeit der Schiffe wiederherzustellen, zumal die Rekruten erst nach einer mehrwöchigen militärisch-infanteristischen Ausbildung an Land an Bord kamen.

Wieder rückte im Jahre 1905 der schwere Tag dieser Gefechtsbesichtigung bei uns auf S. M. S. Kaiser Karl der Große" heran. Es war ein Sau­wetter. Bei kaltem Ostwind fiel nasser Schnee. Schon Pech für das Schift. Auch der Flottenchef und sein Stab waren hierdurch natürlich beein­druckt. Auf das Schlimmste mußten wir daher ge­faßt sein.

Aus den Menen unseres Flottenchefs, Groß­admiral von Koester, konnte man gleich beim An- bordkomrnen unschwer feine Stimmung erraten.

Wenn er bei lachendem Sonnenschein am Fall- re pp den Kommandanten mit den Worten begrüßte:

Schönes Riviera-Wetter heute, Herr Kapitän!", war schon alles halb aeroonnen. Kam er aber, ohne etwas zu sagen, mit oen Backey kauend, an Bord, zeigte dieses dicke Luft an. Dann stand das Baro­meter auf Orkan so auch heute. Junge, Junge!

Durchnäßt von der Bootsfahrt, in sichtlich schlech­ter Laune, befahl der Flottenchef:

Herr Kapitän! Führen Sie mir Ihr Schiff sofort im Gefechtszustand vor. Sämtliche von mir und durch die Herren meines Stabes angeordneten Ausfälle und Gefechtsstörungen werden vollkom­men kriegsmäßig ourchgeführt, es wird heute nicht nur markiert!" .

Trommelsignale riefen die Besatzung auf Gefechts­stationen. Schon auf der Fahrt aus dem Hafen klappten bei den Detail-Besichtigungen auf den ein­zelnen Gefechtsplätzen manche Instruktionen nicht so ganz genau nach der Ansicht der hohen Besich- tigenden. In freier See begann aber erst der Höhe­punkt der Prüfung auf Herz und Nieren das Gefechtsbild.

Sogleich verteilten die Generalstabsoftiziere auf den verschiedensten GefechtsMionen Zettel, auf

denen angenommene Gefechtsstörungen vermerkt waren. Der ganzen Besatzung war bekannt gegeben worden, daß diese heute wirklich kriegsmäßig alle ausgeführt werden mußten, und nicht nur markiert werden durften, wie sonst bet Hebungen.

Ein eifriger Feuerwerksmaat hatte deshalb feine Munitionskammer nach Erhalt des Gefechtsstörungs- zettels:

Feuer in der achteren 15-Zentimeter-Munitions- kammer!" tatsächlich geflutet und vollkommen unter Wasser gesetzt. Sonst wurde das Aufdrehen der Flutventile nur markiert, und die Kammer nach Verlassen abgeschlossen. Die gesamte nun naß gewordene Munition mutzte später von Bord ge­geben werden.

Planmäßig wurden kleine Störungen und Per- sonalaussälle an Ort und Stelle beseitigt, ohne Meldungen an die Schiffsführung. Alle wichtigen Ausfälle von Gefechtswerten mußten dagegen dem Kommandanten gemeldet werden, damit dieser ent­sprechende Gegenmaßnahmen für die Weiterführung des Gefechtes ergreifen konnte.

Diese Meldungen wurden damals noch durch Melderketten von Mann zu Mann mit lauten Ru­fen bis zum Kommandantenturm durchgegeben.

Der Mottenftab hatte es heute sehr böse gemeint. Die allerschwersten Störungen wurden eingelegt. Was aber das Schlimmste war, sie folgten zeitlich so kurz hintereinander, daß gleichzeitig mehrere Störungsmeldungen durch die Melderketten hin­durchgehen .mußten. So konnte es kein Wunder nehmen, haß einzelne Meldungen von aufgeregten Rekruten durcheinander geworfen wurden.

Der Ausfall des nahe gelegenen 24-Zentimeter- Turmes und des Handruders im Kommandoturm kamen erklärlicherweise schnell und richtig an die Schiffsführung. Dann schallten aber immer tollere Meldungen über Deck:

Die Backbord-Maschine kann das Ziel nicht mehr bekommen!"

Der achtere 24-Zentimeter-Turm kann nur noch 4 Meilen Fahrt laufen!"

Der achtere Mast ist ausgefallen!"

Dem II. Artillerie-Offizier ist die Stange ab­geschossen!"

Forschend schaute der Flottenchef den Komman­danten, Kapitän z. S. Gühler, an. Dieser bestätigte aber nur ruhig in gewohnter Weise durch das Er­heben der rechten Hand seinVerstellen" jeder ein­laufenden Störungsmeldung. Unbeirrt hielt er das Schiff weiter auf Kurs. Bald sollte der Höhe­punkt kommen. Kurz hintereinander tönte es über Deck:

Alle Artillerie-Munition verjchojjenl"

Alle drei Hauptmaschinen ausgefallen!" Sämtliche Torpedos sind raus!"

Nun geschah eine ganze Weile gar nichts.. All­mählich kam das Schiff nach Stoppen der Ma­schinen zum Stillstand. Dann fragte der Flotten­chef forschend:

'Herr Kapitän! Was tun sie nun?" worauf dieser unbekümmert antwortete:

(Eure Exzellenz! Mit dem verfluchten Kahn ist nun wirklich nichts mehr anzufangen, jetzt will ich das Schiff versenken es soll doch heute nichts markiert werden! Mit dem Anschlägen der Spreng­patronen werde ich nach Ausbringen von drei Hurras auf Seine Majestät dem Kaiser und Ab­singen des Flaggenliedes ,Alle Mann aus dem Schiftll befehlen, und mit meiner Besatzung über Bord springen. Die beiden Kutter, die als einzige Boote für das Gefecht an Bord geblieben sind, stehen, falls sie nicht auch zerschossen sind, worüber ich noch keine Meldung habe, Euer Exzellenz und den Herren des Flottenstabes zur Verfügung. Sonst kann ich den Herren nur noch einige Reserve- Schwimmwesten anbieten allerdings ist das Wasser heute etwas reichlich kalt!"

Ich werde den Mick nie vergessen, mit dem der gütige Flottenchef nun unseren Kommandanten, der früher einmal sein Adjudant gewesen war, und den er in väterlicher Weise immer nochGühlerchen" nannte, an sah! Schmunzelndes Lächeln hatte seine ernste Miene verscheucht.

2lber Gühlerchen, ich sollte bei Ihnen doch noch Mittag essen, und nun wollen Sie mich plötzlich so schnell von Bord haben. Lassen Sie sofort durchs Schift geben:Alle Gefechtsstörungen zurück!"

Laut und freubig wurde dieser Befehl durch alle Decks gerufen. Nach wohlwollender Kritik saß der hohe Flottenchef mit seinem Stabe dann bald in der Kommandanten-Kajüte beim schonen Mit­tagsmahl.

Wir aber waren alle froh, daß uns noch im letzten Augenblick der Sprung ins kalteAqua" geschenkt worden war.

Hochschulnachrichten.

Professor ijr. Friedrich Stummer an der Uni­versität München wurde auf den Lehrstuhl für Alt- testamentliche (Einleitung und Exegese und für die biblisch-orientalischen Sprachen in Breslau be­rufen.

Dem Dr.med. Jürg Mathis in Innsbruck wurde unter (Ernennung zum ao. Professor an der Universität Innsbruck der Lehrstuyl für Histo­logie und Embryologie übertragen.

Das farbigeBild des Limburger Domes

Der Limburger Dom, eines der bedeutendsten Baudenkmäler deutscher Vergangenheit, dessen Ent- stehungszeit in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts fällt, ist bereits in seinem Innern auf Grund grö­ßerer Reste der alten Ausmalung in seiner früheren Farbigkeit wiederhergestellt. Man versucht nun, auch das Aeußere farbig so wiedererstehen zu lassen, wie es ursprünglich gewesen ist, und* hat bereits eine Art Versuchsstation eingerichtet, auf der verschiedene Farbenproben angesetzt sind. Wie auf alten Auf­nahmen noch zu sehen ist, waren bis zur Restau­rierung im 19. Jahrhundert noch größere Farbreste vorhanden; die Bruchsteinflächen waren mit weißem Kalkmörtel verputzt, gegen die sich die Hauptein­gliederung und die Bauplastik in kräftigen schwar­zen, gelben und roten, mit Kalk aufgetragenen Far­ben abhob. Die zur Zeit aufgetragenen Versuchs- Putze und -Muster lassen, wie ein Mitarbeiter der Frankfurter WochenschriftDie Umschau" zeigt, die Schwierigkeiten, eine stilgerechte Lösung zu finden, erkennen. Um eine solche zu finden, müssen Be« malungsrefte verwandter Bauten zu Hilfe genom­men werden, wie sie im Rheinland noch häufiger vorhanden sind. Daß wir heute Künstler haben, die über eine genügende historische Schulung und Ein­fühlungsvermögen verfügen, hat sich bei der Aus­führung der Innenausstattung in St. Quirin in Neuß gezeigt, aber bisher ist ein wahrer Erfolg nur da erzielt, wo mit der alten Technik und den alten Mitteln gearbeitet wird. Mit dieser wird es auch möglich sein, dem verhältnismäßig gut erhal­tenen Dom wenigstens einen Teil feines alten glanz­vollen Kleides wieder anzulegen. C. K.

Zeitschriften.

Die letzte Nummer der Jlkustrirten Zei­tung Leipzig bringt folgende reichbebilderte Beiträge:Schußkontrolle bei den Jagdfliegern, Aufgaben und (Eigenart des Reichsarbeitsdienstes für die weibliche Jugend",Deutsche Kunst in der Zips",Der Maibaum wird g'stellt" und Antlitz Heidelbergs". Im Mittelpunkt des Hestes stehen Aufnahmen von den großen Wandgemälden Hans Sauerbruchs, die sich in der Berliner Chartt befinden und das ThemaDer Arzt als Helfer un Freund" illustrieren. Aus dem unterhaltenden Ten heben wir besonders die Seite von den Bühnen und den originellen BildberichtKarnickel-Roulette hervor; bei diesem handelt es sich um die Schuve- rung eines eigenartigen Wettbrauches bei den/ Be­wohnern der Bretagne. /