Ausgabe 
9.8.1939
 
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Dogelabschied im August.

Anfang August find die Mauersegler oder Turm­schwalben südwärts gezogen, und die Goldamseln folgen ihnen nach. Gegen Mitte des Monats August sammeln sich die Störche und nehmen Abschied. In Norddeutschland wandert die Mandelkrähe oder Blauracke. In Süddeutschland ziehen die Wiede­hopfe fort. Gegen Ende des Monats schwillt der Vogelzug mächtig an: Gartenammern, Gartenlaub­vögel, Dorngrasmücken, Rohrdrosseln, Braunkehl­chen und Fliegenschnäpper, selbst Nachtigallen und erste Schwalbenzüge verlassen die heimatlichen Nist­plätze und Jagdreviere. Mit dem ersten großen Dogelabschied im August setzt mählich auch ein Schwinden des Sommers ein. Erstes Laub färbt in den Wäldern, und vereinzelt flattern auch schon die grauen Nebel über spinnwebüberzogene Heiden. Der malerische Herbsttag hält dann Einzug in Garten, Feld und Hain.

Beschränkung des Arbeitsplatzwechsels und Lehrlinge.

Zur Klarstellung veröffentlicht der Reichsarbeits- Minister eine Uebersicht über die geltenden Bestim­mungen für den Arbeitsplatzwechsel von Lehrlingen. Die Lösung von Lehrverhältnifsen ist danach nicht an die Zustimmung des Arbeitsamts gebunden. Der unmittelbare Uebergang aus dem Lehrverhältnis in ein Beschäftigungsverhältnis als Arbeiter oder An­gestellter im Lehrbetrieb unterliegt nicht den Em- stellungsbeschränkungen. Die Einstellung eines Jugendlichen als Lehrling bedarf jedoch der Zu­stimmung des Arbeitsamts.

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** Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 28.7. bis 3.8.1939 ein: Gegen Kraft­fahrzeugführer mit 16 Anzeigen und 16 gebühren­pflichtigen Verwarnungen-, gegen sonstige Fahrzeug­führer mit 3 Anzeigen; gegen Radfahrer mit 15 Anzeigen und 47 gebührenpflichtigen Derwarnun- gen; gegen Fußgänger mit 1 Anzeige und 6 ge­bührenpflichtigen Verwarnungen.

* Vereinigte Krankenversicherung s- A G. Die Gesellschaft hatte im Jahre 1938 ein gutes Ergebnis zu verzeichnen. Sie war dadurch bereits zum siebenten Male in der Lage, an die Ver­sicherten, die im letzten Jahre keine Schäden an­gemeldet haben, eine Prämienrückgewähr in Höhe von 4^ Monatsprämien auszuwerfen. Der Gesamt­betrag ergab die Summe von 2,7 Millionen RM. Aus der Bilanz ist zu entnehmen, daß die Reserven um 3 550 000 RM. erhöht werden konnten. Der Dermögensbestand ist auf 6 700 294 RM. gestiegen, der Grundbesitz hat sich durch Ankauf eigener Ge­schäftshäuser in Breslau und München ebenfalls wesentlich vergrößert. Die Gesellschaft verzeichnete am 31. Dezember 1937 insgesamt 459 018 versicherte Personen, am 31. Dezember 1938 waren es 502 453 Versicherte. Das Ergebnis des Jahres 1938 steht im Zeichen des allgemeinen wirtschaftlichen Auf­baues.

Ein Schwarzfahrer auf der Eisenbahn.

LPD. Frankfurt a. M., 8. August. Ein 29jähriger Mann befand sich auswärts in Stellung. Als seine Kameraden Urlaub nach Frankfurt er­hielten, begleitete er sie zur Bahn und stieg, nur mit einer Bahnsteigkarte versehen, in den Zug und fuhr mit. Es gelang ihm auch, unbemerkt durch die Sperre zu kommen. Daß er Schwarz­fahrer war, kam nachher dadurch heraus, daß er kurz darauf bei der Polizei Angaben über eine angeblich begangene strafbare Handlung eines Drit- ten machte, wobei man auch Interesse für seine Person zeigte. Das Schöffengericht verurteilte den Schwarzfahrer wegen Betrugs gegenüber der Reichsbahn zu zwei Wochen Gefängnis.

Gießener BScker-Lnnung besichtigt die Reichsfachschule des Bäckerhandwerks.

Auf vielseitigen Wunsch veranstaltete die Bäcker-Innung Stadt und Kreis Gie­ße n am Sonntag eine Sonderfahrt zur Besichti­gung der Reichsfachschule des Bäckerhandwerks tn Weinheim an der Bergstraße.

Die Jnnungsmitglieder trafen sich mit ihren An­gehörigen, Gesellen und Lehrlingen auf dem Luo- wigsplatz in Gießen, um in gemeinsamer Fahrt in Omnibussen und Privatwagen in Richtung Stern­bach (Reichsautobahn) die Fahrt zu beginnen. In Steinbach schlossen sich die Teilnehmer aus der Lau­bacher Ecke, Lich usw. an, so daß nunmehr 220 Teil­nehmer in einer stattlichen Wagenkolonne mit sechs Omnibussen und 15 Personenwagen ihre Fahrt über die Reichsautobahn in Richtung Bad-Nauheim Frankfurt a. M.Darmstadt fortsetzten. Beim Flug- Hafen Rhein-Main wurde die Fahrt unterbrochen, um das LuftschiffGraf Zeppelin" zu besichtigen, das bereits am Ankermast zur Abfahrt nach Würzburg bereit lag.

In Darmstadt verließ man die Autobahn, um die Fahrt über die Bergstraße fortzusetzen. Die Wagen erreichten* gegen 13 Uhr das Ziel, dieFuchs'sche Mühle" in Weinheim, wo gemeinsam das Mittag- efsen eingenommen wurde. In einer kurzen An­sprache begrüßte der Obermeister Ludwig I h r i n g (Lich) die Teilnehmer und gab seiner Freude dar­über Ausdruck, daß sich eine solch stattliche Zahl von

Jnnungsmitgliedern mit ihren Angehörigen und Ge­folgschaftsmitgliedern an dieser Fahrt beteilrgte, was einmal ein Zeichen guter Kameradschaft, zum andern aber auch das große Interesse für die Rerchs- fachschule zu werten sei. Besondere Grüße entbot er dem Kreishandwerksmeister Stühler sowie den Vertretern des Reichsinnungsoerbandes Bezirks­stelle Baden und der Innung Weinheim, die sich zur Führung zur Verfügung gestellt hatten. Nach dem Mittagessen fuhren die Teilnehmer zur Besichtigung der wunderschön gelegenen Wachenburg. Danach wurde die Fahrt zur Reichsfachschule fortgesetzt. Die Schule wurde abteilungsweise besichtigt und fand mit ihren Gesamteinrichtungen und ihrer herr­lichen Lage allen Beifall.

Hier werden Meister, Gesellen und Verkäuferin­nen in allen neuzeitlichen Anforderungen des Bäcker­handwerks unterrichtet und weitergebildet. Schöne Gartenanlagen und eine herrliche Umgebung sorgen aber auch für Erholung. Nach gemeinsamer Kaffee­tafel wurde abends die Rückreise ab_ Lorsch über die Reichsautobahn angetreten. Als schönen Abschluß des Tages konnte ein Teil der Teilnehmer noch die Landung des LuftschiffesGraf Zeppelin" erleben. Wohlbehalten kehrten die Teilnehmer an den Aus­gangsort der Fahrt zurück. Dem Veranstalter der Fahrt, dem Obermeister Ludwig Jhring, war jeder Teilnehmer herzlich dankbar.

Aus den Gießener Genchtssa'len.

Große Strafkammer Gießen.

Unter Ausschluß der Oeffenttichkeit wurde gegen den L. F. in Lauterbach wegen Kuppelei verhandelt. Er wurde beschuldigt, in den Jahren 1933 bis 1935 gewohnheitsmäßig und aus Eigennutz der Unzucht Vorschub geleistet zu haben. Der Angeklagte wurde unter Zubilligung mildernder Umstande zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und drei Monaten verurteilt.

Der E. G. R. in Annerod hatte sich wegen Brand- ftiftung zu verantworten. Er hat am 3. März 1939 eine Scheune in der Domäne Schiffenberg vor­sätzlich in Brand gesetzt. Durch den Brand wurde der gesamte Dachstuhl zerstört und die in der Scheuer lagernden Erntevorräte -vernichtet: Der Sachschaden betrug etwa 4000 RM. Der Angeklagte, ein schwachsinniger Mensch im Alter von 22 Jahren, war auf dem Schiffenberg beschäftigt. Im Unter­suchungsverfahren hatte er die Brandlegung ein­gestanden. Heute wollte er sich auf nichts mehr besinnen können.

Der Sachverständige hält den Angeklagten für einen schwachsinnigen, vermindert zurechnungsfähi­gen, fast zurechnungsfähigen Menschen, der wahr­scheinlich immer wieder zu strafbaren Handlungen neigen würde, und empfiehlt seine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt.

Der Vertreter der Anklage beantragte, den ver­mindert zurechnungsfähigen Angeklagten zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Mo­naten zu verurteilen und feine Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt anzuordnen. Der Der- teidiger war der Ansicht, daß dem Angeklagten, trenn er überhaupt schuldig erkannt würde, der Schutz des §511 StGB, zuzubilligen und er in einer Heil- und Pflegeanstalt unterzubringen sei.

Der Angeklagte wurde der vorsätzlichen Brand­stiftung schuldig erkannt und unter Zubilligung mil­dernder Umstände zu einer Gefängnis st rafe von einem Jahr, abzüglich fünf Monate Un­tersuchungshaft, verurteilt. Ferner wurde die Unter­

bringung des Angeklagten in einer Heil- und Pflegeanstatt angeordnet.

Vezittsschöffeligericht Gießen.

Unter Ausschluß der Oeffenttichkeit wurde gegen den W. Fl. in Ober-Erlenbach wegen widernatür­licher Unzucht, begangen im Mai 1939 in Kaichen, verhandelt. Der Angeklagte wurde zu einer G e ° fängnisstrafe von vier Monaten, ab­züglich sechs Wochen Untersuchungshaft, verurteilt. Da der Angeklagte nur teilweise geständig war, wurde ihm nur ein Teil der Untersuchungshaft an­gerechnet.

Der H. Z. in Reichelsheim hatte sich wegen Be- trugsoersuchs zu verantworten. Es wurde ihm zur Last gelegt, er habe im September 1938 durch Ver­schweigen der Tatsache, daß das ihm gehörige Pferd schon seit längerer Zeit an periodischer Augenent­zündung litt, die Inanspruchnahme dieses Tieres durch die Pferdebeschaffungskommission in Fried­berg zu einem Werte von 1500 RM. bewirkt. Nach der Rückgabe des inzwischen völlig erblindeten Tie­res im Oktober 1938 habe er einen Schadensersatz­anspruch erhoben und vor der hierüber befindenden Kommission zunächst behauptet, das Tier sei vor der Inanspruchnahme gesund gewesen und deshalb die Abnahme des Pferdes durch die Kommission zu dem obigen Schätzungswert verlangt Erst auf ent­sprechenden Vorhalt des Oberveterinärs hat er zu­gegeben, daß das Tier vor der Abnahme eine Trübung auf dem rechten Auge gezeigt hätte, aber noch voll dienstbrauchbar gewesen sei. Hierdurch hat er erreicht, daß eine Wertminderung in Höhe von 550 RM. anerkannt wurde, die aber nicht ausbe­zahlt wurde.

Es wurden 18 Zeugen und ein Sachverständiger vernommen. Der Vertreter der Anklage beantragte eine Gefängnisstrafe von 2 Monaten. Der Ver­teidiger beantragte Freisprechung mangels Bewei­ses und für den Fall einer Verurteilung eine Geld­strafe.

Der Angeklagte wurde mangels ausreichenden Beweises s r e i g e 11> r o ch e n. Es konnte nutzt «n. wandfrei nachgewiesen werden, daß die Pferdebe­sitzer bei der Musterung allgemein aufaeforbert worden waren, etwaige Mängel oder Fehler ihrer Pferde anzugeben.

Aus der engeren Heimat. Bauern!

Großöeulschland braucht zur Sicherung seiner Freiheit dringend eine Steigerung der Fetterzeu- gung. Steigert deshalb jetzt beträchtNch den Oe(- fruchtanbau. ohne die viehwirtschaft zu vernach. lässigen. Die neuen erhöhten Oetsoatpreise sichern Luch die Wirtschaftlichkeit des Anbaues. Jetzt ist es Zeit, Raps und Rübsen zu bestellen. Laßt Luch dabei vom Reichsnährstand beraten!

Tödlicher Insektenstich.

LPD. Schlitz, 8. August. Ein achtzehn« jähriges Mädchen, das bei einem Bauern in Hutzdorf beschäftigt war, wurde vor kurzem von einem Insekt gestochen. Der Stich ver- heilte anscheinend gut. Später stellten sich ,edoch Vergiftungserscheinungen ein, an deren Folgen das Mädchen jetzt im Krankenhaus ge- ft o r b e n ist.

Landkreis Gießen.

§ Alten-Buseck, 8.Aug. Am Samstagabend trafen sich, einer schönen Sitte gemäß, die hiesigen Schulkameraden und -kameradinnen des Jahr­ganges 1889 zu einer Wiedersehens feier im Saale der Gastwirtschaft Rühl. Auch die auswärts wohnenden Kameraden waren fast vollzählig er« schienen. Alterskamerad Rau (Gießen) begrüßte mit herzlichen Worten alle Teilnehmer und gab der Bedeutung des Tages mit treffenden Worten Aus­druck. Man gedachte dabei auch der bereits verstor­benen und im Weltkrieg gefallenen Kameraden und widmete ihnen ein stilles Gedenken. Die folgenden Stunden des Beisammenseins waren hauvtsächlich dem Austausch aus der Schul- und Jugendzeit ge­widmet, wobei manches heitere, wie auch ernste Erlebnis ins Gedächtnis zurückgerufen wurde. In froher Unterhaltung bei Gesang und Tanz verlebte man einige fröhliche, unvergeßliche Stunden. Er wurde einstimmig beschlossen, in einigen Wochen eine gemeinschaftliche Fahrt an den Rhein zu unter­nehmen. Man nahm voneinander Abschied mit dem Vorsatz, diese Wiedersehensfeier in einigen Jahren zu wiederholen.

ZSteinbach,9. Aug. Am Freitag, 11. August, feiert das Ehepaar Johann Karl Horn und Maria, geb. Reuschling, das Fest der Goldenen Hoch­zeit. Der Gesundheitszustand der beiden im 76. Le­bensjahr stehenden Eheleute ist befriedigend, Herr Horn kann in der Landwirtschaft noch mithelfen. Dem Jubelpaar unsere herzlichen Glückwünsche.

# Ullendorf (Lahn), 8. Aug. Zu einem Fest schöner Gemeinschaft wurde die am Sonntag und Montag abgehaltene Kirchweih. Da das Wetter den Aufenthalt im Freien nicht zuließ, fand sich alt und jung in den großen Räumlichkeiten der WirtschaftZum grünen Grund" ein. Eifrig wurde nach alten und neuen Weisen getanzt, und bald herrschte eine prächtige Stimmung. Am Montag­morgen traf man sich dann noch zu einem Frü^ schoppen, der durch musikalische und gesanMHe Darbietungen verschönt wurde.

Wegen falscher Anschuldigung ins Gefängnis.

LPD. Frankfurt a. M., 8. August. Das Schöffengericht verhandelte gegen einen 34jährigen Angeklagten, der im Sommer v. I. an die Hand­werkskammer Wiesbaden zwei Briefe gerichtet hatte, in denen er behauptete, daß ein Handwerks-

Der Täter mitten unter uns

Roman von Kurt Riemann

Copyright by Verlag Dskar Meister, tDerbau L Sa.

1. Fortsetzung. (Nachdruck verboten )

2.

Was nun?

Die Nachricht vom Tode Sir John Perkins hat wie eine Bombe eingeschlagen. Für einen Nachmit­tag ist London voll vom Äben und Sterben dieses stillen Mannes, der so vielen Lohn und Brot gab. Spaltenlange Nachrufe in den Blättern versuchen, die Zurückgezogenheit seines Privatlebens zu er­hellen.

Doch was für die Millionenstadt nur eine von vielen Neuigkeiten ist, das bedeutet für Barking im Augenblick das einzige und ausschließliche Ge­sprächsthema.

In den Korridoren und Kontoren, in den Hallen und Werkstätten, überall die gleichen Fragen:

Wie konnte das nur geschehen? Der Chef tot! Es ist unglaublich? Und was wird nun? Wer soll an seine Stelle treten?"

Im Arbeitszimmer des Prokuristen aber sind die Herren von der Direktton derJohn Perkins Comp." versammelt, der Generalstab dieser kleinen Stadt in der Stadt", die über fünftausend Men­schen Brot gibt, die ihre Webwaren in alle Welt­teile versendet, die in Tiburry an der Themse eigene Hafenanlagen besitzt und eine Flotte von vierundzwanzig Schiffen dazu.

Gardens, der alte Prokurist des Hauses, der sich des besonderen Vertrauens des Toten erfreute, hat die Herren zu sich gebeten.

©entfernen", beginnt er nach einer kurzen Pause, Sir John Perkins ist tot. Sie wissen es. Seine sterblichen Ueberrefte befinden sich auf dem Wege in die Stadt."

Nun muß er sich räuspern und die Brille putzen. Er hat sich sehr stark gemacht, aber es hilft nichts. Wer wie er durch lange Jahre Tag für Tag neben einem Manne steht, den er liebt und verehrt, und eines Tages ins Leere schauen muß der findet sich so schnell nicht darein.

Es wagt auch niemand über die Schwäche des Alten zu lächeln. Man refpeftiert seine Fassungs- losigkeit und schaut ernst und selbst ein wenig an» gerührt vom Schmerz dieses alten Mannes zu Bo­den.

Meine Herren", fährt er endlich fort,Sir John hat mir vor mehr als sechs Jcchren einmal gesagt,

daß in seinem Schreibttsche ein Brief läge, der von der Hand des jeweiligen Prokuristen in Ihrer Gegenwart geöffnet werden sollte. Ich habe damals gelacht, und unser verehrter Chef auch. Wir haben es wohl beide nicht für möglich gehalten ... ich jedenfalls habe nie geglaubt, daß ich einmal in die Lage kommen würde, mich dieser Worte zu erin­nern, denn ich bin ein alter Mann und der Chef war jung im Vergleich zu mir.

Nun hat es das Schicksal doch anders gewollt. Ich möchte Sie also bitten, Zeuge zu fein, wie ich den Brief in Ihrer Gegenwart öffne. Bitte, Direk­tor Drummond, wollen Sie das Siegel prüfen? ... Danke!"

Gardens öffnet den schmalen gelben Umschlag, auf dem mit den steilen Buchstaben des Toten, die jeder dieser Männer so gut kennt, deutlich zu lesen ist: Im Falle meines Todes vom Prokuristen zu öff­nen!"

Bitte, Herr Direktor! Lesen Sie! Ich kann's ... mit meinen Augen nicht so recht."

Die ernsten, verschlossenen Gesichter der Abtei­lungsleiter, Direktoren, Werkführer und Chef-Jnge- nieure des Werkes werden wach und aufmerksam. Obwohl sich jeder von ihnen hütet, dem andern einen Blick in sein Herz, in seine Gedanken zu er­lauben was ihr verstorbener Herr ihnen zu sagen hat, das reißt doch manchem von ihnen die Maske kühler Beherrschtheit vom Gesicht.

Seine letzte Anordnung ist knapp und klar, wie alles, was der Chef dachte, schrieb oder mündlich kundtat.

Wenn ich sterben sollte, geht der Betrieb unverändert weiter. Die Leitung übernimmt in­zwischen der jeweilige Prokurist, jeder Abtei­lungsleiter haftet für sein Arbeitsgebiet.

Don meinem Ableben sind sofort folgende Per­sonen zu benachrichttgen:

Mrs. Vivian Holgerson, geb. Perkins, Brent­ford,

Claire Perkins, London-Tottenham,

sowie mein Bruder William Perkins in Firma Perkins & Co., Stockholm.

Er soll mich nach Maßgabe meines Testa­ments bis zur endgültigen Losung ersetzen."

In dieser Atempause, die der Dorlesende macht, sehen sich einzelne Herren verwundert an: Ein Bru­der? In Stockholm? Nie hat jemand gewußt, daß Sir John einen Brüder hat. Es war wirklich eine Ueberraschung, davon zu hören.

Ich will nicht in meinem Hause, sondern im Werk aufgebahrt werden. Von irgendwelchen Kundgebungen ist abzusehen.

Die Nachrichten von meinem Ableben sind auf das geringste Maß zu beschränken, um jede wirtschaftliche Ausnutzung des Interregnums durch die übrige Industrie nach Möglichkeit zu unterbinden.

John Perkins."

Der Leser hält inne.

Es folgen Ort und Datum", fetzt er still hinzu und reicht dem Prokuristen das Blatt zurück.

,Lch danke JhnenL" sagt der.Sie hoben gehört, was Sir John uns mitzuteilen hatte. Ich werde also tun, was er wünscht, und bitte Sie, in ihrem Geschäftskreis das gleiche zu bewirken... Entschul­digen Sie mich, meine Herren!"

Er wendet sich kurz und dreht den Anwesenden den Rücken.

Sie sehen alle: mit der mühsam bewahrten Fas­sung des Alten ist es endgültig vorbei.

Als sich Prokurist Gardens "mwendet, ist er allein.

Von der Fensterbank sieht ihn das Bild Sir John Perkins an: ein großer Mann mit energischem Kinn und klugen Augen.

Das war er.

3.

Ein Mann von Rang und Stand.

Die Fahnen wehen halbmast. Alle Räder stehen still. Der Lärm schweigt, der sonst brandend das Werk durchtost. Die Schlote rauchen nicht. Heute geleitet man den Mann zu Grabe, desien Kraft dieses Werk trug, dessen Name seine Erzeugnisse in aller Welt berühmt gemacht hat: John Perkins. In der weiten Empfangshalle des Bürogebäudes ist es wie ausgeftorben. Wer vorübergeht, bemüht sich, kein Geräusch zu verursachen, denn gerade über diesem Raum liegt der weite Sitzungssaal und dort schläft er seinen langen Schlaf, er, dem diese Be- hutsamkeit gilt.

Still liegt er da, auf weißen Kissen prächtig auf« gebahrt, umgeben von vielen, vielen Blumen, um­rahmt von Oleander und Lorbeerbäumen.

Die mächtige Stirn hat der Tod mit kühler Schönheit gefrönt, schmal und scharf liegen die Lippen auseinander, eines Messers Schmtt. Es scheint, als denke der Tote noch immer angestrengt nach. P

Doch der Mund bleibt stumm. Ein anderer hat gesprochen, ein höherer hat dem rastlosen Fle-.ß Halt!" geboten.

Das Angesicht des Toten blieb unverletzt, den armen zerschmetterten. Körper hat man mitleidig in Blumen gehüllt.

Langsam füllt sich der große Raum. Wo sonst über die Geschicke des Werkes verhandelt wurde, wo in langen Redeschlachten so manche wichtige Frage geklärt und durch sein Wort entschieden wurde, schweigt nun alles und nimmt in ehrte r- Stetiger Behutsamkeit letzten Abschied.

Würdige, schwarzgekleidete Männer kommen, Uniformen sieht man blitzen, ein stummes Neigen der Köpfe, die Stuhlreihen beginnen sich zu füllen. Was Namen und Rang hat, ist heute morgen hter in diesem Raum versammelt: der Bürgermeister, die Vertreter der Industrie, der Danken.

Um den Sarg stellt sich die Abordnung der Ar- bester auf. Die Männer, deren Fäuste ihm im Leben halsen, sollen ihm den letzten Dienst crmetfen und ihn die Stufen hinabtragen zur letzten Fahrt.

Es ist zehn Uhr. Um diese Zeit soll die Feier eigentlich beginnen, und der Propagandachef, zu dessen Pflichten nun auch die Ausgestaltung und der Verlauf dieser schweren Stunde gehört, sieht bereits besorgt nach der Uhr.

Die Damen haben doch ihre Ankunft gemeldet?" vergewissert er sich noch einmal, und Dr. Hellmers, der Mann, dem nun die zentrale Führung der Werke neben dem Prokuristen obliegen wird, neigt zustimmend und beruhigend den Kopf.

Nur keine Unruhe! Da kommen sie schon!"

Er wendet sich den beiden Männern und zwei ttefverschleierten Damen zu, die nun in den ge­öffneten Flügeltüren erscheinen. Er verbeugt sich, nennt seinen Namen und führt die Damen zu ihren Plätzen.

Ein Blick zum Pfarrer, der schon bereit steht* der Männerchor und die Werkkapelle setzen ein.

Die Feier nimmt ihren Anfang.

Hellmers hat auf einem der Stühle Platz ge­nommen, die im Rücken des Geistlichen aufgefteHt finb. Don hier aus kann er das Ganze gut über­sehen. Das sind also die einzigen Verwandten dteses Mannes, dem er alles verdankt: fein ganzes Leben, feine Arbeit, feinen Erfolg. Zwei Tochter, ein Schwiegersohn, ein Bruder, den nie jemand gesehen hat.

Der Mann aber, dem diese Feierstunde gN schläft nun dort den ewigen Schlummer.

Dor wenigen Tagen noch ging er umher, frO und voller Arbeitskraft, sein Blick hielt das Ganze zusammen, feine Stimme, knurrend und ein wen'g verrostet, gab wie immer Anordnungen, die voller Klarheit und Zielsicherheit waren. Kein Gedanke daran, daß dieser Mund plötzlich verstummen konnte, kein Gedanke an Tod und Sterben.. -

Nie war Sir John Perkins krank. Und doch hat ihn der Unerbittliche abberufen, unerwartet, un­vorbereitet.

Don jenem Wochenendausftug in die geliebten Berge brachte man ihn al? Toten zurück.

Die Rede des Geistlichen beginnt Er erzählt von Sir Jcchn, von seinem Leben und Schaffen- Und die Totenrede wird zu einem lebendigen Re­chenschaftsbericht tätigen Lebens eines Lebens, das Kampf war, erbitterter harter Kampf.

Ich habe das Glück gehabt, den Toten zu kennen, als er noch einer von den Millionen war, die den Feldherrnstab im Tornister trugen, unbekannt, UN' genannt. Ich war ein junger Mensch wie er, f«!1 drei Jahrzehnte lang sind wir in dieser Stadt ge­meinsam durchs Leben geschritten.

(Fortsetzung folgt)