Ausgabe 
9.8.1939
 
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Nr. 184 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwochs. August 1939

Aus der Stadt Gießen.

Der erste Zwetschenkuchen.

Wer ein bißchen vom Obstbau versteht, verwech­selt niemals eine Zwetsche mit einer Pflaume. Gar manchem Stadtbewohner ist freilich alles, was vom Obst blau aussieht, eine Pflaume. Die Hausfrauen aber, die das Obst auf den Kuchen verwerten wissen schon, was eine Zwetsche ist. Aber jetzt im August? Jawohl. Deutschem Züchterfleiß ist es gelungen, Frühzwetschen heranzuziehen, die in diesen Tagen voll reif sind. Sie haben die länglich schöne Form der Hcruszwetsche, werden aber noch dicker, das Fleisch ist fest und goldgelb, der Stein löst sich leicht, und es ist eine Lust, sie zu ernten sechs Wochen vor der Hauszwetsche!

Nach dem vorigen obstarmen Jahre hat die ge­samte Familie in der letzten Zeit Ausschau gehalten nach dem Buschbäumchen, das ganz hinten im Gar­ten steht. Es sind Frühzwetschen, sie führen den Namen .Lützelsachsen". Ich habe den Baum vor einigen Jahren gepflanzt, da ich in der ersten Augusthälfte meinen Geburtstag habe und weil ich Zwetschenkuchen gern esse. Die andern aber auch. Daher die ständige Nachschau. Wenn's den Kindern nachgegangen wäre, hätten wir schon Ende Juli mit dem Ernten begonnen. Da färbten sich die Früchte nämlich gerade blau.

Aber nun sind sie schön reif. Wir brauchen keine hohe Leiter, nur einen Stuhl. Schnell ist das Körb­chen gefüllt. Wie die Augen der Kinder leuchten! Sie erhalten die dicksten zum Essen. Was sie vor­her schon aus Neugier abgepflückt haben, will ich nicht wissen. Kinder sind nun einmal so.

Auch die Hausfrau lachte, als ich die Zwetfchen brachte. Morgen zum Geburtstag gibt's Zwetfchen- ckuchen, sagte sie. Das größte Kuchenblech wurde ge­holt, und dann wurde entsteint! Die glänzenden Augen der Kinder, die Freude der Hausfrau und «das andächtige Versunkensein des Hausherrn in we­ssen noch gar nicht gebackenen Zwetschenkuchen, das war wirklich sehenswert. Dann kam er zum Bäcker.

Zum Nachmittagskaffee wurde er versucht, und «ille, alle aßen. Er war köstlich. Eine Stille herrschte Mm Kaffeetisch wie in der Kirche. Und immer roie- töer holte sich wer ein Stück vom Teller ...

Das Gefühl, etwas ganz Köstliches zu besitzen, ließ die Kuchenesser in Andacht erstarren, und auch «das Bewußtsein, daß es der erste Zwetschenkuchen nst, trug mit dazu, bei, die Genußfreudigkeit zu er­höhen. Froh bewegt griffen wir zum ersten Stück ...

Dann kam Besuch ... Am .Abend war unser schöner Zwetschenkuchen nicht mehr. Das Haus Hatte eine Kostbarkeit weniger..

Der erste Zwetschenkuchen! Ist das nicht ein ^säuberwort, das auch die finstersten Gesichter er» Hellen kann? Große und Kleine, Alte und Junge, Db auf dem Lande, oder in der Stadt: Alle sind derselben Meinung, daß Zwetschenkuchen etwas wundervolles ist! Wie leuchten die Augen, wenn der erfte auf dem Tisch erscheint.

Und nun war er da! Aber unsere Bäume sorgen «euer dafür, daß er viele Nachfolger haben kann.

h.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Gloria - Palast (Seltersweg):Hallo, Janine!"

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Vorberettungskurfus für das Reichssportabzeichen.

Samstag 12. August, 16.30 Uhr, Beginn eines Vvr- nereitungskurses für das Reichssportabzeichen der MSG.Kraft durch Freude" auf dem Universitäts- Iportplatz. Dauer: 5 Doppelstunden. Teilnehmer- Mbühr: 2, RM. mit Jahressportkarte. Inter­essenten wollen sich bitte sofort auf der Geschäftsstelle, seltersroeg 60, in die dort aufliegende Liste ein- rragen.'5423V

VHE.-Mrkienmgslasel am Vahnhofö-Borplatz.

Der B HC.-Zweig­verein Gießen, der ein Wegenetz von 500 Kilometer Länge mar­kiert und damit zu den schönsten Punkten unse­rer Heimat führt, hat, wie wir bereits vor eini­ger Zeit berichten konn­ten, eine große Tafel un­fertigen lassen, auf der sämtliche Markierungen verzeichnet sind. Die Ta­fel, die in überaus sorg­fältiger handwerklicher Weise ausgeführt wurde, ist nunmehr am Bahn- hofsplatz, und zwar un­weit der Treppe zur Friedrichstraße, ange­bracht worden. Die Tafel gibt rasche Auskunft über die Wonderwege der nä­heren und weiteren Uni« gebung der Stadt Gießen.

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ßeiber ist es wiederholt vorgekommen, daß drau­ßen in Wald und Feld die Wegezeichen, die immer­hin erhebliche Opfer an Zeit und Mühe kosten, auf mutroillige Weise zerstört worden sind. Daß solche Missetäter wegen Sachbeschädigung gegen

das Gesetz verstoßen und gerichtlich belangt werden können, ist ihnen anscheinend noch nicht zum Be­wußtsein gekommen. Die dringende Bitte um Scho­nung der Markierungen dürfte daher am Platze fein. (Aufnahme: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Das Gesetz gab Urlaub - die HZ. gestaltet ihn.

10 Tage Lager im Rödelbachtal.

NSG. Die Gebietsführung Hessen-Nassau und die Gaujugendwaltung führen in diesem Jahr zum erstenmal Zeltlager durch, an denen auch Jugendliche teilnehmen können, die der HI. nicht angehören. Das erste Lager, an dem 170 Jungen aus verschiedenen Krei­sen sich beteiligen, findet zur Zeit im W ö = delbachta 4 bei Bad Schwalbach im Tau­nus statt.

Die schönste Erholung und Urlaubsgestaltung ist für einen rechten Jungen immer das Zeltlager, an das sich in späteren Jahren die Fahrt in nahe oder ferne Gebiete anschließt. Das Zeltlager ist heute der Ausdruck der neuen, kraftvollen Lebenshaltung un­serer deutschen Jugend. In der Gemeinschaft gleich­altriger Kameraden verbringt sie ihren Urlaub, der durch das neue deutsche Jugendschutzgesetz bei dem Besuch eines HI.-Lagers auf 18 Tage festgesetzt ist. Im Lager, das der weltanschaulichen Erziehung und körperlichen Ertüchtigung dient, kommt die Gemeinschaftserziehung am klarsten und besten zum Ausdruck. Im Lager ist jeder auf sich selbst ge­stellt. Im Rahmen seiner Zeltgemeinschaft muß er sich in den straffen Lagerbetrieb einordnen. Bei Sport und Spiel wird sein Körper gestählt, daß er nach Beendigung des Urlaubs seine Arbeit mit neuer Kraft aufnehmen kann.

Zu den unschätzbaren erzieherischen Werten eines Lagerlebens kommt die staatspolitische Erziehung und weltanschauliche Ausrichtung, die der Führer in dem Gesetz vom 1. Dezember 1936 der HI. für die gesamte deutsche Jugend übertragen hat. Auf diese richtige Urlaubsgestaltung wird im Jugend- schutzgesetz ebenso großer Wert' gelegt, wie dadurch die Erziehungsarbeit der HI. ihre Anerkennung erfahren hat.

Die Urlaubs- und Freizeitmaßnahmen geben der HI. die Möalichkeit, einmal im Jahr ihre Jungen und Mädel für längere Zeit zusammenzufassen.'

Weil sich der Auftrag des Führers, die deutsche Jugend staatspolitisch zu erstehen, auf die ge­

samte Jugend erstreckt, wird nun auch den Jungen, die außerhalb der HI. stehen, die Möglichkeit geboten, an den Lagern der HI. teilzunehmen, da allein die Freizeitmahnahmen der Hitler-Jugend die Jugenderziehung im na­tionalsozialistischen Geiste gewährleisten.

Aus dem Recht des Jugendlichen auf den Urlaub, dessen gesetzliche Regelung ein Kernstück des Ju­gendschutzgesetzes darstellt, erwächst ihm die Pflicht, seinen Urlaub auch sinnvoll zu gestalten.

Wenn das Gebiet Hessen-Nassau und die Gau­jugendwaltung nun zum erstenmal Zeltlager durch­führen, in denen die Nichtorganisierten Jugendlichen in Gemeinschaft mit den HI.-Angehörigen ihren Urlaub verbringen können, so eröffnen sie damit allen Jugendlichen die Möglichkeit, ihren Urlaub in der vom Jugendschutzgesetz angeführten Weise sinnvoll zu verbringen. Die Jungen, die im Zelt­lager im Rödelbachtal bei Bad Schwalbach zusam­mengefaßt sind, verleben hier zunächst 10 frohe Lagertage, dann bleiben immer noch acht Tage für ihre ganz persönlichen Urlaubswünsche. Das Zeltlager Rödelbachtal liegt nicht nur in einer schönen Gegend unseres Gaues, sondern es ist auch .gut eingerichtet. Ein flotter, abwechslungsreicher Dienstbetrieb und Vorträge von führenden Män­nern unseres Gaues sorgen dafür, daß jeder aus dem Lager, das unter der Leitung bewährter HJ.- Führer steht, gesund und tüchtig mit neuer Spann­kraft an seine Berufsarbeit geht.

Postorte für die Egerfahrt des Bannes und Zungdannes 116.

Die Postorte für die Teilnehmer der Egerfahrt des Bannes und Jungbannes 116 Wetterau find bis zum 10. 8. (also nicht bis zum 11. 8.) Saals^ld und bis zum 12. 8. Eisenach. Die Post ist unter folgender Anschrift zu senden: Oberfähnleinführer K. H. Moos, zur Zeit (Postort angeben), Haupt­postlagernd, für Jgg. (Name).

Die DentWe d MellssM

Achtung! Achtung!

Reue Beitragsmarken zur Deutschen Arbeitsfront ab 1. Oktober 1939.

hierdurch machen wir unsere Mitglieder darauf aufmerksam, dah die Deutsche Arbeitsfront am 1. Oktober 1939 neue Beitragsmarken einführt. Eventuelle Rückstände müssen bis spätestens 30. Sep­tember 1939, auch wenn gestundet, ausgeholt sein, da am 1. Oktober 1939 die seitherigen Marken un­gültig werden.

Sämtliche Ortswallungen der Deutschen Arbeits­front und alle Betriebe mit Betriebskassierung wollen dementsprechend eine Ueberprüfung sämt­licher Mitgliedsbücher vornehmen, damit keine Rück­stände vorhanden sind und dadurch den Volks­genossen der Anspruch auf die Leistungseinrichtung nicht verloren geht.

Wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß bei Beitragsrückständen von zwei Monaten der Anspruch auf jegliche Unterstützung verfällt.

Die Deutsche Arbeitsfront üreiswaltung Welterau

Abt.: Verwaltungsstelle 24 5054D Gießen, Schanzenslrahe 18.

Anschluß des Flug- und LustschiffhafenS Rhein-Main an die Reichsautobahn.

NSG. Der große Verkehr vom und zum Flug« und Luftschiffhafen Rhein-Main erfährt eine be­deutende Verbesserung, die vor allem von den Ver­kehrsteilnehmern begrüßt werden wird, die aus der weiteren Umgebung zum Flughafen wollen.

Leiden (Sie unter Nervosität

und den damit zusammenhängenden Beschwerden wie: Schlaflosigkeit, nervösen Herz- und Magen- beschiverden, Herzklopfen oder nervösem Kopfweh - Dann machen Sie doch einmal einen Versuch mit Klosterfrau - Melissengeist, der eine überaus nute Wirkung auf Verdauung und Ncrvensnstem ausubt! Trinken Sie 2-3mal täglich einen Teelöffel Kloster­frau-Melissengeist mit einem Eßlöffel Wasser ver­dünnt. Bei regelmäßiger Anwendung werden Sie meist bald eine ivobltuende Wirkung feststellen.

Besorgen Sie sich noch beute den ecbttn Kloster­frau-Melissengeist in der blauen Packung mit den 3 Nonnen, den Ihr Apotbeker oder Drogist in Maschen zu NM. 0.90, 1.65 und 2.80 (Inhalt: 25, 50 und 100 ccm) vorrätig hält. »422V

Nachdem der Flug- und Luftschiffhafen bisher nur auf gewöhnlichen Verkehrsstraßen zu erreichen war, ist er nunmehr auch an die Reichsautobahn Frank­furt a. M.Darmstadt angeschlossen worden. Nach beiden Richtungen ist die Ab- und Zufahrt möglich. Die doppelseitige Anschlußstelle der Reichsautobahn bei Kilometer 501, früher 2,1 an den Flug- und Luftschiffhafen Rhein-Main wird am Donnerstag, 10. August, dem Verkehr freigegeben.

Kinderbrandstistungen müssen aufhören

In einem Erlaß an die Unterrichtsverwaltungen der Länder ordnet der Reichserziehungsminister an, daß die Aufklärungsaktion der Reichsarbeitsgemein- fchaft SchadenoerhütungSchützt die deutsche Ernte vor Brandgefahr" im Unterricht in geeigneter Weise zu unterstützen ist. Der Minister hebt hervor, daß die erforderliche Aufklärung über den Umfang der Erntebrandschäden und ihre Bedeutung für die Sicherstellung der Ernährung des deutschen Volkes nur von Erfolg sein wird, wenn sie im Hinblick auf die große Zahl der Kinderbrandstiftungen, ins­besondere bei den Kindern der unteren Jahrgänge, die auf den Spieltrieb zurückgehen von einer dem Alter der Kinder entsprechenden starken erziel)* lichen Einwirkung begleitet ist.

Wiegenlied der Welt.

Von K. ö. Bühner.

Mitten in der Nacht schlug ich die Augen auf: nn das eine offene Fenster spannte sich der tiefblaue Himmel, der mit klar und ruhig leuchtenden Ster­nen übersät mar; im andern stand einsam in Her schweigenden Nacht die scharfe, kupferfarbene Sichel !ses zunehmenden Mondes, die die Strahlenbündel teer Sterne von der ewigen Wiese mäht ...

Ich mußte mich besinnen, wo ich mich eigentlich kesand; es dauerte eine Weile, bis ich den Meridian sn eines nächtlichen Lagers wieder bestimmt hatte, da: mehr als tausend Meter über dem Meeres- Riegel war ich im Hochschwarzwald und streckte mich im groben Bett eines freundlich aussehenden Wirtshauses, das abseits der großen Wanderstra- fa?n auf Gaste wartet. Es führt zwar eine Krone tu Schild, aber der Volksmund gab ihm den frosti- t°-n NamenZur kalten Herberge" in der Erinne­rung an eine Sage, die von einem alten Bettler «-zählt, der hier oben mitten im Sommer am ge- h'iZten Ofen erfroren sei. Mag dies zunächst wie Übertreibung klingen: die Bilder und Zeich- rungen an den hölzernen Wänden der geräumigen TÜrtsstube bestätigen die sprichwörtliche Rauheit der C'xgenb: von einem tief verschneiten, weglpsen Ge- lllnde ober einem furchtbaren verheerenden Lawi­nensturz geben sie Bericht, ber vor zwei Menschen­ackern in ben nahen tiefen Tälern nieberging.

I lEin kühler Wind fächelt über mich hin eine hcirzig buftenbe Wolke aus dem nahen Wald, dessen Inwarze, zackige durchbrochene Wipfelsilhouette ich idien kann, wenn ich mich im Bett aufrichte. Wald, d.irch ben ich schon tagelang wanberte, meist auf h'henwegen, an deren Säumen ich die stahlblauen hiibelbeeren von hohen Stauben pflückte Hände 01:11 schmackhafter Früchte, die den Gaumen kühlten.

sehe mich wieder in bem klaren, frischen, schwatz- c "ten Bächlein haben: ich habe roieber- ben erschreck­te'. Laut im Ohr, den eine fette Rehgeiß ausstieß, rl-> ich sie achtlos von ihrer Mittagsrast am son- ii: en Rain aufscheuchte. Ihr braunes, glattes Fell (f mmerte wie Samt im Licht bei ihrer Flucht hrdjs hohe Gras, und gleich darauf hüpfte auch ir prächtiger Hase aus der Wiese, wählerisch noch r Sprung, beit Hochwald hinauf, daß, der Sand ru~ so hinter ihm stäubte.

Äeläut blecherner Schellen weckte mich wieder... -£ trat ans Fenster: der Himmel strahlte; eben äl'b der Hirtenbub, barfuß, ben bunkelgebrannten rt'ohhut schon auf bem Kopf, mächtig bie Peitsche Zwingend und knallenb, die Kühe und die paar

Schafe auf die Weide. Als dann die Sonne Hinterm Wald hervorkam, war es im ganzen Haus schon lebendig. Der Bauer ging mit der Schar der Knechte und Mägbe zur Mahb bes späten Heus, unb bie ersten Gäste, die unter bem riesigen Dach über­nachteten, zogen roieber die Fahrstraße hinauf, am Saum bes Waldes hin.

In der Schenke saß bereits der erste Zecher beim schäumenden Bier. Nach dem Frühstück suchte ich mir einen schattigen Platz im Grünen, an einer umbuschten Halbe, bie mir Aussicht auf bie frucht­bare Mulbe bes Tälchens bot. Ein Bächlein sickerte bie Wiesen hinab. Aecker schwangen sich zur Höhe des Hochwalbes auf, der den Horizont ringsum abschloß wie eine dunkle Mauer gegen das Unenb- liche. Erwachter Winb stürzte vom Walb brüben mitten in bie ewig unruhigen Kornfelber hinein, schaukelte auf den hohen fetten Halmen hin bis ans andere Ende des Ackers, ftürmte den kleinen Hügel herauf, feine wilde Stimme mischte sich mit ben zarten Geräuschen der bewegten Gräser unb Blu­men. Die kleinen Heuschrecken hörten, vor Angst vielleicht, zu zirpen auf. Ein Habicht zog unsichtbar über mir, ich hörte nur seinen kurzen, erzürnten Ruf ...

So singt die Natur ihr tägliches Wiegenlieb, balb leiser, balb lauter ... vom Morgen bis in ben Abenb hinein unb roieber zum Morgen. Dazwischen surrt einmal ein großes Flugzeug herauf unb zieht feine vergängliche silberne Spur über bie Einsam­keit ber Berge und Wälber.

Es wirb Mittag, es wird Abend; der Schatten der beiden gegabelten Tannen vor mir ist jetzt fast ganz um mich herumgewandert. Der rosige Tag er­bleicht vor der kühlen Nacht, die schon hinter dem Tannengitter droben lauert. Noch eine Weile dürfen die Kühe am Rain grafen, dann kehrSn fie träge unb brüllend in bie warmen Ställe heim. Em Pferbegespann führt bas gebörrte Futter in bie Scheunen, bie Knechte folgen ihm zu Fuß ober auf bem Rab, benn bie Wiesen liegen wie in einer anbern Welt, ein gut Stück Hinterm Walb, wo man bie jährlich gefällten Bäume zersägt unb ben Hoben robet. Ja, es ist eine mühsame Arbeit, so ein Stück Walb urbar zu machen. Jahre ziehen ins Lanb, bis ber erste Pflug bie steinige Erde schürfen kann unb bas erste Korn auf nieberem Halm geerntet wirb...

Die Schwalben, bie fich tagsüber in ferne hohe Himmel zerstreuten, kehren abenbs zurück. Noch ein­mal kreisen sie wie zum Abschied in feierlichen gleichsam beschwörenden Kurven ums Haus, setzen sich erst noch eine Weile auf des Daches First, die Paare eng beieinanber. Schließlich fliegen fie in ihre Nester unterm Dach ober durch bie Lücke im Scheunentor

Das paar auf dem Wasser.

Von Hermann Linden.

Schon hat bic Glocke geläutet, und noch liegt bas Schiff wie schlafend im Wasser. Der Steuer­mann hockt unbeweglich, raucht sein Pfeifchen und starrt auf die Planken, die übrige Besatzung sitzt auf ben Eisenstangen bes Ufergelänbers unb pen- belt schweigenb mit ben Beinen, zuweilen kratzt sich einer am Kopfe, wozu er bie Lebermütze ab» nehmen muß. Ein Dampfer ist keine Eisenbahn, benke ich, als bie Glocke zum zweitenmal läutet. Wozu läutet sie überhaupt, wenn ihr Tönen von niemanbem ernst genommen, ja fast kaum beachtet wirb? Die fahrplanmäßige Abfahrtszeit ist schon eine ganze Viertelstunbe überschritten.

Jetzt geschieht etwas: ein Herr kommt zum ßan- bungssteg gerannt.Warten Sie bitte noch einige Sekunben", sagt er zu ben Schiffern, bie sich bei seiner Anrebe keineswegs von ihren harten Sitzen erheben,es kommt gleich noch eine Dame, sie ißt gerabe noch brüben im Restaurant einen jungen Hahn, bas geht nicht so schnell."

So, so", sagt einer ber beiben Schiffer,ist sie hübsch, bie Dame?"

Sie werben sehen", erroibert ber Herr als hoffe er mit biesen Worten, bie ebenso unverbinblich wie verheißungsvoll waren, bie ßeute zu einer Verzö­gerung zu bewegen.

Es geht nicht mehr", sagt ber zweite Schiffer bazwischen,wir müssen fort, bas Schiff nach Sch. muß gleich hier anlegen!"

Das tut nichts zur Sache", sagt jetzt ber erste Schiffer, ber wahrscheinlich schöne Damen gerne sieht,wir fahren ab, halten aber noch einmal an ber nächsten ßanbungsfteüe, bis bahin wird bie Dame wohl fertig sein mit ihrem Hahn!"

Gewiß, gewiß", ruft ber Herr unb springt hin­über zum Restaurant.

Der Steuermann legt die Pfeife aus bem Munb, bie Schiffer hüpfen von ben Eisenstangen, knirschenb setzen sich bie Räber bes Dampfers in Bewegung. Dann roieber Ruhe, Stille, Warten.

Wie zum Zeitvertreib läutet roieber einmal bie Glocke. Jetzt kommt das Pärchen, es beeilt sich nicht einmal.

Aha", sagt der erste Schiffer, als er sie sieht; ber Ton biefes Aha zeigt Zusriebenheit und Beifall.

Jetzt fahr' schon endlich mal los", poltert sein Kamerad.

Mit feinen fünf Passagieren fährt der Dampfer ab. Die Dame sucht sich einen Platz auf der Bank, ben besten für die Augen. Sie probiert mehrere

Plätze unb gerät in bie Nähe der beiben Herren, bie an ber Bugspitze sitzen.Noch ein bißchen näher", ruft der eine unb lacht, ohne Beachtung zu finben. Jetzt hat sie ben Platz gefunben, aus bem sie sitzen bleiben wirb. Sie legt ihre langen, schlan­ken Beine aus die Bank. Ihr Begleiter sitzt hinter ihr, sie kann ihn nicht sehen, aber sie kann ihren Rücken roiber ihn anlehnen. Das tut sie auch.

Das Schiff fährt ziemlich schnell über ben Fluß,, viel zu schnell für bie schöne Uferlanbschaft. Es ist Dämmerung. Kanus mit Menschen in Schwimm- anzügen tanzen unzählig auf bem Wasser, ßichter glühen auf, in Fenstern, auf Kais und zwischen Jnselbäumen, der Wind ist weich und warm, wie eine berührende Hand.

Das ist eine Stimmung, in der ich zärtlich wer­ben kann", sagt bie Dame. In biesen Minuten begreife ich bas Glück bes Malenkönnens, ben Rausch, Schönheit in Farben für die Ewigkeit fest­zuhalten. Dieses Paar, das da brüben sitzt, ist ein ungemaltes Renoir. Welche Seligkeit muß es sein, ein solches Paar so festhalten zu können, in feinen Farben, in seinem Glück. Rote, lange Haare hat bas Mäbchen. Der Mann, der bei ihm sitzen darf, ist weder jung noch schön, aber er ist einer jener Männer, die etwas von Schönheit verstehen. Er hat schmale, leichtgebräunte Hände; wenn er mit einer dieser Hänbe über bas Haar bes Mäbchens streichelt, als fei jebes einzelne Haar ein Wunber ber Natur, so ist es verstänblich. baß bas Mäbchen sich bichter an diesen Mann drückt, daß es seinen Kopf trotz ber unbequemen Bewegung hebt und ihn anlächelt. Jedesmal wenn sie ihn anlächelt, bin ich, der fremde Zuschauer, gewiß ebenso entzückt wie ber Mann, bem bas ßächeln gilt; denn in biesen Augenblicken ist der ganze Glanz, den ein glück­liches, schönes Mädchen haben kann, in diesem Ge­sicht ausgebreitet.

Herrgott, warum kann man nicht malen, wenn man möchte: diese großen Augen, diese schräg- gestellten großen Augen mit ihren graugrünen Pupillen, diese weißen, blitzenden Zähne, biefer rote, jugenblich blühenbe, schön gewölbte Munb, biefes bunkle, kupferrote Haar unb bas zarte Gesicht bes Mannes bahinter, dessen Augen eine große Hornbrille verschleiern diesen violetten Abend­himmel hinter den beiden Menschen, die Kanus die Pappeln, die ßampen... dieses Bild bes Erle­bens, der Schönheit und des Glückes möchte ich malen in feiner Herrlichkeit und es ausstellen in ber Öffentlichkeit, in ben ßäben ber Zeit, wo es sich als Zeugnis blühend erheben könnte, damit man sieht, daß es ewig etwas gibt, das unzerstör­bar und unvergeßlich bleibk Glück der Liebel