Nr. 132 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
greitag, 9. Zuni 1939
Aus der Stadt Gießen.
Am Strom der Zeit.
„Alles fließt" verkündete schon vor mehr als 2000 Jahren Heraklit, und auch wir sprechen vom Strom der Zeit, vom Strom der Geschichte. Dieser Vergleich sollte mir zum Erlebnis werden, und das geschah so:
Wir hatten uns zu einem Spaziergang an den lieblichen Usern der Lahn aufgemacht und erfreuten uns aufgeschlossenen Herzens am Grün der Wiesen, am Blau des Himmels, am Gold der Sonne, und nicht zuletzt an den Pärchen, die der Juni dort hingeführt hatte. Das Hübscheste von ihnen, dessen unbefangenes Liebesspiel wir ohne Diskretion mit lächelndem Vergnügen beobachteten, schwamm auf dem Flusse. Ein'Wildentenpaar, das Lenz und Jugend genoß, sich trennte, vereinte, lockte, haschte, und mit seinen Schwimmkünsten ganz reizend kokettierte. Hatten sie bis dahin den blanken Wasserspiegel ganz für sich gehabt, schwamm plötzlich ein Neues auf sie zu — ein großes weißes Blatt Papier. Neugierig steuerten sie ihm entgegen, doch schon folgten Blätter auf Blätter, bis das junge Pcxrr sich sörmlich umringt fühlte. In der Liebe will aber jeder das Feld für sich haben. So stieß das Männchen einen hellen Schrei aus, der deutlich wie „Komm!" klang, und dann entfalteten beide die -Flügel, um auf- und davonzufliegen und im neuen Sport ihr lockendes Spiel fortzusetzen. Wir aber betrachteten erstaunt die gleichartigen Blätter, die nun gelassen eins nach dem andern, an uns vorüberschwammen: Blätter eines großen Abreißkalenders. Gerade trieb der 28. April an uns vorbei. „Tag der Führerrede", sagten wir laut. Doch schon waren wir beim 12. April angelangt. „Besinnst du dich noch? Da zeigte dein Thermometer 38 Grad in der Sonne? Ich habe mir das Datum extra gemerkt.: 9. April. Ostern zieht vorbei, und es naht der 22. März. „Da wurde Memel wieder unser", triumphiert meine Begleiterin, und ich erinnere mich am 19. März lächelnd, daß ich da den ersten Buchfink schlagen hörte. 15. März. „War da nicht? Was war da doch? Hurra, ich hab's: Einmarsch in die Tschccho-Slowakei!" „Richtig. Und in diesen Tagen war es, daß Spanien endgültig von dem roten Terror befreit und Franco Herr des Landes wurde."
Schweigend blickten wir auf die Kalenderblätter, die nun mehr in zusammengeklebten Päckchen auf dem Fluß dahintrieben. Nur der 18. Januar schwamm allein, dicht am Ufer dahin. „Gerade dein Geburtstag", neckte meine Begleiterin, „natürlich so ein wichtiger Tag." „Ja, und zugleich der Geburtstag des Deutschen Reiches", setzte ich stolz hinzu, und dann starrten wir den Tagen dieses Jahres nach, die mit dem 1. Januar ihren Abschluß fan-den.
Vier Monate persönlichen Erlebens, vier Monate Weltgeschichte, dahingleitend mit dem Strom, weiter und mei/cr, in blaue Ferne und unbekannte Zukunft. Ein Goethescher Vers kam mir in den Sinn:
„Wenn im Unendlichen dasselbe Sich wiederholend ewig fließt, Das tausendfältige Gewölbe Sich kräftig aneinanderschließt, Strömt Lebenslust aus allen Dingen ..." „Jetzt möchte ich nur eins wissen", unterbrach eine junge Stimme in lebhafter Fratze meine dichterische Verträumtheit, „wer hat warum bis heute seinen Kalender nicht täglich abgerissen, und was bewog ihn wohl, es heute zu tun?"
„Ja, das war nun wirklich ein Problem, dem alles und nichts zugrunde liegen konnte. Ein Zu- sall, eine Belanglosigkeit, ein Erlebnis, eine Laune ober ein ganzer Roman. Stand für jemand die Zeit bis jetzt still? Oder wollte er sie festhalten? Vielleicht gibt Schiller eine Antwort hierauf:
Unaufhaltsam enteilet die, Zeit. — Sie sucht das Beständ'ge.
Sei getreu, und du legst ewige Fesseln ihr an. E. v. M.
Aufruf und Anweisung des Kreisleiters.
Verbindliche Anweisungen an alle Veranstalter des Kreises Wetterau.
. Die Entwicklung im Veranstaltungswesen der Vereine usw. macht es unerläßlich, die bereits in früheren Anweisungen und Aufforderungen allen beteiligten Stellen bekanntgegebenen Grundsätze der nationalsozialistischen Kulturarbeit erneut herauszustellen.
Die Kulturarbeit ist eine wesentliche politische und menschenführende Aufgabe, die als hervorragender Beitrag zur weltanschaulichen Ausrichtung des völkischen Lebens der Verantwortung und der Ent- cheidung der NSDAP, obliegt. .
Da leider noch heute, trotz sichtbarer Besserung im ganzen, einzelne Veranstalter nicht die mindeste Voraussetzung für diese Forderungen aufweisen, wird ab sofort für das gesamte Kreisgebiet verbindliche Anweisung heraus- gegeben.
1. Sämtliche Veranstaltungen unterliegen der Genehmigungspflicht der Kreisleitung, Abteilung Kreispropagandaleitung, und sind spätestens 14 Tage vor der Durchführung schriftlich mit genauem Programm einzureichen.
2. Erstes Gebot für jeden Veranstalter muß fein, seine ursprüngliche, in jedem Fall auf auf ein bestimmtes Gebiet beschränkte Aufgabe zu erfüllen und grundsätzlich die Betätigung in anderen, außerhalb seiner eigentlichen Aufgabe liegende Gebiete der Kulturarbeit zu vermeiden. Alle nicht zum Aufgabengebiet der Vereine gehörenden Unterhaltungsveranstaltungen, wie etwa bei einem Turn- oder Gesangverein ein Maskenball usw. müssen grundsätzlich ohne öffentlichen Kartenvorverkauf auf die Mitglieder und deren Angehörige sowie für die
Gäste der Vereine beschränkt bleiben. Diese Veranstaltungen dürfen keine Gleichberechtigung mit den öffentlichen Kultur- und Unterhaltungsveran- ftaltungen der hierfür verantwortlichen und bestimmten Einrichtungen erhalten.
3. Veranstaltungskräfte, wie besondere Gruppen einzelner Veranstalter, Sänger, Tanzgruppen, Spielgruppen usip. dürfen grundsätzlich nur innerhalb des eigenen Vereins in feinen Veranstaltungen zum Einsatz kommen. Einsatz dieser Gruppen in besonderen Fällen bei geschlossenen Veranstaltungen am derer Vereine bedürfen der Genehmigung des zuständigen Hoheitsträgers (Ortsgruppenleiters). Nur mit Einhaltung dieser Anweisung ist es möglich, den hauptamtlichen Künstlern den beruflichen Arbeitseinsatz zu gewährleisten.
4. Erst mit der Durchführung dieser Anweisung, für die der örtliche Hoheitsträger (Ortsgruppenleiter) persönlich verantwortlich ist und mit deren sachlicher Durchführung der Ortsgruppenpropagandaleiter beauftragt wird, kann die Führung des Kulturlebens durch die NSDAP, und ihre hierzu beauftragte Organisation, die NSG. „Kraft durch Freude", gleichzeitig mit der immer weiter zu entwickelnden und organisch aufzubauenden nationalsozialistischen Gestaltung unserer Kulturarbeit im Kreise Wetterau gewährleistet werden.
Gießen, den 1. Juni 1939.
NSDAP. Kreisleitung Wetterau.
Der Kreisleiter.
Blüten künstlich befruchtet.
Wichtige Versuche in Geisenheim vor dem Abschluß.
Lpd. Die Versuchs- und Forschungsanstalt für Wein-, Obst- und Gartenbau in Geisenheim am Rhein führt seit dem Jahre 1929 systematische Untersuchungen über die Befruchtungsverhältnisse bei den Obstgewächsen durch, die jetzt zu einem gewissen .Abschluß gelangt sind. Unter der Leitung des Direktors der Änftalt, Prof. Dr. C. F. Rudloff, und des Leiters des Botanischen Instituts der Anstalt, Prof. Dr. Hugo Schaudert, wurden diese Versuche aufgenommen, die jetzt van dem Hauptafsistenten Dr. H e r b st weitergeführt werden.
Weit über eine Million künstliche Bestäubungsversuche wurden in diesen zehn Jahren durch- gefübrf Mit den verschiedensten Obstsorten wurden die Versuche unternommen, um festzustellen, wie durch geeignete Befruchtungsverhältnisse ein möglichst höher Ertrag erzielt werden könne. Es wurde so vorgegangen, daß eine ungewollte Bestäubung ausgeschlvssen wird, indem die Blüten noch im Zustand der Knospen mit Pergaminbeuteln eingehüllt werden, so daß weder Wind noch Insekten Blütenstaub anderer Syrien aus die Narben bringen können. Sobald die Pollenreife eingetreten ist, werden die Narben der Blüten durch Abtupfen mit anderen Blüten -bestimmter Sorten künstlich befruchtet. Die bestäubten Blüten werden wieder in Pergamintüten eingehüllt. Jede Blüte wird genau numeriert, es wird im Protokollbuch und karteimäßig festgehalten, mit welcher Sor - t e sie bestäubt ist und wie ihre weitere Entwicklungsgeschichte und vor allem ihr Ertrag gewesen ist.
Das Institut ist nun nach diesen millionenfachen Versuchen so weit, daß es von allen einigermaßen gangbaren Obstsorten sagen kann, welche Sorten sich als Pollenspender eignen und eine gute Befruchtung sichern. E i n Griff in die Kartothek genügt, um sofort die brauchbaren Pollenspendersorten festzustel-
l c n. Lediglich noch für einige ausgesprochene Lokalsorten müssen diese Versuche zu Ende geführt werden.
Diese Arbeit erfüllt eine große praktische Aufgabe für den Obstbau: Jeder Obstzüchter kann von dem Institut erfahren, welche Sorten er zweckmäßigerweife zusammen anbauen muß, um eine sichere Befruchtung zu erreichen.
Nun fall die Arbeit noch ein Stück nieiter vorgetrieben werden: Man weiß, welche Sorten sich miteinander vertragen, es sollen aber auch die Sorten ermittelt werden, die durch Kreuzung miteinander den höchsten Ertrag ergeben. Die Arbeit in dieser Richtung - wurde jetzt neu aufgenommen. Es gehört hierher die Beobachtung des Pollenschlauches, der Samenbildung, des Prozentsatzes des Ansatzes an Früchten, wie auch die Kontrolle des Gewichts, der Farbe und des Geschmacks. Es gehört ferner dazu die Feststellung der Blütezeiten der einzelnen Sorten, denn es hat nur Sinn, zwei. Sorten gemeinsam anzubauen, wenn sie auch gemeinsam blühen.
Um diese Kenntnis zu erlangen, werden die Blüten der kontrollierten Bäume täglich gezählt, mit der Zähluhr wird sowohl jede neue Blüte, wie auch jede Blüte, die abgeblüht ist, registriert.
Eine weitere Aufgabe, die ebenfalls jetzt in Angriff genommen wurde, stellt das Studium der Physiologie der Fruchtbildung dar. Durch Ausdünnung, d.h. durch Entfernen von Blüten nach bestimmten Gesichtspunkten, soll die Gesetzmäßigkeit der Obstansatzbildung ermittelt werden. Man hofft, daß sich die verbleibenden Blüten rascher und stärker entwickeln und der Ertrag verbessert wird. Alle diese Bestrebungen dienen dem Ziel, die deutsche Obsternte ertragreicher zu gestalten, zugleich aber soll auch eine erhöhte Festigkeit der Sorten gegen Witterungseinflüsse erreicht werden.
Landgerichtspräsident Thüre nach Mainz versetzt.
Die am 1. Juni freigewordene Stelle des Land- gerichtspräsidenten in Mainz ist durch den Reichsminister der Justiz dem Landgerichtspräsidenten Adolf Thüre in Gießen übertragen worden. Landgerichtspräsident Thüre wird sein neues Amt am 1. Iuli antreten.
Landgerichtspräsident Thüre wurde am 20. März 1889 in Lauterbach (Hessen) geboren. Nach, abgelegter Reifeprüfung studierte er an den Uni-' oerfitäten Gießen und Berlin und bestand im Frühjahr 1911 in Gießen die erste juristische Staatsprüfung. Sein juristischer Vorbereitungsdienst wurde durch den Weltkrieg unterbrochen, den er als Artillerieoffizier von Anfang bis zu Ende mitmachte und wofür er u. a. mit dem. E. K. L und H. Klaffe ausgezeichnet wurde. Nach Ablegung des zweiten Staatsexamens in Darmstadt im Herbst 1919 wirkte er zunächst als Amtsanwalt bei verschiedenen hessischen Gerichten, bis er im Jahre 1921 als Staatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts Mainz angestellt wurde. Vom 1.5.1922 bis 1. 4.1923 war Präsident Thüre als Hilfsarbeiter bei der Reichsanwaltschaft am Reichsgericht in Leipzig und anschließend im damaligen Hessischen Justizministerium in Darmstadt tätig, roo er am 1.6.1929 zum Vortragenden Rat mit der Amtsbezeichnung Oberjustizrat ernannt wurde. Auch nach seiner am 1.10.1933 erfolgten Beförderung zum Landgerichtsdirektor beim Landgericht Darmstadt blieb er mit der weiteren Dienstleistung bei der Ministerialabteilung Justiz der Hessischen Landesregierung beauftragt. Am 1.4.1934 erfolgte seine Ernennung zum Landgerichtspräsidenten in Gießen.
Landgerichtspräsident Thüre hat sich in den fünf Jahren seines Wirkens in Gießen nicht nur im Kreise der Justizbeamten, sondern weit darüber hinaus in Stadt und Land große Wertschätzung erworben. Man wird den beliebten Justizbeamten im Bezirk des Landgerichts Gießen in guter Erq innerurig behalten.
Gießen-Wiekeck.
Wie uns die Kameradschaft Gießen der NSKOV. mitteilt, kann am kommenden Montag der Kriegervater Heinrich Schmidt seinen 8 0. Geburtstag feiern. Der Jubilar hat während des Weltkrieges auf dem Felde der Ehre einen Sohn verloren. Aus Anlaß des Geburtstages mürbe dem Jubilar bereits ein Glückwunschschreiben des Reichskriegsopferführers, SA. - Gruppenführers Oberlindober übermittelt, ferner hat er die Hebers reirfjung einer Ehrengabe veranlaßt. (Auch wir beglückwünschen!)
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Der Hand har monika-Klub Gießen veranstaltet am morgigen Samstag im „Kühlen
Eine Nacht in Venedig.
Von Friedrich Wilhelm Hymmen.
Hyrnrnen gehört zu der aus der Hitler- Jugend hervorgegangenen jüngsten deutschen Dramatiker-Generation.
Das war vor ein paar Jahren, als ich mit wenigen ersparten Groschen in der Tasche durch Italien wanderte. Venedig zu besuchen, galt schon immer als die Pflicht jedes Weltfahrers. Also faß auch ich eines Tages in einem Boot und fuhr stolz in die Stadt der Lagunen und der Dogen ein.
Trinkt, ihr Augen, was die Wimper hält — diese Paläste am Wasser! Diese Paläste! Zarte Gotik, vornehme Renaissance, Fassaden von selbstsicherer Ausgewogenheit und doch von Einfallsüberschwang; trotz ihrer Ruinenhaftigkeit so lebendig, daß man an den Fenstern Rokokodamen zu sehen meint und daß man vor den prächtigen Türen weißhaarige Kaufherren erwartet, die gleich eine Schar sorgloser, eleganter Gäste empfangen werden.
Wie breit der Kanal ist, wie der Rhein ... aber olles Schauen und Sinnen war bald abgebrochen, schon waren wir an der Rialtobrücke. Venedig ... mit Schauder setzte ich mcinrn Fuß auf die Stufen, Schauder vor dem Zauber, den diese Stadt ausstrahlt und dem ich schon trotz unfentimentalfter Vorsätze zum Opfer gefallen war.
Vielleicht mag auch die Hitze dazu beigetragen haben, daß ich benebelten Sinnes über die Gassen und Brücken schritt, kaum aufnahmefähig für das was sich darbot. Es stellte sich bald eine Müdigkeit ein wie ich sie nur vom endlosen Besuch großer Museen her kenne, und ich schämte mich meiner Teilnahmslosigkeit, die sich gelegentlich zu Langeweile und Enttäuschung stetgern konnte. War es niete eine tote Stadt? Eine Stadt aus lauter tfaf= Jaöen? War die Schönheit nicht aufdringlich? Billig genug auch für die mittelmäßige Reisegesellschaft?
Dann aber erregte mich wieder das Verfiihrerische der Atmosphäre, gerade das Traumhafte das Scheinleben. Es war ein zwiespältiger Eindruck, und richtig froh konnte ich nicht werden ...
Gegen Abend wurde die Romantik sogar ärgerlich. Denn wo sollte ich ein Bett fanden. Das vo - nehme Venedig kannte kein „Asylo1, das Lau - ftreicher umsonst aufnimmt, wie Mailand und em kleines — oder gar ein einsames — Deckchen Erde oder Gras war nirgends aufzutreiben. Alles Psta- ftcr ober Brücke ober Wasser -
Wasser! Eine glänzenbe Jbee! Auf dem Vrasser übernachten! Als das Platzkonzert auf dein Marrus-
platz vorüber war, und es selbst für italienische Verhältnisse spät zu werben begann, schlich ich mich zu einer Gondelanlegestelle, zum Gondelparkplatz sozusagen. Dort eine unbewachte Gondel! Herrlich, ein Sitzkissen lag drin. Das war sehr viel wichtiger als das sinnige Betrachten des gesamten niondbe- schienenen Opcrettenrequisites. Ein Kissen! Zierlich schwankte die Gondel, als ich einstieg. Ein unvergleichliches Bett, berühmt, ersehnt — und ich kauerte mich nieder, begab mich in den Schutz der kostbaren Arme, die mich links und rechts wärmend umschlossen. Gute Nacht, ihr Freunde, schlaft nur in euren unbedeutenden Bürgerbetten, ich beneide euch nur um ein Geringes: um ein vernünftiges Kopfkissen ...
Noch lächelte ich mich auf diese Weise in den Schlaf, als jemand greulich zu fluchen begann. Man stieß mich, schrie und fuchtelte herum — oha, ein Gondoliere warf mich aus meiner Wiege. Brutal, daß die Menschen in dieser phantastischen Traumwelt keine gütigen Engel sind. Grollend, aber gefaßt packte ich unter dem aufregenden Geschrei meines Hnwirtes den Affen zusammen.
Ich ging zum Markusplatz zurück. Noch flutete lichtvolles Leben und Treiben hin und her. Alle hatten ein Bett, dort die paar Deutschen auch, in Hotels, mit fließendem Wasser, Bad, Abendbrot und Frühstück. Ich mußte nach Billigerem Umschau halten. Und in der Tat: am Markusdom traf ich Leidensgefährten, zwei Deutsche, die wir in Padua tennengelernt hatten. Sie hatten eben erfahren, daß man am Markusdom schlafen könne. Die Steinbänke an der rechten Seite seien nach einem ungeschriebenen Gesetz für die Italiener, die an der linken für die Deutschen. Hoffentlich sind sie noch nicht belegt. Mit dieser bescheidenen Hoffnung rannten wir hin — drei Betten waren noch frei. Betten aus anerkannt feinstem Marmor, in wirklich herrschaftlicher Lage. Zwar rochen sie etwas nach Tauben, aber auch diese Tauben gehörten ja zum klassischen Ruhm unserer Herberge.
Es wollte mir nicht gelingen, auf der harten Bank nun zum zweitenmal meinen Schlaf zu beginnen. Also nutzte ich die Zeit, bis ich ganz und ausreichend bunöemüöe sein würde, indem ich einen Strumpf stopfte. Das Mondlicht half mir, so gut cs konnte. Nun, cs kam ja auch nicht so genau darauf an. Erft als ich meine Nadel verlor und sie auf dem Pflaster nicht wiederzufinden war, erbarmte sich meiner ein erquickender Schlaf. Allerdings hatte ich am Morgen krumme Glieder und schmerzende Beulen, auch war cs recht kalt geworden, aber da ich vor meinem seltsamen Bett sließendes Wasser vorfand, genau so wie jene Urlauber im Hotel, war alles Ungemach bald überwunden. Es war kein gewöhn
licher Wasserkran, sondern ein kunstgeschichtlich gewiß hochbedeutsamer Brunnen, der mich mit seiner Gabe erfrischte, und ich hoffe, daß ich.mich rühmen kann, der einzige Mensch zu fein, der sich mit dem Wasser dieses edlen Baudenkmals sich rasiert hat, ganz zu schweigen von einer noch respektloseren Fußwaschung. Es war früh, vielleicht fünf Uhr, und nur die Tauben bewunderten meine Tätigkeit. Die Polizei schlief wohl noch samt ihren mittelalterlichen Uniformen. Mit dem ersten Motorboot fuhr ich herüber zur Lido-Insel, zum Meer. Am Strand war ich der erste Badegast. Die Lidogäste hatten gestern zu lange getanzt und verschliefen in ihrer Torheit die schönsten Stunden. Ich beneidete sie nicht.
Mit Andacht, wie zu einer Taufe, ging ich den flutenden Wogen entgegen. Mittelländisches Meer! Von Aegypten herüberrollend zu mir, einem Sohn nordländischen Nebels. Klatschend warf sich eine Welle an mir hoch, schon drängte ein zweite heran, und ich sprang ihnen respektlos entgegen.
Verheißungsvoll strahlen am Horizont schmale Wolkenketten auf, erst rötlich, dann golden, jetzt blendend, menschlichem Auge verboten — lichter- prasselnd schiebt sich der 'Sonnenrand über den Horizont, 'mit der unbeirrbaren Sicherheit eines Herrschers wächst, wächst und verwandelt die Welt. Die Sonne scheint, sagen die Leute, und schließen müde die Gardinen. Ich aber genoß und freute mich ihres Glanzes und ihrer Wärme. Ein neuer, erlebnisgeladener Tag brach an.
Zeitschriften.
— „K u nst dem 23 o l k", Monatsschrift für bildende und darstellende Kunst, Architektur und Kunsthandwerk, Herausgeber: Professor Heinrich Hoffmann, Verlag Heinrich Hoffmann, Wien. — In der 5. Folge des 10. Jahrganges (Mai 1939) findet sich als Leitartikel ein mit sehr guten, farbigen Reproduktionen in großem Format bebilderter Beitrag .Pieter Brueghel als. Schilderer feiner Zeit" von A. Spitzmüller, der eine lebendige und anregende Interpretation einiger charakteristischer Gemälde des „Bauern-Brueghel" enthält. Karl Strobl führt an Hand zahlreicher Aufnahmen in das Werk des ost- märkischen Bildhauers Michael Drobil ein. Sehr schönes Bildmaterial bringt auch ein Beitrag über unbekannte Schätze der Albertina in Wien von Hofrat Dr. Anton Reichel. Interessante Gegenüberftel- (ungen und einige grundsätzliche Hinweise findet man in einer vorzüglich illustrierten kleinen Ab- I Handlung „Lichtbild und Malerei".
Gloria-palast: „Umwege zum <Slürf."
Die Ueberschrift hat etwas von der Unverbindliche feit jener vielen Filmtitel, die ebenso gut auch anders lauten könnten, aber der aufmerksame Besucher wird nach einiger Ueberlcgung finden, daß es diesmal feine Richtigkeit hat, daß Titel und Inhalt sich decken, und daß der Name den Stern der Handlung trifft: es sind wirklich Umwege, nicht allein räumlicher, sondern vor allem auch psychologischer Art, die hier zwei Eheleute machen, bis sie am Ende zum Glück eines neuen Beginnens, einer neuen Gemeinschaft gelangen. Es wird dem Gefühl jedes Besuchers überlassen bleiben müssen, daran zu glauben, daß, trotz .allem, was sich zuvor ereignet hat, dieses neue' Glück beständiger sein werde. Das steht dahin; schwerer wiegt, wie der Betrachter glaubt, ein Einwand grundsätzlicher Art: daß nämlich der Stoff viel eher für ein Novelle getaugt hätte, für eine zarte/mehr von inneren Schwingungen als von äußerer Bewegung getragene Erzählung von der Erprobung und Bewährung zweier Menschen, die im Begriffe stehen, sich fremd zu werden und einander zu verlieren. Der Spielleiter Fritz Peter Buch, der kürzlich mit der Komödie „Ein ganzer Kerl" auch als Bühnen - Autor bet uns zu Worte kam und der vor Jahren schon als Schauspiel - Regisseur in Frankfurt ausgezeichnete Proben feiner großen Begabung abgelegt hat, wird die oben geäußerten Bedenken selbst empfunden haben; jedenfalls versuchte er, was diesem Film an ursprünglich und wesensmäßig filmischen Elementen fehlt, in den entscheidenden Szenen durch einen gedämpften, nach innen gehenden Kammerspielton auszugleichen und die Vorgänge damit dem üblichen Spielfilmstil zu entrücken. Lil D a g o v e r und Ewald Balser spielen das Ehepaar auf Umwegen: Frau Dagover sehr damenhaft und gepflegt wie immer, aber auch mit dem verhaltenen Gefühlsklang, ohne den diese Figur undenkbar wäre; Herr Balser mit Geschmack bemüht, der nicht übermäßig dankbaren Othello- Nolle jede Peinlichkeit zu nehmen. Wundervoll. ausgefüllt, menschlich, männlich und väterlich von überzeugender Wärme und Blutfülle: öie alte Exzellenz, die Eugen Klöpfer in ein paar Szenen mit seiner ganzen schauspielerischen Vitalität ersaßt. Victor Staat ist der „andere" Mann, der berühmte Fremde von unterwegs, anfänglich ein wenig unpersönlich, zuletzt mit spürbarer Beteiligung an dem unerwartet endenden Abenteuer. — (Ufa.)
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Vorher gibt cs die neue Wochenschau und einen interessanten Kulturfilm: Bilder von einer Gefechts« Übung unserer Artillerie. Hans Thyriot. ,


