der Regierung werde sofort nach dem Abschluß der Untersuchung über das Unglück stattfinden. Man könne dessen sicher sein, daß mit dem Wechsel auf dem Posten des Ersten Lords der Admiralität auch andere Wechsel im Kabinett erfolgen würden, denn einflußreiche Kreise drängten auf Chamberlain, daß er „jüngere Männer" auf bestimmte wichtige Posten setzen solle.
Möglicherweise Verzicht
auf die Bergung der »Thetis".
London, 8. Juni. (Europapreß). Marineminister Lord Stanhope gab am Donnerstag im Oberhaus zu, daß möglicherweise auf die Bergung des Unterseebootes „Thetis" .verzichtet werden müßte, wenngleich vorläufig mit einer solchen Entscheidung nicht zu rechnen sei. Ein
Abbruch der Arbeiten werde höchstens im Ialle von Stürmen oder anderen unerwarteten Störungen beschlossen werden.
Oas englische KönigSpaar in Washington.
London, 8. Juni. (Europapreß.) Das englische Königspaar ist am Donnerstag um 17 Uhr MEZ. in Washington eingetroffen. Auf dem Bahnhof wurde das Herrscherpaar von einer Regierungsabordnung unter Führung des Präsidenten Rooeseoelt empfangen. Die königlichen Gäste fuhren über die Feststraße zum Weißen Haus. Kurz nach seiner Ankunft, empfing König Georg im Weißen Haus die in Washington beglaubigten Diplomaten.
Teilhaber der bolschewistischen Vluischuid
England und Frankreich mögen stille sein.
Wer so viel Einmisr^ungsdreck anzustecken hat, wie England und Frankreich, die über zweieinhalb Jahre lang den bolschewistischen Krieg in Spanien auf jede Weise direkt und indirekt unterstützten, der kann sich nur noch lächerlich machen, wenn er ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Triumphmarsch der siegreichen deutschen Legion Condor von einer Einmischung Deutschlands in Spanien zu schwatzen anfängt. Es ist ja schließlich weltbekannt, daß lange v o r Beginn der nationalen Erhebung Spanien mit sowjetrussischen Emissären, Straßenkampfspezialisten usw. überschwemmt war, darunter von 120 Spezialagen- tcn der GPU. unter Führung der berüchtigten jüdischen Tschekisten Bela Khun, der jetzt seine Arbeit in Amerika fortsetzt. Unmittelbar gleichzeitig mit den ersten Anzeichen der nationalen Er- Hebung aber begannen die bolschewistischen Massentransporte an Generalstäblern, Truppenoffizieren, Fliegern, Ingenieuren, Spezial- ar beitem und aktiven russischen Soldaten, dazu ein geradezu fahrplanmäßig geregelter Nachschubdienst für Kriegsmaterial aller Art. Zur gleichen Zeit erhielten sie umfangreiche Unterstützung an Menschen und Material aus Frankreich, England, der Tsche- cho-Slowakei, Belgien, Mexiko, den Bereinigten Staaten usw.
Als der Führer sich zur Hilfeleistung für das nationale Spanien gegen die internationale Gefahr des Bolschewismus entschloß, standen auf seilen der Roten nicht etwa ein paar tausend Freiwillige, sondern insgesamt eine so starke Heeresmasse, daß diese bolschewistischen Ausländer geradezu den Kern n irt> di e Kampfkraft der Ro
ten in Spanien ausmachten. Selbst der bolschewistische Sender in Madrid gab die Zahl der ausländischen Söldner auf roter Seite am 13. April 1938 mit insgesamt 100 000 an, was angesichts der nach Frankreich übergetretenen Menge von fast 400 000 selbst unter Einschätzung der spanischen Milizen noch eher zu niedrig als zu hoch begriffen ist.
Aber selbst der Entschluß des Führers vom Sommer 1936 gründet sich nicht etwa allein auf die schon damals in geschlossenen Verbänden kämpfenden ausländischen Bolschewisten in Spanien, son- dem vor allem auch auf die Tatsache, daß ja General Franco einen direkten Hilferuf auch an Deutschland richtete. Beispielsweise stammte die gesamte Flugwaffe der Roten aus dem Ausland. Ein anderes Beispiel: in den letzten anderthalb Jahren allein sanden die Sowjetunion, Frankreich, England und die USA. 12 5 Tanks, 557 Geschütze, 948 Flugzeuge und rund 3000 Maschinengewehre an die Roten; dabei sind nur die wesentlichsten und völlig einwandfrei geklärten Fälle aus der Ueberfülle des Materials herausgegriffen. Monatlich trafen rund 4000 Ausländer für die Roten in spanischen Rotgebieten ein. Alle französischen Häfen waren U m - schlagplätze für die Roten. Riesige Geld- sammlunaen aus den genannten Ländern gingen nach Rotspanien.
Dies alles unter dem Deckmantel jenes „Nichteinmischungsausschusses", der von Frankreich und England eigens zur Tarnung und Organisierung der aktiven Einmischung zugunsten des Bolschewismus gegründet worden war!
Belgien bleibl neutral.
180 Zahre nach einer Schicksalsvierlelsinnde.
Von Or. Bruno Siemers, Monireal.
Die Ueberfohrt des kanadischen Königs über den Nordatlantik, die trotz reichlicher Zeitberechnung nicht in der vorgesehenen Zeit durchgefuhrt werden konnte, hat nicht nur erneut gezeigt, wie eng die Grenzen auch im 20. Jahrhundert manchmal noch unserer Borausberechnung gesteckt sind, sondern die Verspätung um zwei Tage lenkt vor allem erneut den Blick auf die kleinen Zufälligkeiten, die unabsehbare Folgen haben. Gerade in Quebec kann man das studieren. Am 17. Mai 1939 landete zum ersten Mal in der Geschichte der christlichen Zeitrechnung ein englischer König in Kanada. Kommt er auch als Souverän eines mittlerweile selbständig gewordenen Staates, so kommt er doch gleichzeitig als Thronnachfolger eines Königs von England, dem dieses gleiche Land vor 180 Jahre von einem seiner Generale erobert wurde. Er kommt in ein Land, das nie englisch gewesen, aber jetzt schon seit Generationen von Engländern regiert worden ist, in ein Land, das von Franzosen erschlossen und von den Engländern erobert worden ist, aber er kommt auch in ein Land, dessen Bewohner wissen, daß sie Franzosen nicht sind, Engländer nicht einmal waren, und sie deshalb nur den einen Wunsch haben, für ihr Land zu leben, für das Land, auf dem ihre bretonischen und normannischen Vorfahren einst gelandet sind, für ihr Kanada, die nichts weiter sein wollen als schlichte Kanadier.
Als General Wolfe vor 180 Jahren die Schlacht bei Quöbec gewann, wurde das Schicksal eines Kontinents entschieden. Seit dieser Zeit gab es nichts mehr als ein konkurrierendes Neuengland und Neufrankreich auf dem nordamerikanischen Festland. Vor 180 Jahren wurde entschieden, daß die britischen Kolonisatoren nicht durch ein mächtiges fron- zöstsches Kolonialgebiet vom zukunftsreichen Westen abgeschnitten und zumindest auf die Neuenglandstaaten beschränkt roeröen würden. Damals wurde entschieden, daß die Zukunft Nordamerikas eine angelsächsische Zukunft sein würde ...
Niemals ist' seit jener Zeit ein regierender englischer König in seine Kolonie gekommen, und der erste englische König, der seinen tfufj auf amerifani« schen Boden setzt, kommt als König von Kanada, da die Kolonie von einst ein selbständiger Staat innerhalb der durch eine gemeinsame Krone zusammengehaltenen Commonwealth britischer Nattonen geroorben ist.
Die Frage drängt sich auf, ob es Zufall ist, daß der König fast an der gleichen Stelle landete, auf der vor 180 Jahren Nordamerikas Schicksal entschieden wurde, ob wieder einmal ein hervorstechendes Ereignis den Beginn einer neuen Entwicklung ankündigt. Der Pomp und die Aeußerlichkeiten, wenn sie das Kennzeichen Geschichte machender Ereignisse sein sollten, würden darauf schließen lassen, daß im Jahre 1939 wirklich folgenschwere Ereignisse sich zugetragen Haden.
Dor 180 Jahren ging das alles sehr schnell, so schnell, daß man mit Recht zweifeln farm, ob alle Zeitgenossen die Bedeutung der einen Gewehrsalve auf den Plaines d'Abraharn auch nur annähernd erkannt haben können. Halb sechs Uhr morgens, am 13. September 1759, hatte der Befehlshaber der französischen Truppen, General Montcalm, davon erfahren, daß es den Engländern (mit Hilfe eines französischen Verräters) gelungen war, die als un- befteigbar geltenden Höhen auf einem geheimen, den Engländern verborgenen Pfad zu erklimmen, halb zehn Uhr morgens chatte er kaum 4000 Mann, davon 20000 Mann reguläre Truppen, zusammen- gerafft gegen die 4800-Mann-Armee General Wolfes. Die Engländer ließen die Franzosen auf rund 40 Meter herankommen, dann erst kommandierte Wolfe Feuer, und — das Schicksal eines Konttnents war entschieden. In die wankenden Reihen der Franzosen brach der Bajonettangriff der Briten, in fünfzehn Minuten verloren die Franzosen ihr Anrecht auf Neufrankreich, verloren die Soldaten der Siege von Chouagen, Fort George, Carillon und Montmorency eine Schlacht, eroberte England einen zukunftsreichen Kontinent.
Seit jenem Tage, den weder Wolfe noch Mont- calm überlebt haben, begann die neue Entwicklung Kanadas. Frankreich hat sich um die Bewohner von Quebec kaum gekümmert. Aber die Quebecois, so konservativ wie alle Franzosen, sind ihrer Sprache und ihrem Glauben treu geblieben. Die Kirche war ihre einzige Verbindung mit Europa, eine Verbindung, die wahrhaftig nicht nach England führte. Die Kirche hat auch von allem bewirkt, daß sie sich ihrer Besonderheit in Nordamerika immer bewußt geblieben sind. Die 2V» Millionen französisch-sprachigen Kanadier, Nachkommen von nur 60 000 Franzosen aus der Zeit Wolfes und Montcalms, sind der selbstsicher schweigende Beweis der Lebenskraft dieses Volkes. Sie sind, abgeschnitten von Frankreich und regiert von Engländern, früh zu Kanadiern geworden. Sie sind der lebende Beweis, daß Frankreichs Zweikindersystem nicht Schicksal seiner Rasse, sondern Folge einer politischen Entwicklung ist, da ein anderes politisches Schicksal den gleichen Menschen eines anderen Erdteils eine andere Fortpflanzung ermöglichte.
Die Hauptstadt des cinftigen Neufrankreich wid des heutigen Provinzstaates Quebec, die zum englischen König nie ein Gefühltsverhältnis haben konnte, hat den König von Kanada gern und freudig empfangen. Sie brauchte feinen Schmuck, sie liegt so einzig schön am Sankt-Lorenzstrorn, und ihre Giebeln strahlen so lieblich aus der Ferne, daß sie selber ihr Schmuckstück ist. Und doch wehen auch hier die Fahnen; die Menschen hier sind sich aber sehr klar darüber, wem sie wehen: Allein dem König und der Königin von Kanada.
englischen palWnapoliiik.
71. T.-Korrespondenien.
Der belgische Ministerpräsident über
Brüssel, 8. Juni. (Europapreß.) In einer ausführlichen Rede vor der belgischen Kammer äußerte sich Ministerpräsident und Außenminister P i e r l o t am Donnerstag über die Grundzüge d e r belgischen Außenpolitik.
Das Hauptziel der belgischen Unabhängigkeits- polittk bleibe es, so erklärte Pierlot u. a„ den Krieg vom belgischen Territorium fernzuhalten. „Wir sind entschlossen, alle unsere Grenzen zu verteidigen", so sagte der Ministerpräsident, „ohne irgendeine Ausnahme, weder in Europa, noch in Afrika."
In der freiwilligen Beschränkung auf die Wahrnehmung seiner lebenswichtigen Interessen müsse sich Belgien von allen Bindungen fernhalten, die es zwingen würden, für eine das Land nicht unmittelbar angehende Sache zu den Waffen zu greifen.
Der Ministerpräsident erklärte dann: „Es liegt bei uns, gegebene Umstände zu prüfen und nach ihnen die Entscheidungen zu treffen, welche uns unsere Pflichten gegenüber dem Lande und seinen wesentlichen Interessen gebieten. Fragt man aber nun, ob wir gegenüber den Mächten nicht moralische Verpflichtungen auf uns genommen haben, so ist das zu bejahren.
Ls ist dies in dem Sinne zu bejahren, daß wir eine korrekte Haltung und in jedem Konflikt, in dem die lebenswichtigen Interessen des Landes nicht auf dem Spiel stehen, eine praktische Neutralität bewahren müssen. Wir können also nicht unter dem Deckmantel einer sogenannten Unabhängigkeitspolitik geheime Verträge abschliehen." Pierlot setzte sich dann mit den Einwendungen auseinander, die behaupten, Belgien müsse im Falle eines europäischen Konslickts mit Notwendigkeit in diesen Konflikt hineingezogen werden. Es sei deswegen unerläßlich, schon heute Vorbereitungen zu treffen und rechtzeitig mit den Mächten in Verbindung zu treten, die im Kriegsfälle Belgien zu Hilfe kommen würden. Hiergegen sei zu erklären, jo sagte der Ministerpräsident, daß man heute keineswegs einen Krieg mit Bestimmtheit voraussagen könne. „Es wäre Wahnsinn, sich heute auf die Seite der Kriegführenden zu stellen, ohne daß irgend etwas hierzu verpflichtet und ohne daß uns dadurch ein wesentlicher Vorteil ein geb rächt würde." Im weiteren Verlauf seiner außenpolitischen Erklärung vor der Kammer wiederholte Ministerpräsident und Außenminister Pierlot den belgischen Standpunkt, daß die Sanktionsmaßncrhmen des Artikels 16 des Genfer Statuts nicht als bindend zu betrachten seien. Derselbe Standpunkt sei in Genf von 33 anderen Staaten zum Ausdruck gebracht worden.
Anschließend wies Pierlot den in letzter Zeil von einigen Kreisen Belgiens und des Auslandes entfesselten Feldzug für eine Rückkehr Belgiens zum englisch-französischen Bündnissystem zurück. Er betonte, daß die Möglichkeit, ja sogar die Wahrscheinlichkeit bestehe, daß Belgien in einem zukünftigen Konfi kl verschont bleiben würde, vorausgesetzt, daß es nicht von vornherein die Hände nach der einen oder anderen Seite binden würde. Ein Militärbündnis würde für Belgien mehr Gefahren als Vorteile mit sich bringen. 3m übrigen hätten sich die Umstände seil den Zeiten des belgisch-fran- zösischen Bündnisses gewandelt.
Man müsse an die Aenderungen denken, die in Oer Konstellation der Bündnisse, im Gleichgewicht der Kräfte und in der Zahl und Ausdehnung der zu verteidigenden Fronten eingetreten seien. Aus denselben Gründen sei auch die Periode der
die Grundzüge seiner Außenpolitik.
Besprechungen zwischen den General- täben endgültig abgeschlossen. In die- em Zusammenhang ging Pierlot auf die Forderungen gewisser Kreise ein, für den Fall einer Invasion in Holland ein Militärbündnis mit Holland abzuschließen und ausländischen Truppen, die Holland zu Hilfe eilen wollten, das Durchmarschrecht durch belgisches Gebiet zu gewähren. Pierlot erklärte, daß ein solches Bündnis von der holländischen Regierung bereits abgelehnt worden sei und daß Belgien denselben Standpunkt vertrete. Pierlot erklärte weiter, daß eine internationale Politik nicht ausschließlich auf dem Gefühl auf- gebaut werden könne.
Belgien wolle gegenüber allen seinen Nachbarstaaten korrekte und friedliche Beziehungen einhatten. Er warnte das belgische Volk vor der Gefahr, sich übertrieben in den Konflikt der Weltanschauungen hineinziehen zu lassen. Belgien dürfe sich nicht zum Zensor der Länder aufspielen, wo man anders denke. Die freie Kritik müsse mit Würde und Maß ausgeübt werden.
Schließlich erklärte Pierlot, daß Belgien in den letzten Jahren eine weitgehende Aufrüstung betrieben habe. Eine weitere Verstärkung der militärischen Organisation sei geplant, obwohl durch die wirtschaftliche und finanzielle Lage gewisse Grenzen gesetzt seien. Eine der Hauptaufgaben Müsse sein. Sie Grenzverteidigung zur höchsten Wirksamkeit zu entwickeln und die Mobilmachung vor jeder plötzlichen Unternehmung zu sichern. Pierlot wies auch die Behauptungen zurück, daß der Bau des Forts von Sougne-Remou- champs bei Lüttich auf Verlangen Deutschlands unterblieben fei, und betonte, daß in dieser Frage nur militärische und technische Gründe maßgeblich seien.
Ausländer als Soldaten Frankreichs.
Paris, 8. Juni. (DNB.) In der Donnerstag- Ausgabe des amtlichen Gesetzblattes erscheint der Wortlaut einer Verordnung über den Militär- dienst ausländischer Staatsangehö- riaerin Frankreich. Danach können alle Ausländer im Alter von 18 bis zu 40 Jahren zu Kriegszeiten eine Verpflichtung für 'Militärdienstleistungen für die Dauer eines Krieges in einem besonderen, der französischen Armee, Luftwaffe ober Marine angegliederten ausländischen Truppenkörper unterschreiben. Eine solche Verpflichtung kann auch zu Friedenszeiten unterschrieben werden. Sie würde sich dann aber auf Personen im Alter von 17 Jahren bis zu der in Frankreich vorgeschriebenen Dienstgrenze für Ausländer erstrecken.
Ausbau der Schweizer Landesverieidiqunc,.
Bern, 8. Juni. (Europapreß.) Der Ständerat hat am Donnerstag die Bundesvorlage über den weiteren Ausbau der Landesverteidigung einstimmig angenommen. Bundesrat Minger ergriff bei der Behandlung der Vorlage das Wort und führte dabei u. a. aus. „Die Lage des Landes erfordert das H ö ch ft m a ß der Verteidigungsmöglichkeiten. Es ist begrüßenswert, daß heute die Frage des Volkskrieges besprochen wird. Die Meinungen gehen auseinander. Eine Klärung ist nötig. Die Landesverteidigungs- kommifsion hat zu den erwähnten Gutachten des Generalstabs noch nicht abschließend Stellung genommen. Ist dies geschehen, so wird auch der Bundesrat der Oeffentlichkeit sagen, was er denkt. Europa ist heute beherrscht von Mißtrauen. Das läßt nicht viel Gutes erhoffen. Ein Volk, das den Willen zur Verteidigung nicht mehr auf bringt, geht unter.
Maükurs der
Von unserem
London, Juni 1939.
Der Kreuzzug des Arabertums in Palästina ist dieser Tage um eine weitere Station verlängert worden. In dem neuen englischen Weißbuch über Palästina soll dem Arabertum eine Politik aufgezwungen werden, die der verbannte Groß-Mufti von Jerusalem erft vor knapp zwei Wochen als „vollständig unannehmbar" bezeichnete. Bei einer rückblickenden Betrachtung begegnet man „Lösungsvorschlägen", die in ihrer Art und in ihrer Zielsetzung außerordentlich widerspruchsvoll sind. Es verwundert deshalb nicht, heute selbst in englischen Kreisen zu hören, es habe Wochen und Monate in der englischen Palästinapolitik gegeben, in denen Lösungsvorschläge, wie sie jetzt in dem Weißbuch vom Mai 1939 gemacht werden, für nicht c r n ft genommen wurden.
Am 24. Oktober 1915 schrieb der damalige englische Oberkommissar in Kairo, Sir Henry M cM a h o n , an den Scherst Hussein von Mekka: „England ist bereit, die Unabhängigkeit der Araber anzuerkennen und zu unterstützen." Bei der am 7. Februar 1939 in London begonnenen und mehrere Wochen später ergebnislos abgebrochenen Palästina- Konferenz konnte sich die englische Regierung mit den Araberabordnungen nicht über die Bedeutung dieses Satzes einigen, und im Mai stellte der Kolonialminister in seinem Weißbuch fest: „Die englische Regierung kann sich nicht der Ansicht anschlreßen, daß dieser Satz die Grundlage der arabischen Forderungen, hinauslaufend auf die Gründung eines arabischen Staates, fein kann." — 1915 legte das englische Kabinett diesen Satz anders aus, weil es galt, das Arabertum zum Krieg gegen die Türken zu gewinnen.
Seitdem in den Jahren des Weltkrieges der später „berühmt" gewordene Briefwechsel stattgefunden hat, ist Palästina nicht mehr zur Ruhe gekommen. Am 2. November 1917 gab Balfour dem Juden Rothschild die schriftliche Erklärung, „daß die Regierung Seiner Majestät die Errichtung eines jüdischen Nationalheimes in Palästina mit Gunst betrachtet". In den Mandatsbedingungen vom 25. April des Jahres 1920 wurde dieser Passus auf englischen Vorschlag hin noch einmal in Genf bestätigt. Diese Versprechungen, die man heute gern als „politische Sünden" vergangener Kabinette hin- zustellen versucht, Haden seit den 20er Jahren der englischen Palästinapolitik wie ein Bleiklotz cn- geheftet. Die gegebenen Versprechungen werden deshalb als Belastung empfunden, weil England aus strategischen und außenpolitischen Gründen niemals den ernsten Versuch gemacht hat, Juden ober Arader in Palästina zu Trägern der Regierungsgewalt zu machen. In dem Weißbuch vom Mai 1939 wird ganz offen ausgesprochen, daß jede Verfassung des Heiligen Landes den „Bedürfnissen der strategischen Position Englands" entsprechen müsse. Der Zickzack-Kurs der englischen Politik wird somit erklärlich, für die Araber Palästinas aber um so untragbarer.
Im Juli 1936 schlug die Lord-Peel-Kommission vor: „Die einzige Hoffnung liegt in einer Dreiteilung des Landes". Die Regierung äußerte sich zu diesen Plänen: „Die Teilung stellt die beste und hoffnungsvollste Lösung dar". Im November 1938 warf die Woodhead-Kammission die Ansichten Lord Peels völlig um und schrieb: „...aus diesen Gründen erscheint die Teilung untragbar. Wir schlagen eine wirtschaftliche Föderation vor." Die Regierung antwortete: „Die Schwierig- feiten sind so groß, daß der Vorschlag, einen unabhängigen jüdischen und arabischen Staat zu schaffen, undurchführbar ist". Diese Beschlüsse wurden jedesmal von dem Parlament gutgeheißen.
was ein nicht uninteressantes Licht auf die Urteilsfähigkeit dieses Gremiums wirft. Allerdings: bei der jüngsten Paläfttnaaussprache waren selbst die Regierungsanhänger mißtrauisch geworden, so daß die Abstimmung eine Regierungsmehrheit von nur 89 Stimmen ergab, während gewöhnlich das Kabinett über eine Mehrheit von 220 Stimmen verfügt, vorausgesetzt allerdings, daß dje Konservativen, Natio- nalliber'alen und sonstigen Regierungsparteiler für das Kabinett stimmen, was beim letzten Male nicht der Fall war. Sogar drei Mitglieder des Kabinetts sahen sich nicht in der Lage, Macdonald zu unterstützen. Lediglich bei dem jüdischen Kriegsminister Hore-Belisha ist das verständlich.
Die angekündigte englische Palästina-Politik ändert vorerst nichts an dem augenblicklichen Status des Arabertums, ein Grund, warum dieses den neuen Plan ebenso abgelehnt hat wie alle vorherigen. Wohl soll nach fünf Jahren die jüdische Einwanderung verboten werden, wohl hat man den „Palästinensern" Selbstverwaltung und eigene Regierung versprochen und diese für etwa 1949 angekündigt, aber es fehlt jede Garantie, daß diese Versprechen eingelöst werden. Stattdessen hat sich Macdonald noch einige Hintertüren offen gehalten, um einen etwaigen Rückzug von den soeben gemachten Versprechen zu ermöglichen. Die ersten verfassungsmäßigen Aenderungen sollen nach fünf Jahren begonnen werden, und zwar „fünf Jahre gerechnet nach der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung". Wer bestimmt, wann „Ruhe und Ordnung" herrschen? „Das Ziel der englischen Regierung ist", so heißt es in dem Weißbuch vom Mai 1939 weiter, „innerhalb von zehn Jahren ein unabhängiges Palästina zu schaffen, welches in Zukunft für beide Teile zufriedenstellende wirtschaftliche und strategische Bedingungen mit sich bringt." Wer bestimmt, wann die „Bedingungen für beide Seiten zufriedenstellend" sind? Es ist kaum anzunehmen, daß das palästinensische Arabertum Wert darauf legt, den englischen Flankenstützpunkt für den Suezkanal zu bewachen.
Die weitaus bedeutendste Hintertür aber liegt in der englischen Forderung, daß es nach Ablauf der vorgeschriebenen zehn Jahre dem englischen Oberkommissar überlassen bleiben soll, „in Zusammenarbeit mit den beteiligten Seiten festzustellen, ob diese Zeit reif ist für die endgültige Selbftänöig» machung des Landes". Das Arabertum befürchtet, daß England fein Urteil nicht nach der Lage in Palästina, sondern nach den außenpolitischen Bedürfnissen des Weltreiches fällen wird. Der Kolonialminister Malcolm Macdonald hat zu häufig offen ausgesprochen, wie sehr England den strategischen Faktor bei all seinen Berechnungen im Auge behalte. Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich der letzte Palästinaplan nicht im geringsten von allen übrigen: er geht aus von den englischen Interessen und nicht von denjenigen derer, die in Palästina zu leben ein Recht haben. Schließlich ist aber Macdonald ein Irrtum unterlaufen, der von dem Arabertum als Beweis für die Unzuständigkeit des Kolonialministers aufgenommen wurde: Macdonald geht bei all feinen Ueberlegungen von dem Gedanken aus, daß eines Tages im Heiligen Lande nicht mehr Juden und Araber, sondern nur noch „ P a l ä st i n e n s e r " leben werden. Die Verkennung des auch in Palästina herrschenden Rassenproblems hat schon 1915 begonnen und heute noch nicht aufgehört. 3it ihr lag der Grund zu den englischen Fehlschlüssen, und es ist nicht anders zu erwarten, daß auch in Zukunft hierin die Ursache weiterer Unruhen und Fehlschläge liegen wird Der Zickzack-Kurs der eng« lichen Palästinapolitik ist noch nicht am Ende...


