Zurückstellung vom Reichsarbeiisdienst und aktiven Wehrdienst.
Kein Antragsrecht der Betriebsführer. — Grundsätzliche Klarstellung..
Modenschau.
Lor vielen aufmerksamen, begeisterten und beifallsfreudigen Besucherinnen veranstaltete gestern nachmittags und abends) eine hiesige große Firma für Domenkleidung im Saal des Gesellschaftsoereins eine Modenschau, die unter der Leitung von Karlheinz Schlüter stand und zu einem schönen Ueberblick wurde für all das, was die Mode 1939 zu bringen beabsichtigt und bereits zeigen kann. Die Modenschau in ihrer Gesamtheit gestaltete sich zu einem hohen ästhetischen Genuß, denn in allen Dingen die hier in ungemein geschickter Form gezeigt wurden, atmete gepflegte Kultur. Feines Verständnis für werkgerechte Verarbeitung der Stoffe, ein sicheres Empfinden für Farbe und viel Phantasie zeichnete die Kleidschöpfungen aus, die eine Fülle von Wünschen auslösten. Die Modenschau war mit oller Sorgfalt organisiert, so daß der Erfolg nicht versagt sein konnte. Mehrere Scheinwerfer sorgten dasür, daß alles im rechten Licht zu sehen war, Blumenschmuck in feiner Anordnung schuf eine heimelige Atmosphäre, auf jedem Tisch lagen Zettel und Bleistifte, damit die Wünsche auch schriftlich festgehalten werden konnten und schließlich sorgten die Vorführdamen dafür, daß die Modenschau zu einem starken Eindruck wurde.
Es begann mit den Morgenröcken, wechselte hinüber zu Strahenkleidern, zu Jackenkleidern und feschen Mänteln und dann folgte die Fülle der schönsten in Form, Farbe und Verarbeitung vielseitig abgewandelten Nachmittagskleidern. Immer wieder wurde auch der Notwendigkeit Rechnung getragen, Kleider und Mäntel für die vollschlankere Frau zu zeigen. Mit allgemeiner Aufmerksamkeck wurde festgestellt, daß als Modefarben (wenn auch ohne starre Festlegung) Nachtblau, Kornblumenblau und Erikafarben in verschiedenen Tonwerten bevorzugt verarbeitet worden waren. An Stoffen begegnete man häufiger der reinen Seide, dem Tüll mit Tüllspitze, Tüll mit Chenille, Satin, Romaine, Ks'-Laöable, Woll-Georgette, Organdi bestickt und Chiffon. Für Mäntel wurden u. a. Flausch und Bouclä verwandt. v o3
Mit besonderer Freude wurden die Vorführungen der Gesellschaftskleidern ausgenommen, in denen sich eine Fülle kühner Phantasie äußerte, die große fließende Linie den Charakter bestimmte und die in, der Lustigkeit des Materials nicht zu überbieten waren. Selbstverständlich wurden zu allen den Kleidern und Mänteln auch hüte, Handschuhe, Handtaschen und modische Kleinigkeiten gezeigt, die durch ein hiesiges hutatSlier und durch eine Modestube beigesteuert wurden. Auch hier walteten Fingerspitzengefühl und guter Geschmack, um den erstrebten guten Gesamteindruck zu vervollständigen. Zum Erfolg der Veranstaltungen trug'micht zuletzt Paul Nieren bei, der durch seine geschicke Ansage und durch manches launige Wort die freudige Stimmung noch zu steigern wußte. Die Kapelle Nickel gefiel mit guter Musik.
Alt-Odenwälder Feuerstätten und Feuerwehren.
Vortrag in der Odenwälder Heimatvereinigung.
Am Dienstagabend hielt die Odenwälder Heimatvereinigung ihre Monatsversammlung ab, die sehr gut besucht war und einen äußerst anregenden Verlauf nahm. Bauoberinspektor Enders sprach über die „Hochfürstlich-Hessen-Darmstädtische Feuerordnung" aus dem Jahre 1767. Er gab einen klaren Ein- blick'in das damalige gut organisierte Feuerlöschwesen, das in der Zeit des Unschlittlichtes, der Stroh- und Schindeldächer und der fehlenden Wasserleitung von größter Bedeutung für Stadt und Dorf war. Die ausführlichen Brandverhütungsvorschriften vermittelten ein anschauliches Bild von der früheren Wohnkultur der Odenwälder Bevölkerung. Die äußerst rege Aussprache brachte noch viele persönliche Erinnerungen und Episoden aus der Odenwälder Jugendzeit zu Tage. Der Dereinsführer sprach dem Redner den wohlverdienten Dank aus.
Bei der nächsten Monatsversammluna wird Oberrevisor Hartmann über das ländliche Genossenschaftswesen sprechen, dessen Wiege auch im Odenwald stand. Odenwälder Volkslieder und heimatliche Weisen, auf dem Klavier begleitet von P. Kehrmann, hielten die stattliche Heimatgemeinde noch lange beisammen.
Giestener Wochen Marktpreise.
* G i e ß e n , 9. März. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Eier, deutsche, Klasse B 12, ausländische, Klasse A 12, Wirsing, % kg 18, Weißkraut 12 bis 13, Rotkraut 14 bis 16, Karotten 14 bis 15, rote Rüben 10 bis 12, Spinat 30 bis 40, Unterkohlrabi 8 bis 10, Rosenkohl 48, Feldsalat 90 Pf. bis 1,10 Mark, 1/w 10 bis 15 Pf., Tomaten, % kg 30 bis 45 Pf., Zwiebeln 15 bis 17,
In der Oeffentlichkeit bestehen vielfach noch erhebliche Unklarheiten und falsche Auffassungen über das Verfahren bei der Zurückstellung von der Ableistung des Reichsarbeits- und des Wehrdienstes. Daraus ergeben sich Fehler bei der Antragstellung, die für die amtlichen Dienststellen, insbesondere für die Wehrbezirkskommandos, aber auch für die Antragsteller selbst viel überflüssige Arbeit und Zeitverlust verursachen. Zunächst bestehen zwei Möglichkeiten der Zurückstellung vom Arbeitsdienst und von der Erfüllung der aktiven Dienstpflicht.
1. Kann sie von Amts wegen durch deck zuständigen Wehrbezirkskommandeur bei der Musterung oder Aushebung, insbesondere wegen zeitlicher Untauglichkeit, wegen schwebender Verfahren, noch nicht verbüßter Strafe, angeordnet werden:
2. kann sie auf Antrag aus häuslichen, beruflichen oder wirtschaftlichen Gründen erfolgen.
Insbesondere können zurückgestellt werden: a) der einzige Ernährer hilfsbedürftiger Familien, erwerbsunfähiger Eltern, Großeltern oder Geschwister; b) ein Sohn eines zur Arbeit oder zur Aufsicht gesundheitlich unfähigen Bauern, Landwirts, Grundeigentümers, Pächters oder Gewerbetreibenden, wenn dieser Sohn die einzige und unentbehrliche Stütze zur wirtschaftlichen Erhaltung und Fortführung des Hofes oder Betriebs ist; c) der einzige Bruder eines Soldaten, der im Kriege gefallen oder an einer im Kriege empfangenen Verwundung oder Krankheit gestorben oder mehr als 60 v. H. kriegsbeschädigt ist, wenn ohne diese Zurückstellung die Angehörigen hilfsbedürftiger würden; d) ein Dienstpflichtiger, der das Eigentum oder den Besitz eines Hofes, oder Grundbesitzes oder Betriebes im Nach- lahwege durch Kauf oder Pacht erworben hat, wenn er auf die Bewirtschaftung angewiesen ist und sein Besitztum auf andere Weise wirtschaftlich nicht erhalten kann; e) der Eigentümer, Inhaber oder Betriebsleiter eines industriellen oder gewerblichen oder kaufmännischen Betriebes, wenn ihm die Leitung des Betriebes erst innerhalb des dem Musterungsjahr vorangehenden Jahres im Nachlaßwege oder noch im Laufe des Jahres 1935 durch Kauf oder Pacht zugefallen ist und der Betrieb auf andere Weise nicht erhalten werden kann; f) ein see- der binnenschiffahrttreibender Dienstpflichtiger, wenn er durch Heranziehung zur Ableistung des aktiven Wehrdienstes in seinem Beruf erheblichen Nachteil erleiden würde; g) Schüler höherer Schulen bis zur Erlangung des Reifezeugnisses; h) ein Dienstpflichtiger, der in der Vorbereitung für einen Lebensberuf durch die Heranziehung bedeutenden Nachteil erleiden würde, für die Dauer der Berufsausbildung oder bis zum Abschluß des Hochschulstudiums; i) em Schüler einer Landwirtschafts-, Forst- Berg- oder Handelsschule, eines Technikums, einer Seefahrt-, Schiffsingenieur-, Schiffbau- oder Debegfunkschule für die Dauer des Besuches dieser Anstalten.
Dazu kommt noch, daß in Ausnahmefallen ein Dienstpslichtiger zurückqestellt werden kann, der bei einer Behörde ober Dienststelle des Reiches, der NSDAP., der Länder, Gemeinden oder sonstigen Körperschaften beschäftigt ist und dort aus dringenden dienstlichen Gründen nicht entbehrt werden
kann. Die Gesamtdauer der Zurückstellung beträgt in letzterem und in den Fällen zu a) bis f) höchstens zwei Jahre, in den Fällen zu h) und i) bis zu der auf die Vollendung des 27. Lebensjahres folgenden Musterung.
Der Antrag auf Zurückstellung kann nur von dem Dienstpflichtigen selbst und seinen Verwandten ersten Grades (Vater, Mutter) sowie von seiner Eherau gestellt werden. Anträge anderer Personen, wie z. B. des Gefolgschaftsführers, sind nicht statthaft. Der Antrag soll schriftlich oder zur Niederschrift zunächst bereits bei der Anmeldung zur Erfassung bei der polizeilichen Meldebehörde, jedoch spätestens bis zwei Wochen vor der Musterung bei der Kreis- Polizeibehörde gestellt werden. Nur wenn Zurückstellungsgründe erst nach diesem Zeitvunkt eintreten, kann der Antrag bei der Musterung selbst oder nachträglich bei der Kreispolizeibehörde oder bei der Aushebung selbst gestellt werden, hierbei wird ein Zurückstellungsantrag, über den bereits bei der Musterung ablehnend beschieden worden ist oder in dem keine erst nach der Musterung eingetretenen Grunde vorgebracht werden, ohne Prüfung abgelehnt. Tritt nach der Aushebung ein Zurückstellungsgrund em, so kann von dem Ausgehobenen noch nachträglich bei der Kreispolizeibehörde Antrag auf Zurückstellung unter gleichzeitiger schriftlicher Meldung an das Wehrbezirkskommando gestellt werden. Die Entscheidung hierüber trifft der Wehrbezirkskommandeur.
Jeder junge Deutsche, der zur Erfüllung des Reichsarbeits- und des aktiven Wehrdienstes heransteht und einen Zurückstellungsantrag einzureichen beabsichtigt, hat die Pflicht, eingehend zu prüfen, ob ein Zurückstellungsgesuch tatsächlich notwendig ist. Denn darüber muß er sich im klaren sein, daß er infolge einer Zurückstellung seiner Arbeits- und aktiven Dienstpflicht zu einem späteren Zeitpunkt genügen muß, was für ihn meist persönliche Nachteile, besonders in beruflicher Hinsicht, mit sich bringen kann. Wer einen Zurückstellungsantrag einreicht, kann ihn durch Dorlegen von Urkunden (amtlich oder schriftlich beglaubigt), Bescheinigungen und Stellen von Zeugen unterstützen. Es wird auch in den entsprechenden Fällen geprüft, ob nicht andere unterstützungsfähige Verwandte vorhanden sind. Die Verheiratung eines Dienstpflichtigen ist kein Zurückstellungsgrund. . f
Die Zurückstellung wird in der Regel für ein Jahr bis zur nächstfolgenden Musterung, ausnahmsweise für zwei Jahre, ausgesprochen und bei Fortbestehen des Zurückstellungsgrundes auf ein weiteres Jahr ober von Jahr zu Jahr verlängert. Heber das 25. Lebensjahr hinaus kann eine Zurückstellung nur vom aktiven Wehrdienst, nicht mehr vom Reichsarbeitsdienst ausgesprochen werden. Dieser muß daher bis zu diesem Zeitpunkt abgeleistet werden.
Die Zurückgestellten sind, auch wenn sie länger als ein Jahr zurückgestellt werden, verpflichtet, sich jährlich zur Musterung zu stellen. Ferner sind sie verpflichtet, das Fortfällen des Zurückstellungsgrundes sofort der zuständigen Kreispolizeibehörde zu melden. Alle Zurückstellungen verlieren mit der Erklärung der Mobilmachung ihre Gültigkeit.
** Gießen als Tagungsort. Am 20. März werden die Leiter der Dersicherungs- und Oberver- icherungsämter im Rhein-Main-Gebiet zu einer Tagung in Gießen weilen. Im Anschluß an die Tagung werden die Gäste unsere Stadt besichtigen und bann zum Schisfenberg fahren, wo sie einen Runb- gang unter Führung von ©tabtbaubirettor Gr a- Dert vornehmen werben. Dann werben die Tagungsteilnehmer auf dem Schiffenberg bei Kaffee und Kuchen Gäste der Stadt sein.
** Feueralarm-Sirenenprobe. Von der Städtischen Feuerwache wird darauf aufmerksam gemacht, daß am kommenden Samstag, 11. März, in der Zeit von 10 bis 12 Uhr die Feueralarm-Sirenen einer Ueberprüfung unterzogen und zu diesem Zweck in Betrieb gesetzt werden. Zu einer Beunruhigung ist also kein Anlaß.
** Feuer im Dachstuhl. Im Institut für Pflanzenbau (Senckenbergstraße) war gestern um die Mittagsstunde im Dachstuhl ein Brand entstanden, der in einem zu heiß gewordenen Abzugsschacht der Deraschungsanlage seine Ursache hatte. Der ent- tehende Brand wurde glücklicherweise rasch bemerkt und konnte zunächst mit einem Hand-Feuerlöscher bekämpft werden, so baß eine weitere Ausbreitung des Feuers verhindert wurde. Trotzdem wurde die Feuerwehr herbeigerufen, die aber nach halbstündiger Tätigkeit wieder abriicken konnte.
** Der Brand im Hause Walltor - kraße 48, über den wir gestern berichteten, war nicht in den Räumen des Kohlenhändlers Sauer, sondern in den Räumen des Fuhrmanns Sauer.
Vom Reichsautobahnbau im Westen.
FWD. Nach dem Januarbericht wurden in diesem Monat zur Entwurfsbearbeitnng und zum Bau insgesamt 131,6 Kilometer Reichsautobahnen frei- gegeben.
Darunter befand sich die 75,0 Kilometer lange Strecke Montabaur—Gießen.
Neu in Bau genommen wurden 137,9 Kilometer Teilstücke, darunter 7,1 Kilometer der Strecke Saarbrücken-Mannheim, 5,6 Kilometer Frankfurt a.M.— Köln, 5,5 Kilometer Kassel—Fulda, 4,3 Kilometer Montabaur—Koblenz, 1,5 Kilometer Frankfurt a.M. —Aschaffenburg. Mit der Verlegung von Fahrbahndecken wurde im Januar auf einer Strecke von 123,8 Kilometer neu begonnen. Es handelte sich hierbei u. a. um Teilstrecken der Strecken Kassel—Fulda (13,3 Kilometer), Köln—Frankfurt a. M. (4,7 Kilometer), wobei die Decken sämtlich in Zementbeton ausgeführt werden. Die Zahl der unmittelbar am Bau der Reichsautobahnen beschäftigten Arbeiter betrug im Januar 88522. Auf den Reichsstraßen wurden im Januar 2,8 Mill. RM. für Unterhaltung und Instandsetzung und 7,8 Mill. RM. für Umbau und Ausbau verausgabt, womit bis 1. Februar 1939 140,0 Mill. RM. oder 67,4 v. H. der für das Rechnungsjahr 1938 bewilligten Mittel ausgegeben wurden. Hier waren 13938 Arbeiter beschäftigt.
Oie ersten Märzqewitier im Odenwald.
DNB. Darmstadt, 8. März. Die traditionellen Märzgewitter sind prompt eingetroffen. Bereits am Montagnachmittag hatten sich über dem Odenwald, namentlich im Gersprenztal, die ersten Boten des Frühlings eingefunden. Erfreulicherweise wurden aber keine Blitzschläge gemeldet, wenn auch Gersprenz und Fischbach durch die andauernden Regengüsse schon spürbar anschwollen. Pünktlich mit der Mittwoch-Spätwettervorhersage, daß „am Donnerstag eine neue englische Störungsfront unser Gebiet" erreichen würde, zog kurz vor Mitternacht eine Gewitterfront über das Ried hin und entlud sich unter fortdauernden Donnerschlägen, die von starkem Hagel und Schnee begleitet waren. Während in Darmstadt und der näheren Umgebung kein größerer Schaben angerichtet würbe, kommen aus bem Odenwalb bedenklichere Nachrichten. Nicht nur daß der heftige Hagel und der Schneesturm noch einmal eine dichte Schneedecke von 10 Zentimeter Höhe und mehr über das Land breitete und erheblichen Schaden in den Wäldern und Gärten anrichtete, würbe zum Beispiel in Groß-Um stabt bie Badeanstalt schwer heimgesucht. Die Babehäuser, die 'ganze Umzäunung und die anliegenden Baumanlagen wurden umgerissen, durcheinanbergewirbelt unb zerstört, so baß die Feuerwehr alarmiert werben mußte. Die Bäche bes Odenwaldes melben infolge bes starken Regens steigende Wassermassen.
An was man den Frühling merkt.
Erstens daran, daß man nicht abwarten kann, bis er ba ist. Dann noch an so mancherlei.
Im Vorgarten eines kleinen Wirtshauses steht ein Mann unb pinselt die Tische und Stühle an. „In
Meerrettich 40 bis 70, Schwarzwurzeln 20 bis 40, Rhabarber 40 bis 60, Kartoffeln, kg 5 Pf., 5 kg 45 Pf., 50 kg 3,95 Mark, Aepfel, % kg 35 Pf., Hähne 1,10 bis 1,25 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1 Mark, Tauben, das Stück 50 bis 60 Pf., Blumenkohl 20 bis 35, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 12, Rettich 10 bis 15, Sellerie 10 bis 35, /2 kg 30 Pf.
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** Dienstjubiläum bei der Stadt Gießen. Heute kann der bei dem Stadtbauamt tätige Bürodiener Ludwig D i e h l auf eine ununterbrochene Dienstzeit von 25 Jahren zurückblicken. In Anbetracht feiner treuen .Dienste wurde der Jubilar im Kreise feiner Arbeitskameraden geehrt und erhielt gleichzeitig ein Glückwunschschreiben des Herrn Oberbürgermeisters. Diehl trat am 9. März 1914 bei der Stadtgärtnerei als Gärtner ein, wurde Anfang 1915 zum Heer eingezogen und kämpfte an der russischen und an der serbischen Front, dann lag er mit vor Verdun und wurde durch einen Kopfschuß verwundet. Nach seiner Heilung kehrte er an bie Front zurück, geriet aber bei Reims im April 1917 in französische Gefangenschaft, aus der er erst im Februar 1920 in die Heimat zurückkehren konnte,
um bann wieder seine Arbeit im Dienste der Stadt auj* *ungQmJahre alt. Am nächsten Sonntag, 12. März, kann der Schreinermeister Christian Reitz in Gießen, Asterweg 59, sein 80. Lebensjahr vollenden. Herr Reitz ist gebürtiger Gießener und hat hier bis vor drei Jahren eine Schreinerei selbständig betrieben. Aus- geftattet mit großem fachmännischem Können und
gepaart mit außerordentlichem Fleiß und ebensolcher Gewissenhaftigkeit genießt der Jubilar in unserer Stadt allgemein große Wertschätzung. Seine Erholung und Entspannung vom harten Alltagsleben hat Herr Reitz neben einem glücklichen Familienleben in der Pflege des deutschen Liedes gesucht und gefunden. Seit 1876 steht er in der deutschen Sängerbewegung, der er lange Jahre in führender Stelle gebient hat. Der Gesangverein „Heiterkeit" zählt den Jubilar, der wohl einer der ältesten Sänger unserer Stadt und mit allen Ehrungen des Gaues und bes Deutschen Sängerbundes ausgestat- tet ist, zu seinen Ehrenmitgliedern. Möge dem seit 4 Jahren im wohlverdienten Ruhestand lebenden und noch rüstigen alten Herrn ein angenehmer Lebensabend beschieden sein. Dem Jubilar bringen auch mir unseren herzlichen Glückwunsch dar^
„Sey ein Leipziger unb nimm Lavendel/
Leipzig und seine Messe — einmal anders gesehen.
Äon unterem H. A.Mitarbeiter
„Leipzig, befestigte Stadt nebst einem Schloß, die Pleißenburg genannt, in Meißen gelegen. Sie ist eine berühmte Handelsstadt unb hat jährlich drei Messen, jebe von 2 Wochen, nemlich die I. auf Neu-Jahr, die II. den Sonntag Jubilate und die III. den Sonntag nach Michaelis, welche An. 1268 ihren Anfang genommen. Wie auch ein Churfürstliches Ober-Hof-Gerichte, Schöppenstuhl, Conststo- rium, Kreyß-Amt und eine Universität, welche An. 1409 von Churfürst Friedrich bem Streitbaren gestiftet worben. Sie ist eine von den vier Legstäbten des Reiches, dahin die Römermonate (so waren bie Abgaben zu den Romfahrten der Kaiser genannt) von den Reichsstänben bezahlet werden, ingleichen führet sie bei) den Versammlungen der Landes- ftänbe das Direktorium unter den Städten..."
Dieser Bericht eines Lexikons aus dem Jahre 1729 umreibt Bild und Bedeutung einer Stabt, bie schon damals im Brennpunkt der deutschen Kultur stand. An ihrer Universität wurde 1687 bie e r ft e Vorlesung in beutscher Sprache gehalten, eine entscheidenbe Tat für bie deutsche Wissenschaft. In Leipzig geben sich die führenden deutschen Geister ein Stelldichein. Nach Leip.stg wendet sich Friedrich der Große, als er sich über bie von ihm verachtete deutsche Literatur unterrichten will. Von hier aus haben Gottsched unb Gellert ben Kampf um die deutsche Dichtung aufgenommen; hier vertritt die Schauspielerin Karoline N e u b e r zum ersten Male ein deutsches Theater, frei von Hanswurst. In diese Gedankenwelt kommen der junge Lessing unb Klopstock, und schon 1723 zog Bach in Leipzig ein, um den Ruhm der mufitliebenben Stadt auf stolze Höhe zu fuhren. An Leipzigs junger Akademie der bildenden Künste kam der 16jährige Goethe durch Defer, bei dem ex sich in die Kunst des Zeichnens vertiefte, mit
ben klassizistischen Gebauten Winkelmanns in Berührung. Mit Vorbebacht war er vom alten Rat, ber selbst in Leipzig Student war, hierher unb nicht nach Göttingen geschickt worben. Leipzig war eben „ber Musen erster Sitz". Es war barüber hinaus die Hauptpflegeftätte der feinen, galanten Formen. „Sey ein Leipziger, verwirf bie schlechte Tracht, bie bich hier lächerlich unb Schönen schrecklich macht. Verabscheu' von nun an bie ungezog'nen Handel, sprich zierlich unb galant unb rieche nach Lavenbel.
Dieses Wort ist kennzeichnenb für ben guten Ruf der Leipziger Gesellschaft, unb nicht minber jenes: „Du fällst mir, schöner Ort, vor allen anberen ein, so oft nur mein Gemüth an was Galantes denkt.
Und weiter: „Höfstigkeit unb guter Verstaub haben bey einem Leipziger gleichsam ihre beftänbige Wohnung genommen."
Der Grunb für diese Stellung im Reigen ber deutschen Städte, die wirtschaftlichen Voraussetzungen dafür, den hatten bie Messen gelegt. Schon am Enbe bes 12. Jahrhuuberts erhielt Leipzig Stabt- rechte. Schon bamals wurden bie Märkte als fest- stehenbe Einrichtungen erwähnt. Dank ber günstigen Lage am Schnittpunkt fünf alter Handelsstraßen gelang es tüchtigem Kaufmannsgeist, diese Märkte zu einer solchen Bedeutung zu führen, daß die landesherrlichen Marktprivilegien 1497 von Kaiser Maximilian I. bestätigt wurden. Bereits Markgraf Dietrich von Meißen hatte auch den Kaufleuten Schutz angedeihen lassen, mit deren Landesherren er im Kriege lag. Jetzt war die Messe und ihre Freiheit vom Kaiser gesichert. Die M e s s e f r e i h e i t aber bestand darin, baß „alle diejenigen, welche eine Messe besuchen, eine völlige Sicherheit genießen und kein Schuldner bis in bie Zahlwoche weber on feiner Person noch an feinen Gütern, wofern er sich nicht
selbst biefer Freiheit begeben, oerarreftieret werden kann".
Das waren bie Grundsätze, die dem Handel den Weg zum Aufschwung frei gaben. Nur wenige Märkte leiteten ein solches Recht vom Kaiser her. Neue Vorteile brachte 1507 mit dem Straßenzwang über Leipzig das Stapelprivileg, demzufolge alle Waren in der Stadt zum Verkauf angeboten werden mußten. Der Stabt Leipzig war das Vorkaufsrecht eingeräumt. Gleichzeitig würben andere Messen im Umkreis von 15 Meilen verboten. Die beiden Nebenbuhler, die eine ähnlich günstige Der- kehrslage hatten, Erfurt und Magdeburg, waren ausgeschaltet. Die junge Reichsmesse aber stand vor großen Aufgaben. Die Türken hatten bie alte Lanb- oerbinbung von Europa nach Ostinbien unterbrochen. Ein' neuer Weg um Afrika war gefunben, dazu Amerika entdeckt. Westeuropas Häsen übernehmen bie Rolle von Genua und Venedig in der Schiffahrt. Der südosteuropäische Raum, den bisher venezianische und genuesische Kaufleute mit Waren versorgt haben, schaut jetzt nach Leipzig. Die Stadt wächst in eine neue Mission hinein, sie wird der Mittler nach bem Südo sten, nach den Ländern des Balkans und Osteuropas. Frankfurt am Main dagegen pflegt mit Köln den Hanbel mit Frankreich, vor allem auf bem Gebiet der Mode, Nürnberg unterhält nebst Augsburg bie Beziehungen zu Italien. Zwei Jahrhunberte, unterbrochen vom Dreißigjährigen und vom Siebenjährigen Krieg, währt bie Blüte ber Leipziger Messe. Sie setzt sich an bie Spitze aller Messen überhaupt. Da droht ihr Gefahr durch die aufstrebende Technik. Mit bem Ausbau des Verkehrswesens wirb das alte Mittel des Warenaustausches auf der Messe zu teuer Zudem kennt ber Käufer die Ware bereits durch das Muster, bas ihm ber Vertreter des Herstellers vorlegt. So verschwindet die Ware von ben Messen. Nur Nowgorod kann die alte Form der Warenmesse aufrechterhalten.
Leipzig aber tut den Schritt vonderWaren - messe zur Mustermesse und zieht zugleich auch Maschinen und Gerätschaften an. Und während in Leipzigs JnnenstM die alten Warenbuden ver
schwinden, bie Kaufgewölbe sich in Ausstellungsräume wandeln, während bie Messepaläste errichtet werben, ba breitet sich draußen im Südosten am Völkerschlachtdenkmal bas Gelänbe ber Technischen und ber Baumesse aus. Leipzig hat weltweite Be- beutung erlangt. Leipzig ist bas Tor ber Wirtschaft. Leipzig ist neben ben Sonbermessen im deutschen Osten unb Westen bie Messe des Reiches geblieben.
Kunst und Wissenschaft.
„Woche der Lebenden" in Frankfurt.
Die Städtischen Kühnen Frankfurt a. M. veranstalten vom 19. bis 25. März eine „Woche der Lebenden", in der in allen drei Häusern Werke zeitgenössischer Autoren, darunter zwei Uraufführungen, zur Aufführung gelangen.
Königsberger Literaturpreis und Ehrenbürgerrecht für Agnes Wiegel.
Die ostpreußische Dichterin Agnes M i e g e l, deren Werke weit über die Grenzen ihrer engeren Heimat hinaus bekannt sind, begeht am 9. März den 6 0. Geburtstag. Die Stadt Königsberg verlieh der Dichterin als Zeichen bes Dankes für ihr reiches Schaffen den Königsberger Literaturpreis sowie bas Ehrenbürgerrecht ihrer Vaterstabt. — Agnes Miegel ist die erste Frau, die. bas Ehrenbürgerrecht der Stadt besitzt.
Internationaler Archäologenkongreß in Berlin.
Unter der Schirmherrschaft von Reichsminister Dr. R u st findet vom 21. bis 26. August in Berlin der VI. Internationale Kongreß für Ar - ch ä o l o g i e statt. Die Durchführung hat das Archäologische Institut bes Deutschen Reiches in Be» lin übernommen. Bisher liegen bereits Anmeldungen von 500 bis 600 Gelehrten aus 30 Länbern voi. Es ist geplant, mit dem Kongreß eine Ausstellung antiker Kleinkunst zu verbinden. Auch soll eine Gemeinschaftsreise in bas Rheinlanb zur Besichtigung ber dortigen Denkmäler, Ausgrabungen und Samm-. lungen statt finden.


