lung ein, wie überhaupt die gesamte Fremdenoer- kehrswerbung des Städtischen Verkehrsamtes zugleich einen bedeutenden Teil der Werbung für unsere Universität mit bewältigt. In dankenswerter Weise hat Oberbürgermeister Ritter diese umfassende städtische Werbearbeit, die auch einen Teil der städtischen Förderung unserer Universität darstellt, dadurch ermöglicht, daß er von Jahr zu Jahr höhere Mittel für die Aufgaben der Derkehrswerbung zur Verfügung stellte.
Als weitere Werbemaßnahmen werden die bisher erprobten Wege auch künftighin beschritten, nämlich Einladungen auf Tagungen und Kongressen, Empfehlung unserer Stadt durch die Möglichkeiten der Postreklame, Uebermittlung von Werbeschriften und Bildmaterial, Beteiligung an Kollektiowerbungen, Hinweis auf Gießen in Wort und Bild auf Speisekarten, die als Formulare den großen Gaststätten in unseren „Einzugsgebieten" überlassen werden usw Als neues Werbemittel werden aber auch geeignete Vorträge mit Lichtbildern zur Anwendung kommen. r . . , ,
Die beste Derkehrswerbung wird aber dadurch bewirkt, daß alle am Fremdenverkehr interessierten Kreise, insbesondere die Inhaber von Gaststätten und Unterhaltungslokalen, sich bemühen, die Besucher unserer Stadt nach jeder Richtung hin zufriedenzu-
Kinder sollen aufs Land
Die 63. rüst den Jahrgang 28/29?
Alfa» JuWi
das neue
NSG. Kinder gehören aufs Land. Alle sollen sic einmal im Jahr von ihren Eltern zu Verwandten oder Bekannten aufs Land geschickt werden können. Natürlich ist nicht jede Familie dazu in der Lage, ihre Kinder alljährlich auf ihre Kosten für mehrere Wochen auf Reisen zu schicken. Manche Kinder wachsen auch in solch' gesunder Umgebung auf, daß es wahrlich wichtigere Aufgaben gibt, als eine sommerliche Fcrienreise. Wo aber angenommen werden muß, daß eine Verschickung in ländliche Umgebung für ein Kind von Nutzen sein kann, die Eltern aber aus wirtschaftlichen Gründen nicht dazu in der Lage sind, die Kosten für Reise und Aufenthalt zu überiiehmen, dort hilft die NS.-Volkswohlfahrt! Sie hat die schon bei jedermann bekannte Einrichtung der Kinderland- verschickung geschaffen, um den Kindern jedes Volksgenossen, gleich wie seine wirtschaftlichen Verhältnisse gelagert sind, eine Erholungsmöglichkeit und einen Aufenthalt in anderer Umgebung zu bieten.
Es helfen ihr bei der Durchführung dieser Erholungsmaßnahmen der Bauer wie der Gärtner, der Gutsbesitzer, der Landstädter und der Siedler. Gerade dem Bauern ist neben der Freude, die er selber daran hat, wenn er einem blassen Stadtkinds zu Kräften und Lebensfreude verhilft, noch die andere Gelegenheit gegeben, für seinen, wenn auch schweren, so doch chönen, freien und stolzen Beruf zu werben.
Es wird heute soviel von der Landflucht und der Abneigung der Heranwachsenden Generationen gegen
den Beruf und den Aufenthalt auf dem Lande geschrieben und gesprochen. Es ist deshalb zu hoffen, daß jeder Landbewohner die Gelegenheit erkennt, die ihm dadurch geboten ist, daß er durch die Aufnahme von Stadtkindern Einfluß auf diese gewinnen und sic auf die Schönheiten des Landaufenthaltes Hinweisen kann.
Gerade das Kind in seiner Unvoreingenommenheit und mit seinem aufnahmebereiten Herzen ist den Eindrücken, die der Umgang mit Menschen und Tieren auf dem Lande mit sich bringt, besonders zugänglich. Wer es schon mitcrlebcn konnte, wie groß die kindliche Freude an den ländlichen Erlebnissen ist, der wird sich ohne weiteres darüber klar sein, daß der Landbewohner keine bessere Gelegenheit bekommen hat, der „Landflucht" für die kommende Generation eine Gegenbcwegung entgegenzusetzen. Sein Vorbild und sein Verhalten kann von größtem Einfluß auf das Stadtkind sein.
Nehmt also Kinder aufs Land! Alle, die ihr em Stückchen deutscher Erde verwaltet, alle, die ihr Gelegenheit habt, den Kindern ein paar sorgenfreie Tage der Erholung gewähren zu können.
Die NS.-Volkswohlfahrt beginnt bereits in diesen Tagen mit der Werbung von Kinderpflegestellen, und es ist zu hoffen, daß ihrer Aufforderung zur Bereitstellung einer genügenden Anzahl Freiplätze willig entsprochen wird.
stellen. Denn Fremde, die sich in unserer Stadt wohlgefühlt haben, werden immer wieder gern hierher zurückkehren, dabei ober auch in ihrem Freundes- oder Verwandtenkreise durch Berichte über unsere Stadt und die hier verlebte schöne Erholungszeit zum Besuch in Gießen anregen. So wird denn die mündliche Werbung durch zufriedengestellte Besucher die beste Unterstützung aller städtischen Maßnahmen fein.
Der Einsatz
des Fremdenverkehrsvereins Gießen.
Alljährlich versendet der Fremdenverkehrsverein Gießen Tausende von Stücken der von ihm herausgegebenen Werbeschrift über Gießen an die deutschen Reisebüros, Derkehrsvereine, Verkehrs- ämter usw. Daneben wirbt er mit dieser Schrift durch Vermittlung der Reichsbahnzentrale für den deutschen Reiseverkehr auch im Ausland. Die Werbeschrift gibt Tausenden von Reiselustigen eine Ueber- sicht über die Vorteile und Schönheiten unserer Stadt und unserer Umgebung, wobei reiches Bildmaterial das gedruckte Wort wirkungsvoll ergänzt. Der Versand von Werbeschriften hat Gießen bereits weithin bekannt gemacht, und er wird auch künftighin mit aller Tatkraft durchgeführt, um immer noch mehr Fremde für unsere Stadt zu interessieren.
Ferner wirbt der Fremdenverkehrsverein für die Veranstaltung von Omnibus-Gesell sch afts- jährten der großen Reifeunternehmungen. Seine Kräfte stellt er Betrieben in der engeren und weiteren Umgebung auch zur Durchführung von Betriebsgemeinschaftsfahrten nach Gießen gern zur Verfügung. Eine weitere, bisher sehr erfolgreiche Werbung wird bei den Besuchern der benachbarten Badeorte entfaltet, die zu Fahrten nach Gießen und Besichtigungen unserer Sehenswürdigkeiten eingeladen werden. Werbung durch Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften, Autoführern, Nachschlagewerken usw. sind weitere gute Werbemittel des Vereins.
Für 1939 denkt man im Derkehrsverein an die Fortführung der bisherigen erprobten Werbemaßnahmen, ferner an die Möglichkeit eines Reitturniers, eines Photowettbewerbs, selbstverständlich auch wieder an die Veranstaltung eines Blumenschmuckwettbewerbs. Die Weihnachtswerbung, die im vorigen Jahre sehr befriedigend war, dürste wohl auch in diesem Jahre wieder eine bevorzugte Stellung in der Werbearbeit des Vereins einnehmen. Daß der Derkehrsverein die bevorstehende Goethe- Festwoche tatkräftig unterstützt, auch mit größeren Geldmitteln, ist eine Selbstverständlichkeit. Weiterhin denkt man an die Ausgestaltung der Spaziergängerwege durch die Aufstellung neuer Ruhebänke, Instandsetzung von Ruhebänken, Schutzhütten usw., sowie an weitere ähnliche Maßnahmen. Endgültige Beschlüsse werden in aller Kürze in einer Sitzung der Dereinsführung gefaßt werden.________________
Domotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Schritt vom Wege". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Aufruhr in Damaskus". — Oberhessischer Kunstverem: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Thor (Boote im Stadttheater.
Der bekannte Kriegsdichter Thor (Boote wurde von der Intendanz des Stadttheaters für eine Lesung zur Morgenfeier am Heldengedenktag (Sonntag, 12. März) verpflichtet. Thor Goote, der durch ferne Bücher „Wir fahren in den Tod" und „Ran- gehn ist alles" bekannt wurde, lieft aus eigenen Werken. Die Morgenfeier wird musikalisch umrahmt. Jubiläums-Konzert des Vauerfchen Gesangvereins.
In feinem diesjährigen Konzert, anläßlich feines 75jährigen Bestehens, bringt der Bauerfche Gesangverein ausschließlich Werke ostmärkischer Komponisten. Neben Männerchören der Großen: Bruckner und Schubert, stehen solche von I. Reiter, Kienzl, Kirchl und Kremser, von denen diejenigen von Reiter, der in der Heimat des Führers geboren ist, besonderer Aufmerksamkeit begegnen dürften. Die Solistin Carola Seth, eine junge, aufstrebende Künstlerin, die sich in Westdeutschland bereits eines guten Ansehens erfreut, singt ebenfalls nur Lieder von Meistern der Ostmark. Die Klavierbegleitung hat die Gießener Pianistin Frau M. Schneider übernommen.
WHW. Ortsgruppe (Sießen-Ost.
Vetr.: Whw.-Pfund-Spende.
Montag, 13., und Dienstag, 14. d. M., wird im Bereich unserer Ortsgruppe die Pfundsammlung durch die NS.-Frauenschaft durchgeführt. Es wird gebeten, die Pfundspende bereitzuhalten und den Inhalt auf dem Päckchen außen sichtbar zu vermerken.
Fördert KdF.!
NSG. Die Fülle der Möglichkeiten, die die NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" den schaffenden Menschen im Rhein-Main-Gebiet zur Erholung und Entspannung bietet, wird noch lange nicht so ausgenutzt, wie es möglich, wünschenswert und notwendig ist. Es sind nicht die geringen Kosten, die den einzelnen abhalten, sich zu beteiligen. Es fehlt in vielen Fällen nur der Anstoß, zum ersten Male zu einer bestimmt gearteten Veranstaltung hinzugehen. Betriebssichrer und Vertrauensmänner müssen einmal prüfen, was für die Gefolgschaft getan werden kann, ja, was oft getan werden muß. Sie müssen auch von sich aus Vorbild bei der Inan
spruchnahme fein. Sie müssen die Unentschlossenen mitnehmen und ihnen zeigen, was Deutschland an Schönem und Edlem besitzt. Sie müssen den Wunsch anregen und den Willen wecken, all dies Schöne mitzubesitzen als Teil und Wesen ihres Vaterlandes.
Betriebsführer fein heißt Menschenführer fein. Nicht nur im Betrieb, sondern auch im Leben vor und nach der Arbeit, die täglich den Einsatz jedes einzelnen fordert und heute mehr als je die ganze Kraft des deutschen Volkes in Anspruch nimmt. In diesem Sinne ergeht erneut an die Betriebsführer Hessen - Nassau der Ruf: „Fördert Kraft durch Freude!"
Feierabend und Reisen mit KdF.
TNonats- und Jahresprogramm liegen vor.
Die Gauwaltung Hessen-Nassau der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" in der Deutschen Arbeitsfront legt in diesen Tagen wieder ihre Programme vor, die in schöner und klarer Ueberschau alles enthalten, was zunächst der Monat März an Veranstaltungen innerhalb unseres Gaues bringt. Zu gleicher Zeit erschien aber auch das Fahrten- und Reiseprogramm der Abteilung „Reisen und Wandern und Urlaub", in dem zu blättern ein Vergnügen ganz eigener Art ist. Beide Programmhefte sind, wie bisher alle Hefte dieser Art, in ihrer Ausstattung vorbiDlich und geschmackvoll, sie sind reich ausgestattet mit Bildern und in ihrer textlichen Gestaltung so gehalten, so daß man sich in kürzester Zeit über alles Wissenswerte unterrichten kann.
Das Monatsprogramm für März 1939 steht im Zeichen des ausklingenden Winters, aber auch schon unter den Gedanken einer fröhlichen Ausschau in den Frühling. Die Bilder führen noch hinein in die Winterlandschaft, aber auch in die Säle und Theater, in denen die Feierabendoeranstaltungen der NSG. „Kraft durch Freude" noch Tausende von Volksgenossen vereinen. Der Veranstaltungsplan zeigt für unseren Kreis Wetterau eine Fülle von Vorstellungen des Darmstädter Volkstheaters und der Rhein-Mainischen Landesbühne auf, außerdem Gastspiele der Kuban-Kosaken, der Gauvarietes und schließlich eine Reihe von Konzertveranstaltungen. Das Dolksbildungswerk tritt mit letzten Vorträgen an die Oeffentlichkeit, und das Sportamt gibt viele Kurse für jegliche Art der Leibesübung bekannt. Selbstverständlich sind alle Einzelheiten über Art der Veranstaltungen, Ort, Zeit, Dauer und Gebühren genau verzeichnet.
Nicht weniger Aufmerksamkeit wird man dem Jahresprogramm des „Amtes für Reifen, Wandern und Urlaub" entgegenbringen, das sich diesmal in besonders schmuckem und vielfarbigem Gewände
zeigt. Das Heft ist nicht nur ein Programm schlechthin, das alle Einzelheiten über die geplanten Reifen wissen läßt, sondern cs ist auch ein Bilderbuch, bas uns die schönsten deutschen Landschaften von den Karawanken bis zur Nordsee und vom Bodensee bis zum Kurischen Haff in charakteristischen Bildern sehen läßt. Ueberall sieht man die urlaubsfrohen Gesichter vor dem grandiosen Hintergrund der Alpen oder vor der Weite der See. Für jeden, der die Absicht hat, mit KdF. in Urlaub zu gehen, ist das Studium des Heftes eine aufrichtige Freude, die selbst durch die Qual der Wahl nicht beeinträchtigt werden kann.
Industrie- und Handelskammer zu Gießen.
Mit Zustimmung des ReichswirtschaftsminifterS und Gauleiters wurde Pg. Dipl.-Kfm. Karl Klemen tz zum Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer zu Gießen für die Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach bestellt. Der bisherige stellvertretende Geschäftsführer Pg. Dr. Walter Kirchner wird in Kürze einer Berufung in die Wirtschaftskammer Hessen Folge leisten.
Glänzendes Ergebnis des Einsatzes für das WHW.
Bei der letzten Reichsstraßenfammlung am vorigen Samstag und Sonntag, die von den Beamten, Handwerkern und den Mitarbeitern des Reichsluftschutzbundes durchgeführt wurde, konnte wiederum, wie bei allen vorhergehenden Sammlungen des WHW. in diesem Winter, ein glänzendes Ergebnis erzielt werden. Der Ertrag dieser Sammlung belief sich im Kreis Wetterau auf 13 013,25 RM, gegen 11753,67 RM. bei der gleichen Sammlung im Vorjahre. Von diesem Gesamtergebnis entfallen auf die Stadt Gießen 5 510,90 RM., und zwar wurden hier gesammelt von den Beamten 2 864,50 RM., von den Handwerkern 1 581,69 RM. und vom Reichsluftschutzbund 1064,71 RM. Mit diesem vortrefflichen Ergebnis reihen sich die Sammler und Spender der jüngsten Straßensammlung in guter Weise in die Front der Kämpfer für das WHW, ein. Ihre schönste Anerkennung für ihren opfer» freudigen Einsatz werden sie in diesem ausgezeich« neten Ergebnis erblicken.
Kuban-Kosaken singen und spielen in Gießen.
Die „Kuban-Kosaken" geben demnächst im Gloria» Palast ein Gastspiel. Sie bringen russische Gesänge, heitere Volks-, Soldaten- und Kosakenlieder unt| Balalaika-Vorträge. Teils begleiten sie diese GesängÄ mit Balalaika-Orchester, teils bringen sie A-cappella^ Chöre zu Gehör. Dazwischen gelangen solistischö Darbietungen zum Vortrag. Den Beschluß werden russische Kosakentänze bilden, die immer wieder durch ihre Eigenart begeistern. Die Veranstaltung wird von der NSG. ,Kraft durch Freude" durchgeführt.
Das erste Gemüter.
Nach dem regenreichen Verlauf des gestrigen Tages brachte uns der gestrige Spätabend das erste Gewitter in diesem Jahre. Zwischen 22 und 23 Uhr donnerte es mehrmals, ein besonders kräftiger Donnerschlag war gegen 22.30 Uhr zu hören. Dazu regnete es kräftig und heulte ein Sturm durch die Straßen, der auch von gutem Format war. Nach dem Gewitter setzte, vermischt mit Regen, leichter Schneefall ein, der sich allerdings nicht für big Dauer geltend machen konnte. Während der Nachd und am heutigen frühen Morgen regnete es weiten Lahn und Wiefeck führen erhöhten Wasserstand. Ueber Schäden durch den Sturm ist bis jetzt nichts bekanntgeworden.
Das Wöchm fllatit.
Vornan von Mlther Kloepffer.
<ropgrlght bg Carl Äuncker Derlag,Aerlin>SVZ5
15. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Paula reichte ihm zitternd die Diphtherie-Serüle, und blanke Angst stand in ihren Augen. Holl feilte den Verschluß ab; dann verhandelte er mit dem Knaben:
„Also, Mannderl, jetzt werden wir eine Sekunde tapfer sein. Ist bloß ein kleiner Strich, gar nicht der Rede wert. Dann wirst du auch wieder gesund, und zur Belohnung kriegst du das braune Paket dahinten. Einverstanden? So. Schon vorbei. Hat es sehr wehgetan?"
Das Mannderl ließ die vor Mißtrauen und Spannung überanbergenagelten Kiefer los, schnappte nach Luft und schüttelte den Kopf. Sein flottgehendes Mundwerk war seit der Krankheit wenigstens dem Doktor gegenüber eingerostet.
- „Na, siehst du. Laß mich erst die Hände waschen. So, und jetzt wollen wir nachgucken, was in dem Paket ist. Wart', ich bring dir's ans Bett. Ah! Schön! Nicht?"
„Ein Radirutsch?"
„Freilich! Und sogar eins mit Bremse. Eine Bremse hat nicht einmal der Weinzierl Toni; ich habe mich extra erkundigt. Mein Lieber, das ist fei schon ein ganz erstklassiges Radirutsch."
Das Mannderl streichelte an den Rädchen herum, an der Bremse, an der Glocke aus Nickel; feine dünnen Finger glitten über rote, blaue, gelbe Farben. Dann fielen dem Mannderl langsam oie Augen zu vor Anstrengung und Müdigkeit und Fieber. Es trudelte auf Heiaheiahopsassa-Wolken davon, unter dem einen Bein das wunderschöne neue Spiel- zeug; denn das Radirutsch nahm ein Bub in seine Wolkenträume natürlich mit.
„Sie sind gut", sagt leise Paula und hatte Wasser in den Augen.
„Ach, wegen dem Ding da?"
Er schwieg verlegen und wickelte das leere Glas- röhrchen in Zeitungspapier. „Machen Sie sich keine überflüssigen Sorgen, es wird alles recht. Ich habe die Einspritzung nur aus Vorsicht gegeben. Wir wollen hoffen, daß cs sich bloß um eine schlichte Halsentzündung handelt. Der Fall ist ein wenig unklar; es gibt solche Grenzfälle."
Er trat noch einmal an das Bett des Knaben. Aber das Mannderl war schon weit weg und be
wegte im Fieberschlaf die trockenen Lippen. Sein Radirutsch hielt es mit der rechten Hand fest an sich gepreßt. *
„Das gnä' Fräulein hütet leider noch das Zimmer", erwiderte die Koswalski dem Herrn von Tin- ser, der mit einem Rosenstrauß vor der Tür stand, und nahm ihm die Blumen ab. Die Hotelzimmertür, die „das Fräulein" wie ein Cherub verteidigte, öffnete sich zu einem Spalt.
„Ach, Sie sind's, Tinser! Wer hütet? Ich? Kommt gar nicht mehr in Frage, Fräulein. Paps mit seiner ewigen Furcht vor Komplikationen! Kommen Sie ruhig einen Sprung herein, lieber Tinser. Das Fräulein wird den Anstandswauwau machen..."
„Aber Maxie!" tadelte Fräulein Koswalski entsetzt. „Sie sind doch gar nicht angezogen!"
„Pyjama und Schlafrock genügen mir vollkommen. Nehmen Sie Plak, Tinser."
„Ich wollte mich nach Ihrem Befinden erkundigen, Fräulein Maxie", lächelte Tinser und zog sein Beinkleid hoch, das von vertrauenerweckender Stoffvergeudung war. Er trug einen hellgrauen Anzug von so erlesenem Schnitt, daß er das Prachtstück unmöglich aus eigener Tasche bezahlt haben konnte. Tinser fand Maxie im Morgenrock und blaßblauer Hose geradezu verlockend. Daß sie ein wenig burschikos und temperamentvoll war, erhöhte nur diesen Reiz.
„Mir geht es, wie Sie sich überzeugen können, prima. Nur Papa hat ein solches Getue", lachte Maxie und steckte die Rosen in eine Vase. „Ach, Fräulein, bestes Fräulein, würden Sie unten rasch nachsehen, ob die Illustrierten schon gekommen sind? Ich möchte Herrn von Tinser etwas zeigen."
Fräulein Koswalski wand sich in Gewissensqua- len, aber schließlich ging sie.
„Sie kommen wie gerufen, Tinser", begann Maxie, als sie allein waren. „Wollen Sie mir einen Freundschaftsdienst erweisen?"
Tinser fand, daß Maxies Augen nur schwer zu ertragen waren, ohne daß man eine Dummheit beging, und versicherte hingerissen:
„Verlangen Sie, was Sie wollen, von mir."
„Leihen Sie mir für einen Tag Ihren ,Pourquoi pas?‘!"
„Aber mit größtem Vergnügen! Wenn es weiter nichts ist. „Pourquoi pas?“ wird es sich zur Ehre anrechnen, etwas so ausnehmend Hübsches befördern zu dürfen."
„Danke! Sie sind ein netter Junge, Tinser. Wahrscheinlich haben das Ihnen schon viele Frauen gesagt." Sie streckte ihm ihre Hand hin: „Können Sie den Wagen nächsten Donnerstag entbehren?"
Tinser beugte sich statt jeder Antwort über ihre Hand und drückte einen Kuß darauf, der zu ausgedehnt war, um noch korrekt zu sein. Seine ganze Haltung war die eines Troubadours, der einem Rit- terfräulein seine Minne zu Füßen legt, überschwenglich und bedingungslos. Als er fein geneigtes Knabengesicht erhob, drückte es aus: Herz in Flammen! Es muß zu feiner Ehrenrettung gesagt werden, daß er in dieser Minute an Fräulein Hegemanns Mitgift nicht im mindesten dachte. Er war nichts als verliebt, so wie er schon zu vielen Malen verliebt gewesen war, und hielt diesen Zustand für — Liebe.
Als Maxie erkannte, was sie da angestellt hatte, dachte sie ans Löschen. Sie entzog Tinser ihre Hand und sagte sachlich: „Ich muß Ihnen etwas anver- trauen, Tinser. Aber nichts dem Papa sagen. Ich bin mit Doktor Holl heimlich verlobt." So, nun war es heraus, und Maxie empfand Milleid.
„Ja?" stammelte Tinser und sah entgeistert drein.
„Vier Monate schon!"
Tinser machte ein unglückliches Gesicht und wünschte sich auf die Rückseite des Mondes. Er versuchte, diesen Schlag mit Haltung hinzunehmen, aber es gelang nicht ganz. Seine Stimme bebte ein bißchen, als er bat, sich jetzt verabschieden zu dürfen. Mit ein paar nebensächlichen Redensarten kaufte er sich endlich los und entkam aus dem Zimmer. Er schlenderte betrübt und ziellos am Seeufer entlang. Ausgerutscht da droben! dachte er bitter; von einem gewissen Herrn Dr. Holl besetzt. Daß die Herzensangelegenheit Holl-Hegemann volle vier Monate zurückging, war ein kleines Pflaster auf die Wunde. Von einer ausgesprochenen Niederlage konnte keine Rede sein.
Tinser ließ seine Blicke über den See schweifen. Auf dem einen Sprungbrett der Badeanstalt verübte kreischend eine zu üppige Dame Kniebeugen. Ein paar Kinder trieben Unfug im Wasser. Der See sandte träge Wellen ans Ufer. Ein weißer Dampfer tutete. Ich könnte mal das Mannderl besuchen, dachte Tinser und gab sich einen Ruck. Er konnte Lärm und fröhliche Menschen jetzt nicht brauchen, aufgeputscht und zerrissen, wie er war. So ging er zu Paula Gieseke.
Krankenzimmer haben ihre eigene Atmosphäre. Alles ist gedämpft in ihnen, das Licht, das Gehen, das Sprechen. Manchmal tun Krankenzimmer unendlich wohl. Paula Gieseke kauerte am Bett des Knaben und machte ihr versorgtes, bitteres Gesicht. Das Mannderl hatte Fieberbacken, Glanzaugen und fabelte viel. In diesen Phantasien kamen häufig eine Tonschweinchensparbüchse vor und ein Radirutsch, das man an der Lenkstange bremsen konnte. So
lange der Amt im Krankenzimmer weilt, treten Angst und Befürchtungen in den Hintergrund. Kaum hat er aber den Rücken gedreht, kommen die dunk- len Gewalten wieder zum Vorschein. Paula wurde; von Sorgen um das kranke Kind halb aufgefressen.
Tinser, immer noch sehr geknickt durch dia Schlappe von vorhin, murmelte bei seinem Eintritt einen Gruß und fing mit einem Blick den Inhalt der ganzen Stube ein, die gewürfelten Bettüberzüge, die fichtenen Stühle, den angestrichenen Kleider" kästen, kurz, all die Aermlichkeit, und dachte: Na, diese Paula hat es auch nicht leicht. Und mit ihren pompös aussehenden zwei Booten hat sie wahr- scheinlich Ratenschwierigkeiten. Diese Ueberlegung war irgendwie tröstend und floß wie Balsam über fein kummervolles Gemüt. Er schlich auf den Zehen neben die Kauernde, fuhr dem Mannderl über das feuchte Haar und holte aufmunternde Worte aus sich hervor.
„Hat der Bub jetzt die Einspritzung bekommen? Na also! Sie werden sehen, jetzt wendet sich das Blatt. Das Mannderl ist mager, aber zäh. Der reißt es durch. Der wird doch mit den paar Bazillen fertig. Ich habe als Kind einmal Scharlach gehabt. Da ist mir eine Halsgeschichte schon lieber!"
„Es kommt jetzt so vieles daher", klagte die Paula, und Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie meinte selten, denn sie war eine starke Natur, die schon einen Stoß vertrug, aber diesmal kam es eben zn dick auf sie los, und da versagten die besten Nerven. Ihr bißchen Weinen kam zaghaft schon aus Rücksicht auf den schlummernden Buben und diesem fremden Herrn, zu dem sie eine verhehlte Zuneigung im Herzen trug.
„Mit den Einnahmen stimmt es auch nicht und mit dem Wetter und mit den Schülern!" setzte sie hinzu.
„Das sieht jetzt alles nur so schwarz aus", tröstete Tinser, „das kommt schon wieder ins Lot. Mit dem Geld wird sich ein Ausweg finden lassen. Vielleicht verkaufen Sie nach der Saison die dummen Boote und fangen etwas anderes an. Ich werde nach» denken."
Die Paula sah mit nassen Augen zu ihm auf und fand, daß schon lange niemand mehr so gut zu tt)t gesprochen hatte. Und sie schloß sich plötzlich ganz auf und murmelte: „Ich habe es nicht leicht. Nein, gar nicht. Ich muß für zwei sorgen. Das Mannderl ist — doch mein — Kind. Das mit den .Geschwistern^ haben wir nur aufgebracht, weil es besser aussieht." Nun sie einmal beim Herzausschütten mar, konnte Herr von Tinser auch das wissen.
(Fortsetzung folgt!)


