Ausgabe 
9.2.1939
 
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pier) 40 Pf. fe Kilogramm, 2. Gemischte Tuben ohne fremde Bestandteile, wie Preßstoffschrauben, kleine Eisenteile usw. 20 Pf. je Kilogramm, 3. Stan­niolkapseln (Weinflaschenkapseln) 12 Pf. je Kilo­gramm, 4. Gemischte Folien aller Art, glatt gestri­chen, nicht in Kugeln, 12 Pf. je Kilogramm. Die Aluminium verarbeitenden Schmelzwerkc haben sich bereiterklärt, alles aus den Sammlungen anfallende i Material abzunehmen. Somit ist die Gewähr ge­geben, daß diese Rohstoffe nunmehr auch tatsächlich einer Wiederverwertung zugeführt werden

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Aufruf.

Betr.: Durchführung des Sportwettkampfes im Rah­men des Reichsberufswettkampfes.

Für männliche auswärtige Teilnehmer, die in Gießen am Wettkampf teilgenommen haben, wird der Sportwettkampf am Samstag, -em 11. Februar, durchgeführt: 947D

Gruppe I (Jahrgang 1923 und 1924) 15.00 Uhr

Gruppe II (Jahrgang 1921 und 1922) 15.30 Uhr Gruppe III (Jahrgang 1920) 16.00 Uhr

Gruppe IV, V und VI (Jahrgang 1919 bis 1907, 1906 bis 1899, 1898 bis 1893) 16.30 Uhr.

Sämtliche Gruppen treten zu den entsprechenden Zeiten an der Volkshalle an.

Die RBDK.-Teilnehmer, die in Gießen wohnen, treten am Sonntag, dem 12. Februar, zu nachstehen- den Zeiten an der Dolkshalle an:

Gruppe I (Jahrgang 1923 und 1924) 9.30 Uhr

Gruppe II (Jahrgang 1921 und 1922) 10.00 Uhr Gruppe III (Jahrgang 1920) 10.30 Uhr

Gruppe IV, V und VI (Jahrgang 1919 bis 1907, 1906 bis 1899, 1898 bis 1893) ' 11-00 Uhr.

Wettkampfteilnehmer der FachschaftDer Deutsche Handel, die am Sonntagvormittag ihren praktischen Wettkampf durchführen, begeben sich nach der prak­tischen Arbeit zu der Volkshalle und melden sich bei dem Sportabnehmer.

Gießener Wochen Marktpreise.

* Gießen, 9. Febr. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, Vt kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10, Wirsing, kg 15 bis 18. Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 12 bis 15, gelbe Rüben 10 bis 12, rote Rüben 10 bis 14, Spinat 25 bis 35, Unterkohlrabi 7 bis 8, Grünkohl 18 bis 20, Rosenkohl 45, Feldsalat,

Gedentt der hungernden Vogel.

Vio 12 bis 15, Tomaten, % kg 45, Zwiebeln 14 bis 15, Meerrettich 35 bis 60, Schwarzwurzeln 15 bis 40, Kartoffeln, Vi kg 5 Pf., 5 kg 43 Pf., 50 kg 3,75 Mark, Aepfel, % kg 45 bis 50 Pf., Nüsse 40 bis 45, Blumenkohl, das Stück 25 bis 50 Pf., En­divien 10 bis 25, Lauch 5 bis 12, Sellerie 10 bis 40, Rettich 5 bis 15 Pf.

** Vom Stadttheater. Der 1. Komiker unse­res Stadttheaters, Kurt Haars, wurde für die kommende Spielzeit an das Stadttheater Gera ver­pflichtet.

**75Jahrealt. Frau Helene Schächer, geb. Böß, Wolfstraße 25, begeht am morgigen Freitag, 10. Februar, ihren 75. Geburtstag bei guter Gesund­heit. Unseren herzlichen Glückwunsch.

** VortragAlte deutsche Straßen" verschoben. Der Vortrag von Museumsdirektor Dr. H. Krüger ist auf Montag, den 13. Februar, abends, verschoben.

** Verkehrssünder. Die Polizei schritt in der Zeit vom 27. Januar bis 2. Februar ein gegen Kraftfahrzeugführer mit 8 Anzeigen und 17 gebüh­renpflichtigen Verwarnungen: gegen sonstige Fahr­zeugführer mit 2 gebührenpflichtigen Verwarnungen; gegen Radfahrer mit 4 gebührenpflichtigen Verwar­nungen; gegen Fußgänger mit einer gebührenpflich­tigen Verwarnung.

Erwerb der Volksgasmaske dringende Pflicht!

Bekanntmachung des Kreisleiters.

Im Interesse der Sicherheit des deutschen Volkes ist der NSV. der Vertrieb der Volksgas- masten VM 37 übertragen worden. Die erfor­derliche Propaganda ist bereits durch den Reichs- luftfchutzbund in hinreichendem Maße erfolgt. Für alle deutschen Volksgenossen ist der Erwerb der Volksgasmaske eine dringende na­tionale Pflicht. Wenn wir auch alle hoffen, daß wir diese Gasmasken nie in Gebrauch zu nehmen gezwungen sind, ist es doch notwendig, in einem eintretenden Falle vorgesorgt zu haben. Ein großer Teil der Bevölkerung ist ben wiederholten Ausrufen zur Beschaffung der Dolksgasmaske noch nicht nachgekommen.

Ich richte daher an alle Volksgenossen die drin­gende Bitte, den Bezug von Volks- gasmasken jetzt umgehend vorzu­nehmen.

Die Blockwalter der NSD. sind angewiesen, dieserhalb bei jedem Volksgenossen nochmals vor­stellig zu werden, und ich gebe der Hoffnung Aus­

druck, daß dieser Hinweis genügt, um nunmehr für die Beschaffung der Volksgasmaske umgehend Sorge zu tragen.

Bei einem großen Teil der Käufer ist festgestellt worden, daß die Bezahlung der Gasmasken wohl erfolgt ist, aber die Gasmasken auf dem Laaer bisher noch nicht abgeholt worden sind. Ich richte daher an diese Volksgenossen die dringende Bitte, nunmehr dafür Sorge zu tragen, daß die Abholung der Gasmasken in kürze­ster Zeit erfolgt.

Die Verpassungsstelle für Volksgasmasken:

NSV.- Lager Einhorn, Lindenplah 1, Eingang kirchenplah, ist an folgenden Wo­chentagen geöffnet: Montag und Don­nerstag, jeweils in der Zeit von 15 bis 20 Uhr.

Fördert alle im ureigensten Interesse nach jeder Hinsicht die Bestrebungen der Staatsführung!

Heil Hitler!

Backhaus, Kreisleiter.

Aus den Gießener Gerichtssalen.

Große Strafkammer Gießen.

Der H. L. in Eberstadt war beschuldigt, im Mai 1938 in Kirch-Göns durch Fahrlässigkeit den Tod eines Menschen dadurch verursacht zu haben, daß er es unterließ, rechtzeitig einen Arzt zu dem Kranken hinzuzuziehen, oder die Ueberführung des Patienten in ein Krankenhaus zu veranlassen. (Vergehen gegen § 222, 1, 2 StrGB.)

Der Angeklagte bestritt, sich schuldig gemacht zu haben. Durch die Beweisaufnahme, insbesondere das Gutachten des Sachverständigen, wurde fest- gestellt, daß der Kranke (ein siebenjähriger Knabe) mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlich­keit nicht gestorben wäre, wenn sofort ein opera­tiver Eingriff stattgefunden hätte.

Der Vertreter der Anklage führte aus, daß der Angeklagte nicht den geringsten Nachweis über seine Ausbildung als Heilprakttker führen könne und fein erlerntes Schreinerhandwerk nur aufgegeben habe, weil er mit großem Verdienst als Heilprakttker rech­nete. Der Anklagevertreter beantragte, auf eine Ge­fängnisstrafe von sechs Monaten zu erkennen.

Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnis­strafe von vier Monaten verurteilt. Ferner wurde ihm, gemäß § 42, 11 StrGB., die Ausübung des Heilpraktiker-Berufes auf die Dauer von fünf Jahren verboten. Zur Begründung des Verbots wurde ausgeführt, daß der Angeklagte es an der im Verkehr erforderlichen Sorgfalt habe fehlen lassen.

Heinrich Konrad II. in Rainrod wurde beschul­digt, am 12. Juli 1938 eine Zeugin zu einer falschen Aussage verleitet zu haben. (Verbrechen gegen §159 StrGB.) Der Angeklagte wurde als außerehelicher Vater auf Unterhalt verklagt und wollte sich seiner gesetzlichen Unterhaltspflicht entziehen. Die Beweis­aufnahme ergab seine Schuld, die er jedoch bestritt.

Der Vertreter der Anklage beantragte, auf eine Zuchthausstrafe von 1 Jahr 6 Monaten zu erken­nen.

Der Verteidiger beantragte Freisprechung oder, falls das Gericht den Angeklagten für schuldig er» achten sollte, auf die gesetzliche Mindeststrafe zu er­kennen.

Der Angeklagte wurde zu einer Zuchthaus- (träfe von einem Jahr und zwei Mo­naten verurteilt.

*

Der H. W. in Gelnhaar (Kreis Büdingen) war beschuldigt, im Sommer ober Herbst 1937 in Nidda in der Absicht, sich einen rechtswidrigen Vermögens­vorteil zu verschaffen, eine Erbschaft in Höhe von etwa 12 000. RM. nicht angegeben zu haben, die in dem von ihm beantragten Entfchuldungsverfah- ren hätten Verwendung finden müssen. (Vergehen

gegen § 263 StrGB. und § 103 des Schuldenrege- lungsgesetzes.) Der Angeklagte steht jetzt ein, daß er nicht richtig gehandelt hat, er will aber nie eine böse Absicht gehabt haben.

Der Vertreter der Anklage beantragte, auf eine Gefängnisstrafe von fünf Monaten zu erkennen.

Der Verteidiger beantragte Freisprechung oder, falls das Gericht zu einer Verurteilung kommen sollte, unter Zubilligung mildernder Umstände auf eine Geldstrafe zu erkennen.

Die Verhandlung wurde am folgenden Tage noch, mals eröffnet. Das Gericht stellte fest, daß neben § 103 auch der § 102 des Schuldenregelungsgesetzes in Frage kommen könne.

Der Anklagevertreter wiederholte feinen Antrag. Der Verteidiger widersprach der Anwendung des § 102 und wiederholte feinen Antrag.

Es erging folgendes Urteil: Der Angeklagte ist schuldig eines Betrugsversuchs nach § 263 StrGB. in Tateinheit mit einem versuchten Vergehen nach § 102 des Schuldenregelungsgesetzes und wird zu einer Gefängnisstrafe von vier Mona- t e n verurteilt.

Vezirksschöffengen'cht Gießen.

Der F. K., geboren in Gießen, wohnhaft in Frankfurt a. M., wurde beschuldigt, im Juni 1938 sich einem in Gießen bedienstet gewesenen Mäd­chen, der Wahrheit zuwider, als Sohn einer angesehenen Gießener Familie ausgegeben und sich als Oberfeldwebel, der in vier Jahren aus dem Heere ausscheide und dann das väter­liche Geschäft übernehmen wolle, bezeichnet zu haben. Er verstand es, sich von dem Mädchen an zwei verschiedenen Abenden Geldbeträge in Höhe von 25 Mark geben zu lassen und versprach Rück­zahlung in den nächsten Tagen, wozu er aber, da er arbeitslos war, nicht in der Lage war. Schließlich stellte er dem Mädchen noch eine Quit­tung aus, die er wiederum mit falschem Namen unterschrieb. In einem anderen Falle hat sich der Angeklagte von einem in Klein-Linden wohnenden Mädchen kleinere Geldbeträge von zusammen 3,50 Mark geben lassen. Auch hier hat er Rückzahlung versprochen, die bis heute nicht erfolgt ist. (Der- gehen und Verbrechen nach §§ 263, 267, 268 StGB.) Der nicht vorbestrafte Angeklagte war geständig.

Urteil:Der Angeklagte ist schuldig der schweren Urkundenfälschung und des Betrugs in je einem Falle und wird, unter Annahme mildernder Um­stände und unter Freisprechung im übrigen, zu einer Gesamtgefängnisstrafe von sechs Wochen verurteilt."

*

Der wiederholt einschlägig vorbestrafte W. M. aus Walsdorf hatte sich wegen Diebstahls im

wiederhollen Rückfall (Verbrechen nach §§ 242, 244 StGB.) zu verantworten. Der Angeklagte war von Anfang Januar bis Mitte Februar 1938 bei einem Bauer in Ober-Erlenbach tätig. Mit ihm zusammen war ein Melker G. bei dem Bauer beschäftigt. Beide hatten ihre Zimmer nebeneinander. Dem Angeklag­ten wurde zur Last gelegt, daß er bei feinem Weg­gang dem G. zwei Paar wollene Strumpfe, eine wollene Unterhose, fünf Zigarren und fünf Stum­pen entwendet habe. Der Angeklagte leugnete hart­näckig, wurde aber überführt.

Das Lebensbild des Angeklagten ist ein denkbar schlechtes; der Vater war Trinker, die Mutter schwer leidend, und schon früh kam der Angeklagte in Zwangserziehung. Seit 1925 wurde er fünfmal wegen Diebstahl, zuletzt zu einer Gesamtzuchthaus- strafe von einem Jahr, verurteilt.

Nach dem Gutachten des Sachverständigen han­delt es sich bei dem Angeklagten um einen schwach­

sinnigen Menschen mit hysterischen Zügen, der nur vermindert zurechnungsfähig ist.

Urteil:Der Angeklagte wird unter Zubilligung mildernder Umstände zu einer Gefängnis« ftrafc von sechs Monaten unter Anrech­nung von drei Monaten Untersuchungshaft Der«, urteilt.

Der Haftbefehl blieb aufrechterhalten.. Dem An­geklagten wurde der Schutz des § 51 II StGB, zu» gebilligt, es wurden ihm letztmalig mildernde Um­stände gewährt, und er wurde darauf aufmerksam gemacht, daß ihm das Gericht noch einmal Gelegen­heit geben wolle, nach Deroüßung der Strafe den richtigen Lebensweg einzuschlagen. Ferner wurde ihm klargemacht, daß andernfalls die Sicherungs- Verwahrung ausgesprochen werden müßte.

Rundfunkprogramm

Donnerstag, 9. Februar.

12 Uhr: Mittagskonzert. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.15: Richard Strauß. 15: Für unsere Kinder:Jrn Waldsee". Ein Märchen. 15.30: Wie erobert man schnell und sicher einen Mann? Drei zuverlässige Rezepte. 16: Nach­mittagskonzert. 17 bis 17.10: Das Mikrophon unterwegs. 18: Aus Arbeit und Beruf. 18.30: In froher Runde % Stunde mit Ernst Petermann. 19.15: Tagesspiegel. 19.30: Der fröhliche Lautsprecher. 19.45: Aus der Jugendbewegung Adolf Hlllers. Aus der gesundheitlichen Betreuung der deutschen Jugend. 20: Nachrichten. 20.15:Unser singendes, klingendes Frankfurt". 22: Nachrichten. 22.20: Unsere Kolonien: Drei junge Deutsche besuchten Afrika. 22.30: Volks- und Unterhaltungsmusik. 24 bis 2: Nachtkonzert.

Freitag, 10. Februar.

6 Uhr: Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nach­richten. 8.05: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zur Werkpause. 9.40: Mutter turnt und spielt mit dem Kind:Als unser Mops ein Möpschen war". 10: Schulfunk: Sport und Spiel der deutschen Jugend. 11.30: Ruf ins Land. 12: Mittagskonzert. 13: Nach­richten. 13.15: Mittagskonzert. 14: Nachrichten. 14.15: Stimmen, die uns begeistern! 15: Alte Geschichten neu erlebt. Ein Besuch im Rosgarten-Museum Kon­stanz. 16: Musik am Nachmittag. 17 bis 17.10: Das Mikrophon unterwegs. 18: Sport der Woche und für den Sonntag. Reit- und Fahrturnier Frankfurt a. M. 18.15: Bücher, von denen man spricht. 18.30: Die große Oper.Cavalleria rufticana"Toska". 19.15: Tagesspiegel. 19.30: Der fröhliche Lautsprecher. 20: Nachrichten. Grenzecho. 20.15: Aus dem Opern­haus zu Frankfurt a. M.:Die Entführung aus d?nr Serail". Singspiel in drei Auszügen. In der crftm Pause 20.55 bis 21.05: Briefe des Komponisten Wolf­gang Amadeus Mozart an feinen Vater. In der zweiten Pause 21.55 bis 22.10: Nachrichten. 22.45: Unterhaltungskonzert. 24 bis 2: Nachtkonzert.

Schuß im Funkhaus.

Sn Rottian von Maria Oberlin.

Copyright by Prometheus-Verlag, Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München.

17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Möglich aber trotzdem ich will es versuchen.

Rufen Sie mir erst mal den Portier."

_ Torsten ging zur Tür. Schon die Klinke in der Hand, wandte er sich noch um.

Und was ist mit Fräulein Kay?" fragte er, leises Mitgefühl in der Stimme.

Schaub sah ihn an.Wie geht's ihr denn jetzt?"

Stein hat ihr Beruhigungstropfen verschafft. Sie mar ganz erschöpft. Anscheinend hat sie eine kleine Herzattacke erlitten. Am besten besorgen wir einen Wagen und bringen sie heim."

Ja. Tun Sie das."

Torsten sah seinen Chef an.Uebrigens, ihr Bru­der, der Thomas Kay, hat ein paarmal telephonisch nach ihr gefragt Er sitzt unten im Restaurant und wartet auf sie ist sehr aufgeregt. Soll er herauf kommen, ihr behilflich fehl?"

Meinetwegen. Lassen Sie ihn nur heraufkommen. Wer weiß, vielleicht tun wir dem kleinen Fräulein doch Unrecht mit unserem Verdacht. Wer weiß vielleicht!"

Evelyn Kay öffnete langsam die Augen. Sie sah in bas blasse besorgte Gesicht Steins.

Sie richtete sich auf und hob den Kopf.

Herr Dr. Stein ich mache Ihnen solche Mühe! Sie müssen verzeihen, aber ich habe einen schweren Tag hinter mir. Sonst kenne ich das gor nicht: Neroenansälle, Herzattacken." Sie versuchte ein Lächeln, es legte sich zart um die blassen Lippen und erlosch sofort wieder.

Stein legte seine schlanke, nervöse Musikerhand begütigend auf ihren Arm und drückte die schmale, bebende Gestalt sanft auf die Couch zurück.

Seien Sie ganz ruhig, Fräulein Kay! Sie machen mir gar keine Mühe, ich freue mich, wenn ich Ihnen helfen kann. Nach einer Weile find Sie wieder ganz srifch und können dann heimfahren und sich aus­ruhen"

Evelyn umfaßte die sorgende Hand dankbar.Ich danke Ihnen, Herr Dr. Stein Sie sind sehr gut zu mir ja, ich werde bann gleich heimfahren. Aber ruhen?" Sie schüttelte den schmalen Kopf.Wie

kann ich Ruhe haben mit dem schrecklichen Verdacht, der auf mir liegt?"

Es wird sich alles aufklären!" meinte der Mann an ihrer Seite.Denken Sie nicht mehr an die schreckliche Geschichte!"

Evelyn schränkte die Finger nervös ineinander.

Und dann weiß man nicht, wie es Bortefeld geht!" sagte sie leise.Man bekommt keine Auskunft, man weiß nicht, wie er die Operation überstanden hat, ob er jetzt fiebert, ob er ..." Sie brach ab, flutendes Rot übergoß das schmale Gesicht.

Stein schwieg. Ich hab' es doch gewußt, dachte er. Ich hab' doch geahnt, daß sie und er oder bin ich verrückt, sehe ich Gespenster?

Ein kleiner Wandspiegel des Ruhezimmers fiel ihm plötzlich auf, er hob den Kopf und sah mechanisch hinein. Ein bleiches Gesicht mit grauen Fältchen um Augen und Mund, nervös zuckende Augenlider, ein glatter Schädel, bürgerlich und schon ein wenig alt Er lächelte bitter Verrückt, verrückt bas alles!

Ihr Bruder hat eben wieder angerufen!" sagte er bann leichthin mit einem heiseren Klang in ber tiefen Stimme.Ich sende ihn Ihnen jetzt herauf die hochwohllöbliche Polizei wirb nichts bagegen haben. Dann können Sie mit ihm heimfahren"

Evelyn murmelte ein scheuesDanke!" Stein um­faßte noch einmal die schlanke Gestalt, bie gelöst balag. Sein Blick glitt über das braune Stirngelock, über die zarten blauen Linien an ben Schläfen ber weißen Stirn, er sah bie liebliche Wölbung des klar- geschnittenen Mundes, die kleinen Schattenspiele ber Wimpern, die auf den blassen Wangen lagen. Dann schloß er fast heftig bie Tür.

Draußen fühlte er sich plötzlich müde. Auch der Hals schmerzte. Na ja, alte Kriegsmalaria aus ber Türkei, melbete sich wieder mit Angina scheußliche Sache!

Er ging langsam und ein wenig schleppend den Gang herunter, ganz deutlich sah er auf einmal sein eigenes Bild vor sich: alternder Regisseur mit nervösem grauen Gesicht und starkem Embonpoint so nannte man bas wohl, wenn man gegen sich befonbers höflich sein wollte. Merkwürbig, wie das Herz auf einmal schmerzte, obwohl man doch eigent­lich das Gefühl hatte, dort fei alles leer und tot

Langsam ging er weiter. Eine seltsame Sehnsucht überfiel ihn. Sehnsucht nach zwei ganz verschiedenen Dingen: einmal nach einer behaglichen Weinstube mit dem sanften Duft gepflegter Rheingauweine und leisen, beschwingten philosophischen Gesprächen. Und zum andern nach einer sehr zuchtvollen Oratoriums« aufführung, vielleicht Bach: Hohe Messe oder so. Irgend etwas, woran man sich festh alten konnte in diesem erbärmlichen Rutschbahnleben, irgendwas

an seelischer und körperlicher Ausruhmöglichkeit. Dann lachte er plötzlich laut und spöttisch vor sich hin.

Sehr einfach, mein Lieber! Ganz furchtbar ein­fach. Es ist das Alter und du bist allein.

*

Es ist eine scheußliche Geschichte!" Thomas Kay zog sich einen Stuhl her und setzte sich neben Evelyn, bie sich aufgeridjtet hatte unb ihn nach­denklich ansah.Man hat mich auch vernommen und ein Dutzend Kreuz- und Querfragen gestellt. Zur Zeit, als der Anschlag geschah, war ich grab in berGoldenen Ente". Unb daß sie bich in Ver­dacht hatten, ist doch geradezu grotesk..

Evelyn horte zu, sagte dann plötzlich:Ob wir hier telephonieren können, Thomas? Ob wir fragen können, wie es ihm geht?"

Der Bruder sah sie kopfschüttelnd an.

Das ist doch eine unmögliche Idee, Evelvn? Wie kämen wir denn dazu? Was geht uns bas noch .an?"

Dich nicht viel", sagte bas Mäbchen herbe.Mich mehr..." Evelyn war aufgeftanben, griff mit etwas unsicheren Bewegungen nach bem Regenmantel und begann ihn überzuziehen.

Können wir fahren?" meinte sie müde.Du sagst, Schaubs Assistent hat mit dir gesprochen, ein Wagen ist bestellt..."

Ja, bas wohl. Aber es wirb noch eine Zeit dauern, bis er kommt. Alle Taxistände hatten im Augenblick keinen Wagen frei. Erstmal ist ja so ein greuliches Wetter draußen, und bann findet in der Stadthalle irgendein großer Kongreß statt, der eben ausgegangen ist und eine ganze Reihe Wagen gebraucht hat. Sobald einer frei ist, kommt er Zieh bich noch nicht an. Es ist noch Zeit..."

Er faßte bie Schwester scharf ins Auge.Was wolltest bu eigentlich bet ihm, Evelyn? Alle im Hause sagen hier, bu seiest wahnsinnig aufgeregt unb verstört gewesen, nach der Aussage des Portiers --Mir kam es auch so vor... was war los?"

Evelyn schwieg einen Herzschlag lang und be­trachtete das Silbergrau der Zimmerdecke über sich. Dann zuckte sie bie Achseln. ,Zch war wahnsinnig aufgeregt ja es war übrigens kein Grund dazu da--"

Der Bruder sah sie fragend an.

Ich versteh nicht. Bitt' dich, Evelyn, nun rätsele doch nicht so herum ...!"

,^Zch werde dir alles erzählen. Hör zu!" Dann beginnt Evelyn leise zu sprechen. Von ihrem Besuch beim Justizrat Geldern. Dem verwirrenden Brief ber Mutter, burch ben sie Bortefelb für schuldig am

Tode der Mutter und ihn selbst in unklarer Andeu­tung für ihren Vater halten mußte. Von ihrem er­regten Besuch unb seiner ruhigen Abwehr. Von ihrer Verstörung unb Verwirrung, ihrer Heimkehr unb bem überraschenden Besuch der Josephine Beranger...

Der Bruder blickte eine Weile stumm vor sich hin. Dann sagte er heiser:Aber ich versteh nicht wie kann sie ihn so beschuldigen? Das ist ja unerklärlich..."

Evelyn preßte bie Lippen zusammen, legte bie Hanb bem Bruber auf ben Arm, sagt leise:

Komm, Thomas, laß uns annehmen, baß sie krank gewesen ist. Laß uns bas glauben bitte! Josephine sagte auch, ber Haß gegen Bortefelb sei schon krankhaft bei ihr gewesen, wie eine fixe Jbee habe sie es mit sich herumgetragen, baß er an ihrem Niebergang schuld sei. Sie hat nicht los­können von dem Haß und ihn irgendwie noch tref­fen unb beunruhigen wollen--ohne an uns zu

benten, an mich--Das kann man nicht mehr

als normal bezeichnen... bas ist wirklich schon krankhaft."

Aber, baß sie Vater nicht gesagt hat, bu seiest bas Kind von Trittwitz... mein Gott, Evelyn--

ich begreife bas alles nicht...!"

Wir wollen es vergessen, Thom mir müs­sen ..." Sie sieht ben Bruber ruhig an.Begreifst bu nun, daß man mich für bie Täterin hält nach allem? Schaub kennt ja ben Inhalt bes Briefes..."

Deine Schulblofigkeit wirb sich Herausstellen, Eve­lyn! Mein Gott! Es ist furchtbar, biefes Zusam­mentreffen ... Du siehst so elenb aus! Komm, ruh bich noch etwas <ius. Dann fahren wir heim. Mor­gen sieht alles ganz anbers aus bestimmt!"

Lange sieht Evelyn bankbar in bas vertraute Gesicht bes Bruders, schaut auf bas hellbraune, ihr so ähnliche Haar, die klugen dunklen Augen, ben festen energischen Munb. Zwischen ihr unb Thomas hat immer ein freunblich kühles Nebeneinanderleben bestanden, bas aber im Grunbe recht harmonisch war. Thomas hat Anzeichen von Eitelkeit unb leifern schöpferischem Hochmut bewiesen, bie ihr oft ein wenig schmerzlich waren. Jetzt aber taut bie leichte hochmütige Härte seines Wesens völlig weg, bei? warme forgenbe Zug um ben Mund gleicht, sehr bem Kays, wenn er sich herzlich unb fragenb zu feinen Kinbern nieberbeugte. Er ist Kays Sohn ganz unb gar, unb nur ganz wenig auch bas Kind ber Dora Tuerck, genau wie sie bie Tochter Jochen von Trittwitz ist unb keinen Zug hat, ber bem Charakter ber Mutter gleicht...

(Fortsetzung folgt!)