Ausgabe 
9.2.1939
 
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Nr. 34 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Donnerstag. 9.5ebruar 1939

Aus der Stadt Gießen.

Oie Stunde.

Wir wissens aus schmerzlicher und glückhafter Erfahrung: sie sind nicht alle groß und erhaben, die vielen Stunden unseres Lebens! Selbst in seliger Kindheit waren sie nicht alle schön. Zwar sehen wir die Trauerstunden unserer Kindheit rückschauend als klein und winzig an; doch als Kinder haben wir sie in unserer jungen Seele genau so schwer ge­schmeckt, wie heute die großen Kümmernisse unseres Erwachsenenlebens. Wir sollen sie gar nicht jo leicht nehmen, die kleinen Kümmernisse unserer Kleinen! Schließlich sollen sich unsere Kinder an ihren Stun­den genau so bilden, wie wir es unbewußt an allen unserer Kindheit taten. Dann ist keine einzige ver­loren!

Mit zunehmendem Alter und Bewußtsein rannen die erlebten Stunden immer zahlreicher in unser Leben, schwollen an zu einer bunten Vergangen­heit. Darf bei der Rückschau auf ein Erwachsenen­leben die Frage auch noch bejaht werden: War keine Stunde vergebens? Jedenfalls ragen aus dem weiten Stundenmeere der Vergangenheit ein paar hervor, spitz wie Felsen. Sie leuchten und funkeln die Vergangenheit so hell, daß auch die dunklen Stundentäler in goldnem Schimmer liegen. Aber gleich ein paar davon? Vielleicht, 'ja wahrscheinlich ists nur eine einzige, d i e Stunde! Glücklich, wer sie erlebte, die Stunde seines Lebens! Ist sie nicht Geschenk und Gnade trotz alles Ringens, aller Ar­beit um sie?! Wie eine Erleuchtung ist sie über uns gekommen, von ihr ab lebten wir recht eigentlich unser Leben, von ihr ab konnten wir erst Stunden zählen. Wohl dem, dem diese Stunde aus dem Meere der Vergangenheit ragt. Sein Leben hat schon die Richtung, hat schon Ziel und Auftrag. Er wird nicht mehr im Kreise gehen und dahin kommen, wo er schon einmal gewesen ist.

Was aber mit denen, die die Stunde noch nicht erlebten? Sie erhoffen die Erlösung von der Zu­kunft. Aus ihrem dunklen Strome soll sie auftau­chen, soll auf sie zukommen, leuchtend und lodernd! Eine schöne Hoffnung? Aber eine schwere Aufgabe! Sie wird nur zum Großen kommen, der ihrer wür­dig ist. Gewiß: ihr Kommen ist Gnade, Geschenk. Doch daß das Geschenk die Richtung auf dich nehme, ist deine Sache, deine Arbeit, deine Leistung!O, Stunde, komme!" ist ein guter Ruf. Denn der Mensch hat Sehnsucht.D, Mensch, mach dich zur Stunde bereit!" ist ein besserer Ruf. Denn der Mensch lebt in Bereitschaft.

Sehnsucht und Bereitschaft habe für die Stunde deines Lebens! Die Stunde durchflammt dich nur, wenn du ihr Leuchten weiterträgst, innerlich mit­glühst, Großes damit schaffst und weiterwirkstl K.

Bornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Goethe-Bund, Kaufmännischer Verein und Ober- hessischer Kunstverein: 20 Uhr Neue Aula der Uni­versität: Vortragsabend des schwedischen Dichters Albin Widen. Gloria-Palast, Seltersweg:Na­poleon ist an allem schuld!". Lichtspielhaus, Bahn­hofstraße:Shirley auf Welle 303".

Die deutschen Ausgrabungen in Pergamon."

lieber dieses Thema spricht am morgigen Freitag­abend Professor Dr. Zschietzschmann im Hör­saal des Kunstwissenschaftlichen Instituts im Rahmen der von der Volksbildungsstätte und dem NS.-Dozen­tenbund veranstalteten VortragsreiheWissenschaft, ein Dienst am Volk".

Bon der Universität Gießen.

Dem Dr. med. habil. Adolf Heinsen in Gießen wurde die Dozentur für das Fach Innere Medizin der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen erteilt, ebenso dem Dr. med. habil, et Dr. phil. Enno Freerksen die Dozentur für das Fach Anatomie an her Medizinischen Fakultät der Universität Gießen

Leibesübungen derIugend in der Arbeitszeit.

NSG. Zwischen dem Reichsjugendführer und dem Reichsorganisationsleiter der NSDAP, und Leiter der DAF. wurde im vergangenen Jahre eine Vereinbarung ge­troffen, die zum Ziele hat, im Hinblick auf die einseitige Beanspruchung in der Berufs­arbeit Leibesübungen für die be­rufstätige Jugend innerhalb her Arbeitszeit einzuführen. Die hierzu er­lassenen Durchführungsbestimmungen liegen nunmehr vor.

Die Vereinbarung zwischen dem Reichsjugenh- führer unh hem Reichsorganisationsleiter hat hen beiden großen Organisationen her Hitler - Jugend unh her Deutschen Arbeits­front ein neues Arbeitsgebiet zugewiesen, nämlich hie Leibesübungen her berufstätigen Jugenh inner­halb her Arbeitszeit bis in hen letzten Betrieb hineinzutragen. Damit ist eine her bebeutenbften Maßnahmen zum Schutz her berufstätigen Jugend getroffen worden. Sie fußt auf der Erfahrung, daß der junge Mensch beim Eintritt in hen Beruf schwerer körperlicher Gefährhung ausgesetzt ist unh daß sich als wirksamster Ausgleich gegenüber her noch ungewohnten unh zumeist einseitigen Arbeits­belastung hes in her Entwicklung stehenhen jugenb- lichen Organismus hie Leibesübungen in überzeu- genher Weise bewährt haben.

Eine große Zahl von Betrieben hat hie Leibes­übungen für Lehrlinge unh Jungarbeiter schon in ihr Programm ausgenommen. Damit werben hiese Betriebe bereits hem Jugenhschutzgesetz gerecht, in hem hie notwenhige Freizeit für körperliche Ertüch­tigung geforhert wirh. Um eine erfolaversprechenhe Durchführung her Leibesübungen her berufstätigen Jugenh zu gewährleisten, sollen mindestens zwei Stunden in der Woche inner­halb der Arbeitszeit vom Betriebsführer vorgesehen und freigestellt werden, wobei es sich empfiehlt, die Leibesübungen in die Schlußstunden der Arbeitszeit zu legen. Die Art der Leibesübungen ist eindeutig gegeben. Als- Grundlage gilt die von der HI. allgemein durchgeführte Grundschule mit ihren weitverzweigten und natürlichen Anforderun­gen. Sie umfaßt diejenigen Gebiete, die zur all­gemeinen und allseitigen körperlichen Ausbildung der Jugendlichen notwendig sind, ohne Betonung einzelner Spezialgebiete,, und diejenigen, die. mit einer größeren Zahl von Jugendlichen gleichzeitig ausgeübt werden können, und schließlich die, die leicht erlernbar, abwechslungsreich und ohne größe­ren Geräte- und Platzaufwand durchzuführen sind. Entsprechend der Vereinbarung gehören die Jugend­lichen nicht den Betriebssportgemeinschaften an und beteiligen sich auch nicht an den von diesen veran­stalteten sportlichen Kämpfen. Der Leistungssport wird in den Einheiten her HI. dur'chgeführt.

Die Durchführungsbestimmungen geben Aufschluß über die Art her gebuchten Durchführung. Danach gilt bie Vereinbarung für alle männlichen unh weiblichen Jugenblichen, bie in einem Lehr- und Arbeitsverhältnis stehen. Im Sinne biefer Vereinbarung finb darunter alle männ­lichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 18 Jahren und alle weiblichen im Alter von 14 bis 21 Jahren zu verstehen.

Bei her Erfassung der Jugenblichen werden die betriebliche und überbetriebliche Zusammenfassung unterschieden. Bei der betrieblichen Zusammen­fassung ist maßgebend daß mindestens 15 männliche bzw. weibliche Jugendliche im Betrieb vorhanden sind. Die Betriebsjugenbwalter her DAF. sind ver­antwortlich für bie Einführung her Leibesübungen unh führen bie erforberlichen Vekhanblungen mit bem Betriebsführer. Die überbetriebliche Zusammen­fassung Handwerk und Einzelhandel ist späte­ren Bestimmungen vorbehalten.

In engster Zusammenarbeit mit hen zuständigen Dienststellen der HI. obliegt die Durchführung dem

Sportamt der NS.-Gemeinschaft ..Kraft durch Freude" in her DAF. mit seinen Nachgeordneten Dienststellen. Sämtliche Leiter bzw. Leiterinnen des Uebungsbetriebes können nur im Einvernehmen mit der HI. eingesetzt werden. Die Inspektion über bie Durchführung üben bie Abteilungsleiter her Gebiete bzw. bie Stellenleiter her Vanne unb bie Abteilungs­leiterinnen bzw. Stellenleiterinnen aus.' Bei her Durchführung her Leibesübungen wirb bas vor­schriftsmäßige HI. Sportzeug bzw. bie BDM - Sportkleibung getragen. Unfälle, bie sich währenb her Durchführung biefer Leibesübungen ereignen, unterstehen her Versicherung burch bcn Reichsver- banb her gewerblichen Berufsgenossenschaften e. V.

Den Jugenblichen sollen bei her Durchführung her Leibesübungen innerhalb her Arbeitszeit keine gelblichen Bela ft ungen und kein Lohn- aupfall entstehen. Aus biefem Grunbe wirb an bie Betriebsführer appelliert, bie Voraussetzungen für bie Durchführung her Leibesübungen sichern zu helfen.

Mit bcn Durchführungsbestimmungen wirb hen Betriebsführern unb hierzu beauftragten Stellen ein Mittel in bie Hand gegeben, durch ihre sinnvolle Anwendung ihren ernsten Willen zu bekunden, der Jugend um mit den Worten des Gesetzgebers zu sprechenSchutz unb Förberung zuteil werben

zu lassen unb bamit ihre Leistungsfähigkeit ztt steigern". j

Sammlung von Aluminium durch die HI.

Fwb. In ber letzten Zeit konnten vielfach die nt hen Betrieben unb Haushalten gesammelten Alu­miniumfolien, Tuben und Kapseln von ber HI. m- folge bienstlicher Ueberlaftung nicht abgeholt wer­ben. Nunmehr ist auf Veranlassung bes Reichskom- missars für Altmaterialverwertung eine Neurege-

SPITZENLEISTUNG

lung ber Sammlung oorgenommen worden, berzu- folge bie HI. bas anfallenbe Material in vier Sor­ten (statt wie bisher in neun Sorten) sammelt Die HI. erhält von hem Nohprobuktenhänbler folgcnbe Preise: 1. Reine Aluminiumkapseln, Milchflaschen- kapseln, Milchsahnebeutel (sauber, unbebruckt o. Pa-

Zukünftige Hausfrauen im Reichsberusswettkampf.

Gestern bestimmte ber Reichsberufswettkampf die Räume ber Mäbchen-Berufsfchule zum Schauplatz des Wettbewerbs. Viele Mädchen, ausschließlich Hausgehilfinnen und Haushaltslehrlinge, waren dazu 'angetreten. In der großen, vorbilblich einge­richteten Küche ber Schule und auf hen Fluren herrschte ein quicklebendiges Treiben. ' Trotzdem spürte man überall die leitenden Hände ber Leh­rerinnen, und alles vollzog sich, wenn auch nicht gerade in wortloser Ruhe, in guter Ordnung. In der Kück>e wurde ber praktische Teil her Auf­gaben für hen Reichsberufswettkampf gelöst. Es galt einen Heringssalat herzustellen, eine Suppe zu kochen, Kartoffel- unb Enbiviensalate anzurichten unb Hackbraten zu bereiten. Im ganzen Erbgeschoß buftete es nach ben nahrhaften Dingen, die in ber

Küche bereitet würben, Jebes ber vielen Mädchen hatte Gelegenheit, fein Können sowohl am Kock)- herb, als auch beim appetitlichen Anrichten der Speisen zu beweisen. Nach dem Mittagessen mußte abgewaschen werden. Das alles geschah in ber lusti­gen Gemeinschaft ber vielen Möbchen mit großem Eifer. Währenb eine Gruppe in her Küche beschäf­tigt war, hatten sich anbere Gruppen in ben Schul­zimmern ber theoretischen Prüfung zu unterziehen. Kreisleiter Backhaus fand sich um die Mittags­stunde ein, um auch hier einen Einblick in bie Ar­beit der Hausgehilfinnen für ben Reichsberufswett­kampf zu gewinnen.

Unsere Bilber zeigen bie Hausgehilfinnen am Kochherd und an den Abwaschbecken. (Aufnahmen [2]: Neuner, Gießener Anzeiger.)

Gabelsberger.

Zum 15V. Geburtstage des Erfinders am 9. Februar. 1

Wäre Franz Tavcr (Babelsberger nur der Erfinder eines jener vielen Stenographie-Systeme, die heute in her Welt geschrieben werden, so lohnte es kaum, seines 150. Geburtstages in ben Zeitungen zu gebenten. Er schuf auch nicht wie oft gesagt wirb bas erste brauchbare System. Der geschicht­liche Teil seinerNebezeichenkunft", die 1834 -als Lehrbuch des Gabelsbergerschen Systems er­schien, umfaßte bereits 75 große Quartseiten. Die Namen zahlreicher Deutscher findet man darin. Beim «englischen Unterhaus hatten alle großen Londoner Leitungen schon damals ihre hochbezahlten Parla- »nentsstenographen. Was ist nun das Besondere an Gabelsberger?

Man hat seine Stenographie aus dem transzen­dentalen Idealismus Kants zu erklären versucht. Und in der Tat hat die Idee ber Freiheit in der Notwendigkeit (Babelsbergers Schriftbilder bestimmt. Die vorher bekannten Systeme waren nur nach der Notwendigkeit" ausgerichtet und auf absolute Kürze der Zeichen bedacht. Es galt aber, eine Schnelligkeit Zu finden. Da hatte es nahe gelegen, als Schrift­zeichen bie einfachsten Linien zu benutzen: Gerade unb Kreisteile. (Babelsberger wählte statt dieser Neometrischen bie graphische Methode. Er wollte den Klang der Rede miebergeben, so wie ein geschulter Blick ben Klang eines Akkorbes beim Sehen des Notenbilbes aufnimmt. Aus diesem Grund war (Ba­belsberger auch ein Gegner ber vielen willkürlichen Kürzungen (Sigel). Wie er in jahrzehntelangen 23er» uchen biefem Jbeal nachstrebte, zeigt eine Derglei- j chung seiner Schriften. Anfangs stehen bie Zeichen I locker nebeneinanber; erst fünf Jahre später beginnt | er, bie Vokale symbolisch auszubrücken; bann kom­men bie Konsonantenverbinbung, bie Silbenzeichen, j Unablässig war er um Klarheit unb Schön- leit seiner Schriftzeichen bemüht. Schließlich er­reichte er in berPräbikatskürzung" die letzte Stufe. .Die Handhabung ber Abbreviatur, lebiglich unter *as Gesetz ber Vernunft wie bes Denkens gestellt, ennt keine Schranke mehr, als ben Grab ber eige­nen Intelligenz". Bezeichnen!) ist auch hier fein Weg. Währenb alle anberen Stenographen dem Wortstamm Vorsilben unb Endungen abrissen, strich 'Babelsberger ben Stamm! Die Kurvevoll ung" dma kann: Vollendung, Vollziehung, Vollführung »sw. bedeuten.Unbekümmert um ängstliche Unter» jcheibungen bezeichnet ber henkende Stenograph janze Klassen von Worten durch ein unb dieselbe

Klang-Figur; er hält sich bloß an bie Materie der Rede unb betrachtet bas Zeichen nur gleichsam als Münze eines allgemeinen Verkehres."

Man sieht baraus: bie Stenographie ist mehr als ein einfaches Werkzeug zur Vereinfachung von Nie- berfchriften, sie ist ein Präzisionsinstrument, mit bem ber henkende Stenograph", nur wirklich wertvolle Ergebnisse erzielen kann. Diese Erkennt-

(Scherl-Bilderdienst-M.)

nis hat sich heute durchgesetzt. Von einem beamteten Verhanblungsstenographen wirb akabemische Vorbil- bung verlangt. (Babelsberger selbst hat keinen Schü­ler ausgenommen, ber nicht minbeftens eine Fremdsprache beherrschte.

Es ist sein persönliches Mißgeschick, aber tue große Chance seiner Erfindung gewesen, daß die Steno­graphie in die politischen Kämpfe um die konsti­tutionellen Parlamente verwickelt wurde. Die Oef- fentlichkeit der bayerischen Ständeversammlung wurde nur durch bas stenographische Protokoll ge­sichert, bas (Babelsberger unb seine Schüler führten. Bayern hört uns nicht, Bayern lieft uns?" sagte ein Abgeordneter. Die Reaktion versuchte jedoch, die Veröffentlichung dieser Reden zu verhindern. Da das verfassungsgemäß unmöglich war, schikanierte man bie Stenographen. Man schickte sie in eine Tribünenloge, in ber kaum etwas zu verstehen war. Die Uebertragungen mußten sie in einem kleinen.

bunflen Raum machen, wo zu gleicher Zeit zehn Leute sprachen, zwanzig Diktanboschreiber kratzten, Zeitungsboten auf bie frisch geschriebenen Blätter warteten unb bauernh Leute zu ben Presseplätzen unb ber Reichsratstribüne burchliefen. Gulbenweise mußte (Babelsberger um feine Entlohnung kämpfen, feinen Vertreter im Ministerium aus eigener Tasche befolben. Mit fünfunbdreißig Jahren würbe er bei einem Beamtenabbau in ben Ruhestanb versetzt unb nur aushilfsweise wieder eingestellt.

Diese Franz lauer (Babelsberger, ber früh ver­waiste Sohn eines Münchner Hofblasinstrumenten­machers hat das ärmliche von zermürbenden Sor­gen erfüllte Dasein eines Subalternbeamten im Bayern ber Biedermeierzeit geführt. Für sechzehn Gulden und einige Kreuzer arbeitete er bis zu seinem Tode als Kanzlist, um sein winziges Ruhe­gehalt aufzubessern.

Er ertrug bas alles mit Geduld. Sein Leben war bie Stenographie. Er hätte einen Plan von München anlegen können nach seinen stenographischen Wort- bilbern. An biefer Straßenecke war ihm bie Form fürrückstänbig" eingefallen; an jenem Steg im Englischen (Barten bie Bindung mitdarüber". Man hatte ihn ins statistische Büro abgeschoben. Das be­deutete damals: unwichtige Allerweltsschreibereien. Was tut es ihm? Er fitzt in ber muffigen Amts­stube unh probt die Präbikatskürzung. Er schreit nichtheureka!" so temperamentvoll ist kein kleiner Kanzlist aber er malt es vielleicht in be­geisterter Wellenlinie auf einen Aktenranb.

Zu Hause hockt er bis in bie späte Nacht über dem Silbenlexikon und seinen grau pergamentnen Stenographiertafeln. Sonntags geht er in bie Kirche. Er ist fromm. Aber wenn ber Pfarrer bie Kanzel besteigt, bann tasten seine Hände nach den englischen Bleistiften in der Rocktasche. Im ungewissen Lichte ber kleinen Kirchen stenographiert er manchmal zwei, brei Prebigten an einem .Sonntag. Als er zum erstenmal Eisenbahn fährt, versucht er, wie es sich während der schnellen Fahrt stenographieren läßt. Seine Gedanken eilen ber Entwicklung schon um hunbert Jahre voraus.

In seinen kargen Freistunden lithographiert er die Tafeln für fein großes Lehrbuch. Dazu muß er ler­nen, bie Spiegelschrift zu stenographieren. Als nach wenigen Monaten bie Platten durch Salpeterfraß verdorben sind, beginnt er die mühselige Arbeit noch einmal. Seine Augen werden schwach. Seine Hände zittern jetzt manchmal so, daß er keinen Bleistift mehr halten kann. Als er eines Morgens feine Woh­nung in der Kasernenstraße verläßt, bie heute seinen Namen trägt, ba wirft ihn ein Schlaganfall vor ber russischen Gesanhtschaft nieber. In ber Portier­

loge stirbt er. Ein Kanzleibiener bringt bie Besuchs­karte mit den seltsamen Zeichen, bie man bei bem Unbekannten gefunben hat, auf bie Polizeibirektion. Einer ber Beamten entziffert bie Stenographie.

FRANZ XAVER GABELSBERGER

quiescirter Secretaire und geheimer Kanzellist im kön. bayr. Staats Ministerium des Innern.

Ein Hilfsgeistlicher ber Dompfarrei, ber bie 23c« erbigung vornahm, erwähnte zwar, baß ber Ver­storbene ber Erfinber ber Stenographie gewesen fei unb sich Dadurch ein Verdienst um Deutschland er­worben habe, bemerkte aber, baß er mangels näherer Mitteilungen über Leben unb Wirken bes Defunkten nichts weiter sprechen könne."

Walther Schwerdtfeger.

Oie letzten deutschen Adler werden geschützt.

In ben bentschen Alpen gibt es heute noch etwa 60 A b l e r in 30 Horsten. Die nunmehr aud) in ber Ostmark eingeführte Reichsjagdgesetzgebuna bietet biefem beutschen Wappenvogel den denkbar größten Schutz. Man will diesen Vögeln ihre letzte Zufluchtsstätte in ben Ostalpen bewahren unb ihr völliges Aussterben verhinbern. Durch Aufklä» rungsarbeit wird ber Bevölkerung bie vollkommen unnötige Angst vor biefem Tier genommen. Dabei leistet her bem Deutschen Alpenverein angeichlos- feneVerein zum Schutz ber Alpenpflanzen und Alpentiere" wertvolle Arbeit. So würbe auch ein Preis gestiftet, ber jehern entsprechenhe Ersatzlei­stung bietet, ber nachweislich durch Adler Schaden erlitt, aber bemerkenswerterweife Hat sich seit der Bekanntgabe dieses Preises noch niemand gemel­det. Daß Adler Menschen angreifen, ist längst als Märchen erwiesen. DieKindesentführungen" ge­hören in bas Gebiet ber Legende. Noch jedesmal hat sich herausgestellt, baß bie verschwundenen Kinder von Felsen abgestürzt waren unb nicht etwa von Ablern geraubt würben. Der Schutzver« ein hat burch genaue Nachforschungen in Adler­horsten bewiesen, daß die Adler fast ausschließlid) krankes unh minberwertiges Wild schlagen und nicht, wie fälschlich angenommen wird, Reh- und Gamskitzen bevorzugen. Da die deutschen Alpen bie besten Daseinsbedingungen für Adler bieten, dürfte sich der äußerst geringe Bestand durch diese Schutzmaßnahmen vermehren, so daß man künftig; häufiger Gelegenheit haben wird, diesen stolzen Vogel über den Bergen unb Tälern bes Hochgei birges seine Kreise ziehen zu sehen.